Neu im Kino/Filmkritik: Über Jeff Nichols‘ „Midnight Special“

Februar 19, 2016

„Midnight Special“ – ein Titel wie ein Joe-R.-Lansdale-Roman oder für eine Anthologie im Geist von „The Twilight Zone“ oder für einen herrlich abgeranzten Südstaaten-Blues voller Sex und Gewalt.
Nun, das ist Jeff Nichols‘ neuer Film nicht. Auch wenn er in den Südstaaten spielt. Zwei schwerbewaffnete Männer fahren mit einem Kind durch Texas, das gewohnt fotogen mit Sonnenauf- und -untergängen in Szene gesetzt wird. Sie werden verfolgt. Von einer Sekte und von der Polizei, die sie sogar über eine öffentliche Fahndung im Fernsehen im Fernsehen sucht. Die beiden Männer wollen den Jungen zu einem Ort bringen, an dem es in wenigen Tagen zu einem wichtigen Ereignis kommen soll. Sie glauben, dass es der Tag des Jüngsten Gerichts ist und der Junge irgendetwas damit zu tun hat.
Aus dieser Ausgangssituation entfaltet Nichols („Take Shelter“, „Mud“) über lange Zeit eine beträchtliche Spannung. Denn nur langsam enthüllen sich für den Zuschauer die Hintergründe und damit auch die Handlungsmotive der verschiedenen Figuren. Der Junge ist ein Medium, das Signale und Botschaften empfängt, und der übernatürliche Fähigkeiten hat, die auch schon einmal ein halbes Haus zerstören können. Oder mehr. Das ist so sehr Stephen-King-Land, dass es erstaunt, dass „Midnight Special“ nicht auf einer seiner Geschichten basiert, sondern eine Originalgeschichte von Nichols ist. Eine andere, ebenso offensichtliche, Inspiration ist natürlich Steven Spielbergs freundlicher Alien-Begegnungs-Science-Fiction-Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“.
Begleitet wird der Junge Alton (Jaeden Lieberher) von seinem Vater Roy (Michael Shannon), der ihn aus der Sekte entführte, und Lucas (Joel Edgerton), einem Schulfreund von Roy, der inzwischen ein State Trooper mit besonderen Fähigkeiten ist. Er hilft ihnen, weil er gesehen hat, wozu Alton fähig ist. Dafür übertritt er auch einige Gesetze und schießt auf Polizisten.
Verfolgt werden die drei von zwei Handlangern der Sekte, die den Jungen zurückbringen sollen, weil er für ihre Gemeinde wichtig ist. Er ist, nun, ihr Heiland. Ihr Jesus-Kind.
Und dann gibt es noch den gesamten Staatsapparat, der Roy, Lucas und Alton, der die meiste Zeit unbeeindruckt „Superman“-Comics liest, einträchtig und ohne irgendein Kompetenzgerangel verfolgt. Die Polizei, das FBI, das helfende Militär und die NSA setzen alles ein, was sie haben. Die wichtigste Person der Verfolger ist der sehr nerdige und schusselige NSA-Analyst Sevier (Adam Driver), der herausfinden will, wie es Alton gelang, an die geheimen, nur über verschlüsselte Leitungen gesendete Informationen zu kommen. Oh, diese Informationen, Koordinaten meist, bildeten den Grundstock der Sekten-Gottesdienste; was ihnen, bis sie vom FBI gestört werden, einen besonderen Touch verleiht.
Das klingt ziemlich krude. Ist es auch. Aber die Geschichte wird von Nichols mit viel Sinn für Atmosphäre und einem Hang zum Siebziger-Jahre-Kino (was uns mit dem Anblick vieler Charakterköpfe und älterer Schauspieler belohnt) konsequent entschleunigt erzählt bis hin zu einem ziemlich hirnrissigen „A world beyond“-Finale. Dabei leben solche Geschichten, in denen sich mehrere Gruppen, mehr oder weniger unabhängig voneinander, auf den Weg zu einem bestimmten Ort, an dem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein besonderes Ereignis erwarten, ohne zu wissen was sie dort erwartet, von ihrer Auflösung. Also ob die Enthüllung des vorher immer wieder beschworenen Mysteriums so gut ist, wie die davor erzeugten Erwartungen. In „Midnight Special“ werden sie enttäuscht.
Weil Nichols seine Geschichte so unglaublich langsam erzählt und sie sich absolut gradlinig auf ihr Finale hin entwickelt, bleibt schon beim Ansehen des Films viel Zeit, sich mehr oder weniger wichtige Fragen zu stellen, die alle dazu führen, dass die Geschichte insgesamt immer unglaubwürdiger wird.
Letztendlich ist „Midnight Special“ eine große Enttäuschung. Da helfen auch nicht die engagiert spielenden Schauspieler, die Bilder, die über weite Strecken des Films vorhandene latente Spannung, die lässig eingestreuten Witze (vor allem Adam Driver hat die besten Dialogzeilen und Sam Shepard überzeugt in seinem kurzen Auftritt als Sektenführer) und die Anspielungen auf andere Werke.
Stephen King und Joe R. Lansdale hätten aus der Grundidee von „Midnight Special“ ein echtes Midnight Special für die nächste Mitternachtsvorstellung gemacht. Bei Jeff Nichols endet der Ausflug ins Hinterland, in religiösen Wahn, Paranoia und kaputte Familien im strahlenden Sonnenlicht in einer deplatzierten, nichts sinnvoll erklärenden Special-Effects-Orgie.

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Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)
Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Midnight Special“
Metacritic über „Midnight Special“
Rotten Tomatoes über „Midnight Special“
Wikipedia über „Midnight Special“
Berlinale über „Midnight Special“


Neu im Kino/Filmkritik: „The Boy“ – eine Puppe mit Bedürfnissen

Februar 18, 2016

Puppen mit einem Eigenleben sind im Horrorfilm natürlich ein uralte Topoi, der gerade wegen dem offensichtlichen Widerspruch zwischen einem leblosen Gegenstand und ihren Taten, die ohne Bewegung unmöglich sind, gruseligen Spaß macht. Außerdem ist es immer wieder erstaunlich, wie lebendig eine Puppe, die sich nicht bewegt, wirken kann. Vor über einem Jahr sahen wir das in „Annabelle“, einem insgesamt nicht besonders gutem Horrorfilm. Der Puppe Annabelle hätte man einen besseren Film gewünscht.
Auch Brahms, so heißt die Puppe in William Brent Bells zitatfreudigem Horrorfilm „The Boy“, hätte man einen besseren Film gewünscht. Brahms ist eine Porzellanpuppe, die in ihrem Anzug und dem akkuraten Seitenscheitel, wie ein Wiedergänger von Damien (aus den „Omen“-Filmen) aussieht. Er ist der Sohn von Mr. und Mrs. Heelshire, die in einem schlossähnlichem Anwesen mitten im englischen Nirgendwo leben und die Puppe wie ihren vor Jahren durch ein Unglück verstorbenen achtjährigen Sohn behandeln. Deshalb engagieren sie, als sie für einige Tag weg fahren wollen, auch ein Kindermädchen.
Die US-Amerikanerin Greta (Lauren Cohan aus „The Walking Dead“), gerade auf der Flucht vor einer desaströsen Beziehung, soll die Aufgabe übernehmen. Sie ist zunächst irritiert, geht dann aber willig auf die Wahnvorstellung der Heelshires ein. Sie werde, während sie weg sind, ihren Sohn wie ein Kind behandeln und sich selbstverständlich an die ihr überreichten Verhaltensregeln halten. Denn Brahms ist nur solange ein braver Junge, solange diese Regeln befolgt werden.
Dummerweise spielen eben diese Regeln im Film dann, abgesehen von ein, zwei fast schon zufälligen Erwähnungen, keine Rolle. Dabei hätten diese Regeln, die von Greta natürlich sofort ignoriert werden, den Fahrplan für einen eskalierenden Konflikt zwischen dem Kindermädchen und dem Jungen sein können. Man hätte auch die Kulturen aufeinanderprallen lassen können. Also US-amerikanische Unbekümmertheit gegen britische Noblesse. Immerhin wirken die Heelshires und ihr Anwesen, als habe sich seit dem viktorianischen Zeitalter nichts geändert.
Stattdessen gibt es im Film zwei überraschende Wendungen. Die erste wird nicht erklärt. Deshalb ist sie psychologisch unplausibel und unlogisch. Die zweite Wendung, kurz vor dem Finale, erklärt dann zwar die Bedeutung des strikten und teils absurden Regelkatalogs, aber sie wird während des gesamten Films nicht vorbereitet, sondern als Überraschung wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert.
So plätschert „The Boy“ als Ein-Personenstück (wenn wir Brahms und Gretas neuen Freund, einen feschen Dorfburschen, ignorieren) spannungs- und gruselfrei vor sich hin und verschenkt all die schönen erzählerischen Möglichkeiten, die durch seine Prämisse, den Handlungsort und die Lösung auf der Hand liegen.

The Boy - Plakat 4

The Boy (The Boy, USA 2016)
Regie: William Brent Bell
Drehbuch: Stacey Menear
mit Lauren Cohan, Rupert Evans, Jim Norton, Diana Hardcastle, Ben Robson, Jett Klyne
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „The Boy“
Metacritic über „The Boy“
Rotten Tomatoes über „The Boy“
Wikipedia über „The Boy“


TV-Tipp für den 18. Februar: My Blueberry Nights (+ Buchtipp: „Die Sünden der Väter“ von Lawrence Block)

Februar 18, 2016

Eins Plus, 23.10

My Blueberry Nights (China/USA 2007, Regie: Wong Kar-wai)

Drehbuch: Wong Kar-wai, Lawrence Block (nach einer Geschichte von Wong Kar-wai)

Elizabeth hat Liebeskummer. In einem kleinen New Yorker Café schüttet sie dem Kellner ihr Herz aus. Der verliebt sich in sie, aber sie macht sich auf eine Reise durch die USA. Auf ihrem Selbstfindungstrip begegnet sie anderen einsamen Seelen.

Lawrence Block war zwar irgendwie am Drehbuch beteiligt, aber letztendlich ist es ein Wong-Kar-wai-Film geworden.

Mit Norah Jones, Jude Law, Rachel Weisz, David Strathairn, Natalie Portman

Wiederholung: Freitag, 19. Februar, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Bonushinweis/Buchtipp

Block - Die Sünden der Väter

Eine erfreuliche Fans für Lawrence-Block-Fans: der Grandmaster höchstselbst hat jetzt veranlasst, dass seine Romane mit dem Ex-Polizisten Matthew Scudder, der in New York als Privatdetektiv ohne Lizenz arbeitet, wieder auf Deutsch erscheinen. Jedes Jahr sollen, so ist der Plan, mindestens zwei Scudder-Romane erscheinen. Dazwischen soll es Scudder-Kurzgeschichten geben.
(Einschub: genau der Scudder, der vor kurzem von Liam Neeson in Scott Franks „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ verkörpert wurde.)
In dem ersten Scudder-Roman, der in den USA 1976 erschien, will ein Vater wissen, wer seine Tochter warum ermordete. Denn er glaubt nicht an die offizielle Version und er will wissen, wie sie die vergangenen Jahre lebte. Scudder, der damals noch ein Trinker war, sucht den Mörder der Prostituierten.
Als Lawrence Block Mitte der siebziger Jahre schnell hintereinander die ersten Matt-Scudder-Romane schrieb, unterschieden sie sich nicht sehr von vielen anderen Privatdetektiv-Romanen. Vor allem die Länge (oder besser Kürze) und der damit verbundene Handlungsaufbau entsprachen den Konventionen. Trotzdem setzt Lawrence Block, wie schon in seinen vorherigen Romanen und der witzigen Evan-Tanner-Serie, eigene Duftnoten.
Einige Jahre später, nachdem Scudder sich zu seinem Alkoholismus bekennt, Mitglied der Anonymen Alkoholiker wird und versucht, seine Sucht zu bekämpfen, nehmen die Romane, die dann auch länger wurden, die entscheidende Wende, die Matt Scudder zu einem der großen Privatdetektive des 20. Jahrhunderts machte.
Aber diese Geschichte wird erst später erzählt. Bis dahin kann noch einmal tief in das New York der siebziger Jahre eingetaucht werden.

Lawrence Block: Die Sünden der Väter
(übersetzt von Stefan Mommertz)
CreateSpace Independent Publishing Platform, 2016
200 Seiten
10,69 Euro (auch als E-Book erhältlich) (via Amazon)

Originalausgabe
The Sins of the Fathers
Dell, 1976

Deutsche Erstausgabe als „Mord unter vier Augen“

Hinweise

Homepage von Lawrence Block

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks: “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „A drop of the hard stuff“ (2011)

Meine Besprechung von Hal Ashbys Lawrence-Block-Verfilmung „8 Millionen Wege zu sterben“ (8 Million Ways to die, USA 1986)

Meine Besprechung von Scott Franks Lawrence-Block-Verfilmung „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ (A Walk amont the Tombstones, USA 2014) (und die DVD-Kritik)

Lawrence Block in der Kriminalakte

Wikipedia über „My Blueberry Nights“ (deutsch, englisch)

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film (nicht so umfangreich)

Film-Zeit über „My Blueberry Nights“

Rotten Tomatoes über “My Blueberry Nights”

Meine Besprechung von Wong Kar-wais “The Grandmaster” (Yi Dai Zong Shi, Hongkong/China 2013)


Verursacht R. L. Stines „Buch zum Film“ eine „Gänsehaut“?

Februar 17, 2016

Gaensehaut - Das Buch zum Film von RL Stine

Eigentlich wollte ich R. L. Stines Romanfassung von „Gänsehaut“, Rob Lettermans vergnüglicher Horrorkomödie für Kinder (Danny Elfmans Musik und die vielen filmischen Anspielungen helfen), zum Filmstart besprechen.
Das war der Plan, der natürlich nicht funktionierte, weil das Buch erst einige Tage nach dem Kinostart erschien. Aber so schlimm ist das nicht. Denn schon früher habe ich „Romane zum Film“ mehr oder weniger unabhängig vom Film gelesen. Was manchmal einfach daran lag, dass ich den Film noch nicht sehen konnte oder das Filmerlebnis wiederholen wollte (was in der Prä-DVD-Zeit gar nicht so leicht war, aber dafür liefen einige Filme verdammt lang in den Kinos). Einige Filmromane, wie Colin Higgins‘ „Harold und Maude“ oder mehrere Bücher von Alan Dean Foster (vor allem seine „Alien“-Romanfassungen und, auch wenn ein anderer Name auf dem Cover steht, „Krieg der Sterne“), wurden dann nicht zur zu Bestsellern, sondern auch zu veritablen, immer wieder neu aufgelegten Klassikern. Und auch wenn viele Filmromane einfach nur schnell geschriebene Werke mit einer kurzen Lebensdauer sind, empfinde ich immer noch eine tiefe Sympathie für sie. Denn sie gehörten zu meinen ersten Leseerlebnissen.
Warum die lange Vorrede für ein Kinderbuch, das nicht unbedingt zum Hardcore-Kriminalakte-Zielpublikum gehört?
Nun, weil R. L. Stine schon mit seinen erfolgreichen „Gänsehaut“-Büchern abertausende (Millionen?) Jugendlicher zu Leseratten machte und „Gänsehaut – Das Buch zum Film“ einen ähnlichen Effekt haben könnte. Oder wie Champ (ein wahrer Feigling vor dem Herrn) sagt: „Kinderbücher helfen beim Einschlafen. Diese Bücher sorgen dafür, dass du die ganze Nacht wach bleibst.“
Und wach bleiben die Figuren in dem Film. Und in dem Buch, das von dem sechzehnjährigem Zach Cooper erzählt wird, der gerade mit seiner Mutter von New York in die Kleinstadt Madison, 28.245 Einwohner, zog. Ihr Nachbar, Mr. Shivers, ist ein rechter Stinkstiefel, aber seine Tochter Hannah ist überaus nett. Als Zach glaubt, dass sie in Gefahr schwebt, bricht er mitten in der Nacht mit seinem neuen Kumpel Champ in das Haus ein. Dort entdecken sie ein Bücherregal mit den Originalmanuskripten von R. L. Stine, dem bekannten Kinderbuchautor, der in seinen Büchern Monster auf die Menschheit los lässt. Durch Neugierde und einen dummen Zufall öffnen sie eines der Bücher. Der Schneemensch, der in dem Buch gefangen war, bricht aus. Und kurz darauf brechen, mit der Hilfe der bösartigen Bauchrednerpuppe Slappy, auch die anderen Monster von R. L. Stine, die er in seine Bücher schrieb, aus. Sie beginnen die Kleinstadt zu verwüsten, während Zach, Hannah, Champ und R. L. Stine (so der wahre Name des grummeligen Nachbarn) versuchen, das schlimmste zu verhindern.
Selbstverständlich folgt der Roman bis auf einige kleine Abweichungen der Filmgeschichte.
Aber dank dem selbstironischen Tonfall von Stine (also eigentlich von seinem Ich-Erzähler Zach, der sich für einen gar nicht so gut aussehenden, eher tölpelhaften Teenager hält) und den pointierten Dialogen liest sich der Roman schnell und sehr vergnüglich weg. Die Geschichte bewegt sich in atemberaubendem Tempo auf ihr Ende zu. Für längere Beschreibungen hat Stine da keine Zeit; was auch dazu führt, dass er seine Monster, die wir aus dem Film oder, wenn wir sie gelesen haben, den anderen „Gänsehaut“-Büchern kennen, nicht beschreibt. Der Roman ist nur, in einer einfachen Sprache geschrieben, Handlung.
Das ist absolut empfehlenswert für Kinder, die eine Karriere als Leseratte anstreben. Schließlich hat niemand von uns „Unterm Birnbaum“ mit „Effi Briest“ angefangen.

R. L. Stine: Gänsehaut – Das Buch zum Film
(übersetzt von Christoph Jehlicka) (mit einem Vorwort von R. L. Stine, beendet von Slappy)
cbj 2016
160 Seiten
9,99 Euro
empfohlen ab 10 Jahre (also, eigentlich wie der Film)

Originalausgabe
Goosebumps The Movie: The Movie Novel
Scholastic, New York, 2015

Die Vorlage

Gänsehaut (Goosebumps, USA 2015)
Regie: Rob Letterman
Drehbuch: Darren Lemke (nach einer Geschichte von Scott Alexander und Larry Karaszewski)
LV: Charaktere von R. L. Stine
Buch zum Film: R. L. Stine: Goosebumps The Movie: The Movie Novel, 2015 (Gänsehaut – Das Buch zum Film)
mit Jack Black, Dylan Minnette, Odeya Rush, Amy Ryan, Ryan Lee, Jillian Bell, R. L. Stine (Cameo)
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (aber auch schon für etwas jüngere Kinder geeignet)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über “Gänsehaut”

Metacritic über „Gänsehaut“

Rotten Tomatoes über „Gänsehaut“

Wikipedia über „Gänsehaut“ (deutsch, englisch) und R. L. Stine (deutsch, englisch)
Homepage von R. L. Stine

Meine Besprechung von Rob Lettermans „Gänsehaut“ (Goosebumps, USA 2015)


TV-Tipp für den 17. Februar: Sturm

Februar 17, 2016

Bayern, 23.10
Sturm (Deutschland/Dänemark/Niederlaned 2009, Regie: Hans-Christian Schmid)
Buch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid
Hannah Maynard führt vor dem Tribunal in Den Haag die Anklage gegen den bosnischen Serben und Kriegsverbrecher Duric. Als ihr Hauptzeuge sich in Widersprüche verwickelt, beginnt sie im ehemaligen Kriegsgebiet nach neuen Beweisen zu suchen.
Verdammt guter Politthriller (was ich in meiner DVD-Besprechung ausführlicher erkläre).
mit Kerry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Tarik Filipovic, Jesper Christensen

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sturm“

Rotten Tomatoes über “Sturm”

Wikipedia über “Sturm”

Berlinale: Pressekonferenz zu „Sturm“ (beginnt erst nach über zwölf Minuten)

Meine Besprechung von “Sturm”


Cover der Woche

Februar 16, 2016

Price - Clockers - Fischer Hardcover


TV-Tipp für den 16. Februar: Falsches Spiel mit Roger Rabbit

Februar 16, 2016

Disney, 20.15

Falsches Spiel mit Roger Rabbit (USA 1988, Regie: Robert Zemeckis)

Drehbuch: Jeffrey Price, Peter S. Seaman

LV: Gary K. Wolf: Who censored Roger Rabbit?, 1981

Roger Rabbit ist eifersüchtig. Also soll der Privatdetektiv Eddie Valiant Rabbits sexy Frau beschatten. Valiant stolpert dabei in einen Mordfall und über ein Komplott, das die heile Welt von Toon Town bedroht.

Gut, das klingt jetzt nicht besonders aufregend. Aber Roger Rabbit ist eine Cartoon-Figur. Seine Frau ebenso. Wie viele Toon-Town-Charaktere. Einige sind auch Menschen, wie der Bob Hoskins gespielte Privatdetektiv.

Roger Zemeckis gelang eine köstliche Melange aus Disney Zeichentrickfilmen und Schwarzer Serie, die damals ein echter Hit war und heute schon ein Klassiker ist. Ein köstlicher Spaß mit vielen Zitaten.

Mit Bob Hoskins, Christopher Lloyd, Joanna Cassidy, Stubby Kaye, Joel Silver

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“

Wikipedia über „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (deutsch, englisch)

Homepage von Gary K. Wolf

Meine Besprechung von Robert Zemeckis “Flight” (Flight, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „The Walk“ (The Walk, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Die „Sisters“ Tina Fey und Amy Poehler feiern eine Party

Februar 15, 2016

Die Ellis-Schwestern sind zurück in Florida. Weil ihre Eltern das Haus verkaufen, sollen Maura (Amy Poehler), die vernünftige Schwester, und Kate (Tina Fey), die unvernünftige Schwester, ihr Kinderzimmer ausräumen. Natürlich treffen sie alte Bekannte, schwelgen beim Aufräumen in Erinnerungen und, nachdem ihre Eltern (James Brolin und Dianne Wiest) ihnen verboten haben, eine Party zu feiern, beginnen sie eben diese Party zu planen. Sie soll noch besser werden als ihre inzwischen legendären Partys, die sie als Schülerinnen feierten. Und sie soll natürlich ihre Jugend wieder zurückbringen.
Diese Party, die im Zentrum des Films steht, ist der zweite Akt und er dauert ungefähr eine Stunde. Im dritten Akt, der ungefähr das letzte Viertel des Films einnimmt, werden dann die Scherben zusammengekehrt, inclusive Kater und pflichtschuldig mitgelieferter, aus der vorherigen Geschichte kaum erkennbarer Moral für die beiden Mittvierzigerinnen Kate und Maura.
Die Party selbst nimmt, und dabei ist das Geschlecht des Gastgebers egal, ihren vorhersehbaren Verlauf. Aus dem nobel-austauschbarem Vorstadtanwesen wird innerhalb weniger Stunden eine einsturzgefährdete Ruine. Es werden legale und illegale Drogen konsumiert, es werden sich Beleidigungen an den Kopf geworfen, es wird gekuschelt und alle versuchen sich, nach kurzen Anlaufschwierigkeiten, wieder wie hormon- und drogengetriebene Teenager zu benehmen. Selbstverständlich gibt es auch in „Sisters“ die Zeichnung eines männlichen Geschlechtsteiles an einem unpassendem Ort. Dieser zuverlässige Indikator für das klamaukige Witzniveau des Films verziert dieses mal eine Zimmerwand.
Das ganze könnte die weibliche Version von der ebenfalls diese Woche angelaufenen „Komödie“ „Dirty Grandpa“ sein, wenn es in „Sisters“ nicht auch ruhige Momente gäbe und nicht alle Witze bewegen sich auf vorpubertärem Niveau. In „Sisters“ ist auch eine leichte Verzweiflung über das Älterwerden und verpasste Chancen spürbar, die aber meistens in den zu lang geratenen improvisierten Szenen und der in ihrer Eskalation keiner wirklichen Dramaturgie gehorchenden Party untergeht.
Ein echter Pluspunkt von „Sisters“ sind die spielfreudigen Komikerinnen und ihr Mut zur Hässlichkeit und Gesichtsverrenkungen. Mit reduzierten Erwartungen (denn eigentlich geht es nur, mit langem Vor- und Nachspiel, um die hauszerstörende Party) ist Jason Moores Film ein annehmbares, aber auch verzichtbares und mit zwei Stunden zu lang geratenes Vergnügen, bei dem sich schon die Frage nach der Zielgruppe stellt. Wobei: Warum sollten nur Männer auf ewig pubertieren? Und warum sollte ein Geschlechterwechsel zu einer besseren Komödie führen? Aber schön wäre es schon.

Druck

Sisters (Sisters, USA 2015)
Regie: Jason Moore
Drehbuch: Paula Pell
mit Tina Fey, Amy Poehler, Maya Rudolph, Ike Barinholtz, James Brolin, Dianne Wiest, John Cena, John Leguizamo, Bobby Moynihan, Greta Lee
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Sisters“
Metacritic über „Sisters“

Rotten Tomatoes über „Sisters“
Wikipedia über „Sisters“


TV-Tipp für den 15. Februar: Z

Februar 15, 2016

Arte, 20.15
Z – Anatomie eines politischen Mordes (Frankreich/Algerien 1969, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Jorge Semprún, Constantin Costa-Gavras
LV: Vassilis Vassilikos: Z, 1966 (Z)
Immer wieder sehenswerter, oscarprämierter, archetypischer Polit-Thriller, der die Ermordung des griechischen linken Oppositionsabgeordneten Gregorios Lambrakis am 22. Mai 1963 fiktionalisiert. In dem Film soll ein junger Untersuchungsrichter die Gerüchte über einen Mord entkräften.
„Z“ war, entgegen allen Erwartungen, weltweit ein Kassenschlager. In Griechenland wurde der Film erst im November 1974, nach dem Ende der Militärdiktatur, aufgeführt.
Jorge Semprún und Constantin Costa-Gavras erhielten für ihr Drehbuch den Edgar (und für echte Krimifans zählt natürlich nur ein Krimipreis, während Oscars, Golden Globes, Preise in Cannes etwas für die Cineasten sind).
mit Yves Montand, Irene Papas, Jean-Louis Trintignant, Charles Denner, Georges Géret, Jacques Perrin, Francois Périer, Bernard Fresson, Marcel Bozzuffi
Wiederholung: Dienstag, 16. Februar, 13.55 Uhr
Hinweise
Arte über die Costa-Gavras-Filmreihe
Rotten Tomatoes über „Z“
Wikipedia über „Z“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 14. Februar: Captain Phillips

Februar 14, 2016

RTL, 20.15/23.40
Captain Phillips (Captain Phillips, USA 2013)
Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Billy Ray
Vorlage: Captain Richard Phillips/Stephan Talty: A Captain’s Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea, 2010 (Höllentage auf See – In den Händen von somalischen Piraten – gerettet von Navy Seals)
Am 8. April 2009 entern somalische Piraten die „Maersk Alabama“ und schnell beginnt ein Psychoduell zwischen Captain Richard Phillips und Muse, dem Anführer der Piraten.
Spannendes, auf Tatsachen basierendes Geiseldrama, das auch die Seite der Piraten zeigt.
Am 11. August 2016 läuft „Jason Bourne“, der neue Film von Paul Greengrass, bei uns an.
mit Tom Hanks, Catherine Keener, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman, Faysal Ahmed, Mahat M. Ali, Michael Chernus, David Warshofsky, Corey Johnson, Max Martini

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Captain Phillips“

Moviepilot über „Captain Phillips“

Metacritic über „Captain Phillips“

Rotten Tomatoes über „Captain Phillips“

Wikipedia über „Captain Phllips“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Captain Phillips“

Meine Besprechung von Paul Greengrass’ “Captain Phillips” (Captain Phillips, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „69 Tage Hoffnung“ für die Bergleute und ihre Familien

Februar 13, 2016

Das Schlussbild beschreibt eigentlich ziemlich genau das Problem von „69 Tage Hoffnung“. Wir sehen, in Schwarzweiß, die 33 echten Minenarbeiter, die 2010 die titelgebenden 69 Tage in der San José Mine in der Nähe von Copiapó in Chile in einer eingestürzten Mine eingeschlossen waren, einträchtig nebeneinander am Strand. Es ist ein harmonisches Familienbild. Und der Film davor setzte ihnen ein Denkmal, das in jedem Fall dazu führt, dass sie nicht vergessen werden und das vielleicht dazu führt, dass sie entschädigt werden. Denn bislang erhielten sie von ihrem Arbeitgeber, der Minengesellschaft Compañía Minera San Esteban Primera, kein Geld. Dabei führte deren Missachtung von Warnungen und Sicherheitsbestimmungen zu dem Grubenunglück am 5. August 2010.
Nach dem Unglück entwickelt sich in Patricia Riggens Film, wie in der Realität, die Geschichte in mehreren Erzählsträngen zwischen den 700 Meter unter der Erde eingeschlossenen 33 Minenarbeitern, ihren Familien, die vor den Toren der Mine in der Zeltstadt Camp Esperanza (Hoffnung) ausharren, den Rettern, die zunächst versuchen herauszufinden, ob überhaupt jemand gegen alle Wahrscheinlichkeit das Unglück überlebte, und der Politik, die sich, durch den Druck der Familien und Medien, dazu bereit erklärt, die Rettungsmaßnahmen tatkräftig zu unterstützen.
Diese Situation hat schon auf den ersten Blick viel dramatisches Potential. Aber dann, und wahrscheinlich kann man „69 Tage Hoffnung“ am besten darüber beschreiben, was er nicht ist, umschiffen die Macher diese Konflikte, weil die Rettungsmaßnahmen nach anfänglichen Problemen gut laufen. Aus der ganzen Welt kommen Bohrexperten, das Geld für die Rettungsmaßnahmen fließt und, nachdem es einen Kontakt zu den Bergarbeitern gibt (die vorher, weil die Bergwerksgesellschaft auch an der Notverpflegung sparte, fast verhungert wären), entwickelt sich der Aufenthalt unter der Erde, was auch an der Organisation der Arbeiter lag, zu einem erstaunlich konfliktfreien Club Med. Gerade das dürfte, wie wir aus jedem Urlaub wissen, nicht der Realität entsprechen, aber die Bergarbeiter und ihre Familien berieten die Filmemacher und natürlich lässt man hier – was für beide Seiten gilt – einiges weg.
Insofern ist „69 Tage Hoffnung“ kein Survival-Drama à la „The Revenant“ oder „Everest“. Es ist auch kein Polit-Thriller, der die Umtriebe der Bergwerksgesellschaft kritisiert. Sie gefährdet für ihren Profit das Leben der Bergarbeiter. Es ist auch keine Darstellung des komplexen Verhältnisses zwischen Staat und Kapital in einem südamerikanischen Staat. Es ist auch keine Medienkritik; das erledigte Billy Wilder schon 1951 mit „Reporter des Satans“ (Ace in the Hole). Außerdem sind in „69 Tage Hoffnung“ die Journalisten viel zu sehr Staffage, die vor allem dazu dient, ab und an, schnell einige für das Verständnis nötige Informationen zu transportieren. So ist Riggens Film eine gut gefilmte, gut gespielte, etwas zu sehr in Richtung glattes Hollywood-Kino gehende Erinnerungspostkarte der Eingeschlossenen und ihrer Familien. Und, als wichtige Nebenfiguren, ihrer Retter.
Aus kommerziellen Gesichtspunkten ist das verständlich. Mit 26 Millionen Dollar Kosten ist es für einen südamerikanischen Film eine große Produktion, die auf den Weltmarkt schielt und mit einer internationalen Besetzung aufwartet. Auch wenn diese Entscheidung „69 Tage Hoffnung“ einiges von seinem dramatischen Potential raubt, das er mit einer Zuspitzung gehabt hätte. Eine Zuspitzung, die in punkto Einspielergebnis ein Risiko gewesen wäre und auch, wie wir es von anderen auf wahren Ereignissen basierenden Filmen kennen, für Diskussionen gesorgt hätte, ob die Geschichte wirklich richtig interpretiert wird.
Gedreht wurde vor Ort und das ist ein eindeutiger Pluspunkt des Films. Die Minenaufnahmen entstanden in Kolumbien in den Minen von Nemocón und Zipaquira; die anderen Aufnahmen entstanden wenige Kilometer vom Unglücksort in Chile in der Atacama Wüste und dieser Realismus trägt natürlich, zwischen all den CGI-Katastrophenfilmen (wie „San Andreas“), zur angenehm altmodischen Qualität des Films bei. Man hofft, auch wenn man sich noch an den Ausgang der Geschichte erinnert, dass die Bergarbeiter überleben. Am 13. Oktober 2010 erblickten sie wieder das Tageslicht. Vor laufenden Kameras, die ihre Bilder in die ganze Welt sendeten.
So ist das betont unkontroverse und traditionell inszenierte Drama, das den zutreffenden deutschen Titel „69 Tage Hoffnung“ hat, nicht so beeindruckend, wie es hätte sein könnte. Es ist halt näher an einer Stadtchronik als an einer Reportage.

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69 Tage Hoffnung (The 33, USA/Chile 2015)
Regie: Patricia Riggen
Drehbuch: Mikko Alanne, Craig Borten, Michael Thomas (nach einer Geschichte von Jose Rivera)
LV: Hector Tobar: The 33: Deep Down Dark – The untold Stories of 33 Men buried in a Chilean Mine, and the Miracle that set them free, 2014
mit Antonio Banderas, Rodrigo Santoro, Juliette Binoche, Gabriel Byrne, James Brolin, Lou Diamond Phillips, Mario Casas, Jacob Vargas, Juan Pablo Raba, Oscar Nuñez
Länge: 127 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „69 Tage Hoffnung“
Metacritic über „69 Tage Hoffnung“
Rotten Tomatoes über „69 Tage Hoffnung“
Wikipedia über „69 Tage Hoffnung“ (deutsch, englisch) und das Unglück (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. Februar: Die Ehe der Maria Braun

Februar 13, 2016

3sat, 20.15

Die Ehe der Maria Braun (Deutschland 1978, Regie: Rainer Werner Fassbinder)

Drehbuch: Peter Märtesheimer, Pea Fröhlich (nach einer Idee von Rainer Werner Fassbinder)

Fassbinder-Klassiker über das Leben einer Frau von den Kriegsjahren bis zum 4. Juli 1954.

Mit Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch, Ivan Desny, Gottfried John, Gisela Uhlen, Günter Lamprecht, Elisabeth Trissenar, Volker Spengler, Karl-Heinz von Hassel, Michael Ballhaus, Hark Bohm, Günther Kaufmann, Bruce Low, Rainer Werner Fassbinder, Claus Holm

Wiederholung: Montag, 15. Februar, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte über Rainer Werner Fassbinder

Wikipedia über “Die Ehe der Maria Braun” und Rainer Werner Fassbinder

Deutsches Filmhaus über „Die Ehe der Maria Braun“

Filmzentrale: Besprechungen von Ulrich Behrens, Janis El-Bira und Dieter Wenk über “Die Ehe der Maria Braun”

Homepage der Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation

Meine Besprechung von Annekatrin Hendels Doku “Fassbinder” (Deutschland 2015)

Rainer Werner Fassbinder in der Kriminalakte


Verräter wie wir – der erste deutsche Trailer

Februar 12, 2016

Am 7. Juli startet in unseren Kinos die John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ und dieser Trailer gibt einen ersten Vorgeschmack, der mich, – nachdem die vorherigen John-le-Carré-Verfilmungen überzeugten -, etwas enttäuscht-ratlos zurücklässt. Vielleicht wegen der Bilder, vielleicht wegen der Frisuren (Oder habe ich ein Siebziger-Jahre-Revival verpasst?):


TV-Tipp für den 12. Februar: Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses

Februar 12, 2016

3sat, 22.35
Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses (USA 1988, Regie: Alan Parker)
Drehbuch: Chris Gerolmo
Südstaaten, 1964: Mitten im Hochsommer verschwinden im ländlichen Jessup County drei Bürgerrechtler spurlos. Ein älterer und ein jüngerer FBI-Agent sollen den Fall aufklären und wenn sie nur auf eine Mauer des Schweigens stoßen würden, wären sie froh.
Packender, auf einem wahren Fall basierender Polizei-Thriller. Zum Filmstart sah der Fischer Film Almanach das anders (wobei damals die Filmkritik auch anders war): „Parker lässt zu, dass ‚Mississippi Burning‘ sich zu einem konventionellen Reißer entwickelt, zu einem Polizeifilm, der mit den fragwürdigen Methoden seiner Protagonisten sympathisiert. Doch damit wird er seinem Thema nicht mehr gerecht. Ein Film der verschenkten Möglichkeiten.“ Dabei wird der erste Teil gelobt.
„Parkers von gewalttätigen Eruptionen durchsetzter FBI-Thriller ist wegen seiner (historisch unhaltbaren) Glorifizierung des FBI und wegen seiner Tendenz, die Rolle der Bürgerrechtler und der Schwarzen zu verfälschen (sie sind mehr oder weniger Randfiguren des Dramas), heftig kritisiert worden.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Der Film feierte seine Premiere auf der Berlinale. Der immer überzeugende Gene Hackman erhielt den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller. Und bei den US-Kritikern kam der Film besser an als bei den deutschen Kritikern.
mit Gene Hackman, Willem Dafoe, Frances McDormand, Brad Dourif, R. Lee Ermey, Michael Rooker, Pruitt Taylor Vince, Tobin Bell (damals noch ein kleiner Nebendarsteller in seinem ersten namentlich genanntem Spielfilmauftritt)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Mississippi Burning“
Wikipedia über „Mississippi Burning“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik mit Bonushinweis: „Deadpool“ Wade Wilson hat jetzt seine große Marvel-Verfilmung

Februar 11, 2016

Der Film war jahrelang, mal mehr, mal weniger, in Planung. Er war ein Traumprojekt von Hauptdarsteller Ryan Reynolds, dessen „Green Lantern“ bei den Fans, der Kritik und dem Publikum nicht besonders gut ankam. In den vergangenen Jahren trat er, nachdem er schon einen kurzen Auftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ hatte, in mehreren guten Filmen auf. Zuletzt in dem Spieler-Drama „Dirty Trip – Mississippi Grind“ (Besprechung folgt; DVD erschien bei Ascot Elite), „The Voices“, „Woman in Gold“ und „Self/Less“.
Trotzdem blieb „Deadpool“ sein Traumprojekt und wie das mit Träumen so geht. Meistens bleiben sie besser Träume.
Entsprechend skeptisch hoffnungsvoll sah ich mir den Film an und es ist wirklich ein „Deadpool“-Film, der das Wesen der Comicfigur und der Comics trifft. Was, ironischerweise, ein Vor- und Nachteil ist.
Die Filmgeschichte ist, mit zahlreichen Rückblenden (was in Comics ja ein gern benutztes Stilmittel ist), eine Origin-, Rache- und Liebesgeschichte, die von dem titelgebendem Söldner mit der großen Klappe ständig und in jeder Beziehung respektlos kommentiert wird, was dazu führt, dass die Handlung immer wieder stoppt, weil Deadpool uns im Kinosaal noch schnell irgendetwas erklärt, das mehr oder weniger wichtig für die Handlung ist.
Nachdem der Söldner Wade Wilson (Ryan Reynolds) erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist, verlässt er seine große Liebe Vanessa Carlysle (Morena Baccarin) und nimmt an einem geheimen Programm teil, das ihn heilen soll. Mad-Scientist Ajax (Ed Skrein, hier wesentlich überzeugender als in „The Transporter Refueled“) verantwortet mit sadistischer Lust die schmerzhafte Operation. Danach ist Wilson vom Krebs geheilt, hat übermenschliche Selbstheilkräfte und sieht absolut abstoßend aus. Nur seine große Klappe übersteht die Operation unverändert. Er will, dass Ajax das mit dem Aussehen rückgängig macht und er will sich an ihm für die ihm zugefügten Schmerzen rächen; was eigentlich zwei sich widerstrebende Ziele sind. Und dann, als Zugabe, entführt der Bösewicht auch noch Wilsons Freundin.
Gut, das ist nicht wirklich die stärkste „Deadpool“-Geschichte. Denn gerade die Origin-Story und Liebesgeschichten interessierten „Deadpool“-Fans nie wirklich. Im Gegensatz zu anderen Superhelden hat Deadpool auch keine immer wiedergekäute Origin-Story und was man als Comicleser über Deadpools Vergangenheit weiß, kann auch ein Hirngespinst von Wade Wilson sein. Eine Nachwirkung der Operation, die ihn zu Deadpool machte.
Aber diese beiden Geschichten und auch alles andere wird in Tim Millers Spielfilmdebüt „Deadpool“ angenehm konsequent gegen den Strich gebürstet. Jedes Superheldenklischee, das es gibt, wird durch den Kakao gezogen und mit mindestens drei Sprüchen von Deadpool garniert. Dabei ist sein Humor meist pubertär, immer respektlos und damit auch erfrischend. Vor allem natürlich im bierernsten Superheldengenre, das schon in der Titelsequenz ordentlich parodiert wird und auch dem Hauptdarsteller gleich einige Klatschen gibt. Und so geht es weiter. Wade Wilsons große Liebe ist eine Prostituierte, die ihre Arbeit liebt. Seine Wohnung ist kein Abklatsch von Wayne Manor, sondern eine billige Mietwohnung, in der er Untermieter ist. Seine Gehilfin ist kein distinguierter Batman-Butler Alfred, sondern eine alte, blinde Afroamerikanerin, die auf jeden Cent angewiesen ist. Die Söldner treffen sich in einer quasi frauenfreien Kellerspelunke, die „Sister Margaret’s Home for Wayward Girls“ heißt. Undsoweiterundsofort wird Szene an Szene, Witz an Witz gereiht, während die eh schon nebensächliche Geschichte immer mehr zur absoluten Nebensache wird. „Deadpool“ funktioniert vor allem als Abfolge von Episoden und Szenen, in denen die Beteiligten sich ebenso kräftig wie liebevoll über das Superheldengenre lustig machen.
Dieser Spaß ist in jeder Sekunde spürbar und macht „Deadpool“ zu einem kurzweiligen Jungs-Vergnügen. Bis hin zur Marvel-typischen Szene nach dem Abspann dieses etwas anderen Superheldenfilms mit einem latent unzurechnungsfähigem, von psychischen Problemen und hehren Zielen angenehm unbelasteten Helden, der mindestens in jedem zweiten Satz eine popkulturelle Referenz unterbringt.
P. S.: Der läuft auch im IMAX in 2D. Und das ist gut so.

Deadpool - Plakat

Deadpool (Deadpool, USA 2016)
Regie: Tim Miller
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick
LV: Charakter von Rob Liefeld und Fabian Nicieza
mit Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T. J. Miller, Gina Carano, Brianna Hildebrand, Leslie Uggams, Stan Lee (sein Cameo)
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Deadpool“
Metacritic über „Deadpool“
Rotten Tomatoes über „Deadpool“
Wikipedia über „Deadpool“ (deutsch, englisch)

Aber das ist noch nicht alles. Ergänzend, aber vollkommen unabhängig vom Film, hat Panini „Die Deadpool-Anthologie“ (Untertitel) herausgeben. „Deadpool – Greatest Hits“ enthält elf Geschichten mit dem Söldner mit der großen Klappe, die eine gute, ziemlich kurze und sehr kurzweilige Einführung in die Welt von Deadpool sind. Denn die Bildergeschichten, die eine Bogen spannen von Deadpools erstem Auftritt (1991 in „The New Mutants 98: Der Anfang vom Ende“) bis zur Gegenwart („Deadpool 27: Die Hochzeit von Deadpool“ [wer’s glaubt]) werden ergänzt durch informative Vorbemerkungen, die die Geschichten in jeder Beziehung in die Deadpool-Welt einordnen. Vorbildlich und für Neueinsteiger und Altfans sehr informativ.
Wer es kürzer haben will, kann sich „Das Film-Special“ zulegen, das die ebenfalls in „Deadpool: Greatest Hits“ enthaltene Geschichte „Der große Kinofilm“ enthält. Thriller-Autor Duane Swierczynski schrieb 2010 diese Geschichte, in der Wade Wilson sein Leben gerne als Hollywood-Film sehen möchte. Dafür erzählt er einem Drehbuchautor seine Lebensgeschichte und wir erfahren einiges über Hollywood und auch einiges über die Herkunft von Wade Wilson. Denn das ist für einen Hollywood-Film wichtig.

Deadpool - Greatest Hits
Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie
Panini, 2016
324 Seiten
24,99 Euro
Deadpool - Das Film-Special
Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special
(übersetzt von Jürgen Petz)
Panini, 2016
52 Seiten
3,99 Euro

Originalausgabe
X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture
Marvel, September 2010

Hinweise

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

P. P. S.: Die beiden „Deadpool“-Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernick sitzen bereits am Drehbuch für den zweiten „Deadpool“-Film. Regisseur Tim Miller soll auch wieder dabei sein. Ryan Reynolds sowieso.


Neu im Kino/Filmkritik: Robert De Niro ist „Dirty Grandpa“ – und das ist kein Witz

Februar 11, 2016

Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
.
.
.
Nein!
Außer Sie findet es witzig, wenn gut zwei Stunden der Grundschulwitz mit dem Furzkissen erzählt wird und wir uns wieder einmal über ein aufgemaltes männliches Geschlechtsteil amüsieren sollen.
Der Witz war schon beim ersten Mal nicht witzig, kommt aber in jeder pubertären US-Klamauk-Komödie mindestens einmal vor.
Dazu gibt es, auch keine Überraschung, altbacken-verklemmte Witze über Minderheiten, über die die Minderheiten gefälligst lachen sollen und dass das alles so wundervoll politisch unkorrekt und tabubrechend sein soll, glaubt auch niemand. Denn es ist vor allem peinlich und ungefähr so witzig wie Hämorrhoiden.
Dass Robert De Niro freiwillig und im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten die Hauptrolle des nach dem Tod seiner Frau heftig pubertierenden Großvaters auf Spring-Break-Tour übernommen hat, kann nur als der erfolgreiche Versuch gewertet werden, sein Lebenswerk möglichst vollumfänglich zu demolieren.
Was ihm gelungen ist.
„Dirty Grandpa“ ist der traurige Tiefpunkt eines eh schon seit Jahren, bis auf wenige Ausnahmen, nicht beeindruckenden Spätwerkes, das sich darauf konzentriert in schlechten Filmen seinen Gehaltsscheck einzustreichen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
Denn selbstverständlich gibt es auch für ältere Schauspieler gute Rollen. Seht euch die letzten Filme von Clint Eastwood, Robert Redford, Dustin Hoffman und Michael Douglas an. Um nur die wirklich bekanntesten Namen zu nennen.

Dirty Grandpa - Plakat

Dirty Grandpa (Dirty Grandpa, USA 2015)
Regie: Dan Mazer
Drehbuch: John M. Phillips
mit Robert De Niro, Zac Efron, Aubrey Plaza, Zoey Deutch, Julianne Hough, Jason Mantzoukas, Adam Pally, Dermot Mulroney, Danny Glover
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (in den USA gab’s immerhin ein R-Rating)

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Dirty Grandpa“
Metacritic über „Dirty Grandpa“
Rotten Tomatoes über „Dirty Grandpa“
Wikipedia über „Dirty Grandpa“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. Februar: Hanna K.

Februar 11, 2016

Arte, 22.50
Hanna K. (Frankreich/Israel 1983, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Franco Solinas, Constantin Costa-Gavras
Die israelische Anwältin Hanna Kaufman soll den illegal ins Land gekommenen, unter Terrorverdacht stehenden Palästinenser Selim Bakri verteidigen. Er behauptet allerdings, keinen Anschlag geplant zu haben, sondern er will nur das illegal beschlagnahmte Haus seiner Eltern wieder haben. Hanna fragt sich, ob Selim die Wahrheit sagt.
Die deutsche Premiere erlebte „Hanna K.“ am 12. Oktober 1990 in der ARD und der „Fischer Film Almanach“ schrieb damals: „In der emotionalen Betroffenheit unabhängiger Frauen (…) werden politische und gesellschaftliche Probleme in allen Facetten ihrer Widersprüchlichkeit greifbar. Im Engagement der Protagonistinnen treffen sich die Argumente aller beteiligten Parteien. Ihr Entscheidungskonflikt zwingt auch den Zuschauer zu Identifikation und Stellungnahme.“
Das Lexikon des internationalen Films meint: „Melodram vor dem Hintergrund der oft tabuisierten israelischen Besiedlungspolitik, in dessen Verlauf das Private das Politische überlagert. Eindrücklich und ohne Klischees werden die Probleme einer Frau gezeigt, die versucht, gegen gesellschaftliche Normen und die Widerstände der offiziellen Politik ihren eigenen Weg zu gehen.“
Costa-Gavras zeigte in einem Film erstmals die palästinensische Seite des Konflikts, viele Kritiker warfen ihm sofort eine Anti-israelische Haltung vor, in den USA wurde der Film kaum besprochen und er verschwand dort und in anderen Ländern rasend schnell aus den Kinos. In die deutschen Kinos kam er überhaupt nicht. Da scheint Costa-Gavras einige Jahre zu früh gewesen zu sein.
mit Jill Clayburgh, Jean Yanne, Gabriel Byrne, Mohammed Bakri, David Clennon
Hinweise
Arte über die Costa-Gavras-Filmreihe
Rotten Tomatoes über „Hanna K.“
Wikipedia über „Hanna K.“ (englisch, französisch)


DVD-Kritik: „Der große Minnesota-Überfall“, Jesse James, Cole Younger und ihre Jungs

Februar 10, 2016

1876: der Wilde Westen ist gar nicht mehr so wild wie zu „The Revenant“-Zeiten und die Wunden des Bürgerkriegs sind ungefähr so verheilt wie in „The Hateful Eight“. Bodenspekulanten und Eisenbahnunternehmen bringen Farmer um ihren Besitz. Einige, wie die James- und Younger-Brüder wehren sich und sie werden zu legendären Verbrechern, über die es unzählige Filme gibt, die es meistens mit den historisch verbürgten Fakten nicht so genau nehmen. Wobei schon damals eifrig Legende und Wahrheit miteinander vermischt wurden.
In seinem dritten Spielfilm – davor drehte Philip Kaufman bereits zwei ziemlich unbekannte Komödien, danach „Die Körperfresser kommen“, „The Wanderers“, „Der Stoff, aus dem die Helden sind“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ und „Die Wiege der Sonne“, immer nach eigenen Drehbüchern, und er schrieb die Bücher für „Der Texaner“ und „Jäger des verlorenen Schatzes“ (genaugenommen hat er nur einen Story-Credit) – versucht Kaufman den Spagat zwischen Heldenverehrung, Demystifikation und Sozialreportage indem er aus verschiedenen Perspektiven die Vorgeschichte zu dem titelgebendem „großen Minnesota-Überfall“ und dem in einer langen Schießerei endenden, erstaunlich chaotisch durchgeführten Banküberfall am 7. September 1876 auf die First National Bank in Northfield schildert. Weil die Bewohner von Northfield der Bank nicht trauen, müssen die Outlaws sie vor ihrem Überfall mit einem Schwindel überzeugen, ihr Geld dort einzuzahlen und so den geplanten Überfall für die James-und-Younger-Bande zu einem lohnendem Unternehmen zu machen.
Diese Geschichte tritt immer wieder in den Hintergrund, zugunsten von Beschreibungen des damaligen Lebens oder der komödiantischen Beobachtung eines Baseball-Spiels, das von den Einheimischen als „unser Nationalsport“ verkauft wird, während Cole Younger meint, der Nationalsport der Amerikaner sei Schießen und werde es immer bleiben.
Diese Mischung macht Kaufmans betont uneinheitlich inszenierten Film etwas unausgewogen und auch wegen seiner Brüche und erzählerischen Unsicherheiten und Abwege faszinierend. Vor allem das Porträt des damaligen Lebens in Northfield und wie die Vorboten der Industriellen Revolution und des 21. Jahrhunderts dort einziehen und das alte Frontierleben verdrängen, fasziniert. Dieser mit dem Blick eines Soziologen geschilderte Zusammenprall der unterschiedlichen Kulturen, garniert mit etlichen ebenso spitzen wie treffenden Bemerkungen der Charaktere, hebt Kaufmans Film aus dem Einerlei zahlloser Western heraus und macht ihn zu einer kritischen und auch schonungslosen Betrachtung des damaligen Lebens, bei dem die in Legenden, Volksliedern, Erzählungen und Filmen glorifizierten Verbrecher als doch eher einfältige Gesellen nicht besonders gut wegkommen. Es sind eben Dialekt sprechende Hinterwäldler ohne jegliche Bildung, die schon in der Kleinstadt Northfield fremdeln. Der 1923 geborene Cliff Robertson porträtiert Cole Younger als einen Mann, der kein Interesse mehr am Banditenleben hat und der, wie ein kleines Kind von der Moderne fasziniert ist, jede Gelegenheit für eine meist eher wunderliche Ablenkung begrüßt. Sogar einige Sekunden vor dem Banküberfall. Die ihn und seine Bande verfolgenden Pinkerton-Agenten, eine hasserfüllte Kopie der Keystone-Cops, sind da allerdings nicht sympathischer. Und die zivilisierten Bewohner von Northfield zeigen erstmals ihre Talente bei dem neuen amerikanischen Nationalsport. Bei dem in eine blutige Schießerei ausartendem Banküberfall favorisieren sie dann den alten amerikanischen Nationalsport. Das ist in jeder Sekunde viel mehr New-Hollywood-Kino als klassischer Western, in denen Helden noch Helden waren.
„Der große Minnesota Überfall“, der jetzt bei Koch Media in der „Edition Western Legenden“ als deutsche Erstveröffentlichung in restaurierter HD-Qualität erschien, ist wirklich eine Wiederentdeckung wert.

Der große Minnesota-Überfall - DVD-Cover

Der große Minnesota-Überfall (The great Northfield Minnesota Raid, USA 1972)
Regie: Philip Kaufman
Drehbuch: Philip Kaufman
mit Cliff Robertson, Robert Duvall, Luke Askew, R. G. Armstrong, Dana Elcar, Donald Moffat, John Pearce, Matt Clark, Elisha Cook jr.

DVD
Koch Media (Edition Western Legenden # 35)
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Booklet, Trailer, Bildergalerie
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Der große Minnesota-Überfall“
TCM über „Der große Minnesota-Überfall“
Wikipedia über „Der große Minnesota-Überfall“


TV-Tipp für den 10. Februar: Das Geständnis

Februar 10, 2016

https://www.youtube.com/watch?v=4sHo4OYiKj0

Arte, 20.15
Das Geständnis (Frankreich/Italien 1969, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Jorge Semprún
LV: Artur London, Lise London: L’Aveu (Ich gestehe – Der Prozess um Rudolf Slansky)
CSSR, fünfziger Jahre: der stellvertretende Außenminister Anton Ludvik wird vom Geheimdienst verhaftet. Obwohl er unschuldig ist, soll er Verbrechen gegen den kommunistischen Staat gestehen.
„Man dient der Sache des Sozialismus nicht, indem man die Prozesse, Intrigen und Irrtümer, die ihn degradieren und entstellen, unter den Tisch fallen lässt. Ich weiß, dass ‚L’Aveu‘ die Gemüter erregen wird. Aber darf man, im Namen der Disziplin und Loyalität einer Partei gegenüber zulassen, dass dem Menschen seine Würde genommen wird?“ (Constantin Costa-Gavras zum Fillmstart)
Grandioser Polit-Thriller von Costa-Gavras, der abseits von seinen realen historischen Bezügen (das Vorbild für Ludvik war Artur London), immer noch aktuell ist.
„Die internationale Filmkritik bezeichnete ‚Das Geständnis‘ als eine allgemein gültige und fast dokumentarisch wirkende Darstellung politischen Terrors und totalitärer Willkür.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von ‚Che‘ bis ‚Z‘ – Polit-Thriller im Kino, 1991)
mit Yves Montand, Simone Signoret, Gabrielle Ferzetti
Wiederholung: Freitag, 19. Februar, 13.35 Uhr
Hinweise
Arte über die Costa-Gavras-Filmreihe
Rotten Tomatoes über „Das Geständnis“
Wikipedia über „Das Geständnis“ (englisch, französisch)


Cover der Woche

Februar 9, 2016

Thomas - The eigth Dwarf