Am 15. April 2013 endet der jährliche Boston Marathon in einem Blutbad. Zwei in Rucksäcken versteckte selbstgebaute Bomben explodieren. Drei Menschen werden getötet. 264 Zuschauer und Läufer teilweise schwer verletzt.
In den folgenden Tagen sucht das FBI und die Polizei die Täter. Es sind die Brüder Dschochar (19 Jahre) und Tamerlan Zarnajew (26 Jahre). Sie stammen aus einer tschetschenisch-awarischen Einwandererfamilie, die 2002 Asyl in den USA beantragt hat.
Tamerlan wird nach einem Schusswechsel mit der Polizei von seinem Bruder getötet. Dschochar wird am 19. April 2013 verhaftet. Er hatte sich in einem Hinterhof in einem Boot versteckt.
Die Bilder des Anschlags und der Verhaftung gingen um die Welt.
Jetzt hat Peter Berg mit „Boston“ (wie der eher nichtssagende deutsche Titel von „Patriots Day“ lautet) einen packenden Thriller darüber gedreht. Wie in seinem vorherigen Film „Deepwater Horizon“, ebenfalls mit Mark Wahlberg, bleibt er nah bei den Fakten und er konzentriert sich auf einen kleinen Teil der großen Geschichte.
In „Deepwater Horizon“ waren es die Stunden vor der Explosion und der anschließenden Rettung der Bohrarbeiter von der brennenden Bohrinsel. Die durch die Explosion verursachte Umweltkatastrophe wird nur im Abspann angesprochen.
In „Boston“ ist es die Jagd auf die beiden Täter. Also die Zeit zwischen Anschlag und Verhaftung, erzählt fast ausschließlich aus der Sicht der beteiligten Polizisten. Weil in der Realität über tausend Beamte von Bundesbehörden, dem Staat Massachusetts und der Stadt Boston direkt in die Ermittlungen involviert waren und kein Beamter an allen entscheidenden Orten war, wurde mit dem von Wahlberg gespielten Boston Police Sergeant Tommy Saunders ein waschechter bodenständig-proletarischer Polizist erfunden, der zufällig fast immer am Ort des Geschehens ist. Das verleiht dem Film eine konventionelle Struktur und auch einen durchgehend präsenten Sympathieträger, der durch die gesamte Geschichte führt, ohne den zahlreichen realen Charakteren, die im Film ebenfalls auftauchen, allzuviel Raum zu nehmen. Denn Berg gibt all den anderen Menschen, die zur erfolgreichen Verhaftung beitrugen, und den beiden Terroristen genügend Raum. Sie alle sind dreidimensionale Charaktere, die von Schauspielern gespielt werden, die den realen Vorbildern sehr ähnlich sehen.
Die Action ist gewohnt gelungen. Das gilt vor allem für die nächtliche Schießerei in Watertown, einer kleinen, verschlafenen Vorstadt von Boston, bei der Beamte von über hundert Einheiten beteiligt waren. Es war eine der größten Schießereien in der Geschichte von Boston. In diesem Minuten zeigt Berg, dass er derzeit einer der wenigen Regisseure ist, die Action-Szenen inszenieren können. Ihm gelingt es, das Chaos der Schießerei so zu inszenieren, dass wir niemals den Überblick über das Geschehen verlieren und gleichzeitig einen Eindruck von dem Chaos bekommen, das damals die Schießerei beherrschte.
Der straff erzählte Thriller endet mit Statements von Ermittlern und Opfern des Anschlags, die eine klare, nicht auf Rache oder Vergeltung ausgerichtete Botschaft haben.
Boston (Patriots Day, USA 2016)
Regie: Peter Berg
Drehbuch: Peter Berg, Matt Cook, Joshua Zetumer (nach einer Geschichte von Peter Berg, Matt Cook, Paul Tamasy und Eric Johnson)
mit Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J. K. Simmons, Michelle Monaghan, Alex Wolff, Themo Melikidze, Jake Picking, Jimmy O. Yang, Rachel Brosnahan, Christopher O’Shea, Khandi Alexander
„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)
Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.
Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.
Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.
Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi
Ich könnte den gesamten Text einfach trumpifizieren und afdifizieren. Aber das wäre zu einfach. Zu platt. Zu offensichtlich. Denn, und das zeigt Filmjournalist Rüdiger Suchsland in seinem Filmessay „Hitlers Hollywood“, gute Propaganda wirkt durch die Hintertür. Nicht die schon Überzeugten sollen überzeugt werden, sondern die noch nicht Überzeugten. Deshalb gab es in den während des Nationalsozialismus in Deutschland produzierten Filmen wenig echte, sofort erkennbare Propaganda für das System, aber viele Melodramen, Musicals, Komödien und Historienfilme. Leichte, scheinbar unpolitische Unterhaltung, die im Fernsehen immer noch regelmäßig gezeigt wird. Die Filme sind beliebt und teilweise Filmklassiker. Wie „Münchhausen“, „Große Freiheit Nr. 7“, „Die Feuerzangenbowle“ (dazu später mehr) und „Der Mann, der Sherlock Holmes war“.
Mit einer Szene aus dieser Komödie beginnt auch „Hitlers Hollywood“: Hans Albers und Heinz Rühmann singen in einer Hotelsuite den Schlager „Jawohl, meine Herr’n“ und, wie Rüdiger Suchsland in einem Gespräch nach dem Film bemerkte, in dem Schlager würden schon alles über die Herrschaftsstrategien der Nationalsozialisten gesagt: „Von heut an gehört uns die Welt. (…) Wir tun was uns gefällt./Und wer uns stört, ist eh er’s noch begreift, längst von uns schon eingeseift“.
Gleichzeitig ist die Szene der schwungvolle Auftakt zu einer Reise in die Finsternis. Rüdiger Suchsland nahm sich nach seiner ersten Dokumentation „Von Caligari zu Hitler“ die während des Nationalsozialismus in Deutschland unter der Leitung von Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, entstandenen Filme vor. Goebbels war ein Filmfanatiker, der in Deutschland ein Gegenmodell zu Hollywood entwerfen wollte und der letztendlich bei allen Filmen das letzte Wort hatte. Die Filme sollten unterhalten, dem Publikum gefallen und die Nazi-Ideologie verbreiten.
Suchsland fragt sich: Wie taten sie das? Wie funktioniert Propaganda? Wie wirken die Filme heute? Muss zwischen der Botschaft und dem filmischen Handwerk getrennt werden? Kann ein Film ein guter Film sein, obwohl er eine schlechte Botschaft hat?
Auf diese Fragen sucht Rüdiger Suchsland in seinem Filmessay Antworten. Von den über tausend während des Nationalsozialismus hergestellten Spielfilmen sah er sich ungefähr zweihundert an. Fast achtzig Filmen werden dann in „Hitlers Hollywood“ in meist kurzen Ausschnitten präsentiert. Bekannte Werke, wie „Hitlerjunge Quex“, „Jud Süß“, „Kolberg“ und „Münchhausen“, sind dabei. Auch heute unbekanntere Filme, wie „Wir machen Musik“, „Wunschkonzert“, „Ich klage an“ und „Titanic“, und höchstens Cineasten bekannte Filme, wie „Paracelsus“ und „Großstadtmelodie“, werden in kurzen Szenen präsentiert.
Diesen Filmen nähert sich Suchsland dann mit den Augen des neugierigen Betrachters. Er erzählt in einem großen Essay, wie die Filme auf ihn wirken, legt dabei einige Propagandastrategien offen und zeigt, weil er in erster Linie chronologisch vorgeht, wie sich die Filme im Lauf der Zeit veränderten. Er zeigt auch einige Ausschnitte, in denen subversives Gedankengut (in homöopathischen Dosen) in die Filme eingeschmuggelt wurde. Das ermöglicht dann auch eine zweite Lesart. Er zeigt auch, wie die Filme sich immer wieder offen als Theater inszenierten und in den letzten Kriegstagen zunehmend dem Wahnsinn verfielen, weil Realität und Filmrealität grotesk auseinanderklafften.
„Hitler Hollywood“ ist allerdings auch ein Film, der an der Oberfläche bleibt. Es gibt keine ’sprechenden Köpfe‘, keine alternativen Erklärungen, keine eindeutige, kontroverse These und auch keine tiefgehende Filmanalyse. Dafür sind die Ausschnitte einfach zu kurz. „Hitlers Hollywood“ ist vor allem ein Film, der neugierig macht auf eine wiederholte (?) Betrachtung der Nazi-Filme, verbunden mit der Frage, warum sie so gut funktionierten und immer noch funktionieren. Ein solches kritisches Sehen sensibilisiert dann auch für die Strategien von Propagandisten, Populisten und Verführern.
Und jetzt komme ich zur „Feuerzangenbowle“ zurück und zu Leni Riefenstahls „Olympia“, die wegen der Rechtesituation nicht in „Hitlers Hollywood“ enthalten sind. Beides sind ja bekannte Filme. „Die Feuerzangenbowle“ läuft regelmäßig im Fernsehen und es gibt wohl auch ständig Vorführungen in Universitäten (war mir damals beim Studium entgangen). „Olympia“, die gut vierstündige Dokumentation der Olympischen Spiele 1936, ist vor allem bekannt für seine Bildikonographie, die es bis in „Rammstein“-Musikvideos geschafft hat. Beide Filme würde man in einem Film über Hitlers Kino erwarten.
Die Originalfassung von „Olympia“ gehört allerdings inzwischen dem IOC und sie ist dort im Keller gebunkert. Suchsland behalf sich hier mit Filmfotos und Amateuraufnahmen. Die Verwertungsrechte der „Feuerzangenbowle“ gehören der privaten Verleiherin Cornelia Meyer zur Heyde, Mitglied des AfD-Vorstandes von Münster. Sie hat kein Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung über den Film.
Normalerweise würde man „A Cure for Wellness“ als Spaßprojekt bezeichnen. Es ist ein kleiner Film, den der Regisseur macht, um sich von seinen anderen, deutlich höher budgetierten Filmen eine Auszeit zu gönnen. Allerdings ist Gore Verbinski vor allem für die „Pirates of the Carribean“-Filme bekannt und auch sein letzter Film „The Lone Ranger“ schrieben „Spaß“ groß, „Story“ und „Tiefgang“ dagegen klein. „A Cure for Wellness“, gedreht mit dem Budget, das bei den Piratenfilmen für die Garderobe eines Schauspielers verwandt wird, ist wirklich keine Komödie (obwohl, wenn man den Film mit den richtigen Leuten sieht, er sicher eine lustige Angelegenheit wird). Viel „Tiefgang“ und „Story“ hat er auch nicht und mit gut 150 Minuten ist er auch deutlich zu lang geraten. Gekürzt um ein Drittel auf 100 Minuten könnte es ein netter kleiner Horrorfilm sein, in dem der Wall-Street-Broker Lockhart (Dane DeHaan) von seinen Vorgesetzten in die Schweiz geschickt wird. Dort soll er in einem einsam gelegenem Kurhotel den Vorstandsvorsitzenden Pembroke überzeugen, sofort in die USA zurückzukehren. Durch einen Autounfall wird Lockhart unfreiwillig zu einem Gast des Hotels, das von Dr. Heinrich Volmer (Jason Isaacs) geführt wird und der seine sehr wohlhabenden, älteren Gäste, vor, während und nach den Therapien immer mit reichlich Wasser, das heilende Wirkungen haben soll, versorgt. Denn: Trinken ist wichtig.
Schnell bemerkt Lockhart, dass in dem Spa irgendetwas nicht stimmt und langsam, weil Verbinski seinen Film sehr langsam erzählt, entdeckt er einige Merkwürdigkeiten, die ein Best-of-Horrorfilm sind. Inclusive einer Jungfrau, die seit ihrer Jugend in der Wellness-Oase lebt, eine mysteriöse Vergangenheit hat, und in die sich unser Held verliebt. Anscheinend wurde bei den Drehbuchbesprechungen nach der Methode vorgegangen „wenn ein Schloss in den Alpen dabei ist, gehört es in den Film“. So können Horrorfilmfans in jeder Szene mühelos Anspielungen auf zahllose Horrorfilmklassiker entdecken.
Trotz einiger Horrorszenen, die etwas mit dem Wasser zu tun haben, will „A Cure for Wellness“ nie mehr als ein sanfter Grusler sein, der ohne große Veränderungen auch um die Jahrhundertwende oder, einige Jahre früher, im neunzehnten Jahrhundert spielen könnte. Denn ob Lockhart mit einem Auto oder einer Kutsche in das Schloss fährt, ist einerlei. Ebenso ob er auf einem Fahrrad oder einer Kutsche mehr oder weniger erfolglos aus dem Schloss flüchtet.
Filmfans mit einem breiteren Spektrum können dann noch „Der Zauberberg“ (wegen des Handlungsortes) und „Das Apartment“ (wegen der in Manhattan spielenden Büroszenen am Filmanfang) erwähnen, während die Filmgeschichte in jeder Beziehung zunehmend zerfasert. Spätestens ab der Mitte rangiert sie dann ungefähr auf dem chaotisch-sinnfreiem Niveau von „The Lone Ranger“. Allerdings todernst, bedeutungsschwer, getragen und langsam. Sehr langsam.
Anfangs entfaltet sich so – auch wenn man als Zuschauer, während unser Held Lockhart nach der langen Zug- und Autofahrt noch mit der Empfangsdame des Spas über die Besuchszeiten diskutiert, schon die nächsten fünf Plotpunkte kennt – eine hypnotische Stimmung und eine leichte Verschiebung der Realität ins Irreale. Später fragt man sich, was dieser Wust disparater Ideen einem sagen soll.
Dabei ist „A Cure for Wellness“ schön gefilmt in seiner besinnungslosen, todernsten Zitathaftigkeit. Die Drehorte in Deutschland (viel wurde in der Burg Hohenzollern, den Beelitz Heilstätten und, selbstverständlich, den Babelsberg Studios gedreht) sind fotogen und voller naturgegebener Fin-de-Siècle-Atmosphäre. Da muss dann nur noch eine (!) (nicht zwei, drei oder viele) Geschichte erzählt werden.
A Cure for Wellness (A Cure for Wellness, USA/Deutschland 2016)
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Justin Haythe (nach einer Geschichte von Justin Haythe und Gore Verbinski)
mit Dane DeHaan, Jason Isaacs, Mia Goth, Celia Imrie, Harry Groener, Adrian Schiller, Michael Mendl
Bad Boys – Harte Jungs (USA 1995, Regie: Michael Bay)
Drehbuch: Michael Barrie, Jim Mulholland, Doug Richardson (nach einer Geschichte von George Gallo)
Zwei Cops sollen in Miami innerhalb von 72 Stunden Heroin im Wert von 100 Millionen Dollar, das aus der Asservatenkammer der Polizei geklaut wurde, wieder beschaffen.
Das geht in dem Buddy-Movie nicht ohne zahlreiche dumme Sprüche, Tote, zerstörte Gebäude und einige weitere kleinere Kollateralschäden ab.
Michael Bays erster Kinofilm und schon „Vintage Bay“: deutlich mehr Liebe zur Optik und zum Demolieren von Dingen, als zur Geschichte.
Bays nächster Film „Transformers: The Last Knight“ soll am 22. Juni 2017 in unseren Kinos starten. Und: Nachträglich noch alles Gute zum 52. Geburtstag! Der war am 17. Februar.
Für November 2018 (US-Start) ist mit „Bad Boys for Life“ nach einer langen Pause ein dritter „Bad Boys“-Film angekündigt. Lawrence und Smith übernahmen wieder die vertrauten Rollen. Joe Carnahan („The Grey“) die Regie – und das ist eine gute Nachricht.
mit Martin Lawrence, Will Smith, Theresa Randle, Tchéky Karyo, Téa Leoni, Nestor Serrano, Joe Pantoliano, Marg Helgenberger
Tod den Hippies – Es lebe der Punk! (Deutschland 2015)
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler
Robert kommt in den frühen achtziger Jahren aus der Provinz nach Westberlin und lernt das punkige Nachtleben kennen.
Autobiographisch gefärbte Nummernrevue, die vor allem kurzweilig, mehr oder weniger gelungene Anekdoten und Stimmungsbilder aneinanderreiht und all die bekannten Berlin- und Subkulturklischees bestätigt.
mit Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle, Frederick Lau, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Alexander Scheer, Rolf Zacher, Götz Otto, Oliver Korittke, Julian Weigend
alternative Schreibweise „ Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“
Da war wohl auch Ian Rankin überrascht, als er für „Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories“ die in den vergangenen Jahrzehnten, seit dem ersten Rebus-Roman „Verborgene Muster“ (Knots and Crosses, 1987), von ihm geschriebenen Kurzgeschichten mit dem kantigen Inspector zusammenfasste. Denn im Zentrum von Rankins schriftstellerischem Schaffen standen und stehen die Rebus-Romane. Kurzgeschichten schrieb er, wenn er für einen Sammelband oder eine Zeitungsbeilage angefragt wurde. Die Fans, vor allem natürlich die englischsprachigen Fans, nahmen sie dankbar als kleinen Zwischenhappen auf. Preise, wie den Dagger und Edward Award, erhielt er für seine Romane.
Vor neun Jahren erschien mit „Eindeutig Mord“ schon einmal ein Sammelband mit Rebus-Geschichten. Er enthielt zwölf Geschichten, hatte 320 Seiten und war ein richtiges Taschenbuch.
Warum schreibe ich das?
Weil „Rebus“ 31 Geschichten enthält und 768 Seiten umfasst. Oder zwei Rebus-Romane; was dann höchstens in eine große Jackentasche passt.
Zehn der Geschichten des Sammelbandes sind erstmals auf Deutsch erhältlich. Die anderen Kurzgeschichten erschienen in den nicht mehr erhältlichen Sammelbänden „Eindeutig Mord“ und „Der Tod ist erst der Anfang“ (dort sind auch mehrere Nicht-Rebus-Geschichten enthalten). „Schöne Bescherung“ erschien nur als E-Book.
Im Original erschienen die Geschichten über die vergangenen Jahrzehnte an den verschiedenen Orten.
Für „Rebus“ ergänzte Ian Rankin die Geschichten um ein 22-seitges Nachwort, in dem er von seinen schriftstellerischen Anfängen, dem ersten, als Einzelroman geplantem Rebus-Roman (der ihm heute nicht mehr so gefällt, weil John Rebus einfach zu belesen ist), wie er schnell wieder zu Rebus zurückkehrte und wie er mit der Pensionierung von Rebus umging. Rebus erreichte 2007 mit sechzig Jahren die damals für Polizisten geltende Pensionsgrenze und weil Ian Rankin seinen Charakter in Echtzeit altern ließ, musste er ihn in den Ruhestand schicken, der dann doch nicht so endgültig war. Über die Kurzgeschichten schreibt er leider nichts.
Aber das muss er auch nicht: sie sind die kleinen, süchtig machenden „Einer geht noch“-Happen für Zwischendurch, in denen Rebus schnell einen Fall aufklären kann, der nicht unbedingt ein Mord sein muss. Und, auch wenn so ein Sammelband immer gerne als Einstieg in das Werk eines Autors bezeichnet wird, ist es eher die Ergänzung für den Fan, der die Romane schon gelesen hat.
Seitdem – die Originalausgabe erschien bereits 2014 – hat Ian Rankin weitere Geschichten mit John Rebus geschrieben, zum Beispiel „Im allerletzten Augenblick“, zusammen mit Peter James (der Erfinder von Roy Grace) für den Sammelband „FaceOff – Doppeltes Spiel“.
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Ian Rankin: Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories
(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini und Conny Lösch)
Goldmann, 2017
768 Seiten
12,99 Euro
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Originalausgabe
The Beat goes on – The complete Rebus Short Stories
Die mir viel Arbeit abnehmende Ankündigung der Lesung, liefert weitere sachdienliche Hinweise (Achtung: Anmeldung erforderlich!):
„Tierschutz, Umweltschutz, Heimatschutz“ – unter diesem, nach einem harmlosen ökologischen und nachhaltigen Lebensstil klingenden Slogan, firmiert die rechtsextreme Öko-Bewegung, zu der die „Völkischen SiedlerInnen“ zählen. Dass diese nicht einfach als konservative Öko-Bauern in altmodischen Kleidern zu betrachten sind, sondern antisemitische und rassistische Einstellungen teilen, wird mit einem Blick auf ihr historisches Erbe und ihre „Blut und Boden“-Ideologie deutlich.
Dies führt Glauser-Preisträger Marc-Oliver Bischoff mit seinem Krimi „Die Sippe“ eindringlich vor Augen:
Auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester landet Katharina Hoffmann in dem idyllischen Dörfchen Grantzow in Mecklenburg-Vorpommern. Die Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und Jungen in Kniebundhosen, die Schmiede und die Holzmanufaktur, wirken wie aus der Zeit gefallen… Je mehr Zeit die Protagonistin mit den DorfbewohnerInnen verbringt, desto stärker tritt deren rassistische, antisemitische und von Verschwörungsmythen geprägte Weltsicht zu Tage, die sich im Ziel des gewaltsamen Systemumsturzes manifestiert…
Im Anschluss an die Lesung diskutieren der Autor und Marius Hellwig, Referent für „Völkische SiedlerInnen“ im ländlichen Raum der Amadeu Antonio Stiftung, mit Ihnen über die reale Gefahr völkischer Siedlungen in Deutschland. Denn obwohl Völkische Siedlungen weitestgehend unbeachtet sind, wächst die Zahl von Siedlungen und Höfen in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und an anderen Orten im Bundesgebiet. Was kann eine demokratische und offene Zivilgesellschaft diesen rechtsextremen Raumergreifungen in den ländlichen Regionen entgegensetzen?
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WICHTIG:Wir bitten Sie, sich unter marius.hellwig@amadeu-antonio-stiftung.de für die Veranstaltung anzumelden. Eine Teilnahme ohne Anmeldung ist nicht möglich.
Die bleierne Zeit (Deutschland 1981, Regie: Margarethe von Trotta)
Drehbuch: Margarethe von Trotta
In ihrem dritten Spielfilm setzt sich Margarethe von Trotta mit der deutschen Nachkriegsgeschichte anhand der Biographie zweier im Zweiten Weltkrieg geborener Schwestern auseinander. Die Inspiration dafür waren Christiane und Gudrun Ensslin. Christiane Ensslin gehört zu den Mitbegründerinnen der Frauenzeitschrift „Emma“; Gudrun Ensslin wurde Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF). Und damit ist die Frage des Films doch offensichtlich.
„Die bleierne Zeit“ ist ein selten gezeigtes frühes Werk von Margarethe von Trotta, die damals für ihren Film als erste Frau in Venedig den Goldenen Löwen erhielt. Neben einigen weiteren Preisen. Erwähnenswert ist, im Rahmen des Deutschen Filmpreises von 1989, der Sonderfilmpreis „40 Jahre Bundesrepublik Deutschland“ (gemeinsam mit „Abschied von gestern“, „Die Brücke“ und „Die Ehe der Maria Braun“).
„In einer sehr differenziert angelegten Rekonstruktion wird – auch durch dokumentarische Einschübe, historische Filmausschnitte und durch Zitate – deutsche Geschichte und Zeitgeschichte, die uns hierzulande angeht, für ein Szenarium adaptiert, das sich konkret auf soziale und politische Realitäten bezieht. (…) Trotz der nicht völlig ’schlackenfreien‘ Realisation eines so komplexen, von rechts und links gleichermaßen beargwöhnten Unternehmens zählt ‚Die bleierne Zeit‘ zu den wenigen und wichtigen bundesdeutschen Filmen, die versuchen, einen Beitrag zur Aufarbeitung jüngster deutscher Vergangenheit zu leisten. (…) Dass der Film auch liberal-demokratische Positionen vertritt, ist der Trotta hier und da angelastet worden. Dass er keinen lupenreinen Klassenstandpunkt bezieht, wen sollte das wundern? Dennoch gehört er in unserer bundesdeutschen Filmlandschaft zu den beeindruckendsten, ehrlichsten und in manchen Sequenzen ungemein beklemmenden Zeitfilmen dieses Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1982)
mit Jutta Lampe, Barbara Sukowa, Rüdiger Vogler, Verenice Rudolph, Luc Bondy, Doris Schade, Franz Rudnick
Es hat lange gedauert, aber seitdem die Romane von James Lee Burke in Deutschland wieder veröffentlicht werden, können alte Burke-Fans teilweise große Leselücken schließen (wenn sie die Romane nicht schon im Original gelesen haben) und junge Burke-Fans auch das Frühwerk entdecken. Denn der Pendragon-Verlag veröffentlicht auch die alten Robicheaux-Romane wieder. Doch dazu später mehr.
Mit „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003) liegt der dreizehnten von zwanzig Robicheaux-Romanen erstmals in deutscher Übersetzung vor.
Dave Robicheaux, der erste, bekannteste und erfolgreichste Seriencharakter von James Lee Burke, ist ein trockener Alkoholiker, war Kriminalpolizist in New Orleans und ist jetzt Sheriff in New Iberia.
Weil Jimmie Dolan, ein mit ihm befreundeter, umstrittener katholischer Pater in New Orleans, brutal zusammengeschlagen wird, kehrt Robicheaux auf der Suche nach den Tätern zurück in den Big Easy.
Gleichzeitig muss er sich in New Iberia um die Folgen eines Autounfalls, bei dem drei Teenagerinnen starben, kümmern. Denn der Tod der Mädchen setzt eine Spirale von Rache und Mord in Gang.
Und ein Erlösung suchender IRA-Killer treibt sich in Louisiana herum.
„Straße der Gewalt“ gehört zu den späteren Robicheaux-Romanen, in denen die Atmosphäre, die Landschaftsbeschreibungen, einzelne Szenen und ihre Wirkung wichtiger als ein auch nur halbwegs stringent entwickelter Plot sind. Der Anfang ist, wie immer bei James Lee Burke, äußerst gelungen. Aber dann schleppen sich die verschiedenen Plots labyrinthisch über hunderte von Seiten vor sich hin bis sie, im Fall von „Straße der Gewalt“, in einem hastigen Ende münden.
Das war bei seinen ersten Robicheaux-Romanen anders. „Blut in den Bayous“, der zweite Robicheaux-Roman, erschien jetzt wieder in einer Neuauflage.
Robicheaux betreibt in New Iberia einen Bootsverleih und Laden für Fischköder. Bei einem Angelausflug mit seiner Frau Annie stürzt vor ihnen ein kleines Flugzeug ab. Robicheaux kann einen Passagier, ein kleines Mädchen, aus dem in den Bayous versinkendem Flugzeug retten. Die anderen Passagiere, Flüchtlinge aus El Salvador, sind tot. Als die Behörden eine falsche Opferzahl veröffentlichen, weiß Robicheaux, dass etwas faul ist. Vor allem weil die im Bericht nicht erwähnte Tote als Muli für den Rauschgiftbaron Bubba Rocque, den er seit seiner Kindheit kennt, arbeitete.
Robicheaux hört sich in New Orleans bei seinen alten Freunden um und sticht in ein Wespennest aus Organisierter Kriminalität und Geheimdiensten.
Vielleicht weil „Blut in den Bayous“ zu den ersten Romanen gehört, die ich von James Lee Burke gelesen habe und die mich zu einem Burke-Fan machten, gehört für mich der zweite Robicheaux-Roman zu den besten Romanen der seit dreißig Jahren bestehenden Serie.
In seinem Nachwort beschäftigt sich Alf Mayer vor allem mit „Mississippi Delta“, der Verfilmung des Romans von Phil Joanou, nach einem Drehbuch von Scott Frank mit Alec Baldwin (damals Dave Robicheaux, heute…), Kelly Lynch, Mary Stuart Masterson, Teri Hatcher, Eric Robert, Vondie Curtis Hall und Paul Guilfoyle (vor seiner Beschäftigung bei der Las-Vegas-Ausgabe von „C. S. I.“). Er geht dabei auch detailliert auf die schwierige Produktion ein. Sehenswert ist der Film trotz seiner Mängel. Und ich kann Alf Mayers Frage nach dem deutschen Kinostart klären. Ja, er lief in den Kinos. Ich sah ihn damals im Kino. In einer ganz normalen Vorführung in einem ganz normalen Kino. Jahre später besorgte ich mir eine DVD-Ausgabe des Films und wenn es eine schöne Blu-ray-Ausgabe gäbe, würde ich meine DVD gerne dagegen eintauschen.
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James Lee Burke: Straße der Gewalt
(übersetzt von Jürgen Bürger)
Pendragon, 2017
520 Seiten
18 Euro
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Originalausgabe
Last Car to Elysian Fields
Simon & Schuster, 2003
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James Lee Burke: Blut in den Bayous
(übersetzt von Jürgen Behrens, mit einem Nachwort von Alf Mayer)
Pendragon, 2016
456 Seiten
17 Euro
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Deutsche Erstausgabe 1991 als „Blut in den Bayous“ bei Ullstein.
Neuausgabe 1996 zum Filmstart als „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ bei Ullstein.
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Originalausgabe
Heaven’s Prisoners
Holt, New York, 1988
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Erster Bonushinweis
Vor einigen Wocheen erschien „Vater und Sohn“ bei Heyne Hardcore und weil ich den seitenstarken Roman noch nicht gelesen habe, beschränke ich mich auf die Fakten. Burke erzählt von Texas Ranger Hackberry Holland, der seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn Ishmael hat. Er sucht ihn und will sich mit ihm aussöhnen. Der Roman spielt zwischen 1891 und 1918. Es ist also ein historischer Roman.
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James Lee Burke: Vater und Sohn
(übersetzt von Daniel Müller)
Heyne, 2016
640 Seiten
17,99 Euro
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Originalausgabe
House of the Rising Sun
Simon & Schuster, New York, 2015
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Zweiter Bonushinweis
Der Dave-Robicheaux-Krimi „Sturm über New Orleans“ erschien vor wenigen Tagen als Taschenbuch bei Heyne. Das Buch kostet 10,99 Euro.
Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Bet (Israel/Frankreich/Deutschland/Belgien 2012)
Regie: Dror Moreh
Drehbuch: Dror Moreh
Oscar-nominierte Doku über den israelischen Inlandsgeheimdienst, für den Dror Moreh alle noch lebenden Exchefs des Dienstes vor die Kamera bekam. In „The Gatekeepers“ (Originaltitel) reden sie erstaunlich offen und kritisch über ihre Arbeit.
Morehs spielfilmlange, von der Kritik abgefeierte Doku gewann bereits die Preise der Los Angeles Film Critics Association Awards, dem National Board of Review, USA und der National Society of Film Critics Awards, USA.
mit Ami Ayalon, Avi Dichter, Yuval Diskin, Carmi Gillon, Yaakov Peri, Avraham Shalom
Eine auswärtige Affäre (USA 1948, Regie: Billy Wilder)
Drehbuch: Billy Wilder, Charles Brackett, Richard L. Breen, Robert Harari (Adaptation) (nach einer Geschichte von David Shaw)
Berlin, kurz nach dem Krieg: eine US-Abgeordnete will die Moral der Truppe überprüfen. Die Tugendhafte hat aber nicht mit einem US-Besatzungsoffizier gerechnet, der in eine deutsche Nachtclubsängerin verliebt ist und auf dem Schwarzmarkt handelt.
Ein selten gezeigter und deshalb ziemlich unbekannter Film von Billy Wilder. Was auch daran liegen kann, dass die deutsche Premiere am 6. Mai 1977 in der ARD war. Im Juli 1991 gab es dann auch einen vermutlich sehr kleinen Kinostart.
„inszeniert als frivol-ironisches Wechselspiel zwischen Moral und Unmoral, das Billy Wilder mit seinem ‚Komödien-Touch‘ wirkungsvoll überzogen hat. Amüsante Unterhaltung mit einem leicht zynischen Grundton.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Marlene Dietrich, Jean Arthur, John Lund, Millard Mitchell
Arte, 23.50 B-Movie – Das wilde WEst-Berlin der 80er Jahre (TV-Titel)/B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Kinotitel) (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Kinotitel) blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit
Das Buch zum Film
Eigentlich Reeders Filmkommentar (deutsch und englich) und viele Bilder. Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.
– Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin Edel, 2015 224 Seiten
39,95 Euro
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Kaum beginnt Kommissar Hanns von Meuffels seinen Dienst in München, muss er auch gleich im Kreis der Kollegen ermitteln. Denn auf die Frau von Gerry Vogt wurde ein Anschlag verübt, bei dem ihre Freundin starb. Diana Vogt erhält Polizeischutz und von Meuffels und Vogt suchen die Mörderin, die wahrscheinlich eine verschmähte Verehrerin ist.
Der erste Auftritt von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels ist ein starkes Stück Kino, mitreisend erzählt mit kleinen Abschweifungen. Dass die Lösung, rückblickend, einige kleine Logikfehler hat, kann nach neunzig atemlosen Minuten verziehen werden.
mit Matthias Brandt, Ronald Zehrfeld, Philipp Moog, Alma Leiberg, Anna Maria Sturm, Tobias van Dieken
August Wilson, der nach seinem Theaterstück das Drehbuch schrieb, hat – wenn er in wenigen Tagen den Drehbuch-„Oscar“ gewinnt – eine überzeugende, bislang noch nie benutzte Entschuldigung für seine Abwesenheit. Er ist tot. Seit dem 2. Oktober 2005.
Am 16. Oktober 2005 wurde am Broadway das Virginia Theatre in August Wilson Theatre umbenannt. Es ist das erste Broadway-Theater, das nach einem Afroamerikaner benannt wurde. Und das sagt für den Anfang genug über seine Bedeutung für die Theaterwelt aus.
Vor seinem Tod schrieb der am 27. April 1945 in Pittsburgh geborene Schriftsteller unter anderem den aus zehn Stücken bestehenden, mehrfach ausgezeichneten „The Pittsburgh Cycle“ über die verschiedenen Facetten des afroamerikanischen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert. „Fences“ schrieb er in den frühen achtziger Jahren und es ist Teil des „Pittsburgh Cycle“.
Im Mittelpunkt des 1957 spielenden Stückes (mit einem Epilog 1965) steht der 53-jährige Troy Maxson, ein im Hill District von Philadelphia lebender Müllarbeiter. Ein Schwarzer, wie man damals Afroamerikaner nannte, der nicht lesen kann, keinen Führerschein hat und trotzdem darüber räsoniert, dass kein Schwarzer den Müllwagen fahren darf.
Der Spielfilm „Fences“ basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück, das 1985 seine Premiere am Yale Repertory Theatere in New Haven, Connecticut, hatte, 1987 erstmals am Broadway aufgeführt wurde und einen Pulitzer Preis, einen Tony Award und den New York Drama Critics‘ Award erhielt. 2010 traten Denzel Washington und Viola Davis, die auch die Hauptrollen in der Verfilmung spielen, in einer Neuinszenierung des Stückes am Broadway auf. Davis und Washington wurden als beste Darsteller mit Tonys ausgezeichnet. Die Inszenierung gewann weitere Tonys.
Jetzt verfilmte Denzel Washington Wilsons Stück, das seine Herkunft als Theaterstück nie verleugnen kann und auch überhaupt nicht will. Die Beschränkung auf wenige Handlungsorte und die Dialoge sind reinstes Theater. In der Bühnenfassung spielt das gesamte Stück im Hinterhof. Im Film gibt es mehrere Szenen im Haus von Maxson und, für die Fliegenbeinzähler, an wenigen anderen Orten, die aber nichts daran ändern, dass „Fences“ eindeutig ein Theaterstück ist.
Die Dialoge sind auch reine Theaterdialoge, in denen die Menschen sich Dinge erklären, die sie entweder wissen oder sich niemals gegenseitig sagen würden. Sie haben auch eine Tendenz zum Monologisieren. Wobei man Wilsons Monologen und Dialogen gerne zuhört.
„Fences“ ist vor allem die Charakterstudie eines enttäuschten Mannes, der frustriert, verärgert, bestimmend, herrisch, aber auch liebevoll ist. Sonst hätte seine Frau Rose (Viola Davis, die bereits einen Golden Globe für diese Rolle erhielt und für einen Oscar nominiert ist) ihn schon lange verlassen. Sie bleibt auch bei ihm, nachdem er von einer anderen Frau ein Kind erwartet.
Als junger Mann hatte Maxson von einer Baseball-Karriere geträumt. Aber in der Zeit vor Jackie Robinson war Schwarzen der Aufstieg in die Major League und damit zur großen Karriere verwehrt. Jetzt träumt sein zweiter Sohn Cory (Jovan Adepo) von einer Karriere als Sportler. Maxson will ihm die Flausen austreiben, während er einen Zaun um sein Haus errichten will.
Für den hundertvierzigminütigen Film, der keine Minute zu lang ist, verließ Denzel Washington sich auf die ihm von seinen zahlreichen Auftritten mit Viola Davis vertraute 2010er Broadway-Inszenierung.
Das Stück inszenierte er als reinstes Schauspielerkino, das sich auf den Text und die Schauspieler verlässt und, was vielleicht auch an der Handlungszeit liegt, „Fences“ eine ordentliche Portion Fünfziger-Jahre-Patina verleiht. Das ändert nichts daran, dass die Themen und Fragen des Stückes noch heute aktuell sind.
In den vergangenen Wochen erhielt Washingtons Film viel verdientes Kritikerlob, zahlreiche Nominierungen und Preise. Wichtig sind, neben den schon erwähnten Oscar-Nominierungen für das Drehbuch und Viola Davis als beste Nebendarstellerin, ist Denzel Washington als bester Schauspieler und der Film als bester Film nominiert. Gegen „La La Land“ stehen hier allerdings die Chancen schlecht.
Fences (Fences, USA 2016)
Regie: Denzel Washington
Drehbuch: August Wilson, Tony Kushner (ungenannt) (basierend auf August Wilsons Theaterstück „Fences“)
mit Denzel Washington, Viola Davis, Jovan Adepo, Stephen McKinley Henderson, Russell Hornsby, Mykelti Williamson, Saniyya Sidney
Im Moment ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury und gleichzeitig läuft sein neuer Film „Elle“ endlich in unseren Kinos an. Seine grandiose Philippe-Djian-Verfilmung wurde bereits 2016 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Seitdem gab es Preise, wie Golden Globes als bester fremdsprachiger Film und für Isabelle Huppert als beste Darstellerin, eine Oscar-Nominierung für Huppert, elf César-Nominierungen und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Darstellerin“, die auf die Qualitäten von Verhoevens neuem Film hinweisen.
Isabelle Huppert spielt Michèle Leblanc, die Chefin einer Videogame-Firma.
Als sie in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, kriegt sie keine Panikattacke oder ruft um Hilfe. Stattdessen räumt sie äußerlich ungerührt die Scherben weg. Sie geht zum Arzt und lässt sich auf mögliche Krankheiten und Infektionen testen. Sie kauft sich Pfefferspray. Bei einem Abendessen in einem noblen Restaurant mit ihrem Ex-Mann Richard, einem erfolglosem Schriftsteller, ihrer Geschäftspartnerin und Freundin Anna und deren Mann Robert (mit dem Michèle ein Verhältnis hat), sagt sie ihnen beiläufig, dass sie vergewaltigt wurde. Weiter will sie nicht darüber reden.
Sie ist ein Biest, das sich schon früh einen Panzer zulegte,und ihren Mitmenschen in einer Mischung aus schnippischer Kaltschnäuzigkeit, gnadenloser Ehrlichkeit und offensichtlicher Ungerührtheit über ihre Gefühle begegnet, Sie ist in keinster Weise liebenswert, aber dank Isabelle Hupperts Spiel schließt man sie dann doch ins Herz. Soweit das möglich ist, bei einer Person, die sich nie als Opfer sieht, immer die Kontrolle behält und keine Emotionen zeigt.
Die anderen Menschen und Paul Verhoevens eiskalt-illusionsfreier Blick auf die conditio humana zeichnet ein reichlich misanthropisches Bilder der Menschheit. Kein Mann ist auch nur im Ansatz eine Zierde seines Geschlechts. Es sind Jammerlappen. Robert ist einfach nur ein ständig notgeiler Trottel. Christian Berkel hatte erkennbar seinen Spaß an diesem tumben Mannsbild. Die Frauen sind kaum besser. Michèles Mutter lässt sich ständig liften und hält sich jüngere Liebhaber. Ihre Nachbarin ist eine überzeugte Katholikin, die auf einem Tischgebet besteht und am Ende einen harmlos klingenden Satz sagt, der, weil wir den Hintergrund und die wahre Dimension des Satzes kennen, schlimmer kaum sein könnte. Ob er aus ehrlicher Erkenntnis oder vollkommener Verlogenheit gesagt wurde, bleibt dagegen dem Zuschauer überlassen. Ihre Freundin Anna erscheint da schon fast wie eine moralische Lichtgestalt.
Es sind, wenn auch mit mehr oder weniger großen Abweichungen von der Norm, ganz normale Menschen, die immer ihr Geheimnis bewahren. Das liegt auch an David Birkes Drehbuch, in dem jeder Satz ein Treffer ist, und Paul Verhoevens präziser Regie. Sie haben aus Philippe Djians Roman „Oh…“ vieles übernommen, ihn aber an den entscheidenden Stellen verbessert und Motive und Beziehungen klarer herausgearbeitet. Dem mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman fehlt die klare Struktur, der ironische Ton und die satirische Schärfe des Films. So ist Michèle im Roman eine Filmproduzentin, die oft zu Hause Drehbücher liest. Im Film ist sie eine Videogame-Produzentin, die vor allem junge Männer angestellt hat, die gerade ein neues, sehr sexistisches und gewaltverherrlichendes Spiel programmieren. Michèles reale Vergewaltigung wird im Spiel mehr als einmal in verschiedenen Facetten reflektiert. Im Roman wird das Verbrechen von ihrem Vater nur angedeutet. Im Film erfahren wir die ganze Wahrheit. Der Katholizismus von ihrer Nachbarin spielt im Film eine größere Rolle. Sowieso wurden etliche Szenen dazu erfunden, die gleichzeitig Konflikte stärker zuspitzen als im Roman, die Charaktere in einem kälteren Licht erscheinen lassen und der gesamten Geschichte eine faszinierende Zwiespältigkeit verleihen. Denn Verhoeven und sein grandioses Ensemble lassen den Charakteren immer einen Hauch ihres Geheimnisses und fast jeder Satz und jede Handlung kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden.
Auch weil Michèle, nachdem sie die Identität ihres Vergewaltigers enthüllte, mit ihm eine Beziehung eingeht.
„Elle“ gehört zu den Filmen, die beim zweiten Ansehen besser als beim ersten Ansehen sind. Wie gut wird der Erotik-Thriller dann beim dritten Ansehen sein?
Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: David Birke
LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)
mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons
„Trainspotting“ war der „Easy Rider“ der neunziger Jahre. Ein Film, der den Nerv der Jugend traf und ihre Kultur porträtierte. Ein sofortiger, aus dem Nichts kommender Kultfilm über einige Jungs aus Edinburgh, die Drogen konsumieren und denen alles egal ist. Außer den Drogen. Schon die ersten Minuten, untermalt von Iggy Pops „Lust for Life“, geben das Tempo und die No-Nonsense-Haltung des Films vor.
Wie bei allen richtigen Kultfilmen ist auch bei „Trainspotting“ eine Fortsetzung unnötig. Auch wenn Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, die in England schon vor dem Film ein Bestseller war, später wieder zu Renton, Sick Boy, Spud und Begbie zurückkehrte. In „Porno“ erzählte er 2002, zehn Jahre nach „Trainspotting“, ihre Geschichte weiter.
Und jetzt haben Danny Boyle und Drehbuchautor John Hodge eine Kinofortsetzung gemacht, die lose auf beiden Büchern basiert und die Geschichte des Kinofilm weiter erzählt.
„T2 is really an adaptation of two books: Porno, Irvines 10 years later sequel but, even more, it’s a direct loop back to Trainspotting. For me, the original book is like a modern Ulysses. It’s unsurpassed I think, and reading it is still like the ‚rush of ocean to the heart‘. The new film is constantly drawn back into its orbit and it’s been a privilige to step back into that world.“ (Danny Boyle)
Am Ende von „Trainspotting“ klaute Renton (Ewan McGregor) von seinen Freunden Spud (Ewen Bremner), ‚Sick Boy‘ Simon (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle) das Geld, das sie für den Verkauf von Drogen erhielten.
Jetzt zwanzig Jahre später kehrt er nach Edinburgh zurück. Seine Mutter ist gestorben. Aber das ist für die Filmgeschichte, die wieder, primär, eine Ansammlung von höchst lose zusammenhängenden Episoden und Anekdoten ist. Seine damaligen Freunde sind immer noch in Edinburgh und sie haben sich nicht verändert. Spud hängt immer noch an der Nadel. Sick Boy führt eine extrem schlecht gehende Kneipe. Mit Sexvideos will er von den städtischen Honoratioren genug Geld für sein nächstes großes Projekt erpressen. Er will mit seiner Freundin (mehr platonisch als sexuell) ein Bordell eröffnen. Und Begbie, die menschliche Handgranate, geht immer noch keiner, meist von ihm provozierten, Schlägerei aus dem Weg. Jetzt, also eigentlich seit „Trainspotting“, sitzt er im Gefängnis. Als ein Entlassungsantrag abgelehnt wird, bricht er aus und quartiert sich bei seiner Frau und seinem Sohn ein.
Begbie (mehr) und Sick Boy (weniger) sind immer noch über Rentons Diebstahl verärgert. Sie wollen, dass er dafür bezahlt. Spud, dem Renton damals ein Viertel des Geldes gab, hätte dagegen gerne auf das Geld verzichtet. Als Junkie investierte er das Geld nur in Drogen.
Das ist die sich langsam materialisierende Ausgangslage. Denn Boyle und John Hodge (der auch das Drehbuch für „Trainspotting“ schrieb) führen die einzelnen Charaktere langsam ein. Es dauert einige Zeit, bis Renton wieder in seiner alten Heimat ist, bis er seine alten Freunde, mehr oder weniger freiwillig, getroffen hat und Sick Boy ihm das Geschäft seines Lebens vorschlägt.
Dieses Mal verzichten Boyle und Hodge auch auf eine Erzählerstimme, die den ersten Film strukturierte und ihm von der ersten Minute an eine Haltung gab. Das ist ein Problem von „T2 Trainspotting“. Ein anderes, viel gravierenderes, ist, dass sich Renton, Spud, Sick Boy und Begbie in den vergangenen zwanzig Jahren nicht änderten. Sie sind nur älter geworden.
Ein anderes Problem ist die episodische Struktur, die hier dazu führt, dass fast keine Handlung und Ereignis Folgen hat. So spielt Rentons Herzanfall in der ersten Minute später keine Rolle mehr. Dank einer Operation kann er noch Jahrzehnte leben und, angesichts des von ihm im Film absolvierten Sportpensums, muss er sich auch in keinster Weise einschränken. Später erzählt er Sick Boy, dass er glücklich verheiratet sei. Noch später erzählt er ihm, dass das eine Lüge war. Seine Ehe sei gescheitert und er habe seinen Job verloren. Weil wir weder seine Frau, noch seinen Job, noch sein Leben in Holland kennen lernen, und es auch keinen Einfluss auf die Filmgeschichte hat, ist es egal. Das gleiche gilt auch für seine Freunde. Nur Begbie hat mit einer Frau und einem Sohn so etwas wie ein Leben und ein Ziel: er will mit ihnen zusammen sein und seinen Sohn ebenfalls zu einem Verbrecher erziehen. Der hat allerdings Pläne für ein ehrliches, bürgerliches Leben mit einer ordentlichen beruflichen Ausbildung.
Insgesamt ist „T2 Trainspotting“ ein überflüssiger Film. Das heißt jetzt nicht, dass er schlecht ist. Er hat einige tolle Szenen, die dummerweise meistens „Trainspotting“ mehr oder weniger direkt zitieren. Sowieso ist „T2 Trainspotting“ mit Flashbacks, Zitaten und Querverweise zum ersten Film überreich gesegnet. Aber wir erfahren in „T2 Trainspotting“ nichts über die vier Jungs, was wir nicht schon in „Trainspotting“ über sie wussten. Damit wirkt der Film wie die Wiedervereinigung einer einstmals geliebten Band, die jetzt eine neue CD einspielt, die in ihren besten Momenten alte Ideen wiederholt, in ihren schlechtesten Momenten langweilt.
Wegen des nachmittäglichen Sendetermins, deutlich früher als gewohnt: der TV-Tipp für den Donnerstag:
ZDFneo, 13.50 & 17.25
Columbo: Schreib oder stirb (USA 1974, Regie: Robert Butler)
Drehbuch: Peter S. Fischer
Verleger Riley Greenleaf ist stinkig. Sein Bestsellerautor Alan Mallory möchte den Verlag wechseln. Greenleaf denkt sich ‚nicht mit mir’ und der tapsige Lieutenant Columbo hat einen neuen Fall
Für Krimifans ist „Schreib oder Stirb“ ein Highlight. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Literaturbetrieb und Mickey Spillane (Ja, genau der!) spielt einen Bestsellerautor.
Inzwischen ist Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ auf DVD und Blu-Ray und 4K Ultra HD (wer’s braucht) erschienen und das Bonusmaterial gesichtet. Zum Kinostart des Films schrieb ich (bereinigt um ein, zwei Dusselfehler):
Wie bei dem ebenfalls heute anlaufendem Jason-Statham-Actionfilm „Mechanic: Resurrection“ hat auch bei der Caper-Komödie „Die Unfassbaren“ niemand wirklich eine Fortsetzung erwartet. Denn die Geschichte der Illusionisten „The Four Horsemen“ war erzählt. Sie verwirklichten, im Auftrag von Dylan Rhodes, einen ziemlich elaborierten Racheplan, der natürlich auch deshalb so elaboriert war, um möglichst gut von den wahren Absichten abzulenken und bei dem, wie es sich für einen guten Zauberertrick gehört, fast alles schon vorher geplant war. Die starbesetzte Krimikomödie war ein großer Spaß und das Einspielergebnis war mit weltweit über 350 Millionen Dollar so überzeugend, dass es jetzt die Fortsetzung gibt, die genau daran leidet, dass die Geschichte fertig erzählt war.
Für die Fortsetzung mussten die Macher nun überlegen, wie sie die „Four Horsemen“, die irgendwo zwischen Ruhestand und Shows auf den großen Las-Vegas-Showbühnen leben könnten, wieder zurück bringen: ob sie zu einer „Ocean’s Eleven“-Verbrecherbande werden oder ob sie ihre Fähigkeiten als moderne Robin Hoods, sozusagen als „Leverage“-Team mit Zaubershow, einsetzen.
Mit Ach und Krach entschlossen sich die Macher für eine Mischung aus komplettem Neuanfang und Weitererzählung der Geschichte von „Die Unfassbaren“, weil jetzt die inhaftierten und blamierten Bösewichter des ersten Teils sich rächen wollen und die „Four Horsemen“ in Richtung Verbrechensbekämpfung auf der großen Showbühne gehen, während Dylan Rhodes (Mark Ruffalo) noch immer beim FBI arbeitet und dort fanatisch jede Spur der spurlos verschwundenen Illusionisten verfolgt. Seine Kollegen zweifeln zwar an seinem Verstand, aber so kann er die spurlos verschwundenen „Four Horsemen“ am besten schützen. Denn er ist der Kopf der „Four Horsemen“ und Mitglied des Magier-Geheimbundes „Das Auge“.
Während einer Produktpräsentation geht ein arg amateurhafter Überraschungsauftritt der „Four Horsemen“, bei dem sie die schändlichen Absichten des Veranstalters der Welt verraten wollen, gründlich schief. Die tapferen vier Reiter, bestehend aus Illusionist J. Daniel Atlas (Jesse Eisenberg), Mentalist Merritt McKinney (Woody Harrelson), Kartentrickser Jack Wilder (Dave Franco) und Neuzugang Lula (Lizzy Caplan), die sich zur Begrüßung schon einmal selbst enthauptet, müssen untertauchen.
Sie alle reisen, mehr oder weniger freiwillig, nach Macau, wo Walter Mabry (Daniel Radcliffe) sie in seinem Penthouse empfängt. Für den zurückgezogen lebenden Milliardär sollen sie einen unvorstellbar leistungsfähigen Computerchip/-software (der MacGuffin des 21. Jahrhunderts) stehlen. Die fünf Illusionisten sind einverstanden. Allerdings wissen sie nicht, dass Mabry der Sohn von Arthur Tressler (Michael Caine), dem Bösewicht des vorherigen Films, ist und Mabry und Tressler sich an ihnen für die damaligen Ereignisse rächen wollen.
Außerdem kann Thaddeus Bradley (Morgan Freeman), der ebenfalls aus „Die Unfassbaren“ bekannte, jetzt inhaftierte Berufsenttarner von Zauberertricks, aus dem Gefängnis entkommen.
Während in „Die Unfassbaren“ noch viel Zeit auf die Tricks der Illusionisten und deren Erklärung verwandt wurde, spielen sie in „Die Unfassbaren 2“ eigentlich keine Rolle mehr. Die meisten Tricks sind so elaboriert und groß, dass die Macher auf jede Erklärung verzichten. Es wäre ihnen auch nicht gelungen. Für den Rest gibt es dann gut versteckte Falltüren und Kartentricks, die keiner Erklärung bedürfen.
Stattdessen konzentriert Regisseur Jon M. Chu sich auf die Action und die Drehbuchautoren Peter Chiarelli und Ed Solomon, einer der Autoren des ersten Films, schrieben eine Geschichte, die in der Tradition der klassischen Pulp-Geschichten und B-Pictures aus den Dreißigern und Vierzigern, wie den „Mr. Moto“-Filmen mit Peter Lorre, steht. Immer wenn es nicht weiter geht, gibt es eine ausgewalzte Actionszene, immer wieder taucht plötzlich jemand aus dem Nichts auf, immer wieder gibt es, wenn man sich gerade in eine erzählerische Sackgasse manövrierte, eine Erklärung, die alle vorherigen Ereignisse auf den Kopf stellt, und es passiert so viel so schnell, dass man über die Geschichte nicht weiter nachdenkt. Denn aus den einzelnen Szenen ergibt sich keine wirklich sinnvolle Geschichte.
Die Action inszenierte Jon M. Chu, der vorher vor allem die „Step Up“-Tanzfilme und das kindische Actiondesaster „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ (USA/Kanada 2013) inszenierte, in „Die Unfassbaren 2“ nachvollziehbar, mit weniger Schnitten als in „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ und, wenn unsere Helden gerade einen komplizierten Diebstahl aus einem bestens bewachtem Gebäude unter den wachsamen Augen des Sicherheitspersonals durchführen, mit viel Slo-Mo, wie einen Tanz. Das bringt die Handlung zwar genauso wenig voran wie eine Fred-Astaire-Tanznummer in einem Musical, aber das Auge (vielleicht auch „Das Auge“) verfolgt entzückt die überaus komplizierte Aktion, während das Hirn anmerkt, dass die Zauberer auch leichter und schneller an ihr Ziel kommen könnten.
Als gut gemachte, durchaus familienfreundliche Samstagabendunterhaltung mit gut aufgelegten Schauspielern (und Woody Harrelson in einer Doppelrolle) im Stil eines Vierziger-Jahre-B-Pictures funktioniert „Die Unfassbaren 2“ gut.
Es ist aber auch ein Film, der gerade die besonderen Aspekte des ersten Films – die Tricks der Illusionisten und der große Plan, in dem alles miteinander zusammenhängt (wobei ich immer noch glaube, dass der Plan bei einer genaueren Betrachtung schneller als ein Soufflé in sich zusammenfällt) – zugunsten einer 08/15-Gaunergeschichte links liegen lässt, die noch nicht einmal versucht, die Szenen in eine kohärente Geschichte oder einen großen Zauberertrick, der sich erst am Ende enthüllt, einzufügen.
Schon vor dem US-Kinostart wurde ein dritter „Die Unfassbaren“-Film angekündigt, bei dem Jon M. Chu wieder die Regie übernehmen soll. Über den Plot und die Besetzung ist noch nichts bekannt.
Daran hat sich immer noch nichts geändert. Der dritte „Die Unfassbaren“-Film ist für 2019 angekündigt. Weil das Einspielergebnis des zweiten Teils sich mit 334 Millionen Dollar weltweitem Einspiel kaum vom ersten Teil unterscheidet und das Ensemble seinen Spaß hatte, dürfte es dabei bleiben.
Das Bonusmaterial der Blu-ray ist mit einem Audiokommentar und drei Featurettes, die insgesamt eine gute Stunde dauern, umfangreicher als bei der DVD ausgefallen. Die hat nur das viertelstündige Featurette „Guck genau hin!“. Die Featurettes geben einen kurzweiligen Einblick in verschiedene Aspekte des Films und der Dreharbeiten. Jon M. Chus Audiokommentar ist informativ, konzentriert sich aber zu sehr auf Erklärungen über die Drehorte und wie sehr er die verschiedenen Schauspieler bewundert. Interessant sind seine Hinweise auf verschiedene Kürzungen (und warum die Szenen gekürzt wurden) und wie viel von den Tricks der „Four Horseman“ echt ist. Um uns zu zeigen, dass die Schauspieler die Tricks beherrschten und live präsentierten, schnitt er in diesen Szenen sehr wenig.
Die Unfassbaren 2 – Now you see me (Now you see me 2, USA 2016)
Regie: Jon M. Chu
Drehbuch: Ed Solomon, Peter Chiarelli
mit Jesse Eisenberg, Mark Rufallo, Woody Harrelson, Dave Franco, Daniel Radcliffe, Lizzy Caplan, Jay Chou, Sanaa Lathan, Michael Caine, Morgan Freeman
Bonusmaterial: Magie von Cast und Crew, Guck genau hin!, Hier kommt Magie, Audiokommentar von Regisseur Jon M. Chu, Deutscher und Original-Kinotrailer, Wendecover