„Gloria, die Gangsterbraut“ ist der zehnte Film von John Cassavetes und ein ziemlich gradliniger Actionthriller. Gena Rowlands spielt die gealterte, vom Leben und ihrem Beruf abgehärtete Ex-Sängerin Gloria Swenson. Als die Mafia die Nachbarfamilie ermordet, überlebt nur der sechsjährige Phil , ein altkluger Mini-Möchtegernmacho, das Massaker. Widerwillig übernimmt Gloria die Beschützerinnenrolle für die Nervensäge. Gemeinsam flüchten sie durch New York. Verfolgt von der Mafia, die den Jungen töten und ein in Phils Besitz befindendes Buch mit Aufzeichnungen über ihre Geschäfte haben will.
Ein düsterer in New York spielender Gangsterthriller, der zwischen Charakterstudie – Cassavetes Metier – und Thriller pendelt. Und Gena Rowlands ist härter als Liam Neeson. „Gloria, die Gangsterbraut“ wird auch als Inspiration für Luc Bessons „Leon – Der Profi“ gesehen.
John Cassavetes über „Gloria, die Gangsterbraut“: „Es ist nicht mein Lieblingsfilm, aber ich finde, dass Gena [Rowlands] großartig ist. Ich habe das Buch geschrieben und ihnen geschickt, um es zu verkaufen. Als Drehbuch zu verkaufen, um Geld zu verdienen. Mein Agent rief an und sagte: ‚Hör mal zu. Sie wollen den Film kaufen und deinen Preis bezahlen, aber sie wollen auch, dass du Regie führst. Und sie wollen, dass Gena spielt.‘ Das war eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich hatte seit elf Jahren keinen Film mehr für sie gemacht und dachte: warum nicht? Sie bezahlen mich gut. Die einzigen Probleme, die ich hatte, hingen mit der Geschichte zusammen, der ich zugestimmt hatte.“ (Hanser Reihe Film 29: John Cassavetes)
Und so drehte John Cassavetes wieder einen Film mit Hollywood-Geld.
mit Gena Rowlands, John Adames, Buck Henry, Jessica Castillo, Julie Carmen, Tom Noonan
Nitro, 20.15 Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)
Regie: Brad Furman
Drehbuch: John Romano
LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)
Lincoln Lawyer Mickey Haller (Matthew McConaughey) tut alles für seine meist mehr als halbseidenen Mandanten. Als er aber einen Freispruch für den stinkreichen Louis Roulet erwirken soll, packt ihn das Gewissen. Auch weil Roulets Taten mit einem früheren Mandanten von ihm, der seine Unschuld beteuerte und dem er mit einem guten Deal einen Knastaufenthalt verschaffte, zusammen hängen.
Rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung, die Matthew McConaugheys Karriere auf spannende Bahnen lenkte. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
„Der Mandant“ war Michael Connellys erster Justizthriller. Danach schrieb er noch weitere Romane mit Mickey Haller, der auch Harry Bosch (Connellys ersten Seriencharakter, der inzwischen eine „Fernseh“-Serie hat) trifft.
mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston
Das Biest muß sterben (Que la bête meure, Frankreich/Italien 1969)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
LV: Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)
Ein unbekannter Raser überfährt in einem bretonischen Dorf den neunjährigen Sohn des Kinderbuchautors Charles Thénier. Weil die Polizei den Täter nicht überführt, beginnt Thénier ihn auf eigene Faust zu suchen. Anschließend will er ihn umbringen.
Ein schon lange nicht mehr gezeigter Chabrol-Klassiker, der damals einen bemerkenswerten Film nach dem nächsten drehte.
Klassisch sind auch die ersten Zeilen von Blakes Roman: “Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten.”
mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Maurice Pialat
LV: Paula Hawkins: Girl on the Train, 2015 (Girl on the Train)
Auf ihren täglichen Zugfahrten beobachtet Rachel ein junges Liebespaar. Eines Tages ist die Frau verschwunden. Rachel befürchtet das Schlimmste und sie will herausfinden, was geschah.
TV-Premiere der auf einem Bestseller basierenden Thrillerschmonzette von Tate Taylor. Sein neuester Film „Ma“ läuft seit Donnerstag im Kino.
mit Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett, Justin Theroux, Luke Evans, Allison Janney, Edgar Ramírez, Lisa Kudrow, Laura Prepon, Darren Goldstein
„Wohnen ist vor allem ein Menschenrecht. Es ist der Mittelpunkt unseres Lebens. Es ist der Ort, an dem wir in Sicherheit, Frieden und Würde leben könne. Es ermöglicht uns, alle unsere anderen Rechte in Anspruch zu nehmen. (…)
Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied zwischen Wohnraum als Ware und Gold als Ware. Gold ist kein Menschenrecht. Wohnen schon.“
Leilani Farha, UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen
Weil wir von der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union den Film im Rahmen von „One World Berlin“ präsentieren und ich den Abend moderiere, kann ich den Dokumentarfilm „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ nicht besprechen. Denn wenn ich sage, der Film sei gut, heißt ich, ich müsse das ja sagen.
Und trage einige Fakten zusammen. Fredrik Gertten („Becoming Zlatan“, Bikes vs Cars“, „Big Boys gone Bananas!*“) begleitet in seinem neuen Film Leilani Farha, seit 2014 UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen, bei ihren Besuchen in Großstädten, wie Berlin, London, New York und Toronto. Diese Städte sind alle mit erschreckend ähnlichen Problemen konfrontiert. Farha unterhält sich mit Mietern, sieht sich ihre Wohnungen an, erkundet den Wohnungsmarkt in den besuchten Großstädten (sofern es überhaupt noch einen Markt gibt) und redet mit Experten. Diese Einblicke zeigen eindrucksvoll, wie immer mehr Investmentgesellschaften Miethäuser kaufen und kein Interesse daran haben, Wohnungen zu vermieten. Ihr Geschäft ist nicht das Vermieten von Wohnungen, sondern die Geldvermehrung mit Spekulationen. Es handelt sich um eine Form der exorbitanten Verteuerung von Wohnraum, die nichts mit den seit langem bekannten Gentrifizierungen zu tun hat. Und die für die potentiellen Mieter noch erschreckender ist. Denn die Mietwohnungen werden überhaupt nicht mehr zur Vermietung angeboten.
Farha und auch Gertten bemühten sich während der Dreharbeiten auch um ein Gespräch mit einem Vertreter dieser Gesellschaften. Das Gespräch fand nicht statt. Vor diesem Problem stand auch Bettina Borgfeld in ihrer ebenfalls sehenswerten Doku „Was kostet die Welt“ über den Aufkauf der Ärmelkanal-Insel Sark durch die Barclay-Zwillingsbrüder.
Dafür traf „Push“-Regisseur Gertten die Soziologin Saskia Sassen, den Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und den Schriftsteller Roberto Saviani („Gomorrha“, „Paranza – Der Clan der Kinder“ [Verfilmung ab dem 22. August im Kino]).
Zugunsten der Konzentration auf Farhas Arbeit vor Ort vernachlässigt Gertten Farhas sonstige Arbeit als UN-Sonderberichterstatterin. Es gibt kaum Bilder und Informationen über von ihr besuchte Konferenzen und Tagungen und geführte Hintergrundgesprächen. Wie sie ihr auf den Reisen gesammeltes Wissen in Resolutionen und für von Entmietungen Betroffene versucht in konkrete Politik umzusetzen und welche Probleme es dabei gibt, wird kaum gezeigt.
Wer nur daran interessiert ist, wie Politik funktioniert, sieht sich daher besser David Bernets Dokumentarfilm „Democracy – Im Rausch der Daten“ über die Arbeit an der Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) an. Als Ästhet empfehle ich die im Kino gezeigte SW-Version.
Für die Berliner gibt es in „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ auch einige Bilder aus Deutschland schönster Stadt.
Push – Für das Grundrecht auf Wohnen (Push, Schweden 2019)
Regie: Fredrik Gertten
Drehbuch: Fredrik Gertten
mit Leilani Farha, Saskia Sassen, Joseph Stiglitz, Roberto Saviani
Diskussion in der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 8. Mai 2019 mit Leilani Farha, Fredrik Gerrten, Katalin Gennburg (Sprecherin für Stadtentwicklung, Tourismus, Smart City aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, Die Linke) und Dr. Ulrike Hamann (Soziologin an der HU Berlin und Aktivistin bei Kotti & Co.)
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Die Veranstaltungen zum Film (soweit bis jetzt bekannt):
Preview in Kooperation mit der Humanistischen Union und das One World Berlin Human Rights Film Festival mit anschließender Diskussion mit Aktivist*innen vom Bündnis Zwangsräumung verhindern, in Rahmen der Reihe »One World Berlin – Menschenrechte aktuell«
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Berlin | Dienstag, 4. Juni 2019 | 21:00 Uhr | Freiluftkino Insel im Cassiopeia
Sondervorführung mit anschließender Diskussion. In Kooperation mit dem Human Rights Film Festival Berlin.
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Berlin | Mittwoch, 5. Juni 2019 | 21:30 Uhr | Griessmühle
Preview mit Filmgespräch mit Klaus Lübke von der SPD, Stadtteilkümmerer auf der Veddel und Christoph Winkler, Architekt und Vorstand des Hamburger Architektursommers
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München | Donnerstag, 6. Juni 2019 | 20:30 Uhr | Monopol Kino
Sondervorführung mit anschließender Diskussion. In Kooperation mit #ausspekuliert und MUCBOOK
Sonderveranstaltung mit anschließender Diskussion. In Anwesenheit von Josef Wirges (Bezirksbürgermeister Ehrenfeld) Martin Schmittseifer (Vorstand JACK IN THE BOX e.V.), Hawe Möllmann (Sprecher der Bürgerinitiative Helios) und weiteren Gästen
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Bochum | Mittwoch, 12. Juni 2019 | 19:00 Uhr | Endstation Kino
Sonderveranstaltung mit Filmgespräch in Kooperation mit dem Mieterverein Bochum
Sondervorführung mit anschließendem Filmgespräch. In Anwesenheit von Dr. Norbert Gestring, Uni Oldenburg – Institut für Sozialwissenschaften, Stadtforschung. In Kooperation mit dem Ökumenische Zentrum Oldenburg
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Bonn | Mi., 26. Juni 2019 | 20 Uhr | Rex Kino
Sondervorführung mit anschließendem Filmgespräch. In Anwesenheit von Bernhard von Grünberg, Vorsitzender des Deutscher Mieterbund Bonn/Rhein-Sieg/Ahr e.V. und weiteren Gästen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe #100JahreDMBBonn.
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Frankfurt a.M. | 10. Juli 2019 | 20 Uhr | Mal Seh’n
Sondervorführung in Kooperation mit Mietentscheid Frankfurt.
Später gab Jim Jarmusch zu, dass es eine bescheuerte Idee war, fünf Kurzfilme zu drehen, in denen Taxifahrer in Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki ihre seltsamen Kunden durch die Nacht fahren und diese Begegnungen ausschließlich im fahrenden Taxi spielen zu lassen. Denn was auf dem Papier nach wenig Aufwand aussieht, ist ein logistischer Albtraum.
Zum Glück für uns kam Jarmusch erst nach den Dreharbeiten zu seiner wundervollen Ode an das Leben in der Nacht zu dieser Erkenntnis.
Tom Waits schrieb die Musik
Mit Winona Ryder, Gena Rowlands, Giancarlo Esposito, Armin Mueller-Stahl, Béatrice Dalle, Rosie Perez, Isaach de Bonkolé, Roberto Benigni, Paolo Bonacelli, Matti Pellonpää, Kari Väänänen
Es dauert lange, sehr lange, für meinen Geschmack viel zu lange, bis wir mehr über Gyllen (Fionn Whitehead) erfahren. Das erste Mal begegnen wir dem 18-jährigen Engländer in der ersten Filmminute von „Roads“, als er mitten in der Nacht in Marokko an einer Straße steht und alle in seinem Telefon gespeicherten Freunde und Bekannte anruft, die ihm helfen könnten. Denn sein Wohnwagen ist mitten in der Einöde liegen geblieben.
William (Stéphane Bak) beobachtet ihn. Später kommen sie ins Gespräch miteinander und nachdem William Gyllens Wohnwagen wieder flott gemacht hat, bietet Gyllen ihm eine Mitfahrgelegenheit an. Beide wollen nach Europa. Vor der Grenze versteckt Gyllen William in der Toilette des Wohnwagens. Denn William ist ein Flüchtling.
Dass Gyllen ebenfalls ein Flüchtling ist, erfahren wir erst viel später. Der Londoner Gyllen hielt den Urlaub mit seiner Mutter und seinem Stiefvater (beide sehen wir niemals) nicht mehr aus. Jetzt will er nach Frankreich zu seinem auf dem Land lebendem Vater.
Der aus dem Kongo kommende William will nach Calais. Von dort erhielten er vor einem halben Jahr er und seine Familie die letzte Nachricht seines Bruders.
Sebastian Schipper erzählt, basierend auf einem Drehbuch, das er zusammen mit Oliver Ziegenbalg („25 km/h“) schrieb und während des chronologischen Drehs weiterentwickelte, wie sich seine beiden jugendlichen Protagonisten auf ihrer Fahrt quer durch Europa miteinander befreunden. Dass Schipper dabei nicht die Formel seines Debütfilms „Absolute Giganten“ oder seines in einer Einstellung gedrehten Überraschungserfolg „Victoria“ wiederholt, ist ihm hoch anzurechnen. Aber wirklich überzeugen kann das schön aussehende, formal gut gemachte und gut gespielte, aber primär gut gemeinte Road-Movie nicht.
Neben den typischen Erlebnissen, die Jugendliche auf ihrer ersten Reise haben (Drogen!), geht es auch um die Flüchtlingsfrage, die hier anhand einer Freundschaft zwischen zwei Jungen erzählt wird. Oder besser gesagt: nicht erzählt wird. Sie ist das durch Williams Biographie gewählte Hintergrundrauschen, das auch dazu führt, dass Gyllen immer wieder anderen Flüchtlingen begegnet, ohne dass hier thematische Vertiefungen stattfänden. Überraschende Einsichten fehlen ebenfalls.
Dafür verläuft die Begegnung zwischen Gyllen und William zu sehr in den Bahnen einer jugendlich unschuldigen Coming-of-Age-Geschichte, in der aus einer Zufallsbekanntschaft eine kurzzeitige Freundschaft wird. Dabei ist es ziemlich egal, ob der eine Junge aus London und der andere aus dem Kongo kommt, oder beide aus Berlin kommen.
Roads (Deutschland/Frankreich 2019)
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Oliver Ziegenbalg
mit Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu, Ben Chaplin, Marie Burchard, Josue Ndofusu
Um meine Besprechung von Dexter Fletchers Elton-John-Biopic „Rocketman“ in die richtige Perspektive zu rücken, sind zwei Vorbemerkungen sinnvoll: Musicals sind nicht mein Lieblingsgenre (okay, das dürftet ihr wissen) und Elton John gehört nicht zu meinen Lieblingsmusikern. Abhängig von den posthumen Veröffentlichungen, Deluxe-Ausgaben und Live-Mitschnitten steht stattdessen das Gesamtwerk von den Doors, Jimi Hendrix und David Bowie bei mir rum. Neben vielen anderen Bands und Musikern, die in diesem Zusammenhang unwichtig sind. Denn es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Jimi Hendrix und Elton John. Ersterer war zu Lebzeiten wichtig für die Gegenkultur, letzterer war und ist ein Popmusiker. Ein begnadeter Popmusiker, der zusammen mit Bernie Taupin, etliche Hits schrieb, die inzwischen zu Klassikern wurden, und der seit Jahrzehnten kommerziell unglaublich erfolgreich ist. Daher irrlichtert Elton John in „Rocketman“, um sich selbst kreisend, durch die Jahrzehnte.
Regisseur Dexter Fletcher und Drehbuchautor Lee Hall („Billy Elliot – I will dance“, „Gefährten“) erzählen in dem sich zahlreiche Freiheiten nehmendem Biopic von der Kindheit, Jugend, den Anfangsjahren über Elton Johns große kommerziellen Erfolge bis in die späten achtziger Jahre. Weil Elton John als Megastar in seiner eigenen Sphäre lebte und weil Fletcher immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her springt, verschwimmen die Jahre ab Elton Johns erster eigenen LP – „Empty Sky“ (1969) – bis 1990, als er einen letztendlich erfolgreichen Drogenentzug beginnt, zu einem einzigen Rausch.
Der erzählerische Rahmen ist dabei eine Therapiesitzung, die der 1947 als Reginald Kenneth Dwight geborene Elton John besucht, auf der er sich zu seinen verschiedenen Süchten, – Drogen, Alkohol, Sex und was es sonst noch so gibt – bekennt und von seinem Leben erzählt. Dieser Rahmen ermöglicht es, innerhalb von zwei Stunden alles Mögliche anzusprechen. Elton Johns gute Beziehung zu seiner Mutter und Großmutter, seine unerwiderte Liebe zu seinem Vater, seine Beziehung zu Bernie Taupin, seine Liebesbeziehungen (und, Sensation!, wir sehen erstmals in einem Mainstreamfilm eine gleichgeschlechtliche Liebesszene) und seine verschiedenen Drogenabhängigkeiten. Dazu gibt es ein Greatest Hits,wobei die Songs von Elton-John-Darsteller Taron Egerton neu eingesungen wurden. Sie wurden auch neu arrangiert von Giles Martin. Damit entfallen die wohlfeilen Vergleiche zwischen Original und Filmversion.
Die Songs hat Fletcher als Musical-Nummern inszeniert, in denen Elton John dann nicht nur am Esstisch beginnt zu singen, sondern, beispielsweise bei „Saturday Night’s Alright for Fighting“, die Konzertbühne verlässt, um durch die halbe Stadt und das aufregende Nachtleben zu tanzen und singen und am Ende, deutlich gealtert, wieder auf die Konzertbühne zurückzukehren. Diese und auch die anderen Songs können mühelos als Musik-Videos veröffentlicht werden. Wenn es heute noch richtig aufwändig produzierte Musik-Videos gäbe.
Mit Taron Egerton als Elton John hatte ich durchgehend ein Problem. Für mich ist er, obwohl ich keine Ahnung habe, wie Elton John privat ist und wie er sich in den siebziger Jahren verhielt, nicht Elton John, sondern Eggsy aus den beiden „Kingsman“-Filmen
In „Eddie, the Eagle“, der ebenfalls von Fletcher inszeniert wurde, hatte ich dieses Problem nicht.
Für Elton-John-Fans ist „Rocketman“ definitiv einen Blick wert. Weil Elton John und sein Mann David Furnish das Projekt initiierten und zu den Produzenten des Films gehören, ist das Musical natürlich nicht im Ansatz kritisch. Dieses Schicksal teilt er mit „Bohemian Rhapsody“ über Freddie Mercury und Queen. Und wie „Bohemian Rhapsody“ kümmert „Rocketman“ sich nicht sonderlich um die Chronologie. Die Songs werden so in den Film eingefügt, wie es gerade zur Filmgeschichte passt. Aber hier stört das nicht sonderlich. Denn „Rocketman“ ist ein Musical, das auch und vor allem in den Songs immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und herspringt. Es orientiert sich locker an den biographischen Stationen. Thematisch wird einfach alles angesprochen, was die Macher an Elton Johns Leben interessierte. Daraus ergibt sich keine kohärente Geschichte, sondern ein Potpourri der größten Hits.
Wenn man „Bohemian Rhapsody“ (Fletcher übernahm von Bryan Singer die Regie) und „Rocketman“ vergleichen will, muss man sagen: musikalisch ist „Bohemian Rhapsody“ der mitreisendere Film. Das liegt vor allem an den „Queen“-Stadionrockhymnen, die auch nach dem zehnten Bier noch mitgesungen werden können. Filmisch ist „Rocketman“ in jeder Beziehung der interessantere und auch gewagtere Film.
Rocketman (Rocketman, USA 2019)
Regie: Dexter Fletcher
Drehbuch: Lee Hall
mit Taron Egerton, Jamie Bell, Richard Madden, Bryce Dallas Howard, Gemma Jones, Steven Mackintosh
Octavia Spencer war wohl etwas gelangweilt von ihren vielen netten mütterlichen Rollen, in denen sie immer die kompetente Ansprechpartnerin bei Problemen ist. Einmal spielte sie sogar Gott. Also schnappte sie sich die Rolle von ‚Ma‘ Sue Ann. Und diese ‚Ma‘ ist eine Mutter aus der Hölle. Die Tierarzthelferin lebt in einer Kleinstadt im ländlichen Ohio in einem einsam gelegenem Haus.
Eines Tages wird sie von der neu im Dorf lebenden Maggie (Diana Silvers [„Glass“]) gefragt, ob sie für Maggie und ihre Mitschüler Alkohol kaufen könne. Sue Ann tut es.
Kurz darauf lädt sie die Jugendlichen zu sich ein. Sie dürfen in ihrem Keller feiern und sie sollen nachher nicht betrunken nach Hause fahren. Für die Jugendlichen ist das ein grandioses Angebot auf unbegrenzte Party abseits von der strengen Blicken ihrer Eltern. ‚Ma‘, die das ermöglicht, ist ihre neue Heldin. Letztendlich gibt es bei ‚Ma‘ nur eine Regel: sie dürfen das restliche Haus nicht betreten.
Spätestens in dem Moment, wenn Octavia Spencer dieses Verbot verkündet, weiß man, dass die jugendlichen Partygäste das doch tun werden und dass das ein potentiell tödlicher Fehler ist. Trotzdem vergeht erstaunlich viel Filmzeit, bis Maggie zum ersten Mal den Keller verlässt und den Rest des Hauses betritt. Bis dahin baut Regisseur Tate Taylor die Spannung auf und zeigt Maggie und ihre Schulfreunde beim exzessiven Feiern. ‚Ma‘ Sue Ann feiert vergnügt mit den Schülern; was schon etwas merkwürdig ist. Sie ist eine Schwarze. Ihre Gäste sind fast nur Weiße. Sie ist mehr als doppelt so alt. Sie könnte locker ihre Mutter sein. Gleichzeitig schleicht sie sich in das Leben der Jugendlichen ein. Sie stalkt sie und die Eltern ihrer Kellergäste, die sie von früher kennt. Schließlich leben sie seit ihrer Kindheit in der gleichen Kleinstadt. Sie will, und hier ist die Story dann etwas unplausibel, sich rächen für Dinge, die ihr als Schülerin zugestoßen sind und im Film langsam enthüllt werden.
Mit seinem neuen Film probiert Regisseur Tate Taylor wieder ein neues Genre aus und wieder liefert er einen sehenswerten Film ab. Sein Spielfilmdebüt, die Komödie „Pretty Ugly People“ (2008), wurde bei uns anscheinend nie veröffentlicht. Sein zweiter Spielfilm, das Drama „The Help“ (2011) über Rassismus in den Südstaaten, wurde allgemein abgefeiert. Octavia Spencer erhielt einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Sowieso sind Spencer und Taylor seit über 25 Jahren miteinander befreundet. Sie lebten sogar sechs Jahre in der gleichen Wohnung. Als nächstes inszenierte Taylor das James-Brown-Biopic „Get on Up“ (2014) und die Paula-Hawkins-Verfilmung „The Girl on the Train“ (2016). Das ist, auch wenn man die Vorlage nicht kennt, ein typischer, sich vor allem an Frauen richtender Romantic-Thriller ohne große Überraschungen. In dem Film spielte Luke Evans mit, der jetzt auch in „Ma“ dabei ist. Und Allison Janney ist in „Ma“ als Sue Anns Chefin in einer kleinen Rolle dabei. Sie spielte auch in Taylors vorherigen Filmen mit.
„Ma“ ist ein fieser kleiner B-Horrorfilm, der vor allem Angst und Schrecken verbreiten will. Das gelingt ihm dank der straffen Regie und dem gut aufgelegten Cast gut. Und Octavia Spencer ist in ihrer ersten Hauptrolle eine wirklich furchterregende Gastgeberin und gequälte Seele, die einfach nur von allen geliebt werden will.
Ein Scharfschütze erschießt in Pittsburgh am helllichten Tag fünf Menschen. Als Täter wird der Ex-Soldat James Barr verhaftet, der nur fordert, dass Jack Reacher geholt wird. Und Reacher, ein Ex-Militärpolizist, der immer unter dem Radar bleibt, taucht kurz darauf in Pittsburgh auf. Allerdings nicht, um Barr zu helfen.
2016 hatte Tom Cruise in „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ (Jack Reacher: Never go back) seinen zweiten und bislang letzten Auftritt als Jack Reacher. mit Tom Cruise, Rosamund Pike, Richard Jenkins, David Oyelowo, Werner Herzog, Jai Courtney, Vladimir Sizov, Joseph Sikora , Michael Raymond-James, Alexia Fast, Josh Helman, Robert Duvall, Lee Child (Cameo als Polizist)
Vaiana – Das Paradies hat einen Haken (Moana, USA 2016)
Regie: Ron Clements, John Musker, Don Hall (Ko-Regie), Chris Williams (Ko-Regie)
Drehbuch: Jared Bush (nach einer Geschichte von Ron Clements, John Musker, Chris Williams, Don Hall, Pamela Ribon, Aaron Kandell und Jordan Kandell)
Weil die für die Bewohner einer Südpazifikinsel die lebensnotwendigen Fischschwärme ausbleiben und die Ernten verdorren, sticht die Häuptlingstochter Vaiana auf eigene Faust in See. Sie will das Rätsel lösen und das überleben ihres Volkes sichern.
Für Kinder ist der Disney-Film „Vaiana“ ein bunter Abenteuerfilm, der alles hat, was das Herz begehrt: eine taffe, optimistische Heldin, ein ihr helfenden Halbgott, Tiere, Abenteuer, flotte Sprüche und sieben Originalsongs, von denen zwei in verschiedenen Fassungen präsentiert werden.
Fünf Jahre nach den Ereignissen von „Godzilla“ wissen die Menschen, dass es, ähem, sehr sehr große Tiere gibt. Wie mit diesen Titanen umgegangen werden soll, ist allerdings noch etwas unklar. Letztendlich stehen sich Wissenschaftler und Militärs gegenüber. Erstere möchten die Tiere beobachten und sind an einem friedlichen Umgang, einer Koexistenz, mit ihnen interessiert. Letztere möchten, nach bewährter Soldatentradition, die Monster am liebsten atomisieren. Bis die Politik sich entschieden hat, was getan wird, werden die bis jetzt siebzehn bekannten Riesenmonster in ihren Verstecken von der kryptozoologischen Agentur Monarch beobachtet und erforscht. Selbstverständlich ohne sie aus ihrem schon seit Ewigkeiten andauerndem Tiefschlaf zu wecken.
Als eine von Alan Jonah (Charles Dance) geführte Gruppe Ökoterroristen die Monarch-Station in China überfällt, ist das fragile Gleichgewicht gestört. Er lässt das Monster frei und entführt die Wissenschaftlerin Dr. Emma Russell (Vera Farmiga), die gerade ein Gerät entwickelt hat, mit dem man das Verhalten der Tiere beeinflussen kann, und ihre Tochter Madison („Stranger Things“ Millie Bobby Brown in ihrem Spielfilmdebüt). Die Terroristen wollen alle bis jetzt bekannten Monster auf die Menschheit loslassen. Ihre erste Station ist die Monarch-Station in der Antarktis. Im Eis schläft der dreiköpfige King Ghidorah.
Währenddessen wird Emmas Mann Mark (Kyle Chandler) von dem wichtigen Monarch-Wissenschaftler Dr. Ishiro Serizawa (Ken Watanabe) in das aus Wissenschaftlern und Soldaten bestehende Team, das die Terroristen finden soll, aufgenommen. Mark kombiniert in Sherlock-Holmes-Manier (also für Normalsterbliche ohne Erklärung nicht nachvollziehbar und Zeit für Erklärungen gibt es in „Godzilla II: King of the Monsters“ nicht), dass die Entführer seiner Frau und Tochter zu der streng geheimen Monarch-Station in der Antarktis wollen.
Dort erlebt Mark seine erste große Überraschung und über einige Umwege und Atombombenzündungen geht es in die USA in seine Heimatstadt.
Während Gareth Edwards‘ „Godzilla“ noch eine ziemlich dröge Angelegenheit war, liefert Michael Dougherty in „Godzilla II: King of the Monsters“ fast pausenlose Action. Eine richtige Fortsetzung von „Godzilla“ ist sein Film nicht. Bis auf Ken Watanabe, Sally Hawkins (die ziemlich schwuppdiwupp zwischen zwei Bildern zertrampelt wird) und David Strathairn (ungefähr eine Szene als Admiral William Stenz) ist niemand vom ersten „Godzilla“-Film dabei. Die Organisation Monarch spielt in „Godzilla“, „Godzilla II“ und „Kong: Skull Island“ eine so austauschbare Rolle, dass sie mühelos durch einen beliebigen anderen Organisationsnamen ersetzt werden könnte.
Godzilla selbst ist auch gar nicht so oft im Bild. Dafür gibt es viele andere Monster. Vor allem das dreiköpfige Wesen King Ghidorah hat eine größere Rolle. King Ghidorah ist dann auch noch ein Alien und entsprechend schwer zu besiegen.
Im Mittelpunkt des Films stehen die epischen Monsterkloppereien, die man problemlos auch ohne die Kenntnis der anderen Filme nachvollziehen kann. Meistens tragen sie sich vor einem sehr dunklen Himmel zu. Viele Soldaten dürfen als Statisten ballern und sterben, während die Monster sich gerade als rücksichtslose, Hochhäuser im Dutzend zerstörende Abrissunternehmer betätigen, Weil das alles aus dem Computer kommt, fehlt auch Doughertys Monsterfilm der Charme der alten japanischen „Godzilla“-Filme, die früher in den Bahnhofslichtspielen und dem TV-Nachmittagsprogramm liefen. Damals wurde ein Mann in ein Affenkostüm gesteckt und er stampfte durch Spielzeuglandschaften. Das war ein kindischer Spaß, der immer wieder ernste Untertöne hatte.
So etwas wie eine tiefere Botschaft sucht man in „Godzilla II: King of the Monsters“ vergebens. Falls man beim lustigen Zünden von Atombomben und einer neuen Bombe, die alles Leben im Radius von zwei Meilen vernichtet, überhaupt jemals daran denkt. Denn das Drehbuch bemüht sich nur, die einzelnen, bevorzugt in Großstädten stattfindenden Zerstörungsorgien halbwegs schlüssig miteinander zu verbinden.
Die Schauspieler – ein durchaus beeindruckender Cast gestandener Mimen – hat wenig zu tun. Schauspielerischen Leistungen werden von keinem verlangt. Sie müssen nur präsent sein und mal grimmig, mal schockiert, selten überrascht, in die Kamera starren. Das gelingt ihnen. Was sie sehen, wurde später im Computer erschaffen.
Und so ist „Godzilla II: King of the Monsters“ die Big-Budget-Ausgabe eines alten Monsterheulers, ohne den kindlich-naiven Charme des alten Monsterheulers, aber mit viel besseren Tricks und vielen, riesigen, ziemlich echt aussehenden Tieren, die sich leinwandfüllend schlagen und dabei die Tonanlage des Kinos ausreizen.
Es gibt eine Post-Credit-Szene, die, nun, die Story bzw. Godzillas Gegner in dem nächsten „Godzilla“-Film andeutet. Inwiefern diese Szene, falls überhaupt, auch mit „Godzilla vs. Kong“ zusammenhängt, erfahren wir Mitte März 2020. Dann sollen Godzilla und King Kong im Kino aufeinandertreffen.
Godzilla II: King of the Monsters (Godzilla II: King of Monsters, USA 2019)
Regie: Michael Dougherty
Drehbuch: Michael Dougherty, Zach Shields (nach einer Geschichte von Max Borenstein, Michael Dougherty und Zach Shields)
mit Kyle Chandler, Vera Farmiga, Millie Bobby Brown, Ken Watanabe, Ziyi Zhang, Bradley Whitford, Sally Hawkins, Charles Dance, Thomas Middleditch, Aisha Hinds, O’Shea Jackson Jr., David Strathairn, CCH Pounder
Die drei Tage des Condor (Three Day of the Condor, USA 1975)
Regie: Sydney Pollack
Drehbuch: Lorenzo Semple jr., David Rayfield
LV: James Grady: Six days of the Condor, 1974 (Die 6 Tage des Condor)
Joe Turner ist ein Büromensch und Angestellter der CIA. Als er nach einem Einkauf in das Büro zurückkommt sind seine Kollegen tot und er wird gejagt. Von den eigenen Leuten, wie Turner schnell herausfindet. Turner kämpft um sein Leben.
Der spannende Thriller entstand unmittelbar nach der Watergate-Affäre und fing – wie einige andere fast zeitgleich entstandene Filme – die damalige Atmosphäre von Mißtrauen und Paranoia gut ein.
Das Drehbuch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit Robert Redford, Faye Dunaway, Cliff Robertson, Max von Sydow, John Houseman
Wiederholung: Freitag, 31. Mai, 04.05 Uhr (Taggenau!)
The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit (The Verdict, USA 1982)
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: David Mamet
LV: Barry Reed: The Verdict, 1980 (The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit…)
Der heruntergekommene Anwalt Frank Galvin will es noch einmal wissen. Für eine nach einem Narkosefehler im Koma liegende Frau nimmt er den Kampf gegen ein mächtiges Hospital auf.
Spannender Gerichtsthriller, lange vor John Grisham und realistischer.
David Mamets Drehbuch war für den WGA Award, den Golden Globe und den Oscar nominiert. Paul Newman, Sidney Lumet und James Mason und der Film (als Bester Film des Jahres) waren ebenfalls für Oscars nominiert, aber „Ghandi“ war einfach der bessere Oscar-Film.
Mit Paul Newman, Charlotte Rampling, Jack Warden, James Mason, Milo O’Shea, Lindsay Crouse, Roxanne Hart, Tobin Bell, Bruce Willis (beide als Teil des Publikums im Gericht)
Wiederholung: Mittwoch, 29. Mai, 02.40 Uhr (Taggenau!)
LV: Elmore Leonard: Three-Ten to Yuma, 1953 (Die Kurzgeschichte erschien zuerst in Dime Western, später in den Sammlungen „The Tonto Woman and other Western stories“ und „Complete Western stories“)
Der arme Rancher Dan Evans (Van Heflin) will den gesuchten Gangster Ben Wade (Glenn Ford) für eine Belohnung, die er dringend zum Überleben braucht, in Yuma abliefern. Aber Wades Bande will verhindern, dass Evans und sein Gefangener den Zug nach Yuma erreichen.
Ein viel zu selten; – naja, fast nie gezeigter Western-Klassiker, der 2007 von James Mangold mit Russell Crowe und Christian Bale durchaus gelungen, aber viel pompöser noch einmal verfilmt wurde. Delmer Daves braucht für sein packendes Moralstück letztendlich nur zwei Männer und ein Hotelzimmer.
„Delmer Daves‘ bester Film degradiert in seiner Analyse einer Held-Schurken-Partnerschaft und eines heroischen Einzelgangs Fred Zinnemanns ‚High Noon‘ zu einer Angelegenheit von geradezu lachhafter, welt- und westernfremder Simplizität.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
mit Glenn Ford, Van Heflin, Felicia Farr, Leora Dana, Henry Jones, Richard Jaeckel
In den letzten Tagen wurde schon in anderen EU-Staaten gewählt, Großbritannien hatte Probleme bei der Durchführung der Wahl (Bin auf die Klagen gespannt.), in Deutschland schließen die Wahllokale um 18.00 Uhr, in Italien um 23.00 Uhr. D. h. am Abend gibt es nur Hochrechnungen und die Ergebnisse der Bremen-Wahl.
Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.
Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen. Inzwischen ist er wieder bei „Rocky“ und „Rambo“ angekommen und drehte mit einer Action-All-Star-Besetzung „The Expendables“ (über Söldner, die tun, was Söldner tun).
Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich
Auf den ersten Blick ist der 24-jährige Jonathan ein ganz normaler junger Mann. Vielleicht etwas höflicher, ordentlicher und zurückgezogener, als man es von einem allein lebenden Mittzwanziger erwarten würde. Er arbeitet in einem Architekturbüro und sein Chef würde ihm gerne in das Team für ein großes Projekt aufnehmen. Dafür müsse Jonathan allerdings mehr im Büro arbeiten. Teilweise auch an den Abenden. Jonathan lehnt das Angebot für eine Vollzeitstelle, für das andere morden würden, mit einem Hinweis auf seine besonderen Verpflichtungen ab.
Und das mit dem ‚allein leben‘ stimmt so auch nicht. Denn in dem sauberen Apartment stehen zwei getrennte Betten. In dem einen schläft Jonathan. In dem anderen sein Zwillingsbruder John.
Die beiden Brüder sehen sich niemals. Sie kommunizieren über Video und SMS. Sie erzählen sich alles, damit der eine Bruder immer für den anderen einspringen kann.
Spätestens jetzt dürften Genrefans an Tommy Wirkolas „What happened to Monday?“ (What happened to Monday?, Großbritannien 2017) denken. In dem SF-Thriller spielt Noomi Rapace Monday und ihre sechs Geschwister sich ein Leben. Sie leben in einer überbevölkerten Welt, in der es eine strenge Ein-Kind-Geburtenkontrolle gibt. An jedem Tag verlässt eine Schwester das Haus. Eines Tages kehrt Monday nicht zurück.
In Bill Olivers Spielfilmdebüt „Jonathan“ steht der Protagonist vor einem anderen Problem. Denn Jonathan und John leben in dem gleichen Körper. Damit sich die beiden Brüder nicht ständig im Kopf ihres Wirts streiten, folgen sie auf Jonathans Drängen seit Ewigkeiten einem strengen Regelbuch. Von 7.00 bis 19.00 Uhr lebt Jonathan, von 19.00 bis 7.00 Uhr Jonas in dem von ihnen bewohntem Körper. Das läuft gut, bis Jonathan herausfindet, dass John ihm nicht alles verrät und er eine Freundin hat.
„Jonathan“ erzählt klinisch kühl die Geschichte einer extrem Persönlichkeitsspaltung, die zu einem Machtkampf zwischen den beiden Brüdern wird. Das ist eine Idee, die aus einer „The Twilight Zone“-Episode stammen könnte und wie eine überlange „The Twilight Zone“-Episode wirkt „Jonathan“ dann auch. Nachdem die Prämisse etabliert ist, verflacht die langsam erzählte, an wenigen Orten spielende Geschichte zunehmend. Als haben die Macher nicht gewusst, was sie mit ihrer Idee anfangen sollen.
Die Hauptrolle übernahm Ansel Elgort, der hier mit seinem subtilen Spiel überzeugt. Bekannt wurde er als Caleb Prior in den „Divergent“-Filmen und „Baby Driver“ (so auch der Filmtitel). Demnächst spielt er in Steven Spielbergs „West Side Story“ mit.
Jonathan(Jonathan, USA 2018)
Regie: Bill Oliver
Drehbuch: Gregory Davis, Peter Nickowitz, Bill Oliver
mit Ansel Elgort, Patricia Clarkson, Suki Waterhouse, Matt Bomer, Douglas Hodge
Stefan (Lars Eidinger), Julia (Nele Mueller-Stöfen) und Tobias (Hans Löw) sind Geschwister. Aber zusammen sind sie nur am Anfang und Ende von „All my loving“. Zwischen dem Prolog und dem Epilog verfolgt Edward Berger („Jack“) sie in drei getrennten, etwa gleich langen Episoden.
Stefan ist ein Pilot, der wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr Fliegen darf. Also benutzt er seine Pilotenuniform für One-Night-Stands. Jetzt hat er sich, für Julia und Tobias überraschend, bereit erklärt, für ein verlängertes Wochenende auf Julias Hund Rocco aufzupassen. Für seine Tochter Vicky, Ergebnis einer dreizehn Jahre zurückliegenden kurzen Affäre, ist er kein Vater, sondern höchstens ein alle Verantwortung ablehnender Freund. Trotzdem gerät er in Panik, als sie für eine Nacht verschwindet.
Julia ist mit ihrem Mann Christian für ein verlängertes Wochenende nach Turin geflogen. Die Hundenärrin will ihrer erlahmenden Beziehung neue Impulse geben. Aber zuerst findet sie auf der Straße einen verletzten kleinen Straßenhund, den sie sofort in ihr Herz schließt und gesund pflegen will. Christian toleriert ihre neue Obsession mit engelsgleicher Geduld.
Zur gleichen Zeit besucht Tobias ihre Eltern. Er ist ein sanfter Langzeitstudent, der mit seiner Diplomarbeit nicht weiterkommt, während seine Frau Geld verdient. Er übernimmt die Hausarbeit und die Erziehung ihrer Kinder.
Weil seine beiden Geschwister beschäftigt sind, soll er die Eltern besuchen und ihren herrischen Vater überreden, einen Arzt wegen seiner Gesundheit zu konsultieren. Als er das elterliche Haus betritt, bemerkt er, dass der schlechte Gesundheitszustand seines Vaters nicht das größte Problem seiner Eltern ist.
„All my loving“ erzählt in drei Kurzfilmen aus dem Leben von sehr bürgerlichen Vierzigjährigen. Sie sind Geschwister. Aber sonst verbindet sie wenig. Ihre Lebensmodelle sind grundverschieden. Regisseur Edward Berger und seine Frau und Co-Autorin Nele Mueller-Stöfen haben die Familien nach dem Prinzip der größten Distanz entworfen. Damit leben Stefan, Julia und Tobias in so unterschiedlichen Welten, dass sie sich letztendlich nichts zu sagen haben und auch ihr Leben nichts miteinander zu tun hat. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch Bergers Entscheidung, hintereinander aus dem Leben der Geschwister zu erzählen.
Diese haben bei all den Unterschieden in ihrem Alltag und ihren heterosexuellen Beziehungen (was dann immerhin eine Gemeinsamkeit ist), einen gemeinsamen Charakterzug. Alle sind introvertiert und verschlossen. Sie und ihre Partner reden nicht über ihre eigenen und ihre gemeinsamen Probleme. Als Zuschauer muss man sich dann langsam zusammenreimen, was sie nicht sagen. Ein wirkliches Interesse an den Personen, ihren Problemen, Pseudoproblemen, Lebenslügen und Antworten darauf entsteht so allerdings nicht.
Bergers Erzählweise betont diese Sprachlosigkeit weiter. In den einzelnen Kurzfilmen passiert kaum etwas. Es sind betont undramatische Einblicke in das Leben der Protagonisten. Es ist ein Ausschnitt von einigen Tagen. Eine Entwicklung gibt es nicht und vor eine wirklich existenzielle Entscheidung wird keiner von ihnen gestellt.
So entsteht diese typisch deutsche Mischung, die Langsamkeit und Schweigsamkeit für Bedeutungsschwere und Inhalt hält. Diese Ereignislosigkeit hat leicht eine seditative Wirkung.
All my loving (Deutschland 2019)
Regie: Edward Berger
Drehbuch: Edward Berger, Nele Mueller-Stöfen
mit Lars Eidinger, Nele Mueller-Stofen, Hans Löw, Christine Schorn, Manfred Zapatka, Matilda Berger, Valerie Pachner, Zsá Zsá Inci Bürkle, Valerie Koch