Brad Anderson, der vor allem als Regisseur für TV-Serien wie „Fringe“, „The Killing“ (die US-Version von „Kommissarin Lund“), „Boardwalk Empire“, „Treme“, „The Wire“, „Person of Interest“ und „The Shield“ sein Geld verdient, hat auch einige beachtliche Kinofilme inszeniert, wie „Transsiberian“ (Edgar-nominiert), „Der Maschinist“ und „Session 9“ (Regiepreis in Sitges), die als astreine Thriller immer auch einen Tick besser als der Rest waren. Auch sein neuester Film „The Call – Leg nicht auf!“ ist ein Thriller, der die Genrekonventionen bedient und mit einigen gelungenen Überraschungen spannend unterhält. Früher nannte man so etwas B-Picture. Denn Genrejunkies können sich schon nach der Entführung der Schülerin Casey (Abigail Breslin) tagsüber in einem Parkhaus ausrechnen, wie die Geschichte in groben Zügen weiter- und ausgeht. Aber das hat uns bei einem Western auch nie gestört.
Casey gelingt es mit dem Prepaid-Telefon ihrer Freundin, das sich aufgrund der fehlenden GPS-Funktion nicht genau orten lässt, aus dem Kofferraum des Entführerautos den Notruf zu wählen. In der Notrufzentrale übernimmt Jordan Turner (Halle Berry) den Anruf. Sie versucht die panische Casey zu beruhigen, versucht herauszufinden, in was für einem Auto Casey liegt, zeigt ihr Möglichkeiten auf, wie sie auf sich aufmerksam machen kann, indem sie das Rücklicht zerstört, winkt und Farbe auf die Straße kippt, und koordiniert anhand von Caseys spartanischen Hinweisen auf die Beschaffenheit der Straße, Gebäude und Bäume die Polizei, die auf den Straßen von Los Angeles das Auto sucht.
Anderson zieht aus dieser Situation eine beträchtliche Spannung. Auch weil Caseys Entführer Casey, wie Jordan herausfindet, ein Serienmörder ist und damit Caseys Überlebensaussichten gegen Null tendieren. Dass dann Caseys Flucht- und die Rettungsversuche der Polizei und von anderen Personen alle schief gehen, gehört zu den Genrekonventionen. Ebenso dass am Ende Jordan dem Entführer gegenübersteht in einer Konfrontation, die eher in einen Horrorfilm (mit der Deko aus einem Torture-Porn-Film) als in einen Thriller gehört. Erfreulich und auch bemerkenswert für einen US-Thriller ist dabei, auch wenn der Bösewicht während Caseys Entführung mehrere Menschen ermordet, der Verzicht auf Schusswaffen. Er nimmt einfach das, was gerade zur Hand ist. Ärgerlich, weil überflüssig und auch nicht aus dem Charakter von Casey und Jordan erklärbar, ist die allerletzte Wendung in der letzten Minute des Films die nur auf einen billigen Überraschungseffekt zielt.
Davon abgesehen ist „The Call“ ein guter, sich in den Genrekonventionen bewegender, hochenergetisch erzählter Thriller mit einer starken Heldin.
The Call – Leg nicht auf! (The Call, USA 2013)
Regie: Brad Anderson
Drehbuch: Richard D’Ovidio (nach einer Geschichte von Richard D’Ovidio, Nicole D’Ovidio und Jon Bokenkamp)
mit Halle Berry, Abigail Breslin, Michael Eklund, Morris Chestnut, David Otunga, Michael Imperioli
Leonard Kastles einziger Spielfilm. Dabei wurde beim Kinostart der auf dem „Lonely Hearts Killers“-Fall basierende Film des Opernkomponisten und Musikprofessors von der Kritik gelobt. Regisseur Francois Truffaut nannte ihn seinen liebsten US-Film. Inzwischen ist die schwarze Satire auf den American Way of Life ein Kultfilm, der nichts von seiner subversiven Kraft verloren hat. Das liegt auch an dem Liebespaar, das im Mittelpunkt des Films steht: die dicke, eifersüchtige Krankenschwester Martha Beck (Shirley Stoler, Filmdebüt) verliebt sich in den Gigolo und Heiratsschwindler Ray Fernandez (Tony Lo Bianco) – und er in sie. Gemeinsam suchen sie per Anzeige reiche, alleinstehende Frauen und ermorden sie.
1949 wurden sie zum Tode verurteilt und 1951 wurde die Todesstrafe vollzogen.
mit Shirley Stoler, Tony Lo Bianco, Mary Jane Higby, Doris Roberts, Kip McArdle, Marilyn Chris, Dortha Duckworth
Zwischen all den lauten und extrem teuren Sommerblockbustern ist „Die Unfassbaren – Now you see me“ von Louis Leterrier eine willkommene Abwechslung, die in den USA auch überraschend erfolgreich war. Das lag sicher zu einem guten Teil an der Besetzung. Jesse Eisenberg, Woody Harrelson, Isla Fisher und Dave Franco spielen das Zauberer-Quartett „The Four Horsemen“, die mit ihren Tricks in ihren pompösen Shows die Massen verzücken. Dabei waren sie vor einem Jahr noch vier Individualisten, die sich mehr schlecht als recht mit ihren Shows, billigen Tricks und Taschendiebstählen durchschlugen, bis sie eine geheimnisvolle Einladung erhielten und von einem bis zum Schluss im Dunklen bleibendem Mastermind eingeladen wurden, gemeinsam bei einer großen Sache mitzumachen.
Ihr erster gemeinsamer Auftritt im Film ist in Las Vegas im MGM Grand vor 5000 Zuschauern. Sie wählen zufällig einen Mann aus, der Bankdirektor in Paris ist, und rauben mit seiner Hilfe in Paris die Bank aus, während sie in Las Vegas auf der Bühne stehen und die Beute vom Bankraub in den Saal regnen lassen.
Dieser unmögliche Bankraub, der aber dennoch stattgefunden hat, ist nur der Auftakt für weitere Zaubershows in New Orleans und New York. Finanziert werden sie dabei einem Milliardär (Michael Caine), der sich ein großes Geschäft mit den „Four Horsemen“ verspricht. Verfolgt werden sie von einem FBI-Agenten (Mark Ruffalo), einer französischen Polizisten (Mélanie Laurent) und einem Ex-Zauberer, der die Tricks von Zauberer enthüllt (Morgan Freeman).
Allein schon diese Besetzung, und dann noch in einer niveauvollen Heist-Komödie, ist die halbe Miete.
Die andere Hälfte ist das Drehbuch von Ed Solomon, Boaz Yakin und Edward Ricourt, das kunstvoll die falschen Fährten auslegt und dabei, wie eine Zaubershow, die Zuschauer immer wieder von der richtigen Fährte ablenkt, aber auch immer wieder Tricks enthüllt und so auch immer wieder Hinweise auf die weitere Handlung, den Hintermann und die Ablenkungen, die von etwas anderem ablenken sollen, gibt. Das ist ziemlich clever gemacht, aber wenn man das Prinzip der Tricks und Ablenkungen durchschaut hat, wirkt „Die Unfassbaren“ auch etwas vorhersehbar und, nach dem spektakulären Paris-Las-Vegas-Bankraub, sind die weiteren großen Zauberkunststücke der Zauberer weniger spektakulär. Dass die Charaktere, die Guten wie die Bösen (wobei während des Films unklar ist, wer am Ende die Guten und wer die Bösen sind), alle nur Figuren in einem Spiel sind, reflektiert dann wieder den Charakter des Films, der, wie eine Zaubershow, nur vergnügliche Abendunterhaltung sein will. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und als intelligente Unterhaltung im Stil von „Ocean’s Eleven“ oder „Topkapi“ (wenn die „Four Horsemen“ Bösewichter sind) oder von „Ihr Auftritt, Al Mundy“ (It takes a Thief) oder „Leverage“ (wenn die „Four Horsemen“ moderne Robin Hoods sind) ist „Die Unfassbaren“ ein kurzweiliger Spaß.
Die Unfassbaren – Now you see me (Now you see me, USA 2013)
Regie: Louis Leterrier
Drehbuch: Ed Solomon, Boaz Yakin, Edward Ricourt
mit Jesse Eisenberg, Isla Fisher, Woody Harrelson, Dave Franco, Mark Ruffalo, Mélanie Laurent, Morgan Freeman, Michael Caine, Common, Michael J. Kelly
LV: Mark Millar/John S. Romita Jr.: Kick-Ass, 2008 – 2010 (Comic)
Dave, ein Junge ohne besondere Fähigkeiten, will zu einem Superhelden werden. Seine ersten Taten sorgen auf YouTube für grandiose Klickzahlen und noch mehr Gelächter. Da trifft er Hit Girl und Big Daddy – und er ist in einem veritablen Kampf zwischen Gut und Böse verwickelt.
Köstliche, ziemlich brutale und vollkommen respektlose Parodie auf das Superheldentum in Comics und Filmen.
mit Aaron Johnson, Chloe Moretz, Christopher Mintz-Plasse, Mark Strong, Nicholas Cage
Als William Lustigs erster Spielfilm unter seinem Namen (davor drehte er zwei Pornos) 1980 in die Kinos kam, waren die Kritiken für „Maniac“, wie man in der „Gallery of Outrage“ im Bonusmaterial der jetzt veröffentlichten DVD nachlesen kann, ziemlich negativ. Denn auf den irgendwie gearteten guten Geschmack nahm er keine Rücksicht. Es war ein billig gedrehter Exploitation-Film reinsten Wasser. Ein Film, der New York als Vorhölle zeigte, die die paranoiden Visionen von „Ein Mann sieht rot“ und „Taxi Driver“ als lauschige Nachmittagsunterhaltung erscheinen ließ. Lustig erzählte seinen Film aus der Sicht eines wahnsinnigen Täters, der grundlos Frauen bestialisch ermordet, und so verfügt „Maniac“ über keinen moralischen Kompass, der das Tun seines Protagonisten irgendwie rechtfertigen oder in eine moralisch einwandfreie Perspektive rücken könnte. Hauptdarsteller Joe Spinell in der Rolle seines Lebens, erfand diesen Killer und spielte ihn beeindruckend als von inneren Stimmen, sexuellen Trieben und Hass getriebenen Frauenmörder, der in seiner abgeranzten Wohnung von Schaufensterpuppen umgeben ist, denen er die Haare der von ihm skalpierten Frauen auf den Kopf heftet. Spinell gelingt es, dass wir mit dem von ihm gespielten Frank Zito mitfühlen. Ihn nicht nur als Bestie, sondern auch als getriebenen Menschen sehen.
Die Filmgeschichte erschöpft sich dann weitgehend in einer Aneinanderreihung von Suspense-Momenten, in denen Zito Frauen beobachtet, verfolgt und tötet. Das ist natürlich spannend, aber auch immer auf den schnellen Dollar im nächsten Autokino (vulgo Bahnhofskino) angelegt und kommerziell war der sehr billig, teils ohne Drehgenehmigung in New York gedrehte Film ein Erfolg.
Später wurde „Maniac“ ein kleiner Kultfilm für die Horrorfilmgemeinde, der – natürlich – in Deutschland beschlagnahmt wurde. 1983 vom Landgericht München, wegen eines Verstoßes gegen § 131 StGB (Gewaltdarstellung). Damit war Lustigs Film, wie auch einige andere, inzwischen teilweise zu Klassikern gewordenen Horrorfilme, faktisch vom deutschen Markt verschwunden.
Es wurde später eine FSK-16-Version erstellt, die den 88-minütigen Film um sechs Minuten kürzte. Letztendlich wurden die Morde bis zur Unkenntlichkeit gekürzt, aber die nihilistische Atmosphäre der nackten Angst bleibt erhalten.
„Maniac“ ist kein guter Film, aber als Einblick in das Leben eines Wahnsinnigen und als Vorbild für künftige Slasher-Filme, die immer brutaler wurden, ist er ein wichtiger Film. Außerdem sorgt er heute immer noch für Unwohlsein. Nicht wegen der Morde, die aus heutiger Sicht ziemlich zahm inszeniert sind, sondern wegen seiner schwarzen Vision der Gesellschaft.
2012 produzierte Horrorfilmregisseur Alexandre Aja („Mirrors“, „The Hills have Eyes“ [Remake]) ein Remake, das bei uns ungekürzt als „Alexandre Ajas Maniac“ in die Kinos kam. Für die DVD-Auswertung wurde der Film für die FSK-ab-18-Jahre-Version um über zwei Minuten gekürzt.
Regisseur Franck Khalfoun verlegte die Geschichte von der Ost- an die die Westküste, ließ Frank andere Morde begehen, behielt aber Lustig und Spinells Vision bei und mit Elijah Wood (Frodo in „Der Herr der Ringe“, Kevin in „Sin City“) konnte er sogar einen bekannten Hauptdarsteller engagieren, den man allerdings die meiste Zeit nicht sieht, weil Khalfoun den Film, bis auf zwei, drei kurze Szenen, aus Franks Perspektive inszenierte. Diese subjektive Sicht, die das filmische Äquivalent zur Ich-Perspektive in einem Roman sein soll, wird alle Jubeljahre für einen ganzen Film ausprobiert und jedes mal wird deutlich, dass sie im Film dann nicht funktioniert. Denn wir sehen zwar, was der Protagonist sieht, aber wir sehen nicht seine Reaktionen darauf. Wir wissen nicht, wie er sich fühlt und deshalb langweilt auch in „Alexandre Ajas Maniac“ dieses Stilmittel ziemlich schnell. Da helfen auch nicht die stimmungsvollen Nachtaufnahmen und die unappetitlichen Mordszenen. Denn unser Ekel muss ja nicht unbedingt Franks Ekel sein.
Lustigs „Maniac“ ist in diesen Momenten einfach einige Klassen besser und hat, mit vielen Bildern von New York in den ausgehenden Siebzigern, den Klassikerbonus. Aber wirklich ansehen muss man sich keinen der beiden Filme. Denn „Maniac“ ist ein waschechter Exploitation-Film mit den damit verbundenen Problemen (geringes Budget, schlechte Schauspieler, schlechte Dialoge). „Alexandre Ajas Maniac“ ist vor allem langweilig.
Zu den „FSK ab 18“-DVDs
Das Beste, was über die jetzt erschienenen DVD-Ausgaben von William Lustigs „Maniac“ und Franck Khalfouns Remake gesagt werden kann, ist, dass sie einen ersten Eindruck von dem Film vermitteln. Denn auch in der „ab 18 Jahre“-Version mussten sie für den bundesdeutschen Markt (Österreich und Schweiz sind etwas anderes) geschnitten werden. Bei William Lustigs Film wurde, nach einem Blick in den Schnittbericht, wohl fast die „ab 16 Jahre“-Fassung genommen. Aber vielleicht sieht man ja bei der ein oder anderen Mordszene etwas mehr. Insofern sind sie für filmhistorisch Interessierte und Horrorfilmfans belanglos.
Maniac (Maniac, USA 1980)
Regie: William Lustig
Drehbuch: C. A. Rosenberg, Joe Spinell
mit Joe Spinell, Caroline Munro, Gail Lawrence, Kelly Piper, Sharon Mitchell, Tom Savini (der sich hier den Kopf wegschießt; – jedenfalls in der ungekürzten Version)
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DVD
Ascot-Elite
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0, 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Grindhouse Q & A, TV Spots, Gallery of Outrage, Originaltrailer, Wendecover
Länge: 79 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
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Alexandre Ajas Maniac (Maniac, Frankreich/USA 2012)
Regie: Franck Khalfoun
Drehbuch: Alexandre Aja, Grégory Levasseur
mit Elijah Wood, Nora Arnezeder, Liane Balaban, America Olivio
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DVD
Ascot-Elite
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interviews, Originaltrailer, Wendecover
Puh, das hat aber lange gedauert. Die letzten Abenteuer von dem Goon, dem schlagkräftigen Haudrauf aus der Lonely Street, erschienen vor zwei Jahren.
Aber das Warten hat sich gelohnt. Denn der achte „The Goon“-Sammelband „Der Ort, an dem das Unheil gedeiht“ hat wieder alles, was wir an dem „Goon“ so lieben: abgedrehte Geschichten, Humor, irgendwo zwischen Schwarzem Humor und intelligenten Zoten, liebenswerte Charaktere, denen man nachts auf einer einsamen Straße nicht begegnen möchte, und Maulsperren und andere nicht normal menschliche Wesen, die im Zweifelsfall eine aufs Maul bekommen.
Dieses Mal erklären sich der Goon und sein verlässlicher Kumpel Franky bereit, Ralph, einen echten Trottel und Schwachkopf vor dem Herrn, der bei ihnen mit 200 Mäusen in der Kreide steht, zu suchen. Er wurde von einigen Frauen in eine Falle gelockt und ist jetzt irgendwo in Madame Elsa’s Burlesque verschwunden. Bei ihrem ersten Besuch entdeckt Franky auf der Bühne die Bösen Vogelweiber, die eigentlich tot sein sollten. Aber Franky ist sich sicher: „Nie könnte ich sie vergessen! Nie!! Denn sie sehen aus wie rattenscharfe Bräute, aber es sind böse Satansweiber, die einem mit ihren Möpsen vorm Gesicht rumwackeln und sich dann in Monstervögel verwandeln!“
Da hilft nur ein herzhaftes Zugreifen und Zuschlagen vom Goon. Vor allem nachdem er in einem Hinterzimmer des Amüsierschuppens die sprechende Leiche von dem Magier Drakston Entity entdeckt.
Eric Powells wunderschön gezeichneten „The Goon“-Geschichten spielen in einer Dreißiger-Jahre-Welt, die eine Kreuzung aus einem Gangster- und einem Horrorfilm, versetzt mit einer großen Portion respektlosem, schwarzen Humor, ist.
Als Bonusmaterial gibt es ein Vorwort von Horrorschriftsteller Joe Hill und Christian Endres schreibt über Eric Powells langen Weg nach Hollywood. Denn die schon lange geplante Verfilmung ist immer noch in der Entwicklungshölle.
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Eric Powell: The Goon: Der Ort, an dem das Unheil gedeiht (Band 8)
Die Spitzenklöpplerin (Schweiz/Frankreich/Deutschland 1977, R.: Claude Goretta)
Drehbuch: Claude Goretta, Pascal Lainé
LV: Pascal Lainé: La Dentellière, 1974
Die scheue Pomme, ein einfaches Landmädchen, verliebt sich in den Studenten Francois, zieht sogar nach Paris. Als er versucht, aus ihr etwas Besseres zu machen, wird die Beziehung auf eine Probe gestellt.
Selten gezeigter Klassiker des französischen Films.
„Eine hervorragend fotografierte, außergewöhnlich eindringliche und subtile Parteinahme für all jene, die ihre Gefühle sprachlich nicht auszudrücken vermögen.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Isabelle Huppert, Yves Beneyton, Florence Giorgetti, Annemarie Düringer, Michel de Ré
Das letzte Schweigen (D 2010, Regie: Baran bo Odar)
Drehbuch: Baran bo Odar
LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007
Wurde die 13-jährige Sinikka ermordet? Denn am gleichen Ort wurde vor 23 Jahren ein Mädchen ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Kommissar Jahn ermittelt.
Werkgetreue, gut besetzte, gut fotografierte, aber letztendlich langweilige Verfilmung von Wagners Roman.
In den Achtzigern schrieb Alan Moore die Comicserie „Watchmen“, die eigentlich von Anfang an ein riesiger backsteingroßes Epos war, das so gut war, dass es als erster und bislang einziger Comic den Hugo-Award (der heilige Gral der Science-Fiction-Gemeinde) erhielt und vom Time Magazine in die Liste der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurde. Eine Bildergeschichte als Teil des Literaturkanons. Wow. Aber auch nachvollziehbar. Denn Alan Moore entwarf ein Paralleluniversum, das ganz klar eine Kritik an der damaligen Politik war, er spielte mit Querverweisen und Anspielungen, die sich nicht vor der „Großen Literatur“ zu verstecken brauchte und er gehörte mit zu den Autoren, die mit ihren Werken Comics als ernstzunehmende Literatur etablierten. Denn „Watchmen“ hat mit Donald Duck, Fix und Foxi und den normalen Superheldengeschichten (wir reden von den Achtzigern!) nichts gemein.
Die lange geplante Verfilmung kam 2009 in die Kinos und sie ist, zwar gut besetzt und mit atemberaubenden Bildern, gerade wegen ihrer sklavischen Werktreue gescheitert. Regisseur Zack Snyder gelingt nie ein eigenständiger Zugriff auf Moores Geschichte.
Das gelingt den jetzt auch bei uns veröffentlichten „Before Watchmen“-Comics viel besser. Bislang liegen „Rorschach“ (geschrieben von Brian Azzarello, gezeichnet von Lee Bermejo) und „Minutemen“ (von Darwyn Cooke) auf Deutsch vor und sie überzeugen als spannende Vorgeschichten zu Moores „Watchmen“, ohne den politischen Ballast, der als ätzende Zeitkritik heute doch etwas veraltet und ohne Erklärungen wahrscheinlich kaum nachvollziehbar ist.
„Rorschach“ spielt 1977 vor und während des legendären Stromausfalls in New York, als die Stadt zunehmend unbewohnbarer wurde und Vigilanten wie Paul Kersey („Ein Mann sieht rot“) und „Taxi Driver“ Travis Bickle, unter den Augen einer jubelnden Bevölkerung, kaltblütig Verbrecher erschossen. Der Taxi Driver hat auch einen kurzen Auftritt in Brian Azzarellos Geschichte, in der Rorschach den „Barden“, einen Frauenmörder, jagt, der ein überraschend zäher Gegner für den Rächer mit der Maske ist.
Die spannende Vigilantengeschichte wurde von Lee Bermejo hübsch düster gezeichnet wurde und im Krimibereich ist „100 Bullets“- und „Jonny Double“-Autor Brian Azzarello eine verlässliche Noir-Größe.
Das komplette Gegenprogramm ist „Minutemen“, geschrieben und gezeichnet von Darwyn Cooke, der schon in seinen „The Spirit“-Geschichten gelungen die Vergangenheit aufleben ließ. „Minutemen“ erzählt, in poppig bunten Panels, über mehrere Jahrzehnte, die Geschichte der Minutemen, einer Gruppe von normalen Menschen, die sich ab 1939 als Superhelden verkleideten, gegen Verbrecher kämpften und den New Yorkern die nötige Hoffnung auf eine bessere Welt gaben. Auch wenn die über sie erzählten Geschichten mehr Fabeln als Reportagen waren.
In der Öffentlichkeit traten sie immer als Team auf, das sie in Wirklichkeit nie waren.
Und Darwyn Cooke kann über die Diskrepanz zwischen Realität und Wunsch und, weil er die Biographie der Minutemen anhand einer von Minutemen-Mitglied Hollis T. Mason, der ersten Nite Owl, 1962 geschriebenen Biographie über ihre gemeinsame Zeit erzählt, auch über die Bewahrung ihres Erbes nachdenken. Wie sehr soll der Mythos erhalten bleiben oder die Minutemen als ein sehr gewöhnlicher, eher chaotischer Haufen von Aufschneidern entmystifiziert werden? Ein Frage, die schon den „Mann, der Liberty Valance erschoss“ beschäftigte.
Das ist auch, wenn auch vielleicht nicht so deutlich, ein Thema von „Rorschach“ und von „Watchmen“. Insofern sind die von Brian Azzarello und Darwyn Cooke geschriebenen Geschichten gelungen Ergänzungen zu Alan Moore und Dave Gibbons‘ „Watchmen“.
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Darwyn Cooke: Before Watchmen: Minutemen
(übersetzt von Peter Thannisch)
Panini, 2013
176 Seiten
16,95 Euro
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Originalausgabe
Before Watchmen: Minutemen (Chapter One – Six)
DC Comics, August 2012 – März 2013
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Brian Azzarello/Lee Bermejo: Before Watchmen: Rorschach
(übersetzt von Joachim Körber)
Panini, 2013
104 Seiten
12,95 Euro
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Originalausgabe
Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four)
DC Comics, Oktober 2012 – April 2013
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Die „Before Watchmen“-Geschichten
Rorschach (von Brain Azzarello und Lee Bermejo)
Minutemen (von Darwyn Cooke)
Comedian (von Brian Azzarello und J. G. Jones) (erscheint im Juli)
Nite Owl (von J. Michael Straczynski, Andy Kubert und Joe Kubert) (erscheint im August)
Ozymandias (von Len Wein und Joe Lee) (erscheint im September)
Silk Spectre (von Darwyn Cooke und Amanda Conner) (erscheint im Oktober)
Dr. Manhattan (von J. Michael Straczynski und Adam Hughes) (erscheint im November)
Crimson Corsair (von Len Wein und John Higgins) (erscheint im Dezember)
Belle de jour – Schöne des Tages (F/I 1967, R.: Luis Buñuel)
Drehbuch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière
LV: Joseph Kessel: Belle de jour, 1928 (Belladonna; La belle de jour- Die Schöne des Tages)
Arztgattin Séverine langweilt sich. Als Lebemann Husson sie mit Madame Anais und ihrem Etablissement für erotische Wünsche und Fantasien bekannt macht, beginnt Séverine ein Doppelleben.
Einer von Buñuels zugänglichsten Filmen über die Doppelmoral des Großbürgertums. Er erhielt den Goldenen Löwen in Venedig und war bei Kritik und Zuschauern ein Erfolg. Deneuve war danach auf die Rolle der kühlen Blondine festgelegt.
Mit Catherine Deneuve, Jean Sorel, Michel Piccoli, Geneviève Page
Die junge Tristana begibt sich auf den Wunsch ihrer Mutter in die Obhut des vierzig Jahre älteren Don Lope, der auch ihr Liebhaber sein möchte. Sie flüchtet zu einem jungen Maler und kehrt, als sie schwer erkrankt, zu Don Lope zurück.
Zehn Jahre nach „Viridiana“ drehte Buñuel wieder in Spanien und selbstverständlich nimmt er sich auch in diesem, in Toledo gedrehtem Drama über den Verlust von Unschuld, Abhängigkeiten und Macht die spanische bürgerliche Gesellschaft und die katholische Kirche mit ihrer Doppelmoral vor.
Das dürfte der einzige Film sein, in dem die Blondine Catherine Deneuve braune Haare hat.
mit Catherine Deneuve, Fernando Rey, Franco Nero, Lola Gaos
Auch wer sich nur auf die bei uns veröffentlichten Filme des Japaners Takashi Miike konzentriert, dürfte kaum den Überblick behalten. Denn der 1960 geborene Regisseur inszenierte seit seinem Debüt 1991, laut IMDB, fast neunzig Spielfilme und ob diese Liste wirklich vollständig ist, weiß wahrscheinlich noch nicht einmal Miike. Er springt dabei wild zwischen den Genres und liefert eigentlich immer gute Arbeit ab. Bekannt wurde er bei uns mit ziemlich bizarren Kriminalfilmen und ungewöhnlichen Horrorfilmen. Zuletzt drehte er, unter anderem, das grandiose Samurai-Epos „13 Assassins“ und die jetzt bei uns auf DVD und Blu-ray veröffentlichte Computerspielverfilmung „Phoenix Wright – Ace Attorney“, die keine stumpf-stupide Ballerorgie, sondern eine vertrackte Mördersuche ist, die sich hauptsächlich in einem Gerichtssaal abspielt.
Miles Edgeworth ist angeklagt, am Heiligabend am Kürbissee Robert Hammond umgebracht zu haben. Phoenix Wright, ein noch junger und sehr unerfahrener Verteidiger, verteidigt den Angeklagten, einen alten Schulfreund, der als grandioser Ankläger mit wasserdichten Verurteilungen eine glänzende Karriere hinlegte. Deshalb will keiner der hochkarätigen Kollegen von Phoenix Wright den Angeklagten verteidigen.
Außerdem ist Manfred von Karma der Vertreter der Anklage. Der legendäre Ankläger hatte in vierzig Jahren nur einen freien Tag und gewann alle seine Fälle. Schlechter könnten die Chancen für die Verteidigung (auch wenn Phoenix etwas übernatürliche Unterstützung und einige gute Freunde hat) nicht stehen.
Und dann gibt es noch eine Verbindung mit dem fünfzehn Jahre altem DL6-Fall.
„Phoenix Wright – Ace Attorney“ spielt in einer gegenwärtigen Steampunk-Welt, in der die Gerichtsverhandlungen zu einem höchstens dreitägigem Duell zwischen Anklage und Verteidigung wurden, in dem über plötzlich auftauchende Bildschirme und Hologramme Beweise und Gegenbeweise geführt werden und wichtiger als die Vorbereitung von Ankläger und Verteidiger ist im Gerichtssaal die schnelle Reaktion auf die neuen Beweise. Ein solches Gerichtsverfahren spottet zwar jedem rechtstaatlichem Verfahren, aber in einem Film funktioniert es prächtig. In dem Computerspiel, auf dem der Film basiert, ist es sicher ähnlich.
Miikes Film ist unterhaltsam in seinen comichaften Übertreibungen, aber vor allem für ein jüngeres Publikum, denen das extrovertierte Verhalten der Charaktere nicht zu kindisch ist und die bei der doch ziemlich durchschaubaren Whodunit-Handlung miträtseln können. Denn mit über zwei Stunden ist „Phoenix Wright – Ace Attorney“ doch etwas lang geraten. Und man sollte die „ab 12 Jahre“-Freigabe als „geeignet für 12-jährige“ interpretieren.
Als Bonusmaterial gibt es ein halbstündiges „Making of“ und über zwanzig Minuten Bilder von verschiedenen Screenings des Films.
Phoenix Wright – Ace Attorney (Gyakuten saiban, Japan 2012)
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Takeshi Iida, Sachiko Ôguchi
mit Hiroki Narimiya, Takumi Saitô, Mirei Kiritani, Akiyoshi Nakao, Shunsuke Daitô, Rei Dan, Akira Emoto, Ryo Ishibashi
Unstoppable – Außer Kontrolle ( USA 2010, R.: Tony Scott)
Drehbuch: Mark Bomback
Zugfahren mit „Last Boy Scout“ Tony Scott: nach „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ lässt Tony Scott in seinem letzten Spielfilm den feuchten Traum jedes Trassenküssers wahr werden: ein Zug mit sehr gefährlicher Ladung donnert im Affentempo auf sein Ziel zu. Nur zwei Männer wissen, wie man die Superduperkatastrophe verhindern kann. Sie besteigen den fahrenden Zug.
„Unstoppable“ basiert auf wahren Ereignissen. Aber die Macher haben sich einige spannungsfördernde Freiheiten genommen.
Im Anschluss, um 22.25 Uhr, läuft „Machete“ (USA 2010), mit Danny Trejo als Mexikaner, der einigen Rednecks zeigt, wo es langeht, und dann, um 00.15 Uhr, läuft „Black Snake Moan“ (USA 2007), mit Samuel L. Jackson, der Christina Ricci mit ungewöhnlichen Methoden erziehen will, und dann, um 02.25 Uhr, gibt es wieder „Machete“. Dann wahrscheinlich in der ungekürzten Version.
Der Samariter – Tödliches Finale (Kanada 2012, R.: David Weaver)
Drehbuch: Elan Mastai, David Weaver
Trickbetrüger Foley will nach dem Knastaufenthalt ein ehrliches Leben führen, Aber der Sohn seines alten Partners will mit ihm einen großen Betrug durchziehen.
Ziemlich viel (Melo, Ellis, Steinhauer, Wittekindt, Dobyns, Peterson) liegt auch auf meinem Zu-Lesen-Stapel. Neben dem neuen Roman „Schwarzes Licht“ von Horst Eckert, der Ende September erscheint, Roger Hobbs „Ghostman“ (erscheint am 22. Juli und die Verfilmung ist auf einem guten Weg), Dominique Manottis „Zügellos“ und Dan Simmons und Gordon Ferris will ich auch noch unbedingt lesen. Um nur einige Bücher zu nennen.
Düsterer Cop-Krimi über Gangkriminalität und ihre Bekämpfung in Los Angeles: Alonzo Harris zeigt Jake Hoyt am ersten Arbeitstag wie die Arbeit eines Undercover-Cop gegen Drogen- und Gangkriminalität abläuft. Dummerweise ist Harris selbst ein Gangster mit Dienstmarke, der nach dem Motto „Nur wenn du selbst wie ein Wolf bist, kannst du einen Wolf fangen“ arbeitet.
„Ein rasant und konsequent inszenierter Film voll Gewalt und Brutalität. Konsumierbar einerseits als zynisches Actionspektakel, das bloß altbekannte Genretypen weiterentwickelt, aber auch verstehbar als Spiegelung und Reflexion aktueller Debatten über Polizeimethoden, moralische Dilemmata und die Durchsetzbarkeit demokratischer Spielregeln gegenüber Clannormen, die sich freilich potenziellen Missverständnissen aussetzt.“ (Multimedia, 13. Dezember 2001)
Denzel Washington erhielt für seine Rolle als Cop Harris den Oscar für die beste Hauptrolle und einige weitere Preise. David Ayer schrieb danach den ähnlich gelagerten Cop-Thriller „Dark Blue“.
Die in „Training Day“ und „Dark Blue“ angesprochenen Themen werden in der grandiosen Cop-Serie „The Shield“ noch konsequenter und pessimistischer durchbuchstabiert.
Mit Denzel Washington, Ethan Hawke, Scott Glenn, Cliff Curtis, Dr. Dre, Snoop Dogg, Tom Berenger, Eva Mendes, Macy Gray
Nach „Die Haut, in der ich wohne“, „Zerrissene Umarmungen“, „Volver – Zurückkehren“, „La Mala Educación – Schlechte Erziehung“ und „Sprich mit ihr“ ist Pedro Almodóvars neuester Film „Fliegende Liebende“ keine künstlerische Weiterentwicklung, kein neues Meisterwerk, sondern eine leichte Sommerkomödie, eine Rückkehr zu seinen überdrehten ersten Filmen, allerdings mit der lässigen Professionalität eines Altmeisters inszeniert. Denn bei seiner Version von „Airport“ (USA 1970) und „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ (Airplane!, USA 1980), der bekannten Parodie auf „Airport“ und die zahlreichen danach in den Siebzigern entstandenen Katastrophenfilme, sind in Almodóvars Flugzeug, das nach einem dummen Fehler des Bodenpersonals (gespielt von Antonio Banderas und Penélope Cruz als heftig ineinander verliebtes Paar), nicht mehr landen kann, das typische Alomodovar-Personal aus Homosexuellen, Lesben, Transen, komplexbeladenen Personen und sonstigen gesellschaftlichen Außenseitern versammelt. Sogar die auf den ersten Blick scheinbar normalen sind gar nicht so normal und in dem Cockpit und der Passagierkabine geht es rund mit übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum, sexuellen Gelüsten und intimen Geständnissen. Denn wenn man sowieso bald stirbt, kann man ja noch einmal all die Dinge tun, für die man bislang noch nie getan hat.
Das ergibt neunzig vergnügliche Minuten, die von Pedro Almodóvar vielleicht nicht als Theaterstück geschrieben wurden, aber in jedem Fall kann das Drehbuch einfach als Theaterstück adaptiert werden und, davon bin ich überzeugt, wird es in den nächsten Jahren auch.
Mit „Fliegende Liebende“ wollte Almodóvar einfach, nach all den künstlerisch anstrengenden Filmen, seinen Spaß haben. Die leichtgewichtige Komödie ist ein Nebenwerk, ein kleiner Spaß, ein Sommer-Intermezzo, das gar nicht mehr sein will, als neunzig Minuten kurzweilig zu unterhalten. Und das gelingt Almodóvar in einem Film für die ganze Familie.
mit Antonio de la Torre, Hugo Silva, Miguel Ángel Silvestre, Laya Marti, Javier Cámara, Carlos Areces, Raúl Arévale, José Maria Yazpik, Guillermo Toledo, José Louis Torrijo, Lola Duenas, Cecilia Roth, Blanca Suárez, Antonio Banderas, Penélope Cruz
Die Buddy-Cop-Komödie erfindet „Taffe Mädels“ von Paul Feig nicht neu und auch wenn im Presseheft steht, der Film stehe in der Tradition von „Nur 48 Stunden“, „Red Heat“, beide von Walter Hill, und „21 Jump Street“ (Ähem?), dann ist das doch mehr als nur etwas hoch gegriffen. Denn eine Walter-Hill-typische Actionszene fehlt. Und der Rest der Walter-Hill-Mythologie wird noch nicht einmal angekratzt.
Drehbuchautorin Katie Dippold nennt dann „Diese zwei sind nicht zu fassen“ (Running Scared, USA 1986, Regie: Peter Hyams) mit den Plappermäulern Billy Crystal und Gregory Hines als ihr Lieblings-Buddy-Cop-Movie und das ist eine durchaus treffender Vergleich. Auch wenn es, wie gesagt, in „Taffe Mädels“ mit der Action hapert.
Dafür sind die Sprüche von Sandra Bullock und Melissa McCarthy, die eigentlich alle guten Sprüche hat und noch lustvoller als Eddie Murphy in „Nur 48 Stunden“ und „Beverly Hills Cop“, teils in ebenfalls improvisierten Schimpftiraden, gegen alle Regeln, Dienstvorschriften und Etikette verstößt. McCarthy spielt Shannon Mullins, einen harten Boston-Straßencop, der jeden Grashalm in ihrem Revier kennt, flüchtige Straßendealer mit einer Wassermelone erledigt, ein Verhör mit einem Telefonbuch beginnt und einem geladenem Revolver in den Weichteilen des Verdächtigen beendet. Dirty Harry würde die Dame, die prinzipiell ohne Partner ermittelt, gefallen.
Für die FBI-Agentin Sarah Ashburn (Sandra Bullock) ist sie der fleischgewordene Alptraum. Denn Ashburn ist eine wandelnde Dienstvorschrift in hässlichen, asexuellen, schlecht sitzenden, grauen Anzügen, ohne soziale Kompetenzen, aber mit einer bestechenden Aufklärungsrate. Sie ist der Klassenstreber, der niemand abschreiben lässt, andere verpetzt und sich dann wundert, dass ihre Klassenkameradinnen sie nicht mögen. Jetzt soll sie in Boston einen großen Drogenhändler, dessen wahre Identität niemand kennt, schnappen – und muss dafür mit Mullins zusammenarbeiten.
Und wir können uns an einer weiteren Buddy-Cop-Variante erfreuen, der musikalisch mit Funk’n’Soul in Richtung siebziger Jahre schielt und storytechnisch irgendwo zwischen den Siebzigern und den Achtzigern landet. Die Verbrecherjagd ist, wie schon in den bekannt-beliebten Achtziger-Jahre-Buddy-Cop-Filmen, die notdürftige Klammer für die Comedy und sollte nicht auf Logik überprüft werden. Schließlich haben sich die Macher auch nicht darum gekümmert. Stattdessen haben sie hemmungslos improvisiert und das Duo McCarthy/Bullock gefällt.
Dieses Duo ist auch die einzige Neuerung im Buddy-Cop-Movie-Genre: anstatt Jungs heizen hier Mädels den Bösewichtern mit einer Mischung aus unorthodoxen Ermittlungsmethoden, blöden Sprüchen und hemmungslosem Waffengebrauch kräftig ein.
„Taffe Mädels“ ist kein grandioser Film. Auch kein Film, den man sehen muss. Aber für Fans des Genres ein entspannender Abend, der tausendmal besser als das komplett vergurkte Buddy-Movie „Cop Out – Geladen und entsichert“ (USA 2010) mit Bruce Willis und Tracy Morgan und auch deutlich unterhaltsamer als „Hollywood Cops“ (USA 2003) mit Harrison Ford und Josh Hartnett ist. Denn die Chemie zwischen McCarthy und Bullock und den anderen Schauspielern stimmt und das ist schon mehr als die halbe Miete in einem Buddy-Movie, das nie vorgibt mehr zu sein als es ist: zwei Stunden harmloser Spaß, der sich mit ziemlich wenig zufriedengibt.
Taffe Mädels (The Heat, USA 2013)
Regie: Paul Feig
Drehbuch: Katie Dippold
mit Sandra Bullock, Melissa McCarthy, Demian Bichir, Marlon Wayans, Michael Rapaport, Spoken Reasons, Bill Burr, Nathan Corddry
John Carpenter’s Ghosts of Mars (USA 2001, R.: John Carpenter)
Drehbuch: Larry Sulkis, John Carpenter
Mars, 2176: Commander Braddock muss mit ihren Männern und einigen Verbrechern gegen die wieder auferstandenen, ziemlich bösen Marsgeister kämpfen.
Ziemlich laut, ziemlich gaga, aber auch irgendwie ziemlich unterhaltsam und deutlich besser als Carpenters „Die Klapperschlange“-Fortsetzung „Flucht aus L. A.“. Außerdem war die Besetzung damals ziemlich gut.
Und, ja, eigentlich ist „Ghosts of Mars“ nur ein in die Zukunft gebeamter Western mit der Musik von John Carpenter und Anthrax.