„Mord im Paradies“, Inspector Poole ermittelt jetzt auch in Buchform

März 6, 2017

Mit „Mord im Paradies“ liegt jetzt der erste Roman zu der BBC-Serie „Death in Paradise“ vor und Fans der witzigen Krimiserie wissen, was sie erwartet: ein typischer britischer Landhauskrimi, der allerdings nicht im verregneten England, sondern in der sonnigen Karibik spielt.

Detective Inspector Richard Poole wurde gegen seinen Willen vom schönen Londoner Nebel auf die gruselige Karibikinsel Sainte-Marie versetzt. Es ist dort fast unmöglich, einen richtigen Tee zu bekommen. Man ist ständig am Schwitzen. Aber während die Inselbewohner einen legeren Kleidungsstil bevorzugen, zieht er immer, wie es sich für einen richtigen englischen Polizisten gehört, seinen Anzug an. Selbstverständlich mit akkurat geknüpfter Krawatte. Und dann dauert es bei Ermittlungen ewig, bis die Ergebnisse aus dem Labor eintreffen. Zum Glück ist Poole ein brillanter Ermittler, der auch ohne DNA-Spuren den Täter überführt.

Jetzt wurde in einem noblen Ferienresort mit spirituellem Programm Aslan Kennedy, Besitzer des Hotels, Yogalehrer und selbsternannter Guru ermordet. Verdächtig sind Julia Higgins, Saskia Filbee, Ben Jenkins und das Ehepaar Ann und Paul Sellars, die bei ihm in der von innen verriegelten Meditationshalle waren. Sie nahmen unter Aslans Anleitung am frühmorgendlichen Healing teil und weil das aus Papier und Holzlatten bestehende Zelt mitten auf der Wiese steht, kann sich ihm niemand unentdeckt genähert haben. Rianka, Aslans Ehefrau, kann das bezeugen. Und in dem Zelt kann sich auch niemand versteckt haben.

Also muss einer der fünf Meditationsteilnehmer der Mörder sein. Einen Grund findet Poole auch schnell: vier der Teilnehmer kannten Aslan als David Kennedy. Vor zwanzig Jahren hat er sie mit einem Ponzi-Plan um viel Geld betrogen. Nur zwischen Aslan und Ben Jenkins scheint es in der Vergangenheit keinen Kontakt gegeben zu haben; – was natürlich nicht stimmt.

Und warum lag auf dem Boden der Meditationshalle eine Reißzwecke, auf der keine Fingerabdrücke sind?

Der Fall ist eine harte Nuss für Inspector Richard Poole. In der TV-Serie wurde er von Ben Miller gespielt. Er war in den ersten beiden Staffeln der Ermittler. In der ersten Folge der dritten Staffel wurde er ermordet. Seitdem ermittelt sein detektivisch nicht minder begabter Nachfolger Humphrey Goodman, der in seinem Auftritt allerdings vor allem an Inspektor Clouseau erinnert.

Im von Robert Thorogood geschriebenem Roman ist Richard Poole noch quicklebendig und weil Thorogood der Erfinder der erfolgreichen TV-Serie ist, stehen die Zeichen für eine werkgetreue Umsetzung gut. Denn wer kennt seinen Charakter besser als sein Erfinder? Und trotzdem sah ich beim Lesen weniger Ben Miller als DI Poole, sondern eher seinen schusseligen Nachfolger Humphrey Goodman (Kris Marshall). Da halfen auch die wenigen Hinweise auf Pooles Kleidung (er hat immer seinen Anzug an und er ist immer bis zum letzten Hemdknopf zugeknöpft) und seine negativen Gefühle gegenüber der Insel (Wasser! Sand! Hitze! Das Essen!) nicht weiter. Robert Thorogood hätte, wie Lee Goldberg bei seinen absolut lesenswerten Adrian-Monk-Romane (basierend auf der von Andy Breckman erfundenen TV-Serie), die Ticks, Schrullen und Weltsicht von Poole deutlicher herausarbeiten und dann stärker mit dem Fall verbinden müssen.

Der Fall selbst könnte auch als eine Folge der TV-Serie gezeigt werden. Schließlich geht es um eine Handvoll Verdächtiger, die als Besucher auf der Insel einen Mord begehen und jeder hat mindestens ein Geheimnis.

So ist „Mord im Paradies“ ein ganz normaler Rätselkrimi, der sich nicht von den TV-Fällen unterscheidet. Allerdings werden die in der TV-Serie sehr präsenten Kollegen von Poole zu reinen Statisten degradiert und auch der Humor der Serie fehlt.

P. S.: Schönes Retro-Cover.

–

Robert Thorogood: Mord im Paradies

(übersetzt von Sabine Längsfeld)

rororo, 2017

384 Seiten

9,99 Euro

–

Originalausgabe

A Meditation on Murder

Harlequin MIRA, Richmond U. K., 2015

–

Hinweise

BBC über „Death in Paradise“

BBC Germany über „Death in Paradise“

Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von “Death in Paradise – Staffel 1″ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 2“ (Death in Paradise, GB/Fr 2013)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 3“ (Death in Paradise, GB/Fr 2014)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 4“(Death in Paradise, GB/Fr 2015)

Entertainment Outlook: Interview mit Robert Thorogood über den Roman und die vierte „Death in Paradise“-Staffel (8. Januar 2015)


Die Krimibestenliste März 2017

März 6, 2017

In der frühlingshaften Krimibestenliste (früher KrimiZeit-Bestenliste) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Deutschlandradio Kultur empfehlen die Damen und Herren Krimikritiker folgende Werke:

1. (-) Denis Johnson: Die lachenden Ungeheuer

2. (2) Jerome Charyn: Winterwarnung

3. (-) Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt

4. (-) Jérôme Leroy: Der Block

5 (1) Tana French: Gefrorener Schrei

6 (9) Mark Douglas-Home: Sea Detective

7 (-) Max Annas: Illegal

8 (3) Paul Mendelson: Die Straße ins Dunkel

9 (-) Peter May: Moorbruch

10 (-) Federico Axat: Mysterium

–

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

–

Mit Max Annas hat es dieses Mal nur ein deutscher Autor auf die Liste geschafft.

Wird nach der Leipziger Buchmesse bestimmt besser.

Ich lese im Moment Shusaku Endos „Schweigen“, die Vorlage für den neuen Martin-Scorsese-Film „Silence“.

Danach; mal sehen. Vielleicht die „Winterwarnung“. Oder etwas ganz anderes. Aber es wird ein Krimi sein.


TV-Tipp für den 6. März: Das freche Mädchen

März 6, 2017

Arte, 21.40

Das freche Mädchen (Frankreich 1985, Regie: Claude Miller)

Drehbuch: Claude Miller, Annie Miller, Luc Béraud, Bernard Stora

Die 13-jährige Charlotte erlebt den letzten Sommer ihrer Kindheit: ihre alte Welt wird ihr zu eng, sie lernt eine gleichaltrige Starpianistin kennen und verliebt sich in einen jungen Mann.

„Millers fünfter Film zeigt in exakt inszenierten Schlüsselszenen die Verunsicherung und den zeitweisen Realitätsverlust der Heranwachsenden und vermittelt einen Einblick in ihre Verletzlichkeit.“ (Fischer Film Almanach 1987)

mit Charlotte Gainsbourg, Bernadette Lafont, Julie Glenn, Clothilde Baudon, Jean-Claude Brialy

Wiederholungen

Mittwoch, 8. März, 13.50 Uhr

Montag, 13. März, 13.35 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Das freche Mädchen“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 5. März: Carrie – Des Satans jüngste Tochter

März 5, 2017

Tele 5, 22.25

Carrie – Des Satans jüngste Tochter (Carrie, USA 1976)

Regie: Brian De Palma

Drehbuch: Lawrence D. Cohen

LV: Stephen King: Carrie, 1974 (Carrie)

In der Schule wird Carrie von ihren Klassenkameradinnen gemobbt. Zu Hause wird sie von ihrer fanatisch-religiösen Mutter zum Gebet gezwungen. Als sie vom Schulschönling zur Abschlussfeier eingeladen wird, reagiert die telekinetisch begabte Carrie etwas übertrieben.

Horrorfilmklassiker und die erste Verfilmung einer Geschichte von Stephen King.

„Brian De Palma demonstriert in dieser ultimativen Rachefantasie mit elaborierten Kamerafahrten, exzessivem Zeitlupeneinsatz und farblichen Manipulationen sein filmisches Repertoire. Unterstützt wird er dabei von großartigen Jungdarstellern, von denen viele eine erfolgreiche Hollywood-Karriere schafften.“ (Frank Schnelle/Andreas Thiemann: Die 50 besten Horrorfilme, 2010 – in dem Metaranking kommt „Carrie“ auf den zehnten Platz)

mit Sissy Spacek, Piper Laurie, Amy Irving, William Katt, John Travolta

Wiederholung: Dienstag, 7. März, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Carrie“

Wikipedia über „Carrie“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)


TV-Tipp für den 4. März: Der Krieg des Charlie Wilson

März 4, 2017

ZDFneo, 21.55

Der Krieg des Charlie Wilson (USA 2007, Regie: Michael Nichols)

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: George Crile: Charlie Wilson’s War: The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, 2003 (Der Krieg des Charlie Wilson)

Auf Tatsachen basierende, von der Kritik abgefeierte und für viele Preise nominierte Polit-Komödie über den liberal-demokratischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der in den Achtzigern half den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets finanziell und mit Waffen zu unterstützten.

Die Folgen – nun, heute kennen wir die weitere Geschichte von Afghanistan, den Taliban und von Al-Qaida.

Mit Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffmann, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Michael Spellman

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Krieg des Charlie Wilson“

Rotten Tomatoes über “Der Krieg des Charlie Wilson”

Wikipedia über “Der Krieg des Charlie Wilson” (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Kelly Reichardt erzählt über „Certain Women“

März 3, 2017

Es passiert, abgesehen von einer Geiselnahme, nichts wirklich dramatisches in „Certain Women“, dem neuesten Film von Kelly Reichardt. Zuletzt inszenierte sie den Anti-Western „Meek’s Cutoff“ und den Anti-Thriller „Night Moves“. Und wer diese und ihre vorherigen Filme kennt, weiß, dass die Geiselnahme in „Certain Women“ keine der hyperenergetischen, schnell geschnittenen Geiselnahmen ist, die wir aus zahllosen Thrillern kennen.

Die Independent-Regisseurin erzählt in ihrem neuesten Film drei in sich abgeschlossenen Geschichten von vier Frauen, die in und um Livingston in Montana leben. Die Anwältin Laura (Laura Dern) versucht seit Monaten ihren Mandanten Fuller (Jared Harris) zu überzeugen, dass seine Arbeitsrechtklage erfolglos sein wird. Als er in seiner Verzweiflung in einem Bürogebäude eine Geisel nimmt, soll sie ihn zur Aufgabe bewegen. Kelly Reichardt inszeniert diese Geiselnahme, wie den gesamten Film, konsequent entschleunigt und betont undramatisch. So als sei auch eine Geiselnahme Alltag und das Gespräch mit dem bewaffnetem Geiselnehmer nur ein weiteres Mandantengespräch.

Noch alltäglicher sind die beiden anderen Geschichten des Films. In der zweiten Geschichte wollen Gina (Michelle Williams) und ihr Mann Ryan (James Le Gros) für den Bau eines Hauses Natursteine von ihrem allein lebenden, zunehmend dement werdenden Nachbarn Albert (Rene Auberjonois) haben. Für ihn sind sie mit Erinnerungen verbunden. Für Gina sind sie ein schönes Deko-Element des geplanten Hauses, das sich in die malerische Landschaft einfügen soll.

In der dritten Geschichte setzt sich die Pferdepflegerin Jamie (Lily Gladstone) in einen Fortbildungskurs für Lehrer. Beth (Kristen Stewart) leitet den Kurs. Sie hat gerade ihr Jurastudium beendet. Für den Kurs muss sie an zwei Abenden in der Woche vom vier Stunden entfernten Livingston herkommen. Nach dem Kurs reden Beth (mehr) und Jamie (weniger) in einem Diner über ihr Leben und ihre Zukunft.

Als Beth eines Tages nicht mehr zum Kurs erscheint, weil ihr die Fahrt zu lang ist, macht sich die in sie verliebte Jamie sich auf den Weg nach Livingston.

Als Vorlage für diese Geschichten dienten Kelly Reichardt die in dem Sammelband „Both ways ist he only way I want it“ enthaltenen Kurzgeschichten „Travis B.“, „Native Sandstone“ und „Tome“ der hochgelobten Autorin Maile Meloy. Kelly Reichardt behält in ihrem Film das skizzenhafte der Kurzgeschichten bei. Es sind kleine Episoden aus dem Leben der Frauen, in denen wir viel über sie erfahren, aber auch vieles noch nicht einmal angesprochen wird. Dafür beobachtet Kelly Reichardt ausdauernd Laura, Gina, Jamie und Beth in alltäglichen Situationen und das ist überhaupt nicht langweilig. Denn es sind vier sehr verschiedene Frauen.

Ihr Episodendrama verlangt allerdings, wie immer bei Kelly Reichardt, einen geduldigen Zuschauer, der sich auf den langsamen Erzählrhythmus einlässt und der nicht nach der üblichen Hollywood-Dramaturgie und Konfliktlösung giert. Auch ihre Charaktere passen nicht in die gängigen Hollywood-Klischees. Dafür ähneln sie zu sehr ganz normalen Menschen mit ganz normalen Problemen.

„Certain Women“ ist wie das Leben: weitgehend undramatisch in den bekannten Bahnen, in denen Veränderungen langsam geschehen, aber nicht unspannend. Das liegt auch daran, dass in jeder Episode große Themen und Fragen auf eine leise, intime Art angesprochen werden.

certain-women-plakat-4

Certain Women (Certain Women, USA 2016)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Kelly Reichardt

LV: Maile Meloy: Both ways is the only way I want it: Stories, 2009

mit Laura Dern, Kristen Stewart, Michelle Williams, Lily Gladstone, James Le Gros, Jared Harris, Rene Auberjonois, John Getz

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Certain Women“

Metacritic über „Certain Women“

Rotten Tomatoes über „Certain Women“

Wikipedia über „Certain Women“

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)

–

Beim NYFF reden Kelly Reichardt, Kristen Stewart, Laura Dern und Lily Gladstone über den Film

Kelly Reichardt redet über ihren Film

–


TV-Tipp für den 3. März: Pretty Baby

März 3, 2017

3sat, 22.35

Pretty Baby (USA 1978, Regie: Louis Malle)

Drehbuch: Polly Platt (nach einer Geschichte von Polly Platt und Louis Malle)

Heute würde so ein Film wahrscheinlich schon vor der ersten Drehbuchbesprechung scheitern. Denn Louis Malle erzählt in seinem US-Debüt die Geschichte von Violet, die um 1917 in New Orleans in einem Bordell aufwächst. Als sie zwölf wird, wird ihre „Unschuld“ unter den Stammgästen des Bordells versteigert. In dem familiär geführten Bordell verkehrt auch der Fotograf F. J. Bellocq, der die Bewohnerinnen fotografiert, auch Violet und ihre Mutter.

Ein sehenswertes Sittenbild, das damals selbstverständlich heftig diskutiert wurde wegen des Themas Kinderprostitution und der Nacktszenen der damals zwölfjährigen Brooke Shields.

mit Brooke Shields, Keith Carradine, Susan Sarandon, Francis Faye, Antonio Fargas, Barbara Steele

Wiederholung: Sonntag, 5. März, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Pretty Baby“

Wikipedia über „Pretty Baby“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (L’Ascenceur pour l’échafaud, Frankreich 1957)

Meine Besprechung von Roger Vadim, Louis Malle und Federico Fellinis „Außergewöhnliche Geschichten“ (Histoires Extraordinaires, Frankreich/Italien 1968)


Neu im Kino/Soundtrack- und Filmkritik: „Silence“, der neue Film von Martin Scorsese

März 3, 2017

Alle paar Jahre dreht der bekennende Katholik Martin Scorsese einen Film, bei dem der Glaube im Mittelpunkt steht und sich alles darum dreht. „Die letzte Versuchung Christi“ war ein veritabler Skandal und eine spannende Neuinterpretation von Jesus Christus und seinen letzten Tagen. „Kundun“ war ein bestenfalls schöner Bilderbogen über die Kindheit und Jugend des vierzehnten Dalai Lama. Und jetzt „Silence“, die Verfilmung eines japanischen Romans von 1966, den er 1988 las und seitdem verfilmen wollte. Die Shusaku-Endo-Verfilmung ist, wenn man nicht gerade in einer Glaubenskrise steckt oder ein brennendes Interesse an theologischen Fragen hat, ein erschreckend langweiliger Film, der sein Thema auf die denkbar uninteressanteste Art behandelt.

1637 erhalten Pater Sebastiao Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) in Portugal die Nachricht, dass in Japan der geachtete Jesuitenpater Cristovao Ferreira (Liam Neeson) vom Glauben abgefallen und zum Buddhismus konvertiert ist. Er soll sogar eine Japanerin geheiratet haben. Seine beiden Schüler Rodrigues und Garpe wollen das nicht glauben. Sie wollen im Namen des Ordens die Nachricht überprüfen. Und nebenbei etwas missionieren.

In Japan findet derweil eine historisch verbürgte Christenverfolgung statt. Christen werden gefoltert und gemartert, bis sie ihrem Glauben abschwören oder sterben. Trotzdem praktizieren einige Christen im Untergrund weiterhin ihren Glauben.

Rodrigues und Garpe treffen in Japan kurz nach ihrer Ankunft auf eine solche Gemeinde. Sie beginnen dort als Geistliche zu praktizieren. Gleichzeitig suchen sie weiter nach dem anscheinend spurlos verschwundenen Ferreira.

Auf ihrer Reise treffen sie auch auf den gefürchteten Inquisitor Inoue (Issey Ogata). Mit salbungsvollen Worten und dem Angebot, keine weiteren Gläubigen bis zu ihrem Tod zu foltern, will er Pater Rodriques überzeugen, seinem Glauben abschwört. Sein Kollege und Freund Garpe wurde schon von Inoues Leuten getötet. Rodrigues, der sich in seiner christlichen Überzeugung nicht erschüttern lässt und sich immer wieder als Wiedergänger von Jesus Christus sieht, trifft auch auf Ferreira. Das ist der erwartbare Höhepunkt des Films. Wie in „Apocalypse Now“ der Auftritt von Marlon Brando am Filmende. Aber während Coppolas Vietnam-Film eine Reise in das Herz der Finsternis war, ist Scorseses Film eine, zugegeben optisch sehr ansprechende, Reise in das Herz der Langeweile. Denn die im Zentrum stehende Frage, warum der allseits geachtete, tiefgläubige Ferreira dem Glauben abschwor, während andere Gläubige auch unter einer immer schlimmer werdender Folter an ihrem christlichen Glauben festhielten, wird in „Silence“ als eine rein theologische und philosophische Frage für die verfolgten Jesuiten betrachtet. Die historischen Hintergründe werden, abseits der detailgenauen Nachstellung des damaligen Lebens, nicht weiter beachtet.

Scorsese und sein langjähriger Drehbuchautor Jay Cocks („Zeit der Unschuld“, „Gangs of New York“) reduzieren den Glaubenskonflikt letztendlich auf eine rein utilitaristische Frage: Wie viele Christen sollen für meinen Glauben sterben? Das ist dann, über hundertsechzig Minuten, eine arg eingeschränkte Behandlung des Konflikts, die schon in den ersten Minuten, wenn Ferreira die Folter von Glaubensgenossen mit kochendem Wasser beobachten muss, beantwortet wird. Immerhin schwor er da dem christlichen Glauben ab und beendete die weitere Folter seiner Gläubigen. Später werden dem Konflikt keine neuen Facetten abgewonnen oder die von Ferreira gegebene Antwort in Frage gestellt. Rodrigues beharrt einfach auf seinem Glauben, weil es der wahre Glaube ist.

Diese selbstgewählte Beschränkung führt dazu, dass niemals nach dem Konflikt zwischen verschiedenen Glaubens- und Wertesystemen gefragt wird. Also was unterscheidet den von den Jesuiten gepredigten Glauben vom Buddhismus (zu dem die Christen bekehrt werden sollen) und von der japanischen Weltsicht?

Es wird auch nie angesprochen, warum die japanischen Herrscher die Christen verfolgen, foltern und töten. Es wird auch nicht erklärt, warum die Christen bei ihrem Glauben blieben, wenn sie doch durch ein einfaches Bildertreten ihre Folter sofort hätten beenden können. Dafür hätten sie nur auf einem Bild von Jesus, Maria oder eines Kruzifixes treten müssen. Diese Handlung wurde als Beweis der Abkehr vom christlichen Glauben gewertet.

Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher verrät, dass es bei der Christenverfolgung um Machtkämpfe ging, dass es um wirtschaftliche Interessen und die Frage des Handels mit dem Westen ging. In den Jahren, in denen „Silence“ spielt, begann Japan eine radikale Abschottungspolitik, die auch zur längsten Friedensperiode in der japanischen Geschichte führte. Die Edo-Epoche dauerte von 1603 bis 1868 und sie verhinderte eine Kolonisierung durch den Westen.

So ist „Silence“ nur ein religiöses Erbauungstraktat, das mit gut drei Stunden Laufzeit auch die Geduld des langmütigsten Zuschauer über Gebühr strapaziert.

silence-plakat

Silence (Silence, USA 2016)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

LV: Shusaku Endo: Chinmoku, 1966 (Schweigen)

mit Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yosuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin’ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryo Kase

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Der Soundtrack

silence-sountrack-cover-4

Es gibt Filmmusik, die schiebt sich wie ein Pickel in den Vordergrund, ist nicht zu überhören und übertönt alles. Sie ist laut, penetrant und störend.

Und dann gibt es Filmmusik wie die von Kim Allen Kluge und seiner Frau Kathryn Kluge zu Martin Scorseses neuem Film „Silence“. Als ich las, dass es einen Soundtrack zu dem Film gibt, fragte ich mich, ob da überhaupt Musik gewesen war. Natürlich war nicht der übliche Martin-Scorsese-Soundtrack aus bekannten Songs zu hören. Es waren auch kein auftriumphierendes Orchester oder mittelalterliche Choralgesänge oder japanische Klänge zu hören.

Und trotzdem gab es Musik. Auf der Soundtrack-CD sind gut 52 Minuten Musik enthalten. Es ist eine filigrane Soundcollage mit vielen Wind-, Regen- und natürlichen Geräuschen, die die traditionelle „Musik“ dominieren. Diese ist sparsam eingefügt, eher percussiv und nah an der Ambient-Musik eines Brian Eno. Damit unterstützt die Musik der Kluges die Stimmung des Films und sie funktioniert auch ausgezeichnet ohne die Bilder als beruhigende Ambient-Musik, in der natürliche Klänge und kleine Änderungen das Klangbild dominieren. Da ist es fast schon konsequent, dass die Musik von Kim Allen und Kathryn Kluge sich nicht für eine Oscar-Nominierung qualifizieren konnte, weil ihre Musik kein „substantial body of music“ sei. Ein gewaltiger Irrtum, auch wenn „Silence“ definitiv nicht zur Hans-Zimmer-Schule der Filmmusik gehört.

Hörenswert!

–

Kim Allen Kluge, Kathryn Kluge: Silence – Original Motion Picture Soundtrack

Warner Classics

–

Die (noch nicht gelesene) Vorlage

endo-schweigen-4

 

Shusaku Endo: Schweigen

(überarbeitete Neuübersetzung, aus dem Japanischen von Ruth Linhart, mit einem Vorwort von Martin Scorsese und einem Nachwort von William Johnson)

Septime Verlag, 2015

312 Seiten

22,90 Euro

–

Originalausgabe

Chinmoku

Verlag Shinchosha, Tokio, 1966

 

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence“

Metacritic über „Silence“

Rotten Tomatoes über „Silence“

Wikipedia über „Silence“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Homepage von Kim Allen Kluge

–

Ein Gespräch mit Martin Scorsese über „Silence“


Neu im Kino/Filmkritik: „Logan – The Wolverine“ ist alt geworden

März 2, 2017

Nachdem in den letzten „X-Men“-Filmen die Zeitlinien immer komplexer wurden und Normalsterbliche schon lange den Überblick verloren haben, trat James Mangold in seinem zweiten Wolverine-Film einen Schritt zurück. „Logan – The Wolverine“ sollte eine Einzelgeschichte erzählen. Es sollte auch der Abschluss einer Trilogie sein; nämlich der dritte Wolverine-Film mit Hugh Jackman in der Hauptrolle. Bis dahin hatte Jackman Logan neunmal gespielt und er sagte, „Logan“ solle sein letzter Auftritt als Logan sein.

Logan ist – für alle, die die letzten siebzehn Jahre irgendwo zwischen Südseeinsel und Arthaus-Kino verbrachten – ein Charakter aus dem Marvel-Universum, der, wenn er wütend ist, zu Wolverine wird und der mit seinen Stahlklingen, die aus seinen Händen herausfahren, Menschen zerfetzt. Das gab den Kämpfen immer eine große Nahkampf-Intimität und, weil keine Städte zerstört werden, auch Überschaubarkeit. Er ist, weil seine Wunden sofort heilen und er nicht altert, unbesiegbar. In „Wolverine – Weg des Kriegers“, ebenfalls inszeniert von James Mangold, wollte Logan sterben. Aber damals gelang es ihm nicht.

Jetzt, in seiner Abschiedsvorstellung (und es ist wirklich eine Abschiedsvorstellung der gelungenen Art), ist er in den ersten Filmminuten dem Tod näher als er jemals gedacht hat.

2029 kutschiert Logan als Chauffeur einer Luxuslimousine seine Passagiere durch Texas. Er humpelt. Er säuft. Zum Lesen benötigt er eine Brille. Seine Selbstheilkräfte funktionieren nicht mehr richtig. Und bei einer Schlägerei mit einigen Möchtegern-Autodieben fällt es ihm schwer, sie zu besiegen. Er ist ‚Old Man Logan‘ (wie auch eine Comicgeschichte von Mark Millar heißt, die als lose Inspiration für den Film genannt wird).

Auf der anderen Seite der Grenze, in Mexiko, pflegt Caliban (Stephen Merchant) in einer stillgelegten Schmelzhütte „Professor X“ Charles Xavier (Patrick Stewart). Der Kopf der nicht mehr existierenden X-Men ist inzwischen ebenfalls ein alter Mann. Seine Anfälle werden mit Medikamenten, die Logan auf dem Schwarzmarkt besorgt, behandelt. Die drei sind die letzten Mutanten und sie wollen unter keinen Umständen auffallen.

Da bittet die Krankenschwester Gabriella (Elizabeth Rodriguez) Logan, sie und das Mädchen Laura (Dafne Keen) zu einem besonderen Ort zu bringen. Eden soll in North Dakota liegen und ein Schutzraum für Mutanten sein. Logan lehnt ab. Aber als die Frau ermordet wird, der Söldner Donald Pierce (Boyd Holbrook) das Mädchen töten will und Laura bei einer Begegnung mit Pierces Männern in der Schmelzhütte diese im besten „Hit Girl“-Stil mit ihren Klingen massakriert, willigt Logan ein, sie nach Eden zu bringen. Das Mädchen, das Logans Tochter sein könnte, hat nämlich keinerlei Erfahrung im Umgang mit normalen Menschen.

Gemeinsam mit Charles Xavier machen sie sich, verfolgt von Pierce, auf den Weg.

Nachdem zuletzt die Superheldenfilme immer mehr miteinander verknüpft waren, sie damit für Neueinsteiger zunehmend unverständlich wurden (außer sie haben vorher ein halbes Dutzend Filme gesehen) und die pompösen Ankündigungen der PR-Abteilungen, in die jeden Film wie das nächste Weltwunder ankündigten, sich regelmäßig als mehr oder weniger heiße Luft entpuppten, ist „Logan“ eine willkommene Abwechslung. Denn die Ankündigungen stimmen. Es ist definitiv ein finaler Film. Von der ersten Minute an zeigt James Mangold, dass es hier um eine Abschiedsvorstellung geht, bei der man sich nie fragt, ob Logan die Welt retten kann, sondern nur fragt, ob er überhaupt den nächsten Tag (und damit den Film) überleben kann. Es ist auch ein Film, der für sich allein steht. Es ist ein Einzelfilm, der sich überhaupt nicht um die gesamte Mythologie kümmert. Er wirft auch die ganzen verschiedenen Zeitlinien und Paralleluniversen fröhlich über Bord wirft. Und die Superkräfte von Logan, Xavier, Laura und Caliban werden nur sparsam, fast schon unauffällig, eingesetzt.

Mangold erzählt in erster Linie eine klassische Reisegeschichte, wie wir sie aus zahlreichen Western (und Post-Western und in der Gegenwart oder Zukunft spielenden Western) kennen und in der ein Outsider widerwillig die Verantwortung für andere Menschen übernimmt. So wird Logan nicht müde zu betonen, dass er Laura nur quer durch die USA nach Eden in Sicherheit bringen will und dann sofort wieder sein altes Leben aufnehmen will.

Logan ist hier der Outlaw Josey Wales („Der Texaner“, Clint Eastwood), „Mein großer Freund Shane“ (Alan Ladd) (den Film sehen Xavier und Laura sich in einem Hotelzimmer an), Jack Reacher (Tom Cruise) oder auch, um einen Film von James Mangold zu nennen, Dan Evans (Russell Crowe) in „Todeszug nach Yuma“.

Die Geschichte selbst ist immer nah an den Charakteren und ihren Problemen spannend, facettenreich, stringent und schnörkellos erzählt. Dazu gibt es durchgehend realistisch wirkender Old-School-Action. Denn die Guten und die Bösen haben doch ein, zwei Fähigkeiten mehr als ein Normalsterblicher.

„Logan“ ist nicht nur ein würdiger Abschluss der Wolverine-Trilogie und eine schöne, melancholische Abschiedsvorstellung, sondern der beste Wolverine-Film bis jetzt, der auch für Menschen gemacht ist, die keine Superheldenfilme mögen..

logan-plakat

Logan – The Wolverine (Logan, USA 2017)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Scott Frank, James Mangold, Michael Green (nach einer Geschichte von James Mangold)

mit Hugh Jackman, Patrick Stewart, Dafne Keen, Richard E. Grant, Boyd Holbrook, Stephen Merchant, Elizabeth Rodriguez, Eriq La Salle

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Die (sehr, sehr lose) Inspiration für den Film

millar-wolverine-old-man-logan-2

Mark Millar (Autor)/Steve McNiven (Zeichner): Wolverine – Old Man Logan

(übersetzt von Jürgen Petz)

Panini, 2017

220 Seiten

19,99 Euro

–

Originalausgabe

Old Man Logan

Wolverine ‚# 60 – # 72, Wolverine: Old Man Logan Giant Size 1

Marvel, 2008/2009

–

Noch mehr Wolverine-Bildergeschichten

lemire-old-man-logan-2-2millar-wolverine-staatsfeind-2

Jeff Lemire (Autor)/Andrea Sorrentino (Zeichner): Old Man Logan: Grenzstadt (Band 2)

(übersetzt von Jürgen Petz)

Panini, 2017

116 Seiten

12,99 Euro

–

Originalausgabe

Old Man Logan # 5 – # 8

Marvel, 2016

–

Mark Millar (Autor)/John Romita Jr. (Zeichner): Wolverine: Staatsfeind (Mark Millar Collection 2)

(übersetzt von Jürgen Petz und Thomas Witzler)

Panini, 2017

356 Seiten

29,99 Euro

–

enthält

Wolverine # 20 – # 32

Marvel, 2003

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Logan“

Metacritic über „Logan“

Rotten Tomatoes über „Logan“

Wikipedia über „Logan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)


TV-Tipp für den 2. März: Nachtschicht: Wir sind die Polizei

März 2, 2017

ZDFneo, 20.15

Nachtschicht: Wir sind die Polizei (Deutschland 2010, Regie: Lars Becker)

Drehbuch: Lars Becker

In Hamburg geht’s auch in der siebten „Nachtschicht“-Folge rund: die Schicht beginnt mit einem Krokodil. Dann gibt es schlagende Männer, Männer, die in Frauenkleidern einen Juwelierladen überfallen und falsche Polizisten (Kennen wir die nicht schon von der vorherigen Nachtschicht?).

Die gewohnt kurzweilige Folge war für den Grimme-Preis nominiert.

mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Roeland Wiesnekker, Peter Kremer, Cosma Shiva Hagen, Ralph Herforth, Oliver Stokowski

Hinweise

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


„Die Söhne von El Topo: Kain“ macht den Anfang

März 1, 2017

jodorowsky-die-soehne-von-el-topo-kain

In den siebziger Jahren war der surreale Western „El Topo“ ein Kultfilm, ein waschechter Mitternachtskinofilm, der als psychedelischer Trip glänzend funktioniert. In die deutschen Kinos kam der Film erst 1975. Die später erfolgte Indizierung wurde im Januar 2012 aufgehoben. Regisseur Alejandro Jodorowsky wurde mit dem Film zu einem Star, der Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ inszenieren sollte. Daraus wurde nichts, aber in Cineastenkreisen werden die verschiedenen Skizzen und Entwürfe wie der heilige Gral herumgereicht.

Er wollte auch „El Topo“ fortsetzen. Aber alle Verfilmungspläne zerschlugen sich. Jetzt hat Jodorowsky mit Zeichner José Ladrönn eine Comicversion seines Drehbuchs erstellt. „Kain“, der erste Band der mehrbändigen Geschichte „Die Söhne von El Topo“ beginnt ziemlich langsam und endet mit zwei Fragen: Wie viele Seiten benötigt Jodorowsky, um seine Geschichte zu erzählen? Wird er genug Zeit haben, um sie in dieser Form zu erzählen?

Denn in „Kain“ werden wir nur in die Welt nach dem Tod von El Topo eingeführt und lernen seine beiden Söhne Kain und Abel kennen.

El Topo war ein gefürchteter Revolverheld, der zu einem Heiligen wurde und sich am Ende des Films umbrachte. Er hatte zwei Söhne.

Kain, der ältere der beiden Söhne (das wäre Miguel im Film), wurde von El Topo verflucht, damit er seinen jüngeren Halbbruder Abel nicht umbringen kann. Seitdem reitet der Verbrecher Kain als marodierender ‚Unsichtbarer‘ durch die Wüste.

Sein Bruder Abel reist mit einer Puppenschau durch die Gegend. Als seine Mutter stirbt, hat sie einen letzten Wunsch. Sie möchte neben El Topo „im selben Grab aus Honig und Steinen“ beerdigt werden. Es liegt auf einer Insel, die nur seelisch reine Menschen betreten können. Weil der Weg durch das Land gefährlich ist, schickt Abel den Adler Angela mit einer Botschaft für seinen Bruder los.

Der vielversprechende erste Band von „Die Söhne von El Topo“ liest sich gut und er ist auch – noch – konventioneller als „El Topo“.

–

Alejandro Jodorowsky/José Ladrönn: Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2017

64 Seiten

16,99 Euro

–

Originalausgabe

Glénat, 2016

–

Hinweise

Homepage von José Ladrönn

Wikipedia über Alejandro Jodorowsky (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 1. März: Cloud Atlas – Der Wolkenatlas

März 1, 2017

BR, 23.30

Cloud Atlas – Der Wolkenatlas (USA/Deutschland 2012, Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer)

Drehbuch: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

LV: David Mitchell: Cloud Atlas, 2004 (Der Wolkenatlas)

„Cloud Atlas“ ist ein dreistündiger, auf sechs Zeitebenen zwischen 1849 und 2346 spielender Trip, bei dem sechs miteinander verwobene Geschichten, die auch alle unterschiedliche Genres bedienen, zu einer Vision verbunden werden, die auch den Eindruck von viel Lärm um Nichts hinterlässt. Aber die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer liefern einen kurzweiligen, immer interessanten und sehenswerten Film ab, bei dem die Stars, teils kaum erkennbar, in verschiedenen Rollen auftreten.

In meiner Besprechung gehe ich ausführlicher auf die Probleme ein, die ich mit dem Film habe. Dort gibt es auch etliche Clips mit Hintergrundinformationen.

mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant, David Gyasi, Martin Wuttke, Götz Otto, David Mitchell (Cameo als Spion)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Cloud Atlas“

Metacritic über „Cloud Atlas“

Rotten Tomatoes über „Cloud Atlas“

Wikipedia über „Cloud Atlas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowskis „Jupiter Ascending“ (Jupiter Ascending, USA 2015)

Meine Besprechung von Tom Tykwers Dave-Eggers-Verfilmung „Ein Hologramm für den König“ (Deutschland/Großbritannien 2016)


Cover der Woche

Februar 28, 2017

during-lachnummer-ber

Für die Berliner und Brandenburger: Weil es mal wieder Ärger am Flughafen gibt (Personal, Technik) und keiner mehr auf eine Eröffnung 2018 wetten möchte. 2019 wohl auch nicht mehr.

Und wenn der Flughafen dann irgendwann eröffnet, wird er der erste neue Flughafen sein, der schon ein Retro-Design hat.

 


TV-Tipp für den 28. Februar: Der Traum von Olympia

Februar 28, 2017

RBB, 22.45

Der Traum von Olympia – Die Nazi-Spiele von 1936 (Deutschland 2016, Regie: Mira Thiel, Florian Huber)

Drehbuch: Florian Huber

TV-Dokudrama über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, erzählt aus der Perspektive des Wehrmachtsoffiziers Wolfgang Fürstner, der das Olympische Dorf erbauen und für den ordnungsgemäßen Ablauf der Spiele verantwortlich ist, und der deutschen Jüdin Gretel Bergmann, die unbedingt als Hochspringerin bei den Spielen teilnehmen möchte.

Mira Thiel und Florian Huber benutzen diese beiden Personen, deren Erlebnisse sie mit vielen Archivaufnahmen anreichern, um sich so aus unterschiedlichen Perspektiven den Spielen anzunähern. Dabei entsteht ein Paradebeispiel für schlechte Doku-Fiction. Gerade die inszenierten Teile sind erschreckend prätentiös (was auch an der Idee liegt, Fürstner immer wieder, während andere Personen anwesend sind, direkt in die Kamera sagen zu lassen, was in der oder einer anderen Szene eigentlich gezeigt werden sollte). Die Dialoge sind erschreckend schlecht geschrieben auf dem Niveau einer schlechten Vorabendserie. Dito die vielen Voice-Over-Texte, in denen beide Erzähler reichlich naiv erscheinen. Vor allem wenn Gretel Bergmann über ihre Enttäuschungen und ihre Backfisch-Liebe zu Jesse Owens redet. Dramatisch wird es nie; was angesichts der Geschichte eine Meisterleistung ist. Oberflächlich bleibt es immer.

Eine, abgesehen von den Archivaufnahmen, verschenkte Chance.

Wie es besser geht zeigte Stephen Hopkins letztes Jahr mit seinem Jesse-Owens-Biopic „Zeit für Legenden“.

mit Simon Schwarz, Sandra von Ruffin, Gotthard Lange, Christian Hockenbrink, Annina Hellenthal

Hinweise

ARD über „Der Traum von Olympia“

Filmportal über „Der Traum von Olympia“

Wikipedia über „Der Traum von Olympia“


„Worte müssen etwas bedeuten“ – Barack Obamas große Reden

Februar 27, 2017

obama-worte-muessen-etwas-bedeuten-2

Normalerweise ist das ein Buch, das man schulterzuckend ins Regal stellt. Immerhin muss man sich die Reden nicht im Internet zusammensuchen, sondern hat hier wichtige Reden einer Person gesammelt. Irgendwann holt man es vielleicht hervor, weil man ein Zitat benötigt. Aber ansonsten sind die Reden von Politikern, wenn man sich nicht wissenschaftlich damit beschäftigen muss, spätestens nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt Altpapier.

Normalerweise.

Aber im Moment leben wir nicht in normalen Zeiten.

Deshalb werden die Reden von Barack Obama, dem vorherigen US-Präsidenten, im Moment täglich wichtiger. Sie zeigen nämlich in jedem Satz, wie groß der Unterschied zwischen ihm und seinem Nachfolger ist. Der notorische Lügner, halbstarke Chaot und erklärte Militarist Donald Trump (ohne Kampferfahrung) redet von „America First“, zeichnet (fernab aller Fakten) die USA als ein Land im Bürgerkrieg und denkt, Amerika wieder (?) groß zu machen, indem er alles alleine tut. Im besten Fall führt sein erratisches Gerede dazu, dass es bei seinem Abgang nur der USA in jeder Beziehung schlechter geht.

Barack Obama sprach in seinen Reden auch von den Problemen, vor denen die USA und die Welt stehen und der Rolle, die die USA übernehmen müsse.

Wenn man mehrere der in „Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden“ von Birgit Schmitz zusammengestellten Reden, die Obama zwischen 2004 und 2016 an verschiedenen Orten auf dem Globus hielt, durchliest bemerkt man schnell immer wieder auftauchende Themen: der Glaube an den amerikanischen Traum und die liberale Gesellschaft, die Kraft von Ideen und Menschen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, die wichtige Rolle der Zusammenarbeit von Menschen und Staaten für eine bessere Welt und Glaube an die fundamentale Gleichheit aller Menschen. Obama betont immer das Verbindende und stellt es immer in den Zusammenhang einer globalen Politik für eine friedlichere Welt und dem Erhalt der Welt für die nachfolgenden Generationen.

Das sind selbstverständlich keine wirklich in die Tiefe des philosophischen und politikwissenschaftlichen Denken gehenden Reden, in denen mit Zitaten und Namen um sich geworfen wird, sondern eher grundvernünftige, alltagstaugliche Auslegungen christlicher und philosophischer Gedanken, die auch, zum Beispiel in seiner Rede zum Empfang des Friedensnobelpreises zeigen, in welchem Zwiespalt der Präsident des mächtigsten Landes der Erde bewegt. Denn er ist auch oberster Befehlshaber des Militärs.

Die Reden sind auch das vollständige Gegenprogramm zu dem jetzigen US-Präsidenten.

Ungefähr auf jeder Seite steht etwas, das man Donald Trump als Spruch an die Wand nageln möchte. Zum Beispiel: „Würde ist der grundlegende Gedanke, dass wir aufgrund dessen, dass wir alle Menschen sind, alle gleich geboren und von der Gnade Gottes berührt sind, unabhängig davon, wo wir herkommen oder wie wir aussehen. Jeder Mensch ist wertvoll. Jeder Mensch ist wichtig. Jeder Mensch verdient es, mit Anstand und Respekt behandelt zu werden. Die längste Zeit der Geschichte haben die Menschen das nicht erkannt. Würde war etwas, das hochrangigen und privilegierten Menschen, Königen und Respektspersonen vorbehalten war. Es war eine jahrhundertelange Revolution des Geistes notwendig, um uns die Augen zu öffnen, dass jeder Mensch eine Würde hat. Auf der ganzen Welt haben Generationen darum gekämpft, diesen Gedanken durch Gesetze und Institutionen in die Praxis umzusetzen.“

In dem Sammelband „Worte müssen etwas bedeuten“ hat Birgit Schmitz 25 Reden von Barack Obama und eine von seiner Frau Michelle Obama zusammengestellt. Es handelt sich um ihre um die Welt gegangene, vielzitierte und hochgelobte „Wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste“-Rede während Hillary Clintons Wahlkampf am 13. Oktober 2016 in New Hampshire über die frauenfeindlichen Äußerungen von Donald Trump.

Leider gibt es zu den Reden keine weiteren Erklärungen und Einordnungen. Es fehlt ein Essay über Obamas Leben und Wirken und warum gerade diese Reden ausgewählt wurden. Es fehlen erklärende Worte zu den Reden, die über eine Nennung vom Ort und Tag hinausgehen. Das liest sich dann so: „Rede für eine atomwaffenfreie Welt, Prag, 5. April 2009“ oder „Rede anlässlich des Attentats auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, Washington, 12. Juni 2016“.

Bei einigen Reden, wie seine Reden zum Wahlsieg der Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 und, zu seiner Wiederwahl, am 7. November 2012, in Chicago, seine Amtsantrittsrede am 20. Januar 2009 in Washington, seiner Rede zum Erhalt des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 2009 in Oslo, zum 50. Jahrestag der Protestmärsche von Selma nach Montgomery in Selma, Alabama am 7. März 2015, ist dies selbsterklärend.

Bei anderen Reden, wie der zum Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen am 22. September 2010 in New York (Wer kann ad hoc erklären, was auf dem Gipfel besprochen wurde und warum er wichtig ist?) oder der Eröffnungsrede der Weltklimakonferenz COP21 am 30. November 2015 in Paris oder seine „Rede beim Besuch auf Kuba“ in Havanna am 22. März 2016 oder zu verschiedenen Schießereien (Tuscon, Arizona, am 12. Januar 2011; Newton am 16. Dezember 2012, zum Attentat auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, am 12. Juni 2016 und, wenige Tage später, in Dallas am 12. Juli 2016) hätte eine kleine Einsortierung, vielleicht auch eine kleine Wirkungsgeschichte (ich rede hier eher von einer halben als von zwei Seiten) gut getan.

Trotzdem ist „Worte müssen etwas bedeuten“ ein sehr lesenswertes und auch Trost spendendes Buch, das auf jeder Seite zeigt, dass eine andere Welt möglich ist.

Inzwischen haben Historiker die Präsidentschaft von Barack Obama in einer ersten Einschätzung als die zwölftbeste aller Zeiten einsortiert. Wenn die Beziehung zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress besser gewesen wäre, hätte er sogar eine noch bessere Platzierung erhalten: „Obama received high marks from presidential historians for his pursuit of „equal justice for all“ and for his commanding „moral authority,“ ranking third and seventh among all former presidents in each respective category. The 44th president also cracked a top 10 ranking for his „economic management“ and public persuasion.“

–

Barack Obama: Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden

(herausgegeben von Birgit Schmitz)

Suhrkamp, 2017

256 Seiten

10 Euro

–

Hinweise

Wikipedia über Barack Obama (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 27. Februar: Betty

Februar 27, 2017

Arte, 21.55

Betty (Frankreich 1991, Regie: Claude Chabrol)

Drehbuch: Claude Chabrol

LV: Georges Simenon: Betty, 1960 (Betty)

Die vermögende Witwe Laure nimmt die Alkoholikerin Betty bei sich auf. Ein böser Fehler.

Chabrol übernimmt für seine Zustandsbeschreibung die Romanstruktur mit wenigen Ereignissen in der Gegenwart und vielen Rückblenden. Das ist oft schematisch, oft nahe an der Idee eines Filmes ohne Geschichte, und grandios gespielt.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte „Die Hölle“ (Frankreich 1994), ebenfalls von Claude Chabrol. Ebenfalls sehenswert.

Mit Marie Trintignant, Stéphane Audran

Wiederholung: Samstag, 11. März, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Betty“ (deutsch, englisch, französisch) und Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 26. Februar: Rebecca

Februar 26, 2017

Oscar: Bester Film des Jahres 1941

Arte, 20.15

Rebecca (USA 1940, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Robert E. Sherwood, Joan Harrison

LV: Daphne du Maurier: Rebecca, 1938 (Rebecca)

Hitchcocks Einstand in Hollywood: ein viktorianisches Thrillermelodrama über die junge Frau de Winter, die in dem Familienschloss Manderley überall Spuren der verstorbenen Rebecca de Winter findet und anscheinend von ihrem Mann und der Haushälterin in den Tod getrieben werden soll.

Obwohl David O. Selznick gerade sehr mit „Gone with the wind“ beschäftigt war und Hitch deshalb in Ruhe arbeiten ließ, ist „Rebecca“ in erster Linie ein Selznick-Film.

Hitchcock war von dem Film nicht begeistert: „Das ist kein Hitchcock-Film. Das ist eine Art Märchen,…eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts, aber Rebecca ist eine Geschichte ohne jeden Humor.“

Anschließend, um 22.20 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Daphne du Maurier – Auf den Spuren von Rebecca“.

Mit Laurence Olivier, Joan Fontaine, George Sanders, Judith Anderson, Nigel Bruce, Leo G. Carroll

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rebecca“

Turner Classic Movies über „Rebecca“

Wikipedia über „Rebecca“ (deutsch, englisch)

Sex in a Submarine über „Rebecca“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Do not resist – Police 3.0“ zeigt die beängstigende Gegenwart und erschreckende Zukunft der Polizeiarbeit

Februar 26, 2017

Die Verbrecher werden immer schlimmer und gewalttätiger. Neben ihren Drogen horten sie gewaltige Vorräte an Schusswaffen, die sie skrupellos einsetzen. Deshalb muss die Polizei Waffengleichheit herstellen und aufrüsten. So klingt die konventionelle Erzählung für gepanzerte Polizeifahrzeuge, Sturmgewehre und Schutzkleidung, die auch in Deutschland Polizisten bei Fußballspielen und Demonstrationen wie Statisten für den nächsten „Robocop“-Film aussehen lässt. Am Brandenburger Tor, einem touristischen Hotspot, tut es dann die schusssichere Weste.

In den USA ist die Polizei, wie so oft, schon mindestens einen Schritt weiter. In seinem Dokumentarfilm „Do not resist – Police 3.0“ zeichnet Craig Atkinson die zunehmende Militarisierung der Polizei in den vergangenen Jahren nach. Sie zeigt sich besonders deutlich an zwei Punkten: etwa vierzig Prozent der Mitglieder von SWAT-Spezialeinheiten haben einen militärischen Hintergrund mit Kampferfahrungen in Falludscha und Afghanistan und damit ein ganz anderes Training als normale Polizisten für den Umgang mit dem „polizeilichem Gegenüber“.

„Die meisten Einsätze, bei denen ich Polizisten in den letzten Jahren begleitet habe, stellten sich als Fälle von häuslicher Gewalt oder psychischer Probleme heraus. Und in vielen dieser Fälle wäre es notwendig, in der Lage zu sein, die Situation zu deeskalieren. Oft waren die Einsatzkräfte jedoch völlig unvorbereitet und nicht fähig, deeskalierend vorzugehen. Kam es jedoch zu Gewalthandlungen, konnten sie problemlos darauf reagieren.“ (Craig Atkinson)

Außerdem werden Geräte und Fahrzeuge, die das Militär für Einsätze in Kriegsgebieten kaufte, kostenlos und ohne irgendeine Kontrolle an Gemeinden weitergegeben. Auch wenn, was Craig Atkinson in „Do not resist“ zeigt, es in der Gemeinde keine Morde gab, die Verbrechensrate provinziell ist, Terroranschläge utopisch sind und die Polizeistation so klein ist, dass sie kaum das Personal für eines dieser Fahrzeuge hat. Geschweige denn für die zwei MRAP-Panzerwagen, die auf dem Parkplatz der Polizeistation stehen und sonntags einmal durch das Dorf gefahren werden.

Atkinson zeigt in seinem Dokumentarfilm noch mehr so absurde Beispiele. Dabei beschränkte sich bei den Dreharbeiten, die drei Jahre dauerten (und bei denen er ständig um Drehgenehmigungen rang), auf die Rolle als Teilnehmender Beobachter bei Einsätzen, Hearings und Präsentationen.

So beginnt „Do not resist“ mit Bildern von den Demonstrationen in Ferguson, Missouri, nachdem am 9. August 2014 ein weißer Polizist den 18-jährigen afroamerikanischen Schüler Michael Brown erschossen hatte. Bei den Demonstrationen setzte die Polizei all die Geräte ein, die sie in den letzten Jahren auch vom Militär erhalten hatte – und die nächtlichen Bilder unterscheiden sich kaum von den aus der „Tagesschau“ vertrauten Bildern aus Bürgerkriegsgebieten.

Er begleitete SWAT-Teams bei ihren Einsätzen. Atkinson wollte im Film das gesamte Spektrum der Polizeieinsätze zeigen wollte. Allerdings werden die SWAT-Teams meisten für Hausdurchsuchungen, meist bei einfachen Drogendelikten, eingesetzt. Und das zeigt er. Andere Einsätze gab es während der Dreharbeiten nicht.

Der Vater von Regisseur Craig Atkinson war in einer Nachbarstadt von Detroit 29 Jahre Polizist . „Während der dreizehn Jahre zwischen 1989 und 2002, in denen mein Vater Teil einer SWAT-Einheit war, hat diese insgesamt 29 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Heutzutage führen Teams in vergleichbaren Gegenden über 200 Hausdurchsuchungen durch – pro Jahr.“ (Craig Atkinson)

Er zeigt Ausschnitte aus Seminaren des marktführenden Coach Dave Grossman, der die Polizei im Krieg sieht. Bei ihm werden Polizisten und Soldaten, einträchtig nebeneinander sitzend, fortgebildet. Gemeinsame Trainings gibt es auch.

Er zeigt auch Ausschnitte aus der Anhörung des Senats zur „Verteilung und Einsatz von Militärausrüstung bei der Polizei“, bei der die Vertreter des Heimatschutz- und des Verteidigungsministerium keine Ahnung hatten, was mit der verteilten Militärausrüstung geschah.

Die Bilder der Einsätze und auch die Statements der Polizisten sind in ihrer Konzentration auf eine Dokumentation schockierend, weil sie zeigen, wie sehr militärisches Denken und Handeln inzwischen die Arbeit von SWAT-Teams bestimmt. In ihrer täglichen Arbeit, meistens bei Durchsuchungen von Häusern, rücken sie, reichlich aufgeputscht und kampfeslustig aus, als müssten sie gegen einen skrupellosen, schießwütigen Drogenboss (so irgendwo zwischen „Scarface“ und Pablo Escobar) vorgehen und dessen hochgesichertes Anwesen mühsam erkämpfen. Meistens vollstrecken sie die Durchsuchungsbefehle in den immergleichen Nachbarschaften. Diese Polizisten treten dort für die Bewohner nicht mehr als „Bürger in Uniform“ oder als „Freund und Helfer“, sondern als Gegner auf, die sich im Feindesland mit der Erst-Schießen-Dann-Reden-Militärlogik (falls dann überhaupt noch ein Gespräch möglich ist) bewegen.

Atkinson sind hier einige beeindruckende Bilder gelungen, weil er, mehr oder weniger oft, den gesamten Einsatz dokumentieren konnte und danach auch mit den Betroffenen sprechen konnte.

Die unkommentierten Bilder geben einen gelungenen ersten Einblick in die Militarisierung der Polizeiarbeit und die Doku eignet sich vorzüglich als Ausgangspunkt für Diskussionen. Allerdings fehlt ihr die analytische Schärfe eines Alex Gibney oder Errol Morris. Sie hätten die Bilder eloquent und konsequent in einen größeren Zusammenhang einordnet.

Auch werden einige wichtige Informationen nur nebenbei erwähnt und nicht weiter verfolgt. Das gilt vor allem für den hohen Anteil von Kriegsveteranen in SWAT-Teams, die dann in einer friedlichen Nachbarschaft vorgehen, als seien sie in Falludscha oder welche Interessen hinter der Militarisierung stecken und wie die Militarisierung der Polizei nicht nur das Bild der Polizei in der Bevölkerung verändert, sondern auch den Blick auf Kriminalität verändert. Denn wenn das SWAT-Team, wie „Do not resist“ zeigt, in voller Montur in die Wohnung eines gefährlichen Drogenhändlers stürmt, dabei schon beim Betreten das halbe Haus zerstört, dann muss es sich doch um einen sehr gefährlichen Drogenhändler handeln. Dass, wie der Film zeigt, der afroamerikanische Drogenhändler ein noch bei seinen Eltern lebender Teenager ist und dass diese Drogenhöhle eher wie das gepflegte Einfamilienhaus einer gesetzestreuen, ärmlichen Familie aussieht: geschenkt. Bei dem gefährliche Drogenhändler findet das SWAT-Team in seinem Rucksack einige Gramm, die kaum die Eigenbedarf-Menge erreichen und für die ein weißer Schüler noch nicht einmal verwarnt würde.

Im Presseheft erzählt Craig Atkinson von im Film nicht gezeigten SWAT-Einsätze gegen einen Gitarrenladen wegen der Verwendung eines falschen Holzes und einer Durchsuchung eines Friseurladens, der keine Lizenz dafür hatte. Das klingt nicht nach „Terrorismus“ oder „Organisierter Kriminalität“.

Natürlich ist die in „Do not resist“ gezeigte Polizeiarbeit und die zunehmende Militarisierung der Polizei nicht direkt mit der Arbeit der Polizei in Deutschland vergleichbar. Aber es fällt schwer, engagiert dagegen zu argumentieren. Vor allem wenn man daran denkt, dass die Polizei in Brandenburg um Feldjäger wirbt und das Militär zahlreiche Panzerwagen und Gewehre hat, die ab und an erneuert werden müssen.

Bis dahin besorgt Hamburg sich schon einmal einen Panzerwagen und Sturmgewehre. Man müsse ja, auch wenn es keine konkreten Hinweise gebe, für den nächsten Terroranschlag gerüstet sein.

do-not-resist-plakat

Do not resist – Police 3.0 (Do not resist, USA 2016)

Regie: Craig Atkinson

Drehbuch: Craig Atkinson

Länge: 72 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

In ausgewählten Kinos und als EST/TVOD auf: ITunes, Amazon Instant Video, Maxdome, Videoload, Google Play

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Do not resist“

Metacritic über „Do not resist“

Rotten Tomatoes über „Do not resist“

–

Im AOL Building spricht Craig Atkinson über seinen Film


TV-Tipp für den 25. Februar: Die Verurteilten

Februar 25, 2017

Vox, 20.15
Die Verurteilten (USA 1994, Regie: Frank Darabont)
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kanne. Auch wenn der zweite und dritte Platz von „Der Pate“ und „Der Pate 2“ belegt werden.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella

Wiederholung: Sonntag, 26. Februar, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Verurteilten“

Wikipedia über „Die Verurteilten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Pablo Larraíns Biopic/Nicht-Biopic „Neruda“

Februar 24, 2017

Mit „Neruda“ ist natürlich der bekannte Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904 – 1973) gemeint – und man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.

Der Film beginnt 1948. Neruda ist geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator für die nordchilenischen Provinzen Tarapacá und Antotagasta.

Präsident González Videla ist Mitglied der Radikalen Partei und Diktator am Beginn seiner Karriere, der mit Sondergesetzen, willkürlichen Verhaftungen, Verfolgung missliebiger Personen und einem 1947 eingerichtetem Straflager für politische Gefangene in der Atacama-Wüste (geleitet von Augusto Pinochet) seine Herrschaft ausbaut. Er verbietet auch die Kommunistische Partei, für die Neruda im Kongress sitzt und lässt deren Mitglieder verfolgen.

Neruda hält vor dem Kongress eine flammende Anklagerede gegen Videla. Danach muss er, um nicht in das Straflager gesteckt zu werden, mit seiner Frau Delia del Carril untertauchen.

Im Untergrund schreibt er weiter an seiner epochalen Gedichtzyklus „Canto General“ und gegen die Machthaber. Und er denkt überhaupt nicht daran, sein Leben als Bonvivant aufzugeben. Auf gute Küche, Wein, Frauen, Literatur (wozu auch Krimis gehören) und die Auftritte in der Öffentlichkeit will er nicht mehr als nötig verzichten. So kann er auch Präsident Videla an der Nase herumführen.

Der Polizist Óscar Peluchonneau verfolgt ihn. Er ist eine Figur, die es so nur in einem Noir-Roman gibt, und die folgerichtig erfunden ist. Bei seiner Suche nach dem untergetauchtem Dichter ist Peluchonneau, ein an seiner eigenen Unzulänglichkeit leidender Konservativer, zunehmend von Nerudas Schriften fasziniert. Außerdem wird der Film mit seiner Stimme (im Voice-Over) erzählt.

„Neruda“ ist ein großer, südländisch burlesker Spaß, in dem Neruda auch auf der Flucht, wie ein kleines Kind ist, das das Leben genießen will. Die Ausstattung und die Locations erinnern dann an Federico Fellini, auch weil „Neruda“ mit einem fellininesken Maskenball und einem dekadentem Fest der Sinne, bourgeois und kommunistisch gesättigt, beginnt. Denn Pablo Neruda war, was schon die ersten Minuten zeigen, eine schillernde Persönlichkeit, die in dem auf mehreren Ebenen funktionierendem und erzählten Film auch entsprechend vielschichtig porträtiert wird.

Alles das, was Pablo Larraín in seinem nächsten Film „Jackie“ (seit 26. Januar im Kino) über Jackie Kennedy und die Tage zwischen der Ermordung ihres Mannes und seiner Beerdigung, nicht gelang, gelingt ihm in „Neruda“, seinem durchgehend ironischen Neruda-Metafilm/fiktion über die Monate zwischen seinem Untertauchen und 1949 seiner Flucht über die südlichen Kordilleren nach Argentinien.

„Unser Film ist wahrscheinlich weniger ein Film über Neruda als einer in seinem Geist – vielleicht ist er auch beides zusammen. Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.“ (Pablo Larraín)

Das „Anti-Biopic“ (Larraín) ist ein großer Spaß. Auch für Menschen, die nichts über Pablo Neruda wissen, nichts von ihm gelesen haben und auch nichts von ihm lesen wollen. Wobei: Was spricht gegen die Lektüre eines guten Buches? Außer der Angst, intelligenter zu werden?

neruda-plakat

Neruda (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón

mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Diego Munoz, Pablo Derqui, Michael Silva

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Neruda“

Metacritic über „Neruda“

Rotten Tomatoes über „Neruda“

Wikipedia über „Neruda“ und Pablo Neruda (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)