Aus Liebe sterben (Mourir d’aimer.., Frankreich/Italien 1971)
Regie: André Cayatte
Drehbuch: André Cayatte, Albert Naud, Pierre Dumayet
TV-Premiere. Drama über eine Lehrerin, die ein Verhältnis mit einem ihrer Schüler beginnt. Seine Eltern sind gegen die Beziehung.
In Frankreich war der auf einem wahren Fall, der im Mai 1968 Frankreich erschütterte, basierende Film ein Kassenerfolg. Das Lexikon des internationalen Films ist nur halb begeistert: „melodramatische Elemente und einseitige Darstellungen gefährden jedoch die nüchterne Erörterung des Sachverhaltes.“
André Cayatte (1909 – 1989) war Rechtsanwalt, Autor und Filmregisseur. In seinen Filmen kritisierte er die französische Justiz und beschäftigte sich mit gesellschaftlichen Problemen und Tabuthemen.
mit Annie Girardot, Bruno Pradal, Claude Cerval, François Simon, Jean-Paul Moulinot, Jean Bouise
Der Mann, der zuviel wusste (The man who knew to much, USA 1956)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Michael Hayes, Angus McPhail (ungenannt)
Eigentlich wollten die McKennas nur einen schönen Marokko-Urlaub verbringen. Aber dann erfahren sie von einer Verschwörung und ihr Sohn wird entführt.
Hitchcocks äußerst gelungenes Remake von seinem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1934: mit einem größeren Budget, in Farbe und einer erträglichen Doris Day. Höhepunkt ist die zehnminütige Konzertszene in der Royal Albert Hall, deren Höhepunkt – während eines Beckenschlages – ein Schuss auf den Botschafter ist.
Mit James Stewart, Doris Day, Daniel Gélin, Brenda de Banzie, Bernard Miles, Ralph Truman, Reggie Maldar
LV: Edwin Torres: Carlito’s Way, 1975 und After Hours, 1979 (auf Deutsch zum Filmstart als Doppelband „Carlito’s Way“ bei Heyne erschienen)
Drogenhändler Carlito Brigante wird vorzeitig aus der Haft entlassen und will fortan ehrlich bleiben. Aber er hat nicht mit den Umständen und seinem Anwalt gerechnet.
Machen wir es kurz: De Palmas Period-Picture der Siebziger ist ein grandioser Gangsterfilm
mit Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Luis Guzman, Viggo Mortensen
Die Biologiestudentin Rona (Saoirse Ronan) ist in London nach jahrelangem Feiern und Drogenkonsum an einem toten Punkt angelangt. Sie kehrt zurück in ihre alte Heimat, die zu Schottland gehörenden Orkney-Inseln. Dort will sie zu sich finden und ausnüchtern.
In ihrem dritten Spielfilm, nach dem sensationellem „Systemsprenger“ und der Netflix-Produktion „The Unforgivable“, verfilmte Nora Fingscheidt, mit einigen Freiheiten, Amy Liptrots „The Outrun“ (Nachtlichter). In dem Buch erzählt Liptrot ihre Geschichte und wie sie den Alkolismus besiegte.
Fingscheidt verfilmte diese Geschichte eines langsamen Entzugs assoziativ zwischen Gegenwart und Vergangenheit springend und indem sie Rona immer mehr in die Einsamkeit schickt. Für die Royal Society for the Protection of Birds sucht sie auf den Orkney-Inseln nach einer inzwischen seltenen Vogelart, den Wachtelkönig. Bei der Arbeit trifft sie kaum Menschen. Sie genießt diese Einsamkeit.
Später fährt sie auf die Orkney-Insel Papa Westray. Auf der 7 km langen und 2 km breiten Insel lebten 2011 90 Menschen. Dort zieht sie in ein einsam gelegenes kleines Vogelwärterhaus und beginnt ihr Leben zu bilanzieren.
„The Outrun“ ist eine vor Ort, teils mit Ortsansässigen gedrehte Charakterstudie mit einer gewohnt überzeugenden Saorsie Ronan. Sie ist auch eine der Produzentinnen des Films und sie beteiligte sich intensiv an der Entwicklung des Drehbuchs, das Regisseurin Fingscheidt mit Amy Liptrot schrieb.
The Outrun (The Outrun, Deutschland/Großbritannien 2024)
Regie: Nora Fingscheidt
Drehbuch: Nora Fingscheidt, Amy Liptrot
LV: Amy Liptrot: The Outrun, 2016 (Nachtlichter)
mit Saoirse Ronan, Paapa Essiedu, Stephen Dillane, Saskia Reeves, Nabil Elouahabi, Izuka Hoyle, Lauren Lyle
Angela Merkel versteckt sich im Wald. Schwerbewaffnet rückt die Polizei an. Es beginnt eine Schlacht zwischen der Polizei und Menschen, die gegen die Rodung des Waldes protestieren. Sie flüchtet, stürzt in eine Schlucht und verletzt sich dabei.
Natürlich flüchtet in Omer Fasts neuem Film „Abendland“ nicht die echte Angela Merkel, sondern eine junge Frau, die eine Angela-Merkel-Maske trägt, vor der Polizei. Sie nimmt die Maske während des gesamten Films nicht ab. Auch die anderen Menschen, denen sie im Wald begegnet, tragen Masken, die sie nicht abnehmen.
Videokünstler Omer Fast erzählt in seinem dritten Spielfilm eine gradlinige Geschichte, deren einzige offensichtliche Irritation das Tragen von Masken ist. Dass die Film-Merkel Sätze der echten ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel zitiert, erfährt man aus dem Presseheft.
Seine vorherigen, streng konstruierten Filme „Remainder“ und „Continuity“ sind wohltuende intellektuelle Anstrengungen, die für verschiedene Interpretationen offen sind. „Abendland“ ist auch für verschiedene Interpretationen offen, aber vieles, vor allem wenn Merkel im Wald auf eine Baumhauskolonie trifft, bleibt einfach oberflächlich. Da wird dann schnell einmal alles abgehandelt, was mit der Aufnahme von Fremden in eine Gemeinschaft zusammenhängt. Schließlich wissen die Mitglieder der Waldkommune nicht, ob sie Merkel vertrauen können. Die in den ersten Minuten wichtigen Konflikte zwischen Umweltprotestierern und Staatsgewalt, sind da schon lange vergessen.
„Abendland“ ist, weil er sein Publikum intellektuell unterfordert, sein enttäuschendster Film.
Abendland (Deutschland 2024)
Regie: Omer Fast
Drehbuch: Omer Fast
mit Stephanie Amarell, Marie Tragousti, Sebastian Schneider, Ivy Lißack, Janina Stopper, Amon Wendel, Sebastian Schulze, Berna Kilicli, Benedikt Laumann, Susanne Bredehöft
Patrick McKee ist mit seiner Frau und seinem Sohn aus Brooklyn, New York, nach New Jersey zurückgekehrt. Sie wohnen in seinem am Wald gelegenem Elternhaus. Er arbeitet im Holzlager, das von seinem vor einem halben Jahr verstorbenem Vater aufgebaut wurde. Inzwischen hat sein Bruder das Geschäft übernommen. Das ist vielleicht nicht das Leben, das Patrick sich wünschte, aber es ist auch kein schlechtes Leben. Wenn es nicht die seltsamen Geräusche aus dem Wald gäbe.
Er glaubt, und jetzt verrate ich etwas, das im Film erst relativ spät, aber von den Machern auch schon im Trailer verraten wird, dass diese Geräusche aus dem Wald von einem Wesen verursacht werden, das anscheinend schon seit Ewigkeiten in einer Schlucht in einer verlassenen Kupfermine haust und ihn als Jugendlichen ängstigte. Er glaubt außerdem, dass dieses Monster, jetzt seinen Sohn und auch ihn holen will.
Dieses Monster, Bagman genannt, ängstigt auch andere Kinder. Es tötet sie auch. Aber bis das deutlich wird, vergeht viel Filmzeit. Und das ist ein Problem von „Bagman“. Colm McCarthy („The Girl with All the Gifts“) erzählt die Geschichte nicht chronologisch. So vergeht, wie in dem vorige Woche gestartetem Horrorfilm „Caddo Lake“, einige Zeit, bis die verschiedenen Erzählstränge vom Zuschauer in die richtige zeitliche Reihenfolge gebracht werden können. McCarthy erzählt, teils parallel, von drei Kindern, die vom Bagman bedroht werden.
Es vergeht noch mehr Zeit, bis er die Hintergrundgeschichte vom Bagman erzählt. In dem Moment ist das Interesse an der umständlich und spannungsfrei erzählten Geschichte schon vollkommen erlahmt. Diese wiederholt, mit einem Minimum an Horrormomenten und sich immer wieder dumm verhaltenden Menschen, nur die sattsam bekannten Genreklischees.
Im Gegensatz zu dem bereits erwähnten „Caddo Lake“ fehlt „Bagman“ außerdem jedes Gefühl für den Handlungsort. Es wirkt immer so, als ob „Bagman“ an einem Ort spielen soll und an einem gänzlich anderem Ort gedreht wurde. Und so war es auch. Die Geschichte spielt in einem US-Provinzdorf mit Wald, Mine und Vergangenheit. Gedreht wurde in Bulgarien in den Nu Boyana Studios. Außerdem wurden für die Hauptrollen britische Schauspieler engagiert.
Bagman(Bagman, USA 2024)
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch: John Hulme
mit Sam Claflin, Antonia Thomas, Sharon D. Clarke, Steven Cree, William Hope, Adelle Leonce, Peter McDonald, Henry Pettigrew
Pilot Whip Whitaker rettet mit einem waghalsigen Manöver die Passagiere seiner Linienmaschine. Er wird als Held gefeiert. Aber bei der Untersuchung des Unglücks könnte auch herauskommen, dass Whip alkoholisiert flog.
„Flight“ ist in erster Linie ein etwas zu lang geratenes, gut gespieltes, konventionelles Alkoholikerdrama, das mit einer spektakulären Bruchlandung garniert wird.
Toni ist die herzensgute, laute, unsensible, übergewichtige Mutter aus der Kaschemme um die Ecke. Nach einem Sturz hat die die ehemalige Pflegerin eine Reha-Maßnahme in einer teuren Seniorenresidenz erhalten. Neugierig wie ein kleines Kind erkundet sie die Residenz und nimmt begeistert jedes Angebot mit. In der Residenz trifft die Seniorin auf Helene.
Helene ist eine über achtzigjährige, früher bekannte, sehr auf Etikette bedachte Theaterdiva. Sie ist unheilbar krank und hat bereits einen Termin in einer Sterbeklinik in Zürich organisiert. Schon bei der ersten Begegnung mit der Toni empfindet sie eine heftige Abneigung gegenüber der nervig-aufdringlichen, auf dem Balkon rauchende und trinkende Proletin, die eindeutig nicht in dieses noble Etablissement gehört.
Nachdem ihr Neffe, ein konservativer Politiker, ihr kategorisch erklärt, dass er sie nicht quer durch Österreich nach Zürich fahren wird, ist sie auf Tonis Hilfe angewiesen. Sie soll sie in die Sterbeklinik fahren.
Kurz nachdem sie losgefahren sind, streiten sie sich weiter über die richtige Fahrgeschwindigkeit und die Route. Helene hat alles präzise durchgeplant. Toni will dagegen Österreich kennen lernen.
Das Roadmovie „Toni und Helene“ ist eine warmherzige Komödie mit einem arg kitschigem, aber verzeihbarem Tränendrüsen-Ende. Das liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellerinnen – Christine Ostermayer als Helene und Margarethe Tiesel als Toni – die gelungen die Gegensätze zwischen ihren Figuren betonen, aber auch die Gemeinsamkeiten aufzeigen. Die Geschichte selbst fährt dann, fast als hätte Helene den Plan gemacht und Toni ihn etwas verschmutzt, auf der vertraut-erwartbaren in Richtung Tod in Zürich.
Toni und Helene(80 Plus, Deutschland/Österreich 2024)
Regie: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl
Drehbuch: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl
mit Christine Ostermayer, Margarethe Tiesel, Manuel Rubey, Thomas Mraz, Julia Koschitz
Schnell mal einen Einbruch begehen und mit der Kohle abhauen wollen die drei jugendlichen Kleinkriminellen. Dummerweise kehrt der Hausbesitzer zurück. Zum Glück ist er blind. Dummerweise hört er sehr gut und er ist extrem stinkig.
Fieser kleiner Spannungsthriller, der genau das hält, was er verspricht.
Danach drehte Fede Alvarez den Elisabeth-Salander-Thriller „Verschwörung“.
Zwei Bergsteiger sind in die Tänzerin Diotima (Leni Riefenstahl) verliebt. Das kann nicht gut enden – und die Berge schauen stumm zu.
Zum Start schrieb Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung: „Dieser von Dr. Arnold Fanck in anderthalb Jahren geschaffene Film ist eine gigantische Komposition aus Körperkultur-Phantasien, Sonnentrottelei und kosmischem Geschwöge.“
Später urteilte das Lexikon des internationalen Films: „Ein vor allem von zahlreichen Landschaftsaufnahmen lebender Stummfilm.“
„Der heilige Berg“ ist der erste Film von Leni Riefenstahl, die hier nur schauspielerte. Der Rest ist Geschichte – und kann aktuell im Kino in Andres Veiels „Riefenstahl“ betrachtet werden.
mit Leni Riefenstahl, Luis Trenker, Ernst Petersen, Hannes Schneider
Ich könnte auch die TV-Premieren „The Batman“ (Pro 7, 20.15 Uhr; der neueste, überlange Batman-Film) oder „King Richard“ (Sat.1, 20.15 Uhr; Biopic über die Tennisspielerinnen Serena und Venus Williams und ihren Vater Richard Williams) zum Tagestipp auswählen. Oder „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ (RTL II, 20.15 Uhr) oder ich wähle einen Film, der zuletzt 2010 der Tagestipp war
LV: Alistair McLean: Where Eagles Dare, 1967 (Agenten sterben einsam)
Winter 1944: Einige alliierte Soldaten sollen einen von den Nazis in einer unzugänglichen Alpenfestung festgehaltenen US-General befreien. Ein Himmelfahrtskommando.
Wendungsreiches, etwas langatmiges Spionageabenteuer mit dem Krieg als Abenteuerspielplatz für echte Männer.
„Es geht um Krieg, Helden, Verrat und Gegenverrat…Es ist weniger eine Handlung als vielmehr ein Vorwand für ziemlich viel Gewalt und meist bedeutungslose Action“ (Richard Schickel: Clint Eastwood – Eine Biographie)
mit Richard Burton, Clint Eastwood, Mary Ure, Patrick Wymark, Michael Hordern, Donald Houston, Peter Barkworth, William Squire, Robert Beatty, Ingrid Pitt, Neil McCarthy, Anton Diffring
Chan Lok-kwan flüchtet nach Kowloon Walled City und hat dort sofort Ärger mit den lokalen rivalsierenden Gangsterbanden. Er will einen neuen Pass haben, sich aus Schwierigkeiten heraushalten und hat eine gestohlene Tasche mit Drogen.
Kowloon Walled City war ein 2,7 Hektar großer Stadtteil von Hongkong. 1987 lebten dort 33.000 Menschen. Oder umgerechnet 1,3 Millionen Menschen pro Quadratkilometer. Es war der Ort mit der höchsten Bevölkerungsdichte der Welt. Und ein Zufluchtsort für chinesische Flüchtlinge. 1987 wurde mit einer mehrere Jahre andauernden Räumung des Ortes begonnen. 1993 und 1994 folgte der Abriss und ein Jahr später wurde ein Garten errichtet.
Soi Cheang führt in seinem neuesten Actionfilm „City of Darkness“ in die Vergangenheit Hongkongs in die achtziger Jahre, als Kowloon Walled City noch stand, und in die Vergangenheit des Hongkong-Actionkinos, das von Regisseuren wie John Woo und Ringo Lam geprägt wurde. Die Vorlage ist der Comic „City of Darkness“ von Yuyi.
Die sich daraus entwickelnde Geschichte besteht aus langen, sehr langen Kämpfen in einer Stadt, die wie die improvisierte Kulisse für den nächsten „Blade Runner“-Film aussieht. Das sieht ziemlich gut aus. Aber so richtig begeistern tut es nicht. Dafür wird die effektbewusst erzählte Geschichte mit Verrat und Doppelverrat schnell zu konfus und die Figuren bleiben zu blass. Die Action fasziniert dann nur noch als artistische Leistungen, bei denen es egal ist, wer gewinnt, weil man in diesem Moment schon vergessen hat, wer warum gegen wen kämpft. Die Stadt wird zu einem Abenteuerspielplatz.
In Hongkong steht „City of Darkness“ der Liste der umsatzträchtigsten einheimischen Filme auf dem zweiten Platz. Er wurde außerdem für die Oscars als bester internationaler Film eingereicht.
City of Darkness (九龙城寨之围城, China/Hongkonk 2024)
Regie: Soi Cheang
Drehbuch: Kin-Yee Au, Tai-Lee Chan, Li Jun, Kwan-Sin Shum
LV: Yi Yu: City of Darkness
mit Louis Koo, Sammo Hung, Raymond Lam, Richie Ren, Philip Ng, Terrance Lau, Tony Wu, German Cheung
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Englischer Titel: Twilight of the Warriors: Walled In
Serpico ist ein junger, idealistischer Polizist, der auch gegen die Korruption im System vorgehen will. Seine Kollegen und Vorgesetzten findet das nicht gut.
Grandioser, auf Tatsachen beruhender, vor Ort gedrehter, pessimistischer Cop-Thriller mit Al Pacino
„Die Karriere von Frank Serpico…erlaubt Lumet einen breiten, aber detaillierten Angriff auf die in der Stadt ausgebreitete Korruption und die frustrierenden Mechanismen der Bürokratie bei ihrer Selbstverteidigung, während die emotionalen Kräfte seines Films, dieses Mal, denen des Helden treffend angepasst sind.“ (Richard Combs in Monthly Film Bulletin)
mit Al Pacino, Tony Roberts, John Randolph, Cornelia Sharpe, M. Emmet Walsh, Judd Hirsch, F. Murray Abraham
Caddo Lake ist ein Bayou an der Grenze von Texas und Louisiana.
„Caddo Lake“ ist auch der Name eines dort spielenden Horrorfilms, der jetzt im Kino anläuft. Produziert wurde der Film von „The sixth Sense“ M. Night Shyamalan. Sein Name weckt Erwartungen, die das von Celine Held und Logan George geschriebene und inszenierte Werk nur teilweise einlöst.
Im Mittelpunkt des Films stehen Ellie (Eliza Scanlen) und Paris (Dylan O’Brien). Sie sucht ihre im Bayou spurlos verschwundene achtjährige Schwester Anna. Er fühlt sich schuldig am Tod seiner vor Jahren bei einem Unfall im See ertrunkenen Mutter. Beide entdecken, unabhängig voneinander, in der Sumpflandschaft ein Portal durch das sie, scheinbar zufällig, in die Vergangenheit und die Zukunft gelangen können. Was das Portal mit Annas Verschwinden zu tun hat und wie die Geschichten von Ellie und Paris miteinander zusammenhängen, kristallisiert sich erst im Finale halbwegs heraus.
Davor punktet der langsam erzählte Film mit viel authentischer Bayou-Atmosphäre. Die Ausstattung lässt sich, außer man gehört zu den Menschen, die jedes US-amerikanische Auto kennen, zeitlich nicht genau zuordnen. Jeder Gegenstand wirkt, als sei er schon seit mindestens zehn Jahren im Gebrauch. Entsprechend schwierig ist das Zuordnen der einzelnen Episoden zu einer bestimmten Zeit zwischen den fünfziger Jahren und der Gegenwart. Im Bayou ist das noch schwieriger. Bäume und Wasserwege sehen heute wie damals aus. Die Kleider der Einheimischen sind funktional und unmodisch. Handys werden kaum benutzt, weil der gesamte Bayou wahrscheinlich ein einziges Funkloch ist.
Zur gelungenen Atmosphäre tragen auch die Schauspieler mit ihren nicht nach Hollywood aussehenden Gesichtern bei. Das sieht in weiten Teilen wie ein mit Laienschauspielern vor Ort gedrehtes Sozialdrama aus.
Weniger überzeugend gerät dann die Geschichte, die eigentlich nur eine auf Spielfilänge aufgeblasene „Twilight Zone“-Episode ist. Dass Celine Held und Logan George die Geschichte von Ellie und Paris parallel erzählen und sie beide durch das Portal in verschiedene Zeiten gelangen, hilft nicht. Es sind einfach zwei nicht miteinander verbundene Geschichten.
Das Portal selbst bleibt nur ein Gimmick. Held und George interessieren sich nicht für die damit verbundenen Fragen und Probleme, die zum festen Bestandteil jeder Zeitreisegeschichte gehören. Denn in dem Moment, in dem die Menschen durch das Portal gehen und den Bayou verlassen, beginnen die Probleme.
„Caddo Lake“ ist ein arg langsam, primär auf Atmosphäre setzender Horrorfilm, der das Potential seiner Idee nie ausschöpft.
Zwiespältig.
Caddo Lake(Caddo Lake, USA 2024)
Regie: Celine Held, Logan George
Drehbuch: Celine Held, Logan George
mit Dylan O’Brien, Eliza Scanlen, Diana Hopper, Caroline Falk, Sam Hennings, Eric Lange, Lauren Ambrose
Drehbuch: Budd Schulberg, Robert Siodmak (ungenannt) (nach einer Originalgeschichte von Budd Schulberg; angeregt durch „New York Sun“-Artikel von Malcolm Johnson)
New York: Gewerkschaftsboss Johnny Friendly (Lee J. Cobb) ist im Hafen der große Zampano. Nichts geht gegen ihn. Jeder, der ihm gefährlich werden könnte, stirbt bei einem Unfall. Als Terry Malloy (Marlon Brando), ein erfolgloser Ex-Boxer mit beschränkter Intelligenz, in einen solchen Mord verwickelt wird, muss er sich entscheiden.
Klassiker, gedreht an Originalschauplätzen und nach ausführlichen Recherchen.
„‚On the Waterfront‘ ist eine unerschrockene Verurteilung des labor rackeering, der Entartung gewerkschaftlicher Organisationen zu Mafia-ähnlichen Gruppierungen, und eine Anklage von Einzelpersonen, die zum Zwecke ihres eigenen Profits die Massen der ungebildeten und unartikulierten Arbeiter, in diesem Fall die Dockarbeiter von New York, manipulieren.“ (Tony Thomas: Marlon Brando und seine Filme)
„Die Faust im Nacken“ war 1955 der große Abräumer bei den Oscars: Bester Film, Beste Haupdarsteller (Marlon Brando), Beste Hauptdarstellerin (Eva Marie Saint), Beste Regie (Elia Kazan), Bestes Drehbuch (Budd Schulberg), Beste Kamera (SW) (Boris Kaufman), Bestes Szenenbild (SW) (Richard Day) und Bester Schnitt (Gene Milford). Nominiert als Bester Nebendarsteller waren Lee J. Cobb, Karl Malden und Rod Steiger und Leonard Bernstein war für seine Musik nominiert. Golden Globes und Baftas gab es auch.
mit Marlon Brando, Karl Malden, Lee J. Cobb, Eva Marie Saint, Rod Steiger, Pat Henning, Leif Erickson
Auf dem Papier kann Jacques Audiards neuer Film nicht funktionieren. Im Kino funktioniert diese Mischung aus Musical, Gangsterfilm, Drama über eine Geschlechtsumwandlung, realistischem Sozialdrama und soapige Geschichte einer Wohltäterin mit dunkler Vergangenheit dann überraschend gut.
Alles beginnt damit, dass der gefürchtete mexikanische Kartellboss Manitas del Monte aus dem Verbrecherleben aussteigen möchte. Lebendig. Dafür engagiert er die junge Anwältin Rita Mora Castro (Zoe Saldaña). Sie ist hochintelligent und als kleine Zuträgerin in einer großen Kanzlei sträflich unterfordert. Die dankbare Kundschaft der Kanzlei besteht vor allem aus Schwerverbrechern und Drogenbossen.
Rita organisiert, fürstlich bezahlt und ohne das Wissen ihrer Vorgesetzten, del Montes Ausstieg aus dem Gangsterleben. Sie ordnet Finanzen und organisiert für seine Familie ein neues Leben in der Schweiz.
Außerdem organisiert sie noch die Erfüllung eines speziellen Wunsches von del Monte. Er will sein Geschlecht ändern und so endlich die Person werden, die er schon immer sein wollte. Außerdem: wer würde vermuten, dass sich hinter dem Gesicht einer attraktiven Frau ein brutaler, allseits gefürchteter, hässlicher Macho-Gangster verbirgt? Als zusätzliche Sicherheit für seine Familie und für sich inszeniert er seinen Tod.
Nach der Geschlechtsumwandlung ist Manitas del Monte Emilia Pérez (Karla Sofía Gascón). Aber die Vergangenheit lässt sie nicht los. Sie will wieder Kontakt zu ihren Kindern und ihrer Frau Jessi (Selena Gomez) haben. Rita organisiert das.
Außerdem kehrt Emilia wieder an ihren alten Wirkungsort zurück (was ich für sehr unglaubwürdig halte) und beginnt sich als Wohltäterin für ihre Gemeinschaft einzusetzen. Das halte ich für noch unglaubwürdiger; also nicht, dass sie ihr Geld für Wohltaten ausgibt und für ihre früheren Taten büßen möchte, sondern dass sie ihr Geld für Wohltaten an dem Ort ausgibt, an dem es von alten Bekannten wimmelt und an jeder Ecke mindestens eine Person ist, die del Monte umbringen möchte.
Die Story von „Emilia Pérez“ ist reinster Pulp. Gesang und Tanz sind, auch wenn der Film dann nicht oder nur verschämt als Musical beworben wird, im Moment sehr beliebt bei Regisseuren. Aber Audiard nimmt nicht den Weg in Richtung Fantasie, sondern in Richtung Edel-Telenovela.
Seine Premiere hatte „Emilia Pérez“ im Hauptwettbewerb des 77. Filmfestivals von Cannes. Dort erhielt er unter anderem den Preis der Jury und den für die beste Schauspielerin, der in diesem Fall an Karla Sofía Gascón, Selena Gomez, Adriana Paz und Zoe Saldaña ging. Danach lief er erfolgreich auf mehreren Festivals. Aktuell ist er für mehrere Europäische Filmpreise noniniert, unter anderem als bester Film, beste Regie und beste Darstellerin. Und er ist Frankreichs Einreichung bei den Oscars als bester internationaler Film.
Emilia Pérez (Emilia Pérez, Frankreich 2024)
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard
LV (frei nach): Boris Razon: Ecoute, 2018
mit Zoe Saldaña, Karla Sofía Gascón, Selena Gomez, Adriana Paz, Mark Ivanir, Édgar Ramírez