Neu im Kino/Filmkritik: „Gloria – Das Leben wartet nicht“, auch wenn du aussiehst wie Julianne Moore

August 22, 2019

Gloria Bell ist eine attraktive und lebenslustige Frau in den Fünfzigern. Die Kinder sind aus dem Haus. Sie ist geschieden. Sie liebt Pop-Hits, die sie vor allem im Auto laut mitsingt, und sie tanzt gerne. Auf der Suche nach einem Mann fürs Leben bewegt sie sich in Los Angeles durch die Single-Tanzabende.

Auf einem dieser Abende trifft sie Arnold. Der Unternehmer tanzt ebenfalls gern. Er ist ebenfalls geschieden und er erweist sich als vollendeter Gentleman. Gloria hat, wie ein verliebter Teenager, wieder die sprichwörtlichen Schmetterlinge im Bauch.

Alles könnte perfekt sein, wenn Arnold nicht so reserviert wäre und er nicht so oft von seiner Ex-Frau und seinen Töchtern angerufen würde.

Wenn Cineasten sich jetzt fragen, warum ihnen diese Geschichte so bekannt vorkommt, müssen sie sich nur den Berlinale-Liebling von 2013 erinnern. Damals erhielt Sebastiàn Lelio für sein in Santiago de Chile spielende Charakterstudie „Gloria“ mehrere Preise und Hauptdarstellerin Paulina García einen Silbernen Bären.

Jetzt verfilmte Lelio in seinem US-Debüt die gleiche Geschichte noch einmal. Es ist eine 1-zu-1-Neuverfilmung, bei der für das US-Publikum nur die Schauspieler (jetzt mit Julianne Moore und John Turturro) und der Schauplatz (jetzt L. A.) geändert wurden. Und die Sprache. Denn bis jetzt hatten die US-Remakes erfolgreicher ausländischer Filme nur die Aufgabe, Amerikanern, die zu faul zum Lesen von Untertiteln waren, das Lesen zu ersparen.

Mit dem Erfolg der Streamingdienste, die viele nicht englische Serien im Angebot haben, könnte sich das ändern. Sie bieten auch synchronisierte Fassungen an, die Qualität der Synchron-Fassungen wird besser und die Zuschauer sehen sich, wie die Abrufzahlen zeigen, nicht die Originalfassung, sondern die synchronisierte Fassung an.

Bis dahin gibt es noch einige dieser Remakes, die Kenner des Originals getrost ignorieren können. So ist auch „Gloria“ objektiv betrachtet kein schlechter, aber ein überflüssiger Film. Die Geschichte über die nach Liebe suchende Endfünfzigerin funktioniert immer noch. Allerdings ist jede Wendung, jede Reaktion und jedes Bild bekannt. Verändert wurden nur einige, letztendlich unwichtige Details.

Julianne Moore, die jetzt Gloria spielt, ist als von der Sehnsucht nach einem Mann getriebenes Mauerblümchen fantastisch.

John Turturro überzeugt als ihr Freund Arnold.

Die von Gloria mitgesungenen Popsongs aus den siebziger und achtziger Jahren, also den Jahren, in denen Gloria erwachsen wurde, sind ein punktgenau eingesetzter Kommentar zu ihren Gefühlen. Im Original, in dem andere Songs gespielt werden, war mir dieser enge Zusammenhang zwischen Glorias Gefühlen und den Songs, die sie im Auto oder beim Tanzen hört, nicht so sehr aufgefallen.

Gloria“ ist ein guter, sehenswerter, empfehlenswerter und auch überflüssiger Film, bei dem Kenner des gelungenen Originals sich fragen, warum er noch einmal verfilmt wurde. Denn Lelio erzählt dieses Mal Glorias Geschichte vielleicht etwas flüssiger, aber er setzt keine neuen Aktzente und er interpretiert auch nichts fundamental neu.

Gloria – Das Leben wartet nicht (Gloria Bell, USA 2019)

Regie: Sebastián Lelio

Drehbuch: Sebastián Lelio, Alice Johnson Boher (Adaption) (nach dem Drehbuch „Gloria“ von Sebastián Lelio und Gonzalo Maza)

mit Julianne Moore, John Turturro, Michael Cera, Barbara Sukowa, Jeanne Tripplehorn, Rita Wilson, Caren Pistorius, Brad Garrett, Holland Taylor

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Gloria“

Metacritic über „Gloria“

Rotten Tomatoes über „Gloria“

Wikipedia über „Gloria“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sebastián Lelios „Gloria“ (Gloria, Spanien/Chile 2012)

Meine Besprechung von Sebastiàn Lelio „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“ (Una Mujer Fantastica, Chile//USA/Deutschland/Spanien 2017)


DVD-Kritik: „Die Geiselnahme“ ist bel canto

März 15, 2019

Der japanische Industrielle Katsumi Hosokawa (Ken Watanabe) freut sich auf einen Auftritt der von ihm bewunderten weltbekannten Sopranistin Roxane Coss (Julianne Moore). Sie wurde nach Südamerika eingeladen, um dort in der Villa des Vizepräsidenten vor einem ausgewählten Publikum zu singen. Die Sängerin hatte Auftritt in dem gefährlichen Land so lange abgelehnt, bis die Gage eine Höhe erreichte, bei der sie nicht mehr ablehnen konnte. Die Regierung möchte, dass Hosokawa an dem Abend mit dem Präsidenten ein lukratives Geschäft beschließt. Der Präsident kommt allerdings nicht zu dem Privatkonzert. Er will sich lieber eine Telenovela ansehen. Dafür taucht eine Gruppe Terroristen auf, die den Präsidenten entführen will. Weil der nicht da ist, nehmen sie spontan alle Gäste als Geisel.

Die Geiselnahme“ beginnt wie ein gewöhnlicher Geiselnahme-Thriller mit Sebastian Koch als Mann vom Internationalen Roten Kreuz, der der Verhandler sein wird.

Aber dann hat Paul Weitz, der hier den Roman „Bel Canto“ von Ann Patchett verfilmte, wenig Interesse daran, dem bekannten Regeln eines Thrillers zu folgen. Er konzentriert sich auf die Geisel und die Geiselnehmer, die eine besondere Abart des Stockholm-Syndroms entwickeln. Ihr Leben in der Villa wird zunehmend zu einem absurden Theaterspiel, in dem sie in einer Zwischenwelt verschwinden. Es ist ein Stillstand, den sie mit persönlichen Gesprächen, Liebeleien, Schach, Gesang und, nun, der gegenseitigen Fortbildung von Sprachen, Gesang, Kochkunst und auch Liebe verbringen. Die Grenzen zwischen den Gefangenen und den Guerilleros verschwimmen dabei zunehmend.

Das ist als vorsichtiger Ausbruch aus den Konventionen des Genres durchaus interessant.

Produzent, Regisseur und Drehbuchautor Paul Weitz inszenierte mehrere Folgen der Amazon Original Serie „Mozart in the Jungle“. Zu seinen Spielfilmen, für die er auch oft das Drehbuch schrieb, gehören „American Pie – Wie ein heißer Apfelkuchen“ (American Pie, 1999), „About a Boy oder: Der Tag der toten Ente“ (About a Boy, 2002), „Meine Frau, unsere Kinder und ich“ (Little Fockers, 2010), „Being Flynn“ (Being Flynn, 2012, ebenfalls mit Julianne Moore) und „Grandma“ (Grandma, 2015).

Reneé Fleming übernahm für Julianne Moore den Gesang.

Ann Patchetts Inspiration für ihren in einem nicht genannten südamerikanischen Land spielenden Roman war die weltweit aufsehen erregende Geiselnahme in der japanischen Botschaft in Lima, Peru, 1996/97. Damals nahmen Mitglieder der Movimiento Revolucionario Túpac Amaru hundertzwanzig hochrangige Geschäftsleute und Politiker als Geisel. Die Geiselnahme wurde nach 126 Tage am 22. April 1997 blutig beendet.

Die Geiselnahme (Bel Canto, USA 2018)

Regie: Paul Weitz

Drehbuch: Paul Weitz, Anthony Weintraub

LV: Ann Patchett: Bel Canto, 2001 (Bel Canto)

mit Julianne Moore, Ken Watanabe, Sebastian Koch, Christopher Lambert, Ryo Kase, Tenoch Huerta, Noé Hernández, Johnny Ortiz, María Mercedes Coroy, Ethan Simpson, Gabo Augustine, Carmen Zilles, Eddie Martinez

DVD

DCM World/Universum Film

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Featurette „Charaktere“, Featurette „Geschichte des Films“, Wendecover

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Geiselnahme“

Metacritic über „Die Geiselnahme“

Rotten Tomatoes über „Die Geiselnahme“

Wikipedia über „Die Geiselnahme“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. Februar: Maggies Plan

Februar 14, 2019

3sat, 22.25

Maggies Plan (Maggie’s Plan, USA 2015)

Regie: Rebecca Miller

Drehbuch: Rebecca Miller (nach einer Geschichte von Karen Rinaldi)

Die New Yorkerin Maggie (Greta Gerwig) will ein Baby und sie hat auch schon den perfekten Samenspender gefunden. Da trifft die Akademikerin zufällig einen Literaturprofessor (Ethan Hawke), verliebt sich in ihn und ihr erster Plan geht in die Binsen. Als drei Jahre später das Zusammenleben mit John nicht so traumhaft ist, wie sie sich erhofft hat, entwirft sie einen neuen Plan.

TV-Premiere: Wunderschöne Screwball-Comedy im New Yorker Intellektuellenmilieu. Das erinnert natürlich an Woody Allen, aber Rebecca Miller hat eine ganz andere Handschrift.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Greta Gerwig, Ethan Hawke, Julianne Moore, Bill Hader, Maya Rudolph, Travis Fimmel, Ida Rohatyn, Wallace Shawn

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Berlinale über „Maggies Plan“

Moviepilot über „Maggies Plan“

Metacritic über „Maggies Plan“

Rotten Tomatoes über „Maggies Plan“

Wikipedia über „Maggies Plan“

Meine Besprechung von Rebecca Millers „Maggies Plan“ (Maggie’s Plan, USA 2015)


TV-Tipp für den 18. August: The Big Lebowski

August 18, 2018

ZDFneo, 20.15

The Big Lebowski (The Big Lebowski, USA 1998)

Regie: Joel Coen

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Rotten Tomatoes über „The Big Lebowski“

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. Januar: Don Jon

Januar 19, 2018

3sat, 22.35

Don Jon (USA 2013, Joseph Gordon-Levitt)

Drehbuch: Joseph Gordon-Levitt

Barkeeper Don Jon (Joseph Gordon-Levitt) ist ein echter Frauenschwarm, der aber Internetpornos jeder echten Beziehung vorzieht. Da lernt er Barbara (Scarlett Johansson) kennen und verliebt sich in die Schönheit, die an die große, romantische Liebe glaubt und dummerweise seine Internetsucht nicht tolerieren will.

Nach einigen Kurzfilmen das überaus gelungene Spielfilmdebüt von Joseph Gordon-Levitt, der ein ernstes Thema unterhaltsam inszenierte.

mit Joseph Gordon-Levitt, Scarlett Johansson, Julianne Moore, Tony Danza, Brie Larson

Hinweise

Moviepilot über „Don Jon“

Metacritic über „Don Jon“

Rotten Tomatoes über „Don Jon“

Wikipedia über „Don Jon“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über George Clooneys Komödie „Suburbicon“

November 9, 2017

Die ersten Minuten sind wundervoll. Zuerst wird uns wunderschön animiert die Stadt Suburbicon vorgestellt. Es ist eine dieser typischen, aus dem Nichts entstandener Suburbs, in denen alles Fünfziger-Jahre-perfekt ist. Hier leben nette Menschen in einer blütenweißen Gegend zusammen und Verbrechen gibt es nicht. Suburbicon ist der wahrgewordene amerikanische Traum.

Dann sehen wir den Postboten bei seinem täglichen Rundgang, bei dem die Bewohner ihn freundlich grüßen und schon über die neuen Nachbarn tuscheln. Als er um die Ecke biegt und sie sieht, entgleiten ihm langsam die Gesichtszüge. Die neuen Nachbarn sind Afroamerikaner, wie man heute sagt. Damals waren sie „Schwarze“, „Negroes“ oder sie wurden einfach mit einigen Schimpfworten belegt.

Für die Bewohner von Suburbicon ist klar: hier ist jeder willkommen, aber nicht die neuen Nachbarn. Eine lautstarke Bürgerwehr gründet sich.

In diesem Moment wird diese Geschichte in George Clooneys neuem Film „Suburbicon“, nach einem Drehbuch von Clooney, Grant Heslov, Joel und Ethan Coen, zu einer Nebengeschichte, die man, wie ein Halloween-Kostüm im Schrank versteckt und nur alle zwölf Monate herausholt.

Stattdessen beginnt der Hauptplot, der nichts, aber auch wirklich nichts mit den neuen Nachbarn zu tun hat. Er trägt auch unübersehbar die Handschrift der Coen-Brüder. Sie schrieben schon vor Jahren das Drehbuch, das Clooney jetzt verfilmte. Clooney verlegte die von den Coens Mitte der achtziger Jahre geschriebene und spielende Geschichte in die fünfziger Jahre. Mit Grant Heslov schrieb er den Subplot über die Familie Meyers, die in der Hoffnung auf das versprochene Paradies nach Suburbicon zieht. Das reale Vorbild für sie war die Familie Myers, die 1957 als erste afroamerikanische Familie nach Levittown zog. Schnell schlossen sich die anderen Bewohner des weißen Vorortes zusammen, um die neuen Nachbarn zu vertreiben. Clooney und Heslov erfuhren von dieser Geschichte aus der zeitgenössischen Dokumentation „Crisis in Levittown“.

Während sich die Bürgerwehr vor dem Haus der Meyers versammelt, beginnt im Nachbarhaus der von den Coen-Brüdern geschriebene Hauptplot, der auf dem Papier allerbeste Coen-Schule ist. Es ist eine herrlich-groteske Noir-Geschichte, in der einige Trottel perfekte Pläne entwerfen und an der Tücke des Objekts scheitern. Am Ende stehen sie vor einem Berg von Problemen.

Es beginnt, fast harmlos, mit einem Einbruch mit Geiselnahme. Die Einbrecher töten dabei die durch einen Autounfall querschnittgelähmte Rose Lodge (Julianne Moore). Ihr Ehemann Gardner (Matt Damon), sein Sohn Nicky (Noah Jupe) und Roses Zwillingsschwester, Tante Margaret, müssen den Mord mitansehen.

Die Polizei geht von einem bedauerlichem Unfall aus. Aber spätestens als die Verbrecher Gardner in seinem Büro besuchen und er und Tante Margaret bei einer polizeilichen Gegenüberstellung behaupten, die Verbrecher nicht zu erkennen, ist klar, dass der Einbruch kein Zufall, sondern Teil eines perfekten Plans war. Ein Plan, der sich jetzt in Luft auflöst. Das ist zwar etwas vorhersehbar, aber vergnüglich, wenn der biedere Familienvater Gardner plötzlich mit Problemen kämpfen muss, von denen er noch nie gehört hat, zum Verbrecher wird und gleichzeitig ein Vorbild für seinen Sohn sein möchte. Falls er ihn nicht doch als unliebsamen Zeugen umbringen muss.

Und hätte Clooney es, wie in „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“, dabei belassen, wäre „Suburbicon“ eine schöne kleine Noir-Komödie mit satirischen Untertönen geworden. So ist sein neuer Film allerdings ein Werk, das über seine eigenen Ambitionen stolpert. Auch weil Haupt- und Nebengeschichte, bis auf einen schalen Witz am Ende, niemals miteinander verknüpft werden. Herrje, man hört im Haus der Lodges sogar niemals den Lärm des vor dem Nachbarhaus lärmenden Mobs.

Suburbicon (Suburbicon, USA 2017)

Regie: George Clooney

Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov, Joel Coen, Ethan Coen

mit Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac, Noah Jupe, Glenn Fleshler, Alex Hassell, Gary Basaraba, Karimah Westbrook, Tony Espinosa, Leith Brooks, Jack Conley, Tony Espinosa

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Suburbicon“

Metacritic über „Suburbicon“

Rotten Tomatoes über „Suburbicon“

Wikipedia über „Suburbicon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Clooneys “Monuments Men – Ungewöhnliche Helden” (Monuments Men, USA/Deutschland 2013)


TV-Tipp für den 14. Oktober: The Big Lebowski

Oktober 14, 2017

ZDFneo, 20.15

The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Rotten Tomatoes über „The Big Lebowski“

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Kingsman: The Golden Circle“ und die Statesman

September 22, 2017

Der erste „Kingsman“-Film „The Secret Service“ war der etwas andere James-Bond-Film, der alles hatte, was alte James-Bond-Fans von einem James-Bond-Film erwarten. Und noch etwas mehr.

Der zweite „Kingsman“-Film „The Golden Circle“ schreibt die Geschichte der Kingsman und von Eggsy (Taron Egerton), der jetzt den Codenamen ‚Galahad‘ hat, fort. Allerdings weniger im Modus eines James-Bond-Films, sondern mehr „eigenständig“ als vergnügliche, mit über hundertvierzig Minuten auch zu lang geratene Nummernrevue mit viel Action. Denn die Story, ein Mix aus Agenten- und Kriminalgeschichte mit einer größenwahnsinnigen Schurkin, ist überall und nirgends.

Es beginnt mit einem Mordanschlag auf Eggsy (Taron Egerton), der uns gleich eine große Actionszene auf den nächtlichen Straßen Londons mit zahlreichen Kollateralschäden beschert, die auch gut in einen James-Bond-Film gepasst hätte. Wenn die Inszenierung der Action nicht zu sehr auf den Kollegen Computer bauen würde.

Dann werden alle Kingsman gleichzeitig bei mehreren explosiven Anschlägen ermordet. Nur Eggsy und Merlin (Mark Strong) überleben. In einem Notfallsafe finden sie einen Hinweis, der sie in die USA nach Kentucky in eine gigantische Whiskey-Destillerie zu ihrer Bruderorganisation ‚Statesman‘ führt und in deren Venen Americana fließt. Die dortigen Agenten Tequila (Channing Tatum, der wegen seines Drogenkonsums schnell tiefgekühlt gelagert wird), sein Kollege Whiskey (Pedro Pascal, „Game of Thrones“, „Narcos“), Ginger Ale (Halle Berry) und ihr Chef Champagne (Jeff Bridges) helfen ihnen gegen den Golden Circle, der für die Anschläge auf die Kingsman verantwortlich ist, vorzugehen.

Der Golden Circle ist eine global aktive Drogenschmuggelorganisation, deren Chefin Poppy (Julianne Moore) nach höheren Weihen strebt. Dafür vergiftet sie jetzt alle ihre Kunden. Das Gegengift gibt es, wenn ihre Forderung nach einer vollständigen Freigabe von Drogen (Hey, klingt vernünftig!) erfüllt wird. Der Präsident der USA (Bruce Greenwood) denkt nicht daran und die Kingsman und die Statesman, vor allem Eggsy und Whiskey, beginnen, quer über den Globus reisend, Poppy und ihr Versteck zu suchen. Das liegt in Südostasien im Dschungel und sieht wie eine US-amerikanische Fünfziger-Jahre-Kleinstadt aus. Mit Diner, Kino und Konzertsaal, mit Elton John als Hauspianisten.

Bis dahin vergeht allerdings viel Filmzeit. Durchaus vergnüglich, aber auch deutlich mehr an einzelnen Episoden, Gags, teils gelungen, teils idiotisch (wie die Roboterhunde), teils geschmacklos, und Subplots zwischen Therapie für ‚Galahad‘ Harry Hart (Colin Firth) und Liebesknatsch zwischen Eggsy und seiner Freundin Prinzessin Tilde (Hanna Alström) interessiert, als am vorantreiben der erschreckend sinnfreien Haupthandlung.

Die Action ist zwar furios im derzeit gängigen, aus Superheldenfilmen bekannten Standard gefilmt, aber sie berührt oft nicht. Denn zu oft ist zu offensichtlich, dass die Szenen nur dank dem großflächigen CGI-Einsatz so aussehen, wie sie aussehen. Dabei haben zuletzt „John Wick: Kapitel 2“, „Atomic Blonde“ und „Baby Driver“ gezeigt, wie mitreisend handgemachte Action ist. Auch der erste „Kingsman“-Film „The Secret Service“ hatte da mit Harry Harts Kampf in einem Pub und einer Kirche Standards gesetzt, die in diesem Film nicht überboten werden. Die Pubszene wird in „The Golden Circle“ zitiert, aber am Ende ist ein Lasso nur ein kläglicher Ersatz für einen Regenschirm.

So ist „Kingsman: The Golden Circle“ ein deutlich zu lang geratener Nachschlag zum ersten „Kingsman“-Film, dem genau der Witz, Stil, erzählerische Stringenz und Überraschungseffekt des ersten Teils fehlt.

Kingsman: The Golden Circle (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn

LV: Mark Millar/Dave Gibbons: The Secret Service, 2012/2013 (Secret Service) (naja, eigentlich „Inspiration“)

mit Taron Egerton, Julianne Moore, Colin Firth, Mark Strong, Channing Tatum, Halle Berry, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Edward Holcroft, Elton John, Hanna Alström, Tom Benedict Knight, Michael Gambon, Sophie Cookson, Björn Granath, Lena Endre, Poppy Delevingne, Bruce Greenwood, Emily Watson

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Kingsman: The Golden Circle“

Metacritic über „Kingsman: The Golden Circle“

Rotten Tomatoes über „Kingsman: The Golden Circle“

Wikipedia über „Kingsman: The Golden Circle“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Bonushinweis

Pünktlich zum Filmstart (obwohl der Comic nichts mit dem Film zu tun hat) erschien bei Panini als vierter Band der „Mark Millar Collection“. „Genosse Superman“ ist Mark Millars Interpretation der Geschichte von Superman. Nur dass der Sohn Kryptons in den Fünfzigern nicht in den USA, sondern einige Kilometer weiter, in der Sowjetunion landete und der, – man beachte das Zeichen auf Supermans Brust -, für andere Werte kämpft.

Genosse Superman“ war für den Eisner Award nominiert.

Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunket: Genosse Superman (Mark Millar Collection Band 4)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2017

172 Seiten

24,99 Euro

Originalausgabe

Superman: Red Son # 1 – 3

DC Comics, 2003

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)


TV-Tipp für den 24. Mai: Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Mai 23, 2017

ZDF, 20.15

Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (Still Alice, USA 2014)

Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland

Drehbuch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland

LV: Lisa Genova: Still Alice, 2009 (Mein Leben ohne Gestern)

Alice hat Alzheimer. Alice ist fünfzig Jahre und Sprachwissenschaftler. Sie und ihre Familie versuchen damit umzugehen.

Berührendes Drama.

Julianne Moore erhielt für ihre Darstellung der Alice unter anderem den Oscar, den Golden Globe, den Bafta und den Screen Actors Guild Award.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin, Kate Bosworth, Hunter Parrish, Shane McRae, Stephen Kunken

Wiederholung: Donnerstag, 25. Mai, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
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Film-Zeit über „Still Alice“
Moviepilot über „Still Alice“
Metacritic über „Still Alice“
Rotten Tomatoes über „Still Alice“
Wikipedia über „Still Alice“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Richard Glatzer/Wash Westmorelands „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ (Still Alice, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Maggies Plan“ geht erfreulich schief

August 5, 2016

Eigentlich ist Maggie eine furchtbare Person. Die Anfang Dreißigjährige, allein lebende New Yorkerin wünscht sich ein Kind und sie hat dafür, inclusive Samenspender, schon alles durchgeplant. Da lernt sie John, einen angenehmen, verständnisvollen und interessierten Gesprächspartner, kennen. Er ist Dozent an der Universität, an der sie ebenfalls ohne große Karriereambitionen arbeitet. Aber er will sich verändern Er sieht sich als Romancier. Er gibt der literaturbegeisterten Maggie sein Manuskript zum Lesen und sie ist begeistert. Er könnte der perfekte Mann sein, wenn er nicht verheiratet wäre und Kinder hätte.

Drei Jahre später fasst Maggie einen neuen Plan. Denn das mit den Kindern hat zwar geklappt. Sie darf sogar auf Johns Kinder aus erster Ehe aufpassen. Aber ihr Traummann, der immer noch an seinem autobiographisch inspiriertem Roman arbeitet, ist der typische Feierabend-Daddy, der sich überhaupt nicht um die Kinder kümmert und die Karriere seiner Frau sabotiert. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus purer Ignoranz. Im Bett klappt es auch nicht mehr.

Weil für Maggie ein normales Beziehungsende zu profan ist, soll John sich wieder in seine Ex-Frau Georgette, eine egozentrische und ehrgeizige Akademikerin, verlieben. Die, so denkt Maggie sich, passen auch besser zusammen. Nur wie bringt man die beiden wieder zusammen?

Ein Plan muss her, der, wie alle Pläne, perfekt ist, bis er auf die Wirklichkeit trifft.

Maggie wird von Greta Gerwig gespielt und allein schon deshalb ist Maggie eine liebenswert-verpeilte Person, die auch gut in einem Woody-Allen-Film ausgehoben wäre. Immerhin spielt Rebecca Millers Screwball-Comedy in diesem New Yorker Intellektuellenmilieu und es geht um deren Liebeswirren und mehr oder weniger intellektuelle Arbeit.

Georgette wird von Julianne Moore gespielt und, auch wenn in der deutschen Fassung ihr dänischer Akzent, wahrscheinlich nicht mehr vorhanden ist (ich habe mich durch die Originalfassung gelacht), sagen ihre Kleider und ihre sich gegen Himmel türmende Frisur alles über diesen Charakter. Auch als kleinste Person dominiert sie den Raum.

Zwischen den beiden Frauen versucht John sein Glück. Ethan Hawke spielt ihn und schon deshalb erinnert sein Möchtegern-Schriftsteller an Jesse aus Richard Linklaters „Before Sunset“/“Before Sunset“/“Before Midnight“. Mit weniger Verantwortungsbewusstsein. Dafür hat er ja zwei Frauen, die sein Schicksal planen.

Bei all den Liebeswirren der in „Maggies Plan“ gezeigten Thirty-Somethings und älter fällt irgendwann auf, dass Maggie und ihr Umfeld Liebe, Ehe und Partnerschaft immer nur in der konservativen Variante von Mann-Frau-Kind buchstabieren. Auch wenn Georgette (mehr) und Maggie (weniger) berufstätig sind.

Maggies Plan - Plakat

Maggies Plan (Maggie’s Plan, USA 2015)

Regie: Rebecca Miller

Drehbuch: Rebecca Miller (nach einer Geschichte von Karen Rinaldi)

mit Greta Gerwig, Ethan Hawke, Julianne Moore, Bill Hader, Maya Rudolph, Travis Fimmel, Ida Rohatyn, Wallace Shawn

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Berlinale über „Maggies Plan“

Moviepilot über „Maggies Plan“

Metacritic über „Maggies Plan“

Rotten Tomatoes über „Maggies Plan“

Wikipedia über „Maggies Plan“

Im AOL Building sprechen die Regisseurin und die Schauspieler über den Film

Beim NYFF wird sich über die Produktion des Films unterhalten. Es sind also die Menschen vor der Kamera, die normalerweise hinter der Kamera sind


TV-Tipp für den 11. Juli: Don Jon

Juli 10, 2016

ZDF, 22.15

Don Jon (USA 2013, Joseph Gordon-Levitt)

Drehbuch: Joseph Gordon-Levitt

Barkeeper Don Jon (Joseph Gordon-Levitt) ist ein echter Frauenschwarm, der aber Internetpornos jeder echten Beziehung vorzieht. Da lernt er Barbara (Scarlett Johansson) kennen und verliebt sich in die Schönheit, die an die große, romantische Liebe glaubt und dummerweise seine Internetsucht nicht tolerieren will.

Nach einigen Kurzfilmen das überaus gelungene Spielfilmdebüt von Joseph Gordon-Levitt, der ein ernstes Thema unterhaltsam inszenierte.

mit Joseph Gordon-Levitt, Scarlett Johansson, Julianne Moore, Tony Danza, Brie Larson

Wiederholung: Mittwoch, 13. Juli, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Don Jon“

Metacritic über „Don Jon“

Rotten Tomatoes über „Don Jon“

Wikipedia über „Don Jon“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Freeheld – Jede Liebe ist gleich“, aber nicht jeder Pensionsanspruch

April 7, 2016

Die Frau erhält die Pension ihres verstorbenen Mannes. Das ist ein ganz einfaches, uns wohlvertrautes Prinzip. Manchmal gibt es Probleme. Wenn, zum Beispiel, sie ihn erkennbar nur wegen Pension heiratete.

Manchmal gibt es auch andere Probleme und von einem erzählt Peter Sollett in seinem auf einem wahren Fall basierendem Spielfilm. In „Freeheld“ geht es um eine Polizistin, die dafür kämpft, dass ihre Pension nach ihrem Tod an ihren Partner ausgezahlt wird. Es gibt nur ein kleines Problem: ihr Partner ist eine Frau – und die fünf gewählten, republikanischen Ocean-County-Bezirksvertreter (die sich Freeholders nennen) meinen, dass eine Pension nur an einen andersgeschlechtlichen Partner ausgezahlt werden könne. Schließlich gelte es die Familie zu schützen und eine Familie bestehe nun einmal aus Mann und Frau, die dann auch Kinder bekommen.

An Kinder hat Detective Laurel Hester (Julianne Moore) nie gedacht. Als der Film 2002 beginnt, hat sie seit zwanzig Jahren als unerschrockene und gute Polizistin gearbeitet. Sie ist respektiert und aufgrund ihrer Arbeit und ihres Charakters auch ein Vorbild für ihre Kollegen in Ocean County, New Jersey. Als sie bei einem Volleyballspiel die neunzehn Jahre jüngere Automechanikerin Stacie Andree (Ellen Page) kennen lernt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem zögert Hester. Sie will Privatleben und Beruf strikt trennen, was aufgrund der unter Polizisten verbreiteten Homophobie vernünftig ist. Aber Andree möchte mit ihrer großen Liebe zusammen sein. Auch in der Öffentlichkeit.

Sie ziehen in ein typisches Vorstadthaus, renovieren es und könnten glücklich sein, wenn nicht 2005 bei Hester nach 23 Dienstjahren Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert würde. Hesters einziger und letzter Wunsch ist, dass ihre Pensionsansprüche auf ihre Lebenspartnerin übertragen werden, damit sie weiterhin im gemeinsamen Haus leben kann. Als die Bezirksvertreter ihr diesen Wunsch verweigern, den sie jedem anderen Staatsdiener, der eine andersgeschlechtliche Person heiratet, problemlos erfüllen (auch wenn die Ehe nur wenige Tage dauerte), beginnt Hester für ihr Recht auf gleiche Behandlung zu kämpfen. Denn Partnerschaft ist Partnerschaft. Unterstützt wird sie dabei von dem großspurig und theatralisch auftretendem Bürgerrechtsaktivisten Steve Goldstein (Steve Carell), der aus den Anhörungen vor den Freeholders ein großes, öffentlichkeitswirksames Theater macht.

Dieses Theater steht natürlich in der Tradition der großen Gerichtsfilme, in denen dann auch die Werte der amerikanischen Gesellschaft und auch die Werte liberaldemokratischer Gesellschaften verhandelt werden. Aber „Freeheld“ ist kein Gerichtsfilm, sondern ein konventionell erzähltes, durchaus auf die Tränendrüse drückendes Liebesdrama, das eben deshalb sehenswert ist. Schließlich richtet Peter Solletts Film, nach einem Drehbuch von „Philadelphia“-Autor Ron Nyswaner, sich nicht an die ohnehin überzeugte LGBT-Gemeinschaft sondern an das Mainstream-Publikum. Diese Zuschauer müssen von dem Anliegen überzeugt werden. Emotional und rational. Für die emotionale Seite sind dann Julianne Moore und Ellen Page zuständig. Steve Carell für die rationale. Und Michael Shannon, der Hesters Kollegen Dane Wells spielt, zeigt die Wandlung eines konservativen Mannes, der sich niemals für die Rechte von Homosexuellen interessierte und der jetzt für die Rechte seiner Arbeitspartnerin kämpft.

Der wahre Fall, der auch in der Oscar-gekrönten Dokumentation „Freeheld“ von Cynthia Wade, die die Inspiration für den Spielfilm war, geschildert wird, und die mit ihm verbundene Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war in den USA einer der Marksteine auf dem Weg zur Entscheidung des United States Supreme Court vom 26. Juni 2015, die allen Amerikanern, auch gleichgeschlechtlichen, die Heirat erlaubt. In Deutschland ist das immer noch nicht möglich.

Freeheld - Plakat

Freeheld – Jede Liebe ist gleich (Freeheld, USA 2015)

Regie: Peter Sollett

Drehbuch: Ron Nyswaner (basierend auf dem Dokumentarfilm „Freeheld“ von Cynthia Wade)

mit Julianne Moore, Ellen Page, Steve Carell, Michael Shannon, Luke Grimes, Gabriel Luna, Skip Sudduth, William Sadler

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Freeheld“

Metacritic über „Freeheld“

Rotten Tomatoes über „Freeheld“

Wikipedia über „Freeheld“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. Dezember: The Big Lebowski

Dezember 11, 2015

3sat, 22.35

The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte

Der neue Film der Coen-Brüder eröffnet im Februar die Berlinale. Hier der äußerst vergnügliche Trailer


DVD-Kritik: „Still Alice“ – Julianne Moores Oscar-Performance

August 5, 2015

Dass Julianne Moore zu den besten Schauspielerinnen ihrern Generation gehört, ist kein Geheimnis. Und dass sie in einigen Klassikern mitspielte, ist ebenfalls kein Geheimnis. Immerhin haben wir „The Big Lebowski“, „Short Cuts“, „Cookie’s Fortune – Aufruhr in Holly Springs“, „Boogie Nights“, „Magnolia“, und, letztes Jahr, „Maps to the Stars“ gesehen. Manchmal mehrmals. Aber erst für ihr Spiel in „Still Alice“ erhielt sie, nachdem sie bereits viermal für einen Oscar nominiert war, den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Verdient.
In dem von Richard Glatzer und seinem Lebenspartner Wash Westmoreland inszeniertem Drama spielt Moore Alice Howland, eine anerkannte, an der Columbia University lehrende Sprachforscherin, die gerade ihren fünfzigsten Geburtstag im Kreis ihrer Familie feierte. Kurz darauf bemerkt die Linguistin, dass irgendetwas mit ihrem Gedächtnis nicht stimmt: ihr fällt ein Wort nicht ein, beim Joggen auf einer vertrauten Strecke verliert sie die Orientierung und sie vergisst Kleinigkeiten. Sie geht zu einem Arzt und der diagnostiziert bei ihr Alzheimer. Normalerweise ist Alzheimer eine Alte-Leute-Krankheit, aber manchmal erkranken auch Jüngere daran und „Still Alice“ zeigt genau den Krankheitsverlauf und was er für den Erkrankten (nämlich den langsamen Verlust von seinem Gedächtnis und damit seinem Leben) und seine Umgebung bedeutet. Weil Alice eine Wissenschaftlerin ist, versucht sie auch analytisch mit der Krankheit umzugehen und weil Alice noch eine junge Frau ist, stellen sich für ihren Ehemann und ihre drei Kinder die mit der Krankheit einhergehenden Probleme etwas anders als bei einer Achtzigjährigen. Und das ist auch der Verdienst von diesem klug inszeniertem und gut gespieltem Drama mit einem absehbarem Ende (Hey, wir kennen alle den groben Verlauf von Alzheimer). Er holt die Krankheit von einer Krankheit alter Menschen in die Mitte der Gesellschaft zurück.
Dass Regisseur Richard Glatzer selbst ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) hatte, verleiht dem Film noch eine zusätzliche dramatische und persönliche Note. Im Gegensatz zu Alzheimer zerstört ALS das motorische Nervensystem; kurz gesagt: man kann sich immer schlechter und weniger bewegen. Bei Glatzer wurde es 2011 diagnostiziert. Während der Dreharbeiten konnte er sich kaum noch bewegen und nur mit einem Sprachcomputer mit dem Team reden. Am 10. März 2015, wenige Tage nach dem Oscar-Gewinn von Julianne Moore, starb er an der Krankheit.
Sicher auch aufgrund dieser eigenen Betroffenheit inszenierten er und Wash Westmoreland das Schicksal von Alice nüchtern, unsentimental und einem präzisen Blick auf ein zunehmend eingeschränktes Leben, garniert mit einigen Informationen über die Krankheit.
Davon abgesehen ist „Still Alice“ allein schon wegen dem grandiosen Spiel von Julianne Moore sehenswert. Sie erhielt fast alle der über fünfzig Nominierungen und Preise für den Film.
Das Bonusmaterial ist ziemlich überschaubaur. Es gibt drei B-Rolls (von denen die dritte etwas interessanter ist) und Interviews mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin und Richard Glatzer und Wash Westmoreland. Gerade die Interviews mit Moore, Glatzer und Westmoreland sind interessant. Die beiden anderen erschöpfen sich, auch aufgrund der Fragen, auch wenn es glaubwürdig klingt, in der üblichen Lobhuddelei.

Still Alice - DVD-Cover

Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (Still Alice, USA 2014)
Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
Drehbuch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
LV: Lisa Genova: Still Alice, 2009 (Mein Leben ohne Gestern)
mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin, Kate Bosworth, Hunter Parrish, Shane McRae, Stephen Kunken

DVD
Polyband
Bild: 16×9 anamorph (1,85:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews, B-Roll, Hörfilm-Fassung
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Still Alice“
Moviepilot über „Still Alice“
Metacritic über „Still Alice“
Rotten Tomatoes über „Still Alice“
Wikipedia über „Still Alice“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. Juni: The Big Lebowski

Juni 18, 2015

ZDFneo, 20.15

The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Julianne Moore sucht die „Maps to the Stars“

März 9, 2015

Während in den USA David Cronenbergs neuer Film gerade in den Kinos anläuft, erscheint er bei uns schon auf DVD – und ich nehme die Gelegenheit wahr, mir den Film wieder ansehen und meine erste Meinung zu überprüfen.
Zum Kinostart schrieb ich:

Natürlich muss in einem Film nicht alles logisch sein. Manchmal muss man halt die Logik links liegen lassen und wenn der Rest stimmt, habe ich als alter Alfred-Hitchcock-Fan kein Problem damit. Auch eine Abfolge absurder Zufälle kann ich akzeptieren. Wenn der Rest stimmt.
In David Cronenbergs neuem Film „Maps to the Stars“ gibt es eine überschaubare Zahl absurder Zufälle, aber viel zu viele vollkommen unlogische Momente; sowohl in der Realität als auch in der Fantasie und wie beide Welten miteinander zusammenhängen. Denn „Maps to the Stars“ spielt in Hollywood. Die Traumfabrik ist natürlich Thema des Films und fast alle Charaktere haben Probleme mit der Realität. Sie haben immer wieder Visionen und Geister hängen überall herum in der Stadt der Engel. Insofern zeigt Cronenberg wieder einmal eine dystopische Welt, in der Schauspieler von ihren Alpträumen verfolgt werden und sie ein gestörtes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben.
So will Havanna Segrand (Julianne Moore), deren Karriere vor sich hin dümpelt, in einem Biopic unbedingt ihre Mutter, zu der sie keine gute Beziehung hatte, spielen. In ihren Tagträumen wird sie von ihrem Geist verfolgt.
Auch der dreizehnjährige Jungstar Benji Weiss (Evan Bird) sieht Geister. Denn der drogensüchtige, frisch aus der Therapie entlassene Kotzbrocken glaubt, dass alle jüngeren Schauspieler ihm die Show stehlen wollen.
Seine Eltern kümmern sich, abgesehen von seiner Karriere, nicht um ihn. Sie pflegen die Fassade des heilen Familienlebens. Benjis Mutter Cristina (Olivia Williams) managt seine Karriere und damit ihr Einkommen. Sein Vater Stafford (John Cusack) ist ein gut verdienender Selbsthilfeguru mit einer TV-Show, der seine Hollywood-Patienten mit einer Gaga-Therapie therapiert, die – immerhin sind wir in einem Cronenberg-Film – an eine Vergewaltigung, bei der das Opfer Geld dafür bezahlt, erinnert.
Ihre Tochter verleugnen sie so gut, dass anscheinend niemand etwas über sie weiß. Sie wurde einfach vor einigen Jahren aus der Familie ausradiert.
Agatha (Mia Wasikowska), die diese Tochter ist, was wir allerdings erst relativ spät im Film erfahren (bis dahin ist sie nur eine junge, schüchterne Frau mit Verbrennungen), kehrt am Filmanfang aus einer geschlossenen Anstalt (auch das erfahren wir erst sehr spät und noch später erfahren wir, warum sie dort war) vom anderen Ende des Landes in einem Greyhound-Bus nach Hollywood zurück, lässt sich von einem Chaffeur (Robert Pattinson), der natürlich in Hollywood Karriere machen möchte, in einer Nobellimousine wie ein Landei, das zum ersten Mal in Hollywood ist, durch die Stadt kutschieren, steigt dann in einem billigem Motel ab und erhält zufällig eine Arbeit bei Havanna Segrand.
Bei ihren Eltern meldet sie sich nicht. Die erfahren auch nur zufällig, dass ihre Tochter wieder zurück ist.
Gerade am Anfang sieht „Maps to the Stars“ wie eine weitere Satire auf Hollywood auf, die gelungen und mit offensichtlichen Anspielungen an Meisterwerke wie Billy Wilders „Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung“, Robert Altmans „The Player“ oder David Lynchs „Mulholland Drive“ anknüpft. Schon früh bewegt Cronenberg sich allerdings von der Hollywood-Satire weg zu einem Geisterfilm. Plötzlich hängen überall Geister herum und sie erscheinen auch jedem; oft ohne dass ein direkter und konkreter Bezug zu den Taten, Wünschen und Ängsten der Person, die sie sieht, erkennbar ist. Eben diese Beliebigkeit, die eine gute Szene mehr schätzt als eine sinnvolle Gesamtkonstruktion der Geschichte, lässt das Interesse schnell erlahmen. Denn ein irgendwie nachvollziehbarer Ursache-Wirkungszusammenhang ist nicht mehr zu erkennen.
Aber das ist noch nicht die letzte Drehung in dieser Geschichte, die zunächst wie ein Ensemblefilm angelegt ist. Die verschiedenen Plots laufen, ziemlich gewollt, zu einem Porträt einer dysfunktionalen und vollkommen verkorksten Familie zusammen, das allerdings wenig interessiert, weil in dem Moment nur noch ein Anything-goes-Gefühl herrscht. Entsprechend wenig schockierend fallen dann die letzten Enthüllungen der Geheimnisse der Familie Weiss aus.
Sie bestätigen nur den Eindruck, dass Regisseur David Cronenberg und Autor Bruce Wagner („Wild Palms“) nicht wussten, was sie letztendlich erzählen wollten.
Wenn man den Film allerdings als einen surrealen Traum sieht, bei dem nichts wirklich zusammenpasst, bei dem jede Erklärung von dem nächsten Bild sabotiert wird, bei dem man sich nur auf den Augenblick konzentriert, dann entwickelt er sicher ungeahnte Qualitäten.

Zuerst einmal: Herzlichen Glückwunsch an Julianne Moore, die vor wenigen Tagen für ihre Rolle in „Still Alice“ den schon lange verdienten Oscar gewonnen hat. Für „Maps to the Stars“ hätte sie ihn, wenn der Film nicht erst vor einigen Tagen regulär in den US-Kinos angelaufen wäre, auch bekommen können. Für die nächste Oscar-Preisverleihung dürfte Cronenbergs Film dann schon etwas zu alt sein.
Und jetzt zu David Cronenbergs „Sunset Boulevard“ (Boulevard der Dämmerung). Auch beim zweiten Sehen ist erschreckend, wie sehr „Maps to the Stars“ in der zweiten Hälfte in sich zusammenfällt. Denn anstatt bei der Hollywood-Satire zu bleiben, wird „Maps to the Stars“ über weite Strecken zu einem Familiendrama, das nicht sonderlich interessiert. Dafür sind die Charaktere zu eindimensional und zu sehr auf Satire getrimmt. Die Enthüllungen aus der Familie Weiss, die uns schockieren sollen, sind in diesen Momenten zu beliebig. Anstatt zu schockieren, lösen sie höchstens das Da-will-aber-jemand-unbedingt-ein-Tabu-brechen-Achselzucken aus. Denn im Gegensatz zu „Chinatown“, wo am Ende Privatdetektiv J. J. Gittes (Jack Nicholson) mit der Fassung ringt, gibt es in „Maps to the Stars“ nur gähnende Langeweile. In diesen Momenten wird die Filmgeschichte nicht mehr von den Charakteren, sondern nur noch vom Willen des Drehbuchautors nach einer einer weiteren Plotwendung vorangetrieben. Also gibt es eine Enttarnung (Inzest!), ein, zwei Morde, Tote und einen erschossenen Hund, dessen Tod von seinem Besitzer wirklich betrauert wird. Im Gegensatz zu all den anderen Toten.
Das ist schade. Denn gerade in der ersten Hälfte gelingen Cronenberg herrlich verdichtete Szenen aus einer sonnigen Vorhölle, in denen alles stimmt.
Das Bonusmaterial besteht hauptsächlich aus Interviews mit den Beteiligten, die vor dem Filmstart für das EPK (Eletronic Press Kit) gemacht wurden. Deshalb konzentriert es sich weniger auf das Informative, sondern mehr auf das Werbliche. Aber gerade die insgesamt gut 33 Minuten Interviewschnipsel geben auch einige Einblick in die Filmgeschichte, ohne etwas Grundlegendes zu verraten. Immerhin sollen die Interviewclips ja in Berichten über den Film verwandt werden und da wäre es blöd, wenn das Ende verraten würde.
Die beiden Featurettes sind in knapp vier Minuten angesehen und die dreizehn Minuten B-Roll sind halt B-Roll.

Maps to the Stars - DVD-Cover 4

Maps to the Stars (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Bruce Wagner
mit Julianne Moore, Robert Pattinson, Mia Wasikowska, John Cusack, Evan Bird, Olivia Williams, Sarah Gadon, Carrie Fisher
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

DVD
MFA
Bild: 1.85:1 (16:)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1, DTS HD 5.1),
Unertitel: Deutsch, SDH (Untertitel für Hörgeschädigte)
Bonusmaterial: Interviews mit David Cronenberg, Julianne Moore, Mia Wasikowska, John Cusack; Robert Pattinson, Olivia Williams, Evan Bird, Bruce Wagner, Martin Katz; B-Roll; Zwei Featurettes; Zwei TV-Spots; Trailer
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die „Maps to the Stars“-Pressekonferenz vom Toronto International Film Festival (TIFF)



Bonushinweis

Cronenberg - Verzehrt - 4

Immer noch nicht gelesen, aber David Cronenbergs erster Roman „Verzehrt“ erhielt schon einige lobende Worte und ganz schlecht kann er nicht sein. Er erzählt von einer Journalistin und einem Fotograf, die viel miteinander skypen. Sie recherchiert in Paris einen Mordfall: der berühmte Philosoph Aristide soll seine Frau ermordet haben. Er fotografiert in Budapest eine riskante Operation und verliebt sich in die Patientin.
Er drehte auch, obwohl sie nichts Ungewöhnliches zeigen, einige sehr verstörende Trailer zum Buch:

Oder, länger, diesen Kurzfilm „The Nest“:



David Cronenberg: Verzehrt
(übersetzt von Tobias Schnettler)
S. Fischer Verlag, 2014,
400 Seiten
22,99 Euro

Originalausgabe
Consumed
Hamish Hamilton (Penguin Canada Books Inc.), 2014

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Maps to the Stars“
Moviepilot über „Maps to the Stars“
Metacritic über „Maps to the Stars“
Rotten Tomatoes über „Maps to the Stars“
Wikipedia über „Maps to the Stars“ 

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014)

David Cronenberg in der Kriminalakte

Und zum Abschluss einige Worte vom Meister. Alle gesprochen im Umfeld der Veröffentlichung von „Verzehrt“:

Er liest aus seinem Roman vor und spricht über ihn (St. Francis College, 2. Oktober 2014)

Ein Gespräch zum Roman „Verzehrt“; nicht nur über den Roman (aufgenommen Ende September in Toronto bei einer öffentlichen Prösentation; Bild und Ton sind – naja):

Und Wired hat sich ebenfalls mit David Cronenberg über seinen Roman unterhalten:

 


Neu im Kino/Filmkritik: Der „Seventh Son“ kämpft gegen Hexen, Dämonen und böse Geister

März 5, 2015

Fans von Jeff Bridges und Julianne Moore können getrost auf „Seventh Son“ verzichten.
Auch die Fans von Joseph Delaneys Jugendbuch „Spook – Der Schüler des Geisterjägers“ dürften von „Seventh Son“ enttäuscht sein. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Delaneys Roman, der der Auftakt einer erfolgreichen Kinder-/Jugendbuch-Serie, die es inzwischen auf dreizehn Romane gebracht hat, so schlecht wie Sergei Bodrovs Verfilmung ist. Und, wenn wir gerade dabei sind, Sergei Bodrovs vorherige Filme, wie „Der Mongole“, dürften auch alle besser als dieses halbgare Fantasy-Abenteuer sein, das nie weiß, welche Geschichte es denn nun erzählen möchte, während die Programmierer sich im Pixelrausch austoben.
In der „Seventh Son“-Fantasy-Welt gibt es natürlich Hexen und sonstige nicht ganz menschliche Wesen. Als Kämpfer gegen sie und die Schwarze Magie gibt es sogenannte Spooks. Einer von ihnen ist John Gregory (Jeff Bridges im „True Grit“-Modus), dessen Schüler gerade von der Hexe Mutter Malkin (Julianne Moore in „Razzie“-Hoffnung) getötet wurde. Also sucht Gregory einen neuen Schüler, der der siebte Sohn eines siebten Sohns sein muss. Das sind nämlich ganz starke Jünglinge. Tom (Ben Barnes) ist der Auserwählte, der auch der Sohn einer Hexe ist; was für seine seherischen Qualitäten gut ist. Ach ja: es gibt drei Arten von Hexen: die Guten, die Bösen und die, die es noch nicht wissen. – – – Kein Kommentar zu diesem Hexenkonzept. Immerhin ist nicht jede Frau eine Hexe.
Jedenfalls bandelt der Jüngling auch mit einer Schönheit an, die sich als Hexe entpuppt. Sie sagt, dass sie keine böse Hexe sei und schon steht ihrer Liebe nichts mehr im Weg. Außerdem ist seine Mutter auch eine Hexe.
Weil es demnächst wieder einen Blutmond gibt und Mutter Malkin dann halt tun will, was böse Hexen so tun, muss Gregory Tom schnell ausbilden und mit dem Jüngling in die Schlacht ziehen.
Und irgendwann erfahren wir auch, dass Toms Lehrmeister und Mutter Malkin eine gemeinsame Vergangenheit haben.
Bodrov erzählt diese Geschichte nach einem Drehbuch von Charles Leavitt („The Mighty – Gemeinsam sind sie stark“, „K-PAX – Alles ist möglich“, „Blood Diamond“) und Steven Knight („Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „No turning back“, „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“), die hier wohl ihr schlechtestes Werk ablieferten. Denn nie kann sich der Film entscheiden, ob er jetzt die Geschichte von John Gregory, dem Lehrer, der gegen seine frühere Geliebte kämpfen muss, und der einen großen Verschleiß an Auszubildenden hat, oder die von Tom, der von Jungen zum Mann wird, erzählen will. Also werden einfach einige Szenen nacheinander abgehandelt, die wohl so etwas wie die Origin Story von Tom ergeben sollen, die aber vor allem langweilen. Und – auch wenn das Drehbuch vielleicht viel besser war – ist der Film einfach nur eine lustlose Abfolge sattsam bekannter Szenen mit viel CGI und wenig Herz. Natürlich in 3D.
Da sieht man sich besser noch einmal Percy Jackson an.
P. S.: Gedreht wurde der Film bereits 2012. Danach gab es zwischen den Studios etwas Hin und Her.

Seventh Son - Plakat
Seventh Son (Seventh Son, USA/Großbritannien 2014)
Regie: Sergei Bodrov
Drehbuch: Charles Leavitt, Steven Knight, Matt Greenberg (Filmgeschichte)
LV: Joseph Delaney: The Spook’s Apprentice, 2004 (US-Titel: The Last Apprentice: Revenge of the Witch) (Spook – Der Schüler des Geisterjägers)
mit Jeff Bridges, Ben Barnes, Julianne Moore, Alicia Vikander, Antje Traue, Olivia Williams, John DeSantis, Kit Harington, Djimon Hounsou, Gerard Plunkett, Jason Scott Lee
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Seventh Son“
Moviepilot über „Seventh Son“
Metacritic über „Seventh Son“
Rotten Tomatoes über „Seventh Son“
Wikipedia über „Seventh Son“ (deutsch, englisch)
Homepage von Joseph Delaney

Auf der Comic-Con. 2011. Vor dem Start der Dreharbeiten reden Sergei Bodrow, Jeff Bridges, Ben Barnes und Alicia Vikander über den Film

2013 waren sie wieder auf der Comic-Con. Sergei Bodrow, Jeff Bridges, Ben Barnes, Antje Traue und Kit Harrington reden über den Film (Bild- und Tonqualität sind nicht so gut)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Altman“ porträtiert den „M. A. S. H.“-Regisseur

Februar 19, 2015

Ich wünsche dem Film viele Zuschauer. Im TV. Als Begleitprogramm einer umfangreichen Robert-Altman-Retrospektive, gerne auch mit weiteren Dokus über Robert Altman und seine Filme, die dann in die Tiefe gehen. Denn „Altman“ von Ron Mann ist eine ziemlich oberflächlich geratene Dokumentation über den Regisseur Robert Altman (20. Februar 1925 – 20. November 2006), in der einfach chronologisch sein Leben abgehandelt wird.
Dabei ist der Blick auf seine unbekannten Anfangsjahre als Industriefilmer und TV-Serienregisseur (unter anderem „Alfred Hitchcock präsentiert“ und „Bonanza“) interessant, weil man vor allem seine Spielfilme kennt, die oft Ensemblefilme sind. Einige seiner Filme, wie „M. A. S. H.“, „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, „Nashville“, „Buffalo Bill und die Indianer“, „The Player“ und „Short Cuts“, wurden zu Klassikern, die auch in „Altman“ mit kurzen Ausschnitten gezeigt werden und einen anregen, sich die Filme wieder anzusehen.
Altman-Fans werden sich auch über die bislang unveröffentlichten Privataufnahmen und die Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen, die während verschiedener Dreharbeiten entstanden, freuen.
Auch die vielen O-Töne von Robert Altman sind erfreulich. Sie entstanden bei TV-Sendungen, Publikumsgesprächen und Preisverleihungen, wie seine Rede als er 2006 den Ehrenoscar für sein Lebenswerk erhielt. Sie dürften weitgehend unbekannt sein.
Die vielen bekannten Schauspieler, die mit Robert Altman zusammenarbeiteten und in den Credits von „Altman“ genannt werden, haben im Film nur Kürzestauftritte, in denen sie mit einem Wort oder einem Satz „Altmanesque“ erklären. Das ist eine nette Spielerei, die vor allem eine vertanene Möglichkeit ist. Da hat man Größen wie Keith Carradine, Elliott Gould, Sally Kellerman und Lily Tomlin, die öfters mit Altman zusammen arbeiteten, und Stars wie James Caan und Robin Williams, die nur in einem seiner Filme mitspielten, vor der Kamera und lässt sich von ihnen nichts über ihre Erlebnisse mit Robert Altman erzählen.
Sowieso wagt „Altman“ nie einen kritischen Blick auf den Regisseur. Es kommen nur der Regisseur selbst in Auftritten vor einem Publikum, seine Familie und Mitarbeiter, die ihn bewundern, zu Wort. Aber nie wird Altmans Werk von Filmhistorikern eingeordnet. Ron Mann bildet auch keine thematische Schwerpunkte. Er beschränkt sich auf die nackte Chronologie und das Erwähnen der bekannten Filme.

Altman - Plakat

Altman (Altman, Kanada 2014)
Regie: Ron Mann
Drehbuch: Len Blum
mit Robert Altman, Kathryn Reed Altman, Matthew Seig, Paul Thomas Anderson, James Caan, Keith Carradine, Elliott Gould, Philip Baker Hall, Sally Kellerman, Lyle Lovett, Julianne Moore, Michael Murphy, Lily Tomlin, Robin Williams, Bruce Willis
Länge: 95 Minuten
FSK: ?

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Altman“
Moviepilot über „Altman“
Rotten Tomatoes über „Altman“
Wikipedia über Robert Altman
Robert Altman in der Kriminalakte

Robert Altman erhält den Ehrenoscar

Ein längeres Interview von Elvis Mitchell mit ihm


Neu im Kino/Filmkritik: David Cronenberg präsentiert die „Maps to the Stars“ mit vielen Stars

September 11, 2014

Natürlich muss in einem Film nicht alles logisch sein. Manchmal muss man halt die Logik links liegen lassen und wenn der Rest stimmt, habe ich als alter Alfred-Hitchcock-Fan kein Problem damit. Auch eine Abfolge absurder Zufälle kann ich akzeptieren. Wenn der Rest stimmt.
In David Cronenbergs neuem Film „Maps to the Stars“ gibt es eine überschaubare Zahl absurder Zufälle, aber viel zu viele vollkommen unlogische Momente; sowohl in der Realität als auch in der Fantasie und wie beide Welten miteinander zusammenhängen. Denn „Maps to the Stars“ spielt in Hollywood. Die Traumfabrik ist natürlich Thema des Films und fast alle Charaktere haben Probleme mit der Realität. Sie haben immer wieder Visionen und Geister hängen überall herum in der Stadt der Engel. Insofern zeigt Cronenberg wieder einmal eine dystopische Welt, in der Schauspieler von ihren Alpträumen verfolgt werden und sie ein gestörtes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben.
So will Havanna Segrand (Julianne Moore), deren Karriere vor sich hin dümpelt, in einem Biopic unbedingt ihre Mutter, zu der sie keine gute Beziehung hatte, spielen. In ihren Tagträumen wird sie von ihrem Geist verfolgt.
Auch der dreizehnjährige Jungstar Benji Weiss (Evan Bird) sieht Geister. Denn der drogensüchtige, frisch aus der Therapie entlassene Kotzbrocken glaubt, dass alle jüngeren Schauspieler ihm die Show stehlen wollen.
Seine Eltern kümmern sich, abgesehen von seiner Karriere, nicht um ihn. Sie pflegen die Fassade des heilen Familienlebens. Benjis Mutter Cristina (Olivia Williams) managt seine Karriere und damit ihr Einkommen. Sein Vater Stafford (John Cusack) ist ein gut verdienender Selbsthilfeguru mit einer TV-Show, der seine Hollywood-Patienten mit einer Gaga-Therapie therapiert, die – immerhin sind wir in einem Cronenberg-Film – an eine Vergewaltigung, bei der das Opfer Geld dafür bezahlt, erinnert.
Ihre Tochter verleugnen sie so gut, dass anscheinend niemand etwas über sie weiß. Sie wurde einfach vor einigen Jahren aus der Familie ausradiert.
Agatha (Mia Wasikowska), die diese Tochter ist, was wir allerdings erst relativ spät im Film erfahren (bis dahin ist sie nur eine junge, schüchterne Frau mit Verbrennungen), kehrt am Filmanfang aus einer geschlossenen Anstalt (auch das erfahren wir erst sehr spät und noch später erfahren wir, warum sie dort war) vom anderen Ende des Landes in einem Greyhound-Bus nach Hollywood zurück, lässt sich von einem Chaffeur (Robert Pattinson), der natürlich in Hollywood Karriere machen möchte, in einer Nobellimousine wie ein Landei, das zum ersten Mal in Hollywood ist, durch die Stadt kutschieren, steigt dann in einem billigem Motel ab und erhält zufällig eine Arbeit bei Havanna Segrand.
Bei ihren Eltern meldet sie sich nicht. Die erfahren auch nur zufällig, dass ihre Tochter wieder zurück ist.
Gerade am Anfang sieht „Maps to the Stars“ wie eine weitere Satire auf Hollywood auf, die gelungen und mit offensichtlichen Anspielungen an Meisterwerke wie Billy Wilders „Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung“, Robert Altmans „The Player“ oder David Lynchs „Mulholland Drive“ anknüpft. Schon früh bewegt Cronenberg sich allerdings von der Hollywood-Satire weg zu einem Geisterfilm. Plötzlich hängen überall Geister herum und sie erscheinen auch jedem; oft ohne dass ein direkter und konkreter Bezug zu den Taten, Wünschen und Ängsten der Person, die sie sieht, erkennbar ist. Eben diese Beliebigkeit, die eine gute Szene mehr schätzt als eine sinnvolle Gesamtkonstruktion der Geschichte, lässt das Interesse schnell erlahmen. Denn ein irgendwie nachvollziehbarer Ursache-Wirkungszusammenhang ist nicht mehr zu erkennen.
Aber das ist noch nicht die letzte Drehung in dieser Geschichte, die zunächst wie ein Ensemblefilm angelegt ist. Die verschiedenen Plots laufen, ziemlich gewollt, zu einem Porträt einer dysfunktionalen und vollkommen verkorksten Familie zusammen, das allerdings wenig interessiert, weil in dem Moment nur noch ein Anything-goes-Gefühl herrscht. Entsprechend wenig schockierend fallen dann die letzten Enthüllungen der Geheimnisse der Familie Weiss aus.
Sie bestätigen nur den Eindruck, dass Regisseur David Cronenberg und Autor Bruce Wagner („Wild Palms“) nicht wussten, was sie letztendlich erzählen wollten.
Wenn man den Film allerdings als einen surrealen Traum sieht, bei dem nichts wirklich zusammenpasst, bei dem jede Erklärung von dem nächsten Bild sabotiert wird, bei dem man sich nur auf den Augenblick konzentriert, dann entwickelt er sicher ungeahnte Qualitäten.

Maps to the Stars - Plakat - 4

Maps to the Stars (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Bruce Wagner
mit Julianne Moore, Robert Pattinson, Mia Wasikowska, John Cusack, Evan Bird, Olivia Williams, Sarah Gadon, Carrie Fisher
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Maps to the Stars“
Moviepilot über „Maps to the Stars“
Metacritic über „Maps to the Stars“
Rotten Tomatoes über „Maps to the Stars“
Wikipedia über „Maps to the Stars“ 

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Die brandaktuelle Pressekonferenz vom Toronto International Film Festival (TIFF)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Flugzeug-Thriller „Non-Stop“ hilft nicht gegen Flugangst

März 16, 2014

Als Liam Neeson 2008 mit „96 Hours“ (Taken) seinen ersten reinrassigen Actionfilm drehte, war er bereits seit Ewigkeiten ein respektierter Schauspieler, dessen Ausflug in das „Star Wars“-Universum galant zugunsten von „Schindlers Liste“ verschwiegen wurde und der damals durchaus glaubhauft sagte, er wolle in einem Actionfilm mitspielen ehe er zu alt für diese Rollen werde. „96 Hours“ war so erfolgreich, dass inzwischen auch offiziell eine zweite Fortsetzung in Arbeit ist und Neeson zu einem veritablen Action-Darsteller wurde.

Neesons neuester Film „Non-Stop“, wieder unter der Regie von „Unknown Identity“-Regisseur Jaume Collet-Serra, führt diesen Strang von seiner Arbeit, auf die er sich die vergangenen Jahre konzentrierte, gelungen fort. Dieses Mal spielt er Bill Marks, einen U. S. Air Marshal und Trinker, der allerdings als großstadtgeschulter Ex-NYPD-Cop noch im Terminal die potentiell bedrohlichen Passagiere identifiziert. In der voll besetzten 747 plaudert der Flugbegleiter notgedrungen mit seiner Sitznachbarin Jen Summers (Julianne Moore), bis er eine Textnachricht auf sein Telefon erhält. Der Absender der Nachricht fordert 150 Millionen Dollar auf ein Bankkonto. Wenn seine Forderung nicht erfüllt wird, stirbt nach zwanzig Minuten der erste Passagier.

Marks versucht den Absender, der im Flugzeug sein muss und über jeden Schritt von Marks informiert ist, vor dem Verstreichen des Ultimatums zu identifizieren. Wenige Sekunden bevor die Zeit verstrichen ist, entdeckt er den mutmaßlichen Täter und stürmt auf ihn zu. Er bringt ihn um und muss wenige Minuten später, mit der nächsten Textnachricht, feststellen, dass er sich geirrt hat.

In den nächsten Minuten verschlimmert sich seine Lage immer mehr. Denn so sehr er sich auch bemüht, den oder die Erpresser zu finden, kann er nichts gegen ihr 20-Minuten-Ultimatum tun. Es sterben weitere Passagiere. Außerdem glauben seine Vorgesetzten, dass er die Maschine entführte. Immerhin soll das Geld auf ein unter seinem Namen laufendes Konto überwiesen werden. Und Marks‘ Handlungen erscheinen zunehmend irrational.

Non-Stop“ bewegt sich spannend in den durchaus bekannten Genrepfaden. Die Schaupieler und die Regie bieten hochenergetische Suspense, die sich bis auf die ersten und letzten Filmminuten im Flugzeug spielt und quasi in Echtzeit abläuft. Das Drehbuch forciert spannungsfördernd das Tempo. Die falschen Fährten sind klug gelegt und der Film steuert, mit etlichen unlogischen Punkten, die einem beim Ansehen eben wegen des Erzähltempos gar nicht so sehr auffallen, zielstrebig auf das große Finale zu, bei dem es dann auch ordentlich kracht und die Täter und ihr pseudo-politisches Motiv enthüllt werden. Tricktechnisch ist das Ende allerdings eher mau realisiert. Da wünschte ich mir wieder eine Rückkehr zur Prä-CGI-Ära.

Unlogisch ist, zum Beispiel, dass die unbekannten Erpresser präzise wie ein Schweizer Uhrwerk alle zwanzig Minuten einen Menschen sterben lassen. Dabei können sie sich oft auf die Hilfe von Unbeteiligten verlassen und so den Verdacht in andere Richtungen lenken. So entdeckt Marks genau vor dem Ablauf des ersten Ultimatums einen Verdächtigen, den er dann auch gleich umbringt. Nur: woher wussten die Entführer, dass er ihn entdeckt, dass es zu einem Kampf kommt und dass Marks den Kampf gewinnt? Denn wenn Marks nicht gewonnen hätte oder der Verdächtige etwas gesagt hätte, wäre der Film wohl ziemlich schnell vorbei gewesen.

Und so gibt es noch etliche weitere Punkte, bei denen man nicht allzu genau nachdenken sollte. Aber mit Liam Neeson und Julianne Moore gelingt das ziemlich einfach.

Jaume Collet-Serra liefert, wie schon bei seiner ersten Zusammenarbeit mit Liam Neeson „Unknown Identity“, viel Suspense, ein gutes Gefühl für den Schauplatz und etwas krachige Action.

P. S.: Eine Meldung für die Lawrence-Block-Fans: Endlich ist die lange geplante Matt-Scudder-Verfilmung „A Walk among Tombstones“ nicht mehr ein Mär aus Hollywoods-Entwicklungshölle, sonden Realität. „Out of Sight“-Autor Scott Frank verfilmte sein Drehbuch mit Liam Neeson in der Hauptrolle. US-Kinostart ist am 19. September. Der deutsche Kinostart ist noch unklar.

Non-Stop - Teaser

Non-Stop (Non-Stop, USA 2013)

Regie: Jaume Collet-Serra

Drehbuch: John W. Richardson, Chris Roach, Ryan Engle (nach einer Geschichte von John W. Richardson und Chris Roach)

mit Liam Neeson, Julianne Moore, Scoot McNairy, Tom Bowen, Michelle Dockery, Lupita Nyong’o, Nate Parker, Corey Stoll, Omar Metwally, Jason Butler Harner, Linus Roache, Shea Whigham, Anson Mount

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Non-Stop“

Moviepilot über „Non-Stop“

Metacritic über „Non-Stop“

Rotten Tomatoes über „Non-Stop“

Wikipedia über „Non-Stop“ (deutsch, englisch)