TV-Tipp für den 7. März: Das Mädchen Wadjda

März 7, 2019

NDR, 23.30

Das Mädchen Wadjda (Wadjda, Saudi-Arabien/Deutschland 2012)

Regie: Haifaa Al-Mansour

Drehbuch: Haifaa Al-Mansour

Das in Riad lebende Mädchen Wadjda will einen Nachbarjungen zum Radrennen herausfordern. Aber sie hat kein Fahrrad und in Saudi-Arabien dürfen Frauen noch nicht einmal ein Fahrrad besteigen.

Eine Frau inszenierte den ersten Spielfilm aus Saudi-Arabien und dieser war gleich ein weltweiter mit viel Kritikerlob und Preisen bedachter Erfolg.

Der unterhaltsame und durchaus auch spannende Film fesselt zugleich als kritisches Gesellschaftsporträt, das dafür plädiert, mit erstarrten misogynen Traditionen zu brechen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Waad Mohammed, Reem Abdullah, Abdullrahman Al Gohani, Ahd, Sultan Al Assaf

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Mädchen Wadjda“

Wikipedia über „Das Mädchen Wadjda“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Haifaa Al-Mansours „Mary Shelley“ (Mary Shelley, Großbritannien/Irland/Luxemburg 2017)


Buch- und DVD-Kritik: Die China-Miéville-Verfilmung „The City & The City“

März 6, 2019

Die Idee ist gleichzeitig faszinierend und idiotisch und innerhalb des Romans und der Verfilmung als vierteilige TV-BBC-Miniserie funktioniert sie ausgezeichnet. Denn die Städte Beszel und Ul Qoma sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Sie sind miteinander verfeindet. Die Bewohner der einen Stadt dürfen die Bewohner der anderen Stadt nicht sehen. Ihr ganzes Leben üben und praktizieren sie dieses Nicht-Sehen. Selbstverständlich dürfen sie auch keine Beziehungen zu einem Bewohner der anderen Stadt haben und sie dürfen die andere Stadt auch nicht betreten (Okay, hier gibt es einige wenige Ausnahmen).

Und dann gibt es noch eine alte Legende, dass neben Beszel und Ul Qoma noch eine dritte Stadt, genannt Orciny, auf dem gleichen Gebiet läge, aber die Bewohner von Beszel und Ul Ooma die Bewohner von Orciny nicht sähen.

In dem Moment fragte ich mich nicht mehr, wie es den Bewohner von Beszel und Ul Qoma gelingt, nicht ständig ineinander zu laufen und Autounfälle zu verursachen, sondern wie überbevölkert die Stadt sein muss, wenn gleichzeitig die Bewohner von drei Städten sich nicht wahrnehmen dürfen.

Aber man kann Beszel und Ul Qoma auch einfach als interpretationsoffene Metapher sehen. Schließlich übersehen und ignorieren wir täglich Menschen und Dinge.

Außerdem ist „Die Stadt & Die Stadt“ ein von China Miéville geschriebener Science-Fiction-Roman. Dass er sein Gedankenexperiment in der Gegenwart spielen lässt und die beiden Städte mehr oder weniger unpräzise nach Osteuropa verlegt (im Roman schreibt er nie, wo die Städte genau liegen, aber durch die verschiedenen Wege, wie man die Städte besuchen kann, ist das ungefähr die Lage der Städte), ändert daran nichts.

Die in schönster Hardboiled-Tradition von Kommissar Tyador Borlú (David Morrissey) erzählte Geschichte beginnt mit einer toten Frau, deren Name und Wohnort zunächst unbekannt sind. Seine Ermittlungen ergeben, dass sie Mahalia Geary heißt und in Ul Qoma als Doktorandin an einer historischen Forschungsstätte arbeitete. Die vierundzwanzigjährige, amerikanische Doktorandin glaubte an die Theorie, dass es noch die dritte Stadt Orciny gebe. Und sie versuchte sie zu beweisen. Diese Theorie verfocht Professor David Bowden in seinem im Roman weniger, im Film mehr verbotenem Buch „Zwischen der Stadt und der Stadt“. Inzwischen distanziert er sich von seinem Buch.

Aufgrund der strengen Regeln, die das Leben zwischen Beszel und Ul Qoma regeln, hätte Geary niemals, weder tot noch lebendig, in Beszel sein dürfen. Es ist ein Grenzbruch, der damit in die Zuständigkeit von Ahndung fällt. Ahndung ist eine mächtige, niemals von den Bewohnern von Beszel und Ul Qoma gesehene Polizeieinheit, die sich in und zwischen den beiden Städten bewegen darf. Ihre Aufgabe ist es Menschen, die ohne Erlaubnis die Grenze ignorieren, zu verhaften und zu bestrafen.

Aber Ahndung will den Fall nicht übernehmen. Stattdessen erhält Borlú die Erlaubnis, in Ul Qoma zu ermitteln.

Spätestens in dem Moment wissen gestandene Krimifans, dass Borlú nicht in einem einfachen Mordfall ermittelt.

Miévilles SF-Krimi räumte nach seinem Erscheinen 2009 bei den wichtigen Science-Fiction-Preisen groß ab. Er wurde mit dem Arthur C. Clarke Award, dem Hugo Award als Bester Roman, dem Locus Award als Best Fantasy Novel, dem World Fantasy Award, dem BSFA Award (der British Science Fiction Association), dem Kitschies Red Tentacle und dem deutschen Kurd-Laßwitz-Preis als bester ausländischer SF-Roman ausgezeichnet. Außerdem war er für den Nebula Award und den John W. Campbell Memorial Award nominiert.

Tom Shankland, der für „Dirk Gently“, „Ripper Street“, „The Missing“, „House of Cards“, „The Punisher“ und, aktuell, die Miniserie „Les Misérables“ Regie führte, verfilmte Miévilles Roman jetzt als vierstündige Miniserie.

Drehbuchautor Tony Grisoni schrieb bereits die Bücher für die „Red Riding“-Trilogie (basierend auf den unverfilmbaren Romanen von David Peace) und, zusammen mit Terry Gilliam, „Fear and Loathing in Las Vegas“, „Tideland“ und „The Man Who Killed Don Quixote“.

Kameramann Stephan Pehrsson hatte die Aufgabe, Miévilles Vision in Bilder zu übersetzen, die eben dieses Nicht-Sehen illustrieren. Das gelingt ihm, indem er mit der Schärfe spielt. Außerdem unterscheiden sich in beiden Orten die Farben, Architektur und Kleider. Immer wieder in einem Bild. Optisch orientiert sich die Miniserie an „Blade Runner“ und Bildern, die man aus ebenso beklemmenden Kalter-Kriegs-Filmen kennt. Die aus allen Nähten platzende Filmstadt sieht wie eine nicht genau spezifizierbare osteuropäisch-asiatische Metropole aus, in der zu viele Menschen in einem zu engem Raum miteinander auskommen müssen. Eine Außenwelt gibt es, im Gegensatz zum Roman, nicht mehr. Dass die Miniserie in Manchester und Liverpool gedreht, will man angesichts dieser Bilder nicht glauben.

Zugunsten dieser rundum überzeugenden Inszenierung wurde die Story, die gegenüber dem Roman durchaus eigene Wege beschreitet, vernachlässigt. So verfolgt man, emotional involviert wie ein Insektenforscher, die Ermittlungen und die persönliche Reise von Borlú, der auf dem Papier genug Probleme und Konflikte für mindestens zwei Serien hat. Dabei unterscheiden sich im Roman und im Film Borlús Probleme.

Am Ende ist die Miniserie „The City & The City“ ist optisch überzeugendes, emotional nie wirklich packendes SF-TV-Kino.

P. S.: in „Das Science Fiction Jahr 2010“ (herausgegeben von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke) gibt es ein von Uwe Kramm mit China Miéville geführtes Interview zu seinem Roman „Die Stadt & Die Stadt“. Wer das Buch in die Finger bekommt, sollte das Interview lesen.

The City & The City (The City & The City, Großbritannien 2018)

Regie: Tom Shankland

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: China Miéville: The City & The City, 2009 (Die Stadt & Die Stadt)

mit David Morrissey, Mandeep Dhillon, Maria Schrader, Lara Pulver, Christian Camargo, Ron Cook, Danny Webb, Morfyod Clark, Andrea Deck, Paprika Steen, Corey Johnson

DVD

Pandastorm

Bild: 2,66:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch/Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: –

Länge: 240 Minuten (4 Folgen à 60 Minuten) (2 DVD)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

China Miéville: Die Stadt & Die Stadt

(übersetzt von Eva Bauche-Eppers)

Bastei-Lübbe, 2010

432 Seiten

7,99 Euro (E-Book)

Taschenbuch nur noch antiquarisch erhältlich.

Originalausgabe

The City & The City

Macmillan, 2009

Hinweise

BBC über „The City & The City“

Moviepilot über „The City & The City“

Rotten Tomatoes über „The City & The City“

Wikipedia über „The City & The City“ (deutsch, englisch) und China Miéville (deutsch, englisch)

Blog von China Miéville

Meine Besprechung von Tom Shanklands „The Fades“ (The Fades, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Tom Shanklands „Ripper Street – Staffel 1“ (Ripper Street, Großbritannien 2012)


TV-Tipp für den 6. März: Suffragette – Taten statt Worte

März 6, 2019

3sat, 20.15

Suffragette – Taten statt Worte (Suffragette, Großbritannien 2015)

Regie: Sarah Gavron

Drehbuch: Abi Morgan

Was für eine bescheuerte Idee: Frauen sollen das Wahlrecht erhalten. Vor über hundert Jahren sahen das einige Frauenrechtlerinnen in England anders und sie gingen auf die Straße, um gegen die Männer für gleiche Rechte zu kämpfen.

Suffragette – Taten statt Worte“ erzählt diese Geschichte überzeugend als kämpferisches Politdrama. Im Mittelpunkt steht eine Wäscherin, die 1912 in London die Suffragetten kennenlernte.

Anschließend zeigt 3sat eine Doku zum Frauenwahlrecht.

Mit Cary Mulligan, Helena Bonham Carter, Brendan Gleeson, Anne-Marie Duff, Ben Whishaw, Meryl Streep

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Suffragette“

Wikipedia über „Suffragette“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 5. März: Gottes missbrauchte Dienerinnen

März 5, 2019

Arte, 20.15

Gottes missbrauchte Dienerinnen (Frankreich 2017)

Regie: Eric Quintin, Marie-Pierre Raimbault

Drehbuch: Eric Quintin, Marie-Pierre Raimbault

Spielfilmlange Doku, für die Macher zwei Jahre recherchierten und Interviews mit Opfern, ihren Oberinnen, Priestern und Mitarbeitern von Papst Franziskus führten. Es geht um den Missbrauch von Ordensfrauen durch Priester und Würdenträger bis in den Vatikan.

Hinweis

Arte über die Doku


TV-Tipp für den 4. März: Gilda/Die Lady von Shanghai

März 4, 2019

Sehr Noir: Zwei Filme mit Rita Hayworth, die Männer ganz…

Arte, 20.15

Gilda (Gilda, USA 1946)

Regie: Charles Vidor

Drehbuch: Marion Parsonnet, Jo Eisinger (Adaption), Ben Hecht (ungenannt) (nach einer Geschichte von E. A. Ellington)

In Buenos Aires trifft der glücklose Spieler Farrell auf seine frühere Geliebte Gilda und das Unheil nimmt seinen Lauf.

„Gilda“ zählt inzwischen zu den Noir-Klassikern. Nicht wegen der mittelprächtigen Story, sondern wegen Rita Hayworth. Sie zieht ihre Handschuhe aus und wir wissen, was wahre, auch heute noch knisternde, Erotik ist.

Mit Rita Hayworth, Glenn Ford, George Macready

Wiederholung: Sonntag, 10. März, 9.35 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Gilda“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Gilda“

Noir of the Week über “Gilda“

Dobermann-Pedigrees über „Gilda“ (Fanseite; vor allem Bilder)

Arte, 22.00

Die Lady von Shanghai (The Lady from Shanghai, USA 1948)

Regie: Orson Welles

Drehbuch: Orson Welles

LV: Sherwood King: If I die before I wake, 1938

Michael O’Hara heuert als Matrose und Mädchen für alles auf der Jacht der Bannisters an. Schnell erliebt er sich in Elsa Bannister und wird von ihr in ein Mordkomplott hineingezogen.

Heute zählt „Die Lady von Shanghai“ zu den zeitlosen und unumstrittenen Noir-Klassikern. Die grandiose, immer wieder zitierte Schlusssequenz im Spiegelkabinett gehört zu den Glanzstücken der Filmgeschichte: die Kontrahenten stehen sich gegenüber, ihr Bild wird in unzähligen Spiegeln gespiegelt und erst als bei der Schießerei die Spiegel zerschossen werden, können wir langsam erkennen, wer ein Mensch und was sein Abbild ist.

Aber während der Produktion sah es ganz anders aus: Orson Welles machte aus einem einfachen Krimi ein verschachteltes Vexierspiel, schrieb ständig Szenen um, das Studio mischte sich ein, es gab Probleme mit dem Geld und Insekten betrachteten die Filmcrew als Jagdrevier. Und, als sei das alles nicht genug, machte Welles aus dem Sexsymbol und Columbia-Star Hayworth eine kalte und berechnende Mörderin. Alle Zeichen waren für einen Flop gesetzt und das Studio schloss den Film, nachdem auch mit Umschneiden nichts mehr zu retten war, erst einmal in seinen Giftschrank.

Mit Orson Welles, Rita Hayworth, Everett Sloane

Wiederholung: Dienstag, 5. März, 13.55 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Die Lady von Shanghai“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Die Lady von Shanghai”

Noir of the Week über „Die Lady von Shanghai“

Meine Besprechung von Orson Welles’ “Im Zeichen des Bösen” (Touch of Evil, USA 1958)


TV-Tipp für den 3. März: Ghostbusters

März 3, 2019

RTL, 20.15

Ghostbusters (Ghostbuster, USA 2016)

Regie: Paul Feig

Drehbuch: Paul Feig, Katie Dippold

TV-Premiere einer Komödie, die schon lange vor der Premiere die Fanboys auf die Palme brachte. Denn dieses Mal werden die „Ghostbusters“, die in New York Geister jagen, von Frauen gespielt.

Zum Kinostart schrieb ich: „„Ghostbusters“ ist eine launige Sommerkomödie mit vier Frauen, die ihren Mann stehen, und einem Mann, der als Blondinenwitz hundertfünfzigprozentig überzeugt, einer ordentlichen Portion Retro-Feeling und einem Humor, der einen lächelnd und wohlgestimmt aus dem Kinosaal entlässt.“

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Melissa McCarthy, Kristen Wiig, Kate McKinnon, Leslie Jones, Chris Hemsworth, Charles Dance, Michael Kenneth Williams, Matt Walsh, Ed Begley Jr., Andy Garcia, Bill Murray, Dan Aykroyd, Ernie Hudson, Annie Potts, Ozzy Osbourne, Sigourney Weaver

Wiederholung: Montag, 4. März, 00.20 Uhr

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ghostbusters“

Metacritic über „Ghostbusters“

Rotten Tomatoes über „Ghostbusters“

Wikipedia über „Ghostbusters“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Ghostbusters“ (Ghostbuster, USA 2016)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Nur ein kleiner Gefallen“ (A simple Favor, USA 2018)


TV-Tipp für den 2. März: Good Kill – Tod aus der Luft

März 1, 2019

ZDFneo, 23.45

Good Kill – Tod aus der Luft (Good Kill, USA 2015)

Regie: Andrew Niccol

Drehbuch: Andrew Niccol

Ruhiges, äußerst intensives Drama über die Gewissenskonflikte von einem Ex-Kampfpiloten (Ethan Hawke), der jetzt Drohnenpilot ist und, wie viele Kollegen, seelische Probleme mit dem Töten per Drohne und seinem normalen Leben, nach Feierabend, in Las Vegas (das hätte Hollywood sich nicht besser ausdenken können: die echten Basen sind in der Nähe des Spielerparadieses) hat.

Das Drehbuch ist straff und facettenreich (auch wenn das Militär etwas nachdenklicher, selbtreflexiver und vernünftiger rüberkommt, als es wohl in der Realität der Fall ist), die Schauspieler überzeugend, und Andrew Niccol („Gattaca“, „Lord of War“, beide ebenfalls mit Hawke) zeigt nach dem Totalausfall „Seelen“, dass er nichts verlernt hat. Für einen Kinostart hat es trotzdem nicht gereicht und der Film (es ist der erste Spielfilm über den Drohnenkrieg) ist aufklärerisch im besten Sinne. Unbedingt sehenswert!

Mit Ethan Hawke, Zoë Kravitz, January Jones, Bruce Greenwood, Jake Abel, Dylan Kenin

Hinweise
Moviepilot über „Good Kill“
Metacritic über „Good Kill“
Rotten Tomatoes über „Good Kill“
Wikipedia über „Good Kill“
Meine Besprechung von Andrew Niccols „Seelen“ (The Host, USA 2013)
Andrew Niccol in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Wie komme ich aus dem „Escape Room“?

März 1, 2019

Sechs Menschen nehmen eine Einladung für ein Spiel an. Sie kennen sich nicht und sie wären sich wahrscheinlich niemals begegnet. Aber jetzt sind sie in einem Escape Room und, wie es die Spielregeln vorschreiben, müssen sie in diesem und vielleicht noch einigen weiteren Räumen nach Zeichen und Gegenständen suchen, die ihnen eine Flucht aus dem Raum ermöglichen. Es ist ein Spiel, das weltweit gespielt wird. Normalerweise ohne einen tödlichen Ausgang.

Aber in diesem Fall hat der unbekannte Spielmeister tödlichen Fallen gestellt. Das Ziel seines Spiels scheint es zu sein, alle Teilnehmenden zu töten und sie dabei mit ihren schlimmsten Erlebnisse zu konfrontieren.

Das führt dazu, dass die Teilnehmenden durch verschiedene, teils sehr prächtige und ungewöhnliche Räume stolpern müssen, ehe sie sterben. Jeder dieser Räume hat für einen der Teilnehmer eine besondere Bedeutung. Manchmal überlebt er seinen Raum, aber in dem nächsten Raum sind weitere tödliche Fallen. Zu den optisch ungewöhnlichsten Räumen dieses Spiels gehört sicher eine auf dem Kopf stehende Bar. Andere Räume sind eine Hütte an einem vereisten See, ein Krankenhaus und eine Bibliothek.

Mit der Bibliothek beginnt Adam Robitels Horrorfilm „Escape Room“. Ein Spielteilnehmer versucht aus ihr zu entkommen und er entziffert atemberaubend schnell die kryptischen Hinweise. Bevor er von den sich auf ihn zu bewegenden Wänden der Bibliothek zerquetscht wird, springt der Film zurück in die Vergangenheit. In dem Moment kennen wir allerdings schon einen (oder den?) letzten Überlebenden des Spiel.

In der Rückblende geht es dann darum, wie die sechs Spielteilnehmer sich von Raum zu Raum bewegen, manchmal den Fallen entkommen, manchmal sterben. Das erinnert an Vincenzo Natalis „Cube“ (Kanada 1997). In dem stilprägenden Horrorthriller erwachten sechs Personen, ebenfalls vier Männer und zwei Frauen, in einem Raum, aus dem sie versuchten zu entkommen. Nur um in den nächsten Raum zu gelangen. Während „Cube“ durchgängig als Metapher funktioniert, versucht „Escape Room“ es am Ende mit einer scheinbar realistischen, aber vollkommen idiotischen Erklärung, die die Hintergründe des Spiels erklärt und auf eine Fortsetzung spekuliert.

Diese ist auch schon für April 2020 angekündigt. Adam Robitel soll wieder Regie führen und Bragi Schut wieder das Drehbuch schreiben. Ob sie dann einfach die Geschichte von „Escape Room“ in anderen Räumen mit anderen Todeskandidaten wiederholen oder eine vollkommen neue Geschichte erzählen, ist noch unklar. Die Gefängnisausbruchsserie „Prison Break“ könnte da ein Vorbild sein. Während in der ersten Staffel erzählt wird, wie die Jungs aus dem Gefängnis ausbrechen, erzählt die zweite Staffel, wie sie durch die USA von der Polizei gejagt werden.

Das spannende B-Picture „Escape Room“ erzählt, abgesehen von den Räumen, durch die die sympathischen Schauspieler hetzen, nichts, was man nicht schon in unzähligen Filmen gesehen hat, in denen eine nur scheinbar zufällig zusammengewürfelte Gruppe Menschen, mehr oder weniger freiwillig, in einem Raum eingesperrt ist, aus ihm entkommen will und sie der Reihe nach getötet werden. Dieser oberflächliche Thrill funktioniert auch hier.

Escape Room (Escape Room, USA 2019)

Regie: Adam Robitel

Drehbuch: Bragi Schut, Maria Melnik (nach einer Geschichte von Bragi Schut)

mit Taylor Russell, Logan Miller, Deborah Ann Woll, Jay Ellis, Tyler Labine, Nik Dodani

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Escape Room“

Metacritic über „Escape Room“

Rotten Tomatoes über „Escape Room“

Wikipedia über „Escape Room“ 


Neu im Kino/Filmkritik: Noch ein Remake: „Einer nach dem anderen“ heißt jetzt „Hard Powder“

März 1, 2019

Auch im Remake funktioniert die Geschichte: Kyle wird ermordet. Die Polizei geht von einer Überdosis aus. Nels Coxman, der Vater des Toten, Fahrer des örtlichen Schneepflugs und seit kurzem „Bürger des Jahres“, glaubt nicht daran. Sein Sohn habe keine Drogen genommen. Kurz darauf sagt ihm Kyles bester Freund, dass sie in den lokalen Drogenschmuggel involviert waren und auf dem Flughafen einige Kilo Drogen für sich abgezweigt hatten. Sie hatten angenommen, dass der Diebstahl dem örtlichen Mafiaboss nicht auffällt.

Coxman, der sich in dem Moment gerade umbringen wollte, hat jetzt eine Mission. Er wird die Männer, die für Tod seines Sohnes verantwortlich sind, töten. Einen nach dem anderen.

Und das ist auch der Titel, unter dem Hans Peter Molands Film „Kraftidioten“ 2014 in unseren Kinos lief. Stellan Skarsgard spielte den Vater, der bei seinem gnadenlos lakonischen Rachefeldzug einen Gangsterkrieg auslöst. Für das Remake hat Liam Neeson die Hauptrolle übernommen. Aus Nils Dickman wurde Nels Coxman. Dieser Namenswechsel verrät ungefähr den Grad der Unterschiede zwischen Original und Remake.

Hans Peter Moland übernahm wieder die Regie. Etliche seiner damaligen Crewmitglieder, wie Kameramann Philip Øgaard, sind wieder dabei. Das alte Drehbuch von Kim Fupz Aakeson wurde von Frank Baldwin fast unverändert übernommen. Die Geschichte spielt nicht mehr in Südnorwegen, sondern in dem friedlichen Skiresort Kehoe, Colorado. Weitere Änderungen müssen mit der Lupe gesucht werden.

Wie das Original ist das Remake ein schwarzhumoriger, sarkastischer, lakonisch erzählter Gewaltexzess. Alles ist jetzt etwas polierter und, gefühlt, gibt es mehr Leichen. So wird das ikonische Bild von der zur Großstadt führenden Straße öfter und damit leitmotivischer eingesetzt. Es werden wieder viele Leichen im Fluss entsorgt und die Namen der gerade gewaltsam Verstorbenen werden als Texttafel mit weißer Schrift vor einem schwarzen Hintergrund gezeigt. Es ist ein kurzes Innehalten vor dem nächsten Mord. Nach der letzten Schlacht ist die Leinwand dann wegen der vielen dabei verstorbenen Verbrecher mit Namen gefüllt. Der Humor und das Erzähltempo sind, bei allen Erinnerungen an „Fargo“, immer noch sehr untypisch für einen US-Film.

Eine große Änderung fällt einem beim Ansehen kaum auf: im Original verursachte Nils Dickman unbeabsichtigt einen Krieg zwischen norwegischen und serbischen Verbrecherbanden, die das Drogengeschäft untereinander aufgeteilt haben. Im Remake wird der Part der Serben von US-amerikanischen Ureinwohnern übernommen. Das führt zu einigen Spitzen über den respektlosen Umgang mit der indigenen Bevölkerung und ihrem Erbe. Die Geschichte, die gegenseitigen Vorurteile, das Misstrauen und die Dynamik des Gangsterkrieges verändern sich dadurch nicht.

Dieser auf mehreren Ebenen, wie in einem alten Stan-Laurel-und-Oliver Hardy-Sketch, eskalierende Krieg zwischen Coxman und den Verbrechern und den Verbrechern untereinander ist natürlich ein großer Spaß für die Freunde des schwarzen Humors.

Allerdings hat man genau diesen Film schon einmal gesehen. Nicht unbedingt besser, aber in keinem Fall schlechter.

Hard Powder (Cold Pursuit, Großbritannien 2019)

Regie: Hans Petter Moland

Drehbuch: Frank Baldwin (nach dem Drehbuch „Kraftidioten“ von Kim Fupz Aakeson)

mit Liam Neeson, Tom Bateman, Tom Jackson, Emmy Rossum, Laura Dern, John Doman, Domenick Lombardozzi, Julia Jones, Gus Halper, Micheál Richardson

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Hard Powder“

Metacritic über „Hard Powder“

Rotten Tomatoes über „Hard Powder“

Wikipedia über „Hard Powder“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Hans Petter Mollands Jussi Adler-Olsen-Verfilmung „Erlösung“ (Flaskepost fra P, Dänemark/Deutschland/Schweden/Norwegen 2016)


TV-Tipp für den 1. März: Die Unbestechlichen

März 1, 2019

3sat, 22.25

Die Unbestechlichen – The Untouchables (The Untouchables, USA 1987)

Regie: Brian De Palma

Drehbuch: David Mamet

Grandioser Gangsterfilm über den Kampf von Eliot Ness und seiner unbestechlichen Mitstreiter gegen Al Capone.

„Mit der ihm eigenen formalen Brillanz hat Brian De Palma diesen authentischen Fall inszeniert. Seine Liebe zum Detail, ausgeklügelte Kamerafahrten und Einstellungen, Ennio Morricones emotionaler Soundtrack und die lakonisch-präzise Charakterisierung der Personen machen den Film zu einem Augen- und Ohrenschmaus.“ (Fischer Film Almanach 1988)

Sean Connery gewann den Oscar als bester Nebendarsteller.

Mit Kevin Costner, Robert de Niro, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Jack Kehoe

Hinweise

Rotten Tomatoes über „ Die Unbestechlichen“

Wikipedia über „Die Unbestechlichen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Godzilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Godzilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Black History Tage: Die Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“

Februar 28, 2019

Für einen ganzen Monat reicht es nicht, aber mit der James-Baldwin-Verfilmung „Beale Street“ und der ebenfalls sehenswerten Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“ und dem lesenswerten Sachbuch „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge habe ich aktuell drei Werke, in denen es um das Leben von Schwarzen geht. Vielleicht passt auch noch Attica Lockes Edgar-prämierter Krimi „Bluebird, Bluebird“ in diese kleine Reihe.

Beginnen wir mit der heute im Kino anlaufenden Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“. Im Mittelpunkt steht die sechzehnjährige Starr Carter. Sie geht auf eine vierzig Minuten von ihrer Wohnung entfernten Privatschule. Ihre Eltern wollen, dass sie für ihre späteres Leben alle Chancen hat. Die meisten ihrer Klassenkameraden sind weiß. Auch ihr Freund ist ein Weißer.

In Garden Heights, wo sie mit ihren Eltern und Geschwistern wohnt, leben dagegen fast nur Schwarze. Weiße trauen sich kaum in das Ghetto. Starrs Vater, früher ein Gangster, heute der Betreiber eines kleinen Ladens, sieht ihren Wohnort als ein politisches Statement. Er will nicht zu den Afroamerikanern gehören, die Garden Heights verlassen. Er will durch sein tägliches Handeln seinen Beitrag leisten, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

Als Starr in ihrem Viertel eine Party besucht, gibt es Ärger. Zusammen mit Khalil, einem Freund aus Kindertagen, den sie lange nicht mehr gesehen hat, haut sie ab. Kurz darauf werden sie ohne einen ersichtlichen Grund von der Polizei angehalten. Als Khalil sich während der Kontrolle in sein Auto beugt, wird er von einem Polizisten erschossen.

Und Starr steht vor der Frage, was sie tun soll.

Denn die Polizei beginnt schnell, den Schusswaffengebrauch des Polizisten als gerechtfertigt und das Opfer als einen Drogenhändler hinzustellen.

Die schwarze Gemeinschaft ist empört über den weiteren Mord an einem ihrer Mitglieder. Sie fordern Gerechtigkeit. Sie protestieren und sie hoffen, dass die Zeugin des Vorfalls redet.

Starrs Geschichte wurde zuerst von Angie Thomas in ihrem Romandebüt „The Hate U Give“ erzählt. Sehr detailreich aus Starrs Perspektive, die ein ganz normaler Teenager mit ganz normalen Teenagerproblemen ist, gerne Harry Potter liest und „Der Prinz von Bel Air“ sieht. Bis auf ihre Hautfarbe und damit der Möglichkeit, jederzeit von einem Polizisten erschossen zu werden. Deshalb erzählte ihr Vater ihr auch, als sie zwölf Jahre alt war, was sie tun soll, wenn sie von einem Polizisten angehalten wird: „Du machst alles, was sie sagen. Halt deine Hände so, dass man sie sieht. Mach keine plötzlichen Bewegungen. Red nur, wenn du was gefragt wirst.“

Diese allen Afroamerikanern vertrauten Ratschläge helfen im Alltag nicht immer. Die zahlreichen tödlichen Schüsse auf Schwarze sprechen da eine deutliche Sprache. Sie werden überproportional oft von Polizisten erschossen. Die Polizisten und Sicherheitsbeamten, die die Schüsse abfeuerten, werden normalerweise nicht oder mit einer geringen Haftstrafen bestraft. 2013 gründete sich „Black Lives Matter“ dagegen.

Der konkrete Anlass für Angie Thomas, „The Hate U Give“ zu schreiben, waren die tödlichen Schüsse auf den unbewaffneten und in dem Moment wehrlosen Oscar Grant in Oakland, Kalifornien, am 1. Januar 2009 durch einen BART-Polizisten. Der landes- und auch weltweit Aufsehen erregende Fall inspirierte „Black Panther“-Regisseur Ryan Coogler zu seinem Spielfilmdebüt „Nächster Halt: Fruitvale Station“.

In ihrem Roman und der Verfilmung präsentieren die verschiedenen Personen die verschiedenen Aspekte des Themas Polizeigewalt und wie auf sie reagiert wird. Individuell und auch strukturell. In „The Hate U Give“ wird das Verhalten des Polizisten nicht auf einen individuellen Fehler reduziert, sondern es werden auch die strukturellen Probleme angesprochen, die dazu führen, das Schwarze eher als Weiße von Polizisten angehalten, inhaftiert, geschlagen und auch erschossen werden (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge und auch nicht immer alles). Einiges gerät dabei im Buch und im Film ziemlich didaktisch und einiges wirkt in seiner Verdichtung übertrieben. So war Starrs Vater vor einer längeren Haftstrafe ein wichtiges Gangmitglied. In der Haft schwor er dem Verbrecherleben ab und er beschloss für seine Tochter, ein richtiger Vater zu sein. Der heutige Drogenkönig des Viertels ist sein damaliger Kumpel und Khalil, der am Anfang einer Verbrecherkarriere steht, verdient sich seine ersten Sporen als Gangster.

Starrs Onkel, der sie während ihrer ersten Lebensjahre erzog (als ihr Vater im Gefängnis saß), ist Polizist. Starrs Klassenkameradinnen verkörpern verschiedene Positionen der Weißen gegenüber dem Rassismus und rassistischer Gewalt.

Bürgerrechtsanwälte und die Medien sind selbstverständlich auch involviert, während die Community sich zuerst zum Gottesdienst und dann zum Protest auf der Straße versammelt.

In diesem Geflecht unterschiedlicher Positionen, Haltungen und Ansprüche muss Starr ihre Stimme finden.

Thomas‘ Roman erzählt diesen Gewissenskonflikt sehr anschaulich für eine junge Leserschaft. Der Roman stand auf dem ersten Platz der „New York Times“-Bestsellerliste, erhielt in den USA mehrere Preise, und in Deutschland war es für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert und erhielt den Preis der Jugendjury.

Die gelungene Verfilmung bleibt in jeder Beziehung nah am Roman.

Regisseur George Tillman Jr. produzierte die „Barbershop“-Filme und inszenierte Filme wie „Faster“ und „Kein Ort ohne dich“, die gekonnt die Genreregeln bedienen. Auch „The Hate U Give“ ist ein konventionell inszenierter Film, der gut gespielt und flüssig erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte erzählt. Er gibt, wie der Roman, einen tiefen Einblick in das Leben des afroamerikanischen Mittelstandes und die verschiedenen Aspekte des Themas. Zubereitet für ein jugendliches Publikum.

Für Erwachsene, die ihre Spike-Lee-Schule hinter sich haben und noch über „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ nachdenken, ist dann alles etwas zu einfach und zu glatt innerhalb der bekannten Hollywood-Erzählkonventionen. Aber sie gehören nicht zur Zielgruppe des Films. Und auch sie müssen die ehrlichen und ehrenwerten Absichten des Films anerkennen, der neben dem individuellen auch den institutionellen Rassismus anspricht und das, ohne blind zu predigen, in einer packenden Geschichte erzählt, die das Publikum zum Nachdenken auffordert.

Und Starr, überzeugend gespielt von Amandla Stenberg, ist eine tolle Heldin. Sie ist keine der aus zahllosen Dystopien bekannten Young-Adult-Heldinnen, die am Ende doch nur, ganz klassisch-konservativ, einen Mann und Kinder wollen. Dagegen hat Starr zwar auch nichts, aber zuerst muss sie Khalils Tod verarbeiten und herausfinden, wer sie ist.

The Hate U Give (The Hate U Give, USA 2018)

Regie: George Tillman Jr.

Drehbuch: Audrey Wells

LV: Angie Thomas: The Hate U Give, 2017 (The Hate U Give)

mit Amandla Stenberg, Regina Hall, Russell Hornsby, Anthony Mackie, Issa Rae, Common, Algee Smith, Sabrina Carpenter, K.J. Apa, Lamar Johnson, TJ Wright, Megan Lawless

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (Lesetipp für junge Leseratten, vom Verlag empfohlen ab 14 Jahre)

Angie Thomas: The Hate U Give

(übersetzt von Henriette Zeltner)

cbj, 2017

512 Seiten

18 Euro (Gebundene Ausgabe)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Originalausgabe

The Hate U Give

Balzer + Bray/Harper Collins, 2017

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Hate U Give“

Metacritic über „The Hate U Give“

Rotten Tomatoes über „The Hate U Give“

Wikipedia über „The Hate U Give“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Tillman Jr. Nicholas Sparks-Verfilmung „Kein Ort ohne dich“ (The longest ride, USA 2015)

Homepage von Angie Thomas

Perlentaucher über „The Hate U Give“

Chrismon: Interview mit Angie Thomas über ihren Roman, Polizeigewalt und Donald Trump (November 2017)

Zwei kleine Making-ofs

TIFF-Pressekonferenz zum Film (ab Minute 8 und sehr leise)

Ein Q&A mit George Tillman Jr. und Amandla Sternberg über den Film

Gespräch mit Angie Thomas über ihren Roman (März 2017)


TV-Tipp für den 28. Februar: The Raid

Februar 27, 2019

Tele 5, 23.55 (Mitternachtskino)
The Raid (The Raid, Indonesien/USA 2011)
Regie: Gareth Evans
Drehbuch: Gareth Evans
Jakarta: in einem Hochhaus soll eine Polizeieinheit einen Drogenboss verhaften. Schnell entbrennt ein spielfilmlanger Kampf auf Leben und Tod.
Ein grandioses Actionfeuerwerk mit einer minimalen, keine Wünsche offen lassenden Geschichte.
Mehr in meiner Filmbesprechung.
mit Iko Uwais, Ray Sahetapy, Joe Taslim, Donny Alamshya, Yayan Ruhian, Pierre Gruno

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Raid“

Metacritic über „The Raid“

Rotten Tomatoes über „The Raid“

Wikipedia über „The Raid“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gareth Evans’ „The Raid“ (The Raid, Indonesien/USA 2011)

Meine Besprechung von Gareth Evans‘ „The Raid 2“ (The Raid 2, Indonesien/USA 2014)


DVD-Kritik: „State of Play – Mord auf Seite Eins“, schmutzige Wäsche auf Seite Drei und Politik danach

Februar 27, 2019

Es gibt viele gute Gründe, sich die schon etwas ältere BBC-Miniserie „State of Play – Mord auf Seite Eins“ anzusehen. Da ist einmal der gewonnene Edgar als beste TV-Miniserie/Film. Da ist die Besetzung. John Simm, David Morrissey, Kelly Macdonald, Bill Nighy und James McAvoy spielen Hauptrollen. Einige standen damals am Anfang ihrer Karriere, die sie zu „The Walking Dead“ und „X-Men“ führte. Und dann könnte da noch der Wunsch sein, dass man einfach eine gute Serie sehen möchte.

Es beginnt mit zwei Ereignissen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. In einem Westend-Hinterhof wird ein 15-jähriger Drogendealer erschossen. Ein zufällig anwesender Zeuge wird angeschossen. Zur gleichen Zeit verunglückt eine junge Frau in der Londoner U-Bahn. Sie war eine Mitarbeiterin des jungen, aufstrebenden Labour-Abgeordneten Stephen Collins (David Morrissey). Er ist Vorsitzender der Energiekommission.

Als „Herald“-Starreporter Cal McCaffrey (John Simm) über den Tod des jungen Drogendealers recherchiert, entdeckt er eine Verbindung zu Collins‘ toter Mitarbeiterin und er vermutet, dass ihr Tod kein Unglück war und dass sie bei ihrer Arbeit etwas sehr Brisantes entdeckte.

Weil er Collins von früher kennt – er war sein Wahlkampfmanager für die Unterhauswahlen -, gestalten sich die Recherchen zwischen professioneller Distanz und Freundschaft schwierig.

Bewundernswert schnell entwickelt sich in der sechsteiligen BBC-Miniserie die Geschichte, die entsprechend schnell ein verwickelter Knäuel unterschiedlicher Interessen und Loyalitäten aus Politik, Presse, Wirtschaft und Privatem wird.

Das Drehbuch für „State of Play – Mord auf Seite Eins“ ist von Paul Abbott. Er schrieb mehrere Drehbücher für die legendäre Krimiserie „Cracker“ (Für alle Fälle Fitz) und war der kreative Kopf hinter Serien wie „Hit & Miss“ und, zuletzt, „Shameless“ und „No Offence“.

Regie führte David Yates, der damals nur ein TV-Regisseur war. Seitdem drehte er vier Harry-Potter-Filme und er soll alle „Fantastic Beasts“/“Phantastische Tierwesen“-Filme inszenieren. Schon in „State of Play“ führte er, noch ohne Spezialeffekte, ein großes Ensemble über mehrere Stunden souverän durch eine spannende, aus mehreren Handlungssträngen bestehende Geschichte.

In England war die spannende Serie ein Hit. Es gab zahlreiche Preise und Nominierungen. Neben dem schon erwähnten Edgar erhielt „State of Play“ drei BAFTA-Awards (Bill Nighy als bester Hauptdarsteller, Mark Day für den Schnitt und Simon Okin, Stuart Hilliker, Jamie McPhee und Pat Boxshall für den Ton) und war für weitere BAFTAs nominiert, u. a. David Morrissey ebenfalls als bester Hauptdarsteller und die gesamte Serie als beste dramatische Serie. Außerdem erhielt sie erhielt einen Peabody Award und mehrere Preise der Royal Television Society. Um nur einige zu nennen.

Paul Abbott sollte eine Fortsetzung schreiben. Er versuchte es. Später sagte er, es werde keine Fortsetzung geben, weil er nicht wisse, welche neue Geschichte er mit diesen Charakteren erzählen solle. Ein besseres Lob kann man wohl kaum einer Serie machen.

2009 gab es ein von Kevin Macdonald inszeniertes, starbesetztes und gutes Remake. Jedenfalls solange man die vielschichtige, über gut sechs Stunden fesselnde Vorlage nicht kennt.

In Deutschland zeigte Arte die sechsteilige, in sich abgeschlossene (das muss man heute bei den vielen offenen Serienenden ja sagen) Mini-Serie 2008. Seitdem wurde sie, wenn ich mich nicht irre, nicht wiederholt.

Polyband veröffentlicht „State of Play – Mord auf Seite Eins“ jetzt wieder auf DVD. Wieder ohne Bonusmaterial.

State of Play – Mord auf Seite Eins (State of Play, Großbritannien 2003)

Regie: David Yates

Drehbuch: Paul Abbott

mit John Simm, David Morrissey, Kelly Macdonald, Bill Nighy, James McAvoy, Polly Walker, Philip Glenister, Marc Warren, James Laurenson, Benedict Wong

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 300 Minuten (6 x 50 Minuten) (2 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „State of Play“

BFI Screen Online über „State of Play“

Wikipedia über „State of Play“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Yates‘ „Legend of Tarzan“ (The Legend of Tarzan, USA 2016)


TV-Tipp für den 27. Februar: Moon 44

Februar 26, 2019

Durch das „Stargate“ (um 20.15 Uhr) zu

Nitro, 22.30

Moon 44 (Deutschland 1990)

Regie: Roland Emmerich

Drehbuch: Dean Heyde (nach einer Geschichte von Dean Heyde, Roland Emmerich, Oliver Eberle und P. J. Mitchell)

2038: auf dem Mond 44 verschwinden immer wieder Transportroboter mit wertvollen Rohstoffen. Stone will undecover herausfinden, was auf dem Gefängnisplaneten mit Hardcore-Arbeitsprogramm abgeht.

Science-Fiction-Thriller mit beeindruckenden Spezialeffekten und einer bestenfalls sekundären Geschichte.

„Paré dümpelt vor sich hin, während sich der Plot in unbeholfenen Schlaufen auflöst. Trotz angemessener Spezialeffekte und effektiv klaustrophobischer Ausstattung ist der Film im Endeffekt ein dumpf dröhnender Langeweiler.“ (Phil Hardy: Die Science-Fiction Filmenzyklopädie). Dort wird das Werk auch „’Top Gun’ im Orbit“ genannt.

Emmerichs nächster Film war, in Hollywood, „Universal Soldier“ und der Rest ist Blockbuster-Geschichte.

mit Michael Paré, Lisa Eichhorn, Malcolm McDowell, Brian Thompson, Stephen Geoffreys, Dean Devlin, Jochen Nickel

Wiederholung: Donnerstag, 28. Februar, 23.55 Uhr

Hinweise

Filmportal über “Moon 44”

Rotten Tomatoes über „Moon 44“

Wikipedia über „Moon 44“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Roland Emmerichs „White House Down“ (White House Down, USA 2013)

Meine Besprechung von Roland Emmerichs „Stonewall“ (Stonewall, USA 2015)

Meine Besprechung von Roland Emmerichs „Independence Day: Wiederkehr (Independence Day: Resurgence, USA 2016)


TV-Tipp für den 26. Februar: James Bond: Goldfinger

Februar 26, 2019

Nitro, 20.15

JAMES BOND: Goldfinger (Goldfinger, Großbritannien 1964)

Regie: Guy Hamilton

Drehbuch: Richard Maibaum, Paul Dehn

LV: Ian Fleming: Goldfinger, 1959

Goldfinger (Gert Fröbe) will Fort Knox ausräumen. James Bond (Sean Connery) hat etwas dagegen.

Mit „Goldfinger“ hatte sich James Bond endgültig im Kino etabliert und der Presserummel bei „Feuerball“ und „Man lebt nur zweimal“ war gigantisch. Ebenso die Zahl der mehr oder weniger missglückten Kopien in Buch und Film. Da scheint der heutige Rummel um „Harry Potter“/“Herr der Ringe“/“Krieg der Sterne“/“Matrix“/“X-Men“/“Marvel“ ein Klacks zu sein.

Mit Sean Connery, Gert Fröbe, Honor Blackman, Shirley Eaton, Harold Sakata, Bernard Lee, Lois Maxwell

Die Vorlage

Ian Fleming: Goldfinger

(neu übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)

Cross Cult, 2013

400 Seiten

12,80 Euro

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Goldfinger“

Wikipedia über „Goldfinger“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 25. Februar: Hoffnung und Ruhm (aka Hope and Glory)

Februar 25, 2019

Arte zeigt „Hope and Glory“ als „Hoffnung und Ruhm“

Arte, 20.15

Hope and Glory (Hope and Glory, Großbritannien 1987)

Regie: John Boorman

Drehbuch: John Boorman

Buch zum Film: Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory, 1987

Als Bill neun Jahre alt ist, beginnt der zweite Weltkrieg. Während für seinen Vater an der Front und die Mutter in einer Londoner Vorstadt die nächsten Jahre ein ständiger Überlebenskampf sind, erlebt Bill diese Zeit anders.

John Boormans Rückblick auf die Kriegsjahre und auch seine Jugend ist eine mit typisch britischem Humor erzählte herzerwärmende Geschichte einer Kindheit. In Deutschland floppte der Film, obwohl er in England und den USA breit abgefeiert wurde und auch deutsche Kritiker die Qualität von „Hope and Glory“ erkannten: „Für uns gehört ‚Hope and Glory’ zu den erfreulichsten Erlebnissen und schönsten Filmen des Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1988)

„Hope and Glory ist so etwas wie Boormans Antwort auf das monumentale Filmwerk Heimat von Edgar Reitz, das ihm, wie er betont, viel gegeben hat.“ (Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory)

Boormans Film war unter anderem in den Kategorien bestes Drehbuch, beste Regie und bester Film für den BAFTA, Oscar und Golden Globe nominiert. Den Golden Globe für den besten Film erhielt er. Außerdem erhielt „Hope and Glory“ in diesen Kategorien den Los Angeles Film Critics Association Award. Und die Writers Guild of America nominierte das Drehbuch.

Mit Sebastian Rice-Edwards, Geraldine Muir, Sarah Miles, David Hayman, Sammi Davis, Ian Bannen

Wiederholung: Mittwoch, 6. März, 14.00 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Hope and Glory“

Wikipedia über „Hope and Glory“ (deutsch, englisch)

Drehbuch “Hope and Glory” von John Boorman (Vierte Fassung, 1986)

 


TV-Tipp für den 24. Februar: Step across the Border

Februar 23, 2019

ARDalpha, 21.55

Step across the Border (Schweiz/Deutschland 1989)

Regie: Nicolas Humbert, Werner Penzel

Drehbuch: Nicolas Humbert, Werner Penzel

Doku über den britischen Avantgarde-Gitarristen Fred Firth. Seine bekanntesten Gruppen sind immer noch die bahnbrechenden Bands „Henry Cow“ und „Skeleton Crew“. Er spielte in den vergangenen Jahrzehnten mit „Attwenger“ und ungefähr jedem Avantgarde-Musiker und, auch wenn er in vollen Hallen spielte, niemals für die Massen.

Die Macher nennen ihren Film eine „Zelluloid-Impression“. Der Fischer Film Almanach urteilt in seiner 1991er Ausgabe: „Um selber ein eigenständiges Filmexperiment zu werden, ist ‚Step across the Border‘ nicht frei genug, um ein Porträt zu sein, zu willkürlich.“

Sehenswert und „wertvoll“ (FBW-Prädikat) ist das selten gezeigte Werk trotzdem.

mit Fred Frith, Joey Baron, Ciro Baptista, Iva Bitová, Tom Cora, Robert Frank, John Zorn, Arto Lindsay, Bob Ostertag, René Lussier

Hinweise

Filmportal über „Step across the Border“

Rotten Tomatoes über „Step across the Border“

Wikipedia über „Step across the Border“ und Fred Frith (deutsch, englisch)

Homepage von Fred Firth

Allmusic über Fred Firth

Das ist anscheinend Musik vom DVD-Bonusmaterial

Fred Frith live im Gasthaus zur Post in Ottensheim (Österreich) am 18. Februar 2018


TV-Tipp für den 23. Februar: Komm, komm Grundeinkommen

Februar 22, 2019

Phoenix, 21.45

Komm Komm Grundeinkommen! (Deutschland/Österreich 2017)

Regie: Christian Tod

Drehbuch: Christian Tod

Christian Tods informative und zum Nachdenken anregende spielfilmlange Doku für das Bedingungslose Grundeinkommen lief als „Free Lunch Society“ im Kino.

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Free Lunch Society“

Wikipedia über das Bedingungslose Grundeinkommen


Neu im Kino/Filmkritik: Dick Cheney, „Vice – Der zweite Mann“ spielt im Hintergrund die erste Geige

Februar 22, 2019

Den ersten Lacher gibt es schon in den ersten Filmsekunden, wenn nacheinander drei Sätze auf der Leinwand zu sehen sind:

The following is a true story.

Or as true as it can be given that Dick Cheney is one of the most secretive leaders in history.

But we did our fucking best.

Danach geht es in das Jahr 1963 auf eine Landstraße in Wyoming. Dick Cheney, damals noch ein junger Student, fährt stockbesoffen Auto. Ab da springt Adam McKay munter, aber weitgehend chronologisch, durch das Leben von Dick Cheney, der unter George W. Bush von 2001 bis 2009 Vizepräsident war.

Adam McKay erzählt Cheneys Geschichte, wie seinen Film „The Big Short“ über die Finanz- und Bankenkrise, flott, pointiert, mit unzähligen Brechungen, unter Einsatz aller filmischen Mittel und sehr süffig. Obwohl McKay einen mit Informationen bombardiert, verliert man nie den Überblick. Christian Bale ist als Dick Cheney unter der Maske nicht mehr zu erkennen. Die anderen Schauspieler – Steve Carell als Donald Rumsfeld, Sam Rockwell als George W. Bush, Tyler Perry als Colin Powell, Eddie Marsan als Paul Wolfowitz, LisaGay Hamilton als Condoleezza Rice – sind dagegen irritierend gut erkennbar. Sie ähneln kaum den Menschen, die sie spielen.

Auch bei den historisch verbürgen Fakten, Dynamiken und Ursache-Wirkungsketten nimmt McKay sich etliche Freiheiten. Im Gegensatz zu „The Big Short“ vereinfacht er in „Vice – Der zweite Mann“ vieles so sehr, dass Zeitzeugen, Historiker und Politik-Journalisten über die vielen Ungenauigkeiten, Auslassungen und Fiktionen verzweifeln. „Vice – Der zweite Mann“ ist halt vor allem eine Anklage gegen Dick Cheney und ein guter Ankläger ignoriert oder spielt die störenden Fakten in seinem Plädoyer herunter. Außerdem ist es ein Spiel- und kein Dokumentarfilm.

Im Mittelpunkt des Films stehen Cheneys Jahre als Vizepräsident, in denen er die Weltgeschichte entscheidend verändern konnte. Er ist dabei der große Planer im Hintergrund. Das Mastermind, das alles einfädelt und ermöglicht. Es sind die Jahre mit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, dem danach folgenden uferlosen Krieg gegen den Terror, dem Irakkrieg und der Ausweitung der Macht des Präsidenten. Das geschieht mit Hilfe der umstrittenen und auch zweifelhaften Unitary Executive Theorie, nach der es keine Machtbeschränkung für den US-Präsidenten und damit auch seinen Stellvertreter gibt. Er kann machen, was er will und er kann dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Cheney findet die Theorie grandios und er wird Vizepräsident, um sie in seinem Sinn anzuwenden.

Es sind Jahre, in denen einige Männer, die ihr Leben lang zwischen Politik und Wirtschaft pendelten, jetzt die Ernte einfahren wollen. Es ist eine Clique von amoralischen konservativen und ultrakonservativen Selbstbedienern, die sich den Staat zur Beute machen. Rückblickend und mit der Trump-Entourage im Weißen Haus, erscheinen sie als gemäßigte Geister, die die Saat für den jetzigen Zustand der US-Demokratie legten.

Mckay inszeniert einen oft irritierend plakativer Ritt durch einige Jahrzehnte US-Geschichte, der mehr nach dem nächsten besten Gag als nach einem wirklichen Blick hinter die Kulissen schielt. So lässt McKay die Jahre, in denen Cheney sich von einem trinkfreudigen Studenten (vulgo Säufer) zu einem Abstinenzler wandelt, links liegen. Er ist nach einer Standpauke seiner Frau Lynne (Amy Adams) schwuppdiwupp in Washington, D. C., und weil ihm bei der Begrüßung der neuen Praktikanten in der Hauptstadt die respektlos-lockere Rede von Donald Rumsfeld (Steve Carell) gefällt, wird er 1969 dessen Mitarbeiter. Zu welcher Partei er gehört und welche politischen Ansicht er hat, ist Cheney egal. Rumsfeld ist witzig und das reicht Cheney. Und so geht es weiter. Rumsfeld hat schon einige Projekte, Cheney hat dann auch ein, zwei Projekte, die er und Rumsfeld obsessiv über Jahrzehnte verfolgen: die Gründung des konservativen Privatsenders FOX News, den Zugang amerikanischer Firmen, vor allem von Cheneys Arbeitgeber Halliburton (von 1995 bis 2000), zu den Ölquellen im Irak und der juristischen Idee, dass ein US-Präsident (bzw. sein Stellvertreter) unumschränkte Macht hat. Diese will Cheney als Vizepräsident ausüben. Präsident George W. Bush wird hier zu einem leicht manipulierbaren, meinungslosen Trottel, der kaum in der Lage ist, ein Schnapsglas richtig zu halten.

Stilistisch kopiert McKay dabei seinen sehr aufklärerischen und sehr gelungenen „The Big Short“. Aber während man beim ersten Sehen von „The Big Short“ kaum alles erfassen konnte, hat man bei „Vice“ keine Probleme, die vielen Informationen zu verarbeiten. In dem Informationstsunami ist alles immer ziemlich eindeutig. Damit ist die Polit-Satire inhaltlich und auch von der Personenzeichnung deutlich näher bei McKays beiden „Anchorman“-Filmen und seiner „Saturday Night Live“-Zeit. Die gezeigten Politiker sind keine Charaktere, sondern Typen, die einfach nur Macht wollen. Wozu und welche Überzeugungen sie haben, ist da noch nicht einmal sekundär. Falls sie überhaupt Überzeugungen haben, die über ihr Bankkonto hinausreichen.

Vice – Der zweite Mann“ ist eine Satire über eine Haufen moralbefreiter Intriganten, die von willigen Deppen umgeben sind und die gängige Vorurteile über die Politik bedient.

Vice – Der zweite Mann (Vice, USA 2018)

Regie: Adam McKay

Drehbuch: Adam McKay

mit Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Tyle Perry, Eddie Marsan, Jesse Plemons, LisaGay Hamilton, Alison Pill, Lily Rabe, Alfred Molina

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Vice“

Metacritic über „Vice“

Rotten Tomatoes über „Vice“

Wikipedia über „Vice“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood fällt ein ziemlich eindeutiges Urteil

Meine Besprechung von Adam McKays „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ (Anchorman 2: The Legend continues, USA 2013)

Meine Besprechung von Adam McKays „The Big Short“ (The Big Short, USA 2015)


TV-Tipp für den 22. Februar: Valdez

Februar 22, 2019

Bayern, 23.30

Valdez (Valdez is coming, USA 1971)

Regie: Edwin Sherin

Drehbuch: Roland Kibbee, David Rayfiel

LV: Elmore Leonard: Valdez is coming, 1970

Rancher Tanner beschuldigt einen Mann, seinen Freund Erin ermordet zu haben. Hilfssheriff Valdez erschießt den Verdächtigen. Aber er war unschuldig. Valdez will jetzt von Tanner Geld für die Beerdigung und die Witwe des Toten. Dieser lehnt ab. Valdez nimmt den Kampf auf. Schließlich war er nicht immer ein trotteliger Hilfssheriff.

Melancholischer Spätwestern mit Burt Lancaster, Susan Clark, Richard Jordan

Von Elmore Leonards Homepage (Achtung! Das Ende wird verraten.): „Valdez is Coming is Elmore’s favorite western. It shows examples of the style that he would further develop in his contemporary crime novels. Burt Lancaster as Bob Valdez is the underestimated man, a constant theme in Elmore Leonard’s work. He is forced to confront the local ruthless land baron who nearly has him killed. He retaliates and lets his nemesis know that “Valdez is coming.” Before beginning The Moonshine War, Elmore wanted to write Valdez for the screen. Unfortunately Burt Lancaster was not available for a couple of years and the project was delayed. Edwin Sherin, the director of Valdez is Coming was a Broadway director and this was his first film which he shot in Spain. The biggest surprise of Valdez was that there was no shootout at the end, just as Elmore had written in the book. Nobody in Hollywood could believe it.”

Auch bekannt als „Valdez kommt“

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Valdez“

TCM über „Valdez“

Wikipedia über „Valdez“ (deutsch, englisch)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Buchhinweis, druckfrisch

Heute sagt man wohl: ein Buch über den Erfinder von „Justified“. Vor zwanzig Jahren hätte man gesagt: ein Buch über den Autor von „Schnappt Shorty“, „Jackie Brown“ und „Out of Sight“. Vor dreißig, vierzig Jahren war Elmore Leonard dagegen vor allem ein unter Krimifans angesehener Krimiautor.

Frank Göhre und Alf Mayer haben jetzt ein Buch über ihn geschrieben. Es ist, so die Herren Göhre und Mayer im Vorwort, „ein Mix aus Interviewäußerungen, Textpassagen, Nacherzählungen, Schlaglichtern, Bekenntnissen, Anekdoten, dazu Songs und Stimmen von außen, all das seinem Werk entlang aufgefächert, arrangiert wie eine große und vergnügliche Jamsession. Ein Leseabenteuer. Ein Lebensroman. Die Elmore-Leonard-Story.“

Frank Göhre/Alf Mayer King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story

Culturbooks, 2019

240 Seiten

15 Euro