Älter und immer noch gut? Frank Millers „Sin City“ und „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“

Februar 21, 2024

Jetzt ist die Neuausgabe von Frank Millers „Sin City“ komplett – und als Bonus gibt es noch ein älteres, bislang nicht ins Deutsche übersetztes Werk von Frank Miller: „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“.

Als Frank Miller in den neunziger Jahren seine ultrabrutale Version einer sündigen Hardboiled-Noir-Großstadt schrieb und zeichnete, war er in der Comicszene mit seiner bahnbrechenden Batman-Neuinterpretation, verschiedenen Beiträgen zu bestehenden DC- und Marvel-Serien und Einzelwerken wie „Ronin“, „Martha Washington“ und „Hard Boiled“ schon ein bekannter Name. „Sin City“, seine erste Soloserie, war dann sein großer Durchbruch. In ihr erzählt er, in den dunklen, selten regennassen Straßen von Sin City, Noir-Geschichten von Gangstern, Schlägern, Killern, Privatschnüfflern, Bullen, Psychopathen und vollbusigen Femme Fatales, die mal diesem, mal jenem Gewerbe nachgehen. Verrat ist immer möglich. Gewalt und Mord sind immer eine Option.

Die Serie erschien bei Dark Horse zuerst in Einzelheften und später in verschieden zusammengestellten Sammelbänden. Inzwischen hat sich die Sammlung in sieben unterschiedlich dicken Bücher durchgesetzt. Sechs von ihnen enthalten jeweils eine Geschichte. In einem siebten Band sind mehrere One-Shots gesammelt.

2005 verfilmte Robert Rodriguez mit Frank Miller und Gastregisseur Quentin Tarantino einige von Millers „Sin City“-Geschichten. Unter anderem die aus dem vierten „Sin City“-Buch „Dieser feige Bastard“.

In ihr befreit der harte Cop John Hartigan an seinem letzten Arbeitstag die elfjährige Nancy Callahan aus den Händen von Ethan Roark Jr.. Junior ist der Sohn von Senator Ethan Roark, dem Oberhaupt einer in der Stadt einflussreichen Familie. Hartigan kann Nancy, schwer verletzt, befreien. Aber aufgrund eines Komplotts wandert er für acht Jahre ins Gefängnis. Als er freigelassen wird, beginnt er Nancy zu suchen. Er will sie vor der Familie Roark beschützen. Bei seiner Suche begegnet er auch dem totgeglaubten Junior, der sich an ihm rächen will. Grandiose Lektüre.

Familienbande“ erschien ursprünglich als eigenständige Graphic Novel. Sie ist kürzer als die anderen langen „Sin City“-Geschichten und sie ist die schwächste „Sin City“-Geschichte.

Dwight McCarthy, beschützt von der im Hintergrund agierenden Ninja-Attentäterin Miho, soll für Gail einiges über einen Anschlag von Gangstern auf einen Diner herausfinden. Daneben interessiert er sich aus ‚persönlichen Gründen‘, die erst am Ende der Geschichte enthüllt werden, für das Massaker. Bis zum Ende folgt er einem für uns undurchsichtigem Plan, der ihn durch die Nacht und die dunklen Ecken der Stadt führt.

Mein Problem mit dieser Geschichte ist, dass zu viele wichtige Motive und Hintergründe erst auf den letzten Seiten enthüllt werden.

Bräute, Bier und blaue Bohnen“ ist eine Sammlung von elf kurzen, manchmal nur wenige Seiten langen Kurzgeschichten, die nur sehr locker miteinander verbunden sind. Wir begegnen vielen aus anderen „Sin City“-Geschichten bekannten Figuren wieder. Und wir lernen Delia kennen. Sie will Blue Eyes genannt werden und sie möchte eine Killerin werden. Ihr erster Auftrag und gleichzeitig ihre Bewährungsprobe für den Job ist ihr erster Mord: sie muss den einzigen Mann umbringen, den sie jemals geliebt hat.

Der siebte und letzte „Sin City“-Band „Einmal Hölle und zurück“ erzählt die längste „Sin City“-Geschichte. Sie besteht aus neun Einzelheften, die 1999 und 2000 erschienen. Der erfolglose Maler und desillusionierte Kriegsheld Wallace sieht, wie die ebenfalls erfolglose Schauspielerin Esther ins Meer springen will. Er hält sie davon ab, verliebt sich in sie (böser Fehler) und will ihr helfen (nächster böser Fehler). Denn die Dame befindet sich im Fadenkreuz eines Killers.

Mit fast dreihundert Seiten ist das die längste Geschichte, was auch daran liegt, dass Wallace von der Killerin Blue Eyes unter Drogen gesetzt wird und plötzlich auf einem sehr schlechten, sehr farbigem Trip ist, in dem er, neben vielen bekannten Figuren, auch Big Boy und Rusty (auf Seite 200/201) begegnet. Der Rest des Comics ist, wie alle anderen „Sin City“-Comics, in Schwarz-Weiß (und, ja, für die Pedanten, einigen Farbtupfern) und einer sehr avantgardistischen Seitengestaltung erzählt.

Die „Sin City“-Geschichten gehören immer noch zu Millers besten Werken. Sie sind, wie die aktuelle Lektüre von allen „Sin City“-Comics zeigt, immer noch äußerst lesenswerte, sehr brutale Hardboiled-Comics, die in einer zeitlosen Über-Noir-Fantasiewelt spielen.

Während Frank Miller die „Sin City“-Geschichten schrieb, nahm er sich, nach „Hard Boiled“, die Zeit für einen weiteren Comic mit Zeichner Geof Darrow. „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“ ist ihre Version einer „Godzilla“-Geschichte, verbunden mit dem Touch eines naiven Comics für Kinder. Denn Rusty the Boy Robot sieht wie ein kleiner Junge aus. Er ist Japans letzte Verteidigungslinie gegen ein riesiges reptilienartiges Monster, das aus einem Labor ausgebrochen ist, durch Tokio trampelt, dabei Menschen tötet und Gebäude zerstört. Weil der unbekümmert hemdsärmelig auftretende Rusty das Monster nicht besiegen kann, hilft ihm im zweiten und finalen Heft (der Comic erschien ursprünglich in zwei Comicheften) Big Guy aus den USA.

Für Fans von „Godzilla“- und Monstergeschichten ist „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“ ein Fest.

Die jetzt bei Cross Cult erschienene deutsche Erstausgabe punktet mit ihrem großen Format (22 x 32 cm), das einen förmlich in die detailreichen, teils doppelseitigen Panels von Zeichner Geof Darrow und Kolorist Dave Stewart versinken lässt. Es gibt außerdem eine Cover-Galerie, eine Pin-Up-Galerie und eine weitere Geschichte mit den beiden Helden („Das Ungeheuer vom Unabhängigkeitstag!“).

Frank Miller: Sin City: Dieser feige Bastard (Band 4)

(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz und Andreas Mergenthaler)

Cross Cult, 2023

240 Seiten

30 Euro

Originalausgabe

Frank Miller’s Sin City Volume 4: That Yellow Bastard (# 1 – 6)

Dark Horse, 1996

Frank Miller: Sin City: Familienbande (Band 5)

(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Andreas Mergenthaler)

Cross Cult, 2023

144 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Frank Miller’s Sin City Volume 5: Family Values

Dark Horse, 1997

Frank Miller: Sin City: Bräute, Bier und blaue Bohnen (Band 6)

(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Andreas Mergenthaler)

Cross Cult, 2023

168 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Frank Miller’s Sin City Volume 6: Booze, Broads, & Bullets

Dark Horse 1993/1994/1995/1996/1997

Frank Miller: Sin City: Einmal Hölle und zurück (Band 7)

(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Dirk Lenz)

Cross Cult, 2023

328 Seiten

45 Euro

Originalausgabe

Frank Miller’s Sin City Volumen 7: Hell and Back (#1 – 9)

Dark Horse, 1999 – 2000

Frank Miller/Geof Darrow/Dave Stewart: The Big Guy and Rusty the Boy Robot

(übersetzt von Josef Rother)

Cross Cult, 2023

112 Seiten

30 Euro

Originalausgabe

The Big Guy and Rusty the Boy Robot # 1 – 2

Dark Horse, 1995

Hinweise

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch) und „Sin City“ (deutsch, englisch)

Blog/Homepage von Frank Miller

Meine Besprechung von Frank Miller/David Mazzucchelli/Richmond Lewis‘ „Batman – Das erste Jahr“ (Batman # 404 – 407, 1987)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geof Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons’ “Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)” (Give me liberty, 1990)

Meine Besprechung von Frank Millers „Sin City: Stadt ohne Gnade (Band 1)“ (Frank Miller’s Sin City Volume 1: The Hard Goodbye, 1991/1992)

Meine Besprechung von Frank Millers „Sin City: Eine Braut, für die man mordet (Band 2)“ (Frank Miller’s Sin City Volume 2: A Dame to kill for, 1993/1994)

Meine Besprechung von Frank Millers „Sin City: Das große Sterben (Band 3)“ (Frank Miller’s Sin City Volume 3: The big fat Kill, 1994/1995)

Meine Besprechung von Frank Miller/Jim Lee/Scott Williams’ “All-Star Batman” (All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, 2005 – 2008)

Meine Besprechung von Frank Millers “Holy Terror” (Holy Terror, 2011)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018)

Meine Besprechung von Frank Miller/Robert Rodriguez‘ „Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)

 


„Fester Glaube“ – Über Denise Minas zweiten Anna-McDonald-Krimi

Februar 19, 2024

Mit einem Familienurlaub beginnt Denise Minas zweiter Kriminalroman mit Anna McDonald. Die Idee für den gemeinsamen Urlaub in einem Leuchtturm in der Nähe von Glasgow hatte Anna. Doch schnell hat sie genug von den Streitigkeiten und sie nimmt begeistert die erste Gelegenheit wahr, um abzuhauen. Beim Checken ihrer Mails stolpert sie nämlich über eine Mail, in der es um die verschwundene YouTuberin Lisa Lee geht. Sie hat in einem verfallenen Château irgendwo in der französichen Provinz eine römische Schatulle entdeckt und ein Video über diese Expedition veröffentlicht. Diese Schatulle ist jetzt im Katalog eines Auktionshauses gelistet. Es besteht der Verdacht, dass sie – gegen den Ehrenkodex der Urban Explorer – die sogenannte Voyniche-Schatulle mitgenommen und dem Auktionshaus gegeben hat.

Und schon beginnt Anna, zusammen mit ihrem Mit-Podcaster Fin Cohen, Material für eine neue Folge ihres gemeinsamen Crime-Podcast zu recherchieren. Einen Teil der Recherche, sozusagen den langweiligen Teil der Recherche, ‚hören‘ wir dann als Podcast-Folgen. Den, nun, spannenden Teil der Recherche, der teils aus verschiedenen Gründen so nicht im Podcast erzählt wurde (wird? Nun, ihr wisst was gemeint ist), erleben wir dann live. Ihr Begleiter, Führer, Antreiber und Türöffner bei der Suche nach Lisa Lee wird Bram van Wyk. Er behauptet, der rechtmäßige Besitzer der Schatulle zu sein. Er erzählt ihnen einiges über die Vergangenheit und der Bedeutung der Schatulle für Gläubige und die Kunstwelt. Er führt sie in die Welt des internationalen, nicht immer legalen Kunsthandels ein. Er ist äußerst vermögend. Und seine Motive sind unklar. Oder anders gesagt: Anna und Fin wissen nicht, wie sehr, falls überhaupt, sie ihm vertrauen können.

Dieser klug und spannungsfördernd orchestrierte Wechsel zwischen dem nach dem Ende des Abenteuers aufgenommenen Podcast, der wie eine spannende Reportage gestaltet ist, und den Recherchen von Anna und Fin dafür, macht einen guten Teil des Reizes von Denise Minas neuem Buch aus.

Ein anderer Teil des Reizes ist die Welt, in die uns die Geschichte entführt. Es ist zu einem kleinen Teil die Welt der Urban Explorer, die verlassene Gebäude erkunden (natürlich ohne die Besitzer um Erlaubnis zu fragen) und, zu einem größeren Teil, die der Kunstjäger und -sammler, denen der Besitz eines Artefakts wichtiger als dessen lupenreine Herkunft ist.

Ein weiterer Teil des Reizes liegt einfach in der Geschichte. Sicher, Lisa Lee ist verschwunden und möglicherweise tot. Aber das wissen wir nicht. Deshalb erzählt „Fester Glaube“ in erster Linie die Geschichte von der Suche nach einer spurlos verschwundenen YouTuberin, die irgendwie in die Fänge internationaler illegaler Kunsthändler geriet. Und weil für mich ein guter Krimi nicht unbedingt eine Mördersuche sein muss, freue ich mich über jeden Krimi, der kein Tätersuchspiel ist.

Aber so richtig hat mich „Fester Glaube“ nie gepackt. Schon die Prämisse – eine wertvolle Schatulle steht unberührt in einer Ruine herum, bislang hat sie niemand mitgenommen und, nachdem Lisa Lee ihr Video hochgeladen hat, glaubt sie, dass niemand die Ruine erkennt und die herrenlose Schatulle stiehlt – fand ich, – Ehrenkodex der Urban Explorer hin, Ehrenkodex der Urban Explorer her -, unglaubwürdig. Mir war auch nie ganz klar, warum van Wyk einen so komplizierten Weg wählt, um an die Schatulle zu gelangen – und dabei Anna und Fin immer mitnimmt. Außerdem plätschert die Story, nach einem flotten Anfang, doch arg vor sich hin. Es gibt keine konkreten Spuren zu Lisa Lee und damit ist auch unklar, warum sie verschwunden ist, ob sie entführt oder sogar ermordet wurde.

Denise Mina: Fester Glaube

(übersetzt von Karen Gerwig)

Ariadne/Argument Verlag, 2023

304 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Confidence

Harvill Secker, 2022

Hinweise

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Mein Hinweis auf Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)


Über Gipis “Die Welt der Söhne”

Februar 16, 2024

Nach einer Katastrophe, über die wir nichts genaues erfahren, ist die Welt wieder einmal in einen vorindustriellen Zustand zurückgefallen. Eine Gesellschaft oder auch nur nennenswerte Gemeinschaften scheint es nicht mehr zu geben.

In einer Sumpflandschaft lebt ein Vater mit seinen beiden Söhnen zurückgezogen in einer Hütte. An das Flußufer werden immer wieder Leichen von Menschen angespült. Sie sind so giftig, dass sie sofort wieder ins Wasser geworfen werden.

Zu ihrem Nachbarn Aringo beschränkt sich der Kontakt auf den Tauschhandel. Die anderen Nachbarn, die Hexe und die Grosskopf-Zwillinge, trifft man noch seltener. Und obwohl der Vater ein Tagebuch führt, bringt er seinen Kindern nicht lesen und schreiben bei.

Nach seinem Tod machen die beiden Brüder sich auf den Weg. Sie wollen jemand finden, der ihnen das Tagebuch ihres Vaters vorlesen kann

Der italienische Künstler Gipi (aka Gian Alfonso Pacinotti) lässt in seiner dystopischen Graphic Novel „Die Welt der Söhne“ eindeutig die Bilder sprechen. Geredet wird wenig. Erklärt noch weniger. Die Panels sind nur mit einem Stift gezeichnete SW-Skizzen, die sehr präzise und eindrücklich zeigen, wie wenig lebenswert diese Welt der Söhne ist.

Der Comic wurde 2021 von Claudio Cupellini verfilmt.

Gipi: Die Welt der Söhne

(übersetzt von Myriam Alfano)

avant-verlag, 2018

288 Seiten

30 Euro

Originalausgabe

La Terra dei Figli

2016

Hinweise

avant-verlag über Gipi

Homepage von Gipi

Wikipedia über Gipi (deutsch, englisch, italienisch)

Perlentaucher über „Die Welt der Söhne“


„Doppelt oder Nichts“ – für die Kollegen von James Bond

Februar 14, 2024

 

Schon auf dem Buchcover steht „James Bond ist verschwunden“ – und beim Lesen; doch dazu später mehr. Also: James Bond ist bei seiner letzten Mission vor 17 Monaten spurlos verschwunden. Möglicherweise ist er sogar im Einsatz verstorben. Seine Kollegen vom MI6, die bislang in den James-Bond-Romanen nur dazu da waren, um vor dem Beginn des Romans von dem Bösewicht getötet zu werden, rücken in Kim Sherwoods „James Bond“-Roman „Doppelt oder nichts“ in den Mittelpunkt. Das „James Bond“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt, weil ihr Roman, der auch der Auftakt einer Trilogie ist, zwar in der Welt von James Bond spielt, aber James Bond im ersten Roman überhaupt nicht auftritt. Er wird auch nicht als James-Bond-Roman, sondern etwas nebulös als Double-0-Roman beworben. In „Doppelt oder nichts“ müssen 003 (Johanna Harwood), 004 (Joseph Dryden) und 009 (Sid Bashir) die Welt retten und dabei herausfinden, was mit dem von ihnen bewunderten 007 geschehen ist.

Drei 00-Agenten eröffnen erzählerische Möglichkeiten, die in den traditionellen 007-Romanen nicht vorhanden sind. Dort und in den Filmen geht es immer um einen Agenten, der in einer lebensgefährlichen Mission gegen einen Bösewicht kämpfen und die Welt retten muss. Bond ist dabei ein das gute Leben genießender, allein lebender Weltreisender. Bei den von Sherwood erfundenen 00-Agenten ist das anders. Sie sind jünger, haben verschiedene Geschlechter, sind ineinander verliebt und müssen mit sehr alltäglichen Problemen kämpfen. Mit diesem Kniff können in der James-Bond-Welt auch Fragen von Race und Gender aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Die Agenten können sich mit für James Bond undenkbaren Problemen herumschlagen. Die Romane können in der Gegenwart spielen und an aktuelle Diskurse anknüpfen. Das war bei den in den fünfziger und sechziger Jahren spielenden Romanen von Sebastian Faulks, William Boyd und Anthony Horowitz, die in den vergangenen Jahren James-Bond-Romane schrieben, anders.

So bestechend Sherwoods Idee auf den ersten Blick auch ist, so unbefriedigend ist dann die Ausführung. Einiges liegt dabei an der „ein James-Bond-Roman ohne James Bond“-Idee, einiges an der Ausführung. Beginnen wir mit der Idee. Natürlich ist die Frage berechtigt, wer die anderen 00-Agenten sind und welche Missionen sie haben. Nur stehen wir jetzt vor der Frage, welche Missionen das sein sollen. Weil James Bond der beste Agent des Geheimdienstes ist und er gegen die gefährlichsten Bösewichter kämpfen muss, bleibt für die anderen 00-Agenten nur noch der Rest, also zweit- bis drittklassige Bösewichter, übrig. Und, egal wie gut sie sind, sie sind immer schlechter als James Bond. Sie sind die Ersatzmannschaft, die niemand sehen will. Weil sie schlechter als James Bond sind, müssen sie Qualität durch Quantität aufwiegen. Sherwood schickt also drei 00-Agenten in den Kampf gegen den Bösewicht, der möglicherweise James Bond tötete. Diese Agenten muss sie zuerst einmal etablieren. In verschiedenen Handlungssträngen jagen sie dann den Bösewicht. Diese Konstruktion führt dazu, dass „Doppelt oder nichts“ mit 496 Seiten einer der längsten Romane im James-Bond-Kosmos ist. Nur Jeffery Deavers James-Bond-Roman „Carte Blanche“ ist mit 544 Seiten länger.

Dazu kommt, dass sich die Story in „Doppelt oder nichts“ unglaublich zäh entwickelt. Das liegt, wie gesagt, an den verschiedenen Handlungsstränge, die bedient werden müssen, den vielen, die Story nicht weiterbringenden Erklärdialogen und dass die Geschichte in einem unnötig kompliziert zu lesendem Gemisch aus Gegenwarts-Handlung, Rückblenden und Erinnerungen erzählt wird.

Kim Sherwood: Doppelt oder nichts

(übersetzt von Roswitha Giesen)

Cross Cult, 2023

496 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Double or nothing

HarperCollinsPublishers, 2022

Mein Interview mit Kim Sherwood und Christopher Golden auf der Leipziger Buchmesse 2023 über ihre neuen Bücher

Kim Sherwoods Buchtipps

Dame Hilary Mantel: Wolf-Hall-Trilogie (Wolf Hall, 2009 [Wölfe]; Bring Up the Bodies, 2012 [Falken]; The Mirror & the Light, 2020 [Spiegel und Licht])

Ian Fleming: Casino Royale, 1953 (Casino Royale)

Ian Fleming: From Russia with Love, 1957 (Liebesgrüße aus Moskau)

Elmore Leonard: Be Cool, 1999 (Schnappt Chili)

Elizabeth Bowen: The Heat of the Day, 1949 (In der Hitze des Tages)

Peter O’Donnell: Modesty-Blaise-Serie, 1965 – 1996

Hinweise

Homepage von Kim Sherwood

Wikipedia über Ian Fleming Publications

zu James-Bond-Romanen

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Mit der Absicht zu töten“ (James Bond – With a mind to kill, 2022)

zu James-Bond-Filmen

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

Meine Besprechung von Cary Joji Fukunaga James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (No time to die, Großbritannien 2021)

zu anderem James-Bond-Zeug

Meine Besprechung von Danny Morgensterns „Unnützes James Bond Wissen“ (2020)

Kriminalakte: Mein Gespräch mit Danny Morgenstern über „Keine Zeit zu sterben“ und sein Buch „Das ultimative James-Bond-Quizbuch“ (1. Oktober 2021) (Sehbefehl?)

Meine Besprechung von cinemas (Hrsg.) „Inside James Bond“ (2022)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

 


Arthur Landwehr porträtiert „Die zerrissenen Staaten von Amerika“

Februar 13, 2024

Was geht in den USA vor? Und wie kann die aktuelle allumfassende Dysfunktionalität des Systems erklärt werden? Mit seinem Buch „Die zerrissenen Staaten von Amerika: Alte Mythen und neue Werte – ein Land kämpft um seine Identität“ versucht ARD-Hörfunkjournalist Arthur Landwehr das Mysterium USA zu erklären ohne sich zu sehr in die Tagespolitik zu verstricken.

Denn bei der sich aktuell im Vorwahlkampf befindenden rasend schnell entwickelnden Politik und den vielen Anklagen und Gerichtsverfahren in die Donald Trump verwickelt ist, ist das gedruckte Buch, egal wie oft und wie umfassend es vor der Veröffentlichung aktualisiert wird, in Teilen veraltet. So nennt Landwehr mehrmals Ron DeSantis als aussichtsreichen Gegner von Trump im Vorwahlkampf der Republikaner. Inzwischen ist DeSantis aus dem Wahlkampf ausgestiegen. Seiner Kampagne wird das bislang schlechteste Verhältnis von eingesetztem Geld und gewonnenen Stimmen bescheinigt. Nikki Haley, die im Buch nicht erwähnt wird, ist im Moment Trumps einzige Gegenkandidatin. Ihre einzige Chance auf die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Republikaner besteht darin, so lange im Rennen zu bleiben, bis Trump aufgrund irgendwelcher Gerichtsentscheide oder einer aktuell nicht vorhersehbaren überraschenden Entwicklung aus dem Rennen aussteigt.

Landwehr versucht eher herauszufinden, warum Menschen Donald Trump wählen oder ihn vehement ablehnen. Er konzentriert sich auf die das Land im Moment definierenden kulturellen Konflikte. Es geht um die Culture Wars, in denen politische und auch wissenschaftliche Fragen durch die Brille eines Kulturkampfes betrachtet und als Identitätsfragen definiert werden. In dem Moment geht es nicht mehr um ein politisches Problem, das politisch gelöst werden kann, sondern um eine Frage der Identität. Da sind Kompromisse schwierig bis unmöglich. Es geht um den Waffenfetischismus der Amerikaner und den Mythos der Freiheit, der sich in der Vergangenheit in langen Fahrten auf der Highway und häufigen Umzügen manifestierte. Es geht um den alltäglichen Überlebenskampf in den USA. Aufgrund des dort bestenfalls rudimentär vorhandenen Sozialstaats sind viele US-Amerikaner verschuldet und sie fürchten täglich um ihre Existenz. Einkommen sind zunehmend ungleich verteilt. Universitäten und Leistungen des Gesundheitssystems können sehr schnell sehr teuer werden und ganze Existenzen ruinieren. Trotzdem lehnen Konservative eine Änderung hin zu einem Sozialstaat europäischer Prägung vehement als ‚Sozialismus‘ ab. Erinnert sei hier an die Versuche der Republikaner, Obamacare während der Trump-Präsidentschaft abzuschaffen.

Diese verschiedenen Probleme, die auf konservativer Seite entstehen, weil es eine größer werdende Kluft zwischen Mythos, dem damit verbundenem Selbstbild und der Realität gibt, beschreibt Landwehr anhand von Begegnungen mit Menschen, die er während seiner Arbeit hatte.

Dabei kann der Eindruck entstehen, das der aktuelle Tribalismus in den USA gottgegeben ist. Das ist Quatsch. Er wird von bestimmten Strukturen und Menschen erzeugt und befördert. So sind die Republikaner bereit, alle demokratischen Werte zu opfern, um an die Macht zu gelangen und an der Macht zu bleiben. Das war früher anders. Das US-amerikanische Wahlrecht befördert eine Polarisierung. Das Mediensystem ist ebenso polarisiert. Evangelikale verstehen sich als politische Akteure, die ihre Agenda mit allen Mitteln durchsetzen wollen. Das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs und das Bannen von unliebsamen Büchern aus Schulbibliotheken gehören dazu. Alle diese Akteure verfolgen ihre Agenda kompromisslos. Sie forcieren Konflikte und ändern Gesetze und Regeln zu ihren Gunsten. So wird in den USA aktuell über das Verbot von jedem Schwangerschaftsabbruch diskutiert. Diese Punkte werden von Landwehr höchstens gestreift.

Das macht „Die zerrissenen Staaten von Amerika“ zu einem Überblick über die US-amerikanische Gefühlslage, der weitgehend anekdotisch bleibt und sich primär an Menschen richtet, die nicht regelmäßig Zeitung lesen.

Die Lesungen könnten allerdings interessant sein, weil ARD-Korrespondent Landwehr dann mehr ins Detail gehen und aktuelle Eintwicklungen erklären kann.

Arthur Landwehr: Die zerrissenen Staaten von Amerika – Alte Mythen und neue Werte – ein Land kämpft um seine identität

Droemer, 2024

288 Seiten

24 Euro

Hinweise

Homepage von Arthur Landwehr

Wikipedia über Arthur Landwehr


Cover der Woche: Garry Disher: Moder

Februar 13, 2024

Der bislang letzte Wyatt-Roman: dieses Mal will Profieinbrecher Wyatt (kein Vorname) den betrügerischen Finanzberater Jack Tremayne ausrauben. Treymayne hat deswegen inzwischen Probleme mit dem Gesetz. Eine Haftstrafe droht ihm. Er will sie vermeiden, indem er mit einem Koffer voller Geld flüchtet. Dieses Geld will Wyatt klauen. Aber der einfache Einbruch läuft ziemlich schnell ziemlich spektakulär aus dem Ruder.

Moder“ stand 2019 auf der Shortllist für den Ned Kelly Award.

Garry Disher serviert in seinem neunten Wyatt-Krimi gewohnt spannende Lektüre. Der von ihm erfundene Profigangster ist erkennbar Parkers australischer Bruder ist und wer die Parker-Krimis von Richard Stark (Donald E. Westlake) liebt, wird auch Dishers Wyatt-Romane mögen.

Moder“ ist ein absoluter Lesebefehl für Fans von gut abgehangenen Hardboiled-Gangsterromanen.

Danach kann man die davor erschienenen acht Wyatt-Romane lesen. Die Reihenfolge ist egal.

Die deutschen Ausgaben sind bei pulp master erschienen. Und 4000 hat für alle das Cover gestaltet.

Das Foto von Garry Disher mit seinen damals neuesten Büchern „Moder“ und „Stunde der Flut“ (Unionsverlag, ein lesenswerter Polizeikrimi; ach eigentlich sind alle seine Bücher lesenswert) schoss ich im Oktober 2022.

Garry Disher: Moder

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2021

320 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Kill Shot

The Text Publishing Company, 2018

Hinweise

Homepage von Garry Disher

Wikipedia über Garry Disher (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Dirty Old Town“ (Wyatt, 2010)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Kaltes Licht“ (Under the cold bright lights, 2017)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Hitze“ (The Heat, 2015)

Garry Disher in der Kriminalakte

 


Zurück nach Italien in die siebziger Jahre: Über Leonardo Sciascias „Die Affaire Moro“

Februar 12, 2024

Leonardo Sciascias „Die Affaire Moro. Ein Roman“ erschien, nachdem es jahrelang nur antiquarisch erhältlich war, jüngst in einer Neuübersetzung mit viel Bonusmaterial. Der „Roman“ führt uns zurück in das chaotische Italien der siebziger Jahre, als die Regierungen täglich wechselten, aber immer die selben Männer regierten. Und der intellektuell gut unterfütterte Linksterrorismus Angst und Schrecken verbreitete. Am 16. März 1978 entführte die linke Terrorgruppe Rote Brigade (Brigate Rosse) den Abgeordneten Aldo Moro. Er war der Vorsitzende des Nationalrats der Democrazia Cristiana und einer der Männer, der den ‚Historischen Kompromiss‘ zwischen der Partito Comunista Italiano (PCI) und der Democrazia Cristiana (DC) ausgehandelt hatte. Wenige Tage vor seiner Entführung sprach Moro sich für eine Minderheitenregierung unter Führung seines DC-Parteigenossen Giulio Andreotti aus. Am Tag seiner Entführung wird Andreotti mit großer Mehrheit im Parlament bestätigt.

Die Entführung entwickelt sich zur Staatsaffäre, weil Moro aus seiner Gefangenschaft Briefe schreibt, die teils in Zeitungen gedruckt werden und in denen Moro um sein Leben fleht. Aber die Regierung weigert sich, mit den Entführern Verhandlungen über eine Freilassung Moros zu führen. Seine Briefe waren schon damals Briefe, die ein zum Tode Verurteilter schrieb.

Am 9. Mai 1978 wird in der Innenstadt Roms Moros Leiche im Kofferraum eines Renault 4 gefunden.

Bis heute sind nicht alle Hintergründe der Entführung und Ermordung Aldo Moros geklärt.

Leonardo Sciascia, ein schon damals seit Jahren bekannter Romanautor (mit angenehm kurzen Büchern über die Mafia, die Kirche, Korruption und ‚Italien‘) und, ab 1975, Abgeordneter für die Partito Comunista Italiano (PCI) und die Partito Radicale im Stadtrat von Palermo, im Abgeordnetenhaus und im Europaparlament, schrieb im Sommer 1978 „Die Affaire Moro“. Es ist eine Streitschrift, die er „Roman“ nannte, die aber besser als eine tiefgehende Textanalyse von Moros Briefen und weitergehenden Gedanken über die Stimmung in Italien und innerhalb der Regierung beschrieben werden kann.

Damals war „Die Affaire Moro“ eine unmittelbare politische Intervention, die sich an ein italienisches Publikum richtete. Heute ist sie ein schwer verständliches historisches Werk. Die Hintergründe von Moros Entführung, die Stimmung in Italien vor gut fünfzig Jahren und die Anspielungen sind heute nur noch wenigen Menschen bekannt. Entsprechend sinnvoll sind die Ergänzungen, die die Edition Converso abdruckte. Es sind eine Zeitleiste, der von Leonardo Sciascia vorgelegte Bericht der Parlamentarischen Minderheit und ein Nachwort von Fabio Stassi. Aber das ändert nichts daran, dass „Die Affaire Moro“ doch eher ein Buch für an der Nachkriegsgeschichte Italiens Interessierte und für Sciascia-Komplettisten ist.

Die können bei dieser Neuübersetzung, auch wegen des Bonusmaterials, bedenkenlos zugreifen.

Andere sollten ihr Sciascia-Fantum besser mit Sciascias auch erfolgreich verfilmten Mafia-Romanen wie „Der Tag der Eule“ (verfilmt als „Don Mariano weiß von nichts“), „Tote auf Bestellung“ (verfilmt als „Zwei Särge auf Bestellung“), „Tote Richter reden nicht“/“Der Zusammenhang“ (verfilmt als „Die Macht und ihr Preis“), „Todo modo oder das Spiel um die Macht“ und „Der Abbé als Fälscher“/“Das ägyptische Konzil“ (der wurde nicht verfilmt) beginnen.

Leonardo Sciascia: Die Affaire Moro. Ein Roman

(übersetzt von Monika Lustig)

Edition Converso, 2023

240 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

L’Affaie Moro

Editions grasset & Pasquelle, 1978

Hinweise

Perlentaucher über „Die Affaire Moro. Ein Roman“

Wikipedia über Leonardo Sciascia (deutsch, englisch, italienisch)


Über den feinen Noir-Comic „November“

Februar 12, 2024

In einem Diner, das niemals irgendeinen „Nighthawks“-Charme versprühte, spricht ein Mann die drogensüchtige Dee an. Er bietet ihr fünfhundert Dollar pro Tag an, wenn sie jeden Tag eine Lampe über einer Tür einschaltet.

Selbstverständlich nimmt sie das Angebot an und fragt sich kurz darauf, wie sie das Geld ausgeben kann.

So beginnt der neue Comic „November“ von Autor Matt Fraction („Sex Criminals“, „The Immortal Iron Fist“, „Hawkeye“), Zeichnerin Elsa Charretier und Kolorist Matt Hollingsworth. In Deutschland erschien die Geschichte in zwei Bänden. Im Original in vier Heften. Dabei erzählen Fraction, Charretier und Hollingsworth eine Geschichte, die nur als Gesamtgeschichte irgendeinen Sinn ergibt. Im ersten Band „Die Frau auf dem Dach“ werden die Figuren eingeführt, Fragen gestellt und Rätsel formuliert. Im zweiten Band „Die Stimme am Telefon“, der die Kenntnis des ersten Bandes voraussetzt, werden sie in einem blutigen Finale beantwortet.

Die Geschichte spielt in einer namenlosen Großstadt in einer Nacht. Neben Dee werden Emma-Rose, die den Revolver eines Polizisten in der Gosse findet und ihren Fund nichtsahnend der Polizei meldet, und die Polizistin Kay Kowalski, die im Revier als Telefonistin arbeitet, aber höhere Ambitionen hat, in einen Strudel der Gewalt gerissen, den sie nur gemeinsam übeleben können.

November“ ist ein spannendes Noir-Update, das nichts von der Heimeligkeit klassicher Noirs, sondern viel mehr mit Frank Millers „Sin City“ und, auch stilistisch, den Noirs von Darwyn Cooke und Ed Brubaker zu tun hat. Nur dass in Fractions Geschichte drei Frauen im Zentrum stehen.

Matt Fraction/Elsa Charretier/Matt Hollingsworth: November: Die Frau auf dem Dach (Band 1)

(übersetzt von Stephanie Grimm)

Schreiber und Leser, 2022

152 Seiten

29,80 Euro

Matt Fraction/Elsa Charretier/Matt Hollingsworth: November: Die Stimme am Telefon (Band 2)

(übersetzt von Stephanie Grimm)

Schreiber und Leser, 2023

152 Seiten

29,80 Euro

Originalausgabe

November Vol. 1 – 4

Image Comics, 2019 – 2021

Hinweise

Homepage von Matt Fraction

Homepage von Elsa Charretier

Homepage von Matt Hollingsworth

Wikipedia über Matt Fraction (deutsch, englisch) und Matt Hollingsworth

Meine Besprechung von Matt Fractions „Sex Criminals – Guter Sex zahlt sich aus: Komm, Welt (Band 1)“ (Sex Criminals: One weird Trick, 2014)


Cover der Woche: Zweimal „Catwoman“ von Ed Brubaker

Februar 6, 2024

Besonders der zweite Band der dreibändigen Komplettausgabe von Ed Brubakers „Catwoman“-Run liegt mit über vierhundert Seiten schwer in der Hand. Es sind die großen, schweren Seiten eines großformatigen Comics.

Von August 2001 bis Januar 2005 machte Ed Brubaker, zunächst mit Darwyn Cooke, in grandiosen, jeweils mehr oder weniger viele Einzelhefte umfassenden Noir-Geschichten, die mehr oder weniger unabhängig voneinander gelesen werden können, aus ‚Catwoman‘ Selina Kyle eine Frau, die in Gotham City ihrer Gemeinde, dem Kriminalitätshotspot East End, etwas zurückgeben will. Und das bedeutet, gegen das lokale Verbrechen zu kämpfen. Das tut sie als versierte Einbrecherin und als ‚Sozialarbeiterin‘. Und sie hilft Freundinnen und Bekannten, die in Schwierigkeiten stecken.

Brubakers „Catwoman“-Geschichten sind eine fabelhafte Noir-Lektüre am Puls der Zeit. Den zweiten Sammelband halte ich für etwas gelungener als den dritten Sammelband. Das liegt aber hauptsächlich daran, dass Ed Brubakers „Catwoman“-Interpretation mit seinem mehrere Hefte umfassendem Beitrag zum Batman-Crossover-Event „War Games“ (Kriegsspiele) endet und diese „Catwoman“-Geschichte liest sich wie eine Geschichte, die aus der Hauptgeschichte herausgeschnitten und weggelegt wurde.

Ed Brubaker/Steven Grant/Cameron Stewart/Javier Pulido/Brad Rader: Catwoman (Band 2)

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Panini, 2022

412 Seiten

40 Euro

enthält

Catwoman # 10 – # 24

DC Comics, Oktober 2002 – Dezember 2003

Catwoman Secret Files and Origins 1

DC Comics, November 2002

Ed Brubaker/Paul Gulacy/Sean Phillips/Diego Olmos: Catwoman (Band 3)

(übersetzt von Andreas Kasprzak und Steve Kups)

Panini, 2022

316 Seiten

34 Euro

enthält

Catwoman # 25 – # 37

DC Comics, Januar 2004 – Januar 2005

Hinweise

Wikipedia über Catwoman (deutsch, englisch) und Ed Brubaker (deutsch, englisch)

Homepage von Ed Brubaker

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 6 – Unschuld“ (Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4, 2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito 2: Schlechter Einfluss“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Den Tod im Nacken (Band 1)“ (Fatale # 1 – 5, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Hollywood Babylon (Band 2)“ (Fatale # 6 – 10, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Westlich der Hölle (Band 3)“ (Fatale # 11 – 15, 2013)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Butch Guice/Mike Perkins‘ „Der Tod von Captain America (Band 2)“ (Captain America: The Burden of Dreams, Part 1 – 6 (# 31 – 36), 2007/2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Roberte De La Torre/Luke Ross“ „Der Tod von Captain America (Band 3)“ (Captain America: The Man who bought America, Part 1 – 6 (# 37 – 42), 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5 , 2003)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Im Fadenkreuz des Jokers (Band 3)“ (Gotham Central # 11 – 15)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Bullocks letzter Fall (Band 4)“ (Gotham Central # 16 – 22)

Meine Besprechung von Ed Brubakers „Batman/Joker: Der Mann, der lacht“ (Batman: The Man who laughs, 2005; Made of Wood, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Darwyn Cooke/Mike Allred/Cameron Stewarts „Catwoman – Band 1“ (Catwoman Vol. 1: Trail of the Catwoman, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Mike Perkins‘ „Marvel-Must-Have: Captain America: Der Tod von Captain America“ (The Death of a Dream – Part 1 – Part 6 (Captain America (2005) 25-30), 2007)

Ed Brubaker in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Argylle“, der Schmalspur-James-Bond

Februar 1, 2024

Es hätte ein kleiner, netter Abenteuerfilm werden können. So einer, in denen die Fantasie des Autors plötzlich lebendig wird und er durch ein abstruses, ihn überforderndes Abenteuer stolpert. Nichts anspruchsvolles. Nichts, das die Welt verändert, sondern einfach nur anderthalb bis zwei Stunden Spaß.

Vorletztes Jahr erlebte Sandra Bullock in „The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ so ein Abenteuer. Dieses Mal ist es Bryce Dallas Howard. Sie spielt die Bestsellerautorin Elly Conway. Sie schreibt Agententhriller, die auch gut als James-Bond-Filme funktionieren würden. Ihr Held, Agent Aubrey Argylle, sieht dann auch wie James Bond aus. Nur dass Henry Cavill diesen Argylle wie einen doof grinsenden Kleiderständer ohne Eigenschaften spielen muss. Aber, hey, Argylle ist ja kein realer Agent, sondern nur ein Fantasieagent in trashigen Pulp-Geschichten.

Als Elly auf dem Weg zu ihrer Mutter in einem Zug dem zotteligen und nervigen Aidan (Sam Rockwell) begegnet, gerät ihr wohlgeordnet-langweiliges Leben aus den Fugen. Aidan sieht wie ein Penner aus, behauptet aber, ein Geheimagent zu sein und dass sie in Lebensgefahr schwebt, weil ihre Bücher reale Ereignisse aus der Welt der Spionage beschrieben. Natürlich hält sie den Penner für einen Spinner. Noch während sie überlegt, wie sie ihn loswerden kann, wird ein Anschlag auf sie verübt und Aidan beschützt sie in einer filmwürdigen Aktion gegen einen „Bullet Train“ voller Angreifer. In dem Moment sieht sie Aidan als Argylle – und Regisseur Matthew Vaughn wechselt bruchlos zwischen Sam Rockwell und Henry Cavill.

Danach machen Aidan und Elly sich in einem Privatjet von den USA auf nach London. Dort hofft Aidan, mit Ellys Hilfe, an ein wichtiges Dokument zu kommen, bevor es in die falschen Hände fällt.

Aus der Idee hätte etwas werden können. Immerhin hat Matthew Vaughn mit „Kick-Ass“ und den drei „Kingsman“-Filmen gezeigt, dass er fantastische Welten entwerfen kann. Auch wenn in beiden Fällen die Grundlagen der Welt von Mark Millar für seine Comics erfunden wurde. Mit „X-Men: Erste Entscheidung“ drehte Vaughn den besten Film des „X-Men“-Franchise. Aber dieses Mal bleibt der Aufbau der Welt, in der der Film spielt, reichlich nebulös.

Der Spionageplot, der sich nach der Begegnung im Zug entwickelt, bleibt vollends undurchsichtig. Es geht um eine wichtige Datei, an die alle ran wollen. Warum sie wichtig ist, ist egal. Das ist sogar für einen MacGuffin arg wenig. Wer die guten, wer die bösen Agenten sind, bleibt auch unklar. Die einen kämpfen halt gegen die anderen. Und im viel zu lang geratenen Finale gibt es dann so viele Twists und damit verbundene Erklärungen über damit verbundene Doppelspiele und Manipulationen, dass sich am Ende ein Gefühl großer Egalheit einstellt.

Die Filmgeschichte bewegt sich in schönster James-Bond-Tradition rund um den Globus. Es beginnt in Griechenland mit einer CGI-Actionszene, die so schlecht ist, dass ich sie zuerst für eine Parodie auf schlechte CGI-Actionszenen hielt. Immerhin ist es eine Szene aus einem von Elly Conway geschriebenem Argylle-Abenteuer. Aber später, wenn die Filmgeschichte dann nicht mehr in der Romanwelt, sondern in der realen Welt spielt, wird es nicht besser. Weitere Stationen der Geschichte sind Colorado, London, Frankreich, die Arabische Halbinsel und die sich an einem zunächst unbekannten Ort befindende Zentrale des Bösewichts. Diese wird – immerhin ist „Argylle“ ein James-Bond-Ripp-off – am Filmende zerstört. Das geschieht eher beiläufig und erschreckend desinteressiert; – naja, auch die Zerstörung der Zentrale des Bösewichts im letzten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ war enttäuschend. Aber im Gegensatz zu den Bond-Filmen, die immer vor Ort gedreht werden, ist „Argylle“ kein Globetrotter. Gedreht wurde in London und alles sieht immer nach Studio aus.

Die Action, die in Vaughns anderen Filmen die meist ultrabrutalen und übertriebenen Höhepunkte des Films sind, enttäuscht. Sie wirkt als ob er einen weiteren FSK-16-Film hätte drehen wollen, dann aber alles Blut entfernte. So sind auf der Tonspur Schüsse, Messerstiche und krachende Knochen zu hören, aber zu sehen ist nichts. Auf dem Hemd ist kein Blutfleck zu sehen. Wenn Glieder abgetrennt werden, spritzt kein Blut. Auch wenn wir wissen, dass nach einer solchen Aktion überall im Raum Arme, Beine, Köpfe liegen sollten, ist da nichts zu sehen. Den Rest erledigen schnelle, desorientierende Schnitte und eine meist schlampig arbeitende Spezialeffekte-Abteilung.

Und damit kämen wir zu den Schauspielern. Ein Blick auf die Besetzung verspricht ein stargarniertes Abenteuer. Aber die meisten der Stars haben nur kurze Auftritte, die manchmal sogar nur die Länge eines Cameo haben. Wer wegen Dua Lipa, John Cena, Samuel L. Jackson, Sofia Boutella oder Richard E. Grant in die Actionkomödie geht, dürfte enttäuscht werden. Sogar Henry Cavill, der den Fantasieagent Argylle spielt, ist nur wenige Minuten im Film.

Wer allerdings wegen Sam Rockwell in den Film geht, darf sich freuen. Immer wenn er im Bild ist, und er ist oft im Bild, wird es spaßig. Rockwell überzeugt restlos als durchgehend leicht unzurechnungsfähiger Geheimagent, der die von Bryce Dallas Howard unauffällig gespielte Damsel in Distress und ihre Katze beschützen muss.

Argylle“ hätte eine nette kleine Actionkomödie werden können. Es wurde ein mit 139 Minuten mindestens vierzig Minuten zu langer, überladener Mash-up bekannter und besserer Filme.

Argylle (Argylle, USA 2024)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jason Fuchs

mit Bryce Dallas Howard, Sam Rockwell, Bryan Cranston, Catherine O’Hara, Henry Cavill, Sofia Boutella, Dua Lipa, Ariana DeBose, John Cena, Samuel L. Jackson, Richard E. Grant

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Schmöker aus dem Film

Im Film sehen wir öfter das Cover von Elle Conways Bestseller-Thriller „Argylle“. Es wird gesagt, es sei spannend. Aber stimmt das?

Jedenfalls erzählt der Roman eine ganz andere Geschichte. Der ultrarechte russische Milliardär Wassili Federow alias Christopher Clay will Russland wieder zu alter Größe zurückführen. Um beim Volk Eindruck zu schinden, möchte er ihm das im Zweiten Weltkrieg spurlos verschwundene Bernsteinzimmer schenken.

Um Federows Pläne zu verhindern, schickt die CIA-Direktorin ihren besten Agenten los. Argylle soll den nächsten Kalten Krieg (und den nächsten Weltkrieg) verhindern.

Zugegen, die Prämisse ist etwas umständlich. Aber so eine Schatzsuche kann locker einige Seiten füllen. Und vor dem Beginn der Schatzsuche erfahren wir erst einmal vieles aus Argylles Vergangenheit, über seine Eltern und seine Kameraden, wie Wyatt, der im Film von John Cena gespielt wird.

Nachtrag (6. 2. 24): Enttäuschend. Verzichtbar. Da bleibe ich lieber bei Richard Castle.Oder lese noch einmal einen alten James-Bond-Roman. Die sind um Klassen besser.

Elly Conway: Argylle

(übersetzt von Michael Krug)

Blanvalet, 2024

544 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Argylle

Bantam Press, London, 2024

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Argylle“

Metacritic über „Argylle“

Rotten Tomatoes über „Argylle“

Wikipedia über „Argylle“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „Kingsman: The Golden Circle“ (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „The King’s Man – The Beginning“ (The King’s Man, USA/Großbritannien 2021)


Über die Fantasy-Krimi-Komödie „Der Spurenfinder“ von Johanna, Luise und Marc-Uwe Kling

Januar 24, 2024

Marc-Uwe Kling ist ein Lügner.

Jahrelang erzählte er uns, er sei ein schluffiger, erfolgloser, in den Tag hineinlebender, mit einem Känguru zusammen lebender Kleinkünstler.

Angesichts seines Outputs – unter anderem vier Känguru-Bücher, zwei Känguru-Comics, zwei Känguru-Filme, zwei Science-Fiction-Romane – war das schon länger zweifelhaft.

Jetzt erfahren wir, dass er Vater von zwölfjährigen Zwillingen (schon wieder die „zwei“) ist.

Wahrscheinlich erfahren wir demnächst, dass er nicht in Kreuzberg, sondern in Kladow in einem Reihenhaus lebt und jeden Sonntag (soviel Widerstand gegen die samstags singenden Rasenmäher muss sein) den Rasen mäht.

Doch bis dahin können wir uns mit seinem neuen Roman „Der Spurenfinder“, geschrieben von Marc-Uwe Kling, zusammen mit seinen Töchtern Johanna und Luise, beschäftigten. Es ist eine „Fantasy-Krimi-Komödie“ die einem Mittelalter-Fantasy-Land spielt. Elos von Bergen, der titelgebende Spurensucher, ist der Held. Nach zahlreichen Abenteuern, so fing er den Traummörder von Altschwanenberg und löste das Rätsel der Obelisken von Tarnok, lebt er mit seinen Kindern Ada und Naru, zwei zwölfjährige Zwillinge, in Friedhofen zusammen. Es ist ein kleiner, friedlicher, um nicht zu sagen XXXlangweiliger Ort. Das ändert sich, als der Dorfvorsteher ermordet wird und Elos von Bergen beginnt, den Mörder zu suchen. Seine beiden naseweisen Kindern helfen ihm dabei. Zuerst im Dorf. Später, nachdem sie dort nur eine Gestaltwandlerin entdeckten, machen sie sich auf den Weg nach Drachenberg. In der Kaiserstadt, was ein altmodisches Wort für Hauptstadt ist, hoffen sie den Mörder und das Motiv für den Mord zu finden. Zunächst stolpern sie allerdings in Palastintrigen und den Kampf um die Herrschaft über das Reich.

In dem Moment in dem sie Friedhofen verlassen, wird aus dem auf dem Cover angeteasertem Rätselkrimi eine altmodische Abenteuergeschichte, in der Marc-Uwe Klings bekannter Humor nur noch in homöopatischen Dosen vorkommt. Bei der Beschreibung von Friedhofen und dem Beginn der Mördersuche ist er reichlich vorhanden. Die Erlebnisse das Vater-Sohn-Tochter-Trio auf der Reise und in Drachenberg sind dann nicht mehr so witzig. Stattdessen werden in der zweiten Hälfte des Romans aus Abenteuer- und Fantasy-Geschichten bekannte Handlungselemente formelhaft aneinandergereiht. Die Gags wiederholen sich, bis sie zu nicht mehr witzigen Running Gags werden. Das macht „Der Spurenfinder“ zu Klings langweiligstem Buch.

Marc-Uwe Kling/Johanna & Luise Kling: Der Spurenfinder

(mit Illustrationen von Bernd Kissel)

Ullstein, 2023

336 Seiten

19,99 Euro

Hinweise

Wikipedia über Marc-Uwe Kling

Homepage von Marc-Uwe Kling

Meine Besprechung von Dani Levys Marc-Uwe-Kling-Verfilmung „Die Känguru-Chroniken“ (Deutschland 2020) und der Vorlage(n)

Meine Besprechung von Marc-Uwe Klings „Qualityland“ (2017)

Meine Besprechung von Marc-Uwe Klings „Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis“ (2020)

Meine Besprechung von Marc-Uwe Klings „Die Känguru-Verschwörung“ (Deutschland 2022) (incl. des Storyboard-Comics zum Film)


Lange Buchtitel: „Five Nights at Freddy’s: Tales from the Pizzaplex #1 – Lallys Spiel (Band 10)“

Januar 16, 2024

Für alle, die das erfolgreiche Computerspiel nicht kennen und die die vor einigen Wochen im Kino gelaufene, anscheinend ziemlich schlechte Verfilmung des Spiels nicht gesehen haben, ist hier vielleicht etwas Kontext wichtig.

Five Nights at Freddy’s“ ist ein seit fast zehn Jahren bestehendes, beliebtes, von Scott Cawthon erfundenes Survival-Horror-Game. Der Spieler muss als Angestellter in der titelgebenden Freddy Fazbear’s Pizzeria fünf Nachtschichten überleben. Bekannt wurde die Franchise-Pizzeriakette durch die von dem Erfinder William Afton und seinem Unternehmen Fazbear Entertainment erschaffenen Animatronics. Das waren, salopp gesagt, ursprünglich Roboter, die die Gäste bedienten, unterhielten und verwöhnten. Später waren sie von bösen Geistern bessessene mordgierig Wesen. In bislang sechs Spielen wurde die Mythologie weiter ausgebaut.

Neben den Spielen gibt es auch Bücher, Comics und den bereits erwähnten Spielfilm, der im Herbst 2023 so erfolgreich im Kino lief, dass schon jetzt die Fortsetzungen beschlossen sind.

Vor wenigen Tagen erschien das Buch „Five Nights at Freddy’s: Tales from the Pizzaplex 1 – Lallys Spiel (Band 10)“ auf Deutsch. In den USA sind bereits sieben weitere „Pizzaplex“-Bücher und insgesamt 23 „Tales from the Pizzaplex“-Bücher erschienen. Diese Geschichten sind nicht Teil des Kanons. Sie verstehen sich als Ergänzungen zu den Spielen.

Lallys Spiel“, der erste Band der „Pizzaplex“-Bücher, besteht aus drei Novellen von jeweils ungefähr neunzig Seiten.

In der ersten Geschichte „Der Schutzengel“ geht es um die junge, anscheinend aus dem Nichts gekommen, extrem introvertierte Jessica. Sie geht zur Schule und arbeitet nachts in der Kinderstation eines Krankenhauses. Immer wenn sie Dienst hat, genesen einige der Kinder überraschend. Doch nichts geschieht ohne Nebenwirkungen.

In der zweiten Geschichte „Lallys Spiel“ ziehen Cade und Selena, die sich gerade verlobt haben, zusammen. Für ihre Freunde sind sie das perfekte Paar. Beim Einzug in ihr gemeinsames Haus bemerkt Jessica eine altmodische Truhe, deren Inhalt für Cade sehr wichtig ist. Aber er will ihr nicht verraten, was in der Truhe ist.

Neugierig öffnet Selena die Truhe und fortan werden sie von Lally heimgesucht. Lally war in Freddy’s Pizzaplex der Roboter, der sich vor allem um die Kinder kümmerte, die keine Spielkameraden hatten. Sie war Cades beste Freundin.

Anscheinend ist Lally jetzt überall und nirgends in ihrem Haus. Und sie ist keine nette Spielkameradin.

In der dritten Geschichte „Bauarbeiten“ besucht Maya zu ihrem sechzehnten Geburtstag mit ihren Freunden das neue Freddy Fazbears Mega Pizzaplex. Die aufsehenerregenste Neuerung ist ein Virtual-Reality-Modus, in dem man zum Mittelpunkt einer Mega-Geburtstagsfeier wird. Es ist, als würden einen Tausende kennen und lieben und als wären sie alle nur zu deiner Geburtstagsfeier gekommen. Während ihrer Feier betritt Maya einen Teil des Pizzaplex, der als Baustelle deklariert ist. Obwohl er nicht wie eine Baustelle aussieht.

Kurz darauf sterben in ihrer Welt immer mehr Menschen an einem hundertprozentig tödlichen Krebs und überall tauchen mit Glibber gefüllte Puppen-Babys auf. Sie verhalten sich nicht aggressiv. Sie sind einfach nur so da.

In „Bauarbeiten“ spielt die titelgebende Pizzeria auf den ersten Seiten eine größere Rolle. Aber auch in dieser Geschicihte ist der Zusammenhang zwischen dem Spiel und der Geschichte sehr lose. Eigentlich erschöpft er sich in der Nennung des Namens und einigen damit zusammenhängenden Erklärungen. Das sollte die drei Geschichten auch für Nicht-Kenner des Spiels genießbar machen als Horrorgeschichten über seltsame Puppen, nicht-menschliche Menschen und seltsame Ereignisse. Aber so richtig überzeugen tut keine Geschichte. Die Pointen sind zu absehbar, der Weg dahin ist zu gradlinig, die Sprache ist zu austauschbar. Gerade bei der letzten Geschichte fehlt der schwarze Humor, der dem Alptraum die richtige Würze verliehen hätte. Dabei hätte aus jeder dieser Ideen, in den richtigen Händen, eine kleine, fiese Horrorgeschichte werden können.

So ist jede Geschichte nur ‚meh‘.

Aber vielleicht sehen das die Fans des Spiels, die jede Anspielung erkennen, anders.

Scott Cawthon/Kelly Parra/Andrea Waggener: Five Nights at Freddy’s: Tales from the Pizzaplex #1 – Lallys Spiel (Band 10)

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Panini Books, 2023

288 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Five Nights at Freddy’s: Tales from the Pizzaplex #1 – Lally’s Game

Scholastic Inc., New York, 2022

Hinweise

Wikipedia über Scott Cawthon (deutsch, englisch) und „Five Nights at Freddy’s“ (deutsch, englisch)


Cover der Woche: David Bowie, „Der Mann, der vom Himmel fiel“

Januar 9, 2024

David Bowie (8. Januar 1947 in London – 10. Januar 2016 in New York City)

Zuerst gab es den Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (The Man who fell to Earth, 1963; kürzlich erschien bei Diogenes eine Neuübersetzung). 1976 gab es die Verfilmung von Nicolas Roeg. Buch und Film sind heute Klassiker.

Jetzt gibt es den Comic von Dan Watters und Dev Pramanik, die für ihren Comic die Verfilmung als Vorlage nahmen. Und damit gib es viel David Bowie. Der spielte, perfekt besetzt, in dem Science-Fiction-Film den titelgebenden ‚Mann, der vom Himmel fiel‘, einen Außerirdischen, der auf der Erde eine für seine Heimat Anthea überlebenswichtige Ressource besorgen soll. Bis dahin schenkt er der Menschheit revolutionäre Erfindungen, macht nebenbei ein Vermögen und erregt die Aufmerksamkeit der US-Regierung.

Der Comic ist eine gelungene Umsetzung der Geschichte in ein anderes Medium – und regt dazu an, mal wieder den Roman zu lesen oder die Verfilmung anzusehen.

Sehr schön ist der zwölfseitige Anhang mit Informationen zum Film und den Dreharbeiten und Bildern von den Dreharbeiten.

Dan Watters/Dev Pramanik: Der Mann, der vom Himmel fiel

(übersetzt von Christiane Sixtus)

Cross Cult, 2023

128 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

The Man who fell to Earth

Titan Publishing, 2022

Die Vorlage

Walter Tevis: Der Mann, der vom Himmel fiel

(neu übersetzt von pociao und Roberto de Hollanda)

Diogenes, 2022

272 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

The Man who fell to Earth

Gold Medal Books, New York, 1963

Die Verfilmung

Der Mann, der vom Himmel fiel (The Man who fell to Earth, Großbritannien 1976)

Regie: Nicolas Roeg

Drehbuch: Paul Mayersberg

LV: Walter Tevis: The Man who fell to Earth, 1963 (Spion aus dem All; Der Mann, der vom Himmel fiel)

mit David Bowie, Rip Torn, Candy Clark, Buck Henry, Bernie Casey, Linda Hutton

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Mann, der vom Himmel fiel“

Wikipedia über „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Walter Tevis

Wired for Books: Interview mit Walter Tevis

Meine Besprechung von Nicolas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (The Man who fell to Earth, Großbritannien 1976)

Mein Nachruf auf David Bowie


Andreas Pflüger verrät „Wie Sterben geht“

Januar 3, 2024

Inzwischen hat Andreas Pflügers neuer Polit-Thriller „Wie Sterben geht“ den Deutschen Krimipreis erhalten und, nachdem er einmal auf dem ersten Platz der monatlichen Krimibestenliste stand, steht er auf dem siebten Platz der daraus entstandenen Jahreskrimibestenliste. Das ist der beste Platz für einen deutschen Kriminalroman.

In der Krimibestenliste wird der Agententhriller als „Meisterwerk des deutschen John le Carré“ abgefeiert. Das ist so werbewirksam, wie falsch. Denn beim Lesen dachte ich fast nie an John le Carré. Aber weil alle John le Carré kennen, wird jeder Spionageroman, der sich um einen realistischen Anstrich als ein James-Bond-Kinoabenteuer bemüht und jeder Autor, der auf einem gewissen Niveau über Agenten schreibt, mit John le Carré verglichen.

Im Mittelpunkt von Andreas Pflügers neuem Agentenroman steht die junge BND-Agentin Nina Winter, Deckname Elsa Opel. 1983 soll sie in Berlin auf der Glienicker Brücker bei einem Agentenaustausch dabei sein. Nur sie kann die Identität von Rem Kukura, Deckname Pilger, bestätigen.

Während des Austauschs wird ein Anschlag verübt. Winter landet in der Spree – und Andreas Pflüger springt drei Jahre zurück zu dem Moment, als Nina Winter den Auftrag erhält nach Moskau zu gehen und den hochrangigen KGB-Offizier Rem Kukura zu kontaktieren. Dieser war für den deutschen Geheimdienst in den vergangenen sieben Jahren eine wichtige und sehr geheime Quelle. Zuletzt hat der BND vor drei Monaten von ihm gehört. Auch Kukuras Verbindungsführer ist spurlos verschwunden. Vier Tage bevor Winter den Auftrag erhält, nach Moskau zu fliegen, warf Kukura in den Briefkasten einer Schreibkraft der deutschen Botschaft einen Zettel. Auf den Zettel hatte er ein Zitat geschrieben, das vom BND als sein Wunsch interpretiert wird, Winter als künftige Kontaktperson zu haben.

Und viel mehr soll hier über den Plot nicht verraten werden. Denn Pflüger erzählt die Geschichte weitgehend chronologisch und sehr detailreich. Entsprechend langsam entwickelt sie sich. Dabei scheinen alle, auf der einen Ebene mit offenen Karten zu spielen, während sie gleichzeitig vermuten, dass sie gerade betrogen werden. Diese Ungewissheit sorgt in der sich über weite Strecken überraschungsfrei entfaltenden Geschichte für eine gewisse Grundspannung. Außerdem hat Pflüger vor dem missglückten Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke angedeutet, dass zwischen Winter und Kukura in Moskau einiges passiert ist, das sie ihren Vorgesetzten nicht berichtete und das nicht nur ihre berufliche Karriere gefährden könnte.

Während Winter auf ihren Einsatz in Moskau vorbereitet wird, sie in Moskau unter ihrer Tarnidentität arbeitet, dabei auf eine Kontaktaufnahme von Kukura wartet, sich verliebt und versucht zusammen mit Kukura und seinem Sohn den KGB auszutricksen, liefert Pflüger viele, klug in die Geschichte eingefügte Informationen über die damalige Zeit. Das beschwört Erinnerungen an den Kalten Krieg herauf und sorgt dafür, dass die Geschichte fest in einer bestimmten Zeit und einem gesellschaftlichem Klima verortet ist.

Der Vergleich mit John le Carré führt allerdings in die Irre. le Carré schrieb immer darüber, wie kleine Agenten und normale Menschen, die von Geheimagenten für eine bestimmte Mission angeworben wurden, zu Spielbällen im Spiel der Geheimdienste und global tätiger Konzerne werden. Nach dem Ende des Kalten Krieges beschäftigte le Carré sich in seinen Thrillern zunehmend mit verschiedenen Aspekten der Wirtschaftskriminalität und der Verflechtung von Wirtschaft und Politik. In diesem Spiel ist der kleine Mann immer der Gelackmeierte.

Bei Andreas Pflüger ist das anders. Relativ schnell wird deutlich, dass Nina Winter eine Art Überfrau ist. Es gibt eigentlich nichts, das sie nicht kann und in dem sie überragend gut ist. Das liest sich dann manchmal wie Jane Bond in einem John-le-Carré-Thriller. Oder wie eine Marvel-Superheldin in einem deutschen Agententhriller.

Andreas Pflüger: Wie Sterben geht

Suhrkamp, 2023

448 Seiten

25 Euro

Hinweise

Homepage von Andreas Pflüger

Suhrkamp über Andreas Pflüger

Wikipedia über Andreas Pflüger

Perlentaucher über „Wie Sterben geht“


Alter Scheiß? Leigh Brackett: Das lange Morgen

Januar 3, 2024

Heute würde Leigh Bracketts 1956 für den Hugo Award nominierte Dystopie “Das lange Morgen” als Young Adult verkauft werden. Vielleicht auch mit einem Hinweis auf “The Walking Dead”, minus die Zombies. Denn wieder einmal haben die Menschen es geschafft, die Erde, wie wir sie kennen, zu zerstören.

Damals – Bracketts Roman erschien in den USA 1955 – war es ein Atomkrieg. Aber Bracketts Post-Atomkriegswelt existiert noch ohne das Wissen über die Neben- und Nachwirkungen von Atomkriegen, das wir heute, nach Hiroshima, Nagashaki, den Test in der Wüste von Nevada und Tschernobyl, haben. Brackett beschäftigt sich nicht mit den Neben- und Langzeitwirkungen eines Atomkriegs. Eigentlich braucht sie ihn nur als Erklärung für den Zustand der Gesellschaft, die sie beschreibt. Und im letzten Drittel ist er in einem gewissen Rahmen für eine in diesem Moment diskutierte moralische Frage wichtig; – ja, das klingt jetzt sehr nebulös verschwurbelt, aber wenn ich konkreter werde, verrate ich viel mehr über das Ende der Geschichte als ich möchte.

In „Das lange Morgen“ zerstörte ein Atomkrieg die großen Städte. Danach zogen in den USA die Menschen sich in kleine Gemeinschaften von unter tausend Einwohnern zurück. Sie ernähren sich von dem, was die Erde ihnen gibt. Technik, also Dinge wie Autos, Radios und Computer gibt es nicht. Die herrschenden Gruppen sind religiöse Gruppen: die Neu- und Alt-Mennoniten und die Amisch. Nach dem Atomkrieg hatten sie dank ihres technikabgewandten, vorindustriellen Lebens die Fähigkeiten, die ihnen das Überleben ermöglichten. Ihr Glaube und die damit verbundenen Regeln sorgen für Stabilität in der neuen Welt.

Als der vierzehnjährige Len Colter, der zu den Neu-Mennoniten gehört, und sein ein Jahr älterer Vetter Esau auf einem Jahrmarkt während einer Predigt von der legendären Stadt Bartorstown hören, ist ihre Neugierde geweckt. Sie wollen mehr über Bartorstown erfahren. Sie verlassen ihr Dorf und beginnen die legendäre Stadt zu suchen.

Brackett schildert diese Wanderung durch ein ländliches, vorindustrielles, religiös geprägtes Amerika und die Erlebnisse der beiden Jungs in Bartorstown (ja, den Ort gibt es) im Stil eines Entwicklungsromans, in dem Len und Esau mehrere religiöse und quasi-religiöse Gemeinschaften und deren strikte Regeln kennen lernen. Wer sich nicht anpassen will, kann kein Mitglied der Gemeinschaft sein und muss weiterziehen. Len und Esau stehen mehrmals, auch in Bartorstown, vor der Frage, ob sie gehen oder bleiben wollen.

Wie alle gute Science-Fiction-Geschichten spiegelt auch Bracketts „Das lange Morgen“ die Zeit, in der sie geschrieben wurde, und die damaligen Konflikte wieder. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie mühelos ihr fast siebzig Jahre alter Roman auf die Gegenwart und aktuelle Konflikte übertragbar ist. Die Beschreibung von in sich abgeschlossenen, technikfeindlichen religiösen Gemeinschaften, die Gesellschaft von Bartorstown als Gegenmodell und die Diskussion über Glaube, Wissenschaft und Fortschritt, also zwischen glaubensbasiertem und wissenschaftlich-kritischem Denken, liest sich oft wie eine Beschreibung der aktuellen Konflikte in den USA. Ein Grund ist, dass Brackett in ihrem Science-Fiction-Roman zeitlose Fragen anspricht.

Leigh Brackett wurde am 7. Dezember 1915 in Los Angeles, Kalifornien, geboren. Sie starb am 18. März 1978 in Lancaster, Kalifornien. Am 31. Dezember 1946 heiratete die „Königin der Space Opera“ Edmond Hamilton. Er erfand und schrieb die „Captain Future“-Romane.

Sie schrieb vor allem kurze und lange Science-Fiction-Geschichten und innerhalb des Genres Space Operas. Dazwischen schrieb sie einige Kriminalromane und Western.

Ihre erste Veröffentlichung war 1940 in der Februar-Ausgabe von „Astounding Science Fiction“ die SF-Geschichte „Martian Quest“. Ihr erster Roman, der Hardboiled-Kriminalroman „No Good from a Corpse“, erschien 1944. Etliche ihrer Romane wurden zu ihren Lebzeiten ins Deutsche übersetzt. Seit Ewigkeiten sind sie nur noch antiquarisch erhältlich.

Für Hollywood schrieb sie, teils mit Co-Autoren, die Drehbücher für Klassiker wie „Tote schlafen fest“ (The Big Sleep, 1946), „Rio Bravo“ (1959), „Hatari!“ (1962), „El Dorado“ (1966), „Rio Lobo“ (1970) und „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The Long Goodbye, 1973).

Ihre letzte Arbeit in Hollywood war für den „Star Wars“-Film „Das Imperium schlägt zurück“. Sie schrieb den ersten Drehbuchentwurf. Wie die Legende, die Helmut W. Pesch in „Leigh Brackett – Die Königin der Space Opera“ (abgedruckt in „Vor der Revolution – Ein phantastischer Almanach“) erzählt, hat George Lucas sie angerufen, weil sie eine von ihm bewunderte Autorin von Pulp-Science-Fiction war. Er hatte keine Ahnung, dass sie auch einige Drehbücher geschrieben hatte.

Leigh Brackett: Das lange Morgen

(übersetzt von Hannes Riffel)

Carcosa Verlag, 2023

288 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

The Long Tomorrow

Doubleday, New York, 1955

Ältere deutsche Übersetzungen von M. F. Arnemann und Horst Hoffmann. Sie erschienen als Utopia Grossband 110, Terra Textra 86 und Utopia Classics 50.

Ergänzende Lektüre

In „Vor der Revolution – Ein phantastischer Almanach (Erste Folge)“ gibt es den lesenswerten Aufsatz „Leigh Brackett – Die Königin der Space Opera“ von Helmut W. Pesch.

Hannes Riffel (Hrsg.): Vor der Revolution – Ein phantastischer Almanach (Erste Folge)

Carcosa Verlag, 2023

280 Seiten

18 Euro

Hinweise

Wikipedia über Leigh Brackett (deutsch, englisch)

Homepage des Verlages

Mein Gespräch mit Hannes Riffel über den Carcosa Verlag und sein Herbstprogramm (u. a. mit Bracketts „Das lange Morgen“)

 


Alter Scheiß? A. D. G.: Die Nacht der kranken Hunde

Dezember 20, 2023

Bereits auf den ersten Seiten von A. D. G.s im ländlichen Frankreich in den frühen siebziger Jahren spielendem Noir „Die Nacht der kranken Hunde“ gibt es die größte Überraschung des Romans. Sicher, später gibt es weitere Überraschungen, aber die sind genre-immanent. Die erste Überraschung ist es nicht.

Eine Reinmachefrau entdeckt in einem Schloss die Leiche der Hausbesitzerin Mademoiselle de Sébillet. de Sébillet ist eine ältere, allein lebende, sehr fromme, misstrauische und im Dorf unbeliebte Dame. Die alte Jungfer wurde in ihrem Bett erwürgt. Alle Fensterläden und Türen waren verriegelt. Vom Täter gibt es keine Spur.

Aber die Einheimischen verdächtigen nicht die Gruppe Hippies, die wenige Stunden vorher in der Nähe des Dorfes auf einem brachliegendem Stück Land ihr Lager aufschlugen. Für die Dörfler scheiden die Hippies aus einem einfachen Grund als Täter aus. Die Ermordete war gegenüber anderen Menschen so misstrauisch, dass sie niemals jemand Fremdes, vor allem nicht nach Einbruch der Dunkelheit, in ihr Haus gelassen hätte.

Also muss ein anderer Täter gesucht werden.

Für dieses Tätersuchspiel und den Krimiplot interessiert A. D. G. sich in seinem 1972 in Frankreich erstmals veröffentlichten Noir nicht. Sicher, es passiert einiges und unter der friedlichen Oberfläche eines Provinzdorfes, enthüllt A. D. G. erstaunlich viele Verbrechen, die teilweise weit in die Vergangenheit zurückreichen. Aber im Zweifelsfall zieht der Erzähler sich in die Dorfkneipe zurück oder er hängt mit der Gruppe Neuankömmlinge ab und plaudert mit ihnen und neugierigen Journalisten über Gott und die Welt.

Trotzdem ist der frühe Country-Noir „Die Nacht der kranken Hunde“ für die Fans des französischen Noirs eine willkommene Wiederentdeckung. Schließlich ist der Autor A. D. G., bürgerlich Alain Fournier (1947 – 2004), ein bekannter Noir-Autor, dessen Werke immer wieder ins Deutsche übersetzt wurden. Die literarische Qualität seiner Romane wurde nie bestritten. Aber es gab noch die andere Seite von A. D. G.. Er bezeichnete sich als rechten Anarchisten und wurde auch das literarische Alibi des Front National genannt.

In seinem Nachwort zur Neuausgabe von „Die Nacht der kranken Hunde“ ordnet Martin Compart, der im Elsinor-Verlag die Noir-Reihe herausgibt, Autor, Leben und Werk gewohnt umfangreich und kundig ein: „Seine Energie, seine Vorliebe für spannende Intrigen und verdrehte Plots und sein poetisches Schreiben haben A. D. G. zu einer herausragenden Figur im Noir-Thriller gemacht. Sein Werk ist politisch nicht leicht einzuordnen. Allen Romanen wohnt eine virulente Gesellschaftskritik inne, die ideologisch auch als ‚links‘ fasslich wäre.“

In den Siebzigern waren seine Neo-Polars, die in der einflussreichen „Série Noire“ des Verlags Gallimard erschienen, Bestseller. Andere Krimiautoren, wie Jean-Patrick Manchette, Patrick Raynal, Frédéric H. Fajardie und Jean Vautrin, lobten seine Werke. Sie gehörten zu den Begründern des Neo-Polars und damit des modernen französischen Kriminalromans.

A. D. G.s zunehmend rechte politische Einstellung war seinen Krimis nicht anzumerken. Der persönliche Umgang mit ihm wurde schwieriger. Spätestens ab Mitte der siebziger Jahre war er ideologisch eindeutig im ultrarechten Lager angekommen. 1982 zog er in das französische Übersee-Departement Neukaledonien. Er schrieb weiter Kriminalromane; wobei ihm die drei letzten seiner damals für die „Série Noire“ geschriebenen Noirs nachträglich nicht mehr gefielen. Zwischen 1988 und 2003 veröffentlichte er keine Romane.

In Neukaledonien engagierte er sich politisch als Herausgeber einer Zeitschrift und beim Aufbau von Strukturen für die Front National (seit 2018 Rassemblement National). Er kandidierte auch für die damals offen, sich inzwischen um ein bürgerliches Anlitz bemühende rechtsextreme Partei. Zu seiner Beerdigung im November 2004 kamen zahlreiche rechte Politiker, unter anderem Jean-Marie und Marine Le Pen.

Das war allerdings alles Jahre nach der Veröffentlichung von „Die Nacht der kranken Hunde“. Der Noir überzeugt vor allem als angenehm respektlos geschriebenes Porträt eines Dorfes und der Verbrechen, die seine Bewohner verüben.

A. D. G.: Die Nacht der kranken Hunde

(übersetzt von Kurt Müller) (mit einem Nachwort von Martin Compart)

Elsinor, 2023

196 Seiten

19 Euro

Deutsche Erstausgabe

König Verlag, München, 1973

Originalausgabe

La nuit des grands chiens malades

Éditions Gallimard, Paris, 1972

Hinweise

Elsinor über das Buch

Wikipedia über A. D. G.


Amtlich geprüfte mörderische Weihnachten auf der Insel, Jahrgang 2023 – und der Doktor ist auch dabei

Dezember 18, 2023

Verschneite Weihnachten gibt es nur noch in diesen kitschigen Weihnachtsfilmen, die sich niemand ansieht. Oder in den typisch englischen Rätselkrimis, in denen sich an Weihnachten die gesamte Familie im Landhaus versammelt und den Abend mit dem Mord an einem allseits verhassten Familienmitglied beendet. Manchmal tut es auch eine Gruppe Menschen, die sich zufällig beispielsweise in einem Zug oder einem Dampfschiff treffen und die zufällig alle einen guten Grund für den Mord hatten. Agatha Christie war eine Meisterin im Erfinden dieser Rätselkrimis. Eine ihrer Nachahmerinnen ist Alexandra Benedict. Doch bevor wir uns ihrem „Mord im Christmas Express“ widmen, werden wir einen Blick in die unlängst erschienene Kurzgeschichtensammlung „Weihnachten mit Agatha Christie – Alle Geschichten zum Fest“. Auf 272 Seiten sind alle von Agatha Christie geschriebenen Kurzgeschichten gesammelt, die irgendetwas mit Weihnachten zu tun haben.

Manchmal ist Weihnachten nur noch daran erkennbar, dass Christie in der Geschichte sagt, es sei Weihnachten. Und nicht jede ihrer Weihnachtsgeschichten ist eine Kriminalgeschichte; – eigentlich sind sogar erstaunlich viele der Geschichten keine Kriminalgeschichten. Sicher. Es gibt Kriminalgeschichten mit Miss Marple und Hercule Poirot (wozu auch beide Versionen der Geschichte mit dem Plumpudding gehören) und einigen Kriminalgeschichten ohne ihre weltbekannten Ermittler. Im ersten Text des Sammelbandes erinnert sich Agatha Christie an ihre zahlreichen „Weihnachten auf Abney Hall“. Außerdem wurden die sechs Geschichten, die in „Es begab sich aber… . Bezaubernde Geschichten von himmlischen und irdischen Wundern, die immer und überall geschehen können“ enthalten sind, wieder abgedruckt. Da gibt es dann „Die Fahrt auf der Themse“, die eine Frau, die Menschen nicht mag, verändert, und eine sich über mehrere Kurzgeschichten erstreckende alternative Erzählung der Geschichte von Jesus Geburt.

Zwei Dinge fallen bei dieser Kurzgeschichtensammlung auf. So schrieb Agatha Christie in ihrem langen Schriftstellerleben erstaunlich wenige Kurzgeschichten, die etwas mit Weihnachten zu tun haben. Vierzehn Geschichten und eine Erinnerung sind in dem Buch abgedruckt. Ohne die Geschichte „Die Ankunft des Mr Quin“, die an Silvester spielt, wäre das Buch sogar gut dreißig Seiten dünner geraten. Und es fällt auf, dass Agatha Christie keine gute Kurzgeschichtenautorin war. Ihre Romane sind besser.

Agatha Christie: Weihnachten mit Agatha Christie – Alle Geschichten zum Fest

(übersetzt von Günter Eichel, Lia Franken, Hans Erik Hausner, Michael Mundhenk, Renate Orth-Guttmann und Lotte Schwarz)

Atlantik, 2023

272 Seiten

22 Euro

enthält:

Weihnachten auf Abney Hall (aus Die Autobiographie, 1977)

Die Versuchung (1965)

Die Pralinenschachtel (1923)

Der unfolgsame Esel (1965)

Eine Weihnachtstragödie (1930)

Die Fahrt auf der Themse (1965)

Ein Weihnachtsabenteuer (1923; eine frühe Fassung von „Das Geheimnis des Plumpuddings“)

In der Abendkühle (1965)

Die Pfarrerstochter (1923)

Das Rote Haus (1923)

Die vierzehn Nothelfer (1965)

Das Geheimnis des Plumpuddings (1960)

Der Traum vom Glück (1924)

Die Insel (1965)

Die Ankunft des Mr Quin (1924)

Hinweise

Wikipedia über Agatha Christie (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von John Guillermins Agatha-Christie-Verfilmung “Tod auf dem Nil” (Death on the Nile, Großbritannien 1978)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022) (und Buchbesprechung)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „A Haunting in Venice“ (A Haunting in Venice, USA 2023) (und Buchbesprechung)

Viel Schnee gibt es in Alexandra Benedicts „Mord im Christmas Express“. Rosalind ‚Roz‘ Parker ist am 23. Dezember auf dem Weg nach Schottland. Bis vor kurzem war sie Detective bei der Londoner Polizei. Künftig will sie sich um ihre Tochter und ihre Enkelin, die früher zur Welt kommt als geplant, kümmern.

Kurz vor dem Ziel bleibt der Nachtzug im Schnee stecken. Und es gibt eine Leiche. Die Influencerin Meg Forth wurde tot in ihrem Abteil aufgefunden. Es ist von innen verschlossen. Es gibt keine Spuren im Schnee. Trotzdem sind Roz und alle anderen Mitreisenden überzeugt, dass Meg ermordet wurde. Wahrscheinlich von ihrem Freund Grant McVey.

Als gewiefter Krimileser schließt man ihren jähzornigen und besitzergreifenden Freund sofort als Täter aus. Das liegt vor allem daran, dass Benedict im Prolog explizit Meg als Opfer und Grant als Täter nennt. Für eine Rätselkrimi wäre dieses Verraten des Täters durch den Autor auf den ersten Seiten kontraproduktiv und ein ultimativer Verrat an den Regeln des Spiels, das von Benedict gespielt wird. „Mord im Christmas Express“ soll nämlich ein in der Gegenwart spielender, nichtsdestotrotz traditioneller Rätselkrimi sein. So erwähnt sie mehrmals Agatha Christe und ihren „Mord im Orientexpress“. Der Mord geschieht, wie wir es aus den Cozies kennen, erst ziemlich spät. In diesem Fall wird Megs Leiche in der Buchmitte entdeckt. Bis dahin stellt Benedict die verschiedenen Zugpassagiere vor und streut Verdachtsmomente gegen sie ge. Danach werden verschiedene Spuren verfolgt und Roz fragt sich, wie der Mörder das von innen verschlossene Abteil verlassen konnte.

Als Rätselkrimi ist Alexandra Benedicts „Mord im Christmas Express“ trotzdem eine ziemliche Enttäuschung. Ein Rätselkrimi lebt von den kunstvoll gelegten falschen Fährten und der überraschenden, im nachhinein überzeugenden Auflösung. Beides ist hier bestenfalls in homöopathischen Dosen vorhanden.

Der Rest ist dann locker vor sich hin erzählt und wir erfahren mehr über Roz‘ Leben, ihre Gefühle und Wünsche als wir jemals über Miss Marple und Hercule Poirot erfahren haben.

In Großbritannien hat Alexander Benedict seit 2005 zwanzig Bücher, teils Cozy-Krimis, teils Science-Fiction, teils Mystery, teils historische Liebesgeschichten, teils Serien, teils Einzelromane, veröffentlicht. „Mord im Christmas Express“ ist der erste von ihr auf Deutsch veröffentlichte Roman und bislang ein Einzelroman.

Alexandra Benedict: Mord im Christmas Express

(übersetzt von Anke Caroline Burger)

Tropen, 2023

336 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Murder on the Christmas Express

Simon & Schuster, London, 2022

Hinweise

Homepage von Alexandra Benedict

Fantastic Fiction über Alexandra Benedict

Es ist kein Weihnachtskrimi.“ sagt Richard Osman über seinen neuen Krimi „Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“. Der Roman beginnt an Weihnachten. Aber der Anlass für den Mord und der Mord geschehen erst am 27. Dezember. An diesem Tag nach Weihnachten gibt bei dem Antiquitätenhändler Kuldesh Shamar ein Drogenkurier ein Terrakottagefäß ab. Es enthält eine Ladung Drogen. Shamar soll als zwangsrekrutierter Zwischenhändler das Gefäß am nächsten Tag weiterverkaufen. Am Abend wird er in einem Waldstück erschossen. Seine Leiche wird erst am 1. Januar von einem Spaziergänger entdeckt.

Weil die Mitglieder des Donnerstagsmordclubs – einem wöchentlichen Treffen von vier Bewohnern der noblen Seniorenresidenz Coppers Chase in der südostenglischen Grafschaft Kent – das Opfer kennen, beginnen Joyce Meadowcroft, Elizabeth Best, Ron Ritchie und Ibrahim Arif mit der Suche nach dem Täter. Liebevoll unterstützt werden sie von aus früheren Mordfällen mit ihnen befreundeten Polizisten. Die lokalen Drogenbanden, die den Handel in der Gegend unter sich aufgeteilt haben, treiben sie mit ihrer bewährten Mischung aus Gebrechlichkeit, Penetranz und Schrulligkei in den Wahnsinn. Und schnell stapeln sich in der Gegend die Leichen.

Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“ ist der bereits vierte „Donnerstagsmordclub“-Krimi von Richard Osman, der sich kaum von seinen vorherigen Krimis unterscheidet. Alles ist ziemlich cozy, mild humoristisch und dialoggetrieben. Der Plot ist eher vernachlässigbar. Der Rätselplot sowieso. Die „Donnerstagsmordclub“-Krimis sind, auch wenn sie auf den ersten Blick so wirken, keine klassischen Rätselkrimis. Der Verkaufserfolg immens. Alle „Donnerstagsmordclub“-Krimis wurden Bestseller. Im Moment steht der vierte Band der Serie auf dem dritten Platz der Spiegel-Bestsellerliste.

 

Richard Osman: Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt

(übersetzt von Sabine Roth)

List, 2023

432 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

The last Devil to die

Viking, UK, 2023

Hinweise

Wikipedia über Richard Osman (deutsch, englisch)

List über Richard Osman

BookMarks über „Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“

Meine Besprechung von Richard Osmans „Der Donnerstagsmordclub“ (The Thursday Murder Club, 2020)

Meine Besprechung von Richard Osmans „Der Mann, der zweimal starb“ (The Man who died twice, 2021)

Mein Bericht über Richard Osmans Besuch 2022 in Berlin

Mein Interview mit Richard Osman über „Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“ (The last Devil to die, 2023)

In seinem Krimi „Das Geheimnis der Silvesternacht“ schickt Nicholas Blake seinen Ermittler, Privatdetektiv Nigel Strangeways, ins malerisch verschneite Downcombe. Im Auftrag der Abteilung für Innere Sicherheit soll er über die Weihnachtsferien Professor Alfred Wragby beschützen. Wragby ist ein Physiker, der gerade eine Entdeckung gemacht hat, für die sich auch Russland interessiert. Für Strangeways klingt das nach einigen entspannten Tagen in einem eingeschneiten Landsitz im Südwesten Englands.

Weil Wragby ein unbestechlicher Wissenschaftler ist, entführen die russischen Agenten und ihre Handlanger kurz nach Weihnachten Wragbys achtjährige Tochter Lucy. Sie wollen sie freilassen, wenn er ihnen alles über seine Entdeckung verrät. Allerdings haben die Entführer nicht mit Wragbys Sturheit und Lucys Schlauheit gerechnet.

Zwischen 1935 und 1966 schrieb Nicholas Blake sechzehn Strangeways-Kriminalromane. „Das Geheimnis der Silvesternacht“ ist der fünfzehnte Strangeways-Krimi und Strangeways hat nur eine Nebenrolle in dem Entführungsthriller, in dem die Täter von Anfang an bekannt sind (im ersten Kapitel des Krimis besprechen sie ausführlich ihren Plan) und Blake die Geschichte parallel aus mehreren Perspektiven erzählt. Die Formel, die die Entführer von Wragby erpressen wollen ist dabei nur ein austauschbarer MacGuffin. Der Ost/West-Konflikt ist nur die ebenso austauschbare Kulisse für eine Entführungsgeschichte, die 1962/1963 spielen soll, aber wie eine Geschichte aus den Fünfzigern oder einem noch früherem Jahrzehnt wirkt.

Nicholas Blake: Das Geheimnis der Silvesternacht

(neu übersetzt von Dorothee Merkel)

Klett-Cotta, 2023

336 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Sad Variety

Collins Crime Club, Glasgow, 1964

Deutsche Erstausgabe

Ein Engel soll sterben

Gebrüder Weiss Verlag, 1966

Hinweise

Wikipedia über Nicholas Blake (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nicholas Blakes „Das Geheimnis von Dower House – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte“ (Thou Shell of Death, 1936)

Zugegeben, das letzte Buch dieser Kolumne mit in diesem Jahr neu oder erstmals veröffentlichten, in England spielenden Weihnachtskrimis ist kein Kriminalroman, noch nicht einmal ein Buch mit Kurzkrimis (auch wenn es die ein oder andere Straftat gibt), aber etliche Geschichten spielen in Großbritannien, meistens in London, der Held der Geschichten ist eine britische Institution und alle zwölf Geschichten sind äußerst kurzweilige Weihnachtsgeschichten. Jacqueline Rayner, Colin Brake, Richard Dungworth, Mike Tucker, Gary Russel und Scott Handcock schrieben Geschichten mit den damals, als das Buch im Original veröffentlicht wurde, bekannten zwölf Doktoren. Inzwischen ist die langlebige BBC-Serie „Doctor Who“ beim fünfzehnten Doktor angelangt.

Der Doktor beziehungsweise Doctor Who ist ein durch Raum und Zeit reisender Timelord vom Planeten Gallifrey. Er kann sich in neuer Gestalt mehr oder weniger vollständig regenerieren; – was eine ebenso geniale wie einfache Idee der TV-Serienmacher war, um Schauspielerwechsel und damit verbundene Veränderungen zu erklären. Das Raumschiff von Doctor Who, die TARDIS, sieht wie eine normale englische Polizei-Notrufzelle aus. Innen ist sie riesig. Meistens reist der Doktor allein. Aber er hat nichts gegen wechselnde menschliche Mitreisende.

Seine Abenteuer führen ihn in dem Sammelband „Die zwölf Doktoren der Weihnacht“ ziemlich oft nach London zu verschiedenen Jahren. Er besucht auch andere Orte auf der Erde. Einmal, am Heiligabend 1968, trifft er sich mit der Besatzung der Apollo 8 auf der erdabgewandten Seite des Mondes. In der Raumkapsel wurde nämlich ein Päckchen für den Doktor deponiert. Er holt es ab, zeigt den Astronauten seine TARDIS und lässt sie anschließend weiterfliegen. Zurück in ihrer Raumkapsel fragen sie sich, ob sie ihren Kollegen von der Begegnung mit dem im Weltraum ohne Atemgerät schwebenden Doktor erzählen sollen.

Und es geht noch weiter in den Weltraum zu unbemannten Frachtschiffen und für uns sehr fremden Planeten, auf denen der Doktor nicht immer willkommen ist.

Alle Geschichten, über die hier nicht mehr verraten werden soll, spielen an Weihnachten, es wird oft sehr weihnachtlich und, was noch wichtiger ist, alle Geschichten sind sehr vergnüglich.

Im Original erschien der Sammelband in der „BBC Children’s Book“-Reihe. Beim Lesen ist mir nicht aufgefallen, dass die Geschichten speziell für Kinder und Jugendliche geschrieben wurden.

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Da empfehle doch jetzt tatsächlich in einer Kolumne über Weihnachtskrimis, die dieses Jahr erstmals oder in einer neuen Ausgabe erschienen sind, am vollmundigsten eine Sammlung von Science-Fiction-Kurzgeschichten mit einer TV-Serienfigur als Hauptfigur.

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Unglaublich, aber wahr. Jedenfalls in diesem Universum.

V. A.: Doctor Who – Die zwölf Doktoren der Weihnacht

(übersetzt von Isabelle Gore)

Cross Cult, 2023

304 Seiten (+ 24 Seiten Illustrationen)

24 Euro

Originalausgabe

Doctor Who – Twelve Doctors of Christmas

BBC Children’s Books/Puffin Books/Penguin Random House, 2016

enthält

Jacqueline Rayner: Der Weihnachtswunsch (All I want for Christmas)

Colin Brake: Ein Winternachtsalbtraum (A Comedy of Terrors)

Jacqueline Rayner: Die Weihnachtsinversion (The Christmas Inversion)

Richard Dungworth: Drei Weise aus dem Abendland (Three Wise Men)

Mike Tucker: Sontars Helferlein (Sontar’s Little Helpers)

Gary Russel: Ein Märchen von New New York (Fairy Tale of New New York)

Mike Tucker: Die Weihnachtswerkstatt (The Grotto)

Scott Handcock: Geist der vergangenen Weihnacht (Ghost of Christmas Past)

Gary Russell: Das rote Fahrrad (The Red Bicycle)

Richard Dungworth: Flüchtiger Äther (Loose Wire)

Scott Handcock: Das Geschenk (The Gift)

Colin Brake: Die Beständigkeit der Erinnerung (The Persistence of Memory)

(Naa, da wecken die Originaltitel aber einige Assoziationen.)

Hinweise

BBC über „Doctor Who“ (englisch)

Wikipedia über „Doctor Who“ (deutsch, englisch)

BBC-YouTube-“Doctor Who“-Kanal (zum Abtauchen in den Strudel jenseits von Raum und Zeit)

Meine Besprechung von Stephen Baxters „Doctor Who: Rad aus Eis“ (Dcotor Who: The Wheel of Ice, 2012)

Meine Besprechung des Sammelbandes „Doctor Who: 11 Autoren – 11 Geschichten“ (Doctor Who – 11 Doctors 11 Stories, 2013)

Meine Besprechung von Justin Richards‘ „Doctor Who: Silhouette“ (Doctor Who: Silhouette, 2014)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Christoper Jones/Marco Leskos „Doctor Who – Der siebte Doctor: Tanz auf dem Vulkan“ (Doctor Who – The Seventh Doctor: Operation Volcano, 2018)

Meine Besprechung von Terry McDonoughs Spielfilm über die Anfänge von „Doctor Who“ „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“ (An Adventure in Space and Time, Großbritannien 2013)


Ihr wollt noch mehr Tipps für Weihnachtskrimis?

Gerne: hier und hier und es gibt Zyankali vom Weihnachtsmann.

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Kinder des Zorns“ – Über Kurt Wimmers Versuch, eine Kurzgeschichte von Stephen King zu verfilmen

Dezember 14, 2023

Manchmal braucht es nicht viel für ein langlebiges Franchise. In diesem Fall ist es eine Kurzgeschichte von Stephen King, die die Inspiration gab für zwei einprägsame Bilder: die sich im US-amerikanischen Hinterland bis hinter den Horizont erstreckenden Maisfelder und besessene Kinder, die Erwachsene töten. Beispielswiese das Gebiet durchquerende Touristen.

1984 verfilmte Fritz Kiersch Kings Geschichte. Seine Verfilmung „Kinder des Zorns“ (Children of the Corn) spielte an der Kinokasse sein Geld ein. Die Begeisterung von Kritik und Publikum war überschaubar – und das hat sich seitdem nicht geändert. Niemand hält „Kinder des Zorns“ (1984) ernsthaft für einen irgendwie guten, herausragenden Film, den man sich angesehen haben muss.

Trotzdem gab es seitdem zehn weitere Filme, von denen acht als Fortsetzungen, die wenig bis nichts miteinander verbindet (außer der Sache mit dem Getreide), gelabelt werden, ein Remake und jetzt Kurt Wimmers Reboot, das auch mal als Prequel bezeichnet wird.

Sein Prequel/Reboot spielt in der Gegenwart und erzählt die Vorgeschichte zu Kierschs Film und auch zu Stephen Kings erstmals 1977 publizierter Kurzgeschichte „Kinder des Mais“ (Children of the Corn). Wimmer erzählt also, wie die titelgebenden „Kinder des Zorns“ (aka Children of the Corn aka Kinder des Mais) zu den Kindern des Zorns wurden.

Kurt Wimmer ist für Genrefans ein bekannter Name. Er inszenierte den tollen SF-Thriller „Equilibrium“, aber auch die SF-Gurke „Ultraviolet“. Als Autor war er in „Die Thomas Crown Affäre“, „Street Kings“, „Salt“ und „Total Recall“ (das überflüssige Remake) involviert.

Das hätte also etwas werden können.

Hätte.

Entstanden ist ein erstaunlich misslungener, langweiliger, nichtssagender, das Potential von Stephen Kings Kurzgeschichte hoffnungslos verschenkender Horrorfilm, Nie gelingt es Wimmer, die überschaubaren und einfachen Regeln und Strukturen seiner Welt, nachvollziehbar zu etablieren. Er spricht viele Themen an, ohne sie sinnvoll zu vertiefen oder in die Geschichte zu integrieren. Seine Figuren verhalten sich durchgehend widersprüchlich und oft unlogisch.

Im Zentrum der bestenfalls erahnbaren Filmgeschichte steht die siebzehnjährige Boleyn (Elena Kampouris). Sie will demnächst die Gegend verlassen und in Boston an der Universität Mikrobiologie studieren. Jetzt kümmert sie sich noch um ihren jüngeren Bruder Cecil (Jayden McGinlay), streift durch das Korn und begegnet Gleichaltrigen, die sich die Zeit mit teils gefährlichen Spielen vertreiben.

Die zwölfjährige Eden (Kate Moyer) ist die Anführerin der Jugendlichen. Sie stachelt sie später zu einer Mordserie an den Erwachsenen auf.

Das alles hat etwas mit dem im Mais lebendem, Menschenopfer verlangendem Kornmonster, das Eden „Der hinter den Reihen geht“ nennt, zu tun.

Letztendlich schließt sich der neueste „Kinder des Zorns“-Film nahtlos an die vorherigen Filme der Serie an. Es ist ein vergessenswerter Horrorfilm, der ein vergessenswertes, allseits unbeliebtes und dennoch erstaunlich langlebiges Franchise fortsetzt.

P. S.: Gedreht wurde der Film von April bis Juni 2020. Die Premiere war am 23. Oktober 2020 in Sarasota, Florida. Der für 2022 geplante US-Kinostart wurde letztendlich auf den 3. März 2023 verschoben. Und jetzt läuft er bei uns im Kino.

Kinder des Zorns (Children of the Corn, USA 2020)

Regie: Kurt Wimmer

Drehbuch: Kurt Wimmer

LV (Inspiration): Stephen King: Children of the Corn, 1977 (Kurzgeschichte, Penthouse) (Kinder des Mais, erschienen in „Nachtschicht“)

mit Elena Kampouris, Kate Moyer, Callan Murphy, Bruce Spence, Stephen Hunter, Jayden McGinlay, Ashlee Juergens, Sisi Stringer, Joe Klocek

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Die Inspiration

Wer hätte das vor über vierzig Jahren gedacht? Nämlich dass ein Buch, und dazu noch eine Kurzgeschichtensammlung (die als notorisch unverkäuflich eingeschätzt werden), seit seiner Erstaufflage im Original und in der Übersetzung nie ‚out of print‘ war? Im Fall von „Nachtschicht“ ist Stephen King genau das gelungen. Außerdem inspiriert diese Sammlung von zwanzig spannenden Kurzgeschichten immer noch Filmemacher. 2020 gab es eine neue Verfilmung von „Children of the Corn“, dieses Jahr eine von „The Boogeyman“ und dazwischen verschiedene Ein-Dollar-Verfilmungen. Das ist eine von Stephen King jungen Filmemachern gewährte Option: sie dürfen für einen eher symbolischen Dollar eine seiner Kurzgeschichten verfilmen. Es gibt nur eine Bedingung: sie dürfen ihren Film danach nur in einem sehr begrenzten, nicht-kommerziellem Rahmen aufführen. Und Stephen King sieht sich das Werk an.

Stephen Kings erste Sammlung von Kurzgeschichten enthält:

Briefe aus Jerusalem (Jerusalem’s Lot, 1978)

Spätschicht (Graveyard Shift, 1970)

Nächtliche Brandung (Night Surf, 1974)

Ich bin das Tor (I Am the Doorway, 1971)

Der Wäschemangler (The Mangler, 1972)

Das Schreckgespenst (The Boogeyman, 1973)

Graue Masse (Gray Matter, 1973)

Schlachtfeld (Battleground, 1972)

Lastwagen (Trucks, 1973)

Manchmal kommen sie wieder (Sometimes They Come Back, 1974)

Erdbeerfrühling (Strawberry Spring, 1975)

Der Mauervorsprung (The Ledge, 1976)

Der Rasenmähermann (The Lawnmower Man, 1975)

Quitters, Inc. (Quitters, Inc. 1978)

Ich weiß, was du brauchst (I Know What You Need, 1976)

Kinder des Mais (Children of the Corn, 1977)

Die letzte Sprosse (The Last Rung on the Ladder, 1978)

Der Mann, der Blumen liebte (The Man Who Loved Flowers, 1977)

Einen auf den Weg (One for the road, 1978)

Die Frau im Zimmer (The Woman in the Room 1978)

Stephen King: Nachtschicht

(übersetzt von Barbara Heidkamp, Harro Christensen, Michael Kubiak, Karin Balfer, Ulrike A. Pollay, Sabine Kuhn, Ingrid Herrmann, Wolfgang Hohlbein, Bernd Seligmann und Stefan Sturm)

Lübbe, 1988

448 Seiten

13 Euro

Deutsche Erstausgabe

Lübbe, 1984

Originalausgabe

Nightshift

Doubleday, 1978

Hinweise

Moviepilot über „Kinder des Zorns“ (2020)

Metacritic über „Kinder des Zorns“ (2020)

Rotten Tomatoes über „Kinder des Zorns“ (2020)

Wikipedia über „Kinder des Zorns“ (2020) (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Meine Besprechung von Andy Muschietti Stephen-King-Verfilmung „Es Kapitel 2″ (It Chapter 2, USA 2019)

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ (Doctor Sleep, USA 2019) (wahrscheinlich einer der Filmtitel, die kein Mensch an der Kinokasse vollständig ausgesprochen hat)

Meine Besprechung von Rob Savages Stephen-King-Verfilmung „The Boogeyman“ (The Boogeyman, USA 2023)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Doctor Sleep“ (Doctor Sleep, 2013)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Später“ (Later, 2021)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour


Im Verhörzimmer: Richard Osman über seinen neuen Krimi „Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“

Dezember 6, 2023

Wenige Tage vor der Veröffentlichung von Richard Osmans neuem Kriminalroman „Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“ trafen wir den Bestsellerautor im Herzen von Berlin im Teehaus im Englischen Garten und sprachen mit ihm über seinen neuen Roman, inwiefern es ein Weihnachtskrimi ist, über die Inspiration für den Donnerstagsmordclub, die literarische Ahnenreihe, in der der Donnerstagsmordclub ermittelt, und die geplante Verfilmung.

Der titelgebende Donnerstagsmordclub besteht aus Joyce Meadowcroft, Elizabeth Best, Ron Ritchie und Ibrahim Arif. Sie leben in der noblen Senieorenresidenz Coppers Chase in der Grafschaft Kent. Dort treffen sich jeden Donnerstag, um über alte Mordfälle zu reden. Falls sie nicht gerade einen aktuellen Mordfall aufklären müssen. Dabei kommt ihnen ihre Lebenserfahrung, teils auch ihre früheren Berufe und Kontakte, und die allgemeine Unsichtbarkeit und Harmlosigkeit alter Menschen zugute. Denn welcher hartgesottene Verbrecher und Mörder erwartet schon, dass ihm einige alte Menschen, die sich ohne Gehhilfe kaum fortbewegen können, ihm Probleme bereiten könnten.

Das erste Buch mit dem Donnerstagsmordclub, betitelt „Der Donnerstagsmordclub“, erschien 2020 und war in Großbritannien sofort ein Bestseller. Die deutsche Übersetzung erschien 2021 und sie verkaufte sich ebenfalls ausgezeichnet.

Der Mann der zweimal starb“, „Der Donnerstagsmordclub und die verirrte Kugel“ und jetzt „Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“ wurden ebenfalls Bestseller.

Im vierten Roman der Cozy-Crime-Serie wollen Elizabeth, Jocye, Ron und Ibrahim den Mord an dem mit ihnen befreundeten Antiquitätenhändler Kuldesh Shamar aufklären.

Ein Drogenhändler benutzte ihn und sein Geschäft, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, als Zwischenstation für den Schmuggel von Drogen.

Kurz darauf ist Kuldesh tot. Die Drogen und das Terrakottagefäß, in dem sie unauffällig transportiert wurden, sind verschwunden.

Wer seine Krimis gerne cozy, etwas humorvoll und mit vielen Dialogen hat, wird auch mit dem vierten Fall des Donnerstagsmordclubs einige schön entspannte Stunden verleben. Wer dagegen lieber einen ausgefuchsten Plot mit vielen Verdächtigen und noch mehr falschen Fährten hat, also einen Rätselkrimi im Agatha-Christie-Stil erwartet, wird enttäuscht sein.

Richard Osman: Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt

(übersetzt von Sabine Roth)

List, 2023

432 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

The last Devil to die

Viking, UK, 2023

Hinweise

Wikipedia über Richard Osman (deutsch, englisch)

List über Richard Osman

BookMarks über „Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt“

Meine Besprechung von Richard Osmans „Der Donnerstagsmordclub“ (The Thursday Murder Club, 2020)

Meine Besprechung von Richard Osmans „Der Mann, der zweimal starb“ (The Man who died twice, 2021)

Mein Bericht über Richard Osmans Besuch 2022 in Berlin


„Stadt ohne Gnade“, „Eine Braut, für die man mordet“ und „Das große Sterben“: Über die Neuausgabe von Frank Millers Sin City

November 15, 2023

Wie liest sich Frank Millers „Sin City“ heute, ungefähr dreißig Jahre nachdem die Geschichten erstmals veröffentlicht und abgefeiert wurden? Sie machten Frank Miller über die Comicszene hinaus bekannt. Dort hatte er nach seiner bahnbrechenden „Batman“-Neuinterpretation „The Dark Knight returns“ bereits einen guten Ruf. Aber damals waren Comics in der öffentlichen Wahrnehmung, vor allem Superheldencomics, noch Kinderkram.

2005 verfilmten Robert Rodriguez und Frank Miller kongenial einige „Sin City“-Geschichten. „Sin City“ begeisterte die Kritiker und das Publikum. Spätestens in dem Moment war Frank Miller allgemein bekannt und, vor allem bei Noir- und Hardboiled-Fans, beliebt.

In den vergangenen Jahren lösten einige von Frank Millers öffentlichen Äußerungen und seine Werke auch bei devoten Fans ein ungläubiges Stirnrunzeln aus; verbunden mit der Frage, ob man das nicht schon alles viel früher hätte wissen können.

Mit der Cross-Cult-Neuausgabe der „Sin City“-Comics kann das jetzt überprüft werden. In den jetzt erschienenen ersten drei „Sin City“-Bänden (die nächsten vier Bände erscheinen demnächst) wurde auf das Bonusmaterial früherer Ausgaben verzichtet. Dafür ist das Format der gebundenen Ausgabe etwas größer als bei früheren Ausgaben geraten. Es kann also noch mehr in den Bildern versunken werden.

Sin City“ ist eine gelungene Revitalisierung von Noir und Pulp, übertragen auf das Medium des Comics mit atemberaubenden und auch experimentellen SW-Panels. In den Geschichten geht es um Polizisten, korrupt und nicht korrupt, Verbrecher, Mörder, Verrückte und Femme Fatales. Den zweiten Band widmete Miller Mickey Spillane, dem Erfinder von Mike Hammer. Damals wurde Spillane immer noch als niederer Pulp-Autor betrachtet. Einer der Werke voller Sex und Gewalt, sozusagen die biblische Version von Hölle und Fegefeuer, für ein sensationsgieriges Millionenpublikum hinschluderte. Auch Millers Sin City ist ein Sündenpfuhl voller Gewalt, Sex und Gier.

In dem ersten Band „Stadt ohne Gnade“ wacht der an Wahnvorstellungen leidende Ex-GI Marv neben einer toten Frau, mit der vorher Sex hatte, auf. Er will sie rächen und mordet sich langsam zum Täter vor.

In dem zweiten Band „Eine Braut, für die man mordet“ (2014 von Miller und Rodriguez als „Sin City 2: A Dame to kill for“ verfilmt) wird der Privatdetektiv Dwight McCarthy, der für Scheidungsanwälte Seitensprünge dokumentiert, von seiner früheren großen Liebe Ava angerufen. Inzwischen ist die Femme Fatale mit dem einflussreichem Millionär Damien Lord verheiratet. Ava behauptet, in Lebensgefahr zu schweben. Wider besseres Wissen hilft Dwight ihr.

In dem dritten Band „Das große Sterben“ hilft Dwight den Frauen aus Old Town, dem Rotlichtviertel von Sin City. Sie drohen zwischen die Fronten von Polizei und organisiertem Verbrechen zu geraten. Am Ende der Nacht hat Sin City, wieder einmal, einige seiner Bewohner verloren.

Damals, als die „Sin City“-Geschichten erschienen, war die Verbindung aus Stil und Inhalt genial und traf auf den Zeitgeist. Aber ist das heute immer noch genial – oder nur noch von historischem Interesse?

Stadt ohne Gnade“, „Eine Braut für die man mordet“ und „Das große Sterben“ spielen in einer stilisierten Parallelwelt. Millers hyperbrutale Geschichten spielen gelungen mit Hardboiled-Klischees. Ihre durchaus genreübliche (Un)moral ist nicht veraltet. Politik, politische Ideologien und die Tagespolitik spielen keine Rolle.

Beim Lesen fällt auf, dass die Welt von Sin City eine sehr weiße und heterosexuelle Welt ist. Es ist eine Welt, in der weiße Männer weiße Männer töten. Heute würde, neben dem ausführlich gezeigtem Sex zwischen Männern und Frauen, auch lesbischer und schwuler Sex gezeigt werden. Die Figuren wären diverser und sicher gäbe es mindestens eine Transgender-Figur.

Davon abgesehen die ersten drei „Sin City“-Geschichten in der aktuellen Black Edition immer noch eine extrem gelungene Hardboiled-Lektüre.

Frank Miller: Sin City: Stadt ohne Gnade (Band 1)

(übersetzt von Karlheinz Borchert)

Cross Cult, 2023

216 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Frank Miller’s Sin City Volume 1: The Hard Goodbye

Dark Horse, 1991/1992

Frank Miller. Sin City: Eine Braut, für die man mordet (Band 2)

(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz, Lutz Göllner)

Cross Cult, 2023

216 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Frank Miller’s Sin City Volume 2: A Dame to kill for

Dark Horse, 1993/1994

Frank Miller: Sin City: Das große Sterben (Band 3)

(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz, Andreas Mergenthaler)

Cross Cult, 2023

184 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Frank Miller’s Sin City Volume 3: The big fat Kill

Dark Horse, 1994/1995

Hinweise

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch) und „Sin City“ (deutsch, englisch)

Blog/Homepage von Frank Miller

Meine Besprechung von Frank Miller/David Mazzucchelli/Richmond Lewis‘ „Batman – Das erste Jahr“ (Batman # 404 – 407, 1987)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons’ “Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)” (Give me liberty, 1990)

Meine Besprechung von Frank Miller/Jim Lee/Scott Williams’ “All-Star Batman” (All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, 2005 – 2008)

Meine Besprechung von Frank Millers “Holy Terror” (Holy Terror, 2011)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018)

Meine Besprechung von Frank Miller/Robert Rodriguez‘ „Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)