Verbotene Spiele (Jeux interdits, Frankreich 1951)
Regie: René Clément
Drehbuch: Jean Aurenche, Pierre Bost, René Clément
LV: Francis Boyer: Les Jeux Inconnus, 1947
Während des 2. Weltkriegs beginnen die fünfjährige Paulette, eine Kriegswaise, und der etwas ältere Michel mit seltsamen Beerdigungsritualen, in denen sie den Krieg nachspielen.
„‚Vergessene Spiele‘ gilt als René Cléments Meisterwerk und als einer der besten Filme über die Auswirkungen des Krieges überhaupt.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)
„Ein erschütternder Film, der in der Stilisierung und Idealisierung einer ‚heilen‘ Kinderwelt schonungslos die Grausamkeit und Gedankenlosigkeit des alltäglichen Lebens aufzeigt. Zugleich beklagt er eindringlich den Verlust der Unschuld durch den Krieg und denunziert vehement pseudoreligiöses Verhalten.“ (Lexikon des internationalen Films)
Die Kairo-Verschwörung(Boy from Heaven, Schweden/Frankreich/Finnland 2022)
Regie: Tarik Saleh
Drehbuch: Tarik Saleh
Kaum ist der Fischersohn Adam in Kairo an der renommierten Al-Azhar-Universität ankommen, stirbt der Großiman, das geistige Oberhaupt der Universität und des sunnitischen Islams. Ein skrupellos geführter Machtkampf um die Nachfolge entbrennt. Adam gerät zwischen die Fronten.
TV-Premiere. Während wir im Kino gerade erfahren, wie ein Papst gewählt wird, erfahren wir im Fernsehen, wie ein Großiman gewählt wird. Und das ist ein ziemlicher Kuddelmuddel zwischen religiösen und weltlichen Interessen. Tarik Saleh verbindet diese Intrigen mit einer Coming-of-Age-Geschichte. Sehenswerter Thriller.
Alex Beer erhält im Rahmen der 31. Reinickendorfer Kriminacht den Reinickendorfer Krimipreis „Krimifuchs“ für ihre Felix-Blom-Krimireihe, die aktuell aus „Der Häftling aus Moabit“ und „Der Schatten von Berlin“ besteht. Die Hauptpersonen der 1878 und 1879 spielenden unterhaltsamen Kriminalromane sind Felix Blom, ein ehemaliger Einbrecher, und Mathilde Voss, eine ehemalige Prostituierte. Jetzt arbeiten sie gemeinsam als Privatdetektive. In ihrem ersten Fall suchen sie einen Mörder, der seine Taten mit einer an das Opfer geschickten Karte ankündigt: „Binnen dreißig Stunden musst Du eine Leiche sein.“ Auch Blom erhält so eine Karte.
In ihrem zweiten Fall sollen sie herausfinden, warum ein Grabräuber den sich auf dem St.-Hedwig-Friedhof in der Krypta befindenden Sarg des Archäologie-Professors Eduard Rohland öffnete. Zur gleichen Zeit sucht Kommissar Heinrich Schlesinger, frisch aus dem sonnigen Afrika ins kalte Berlin gekommen, den Mörder eines bestialisch ermordeten Kleinganoven. Und wir Leser wissen von Anfang an, dass beide Fälle miteinander zusammenhängen und Verbrecherkönig Arthur Lugowski ebenfalls in die Sache verwickelt ist.
Die Preisverleiher begründen ihre Wahl so: „Der Preis würdigt die gelungene Verbindung von exzellenter historischer Recherche, vielschichtigen Charakteren und einem fesselnden, unterhaltsamen Plot. Mit ihrem unkonventionellen Ermittlerduo – dem charmanten Ex-Kriminellen Felix Blom und der selbstbewussten Mathilde Voss, einer ehemaligen Prostituierten – schafft Alex Beer eine spannende und zugleich humorvolle Dynamik. Ihre detaillierte und authentische Darstellung des Berlins der 1870er-Jahre macht die Krimireihe zu einer perfekten Mischung aus Spannung, Zeitgeschichte und literarischem Anspruch.“
Zu den früheren „Krimifuchs“-Preisträgern gehören Johannes Groschupf, Zoë Beck, Elisabeth Herrmann, Rainer Wittkamp, Sascha Arango, Oliver Bottini, Fred Breinersdorfer, Thea Dorn, Felix Huby, Pieke Biermann und Horst Bosetzky.
Die Preisverleihung ist am Samstag, den 23. November, um 19.00 Uhr im Ernst-Reuter Saal (Eichenborndamm 215, 13437 Berlin) während der 31. Reinickendorfer Kriminacht. Literaturkritiker Elmar Krekeler hält die Laudatio. Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) überreicht den Preis. Alex Beer wird aus den beiden Felix-Blom-Büchern und ihrem neuesten August-Emmerich-Roman „Die weiße Stunde“ lesen. Ihre Kollegen Jakob Nolte, Marc Raabe und Andreas Winkelmann und das „Premier Swingtett“ stehen ebenfalls auf der Bühne.
Weil am Donnerstag, den 28. November, im Kino „Vaiana 2“ anläuft
Vox, 20.15
Vaiana – Das Paradies hat einen Haken (Moana, USA 2016)
Regie: Ron Clements, John Musker, Don Hall (Ko-Regie), Chris Williams (Ko-Regie)
Drehbuch: Jared Bush (nach einer Geschichte von Ron Clements, John Musker, Chris Williams, Don Hall, Pamela Ribon, Aaron Kandell und Jordan Kandell)
Weil die für die Bewohner einer Südpazifikinsel die lebensnotwendigen Fischschwärme ausbleiben und die Ernten verdorren, sticht die Häuptlingstochter Vaiana auf eigene Faust in See. Sie will das Rätsel lösen und das überleben ihres Volkes sichern.
Für Kinder ist der Disney-Film „Vaiana“ ein bunter Abenteuerfilm, der alles hat, was das Herz begehrt: eine taffe, optimistische Heldin, ein ihr helfenden Halbgott, Tiere, Abenteuer, flotte Sprüche und sieben Originalsongs, von denen zwei in verschiedenen Fassungen präsentiert werden.
Wieder einmal wollen Aliens die Erde besetzen, vernichten oder irgendetwas mit ihr machen, was der Menschheit nicht gefällt. Aber dieses Mal ist es anders. Denn die Aliens sind bereits unter uns. Sie haben Körper von Menschen übernommen und sie benehmen sich fast normal menschlich. Und sie haben in Nordfrankreich ein kleines verschlafenes Küstendorf an der Côte d’Opale als zentralen Schauplatz für ihren Kampf um das künftige Schicksal des Universums gewählt.
Hier, in der Provinz, wo jeder jeden kennt, wurde Margat geboren. Das unschuldig aussehende Kind wird alle anderen Rassen vernichten und der künftige böse Herrscher des Universums sein. Beschützt wird er von den dunklen Streitkräfte des finsteren Beelzebub, den Nullen. Die Einsen sind die Streitkräfte der guten Königin. Sie kämpfen gegen die zukünftige Herrschaft des Antichristen. Sie wollen eine positive Zukunft für die Menschen, die Erde und das Universum.
Die Story klingt nach einer fast schon beliebigen Weltraumoper. Aber genau das ist Bruno Dumonts neuer Film „Das Imperium“ nicht. Er ist das Gegenteil von Luc Bessons „Das fünfte Element“; – also ein SF-Film ohne Ausstattungsorgien (obwohl die Raumschiffe der Guten und Bösen prächtig aussehen), Weltraumschlachten (obwohl es am Ende eine epische Schlacht mit vielen Raumschiffen gibt), Humor (obwohl das Verhalten der Außerirdischen schon komisch ist), kreischbunten Auftritten, Spezialeffekte und schnelle Szenenwechsel. Bei Dumont wird dann mal minutenlang nicht geschnitten und viel geschwiegen. Oft passiert nichts oder es passiert etwas vollkommenen rätselhaftes.
„Das Imperium“ kann auch als von Quentin Dupieux („Rubber“, „Wrong“, „Die Wache“) inszenierter Science-Fiction-Film beschrieben werden. Nur dass Dumont zwei Stunden braucht, während Dupieux in seinen Filmen seine absurden Geschichten in deutlich unter neunzig Minuten erzählt. Diese Länge macht „Das Imperium“ in jedem Fall zu einem zu lang geratenem Scherz.
Ob man jetzt „Das Imperium“ für einen äußerst langweiligen Langweiler und Anwärter für die nächste SchleFaZ-Runde oder für einen skurrill-absurden, zu lang geratenen Spaß hält, hängt von der Stimmung des Zuschauers und seinem Humor ab. Denn wer mit abseitigem Humor nichts anfangen kann, wird verzweifelt nach wenigen Minuten den Saal verlassen.
Mit absurd schlecht spielenden Schauspielern und hölzernen Sätzen, die einem Provinztheaterensemble kollektiv die Schamesröte ins Gesicht treiben würden, inszeniert Dumont seine Version vom „Krieg der Sterne“, die gleichzeitig alle Konventionen einer Space Opera erfüllt, unterläuft und persifliert. Das Ergebnis ist eine sehr französische und sehr surreale Version vom „Krieg der Sterne“ zwischen Trainings-Schwerkämpfen im Garten, Sex auf der Wiese, pathetischen Reden, überkandidelten Auftritten der Herrscher in den Raumschiffen und eingestreuten Weisheiten, die das Pathos von „Dune“ und ähnlichen Werken einem gnadenlosen Realitätstest unterziehen.
Das Imperium(L’Empire, Frankreich/Italien/Deutschland/Belgien/Portugal 2024)
Regie: Bruno Dumont
Drehbuch: Bruno Dumont
mit Brandon Vlieghe, Anamaria Vartolomei, Lyna Khoudri, Camille Cottin, Fabrice Luchini, Julien Manier, Bernard Pruvost, Philippe Jore
Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (The Taking of Pelham 123, USA 2009)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Brian Helgeland
LV: John Godey: The Taking of Pelham One Two Three, 1973 (Abfahrt Pelham 1 Uhr 23)
In New York nehmen Gangster die Passagiere einer U-Bahn als Geisel. Sie fordern binnen einer Stunde 10 Millionen Dollar Lösegeld. Ein Fahrdienstleiter beginnt mit den Verhandlungen.
Für das Update des 1973er Thriller-Klassikers „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ von Joseph Sargent, nach einem Drehbuch von Peter Stone, mit Walter Matthau, Robert Shaw und Martin Balsam musste Brian Helgeland nicht viel tun. Denn Romanautor John Godey hat sich eine ebenso einfach, wie spektakuläre Story ausgedacht. Da musste Brian Helgeland nur der Story folgen und aus den vielen im Buch auftretenden Charakteren (die so auch ein Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in den frühen Siebzigern entstehen lassen) die für einen Film wichtigen auswählen. Tony Scott bebilderte dann das ganze mit einer für seine Verhältnisse angenehm zurückhaltenden Regie.
Aber während die 1973er-Version immer noch thrillt, bedient Scott einfach nur ziemlich glatt und damit auch vorhersehbar-langweilig die Spannungsmachinerie. Es ist nicht wirklich Falsches in „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“, aber auch nichts, was zum wiederholten Ansehen reizt.
mit Denzel Washington, John Travolta, Luis Guzmán, John Turturro, James Gandolfini
Den Namen des Papstes kennt jeder. Aber wie ein neuer Papst gewählt wird, ist nur in groben Zügen bekannt. Nach dem Tod des Oberhauptes der katholischen Kirche versammeln sich die Unter-Achtzigjährigen Kardinäle in Rom im Vatikan. Auf dem Petersplatz versammeln sich Gläubige und die live berichtenden Medien. Aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle steigt in unregelmäßigen Abständen Rauch auf. Ist der Rauch schwarz, wurde kein neuer Papst gewählt. Ist er weiß, wurde ein neuer Papst gewählt, der sich kurz danach der Welt präsentiert.
Anhand einer fiktiven Papstwahl erzählt Robert Harris in seinem 2016 erschienenem Thriller „Konklave“ wie so eine Papstwahl abläuft. Edward Berger („Im Westen nichts Neues“) verfilmte jetzt den Roman nach einem Drehbuch von Peter Straughan („Dame, König, As, Spion“) und mit Starbesetzung. Wichtige Kardinäle werden von Ralph Fiennes, Stanley Tucci und John Lithgow gespielt. Isabella Rossellini spielt Schwester Agnes, die als Leiterin der Casa Santa Marta, zusammen mit ihren Nonnen, für die Unterbringung und Verköstigung der Männer zuständig ist.
Berger schildert detailliert die Abläufe im Vatikan, der während der Wahl vollständig von der Welt abgeschlossen ist. Niemand darf das Gebäude betreten oder verlassen. Briefe, Telefonate und, inzwischen, Computer mit Internetzugang, sind verboten. Nichts soll die Wahl beeinflussen.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich dann das Drama der Papstwahl. Verschiedene Fraktionen und Ansichten über den künftigen Kurs der Kirche stehen sich gegenüber. Es gibt Vertreter der progressiven Richtung, die die katholische Kirche stärker an die Gegenwart anpassen wollen. Es gibt konservative und ultrakonservative Kardinäle, die die Kirche am liebsten wieder zurück ins Mittelalter führen möchten. Jede Fraktion hat ihren Favoriten. Ein aus Afrika kommender Kardinal forciert einen aus Afrika kommenden Papst, weil es bislang noch keinen afrikanischen Papst gab. Es werden, wie in der weltlichen Politik oder einem Verein, Koalitionen geschmiedet und es wird versucht, einzelne Kardinäle zu beeinflussen.
Kardinal Lawrence (Ralph Fiennes), der Dekan des Kardinalskollegiums, versucht als Wahlleiter einerseits das Verfahren ohne Unglücke durchzuführen und er versucht, als er neue Informationen über aussichtsreiche Kandidaten erhält, diese zu überprüfen. Ohne den Kontakt zur Außenwelt, wozu auch ein Telefonat gehört, ist das eine schwierige Aufgabe. Er muss auch überprüfen, ob Kardinal Benítez (Carlos Diehz) wirklich ein Kardinal ist. Denn bis jetzt hat noch niemand von dem aus Kabul kommendem Mann gehört. Er sagt, der gerade verstorbene Papst habe ihn vor kurzem ernannt und es vor seinen Glaubensbrüdern geheim gehalten. Benítez benimmt sich wie ein wahrer Gläubiger, der mit den zwischen den Kardinalen eingespielten Machtspielen nichts zu tun hat – und weil „Konklave“ ein Thriller ist, macht ihn seine offen nach Außen getragene Naivität besonders verdächtig. Jedenfalls für die Zuschauer.
Die Diskussionen innerhalb der katholischen Kirche über die Zukunft der Kirche werden im Film gestreift, aber nicht vertieft. Straughan und Berger konzentrieren sich auf die Wahlgänge und wie sich von Wahlgang zu Wahlgang Mehrheiten verschieben. Garniert wird das Machtspiel spannungssteigernd mit einer fulminant lauten Thrillermusik, die eine Spannung schafft, die die Bilder von alten Männern, die in historischen Gemäuern Zettel ausfüllen, nicht hergeben.
Konklave (Conclave, USA/Großbritannien 2024)
Regie: Edward Berger
Drehbuch: Peter Straughan
LV: Robert Harris: Conclave, 2016 (Konklave)
mit Ralph Fiennes, Stanley Tucci, John Lithgow, Isabella Rossellini, Carlos Diehz, Lucian Msamati, Brían F. O’Byrne, Merab Ninidze
Einige haben „Spiders“ unter dem Titel „Vermin“ vielleicht schon 2023 auf dem Fantasy Filmfest gesehen und sich seitdem gefragt, wann der gelungene Spinnenhorrorfilm denn endlich auf DVD erscheint. Jetzt läuft er erst einmal im Kino – und das ist gut so.
Der in der Wüste spielende Prolog, in dem wir erfahren, wo die Spinne, die Kaleb kauft, herkommt, hätte es nicht gebraucht. Denn Sébastien Vaničeks Debütfilm „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ ist einer dieser gradlinigen Horrorfilme, in denen die Marschrichtung schnell klar ist. Also: Kaleb kauft sich eine besonders prächtig aussehende Spinne. Er lebt mit seiner Schwester in der Banlieue von Paris in Noisy-le-Grand in einem von der Politik vernachlässigten Sozialsiedlungen. Seine sein Zimmer einnehmenden Terrarien sind wahre Stromfresser, die immer wieder für Stromausfälle sorgen. Bis Kaleb das neue Heim für seine neue Mitbewohnerin eingerichtet hat, bringt er sie in einen Schuhkarton unter.
Die Spinne bricht aus der verschlossenen Kiste aus, wächst rapide und zeugt noch schneller viele weitere Spinnen. Sie greifen Menschen an, töten sie und übernehmen atemberaubend schnell den Wohnblock.
Währenddessen riegelt die Polizei das Gebäude ab.
Kaleb, seine Freunde und die Bewohner des Hauses sind auf sich allein gestellt. Sie nehmen, mit den wenigen Mitteln, die sie haben und ihrem Verstand, den Kampf auf. Wohnung um Wohnung. Gang um Gang. Stockwerk um Stockwerk.
„Spiders“ ist ein netter kleiner Spinnenfilm, der die Genrekonventionen befolgt, einen ungewöhnlichen Schauplatz und damit verbunden einen ungewöhnlichen Cast hat. Bei Vaniček steht nicht eine stinknormale Mittelstandsfamilie, sondern ein munterer Haufen aus prekär zwischen Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe und Verbrechen lebenden Jugendlichen und Habenichtsen aus unterschiedlichen Ethnien im Mittelpunkt. Das verleiht „Spiders“, der im Original doppeldeutig „Vermines“ (Ungeziefer) heißt, eine sozialkritische Note, die Erinnerungen an George A. Romeros „Crazies“ weckt.
Die politische Kritik ist für Vaniček in „Spiders“ nur ein Subtext. Im Zentrum steht der Kampf der Hausbewohner ums Überleben.
Sam Raimi gefiel der Spinnenhorrorfilm so gut, dass er Vaniček, neben Francis Galluppi (The Last Stop in Yuma County), für einen weiteren „Tanz der Teufel“/“Evil Dead“-Film, engagierte. Wir sind gespannt.
Spiders – Ihr Biss ist der Tod(Vermines, Frankreich 2023)
Regie: Sébastien Vaniček
Drehbuch: Sébastien Vaniček, Florent Bernard (nach einer Idee von Sébastien Vaniček)
mit Théo Christine, Sofia Lesaffre, Jérôme Niel, Lisa Nyarko, Finnegan Oldfield, Marie-Philomène Nga, Ike Zacsongo-Joseph
Pacifiction (Pacifiction: Tourment sur les îles, Frankreich/Spanien/Deutschland/Portugal 2022)
Regie: Albert Serra
Drehbuch: Albert Serra, Baptiste Pinteaux (Dialoge)
TV-Premiere eines Mitternachtsfilms, der kurz vor dem Morgengrauen endet. „Pacifiction“ dauert 160 Minuten. Es geht um die Sichtung eines U-Boots vor der Küste der Insel Tahiti. Das Schiff könnte neue französische Atomtest ankündigen. Diese Gerüchte bringen das entspannte Inselleben des französischen Hochkommissars durcheinander.
„Meditativ-surreal mäanderndes Filmepos“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Benoît Magimel, Sergi López, Pahoa Mahagafanau, Marc Susini, Matahi Pambrun, Lluís Serrat
In einer vom Abriss bedrohten Duisburger Werkssiedlung findet Kommissar Schimanski die Leichen von seinem Schulfreund Krüger und seiner Familie. Während die Polizei den Fall als erweiterten Selbstmord zu den Akten legen will, glaubt Schimanski, dass Krüger umgebracht wurde. Er beginnt seinen Mörder zu jagen und muss dafür auch nach Marseille fahren.
„Zahn um Zahn“ ist der erste „Tatort“, der seine Premiere im Kino erlebte. Weil der Film so erfolgreich war, durfte Schimanski zwei Jahre später mit „Zabou“ wieder im Kino ermitteln. Im Gegensatz zu den meisten Kritikern gefiel mir „Zabou“ besser als „Zahn um Zahn“.
„Hajo Gies und seinem Autorenteam ist ein Actionfilm gelungen, der sich mit den Kinoerfolgen der neuen französischen und amerikanischen Polizeifilme messen will und messen kann. (…) In ‚Zahn um Zahn‘ hat Schimanski zwar seinen Rachefeldzug gewonnen, aber an Profil verloren.“ (Fischer Film Almanach 1986)
„Zahn um Zahn“ „war darüber hinaus ein für das deutsche Kino seltenes Produkt – ein Action-Film mit einem Polizisten ohne Schlips und Kragen, handwerklich professionell inszeniert, spannend und durchaus kinogerecht.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms – Völlig überarbeitete Neuausgabe, 1993)
Tja, diese Einschätzung trifft heute immer noch zu. Ansehbare deutsche Genrefilme sind im Kino immer noch die berühmte Ausnahme.
mit Götz George, Renan Demirkan, Rufus, Eberhard Feik, Charles Brauer, Herbert Steinmetz, Ulrich Matschoss, Martin Lüttge
LV: Delacorta (Pseudonym von Daniel Odier): Diva, 1979 (Diva)
Postbote Jules besitzt zwei Tonbänder, für die einige Menschen morden. Auf dem einen Tonband ist der von ihm heimlich aufgenommene Mitschnitt eines Konzerts einer von ihm verehrten Operndiva, die keine Aufnahmen von ihrem Gesang will. Auf dem anderen Tonband ist das Geständnis eines Callgirls, das einige ihrer Kunden belastet.
Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.
„‚Diva‘ ist ein ganz und gar modischer Film für ein Großstadtpublikum. (…) Elegant zwischen Kitsch und Kunstfertigkeit balancierend, macht der Film im Kino großen Spaß.“ (Fischer Film Almanach 1984)
„‚Diva‘ ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Roland Bertin, Richard Bohringer, Gérard Darmon
„Finger ab“, der neue Roman der grandiosen französischen Noir-Autorin Hannelore Cayre, beginnt wie ein typischer schwarzhumoriger Cayre-Roman. Während dem Ausheben einer Grube für einen nicht genehmigten Swimmingpool entdecken die drei polnischen Arbeiter ein Skelett. Die Auftraggeberin würde die Arbeiter am liebsten weiterbuddeln lassen, aber der Vorarbeiter lehnt ab. Erst müsse ein Priester kommen. Dieser wirft einen Blick auf die beiden Skelette und ruft die befreundete Paläontologin Adrienne Célarier an. Diese erforscht penibel den Fundort und sabotiert alle Bauplanungen der Landbesitzerin. Denn auf ihrem Grundstück in Savignac-de-Miremont in der Dordogne wurde eine exzellent erhaltene Höhle mit Wandmalereien, Gegenständen und Knochen entdeckt, die Auskunft über die Ursprünge der Menschheit vor 35000 Jahren, also während dem Aurignacien, geben kann.
Der restliche Roman springt dann zwischen einer Pressekonferenz von Adrienne Célarier über die wissenschaftliche Sensation und der Vergangenheit hin und her. In dem Moment wird „Finger ab“ zu einer Abenteuergeschichte, in der Oli in ihrem Sippe eine Außenseiterin ist. Sie jagt und erfindet dabei Wurftechniken, die Tiere über eine größere Distanz töten können. Sie widerspricht Ältester Onkel. Er ist der älteste Mann der Sippe und deshalb ihr Führer. Wenn Oli und die anderen Frauen ihre Pflichten vernachlässigen oder sich unbotmäßig verhalten, hackt er ihnen immer wieder einen Finger ab.
Als Oli zufällig entdeckt, wie Kinder gezeugt werden, gerät das Leben zwischen Männern und Frauen aus dem Lot.
Olis Geschichte ist eine in der heutigen Sprache geschriebene feministische Neuinterpretation unserer Frühgeschichte. Als Abenteuergeschichte funktioniert dieser Bildungsroman ausgezeichnet. Es gibt auch einige Menschen, die einen gewaltsamen Tod erleiden. Aber dadurch wird „Finger ab“ nicht zu einem Kriminalroman. Und den typischen Cayre-Humor gibt es auch nur auf den allerersten Seiten.
Insofern ist „Finger ab“ vor allem etwas für die Cayre-Komplettisten und die Fans von historisch grundierten Abenteuergeschichten. In ihrem Nachwort geht sie ausführlich auf die von ihr verwendeten Quellen ein.
Kommissar Maigret stellt eine Falle (Maigret tend un piège, Frankreich/Italien 1958)
Regie: Jean Delannoy
Drehbuch: Rodolphe-Marie Arlaud, Michel Audiard, Jean Delannoy
LV: Georges Simenon: Maigret tend un piège, 1955 (Maigret stellt eine Falle)
Maigret sucht einen fünffachen Frauenmörder.
Erster von drei Maigret-Filmen, in denen Jean Gabin den Kommissar spielte. Netter psychologischer Rätselkrimi, der auch eine gelungene kleine Sozialstudie ist.
“Delannoy inszenierte diese klassische Kriminalkonstruktion sehr spannend und mit viel Einfühlungsgabe für atmosphärische Details, filmisch beinahe ebenso sorgfältig wie Maigret bei der Arbeit.” (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm)
“Intelligenter, gut gespielter, atmosphärisch dichter Kriminalfilm.” (Katholischer Film-Dienst)
Der Film gewann den Edgar-Allan-Poe-Preis in der Kategorie “bester ausländischer Film”.
mit Jean Gabin, Annie Girardot, Jean Desailly, Lino Ventura
Triangle of Sadness(Triangle of Sadness, Schweden/Deutschland/Frankreich/Großbritannien 2022)
Regie: Ruben Östlund
Drehbuch: Ruben Östlund
TV-Premiere. Eine Seefahrt, die ist, jedenfalls wenn Ruben Östlund der Kapitän ist, nicht besonders lustig, sondern ziemlich schwarzhumorig und gemein. Seine aus drei klar voneinander getrennten Teilen bestehende Satire erhielt zahlreiche Preise, u. a. die Goldene Palme und mehrere Europäische Filmpreise, Kritikerlob und auch einen großen Publikumszuspruch. Dennoch ist „Triangle of Sadness“ sein schwächster Film.
mit Harris Dickinson, Charlbi Dean, Dolly De Leon, Zlatko Burić, Iris Berben, Vicki Berlin, Henrik Dorsin, Jean-Christophe Folly, Amanda Walker, Oliver Ford Davies, Sunnyi Melles, Woody Harrelson
Inside Llewyn Davis (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich 2013)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
Meisterwerk der Coen-Brüder über den erfolglosen Folkmusiker Llewyn Davis und die New Yorker Folkmusikszene der frühen Sechziger. Kurz bevor ein Mann in Greenwich Village auftauchte, der 2016 den Literaturnobelpreis erhielt.
Die nächste Tankstelle ist hundert Meilen weit weg. Sagt der nette Mann von der Tankstelle. Und weil der Tanklaster sich verspätet habe, könne er nur den Aufenthalt im nebenan liegenden Diner empfehlen. Dieses Angebot nehmen an diesem sonnigen Tag in der Wüste von Arizona ein Vertreter für Messer, ein älteres Ehepaar und zwei Bankräuber auf der Flucht an. Später kommen der junge, etwas naiv-einfältige Deputy Sheriff von Yuma County, ein Native American (der einen Wagen mit einem vollen Tank besitzt) und ein junges Gangsterpärchen vorbei. Er sieht sie in der Tradition von Kit und Holly (aus Terrence Malicks „Badlands“; um nur eine der lässig eingestreuten filmischen Anspielungen zu nennen). Sie alle haben natürlich Schuss- und Stichwaffen dabei. Und mindestens die Hälfte der Diner-Gäste und die Kellnerin, die gleichzeitig die Frau des Sheriffs ist, wissen, dass im Kofferraum des Autos der Bankräuber die Beute von dem Überfall ist.
Aber, ehrlich gesagt, ist schon ab dem Moment, als die beiden Bankräuber den Diner betreten die Frage nur noch: wann und wie bringen sie sich um? Und, uh, wer überlebt? Falls überhaupt jemand überlebt.
„The Last Stop in Yuma County“ ist das überaus gelungene schwarzhumorige Spielfilmdebüt von Francis Galluppi. Davor drehte er mehrere Kurzfilme und Musikvideos. Er drehte „The Last Stop in Yuma County“ an zwanzig Tagen auf der Four Aces Movie Ranch in Palmdale, Kalifornien, für ein Budget von einer Million US-Dollar. Dank der liebevollen Retro-Ausstattung irgendwo zwischen siebziger und frühe achtziger Jahre in der US-Provinz, dem spielfreudigen Ensemble aus höchstens gesichtsbekannten Schauspielern, dem straffen Drehbuch und der kurzen Laufzeit von unter neunzig Minuten ist Galluppis chronologisch erzählter schwarzhumoriger Neo-Noir-Gangsterfilm ein Vergnügen. Auch wenn es am Ende, wegen ein, zwei überraschenden, aber eigentlich überflüssigen Schlenkern, etwas lang dauert.
Seine Premiere hatte der Neo-Noir 2023 auf dem Fantastic Fest in Austin, Texas. Beim Sitges – Catalonian International Film Festival und beim Calgary Underground Film Festival wurde er als bester Spielfilm ausgezeichnet. In Deutschland lief er im Februar in mehreren Städten während der Fantasy Filmfest White Nights.
Außerdem wurde Regisseur Francis Galluppi von Sam Raimi, dem der Film gefiel, mit der Entwicklung und Regie eines neuen „Evil Dead“-Films beauftragt.
The Last Stop in Yuma County (The Last Stop in Yuma County, USA 2023)
Regie: Francis Galluppi
Drehbuch: Francis Galluppi
mit Jim Cummings, Faizon Love, Jocelin Donahue, Richard Brake, Barbara Crampton, Michael Abbott Jr., Nicholas Logan, Gene Jones
Bonusmaterial: – (abhängig von der Ausgabe; beim Mediabook sind angekündigt: die Bonusfilme „High Desert Hell“ (2019), „The Gemini Project“ (2020), drei Audiokommentare, ein „Behind the Scenes“-Featurette und weitere Extras)
TV-Premiere. In seinem dritten Spielfilm erzählt Adrian Goiginger die Geschichte seines Urgroßvaters Franz Streitberger. Dieser ist ein wortkarger Einzelgänger, der sich 1937 mit seiner Volljährigkeit beim österreichischen Bundesheer einschreibt und nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland Mitglied der Wehrmacht wird. Während des Zweiten Weltkriegs entdeckt er an der Westfront ein Fuchswelpen. Das Tier wird sein ständiger Begleiter.
Gut inszeniertes, aber auch arg spannungsfrei vor sich hin plätscherndes Biopic. Wahrscheinlich wäre ein Erinnerungsbuch die bessere Alternative gewesen.
mit Simon Morzé, Marko Kerezovic, Joseph Stoisits, Pit Bukowski, Maximilian Echtinger, Joshua Bader, Stanislaus Steinbichler, Alexander Beyer, Karl Markovics
Mit einem Auftragsüberfall für den lokalen Gangsterboss will der Möchtegern-Gangster Heraldo sich das Geld für eine bessere Zukunft beschaffen. Aber davor geht einiges schief: eine Zufallsbekanntschaft stiehlt sein Geld, er verschläft, er kann das Zimmer im Motel Destino nicht bezahlen und der schlecht geplante Überfall endet ohne ihn katastrophal. Sein bester Freund stirbt dabei. Und Heraldo wird jetzt von Verbrrechern und der Polizei gejagt.
Mittellos taucht er in dem einsam gelegenem Motel Destino unter. Es ist ein heruntergekommenes, aber gut besuchtes Stundenhotel, das seiner Kundschaft anonym ein Bett für den schnellen Sex bietet. Geführt wird es von Elias und seiner jüngeren Frau Dayana. Er ist ein Rüpel, der ihn als Hilfsarbeiter anstellt. Sie findet schnell gefallen an dem zwanzigjährigem Gast. Eins führt zum anderen – und Noir-Fans erkennen schnell, dass Karim Aïnouz sich in seinem neuen Film „Motel Destino“ schamlos am Plot von James M. Cains Klassiker „The Postman always rings twice“ (1934, Die Rechnung ohne den Wirt, Wenn der Postmann zweimal klingelt…, Der Postbote klingelt immer zweimal) bedient. Vor ihm haben das schon mehrere Regisseure gemacht. Die Verfilmungen von Luchino Visconti (Ossessione, Italien 1942 [Besessenheit]), Tay Garnett (The Postman always rings twice, USA 1946 [Die Rechnung ohne den Wirt]), Bob Rafelson (The Postman always rings twice, USA 1981 [Wenn der Postman zweimal klingelt]) und Christian Petzold (Jerichow, Deutschland 2008) sind legendär. Es sind also große Fußstapfen, in die Aïnouz hier tritt. Erfolgreich und eigenständig. Und leider auch mit einem anderen Ende. Dieses Ende ist der große Schwachpunkt des Neo-Noirs.
Bei Cain spielt die Geschichte in einem kleinen Diner an einer Landstraße in Kalifornien während der Weltwirtschaftskrise. Aïnouz verlegt sie, wie Petzold, in die Gegenwart und, wie Visconti und Petzold, in ein anderes Land. Dieses Mal spielt die Geschichte in Nordbrasilien an der Küste abseits jeglicher Touristenpfade. Die Farben glänzen noch, aber jedes Gebäude und jeder Mensch scheint seine beste Zeit hinter sich zu haben.
Neben der tropisch verschwitzen Liebesgeschichte zwischen Heraldo und Dayana bietet Aïnouz auch einen intensiven Blick hinter die Kulissen eines Stundenhotels. Er zeigt detailliert die dortigen Abläufe, inclusive der Beobachtung kopulierender Kundschaft. Damit vertreibt Elias sich die Zeit.
„Motel Destino“ ist ein schwüler, neonfarbenprächtiger Neo-Noir mit einer ordentlichen Portion explizitem Sex. Jedes Bild ist darauf angelegt, sich im Kopf des Zuschauers einzuprägen.