1969: zwei junge arbeitslose Schauspieler flüchten vor ihrem chaotischen Leben in London auf’s Land. Dort hoffen sie auf Ruhe und Erholung, kommen aber vom Regen in die Traufe.
TV-Premiere. Unglaublich, aber wahr. In Großbritannien ist „Withnail & I“ ein absoluter Kultfilm. Als der Guardian 2009 Filmkritiker und Regisseure nach dem besten britischen Film der letzten 25 Jahre fragte, landete „Withnail & I“ auf dem zweiten Platz. Auf dem ersten Platz landete „Trainspotting“.
In Deutschland lief er nie im Kino. 1997 wurde eine deutsche Synchronisation erstellt. 2007 erfolgte eine DVD-Veröffentlichung. 2012 eine Neuauflage. Und jetzt gibt es die überfällige TV-Premiere.
„urkomische ’schwarze‘ Komödie“ (Lexikon des internationalen Films), die auf eigenen Erlebnissen von Bruce Robinson basiert.
mit Richard E. Grant, Paul McGann, Richard Griffiths, Ralph Brown, Michael Elphick, Daragh O’Malley
37°: Radikal, gehasst, verzweifelt – Die letzte Generation(Deutschland 2023)
Regie: Broka Herrmann
Drehbuch: Broka Herrmann
TV-Premiere. Halbstündige Doku über drei Aktivisten der Letzten Generation, ihr Umfeld und, vor allem, ihre Eltern.
Die Doku zeigt, wieder einmal, das Hauptproblem der Letzten Generation. Es wird über ihre Aktionen, aber nicht über ihre Forderungen gesprochen. Sie verärgern genau die Menschen, die sie für gesellschaftliche und politische Veränderungen bräuchten, während die Entscheider in der Politik und der Wirtschaft ungestört weitermachen können. D. h. bis jetzt bringen ihre Aktionen sie nicht näher an ihr Ziel. Eher scheinen sie sich weiter von ihm zu entfernen.
Die im Film gezeigten Personen scheinen trotzdem bei der gewählten Kleben-bis-die-Polizei-kommt-Strategie zu bleiben.
Selten gezeigtes Frühwerk von Pedro Almodóvar – mit einer ziemlich mörderischen Geschichte. Es geht um einen Stierkampflehrer, der nicht mehr in die Arena darf und deshalb Frauen tötet; um seinen religiös erzogenen Schüler, der ihn begehrt und mehrere Morde (die er nicht verübt hat) gesteht; und um eine Anwältin, die den Jüngling verteidigt und ihre Liebhaber mit einer Hutnadel ersticht. Als sie sich begegnen, wird es, nun, mörderisch und leidenschaftlich.
Die zeitgenössische Kritik meinte zum Kinostart: „einzigartigen, postmodernen Mischung aus Melodram und Farce“ (Fischer Film Almanach 1991)
mit Assumpta Serna, Antonio Banderas, Nacho Martínez, Eva Cobo, Julieta Serrano, Chus Lampreave, Carmen Maura, Bibi Andersen
LV: Elmore Leonard: Hombre, 1961 (Man nannte ihn Hombre)
Arizona, 1880: John Russell (Paul Newman) ist ein Weißer, der als Kind von Apachen entführt wurde und seitdem freiwillig bei ihnen lebt. Aufgrund einer Erbschaft benutzt er mit einigen Weißen die letzte Postkutsche von Sweetmary. Als die Postkutsche von Banditen überfallen wird, muss er sich entscheiden, ob er seinen Mitreisenden helfen will.
Eher selten gezeigter, von der Kritik gelobter und vom Publikum geliebter Klasse-Western, nach einem Frühwerk von Elmore Leonard. Die Western Writers of America nahmen „Hombre“ in ihre Liste der 25 besten Western auf.
„Ein Markstein wie John Fords ‚Stagecoach‘, nach dessen Rezept er aufgebaut ist und von dem ihn ein Vierteljahrhundert Western-Geschichte trennen. Wieder fährt die Postkutsche durch Arizona, aber diesmal sitzt der Indianer drinnen und die Schurken, von denen es drinnen und draußen wimmelt, sind Weiße.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt Arte die brandneue gut einstündige Doku „Paul Newman – Der unwiderstehliche Typ“ (Frankreich 2022). Und danach, um 22.55 Uhr die Doku „Sergio Leone – Spiel mir das Lied von Amerika“. Die hat zwar nichts mit Paul Newman, Martin Ritt oder Elmore Leonard zu tun, aber doch einiges mit dem Wilden Westen.
mit Paul Newman, Frederic March, Richard Boone, Diane Cilento, Cameron Mitchell, Barbara Rush, Martin Balsam
Desperate Hours – 24 Stunden in seiner Gewalt (Desperate Hours, USA 1990)
Regie: Michael Cimino
Drehbuch: Lawrence Kooner, Mark Rosenthal, Joseph Hayes
LV: Joseph Hayes: The desperate hours, 1954 (Roman), 1956 (Bühnenstück) (An einem Tag wie jeder andere)
Auf der Flucht nehmen Gangster die Familie Cornell als Geisel. Ein Psychoduell zwischen Geiselnehmern, Geiseln und einem das Haus belagerndem Riesenaufgebot der Polizei beginnt.
Das Original „An einem Tag wie jeder andere“ von William Wyler zeigte Humphrey Bogart in einer seiner letzten Rollen. Cimino befreite „An einem Tag wie jeder andere“ von dem Theatermief und drehte einen hochspannenden Thriller.
Mit Anthony Hopkins, Mickey Rourke, Elias Koteas, Mimi Rogers, Kelly Lynch, David Morse, Lindsay Crouse
Sommerzeit. Lesezeit für eine Abenteuergeschichte, die einen fremde Länder besuchen und gefährliche Abenteuer erleben lässt, ohne dabei die Hängematte verlassen zu müssen. Zum Beispiel mit der 2001 spielenden „Corto Maltese“-Geschichte.
Moment mal, werden jetzt einige ältere Semester sagen. Corto Maltese kenne ich. Aber der erlebte seine Abenteuer zu Beginn des 20. Jahrhunderts und traf immer wieder bekannte Persönlichkeiten, wie Rasputin, Jack London, Butch Cassidy, Joseph Roth und Marlene Dietrich (Nur Alan Moores Liga der außergewöhnlichen Gentlemen traf er nicht.). Hugo Pratt hat diesen Kapitän ohne Schiff und Glücksritter erfunden. Von 1967 bis 1991 erzählte er in zahlreichen Comics seine Abenteuer. 1995 starb Hugo Pratt.
Seit 2015 erzählen Juan Díaz Canales und Rubén Pellejero weitere Abenteuer des Seemanns. Und sie planen schon das nächste Abenteuer des Kapitäns.
2021 betraten Zeichner Bastien Vivès und Autor Martin Quenehen die „Corto Maltese“-Welt. Ihre Geschichte spielt in die Gegenwart. Das ist kein Problem. Denn Corto Maltese ist vor allem ein Archetyp und eine bestimmte Haltung zur Welt. Er ist ein Seemann, Glücksritter, Abenteurer, der mehr am Entdecken als am Geldverdienen interessiert ist. Deshalb solidarisiert er sich immer wieder mit den Schwachen. Und er hat in jedem Hafen mindestens einen Freund.
Die von Quenehen und Vivès erzählte Geschichte „Schwarzer Ozean“ beginnt im Chinesischen Meer. Corto Maltese hat auf einem kleinen Boot als Steuermann angeheuert. Dass er so bei einem Verbrechen hilft, stört ihn nicht. Aber als er mitbekommt, dass es nicht um irgendeinen Diebstahl von einem anderen Schiff geht, sondern die Passagiere dieser Yacht ermordet werden, haut er ab. Auf seiner Flucht kann er einen der Passagiere des anderen Schiffes retten. Gemeinsam fahren sie nach Tokio, wo Fukuda dann doch ermordet wird. Vor seinem Tod kann er Corto ein wertvolles Buch über einen verschwundenen Goldschatz der Inka geben.
Mit dem Buch als Schatzplan macht sich Corto auf den Weg nach Peru. In einer einsam in den Bergen gelegenen Mine will er den Schatz finden. An dem Schatz sind auch die ultra-nationalistische Terroristengruppe Black Ocean, die ihn schon seit Tokio verfolgt, und ein Drogenkartell interessiert.
Dabei ist für ihn der Weg zum Ziel ein großer, im Vergnügen bereitender Teil des Abenteuers. Vor allem wenn er eine gut aussehende Frau, wie die Kriegsreporterin Freya, wieder trifft und mit ihr auf einem Boot einige Tage verbringen kann.
Vivès und Quenehen erzählen ihre Geschichte als flotte Abenteuergeschichte, die angenehm an klassische Abenteuergeschichten erinnert. Es gibt, weil die Geschichte um 9/11 spielt, einen deutlich erkennbaren historischen Hintergrund. Aber in ihrem Herzen ist Cortos neus Abenteuer eine dieser Kolportage-Geschichten, in denen ein tapferer Einzelgänger (heute wäre es eine ganze Fußballmannschaft mit Frau, Kind und Kegel – und Oma und Opa) gegen Bösewichter kämpft, Freundschaften schließt, Menschen hilft und gut aussehende Frauen trifft, die sofort seinem Charme verfallen. Kein Wunder, wenn er wie der junge Alain Delon aussieht.
Heute werden solche Geschichten nicht mehr erzählt. In den Fünfzigern und Sechzigern, zum Beispiel mit Alain Delon und Lino Ventura in „Die Abenteurer“, schon. Und sie unterhielten uns, wenn wir sie als Teenager entdeckten, prächtig.
Das gilt auch für „Schwarzer Ozean“. Nach hundertsechzig kurzweiligen Seiten ist diese Geschichte zu Ende.
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Hugo Pratt/Martin Quenehen/Bastien Vivès: Corto Maltese: Schwarzer Ozean
JAMES BOND: Goldfinger (Goldfinger, Großbritannien 1964)
Regie: Guy Hamilton
Drehbuch: Richard Maibaum, Paul Dehn
LV: Ian Fleming: Goldfinger, 1959
Goldfinger (Gert Fröbe) will Fort Knox ausräumen. James Bond (Sean Connery) hat etwas dagegen.
Mit „Goldfinger“ hatte sich James Bond endgültig im Kino etabliert und der Presserummel bei „Feuerball“ und „Man lebt nur zweimal“ war gigantisch. Ebenso die Zahl der mehr oder weniger missglückten Kopien in Buch und Film. Da scheint der heutige Rummel um „Harry Potter“/“Herr der Ringe“/“Krieg der Sterne“/“Matrix“/“X-Men“/“Marvel“ ein Klacks zu sein.
Mit Sean Connery, Gert Fröbe, Honor Blackman, Shirley Eaton, Harold Sakata, Bernard Lee, Lois Maxwell
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Die Vorlage
Ian Fleming: Goldfinger
(neu übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
JAMES BOND: Feuerball (Thunderball, Großbritannien 1965)
Regie: Terence Young
Drehbuch: Richard Maibaum, John Hopkins, Jack Whittingham
LV: Ian Fleming: Thunderball, 1961 (Feuerball)
Emilio Largo, Blofelds bester Mann, erpresst die britische Regierung mit der Drohung zwei Atomraketen auf westliche Großstädte abzufeuern. Anstatt zu bezahlen schickt die Regierung James Bond los – die Welt zu retten.
Bond auf den Bahamas und mit gaaaanz vielen Tauchern. Die Story zu „Feuerball“ basierte auf einem zusammen mit Kevin McClory entworfenem Filmtreatment. Nach einem Rechtsstreit durfte McClory 1983 ein Remake machen. Es hieß „Sag niemals nie“ (ebenfalls mit Connery und am Ende wieder mit gaaaanz vielen Taucher, – wegen des Copyrights)
Mit Sean Connery, Adolfo Celi, Claudine Auger, Luciana Paluzzi, Ric Van Nutter, Bernhard Lee, Martine Beswick, Desmond Llewlyn, Lois Maxwell
Asteroid City gibt es nicht. Es ist, wie ein sich superseriös gebender, anscheinend direkt aus den Fünfzigern kommender TV-Sprecher am Filmanfang erklärt, eine erfundene Stadt für ein Theaterstück, das jetzt präsentiert wird. Mit einem Blick hinter die Kulissen der Produktion des Theaterstücks, das jetzt ein Film ist, der im Film gezeigt wird. Mit diesem Wissen betreten wir die Welt von Asteroid City, einer Kleinstadt im Südwesten der USA. 87 Einwohner. Eine Tankstelle, Imbiss, Telefonzelle, ein Motel mit zehn Zimmern, eine Sternwarte und ein von einem Asteroideneinschlag verursachter Krater. Zuggleise und eine Straße führen durch die Ansammlung sehr sauberer, frisch gestrichener Bretterbuden. Die Straße wird immer wieder von einem sich vor der Polizei auf der Flucht befindendem Gangsterpärchen benutzt. Sie schießen auf den sie mit Blaulicht verfolgenden Polizeiwagen und rasen durch Asteroid City. Mal in die eine, mal in die andere Richtung.
An diesem Wochenende wird in Asteroid City, wie jedes Jahr, der Asteroidentag gefeiert. Mit mehreren jugendlichen Sternguckern, einem Wettbewerb für sie, einem Fünf-Sterne-General und einer Astronomin. Im Hintergrund sehen wir immer wieder einen Atompilz.
Wir befinden uns in den fünfziger Jahren, als der US-amerikanische Traum intakt war. Das US-Militär führt in der Wüste Tests mit Atombomben durch. Niemand stört sich daran. Die Ufo-Hysterie erreicht ungeahnte Ausmaße. Ein Außerirdischer stört dann auch die Feierlichkeiten zum Asteroidentag. Danach verhängt die Regierung erst einmal eine Quarantäne unbekannter Dauer über Asteroid City.
Wes Anderson beobachtet in seiner neuen Komödie „Asteroid City“ die zufällig in dem Ort in der Wüste (und im Film, im Theaterstück und den Proben für das Stück) zusammengewürfelten, überwiegend weißen Menschen. Gespielt werden sie von Hollywood-Stars, wie Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Jeffrey Wright, Tilda Swinton, Bryan Cranston, Edward Norton, Adrien Brody, Liev Schreiber, Steve Carell, Matt Dillon, Willem Dafoe, Margot Robbie, Tony Revolori und Jeff Goldblum als Alien. Die meisten spielten bereits in früheren Wes-Anderson-Filmen mit. Einige von ihnen haben nur kleine bis kleinste, aber prägnante Rollen. Teilweise sind sie in ihren Kostümen nicht zu erkennen.
Nach der Verhängung der Quarantäne warten sie. Sie langweilen sich. Sie reden miteinander über sich, Gott, die Welt und den Alien, der sie besucht hat und der sich mehr für einen Stein als für sie interessierte. Ein Plot will sich daraus nicht entwickeln. Wes Anderson versucht es noch nicht einmal. Er belässt es beim Spiel mit Meta-Ebenen, bei Zitaten, Anspielungen, Witzen und sorgsam inszenierten Beobachtungen. Einige Personen, wie der Kriegsfotograf Augie Steenbeck, ein Witwer und Vater von vier Kindern (die erst in Asteroid City erfahren, dass ihre Mutter seit drei Wochen tot ist und sie in einer Tupperdose begleitet), und die Marilyn-Monroe-blonde Schauspielerin Midge Campbell, sind öfter im Bild. Aber nicht mehr. Auch ihre Szenen bleiben Vignetten, die jeweils für sich allein stehen und die sich vor allem auf die sichtbare Oberfläche konzentrieren.
Das ist dann wie das Ansehen von präzise arrangierten Postkartenbildern. Jede Farbe stimmt. Im Hintergrund gibt es immer noch etwas zu entdecken. Und es ist wunderschön verschachtelt als Film im Theaterstück in den Proben und Arbeiten für das Theaterstück, das immer wieder von den Figuren kommentiert wird.
Intellektuell ist das natürlich ein Spaß. Auch beim zweiten oder dritten Ansehen.
Aber dieses Mal ist der Spaß auch äußerst blutleer. Keine Figur hat ein nennenswertes Eigenleben. Eine Story gibt es auch nicht. Es gibt nur einige Menschen, die einige Tage in Asteroid City festsitzen, warten und danach wieder ihr Leben leben.
„Asteroid City“ ist eine Ansammlung von bekannten Wes-Anderson-Momenten, von denen jeder einzelne für sich gelungen und witzig ist. Als Gesamtwerk ist es trotzdem nicht mehr als ein sorgfältig kuratiertes Fotoalbum für seine Fans.
Asteroid City (Asteroid City, USA 2023)
Regie: Wes Anderson
Drehbuch Wes Anderson (basierend auf einer Idee von Wes Anderson und Roman Coppola)
mit Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Jeffrey Wright, Tilda Swinton, Bryan Cranston, Edward Norton, Adrien Brody, Liev Schreiber, Hope Davis, Stephen Park, Rupert Friend, Maya Hawke, Steve Carell, Matt Dillon, Hong Chau, Willem Dafoe, Margot Robbie, Tony Revolori, Jake Ryan, Jeff Goldblum, Grace Edwards, Aristou Meehan, Sophia Lillis, Ethan Josh Lee
„Wirklich? Es geht um meine Mutter. Sie darf nicht sterben.“
Zufällig entdeckt „The Flash“ Barry Allen, dessen Superfähigkeit ist, dass er sich wahnsinnig schnell bewegen kann, dass er in der Zeit zurückreisen kann; – wobei hier wohl zurücklaufen das zutreffendere Wort ist. Ihm ist natürlich klar, dass er bei so einer Zeitreise nichts großes verändern darf. Also beispielsweise einen Diktator töten. Aber wenn er eine Kleinigkeit verändert, die dazu führt, dass seine geliebte Mutter nicht ermordet und sein Vater für diese Tat nicht angeklagt wird, dann dürfte das kein Problem sein.
Ist es doch.
Zuerst einmal begegnet er in der Vergangenheit seinem jüngeren Ich, das ein verpeilter, vergnügungssüchtiger Slacker-Student ist. Barry ist dagegen ein überaus ernsthafter, junger Mann, der äußerst intelligent und schüchtern ist. Außerdem hat sein jüngeres Ich noch keine Ahnung von seinen Superheldenfähigkeiten. Er findet sie aber, als er davon erfährt, cool.
Dann gestaltet die geplante Rückreise in die Gegenwart sich als schwieriger als angenommen.
Und dann taucht auch noch General Zod auf. Er ist, wie Fans der DC-Superman-Geschichten und der vorherigen Kinofilme des DC Extended Universe (DCEU) wissen, ein Bösewicht vom Supermans Heimatplaneten Krypton. Er will die Erde vernichten.
Barry will das verhindern. Dafür braucht er die Hilfe seiner aus seiner Welt bekannten Freunde von der Justice League. Sie ist eine Superheldentruppe, zu der unter anderem Batman, Superman, Wonder Woman und Aquaman gehören.
Schon bei „Batman“ Bruce Wayne erlebt er seine erste Überraschung. Dieser Bruce Wayne lebt in einem heruntergekommenen Wayne Manor und er ist ein langhaariger, unrasierter Zausel, der wie Michael Keaton aussieht. Der Batman, den er kennt, sieht aus wie Ben Affleck.
Keaton-Batman erklärt ihm, mit der Hilfe von Spaghetti und Tomatensauce, was Barry mit seiner Zeitreise angerichtet hat. Auch im DC-Multiverse gibt es, wie uns vor einigen Tagen in „Spider-Man: Across the Spider-Verse“ für das Marvel-Multiverse erklärt wurde, viele verschiedene Zeitstränge, die voneinander unabhängig existieren. Dabei gibt es bestimmte Ereignisse, die in jedem Fall eintreffen. Einige Ereignisse können eintreffen. Und einiges kann ganz ganz anders sein. Aber in jedem Fall beeinflussen diese Zeitstränge sich nicht. Und Zeitreisen gibt es auch nicht. Wenn doch, führt das zu einem ziemlichen Chaos.
Nach dieser Erkärung machen sie sich auf die Suche nach Superman – und zum eine gute Stunde dauerndem Endkampf, der in seiner Ödnis nie die Brillanz der ersten Actionszene des Films erreicht. In dieser Szene überzeugt The Flash als gewitzer und improvisationsfreudiger Babretter. Im Finalkampf wird dann nur noch stumpf gegen General Zod gekämpft, während links und rechts, oben und unten gesichtslose Fußsoldaten sterben.
Nein, die Überraschungen bei „The Flash“ liegen nicht in der Hauptstory, sondern in den zahlreichen Auftritten bekannter Schauspieler und Figuren. Denn mit dem Multiverse gibt es jetzt nicht einen oder zwei, sondern unendlich viele Batmans. Bruce Wayne kann also in einem Film nicht nur aussehen wie Ben Affleck und Michael Keaton, sondern auch, nun, anders. Gleiches gilt auch für alle anderen Figuren. Nur General Zod wird, wie in vorherigen DCEU-Filmen, wieder von einem hoffnungslos unterfordertem Michael Shannon gespielt. Und einige Details wurden zwischen den Welten geändert. Zum Beispiel wie Batmans Haus und Höhle aussehen. Das ist dann etwas für die Fans, die munter eine Liste mit erkannten Anspielungen und Zitaten erstellen.
Andy Muschietti, der vorher die überzeugenden Horrorfilme „Mama“ und „Es“ inszenierte, erfüllt in seinem neuen Film klaglos die Anforderungen, die an einen Superheldenfilm gestellt werden. Das tut er gut, aber auch ohne irgendeine Überraschung. Das Ergebnis ist die Spielfilmversion von Malen nach Zahlen.
Deshalb unterscheiden sich die Kritikpunkte an „The Flash“ nicht von den aus fast allen neueren Superheldenfilmen bekannten Kritikpunkten. Das sind ein vergessenswerter Bösewicht, teils angesichts des Budgets atemberaubend schlechte Tricks und eine schlampig erzählte Geschichte. So dauert es in „The Flash“ ewig, bis General Zod auftaucht. Bis dahin zeigt Andy Muschietti uns, wie sehr Barry seine Mutter liebt, wie er sich in eine ehemalige Mitschülerin, die er jetzt als Journalistin wieder trifft, verliebt, wie er mit seinem jüngeren Ich plaudert und wie er mit Batman kämpft. Das ist unterhaltsam, aber auch immer wieder länger als nötig und so ähnlich inzwischen aus vorherigen Superheldenfilmen bekannt. Mit einer Szene am Ende des Abspanns, kommt „The Flash“ dann auf die inzwischen für Superheldenfilme übliche Laufzeit von ungefähr zweieinhalb Stunden.
Das gesagt steht „The Flash“ vor allem als Einzelfilm, der seit Jahren angekündigt und in der Planung war. Er kann auch ohne das Wissen des DCEU gesehen werden. Wobei etwas Wissen über die Figuren hilfreich ist. Aber alles für diesen Film wichtige erklärt Barry seinem jüngeren Ich.
„The Flash“ könnte der erste und letzte Solofilm mit Ezra Miller als The Flash sein. Das liegt einerseits an seinem Verhalten in der Öffentlichkeit und damit verbundenen Rechtsstreitigkeiten. Inzwischen hat er gesagt, er habe psychische Probleme gehabt und befinde sich in Behandlung. Andererseits richten James Gunn und Peter Safran, die aktuell die Verantwortung für das DCEU haben, dieses komplett neu aus. Es ist dabei unklar, welchen Stellenwert Ezra Miller und The Flash im Rahmen dieser Neuausrichtung haben werden.
The Flash(The Flash, USA 2023)
Regie: Andy Muschietti
Drehbuch: Christina Hodson (nach einer Filmgeschichte von John Francis Daley, Jonathan Goldstein und Joby Harold, basierend auf DC-Figuren)
mit Ezra Miller, Sasha Calle, Ben Affleck, Michael Keaton, Michael Shannon, Ron Livingston, Antje Traue, Jeremy Irons, Temuera Morrison, Kiersey Clemons, Maribel Verdú
Fotograf Richard Billingham erzählt in seinem präzise fotografiertem Filmdebüt die Geschichte seiner Eltern Ray und Liz, die in Birmingham zur unteren Arbeiterklasse gehören. Es sind deprimierende Bilder aus deinem deprimierendem Leben. Danach möchte man, um sich besser zu fühlen, mindestens ein Feelbad-Movie sehen.
Schon vor George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (Night of the Living Dead) tauchten Zombies in Horrorfilmen auf. Aber diese, zugegeben wenigen, lebenden Toten haben nichts mit den von Romero und seinem Drehbuchautor John A. Russo erfundenen lebenden Toten zu tun. Romero und Russo erfanden in dem Moment auch die Regeln, nach denen Zombies Menschen töten. Nämlich stumpf, mal einzeln, mal in Gruppen, auf ihr Opfer zuschlurfen und dann zubeißen. Und wie sie getötet werden. Mit einem Kopfschuss oder einer Enthauptung. Der Film wurde 1968 in den USA und drei Jahre später, 1971, in Deutschland veröffentlicht. Ihr Werk war auch eine äußerst rabiate Kritik am Vietnamkrieg und der US-Gesellschaft. Es sorgte für Kontroversen und war ein Hit, dem viele weitere, ähnliche Filme folgten. Die meisten dieser Filme sind inzwischen vergessen. Romero selbst drehte, teil mit jahrelangen Pausen, weitere Zombiefilme, von denen vor allem „Zombie“ (Dawn of the Dead; das ist der Zombiefilm, in dem die Menschen sich in einer Shopping-Mall vor den angreifenden Zombies verstecken) einflussreich war.
Die erste große Zombiewelle, die damals durch die Kinos schwappte, ebbte in den ausgehenden achtziger Jahren ab.
Mit „28 Days later“, „Shaun of the Dead“ und Robert Kirkmans Comicserie „The Walking Dead“ kehrten die Zombies in den frühen Nuller-Jahren zurück in das öffentliche Bewusstsein. Mit der erfolgreichen TV-Serie „The Walking Dead“ (die Niasseri nicht gefällt) eroberten sie 2010 sogar das Fernsehen. Das diee und andere Zombieserien im Fernsehen gezeigt wurden, sagt einiges über den gesellschaftlichen Wandel in den vergangenen fünfzig Jahren. Denn ein richtiger Zombiefilm ist ein blutiges Massaker, das nicht von Kindern gesehen werden sollte.
Mit „Shoot ‚em in the Head“ schrieb „Rolling Stones“-Redakteur Sassan Niasseri jetzt „Eine Film- und Seriengeschichte der Zombies“. Beginnend mit der „Nacht der lebenden Toten“ rekapituliert er die Geschichte des Zombiefilms in den vergangenen über fünfzig Jahren. Ausführlich geht er selbstverständlich auf Romeros Zombiefilme und die unmittelbar mit diesen Filmen zusammenhängenden Filme ein.
Er streift auch die mit den Zombiefilmen und anderen harten Horrorfilmen aus den Siebzigern und Achtzigern untrennbar verbundene Zensurgeschichte. Mit dem Aufkommen der Videocassette gab es erstmals die Möglichkeit, problemlos in der eigenen Wohnung ungeschnittene Fassungen von Filmen zu gucken, die im Kino nur von Erwachsenen gesehen werden durften. Moral- und Sittenwächter, die eine Verrohung der Kinder befürchteten, begannen panisch diese Filme großflächig zu verbieten. In Großbritannien gab es die „Video Nasties“; in Deutschland Listen verbotener Filme. Für Jugendliche waren diese Listen, auch das erzählt Niasseri, Einkaufslisten.
Für das Buch hat er sich mit John A. Russo, Judith O’Dea, Gaylen Ross, Lori Cardille, Terry Alexander, Eugene Clark (alle in Romeros erste vier Zombie-Filmen involviert) und Matthias Schweighöfer (der in Zack Snyders Netflix-Zombiefilm „Army of the Dead“ mitspielt) unterhalten.
Das klingt vielversprechend, aber „Shoot ‚em in the Head“ ist dann doch eine enttäuschende Lektüre. Niasseri strukturiert sein Buch mild chronologisch von Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ bis hin zur Gegenwart. In den einzelnen Kapiteln springt er immer wieder, mehr assoziativ und essayistisch als analytisch, hin und her. Da geht es, auf wenigen Seiten, von den britischen Video Nasties über die 1984er ZDF-Dokumentation „Mama, Papa, Zombie“ und Niasseris Leben auf dem Dorf zu Michael Jacksons Musikvideo „Thriller“. Da wird von Film zu Film und wieder zurück gesprungen.
Er verzichtet auf präzisere Inhaltsangaben, weil die Fans des Zombiefilms die Klassiker in- und auswendig kennen. Nicht-Fans müssen dann halt öfter die Lektüre unterbrechen und bei Wikipedia nachgucken.
Und er benutzt die deutschen Filmtitel. Heute sind bei einigen Filmen die Originaltitel bekannter. Und bei einigen Filmen herrscht ein munteres Titel- und Fassungskuddelmuddel, das ganze Promotionen inspirieren kann. So wurde Lucio Fulcis „Paura nella città dei morti viventi“ in Deutschland unter dem Kinotitel „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (das ist immer noch der bekannteste Titel), „Die Stadt der lebenden Toten“, „Ein Toter hing am Glockenseil“, „Eine Leiche hängt am Glockenseil“, „Ein Kadaver hing am Glockenseil“, „Eine Leiche hing am Glockenseil“ und „City of the Living Dead“ veröffentlicht und verboten.
Eine Filmographie, die hier Abhilfe schaffen könnte, gibt es nicht. Es gibt nur ein Titelregister, das einem immerhin hilft, den Film im Text zu finden.
Das alles erschwert beim Lesen die Orientierung und verleidet einem nach der Lektüre ein wiederholtes Blättern in dem faktenreichen Werk.
Sassan Niasseri: Shoot ‚em in the Head – Eine Film- und Seriengeschichte der Zombies
Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)
Regie: Kevin Macdonald
Drehbuch: Dennis Kelly
Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.
Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).
mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker
Rächer der Enterbten (The true story of Jesse James, USA 1956)
Regie: Nicholas Ray
Drehbuch: Walter Newman (nach dem Drehbuch für den Film „Jesse James“ von Nunnally Johnson)
Die Geschichte von Jesse James, der im Wilden Westen ein berüchtigter Bankräuber war. „…denn sie wissen nicht, was sie tun“-Regisseur Nicholas Ray hatte einen experimentelleren Film geplant. Das Studio verlangte eine konventionelle, chronologisch erzählte Version. Der so entstandene Western ist vor allem etwas für die Nicholas-Ray-Komplettisten.
Nächstes Jahr wird es eine Jubiläumsausgabe geben. Dieses Jahr probiert das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg (JFBB) in seiner 29. Ausgabe etwas neues. Denn die über sechzig Filme aus sechzehn Ländern werden nicht primär in einem Kino, sondern von Dienstag, dem 13. Juni, bis zum Sonntag, den 18. Juni, in sechzehn Spielstätten präsentiert. Dies sind in Berlin das Filmkunst 66 (beide Säle), das Kino Krokodil, Il Kino, das Bundesplatz-Kino, Kino Toni, die New Synagoge Berlin, das Jüdische Museum Berlin, das Jüdische Theaterschiff MS Goldberg und, als Open-Air-Location, das Kino Central. In Potsdam das Filmmuseum Potsdam, das Thalia Programmkino, das Haus der Brandurgisch-Preussischen Geschichte und, als Open-Air-Kino, das Waschhaus Potsdam. In Brandenburg sind außerdem die Viadrina Frankfurt/Oder, das Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio (Eberswalde) und das Filmtheater Union (Fürstenwalde/Spree) dabei. Einige Spielstätten kennen die Besucher des Jüdischen Filmfestivals von den vergangenen Jahren. Ob dieser Wechsel auf viele Orte und ohne ein festes Zentrum zu mehr oder weniger Publikum und mehr oder weniger Resonanz führt, wird dann die Auswertung zeigen.
Am Programm dürfte es kaum liegen. Denn die Macher haben wieder einige spannende „Jewcy Movies“ gefunden, die sich mit der Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens auseinandersetzten. Die Shoah und Israel bilden dabei natürliche Fixpunkte. Ein weiter Fixpunkt ist das Zeigen heutigen jüdischen Lebens in all seinen Facetten.
Im Zentrum stehen die beiden Wettbewerbe. Einmal für den Spielfilm, einmal für den Dokumentarfilm.
Die Nebenreihen sind ebenfalls einen Blick wert. Die Hommage Jack Garfein, der Blick auf 75 Jahre israelische Filmgeschichte, Jewcy Horror Movies (leider nur vier Filme), Fermished, Yidlife Crisis im Film und andere kanadisch-jüdische Geschichten bieten neben neuen Filmen auch die Gelegenheit, einige ältere Filme wieder im Kino zu sehen. Dazu gehören „Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song“, der Horrorfilm „The Vigil“, der Animationsfilm „Waltz with Bashir“ und „Life according to Agfa“, ein in den frühen Neunzigern in einer Nacht in einem Pub in Tel Aviv spielendes Drama.
Die Filmreihe über das kanadisch-jüdische Leben wurde dem Montrealer Komikerduo Eli Batalion und Jamie Elman, die als Yidlife Crisis auftreten, kuratiert. In dieser Reihe gibt es neben der sehenswerten Leonard-Cohen-Dokumentation „Hallelujah“ und eigenen Werken, wie „Chewdaism“, ihrer hungrig machenden kulinarischen Tour durch das jüdische Montreal, auch ein Wiedersehen mit Ján Kadárs mit dem Golden Globe ausgezeichnetem, in Montreal in den 20er Jahren spielendem Drama „Geliebte Lügen“ (Lies my Father told me, 1975) und Larry Weinsteins „Dreaming of a jewish Christmas“, in dem er die Geschichte der jüdischen Weihnachten erforscht.
In weiteren Dokumentarfilmen geht es um die Offiziere der israelischen Streitkräfte, die Todesnachrichten überbringen müssen („Knock on the Door“), über Chelly Wilson, die in den 70ern in Manhattan ein Imperium von Pornokinos führte („Queen of the Deuce“), über das vergangene jüdische Leben in Marrakesch („Remembering Marrakech“), über das Finden der eigenen queeren Identität in Israel („Mini DV“), über zwei homosexuelle Männer aus ultraorthodoxen Gemeinschaften, die sich einer „Konversationstherapie“ unterwerfen („The Therapy“), über die Ermordung von vier Jüdinnen kurz vor der Befreiung von Auschwitz wegen Sabotage („Sabotage“), über den 90-jährigen Shoah-Überlebenden Daniel Chanoch („A Boy’s Life“), über die Geschwister Hanka und Dudek Ciesla, die ebenfalls das KZ überlebten („A Pocketful of Miracles: A Tale of two Siblings“) und über den Shoah-Überlebenden Komponisten Leo Spellman („The Rhapsody“).
Das Feld der Mockumentary wird mit „Burning Love“ (über das ganz Italien in Aufregung versetzende Verschwinden eines notorischen Antisemiten) und „Find a Jew“ (ein sehr wortreicher und damit Untertitel-leseintensiver Film über Antisemitismus in der Sowjetunion) bedient.
Bei den Spielfilmen sind einige Filme dabei, die vielleicht später noch regulär im Kino gezeigt werden. Dazu gehören Ady Walers „Shttl“ (über die Ereignisse in einem galizischen Shtetl, einen Tag vor der Nazi-Invasion der UdSSR), Fred Cavayés „Farewell, Mr. Haffmann“ (über einen jüdischen Juwelier, der 1941 im besetzten Paris sein Geschäft an seinen nicht-jüdischen Mitarbeiter verkaufen muss), Michal Kwiecinskis „Filip“ (über einen Warschauer Juden, der dem Ghetto entkommt und sich unter falschem Namen durchschlägt), Jake Paltrows „June Zero“ (über drei private Schicksale in Israel, kurz vor der Hinrichtung von Adolf Eichmann im Juni 1962), Philippe Le Guays „The Man in the Basement“ (über einen Juden, der einen Kellerraum seines Hauses an einen Holocaust-Leugner und manipulativen Psychopathen verkauft) und Leandro Koch/Paloma Schachmanns „The Klezmer Project“ (über einen argentinischen Hochzeitsfilmer, der für seine große Liebe eine Doku über Klezmer-Musik in Osteuropa drehen will).
Ein Höhepunkt ist die Aufführung von „Jewish Luck“. Das Potsdamer Künstlerkollektiv Xenorama bearbeitete und vertonte die sowjetische Stummfilmkomödie „Jüdisches Glück“ neu.
Die zwei Gesichter einer Frau(Fantasma d’amore/Fantome d’amour, Italien/Deutschland/Frankreich 1980)
Regie: Dino Risi
Drehbuch: Bernardino Zapponi, Dino Risi
LV: Mino Milani: Fantsma d’amore, 1977
Ein älterer Rechtsanwalt trifft seine Jugendliebe wieder. Dummerweise ist sie bereits seit drei Jahren tot. Trotzdem trifft er sie wieder. Auch als junge Frau.
„Die zwei Gesichter einer Frau“ ist einer von Romy Schneiders letzten Filmen. Der Fischer Film Almanach meinte zum Kinostart wenig begeistert: „Dino Risi hat die zwischen tragischer Liebesgeschichte und sanfter Horrorstory angesiedelte Geschichte nicht so recht in den Griff bekommen. (…) Lediglich die Einstellungen der nebelverhangenen Landschaften des herbstlichen Norditaliens können den Zuschauer ein wenig entschädigen.“ (Fischer Film Almanach 1983)
Auch das Lexikon des internationalen Films meint, der Film löst „seinen künstlerischen Anspruch (…) nur in Ansätzen ein.“
Wenn es stimmt, wurde Risis Mystery-Melodrama zuletzt 1992 im Free-TV gezeigt. Auf DVD ist es nicht mehr erhältlich und es wird nirgendwo gestreamt. Und das macht diesen unbekannten Romy-Schneider-Film dann doch sehenswert.
mit Romy Schneider, Marcello Mastroianni, Eva Maria Meineke, Wolfgang Preiss
Delos hat das ultimative Walt-Disney-Paradies für Erwachsene erschaffen. Sie können in verschiedene Welten eintauchen und dort mit menschenähnlichen Robotern interagieren. Ein Knüller. Bis in der Wild-West-Abteilung des Vergnügungsparks ein Roboter durchknallt und beginnt, die zahlenden Gäste zu erschießen.
Michael Chrichtons holperiges Kino-Debüt „Westworld“ mit dem charismatischen Yul Brynner (Sind da etwa noch andere Schauspieler im Film?) ist eine etwas eindimensionale Anklage gegen die Vergnügungssucht der Reichen. Denn was kann es besseres geben, als einen anderen Menschen umzubringen? Auch wenn dieser andere Mensch nur ein Roboter ist. Neben der gesellschaftskritischen Komponente und dem aufklärerischen Impuls über die Gefahren der Technik gibt es – auch das kennen wir von den vielen späteren Crichton-Werken – letztendlich eine ganze Menge Action.
Der Erfolg des Hybriden aus Western und Science-Fiction-Film führte drei Jahre später zur Fortsetzung „Futureworld – Das Land von übermorgen“ (USA 1976, Regie: Richard T. Heffron), 1980 zur kurzlebigen Serie „Beyond Westworld“ und von 2016 bis 2022 zur HBO-Serie „Westworld“.
Crichton recycelte die Idee von „Westworld“ einige Jahre später in „Jurassic Park“. Während in „Westworld“ Yul Brynner in seinem „Die glorreichen Sieben“-Outfit die Besucher tötet, zerstören in „Jurassic Park“ Dinosaurier einen Vergnügungspark.
Danach zeigt Arte um 21.40 Uhr den Clint-Eastwood-Western „Hängt ihn höher“ (USA 1968) und, obwohl in diesen beiden Western keine Indianer vorkommen, um 23.40 Uhr die spielfilmlange Doku „Hollywood-Indianer“ (Kanada 2009).
mit Yul Brynner, Richard Benjamin, James Brolin, Dick Van Patten
Während im großen Kinosaal Roboter Autos verkloppen und ‚Familie‘ beschworen wird, während Autos geschrottet werden, gibt es in den kleineren Kinosälen einiges zu entdecken. Und, wenn es interessiert: in diesen Filmen wird kein Auto geschädigt.
„How to blow up a Pipeline“ ist kein filmischer „Wie geht das?“-Ratgeber über das Zerstören von Pipelines. Obwohl Daniel Goldhaber in seinem spannenden Thriller ziemlich detailliert die Vorbereitung für einen solchen Anschlag zeigt.
In West Texas treffen sich mitten in der menschenleeren Einöde einige Menschen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Trotzdem haben sie sich für dieses Treffen verabretet. Sie wollen nämlich die nahe gelegene Ölpipeline zerstören und so das Unternehmen schädigen.
In Rückblenden erzählt Goldhaber warum sie diesen terroristischen Akt verüben wollen und wie sie sich fanden. Denn sie leben verstreut über die USA, sind verschieden alt und haben teilweise konträre politische Ansichten. Normalerweise wären diese Feierabendterroristen sich niemals begegnet. Durch die Rückblenden wird auch nachvollziehbar, warum sie nicht weiter friedlich protestieren oder ihr Schicksal klaglos ertragen wollen. Sie wollen die Ölfirma und den Kapitalismus bestrafen. Sie wollen ein Zeichen setzen.
Als Krimifan hat mir gefallen, dass hier die Täter nicht nur ihre Tat, sondern auch ihre Flucht akribisch planten. Das ist nämlich der Punkt, an dem die meisten perfekten Verbrechen schief gehen.
How to blow up a Pipeline (How to blow up a Pipeline, USA 2022)
Regie: Daniel Goldhaber
Drehbuch: Ariela Barer, Jordan Sjol, Daniel Goldhaber
LV (Inspiration): Andreas Malm: How to blow up a Pipeline: Learning to Fight in a World on Fire,, 2021 (Wie man eine Pipeline in die Luft jagt: Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen)
mit Ariela Barer, Kristine Froseth, Lukas Gage, Forrest Goodluck, Sasha Lane, Jayme Lawson, Marcus Scribner, Jake Weary, Irene Bedard
Wikipedia über „How to blow up a Pipeline“ (deutsch, englisch)
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In „Medusa Deluxe“ wird während eines regionalen Hairdresser-Wettbewerbs einer der Teilnehmer ermordet. Die anderen am Wettbewerb teilnehmden Hairstylist*innen müssen jetzt am Tatort warten, bis ihre Aussagen aufgenommen wurden. Bis dahin bewegen sie sich durch das weitläufige Gebäude und spekulieren in wechselnden Gruppen darüber, wer der Mörder, der sich noch im Haus befindet, ist.
Regisseur Tom Hardiman inszenierte sein Spielfilmdebüt quasi als One-Take. Genaugenommen wurde der Film an acht Tagen gedreht und er sieht jetzt aus, als sei er ohne einen Schnitt gedreht worden. Schwerelos bewegt die Kamera sich durch die Gänge, geht von Raum zu Raum. Einige Personen begleitet sie länger. Die Polizei ist währenddessen seltsam abwesend.
Der Ton ist immer klar verständlich. Nebengeräusche gibt es kaum. Radios und Fernseher sind ausgeschaltet. Und die Damen reden hintereinander. Erregt zwar, aber sie lassen die andere Hairstylistin ausreden. Dieser Verzicht auf überlappende Dialoge trägt zur irrealen Atmosphäre des Films ein.
Für den Kriminalfall interessiert Hardiman sich nicht weiter. Der ist für ihn nur der schnell unwichtig werdende Red Herring, der die Zuschauer auf seinen Film aufmerksam macht. Der Film selbt ist dann eine Liebeserklärung an nicht dem Hollywood-Schönheitsideal entsprechende Frauen, die auch gut in einem Rosa-von-Praunheim-Film passen würden.
Dieses von Hardiman im Film versammelte, äußerst farbige Ensemble exzentrischer, fast ununterbrochen plappernder Hairstylist*innen mit ihren die Blicke auf sich ziehenden Frisuren und sein Wagemut, den Film ohne einen erkennbaren Schnitt zu inszenieren, ist dann definitiv einen Blick wert.
In jedem Fall weckt „Medusa Deluxe“ die Neugierde auf seinen nächsten Film. Dann gerne mit einem besseren Drehbuch.
Medusa Deluxe(Medusa Deluxe, Großbritannien 2022)
Regie: Tom Hardiman
Drehbuch: Tom Hardiman
mit Anita-Joy Uwajeh, Clare Perkins, Darrell D’Silva, Debris Stevenson, Harriet Webb, Heider Ali, Kae Alexander, Kayla Meikle, Lilit Lesser, Luke Pasqualino, Nicholas Karimi
In „Nostalgia“ kehrt Felice Lasco (Pierfancesco Favino) nach vierzig Jahren zurück nach Neapel. Er streift durch das Viertel, in dem er aufwuchs und das er als Fünfzehnjähriger überstürzt verließ. Er kümmert sich um seine kränkelnde Mutter. Er trifft andere Menschen, schwelgt in Erinnerungen und er möchte auch seinen damaligen besten Freund Oreste wieder treffen. Dieser ist inzwischen ein gefürchteter Camorra-Boss. Von diesem Gespräch erhofft er sich eine Form von Vergebung für die Sünden seiner Jugend. Immerhin spielt das melancholische Drama im katholischen Italien und Felice trifft sich regelmäßig mit einem in seiner Gemeinde respektierten Pfarrer, der versucht den Menschen eine Perspektive abseits des Lebens als Krimineller zu geben.
Viel passiert nicht in Mario Martones neuem Film. Er verlässt sich ganz auf seinen grandiosen Hauptdarsteller Pierfrancesco Favino („Il Traditore“, „Suburra“), der dem von ihm gespielten Felice eine große Tiefe verleiht. Er überspielt die an einigen wichtigen Punkten unklare Motivation von Felice. So ist vollkommen unklar, warum er gerade jetzt in seine Geburtsstadt zurückkehrt. Noch unklarer ist, warum der inzwischen als erfolgreicher Unternehmer in Kairo lebende, glücklich verheiratete Felice sich eine monatelange Auszeit von seiner Arbeit nimmt und allein durch Neapel streift. Das Ende ist dann im Rahmen eines Gangsterfilms durchaus vorhersehbar, aber auch unbefriedigend.
Dank Favino und der atmosphärischen Kamera von Paolo Carnera („Bad Tales – Es war einmal ein Traum“, „Suburra“) gelingt Martone ein stark gespieltes, konzentriert inszeniertes Stück über Erinnerungen und den aus der Vergangenheit erwachsenden echten und gefühlten Verpflichtungen.
Nostalgia (Nostalgia, Italien/Frankreich 2022)
Regie: Mario Martone
Drehbuch: Mario Martone, Ippolita di Majo
LV: Ermanno Rea: Nostalgia, 2018 (Nostalgia)
mit Pierfrancesco Favino, Francesco Di Leva, Tomasso Ragno, Sofia Essaidi, Aurora Quattrocchi, Nello Mascia
Auch in „The Adults“ kehrt der Protagonist nach längerer Zeit in seine Heimatstadt zurück. Eric will eigentlich nur kurz bei einem alten Freund und seinen beiden Schwestern Rachel und Maggie vorbeischauen und sich so schnell wie möglich wieder auf den Weg machen. Aber die Aussicht auf ein größeres Pokerspiel verzögert seine Abreise aus der Kleinstadt.
Diese Pokerrunden interessieren den spielsüchtigen Eric dann auch mehr als seine beiden Schwestern und, der Grund für seinen Besuch, das Baby seines damals besten Freundes.
In seinem Indie-Drama vermisst Dustin Guy Defa familiäre Dynamiken als ruhige Charakterstudie. Es passiert wenig zwischen diesen Geschwistern, die früher immer zusammen waren, die sich jetzt auseinandergelebt haben und nicht wissen, wie sie miteinander umgehen sollen.
Mich ließ dieses Independent-Drama, im Gegensatz zu den vorher besprochenen Filmen, reichlich desinteressiert zurück.
Columbo: Schreib oder stirb (Publish or Perish, USA 1974)
Regie: Robert Butler
Drehbuch: Peter S. Fischer
Verleger Riley Greenleaf ist stinkig. Sein Bestsellerautor Alan Mallory möchte den Verlag wechseln. Greenleaf denkt sich ‚nicht mit mir’ und der tapsige Lieutenant Columbo hat einen neuen Fall.
Für Krimifans ist „Schreib oder Stirb“ ein Highlight. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Literaturbetrieb und Mickey Spillane (Ja, genau der!) spielt einen Bestsellerautor.
Danach ermittelt Columbo weiter. Um 21.45 Uhr folgt „Columbo: Teuflische Intelligenz“ (1974) und um 23.05 Uhr „Columbo: Ein gründlich motivierter Tod“ (1973). Classsic!