TV-Tipp für den 7. September: Zoomania

September 6, 2019

Sat.1, 20.15

Zoomania (Zootopia, USA 2016)

Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)

Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)

Als Jung-Polizistin und Karnickel Judy Hopps mit dem verbrecherischen Fuchs Nick Wilde (Hey, er ist ein Fuchs!) den spurlos verschwundenen Mr. Otterton sucht, entdecken sie ein riesiges, Zoomania bedrohendes Komplott.

Äußerst gelungener Disney-Film mit sympathischer Botschaft und unzähligen Anspielungen, die jüngere Zuschauer übersehen werden. Aber die sollten um diese Uhrzeit auch im Bett sein.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit vielen Tieren und vielen Sprechern

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Zoomania“
Metacritic über „Zoomania“
Rotten Tomatoes über „Zoomania“
Wikipedia über „Zoomania“ (englisch)

Meine Besprechung von Byron Howard/Rich Moore/Jared Bushs „Zoomania“ (Zootopia, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Ist „Hot Air“ mehr als heiße Luft?

September 6, 2019

Lionel Macomb (Steve Coogan) ist ein erfolgreicher Radiomoderator, der in seiner täglichen Sendung konservative und reaktionäre Ansichten verbreitet, gegen Politiker und Ausländer hetzt und die Nation weiter spaltet. Auch in seinem Privatleben versucht er ein möglichst großes Arschloch zu sein, das für nichts und niemand Verantwortung übernimmt.

Eines Tages steht eine junge Frau in seiner Wohnung. Sie ist seine sechzehnjährige Nichte Tess (Taylor Russell), die er nicht kennt und die sich, wegen einer familiären Notsituation, bei ihm einquartiert. Außerdem ist sie eine Afroamerikanerin, die kurz vor der Aufnahme in eine Elite-Universität steht.

Am liebsten würde Macomb Tess sofort rauswerfen. Aber Tess ist gewitzt, Macombs Vertraute Valerie Gannon (Neve ‚Scream‘ Campbell) hilft ihr und man muss wirklich kein Genie sein, um zu wissen, wie „Hot Air“ endet.

Der Weg dorthin ist zwar nicht sonderlich überraschend, aber Frank Coraci, der Regisseur mehrerer Adam-Sandler-Filme, erzählt die Geschichte flott und die Schauspieler sind sympathisch engagiert dabei. Vor allem Steve Coogan, der zuletzt Stan Laurel in „Stan & Ollie“ war, darf als blasierter Zyniker und Menschenhasser nach Herzenslust jeden, den er trifft, kunstvoll und wortgewaltig beleidigen. Er ist einer der Menschen, die man in einem Film mühelos, aus tiefstem Herzen hassen kann. Die zahlreichen Szenen von Macombs Radiosendungen erinnern an Oliver Stones grandioses, fast unbekanntes und analytisch schärferes Drama „Talk Radio“ (1988). In dem Einpersonenstück spielte Eric Bogosian einen Radiomoderator, der seine Zuhörer provoziert.

Taylor Russell (TV-Serie „Lost in Space“) ist ein sympathischer Wildfang und in jeder Beziehung das Gegenteil von Macomb. Die Filmgeschichte kann als „Annie“ im Talkradio-Milieu und ohne Songs beschrieben werden.

Hot Air (Hot Air, USA 2018)

Regie: Frank Coraci

Drehbuch: Will Reichel

mit Steve Coogan, Neve Campbell, Taylor Russell, Skylar Astin, Judith Light, Tina Benko

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Hot Air“

Metacritic über „Hot Air“

Rotten Tomatoes über „Hot Air“

Wikipedia über „Hot Air“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. September: Toni Erdmann

September 6, 2019

One, 21.00

Toni Erdmann (Deutschland/Österreich/Rumänien 2016)

Regie: Maren Ade

Drehbuch: Maren Ade

Winfried, ein Alt-68er, will die sich auf dem Tiefpunkt befindende Beziehung zu seiner Tochter verbessern. Diese berät in Bukarest eine Firma bei geplanten Massenentlassungen. Er besucht sie und, als sie die väterliche Nervensäge loswerden will, wird er zu Toni Erdmann, der schlechten Parodie eines Unternehmensberaters.

Feelbad-Movie mit unzähligen Fremdschäm-Momenten, das zu einem Kassenhit wurde. „Toni Erdmann“ ist kein Film, den man unbedingt zweimal sehen will, aber unbedingt einmal sehen sollte.

Über ein Hollywood-Remake wird immer noch gesprochen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Witterborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Toni Erdmann“

Moviepilot über „Toni Erdmann“

Rotten Tomatoes über „Toni Erdmann“

Wikipedia über „Toni Erdmann“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Maren Ades „Toni Erdmann“ (Deutschland/Österreich/Rumänien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Es Kapitel 2“ wird aufgeschlagen

September 6, 2019

Am Ende von „Es“ versprachen sich die sieben Jugendlichen feierlich, wenn das Grauen in 27 Jahren wieder auftaucht, zurückzukehren und es endgültig zu besiegen.

Kurz davor hatten sie den Horrorclown Pennywise getötet. Er war in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Jahre aus der Kanalisation in die Kleinstadt Derry zurückgekehrt und holte sich einige Kinder der Stadt. Die Erwachsenen verdrängten die verschwundenen Kinder aus ihrem Bewusstsein. Nur die Teenager Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Beverly Marsh (Sophia Lillis), Richie Tozier (Finn Wolfhard), Stanley Uris (Wyatt Oleff), Mike Hanlon (Chosen Jacobs) und Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), die sich „Club der Verlierer“ nennen, sahen und bekämpften ihn.

Stephen King erzählte in seinem Roman „Es“ (It, 1986), der in der aktuellen deutschen Ausgabe 1536 Seiten umfasst, diese Geschichte. Der Roman spielt 1957/58 und 1984/85.

Andy Muschietti verfilmte in „Es“ einen Teil des Romans. Nämlich den Teil, der im Roman 1957/58 spielt. Er verlegte die Geschichte ins Jahr 1989 und erzählt die Geschichte einer Gruppe Jugendlicher, die gegen ein Monster kämpft und es besiegt. Der Film, eine Coming-of-Age-Geschichte und die Horrorversion von „Stand by me“, war überaus gelungen und erfolgreich an der Kinokasse.

In „Es – Kapitel 2“ erzählen er und Drehbuchautor Gary Dauberman (der auch einer der Autoren von „Es“ ist), mit einigen eher kurzen Rückblenden, den zweiten Teil des Romans.

27 Jahre nach den Ereignissen von „Es“ kehrt Pennywise zurück. Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), der als Bibliothekar in Derry blieb, telefoniert den über die USA verstreuten Club der Verlierer – Bill Denbrough (James McAvoy), Beverly Marsh (Jessica Chastain), Richie Tozier (Bill Hader), Ben Hanscom (Jay Ryan), Eddie Kaspbrak (James Ransome) und Stanley Uris (Andy Bean) – zusammen. Sie sind jetzt in verschiedenen Berufen erfolgreich, aber keiner von ihnen hat Kinder und als sie den Anruf erhalten, hat jeder von ihnen eine Panikattacke. Auch wenn sie die damaligen Ereignisse verdrängt haben und seit Ewigkeiten nicht mehr in ihrer Heimatstadt waren, wissen sie in ihrem Unterbewusstsein, dass damals schreckliche Dinge geschahen. Bei Stanley führt die Panikattacke zum Suizid.

Trotz ihrer Angst vor dem damals erlebten und verdrängten Grauen kehren die verbliebenen Mitglieder des Clubs der Verlierer nach Derry zurück. Zuerst nur zu einem gemeinsamen Abendessen, bei dem sie Erinnerungen austauschen. Das Essen endet mit schrecklichen Visionen. Hanlon kann sie trotzdem überzeugen, ihr damals gehaltenes Versprechen zu halten. Sie nehmen wieder den Kampf gegen den mörderischen Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auf.

In dem gut dreistündigem Film gibt es die erwartbaren Schockmomente für den Horrorfan. Aber sie sind eher kurz und mehr Pflicht als Kür. Im Mittelpunkt steht nämlich das Psychogramm von einigen Menschen, die alle einen psychischen Knacks haben und ständig mit ihren größten Ängsten konfrontiert werden. Nach dem gemeinsamen Abendessen trennen sich ihre Wege. Denn sie können Pennywise nur besiegen, wenn sie ihre Ängste kennen lernen. Dieser Mittelteil, in dem sie mit ihren Ängsten und Traumata konfrontiert werden, ist die Ouvertüre für das Finale, in dem sie weiter mit ihren Ängsten konfrontiert werden und gleichzeitig versuchen Pennywise zu besiegen. Die sechs Jugendfreunde sind in einem konstanten, sich steigerndem Schockzustand. Jede Minute des Films zeigt sie nicht als strahlende Sieger, die ein Monster besiegten und ein Dorf retteten, sondern als gebrochene und zutiefst traumatisierte Menschen. Pennywise hat sie damals nicht getötet, aber seelisch gebrochen.

Wenn sie dann im Finale von „Es Kapitel 2“ Pennywise besiegen, verlassen sie nicht als stolze Gewinner das bereits aus „Es“ in Teilen bekannte unterirdische Schlachtfeld, sondern als gebrochene Gestalten, die tief in ihrem Innern fürchten, dass das Grauen wieder zurückkehren wird.

Dieser erzählerische Ansatz ist als düstere, bis auf einen Running Gag konsequent humorfreie künstlerische Vision beeindruckend. „Es Kapitel 2“ ist eine Charakterstudie, bei der die typischen Horrorfilmmomente eher störend sind. Weil die Macher davon ausgehen, dass man „Es“ gesehen hat, werden die Ereignisse aus „Es“ nur kurz angesprochen und zu Pennywises Geschichte fast nichts gesagt. Von der jugendlichen Aufbruchstimmung und der damit verbundenen Hoffnung auf eine glückliche Zukunft ist in „Es Kapitel 2“ nichts mehr vorhanden.

Es Kapitel 2 (It Chapter 2, USA 2019)

Regie: Andy Muschietti

Drehbuch: Gary Dauberman

LV: Stephen King: It, 1986 (Es)

mit Jessica Chastain, James McAvoy, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Jay Ryan, James Ransone, Andy Bean, Bill Skarsgård, Jaeden Martell, Wyatt Oleff, Jack Dylan Grazer, Finn Wolfhard, Sophia Lillis, Chosen Jacobs, Jeremy Ray Taylor, Teach Grant, Nicholas Hamilton, Xavier Dolan, Stephen King, Peter Bogdanovich

Länge: 170 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (mit neuem Cover)

Es von Stephen King

Stephen King: Es

(übersetzt von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber, bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann)

Heyne, 2017 (Movie Tie-In)

1536 Seiten

14,99 Euro

Erstausgabe der ungekürzten Übersetzung: 2011

Ältere Ausgaben enthalten eine gekürzte Übersetzung.

Originalausgabe

It

Viking, 1986

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film (Dein Kinoticket)

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Es Kapitel 2“

Metacritic über „Es Kapitel 2“

Rotten Tomatoes über „Es Kapitel 2“

Wikipedia über „Es Kapitel 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Mama“ (Mama, Spanien/Kanada 2012)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis Stephen-King-Verfilmung „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour


Neu im Kino/Filmkritik: „Petting statt Pershing“, damals, in der Provinz

September 5, 2019

1983: Helmut Schmidt beginnt gerade seine Karriere als Mitherausgeber der „Zeit“, Helmut Kohl beschwört die geistig-moralische Wende und in den Reihenhaussiedlungen der Provinz werden langsam, sehr langsam, also wirklich sehr langsam die Gedanken der Hippies von freier Liebe, Drogen und Frieden aufgenommen. „Petting statt Pershing“ war ein damals bekannter Slogan – und ist jetzt der Titel der neuen Komödie von Petra Lüschow. In den vergangenen Jahren schrieb sie die Drehbücher für „Nachbeben“ „Tannöd“, „Tatort: Schmutziger Donnerstag“ und den von ihr inszenierten Kurzfilm „Der kleine Nazi“. „Petting statt Pershing“ ist ihr Spielfilmdebüt, das auch auf eigenen Erinnerungen basiert und irgendwo in der westdeutschen Provinz, eher in Nord- als Süddeutschland (und nach den Autokennzeichen in Hessen im Landkreis Groß-Gerau), spielt.

Im Mittelpunkt steht die siebzehnjährige Ursula Mayer, die intelligent, aber noch Jungfrau ist. Das möchte sie unbedingt ändern. Die Erfahrungen mit Gleichaltrigen sind allerdings desaströs. Als neues Objekt der Begierde bietet sich der neue Lehrer Siegfried Grimm an. Er ist als linksalternativer, verständnisvoller und kluger Lehrer das Gegenteil der alten Lehrer, die noch den Krieg erlebten und Kadavergehorsam für eine Tugend halten. Außerdem soll der auf einem Bauernhof in einer Kommune lebende Lehrer bei der Wahl seiner Sexpartnerinnen sehr offen zu sein. Er soll noch nie „Nein“ gesagt haben.

Während Ursula sich an Grimm heranpirscht, springt dieser mit seinen Mitbewohnerinnen, Ursulas Mutter und Ursulas Sportlehrerin ins Bett oder ins Gebüsch. Auch Ursulas Vater, der biedere Dorfdoktor, ist einem Seitensprung nicht abgeneigt. Und Ursulas Großvater, ein Weltkrieg-II-Veteran, steckt immer noch in der Vergangenheit fest. Der neue Feind ist der Öko-Bauernhof.

Das sind eigentlich genug Konflikte für eine Provinzkomödie, die einen Blick auf einen filmisch bislang wenig aufgearbeiteten Teil der bundesdeutschen Geschichte wirft. Trotzdem will der Film nicht begeistern. Er ist eine Komödie ohne Witz. Vieles wird bei dem mild verklärenden Blick in die eigene Vergangenheit zwar angesprochen, aber nicht weiter vertieft oder zugespitzt zu einer Vision über die damalige Zeit und das Erwachsenwerden in den Achtzigern. Dafür wäre eine Haltung zur Vergangenheit und auch zur Geschichte nötig.

In „Petting statt Pershing“ wird allerdings alles gezeigt, ohne dass jemals jemand verurteilt oder in einem Gag herabgesetzt wird. Bei der augenfällig übergewichtigen Ursula ist es schön, dass es keine Witze über Dicke gibt und sie auch keine Frustessen-Szene hat. Eher schon wird ihre Intelligenz bezweifelt. Lehrer Grimm ist vor allem ein netter Hallodri. Gegenüber keiner seiner Sexpartnerinnen hat er irgendwelche weitergehenden Ansprüche. Für ihn ist die Ideologie der freien Liebe die Entschuldigung, Sex zu haben, ohne sich emotional engagieren zu müssen und ohne dafür bezahlen zu müssen. Mit ihm und den anderen im Film auftauchenden Männern hätte Lüschow über männliche Besitzansprüche, wie sie Macht über Frauen ausüben und wie Frauen sich dagegen wehren erzählen können. Das tut sie höchst halbherzig, während die frühen achtziger Jahre vor allem eine beliebig austauschbare Kulisse für einige Liebesgeschichten sind, die nie das Niveau von echten Liebeswirren erreichen.

Wie es besser geht zeigen, um nur einige neuere europäische Filme zu nennen, „Die wilde Zeit“, „Die göttliche Ordnung“ und „La belle saison – Eine Sommerliebe“, die alle in den siebziger Jahren spielen und Geschichten von einem Aufbruch erzählen. Das wäre auch in „Petting statt Pershing“ möglich gewesen.

Stattdessen gibt es unwitzigen Provinzklamauk über fremdgehende Männer und Frauen, etwas Coming of Age, ein, zwei Witze über die damals noch lebenden Nazis, mehr oder weniger passendes, oft beliebig wirkendes Zeitkolorit (so lief „Donnerlippchen“ zwischen 1986 und 1988 im TV) und viele verpasste Chancen.

Petting statt Pershing (Deutschland 2018)

Regie: Petra Lüschow

Drehbuch: Petra Lüschow

mit Anna Hornstein, Florian Stetter, Christina Große, Thorsten Merten, Hermann Beyer, Britta Hammelstein, Leon Ulrich, Barbara Phillip

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

frühere Titel waren „Es ist aus, Helmut“ und „Ursula Mayer gegen den Rest der Welt“

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Petting statt Pershing“

Moviepilot über „Petting statt Pershing“

 


TV-Tipp für den 5. September: Das Versprechen

September 4, 2019

HR, 23.15

Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich (The Promise, Deutschland 2016)

Regie: Marcus Vetter, Karin Steinberger

Drehbuch: Marcus Vetter, Karin Steinberger

Informative, spannende und sehr akribische Doku über den deutschen Diplomatensohn Jens Söring, der seit 1990 in den USA im Gefängnis sitzt. Er soll am 30. März 1985 die Eltern von seiner Freundin und ersten großen Liebe Elizabeth Haysom in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia bestialisch ermordet haben. Er behauptet, unschuldig zu sein und die neueren Beweise unterstützen seine Version.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jens Söring, Gail Marshall, Tom Elliott, William Sweeney, Ricky Gardner, Gail Ball, Chuck Reid, Rich Zorn, Dave Watson, Tony Buchanan, Carlos Santos, Steven Rosenfield

und den Stimmen von Imogen Poots und Daniel Brühl

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Versprechen“

Moviepilot über „Das Versprechen“

Wikipedia über „Das Versprechen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Vetter/Karin Steinbergers „The Forecaster“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Marcus Vetter/Karin Steinbergers „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ (The Promise, Deutschland 2016) und der DVD

The New Yorker: ausführliche Reportage von Nathan Heller über den Mordfall (9. November 2015)

Michael Remke: Neue Beweise für Unschuld des Diplomaten-Sohns? (Die Welt, 5. Mai 2017)


TV-Tipp für den 4. September: Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge

September 3, 2019

ZDF, 20.15

Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge (Deutschland 2019)

Regie: Christian Twente

Drehbuch: Sandra Stöckmann, Marc Brost

Am 4. September 2015 machen sich Flüchtlinge von Budapest, Ungarn, zu Fuß auf den Weg nach Deutschland. Weil der ungarische Präsident Viktor Orbán weiterhin auf eine Eskalation gegenüber den Flüchtlingen setzt, muss Angela Merkel sich innerhalb weniger Stunden entscheiden, wie sie mit den in Richtung Deutschland marschierenden Flüchtlingen umgehen wird.

Das Dokudrama erzählt chronologisch die Ereignisse dieses Tages, indem es unveröffentlichte Archivaufnahmen mit Interviews von Zeitzeugen und wenig überzeugenden nachinszenierten Szenen mixt. Statt dieser nachgestellten Szenen hätten die Macher besser die Zeit für die vertiefende Analyse und Einordnung des „March of Hope“ in die allgemeine Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 und der rechtlichen Rahmenbedingungen benutzen sollen.

In „Stunden der Entscheidung“ wird der Prozess dargestellt, wie Angela Merkel an dem Tag zu dem Entschluss kam, die Flüchtlinge aufzunehmen. Die Regierung und ihre Berater sind da nur Stichwortgeber.

Für die Doku unterhielten die Macher sich mit Mohamed Amjahid (Journalist, Reporter der „ZEIT“ im Sommer 2015 live vor Ort), Sigmar Gabriel (Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler 2013–2018), Martin Kaul (Journalist, 2015 Reporter der „taz“, live vor Ort), Gerald Knaus (Vorsitzender der „Europäischen Stabilitätsinitiative“), Thomas de Maizière (Bundesminister des Innern, 2013–2018), Reinhold Mitterlehner (Vizekanzler der Republik Österreich, 2014 – 2017), Gerhard Schindler (Präsident des Bundesnachrichtendienstes, 2012–2016), Manfred Schreiner (Leiter Landesleitzentrale Burgenland, Major), Peter Tauber (Generalsekretär der CDU, 2013–2018) und Mohammad Zatareih (Flüchtling aus Syrien, Initiator des „March of Hope“).

mit (Schauspieler) Heike Reichenwallner, Aram Arami, Emre Aksizoglu, Stefan Mehren, Tilla Kratochwil, Gerhard Meseke, Manfred Callsen,

(Interviewpartner) Mohamed Amjahid, Sigmar Gabriel, Martin Kaul, Gerald Knaus, Thomas de Maizière, Reinhold Mitterlehner, Gerhard Schindler, Manfred Schreiner, Peter Tauber, Mohammad Zatareih

Hinweis

ZDF über „Stunden der Entscheidung“


TV-Tipp für den 3. September: Die Brücke

September 3, 2019

3sat, 20.15

Die Brücke (Deutschland 1959)

Regie: Bernhard Wicki

Drehbuch: Michael Mansfeld, Karl-Wilhelm Vivier (d. i. Heinz Pauck), Bernhard Wicki

LV: Manfred Gregor: Die Brücke, 1958

In den letzten Kriegstagen erhalten sieben Oberschüler ihre Einberufung. Sie sollen eine militärisch unwichtige Brücke in ihrer Heimat verteidigen.

Klassiker und brutaler Antikriegsfilm

Heldentum ist nur etwas wert, wenn es für die richtige Sache geschieht. Und für mich, aus meinem persönlichen Schicksal heraus, war die Verteidigung der Brücke nicht erst 1959, sondern auch schon während des Krieges die falsche Sache.

Ich habe in den Jahren sei der ‚Brücke‘ Tausende von Briefen von jungen Männern bekommen, die mir schrieben, dass sie auch aufgrund meines Films den Kriegsdienst verweigert haben. Das zählt zu den wenigen Dingen in meinem Leben, auf die ich wirklich stolz bin.“ (Bernhard Wicki in Robert Fischer: Bernhard Wicki – Regisseur und Schauspieler, 1994)

mit Folker Bohnet, Fritz Wepper, Michael Hinz, Frank Glaubrecht, Karl Michael Balzer, Volker Lechtenbrink, Günther Hoffmann, Cordula Trantow, Wolfgang Stumpf, Günter Pfitzmann, Heinz Spitzner, Siegfried Schürenberg, Loriot (Was für eine Besetzung!)

Hinweise

Filmportal über „Die Brücke“

Rotten Tomatoes über „Die Brücke“

Wikipedia über „Die Brücke“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Kann die „Beale Street“ im Puschenkino überzeugen?

September 2, 2019

Zum Filmstart schrieb ich ziemlich begeistert:

Bei der diesjährigen „Oscar“-Preisverleihung erhielt Regine King den Oscar als beste Nebendarstellerin. Ansonsten wurde Barry Jenkins‘ berührendes Drama mit insgesamt nur drei Nominierungen sträflich ignoriert. Nicht einmal eine Nominierung als bester Film war drin. Und diese Nominierung, – eigentlich auch den Preis -, hätte „If Beale Street could talk“ (bei uns zu „Beale Street“ gekürzt) auch verdient.

Jenkins erzählt die in den frühen siebziger Jahren in Harlem spielende Geschichte von Tish Rivers. Die Neunzehnjährige ist verliebt in Fonny Hunt, den sie schon seit einer Ewigkeit kennt. Vor kurzem verlobten sie sich und demnächst wollen sie auch heiraten.

Eines Tages wird er verhaftet. Er soll eine Puerto-Ricanerin vergewaltigt haben. Er beteuert seine Unschuld. Trotzdem wandert er, ohne Prozess, ins Gefängnis. Nur Tish, ihre Familie und Fonnys Familie glauben an seine Unschuld. Während sie versuchen, ihn aus der Haft zu befreien, erfährt Tish, dass sie von Fonny schwanger ist.

Für ihre in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie ist das nur ein weiteres Problem.

Das ist einer der schönen und lebenswahren Momente in Jenkins‘ James-Baldwin-Verfilmung. Konflikte werden im Kreis der Familie gelöst. Tishs Familie hält, auch wenn sie sich mal lautstark zankt, zusammen. Sie ist, auch wenn das jetzt konservativ und pathetisch klingt, eine Wertegemeinschaft. Die Gegner sind ein weißer Polizist und das von ihm verkörperte System, das Schwarze konsequent benachteiligt.

Barry Jenkins schrieb das Drehbuch für „Beale Street“ vor sechs Jahren während eines längeren Europa-Aufenthalts. Im Sommer 2013 schrieb er in Brüssel „Moonlight“ und danach in Berlin „Beale Street“, der als Gegenentwurf zu „Moonlight“ gesehen werden kann. Immerhin erzählt der eine Film von einer nicht funktionierenden, der andere von einer funktionierenden Familie. Um nur einen Punkt zu nennen. Die Verhandlungen mit Baldwins Nachlassverwaltern dauerten dann einige Zeit, bis alle Fragen für die erste US-amerikanische Kinoverfilmung geklärt waren. Währenddessen drehte er „Moonlight“. Der Film war sein Durchbruch. Er erhielt den Drehbuchoscar und der Film erhielt, in einer denkwürdigen Zeremonie, den Oscar als bester Film des Jahres. Neben vielen anderen Preisen.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen nächsten Film. Er erfüllt sie mit einer zu Herzen gehenden Liebesgeschichte, die leicht ein Nicholas-Sparks-Kitschfeuerwerk hätte werden können.

Baldwins Roman „Beale Street Blues“ wurde bereits einmal verfilmt. Von Robert Guédiguian als 1998 als „À la place du coeur“ (Die Farbe des Herzens). Diese erste Verfilmung verlegte die Geschichte nach Marseille und auch wenn Beale Street überall sein kann, ist sie in New York, genauer in Harlem.

Jenkins erzählt, wie in „Moonlight“, eine universelle Geschichte, die gerade wegen ihrem genauen Blick auf seine Charaktere, ihr Umfeld und ihren Alltag ganz genau an einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit verortet ist. Niemand wird Tishs Wohnung für das Zimmer einer heute in Harlem lebenden jungen Frau halten. Gerade dadurch kann Jenkins eine allgemeingültige Geschichte erzählen.

Sie ist auch heute, angesichts der Black-Live-Matters-Proteste, genauso relevant wie damals, als Baldwin die Geschichte von Tish und Fonny erzählte. Nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Beim wiederholten Ansehen fällt wieder auf, wie elegant Barry Jenkins zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her schneidet, wie langsam er die Geschichte erzählt, wie kunstvoll jedes Bild komponiert ist und wie traurig die Musik ist. Damit wird schon in den ersten Minuten jede Hoffnung auf ein konventionelles Hollywood-Happy-End zerstört. Jenkins sehenswerte Baldwin-Verfilmung ist allerdings auch keine frenetische Anklage gegen das US-Justizsystem (obwohl die Geschichte von Fonny und Tish genug Gründe dafür liefert), sondern eine todtraurig-melancholische Liebesgeschichte über zwei junge Menschen, von denen der eine verurteilt werden soll, weil er ein Afroamerikaner ist.

Nicholas Britell war für seine Filmmusik für einen Oscar nominiert. Er komponierte auch die ebenfalls Oscar-nominierte Musik für „Moonlight“.

James Laxton war auch bei „Moonlight“ Kameramann.

Das Bonusmaterial befindet sich mit dem noch nicht einmal fünfminütigem, belanglosen Minifeaturette „Behind the Scenes“ noch unter der Wahrnehmungsschwelle.

Beale Street (If Beale Street could talk, USA 2018)

Regie: Barry Jenkins

Drehbuch: Barry Jenkins

LV: James Baldwin: If Beale Street could talk, 1974 (Beale Street Blues)

mit KiKi Layne, Stephan James, Regina King, Colman Domingo, Teyonah Parris, Michael Beach, Aunjanue Ellis, Ebony Obsidian, Dominique Thorne, Diego Luna, Finn Wittrock, Ed Skrein, Brian Tyree Henry, Dave Franco, Pedro Pascal

DVD

DCM/Universum Film

Bild: 2.00:1

Ton: Deutsch, Englisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die lesenswerte Vorlage und ein klassisches Essay von James Baldwin

James Baldwin: Beale Street Blues

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Nachwort von Daniel Schreiber)

dtv, 2019

224 Seiten

12,90 Euro

Oritinalausgabe

If Beale Street could talk

Dial Press, New York, 1974

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer – The Fire next Time

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Vorwort von Jana Pareigis und einer Nachbemerkung von Miriam Mandelkow zur Übersetzung)

dtv, 2019

128 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The Fire next Time

Dial Press, New York, 1963

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Beale Street“

Metacritic über „Beale Street“

Rotten Tomatoes über „Beale Street“

Wikipedia über „Beale Street“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Moonlight“ (Moonlight, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Beale Street“ (If Beale Street could talk, USA 2018)

Ein Gespräch mit Barry Jenkins zum Film

Barry Jenkins (Regie, Drehbuch), Stephan James (Fonny) und Kiki Layne (Tish) sprechen über den Film

 


TV-Tipp für den 2. September: Aguirre, der Zorn Gottes

September 1, 2019

Arte, 20.15

Aguirre, der Zorn Gottes (Deutschland 1972)

Regie: Werner Herzog

Drehbuch: Werner Herzog

Peru 1560: Aguirre will im Amazonasgebiet das sagenumwobene Goldland El Dorado finden.

Klassiker mit Klaus Kinski und der Beginn einer wundervollen Freundschaft.

Die Musik ist von Popul Vuh.

Mit Klaus Kinski, Helena Rojo, Del Negro, Ruy Guerra, Peter Berling, Cecilia Rivera

Wiederholung: Dienstag, 3. September, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Aguirre, der Zorn Gottes“

Wikipedia über „Aguirre, der Zorn Gottes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Königin der Wüste“ (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Salt and Fire“ (Salt and Fire, Deutschland/USA/Frankreich/Mexiko 2016)

Werner Herzog in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 1. September: 10 Cloverfield Lane

August 31, 2019

Pro7, 22.40

10 Cloverfield Lane (10 Cloverfield Lane, USA 2016)

Regie: Dan Trachtenberg

Drehbuch: Josh Campbell, Matthew Stuecken, Damien Chazelle

Nach einem Autounfall mitten im Nirgendwo erwacht Michelle in einem Bunker und der gewohnt grandios von John Goodman gespielt durchgeknallte (?) Hausherr erklärt ihr, dass die Erde von Außerirdischen überfallen wurde. Sie müsse daher bei ihm bleiben.

Spannender Psychothriller

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Mary Elizabeth Winstead, John Goodman, John Gallagher Jr.

Wiederholung: Montag, 2. September, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „10 Cloverfield Lane“

Metacritic über „10 Cloverfield Lane“

Rotten Tomatoes über „10 Cloverfield Lane“

Wikipedia über „10 Cloverfield Lane“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Dan Trachtenbergs „10 Cloverfield Lane“ (10 Cloverfield Lane, USA 2016)


TV-Tipp für den 31. August: Der große Diktator

August 30, 2019

RBB, 22.00

Der große Diktator (The great Dictator, USA 1940)

Regie: Charlie Chaplin

Drehbuch: Charlie Chaplin

Grandiose Satire über Adolf Hitler: ein jüdischer Friseur und der Diktator Hynkel sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

Wer den Film noch nicht gesehen hat,…

Mit Charlie Chaplin, Paulette Goddard, Jack Oakie

Wiederholung: Motntag, 2. September, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Charlie-Chaplin-Seite

Charlie Chaplin Archive

Rotten Tomatoes über „Der große Diktator“

Wikipedia über „Der große Diktator“ (deutsch, englisch) und Charlie Chaplin (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Was ist das böse Geheimnis von „Paradise Hills“?

August 30, 2019

Paradise Hills ist eine im Mittelmeer liegende Wohlfühloase, in die reiche Eltern ihre renitenten Töchter schicken. Dort soll ihnen innerhalb von zwei Monaten bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit hin zur perfekten Frau geholfen werden. Der Erfolg sei garantiert. Das erzählt jedenfalls die Herzogin, wie sich die Leiterin der Anstalt nennt, ihrem jüngsten Gast Uma.

Uma wurde, wie die anderen Gäste, betäubt und ohne ihr Wissen auf die Insel gebracht. Bei Uma wurde der Aufenthalt von ihren Eltern und ihrem künftigen Mann, den sie nicht heiraten will, veranlasst. Er ist ein reicher Schnösel mit konservativen Familienvorstellungen.

Genreaficionado werden jetzt „The Stepford Wives“ brüllen und sich fragen, wie hier die Anpassung von Frauen an das konservative Idealbild von Frau und Familie erzählt wird.

Zunächst gestaltet sich der Aufenthalt von Uma, bis auf kleine Irritationen, harmlos. Sie und ihre neuen Freundinnen, die ebenfalls ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen auf die Insel gebracht wurden, genießen die Ruhe und die wenigen festen Termine. In den wunderschönen mediterranen Gemächern dürfen sie lustwandeln. Sie dürfen nur die Insel nicht verlassen. Sie müssen weiße Kleider tragen, die sich gut für das nächste Cosplay eignen. Ihnen werden Kurse angeboten und sie müssen der Herzogin Dinge über ihr Leben erzählen, während sie in ein Gerät blicken. Das ist mehr ein Aufenthalt in einem Nobelhotel als ein Umerziehungslager, in dem nach einem festen Stundenplan das Leben der Frauen auf den Kopf gestellt wird.

Optisch erinnert das in seiner Ereignislosigkeit an einen Softporno aus den siebziger Jahren, in denen schöne Frauen endlos durch historische Gänge wandelten. Nur dass in „Paradise Hills“ alles besser aussieht und die Sexszenen fehlen.

Dass hinter dieser harmlosen Kulisse nichts harmlos ist, ist klar. Auch wenn lange unklar ist, wie die Kurse, Gespräche und eine eigentümliche Psychofolter auf einem Holzpferd das Wesen der Frauen verändern können.

Alice Waddington erzählt in ihrem Debütspielfilm „Paradise Hills“ Umas Geschichte mit spürbarer Lust am Erkunden der Architektur des Ortes – gedreht wurde in Katalonien und auf den Kanarischen Inseln -, und der kunstvoll eklektisch aus verschiedenen Jahrhunderten zusammengestellten Kostüme. Sie beobachtet die jungen Frauen beim entspannten Lustwandeln auf der Insel, zwischen den Blumen und in dem Anwesen, ohne dass die Geschichte in der ersten Stunde erkennbar auf ein Ende zusteuert.

Erst im letzten Drittel, wenn Uma im Keller des Anwesens das Geheimnis von Paradise Hills entdeckt, wird es spannend und auch sehr frustrierend. Letztendlich werden mehrere Erklärungen präsentiert, die sich widersprechen. In diesen Minuten wird auch deutlich, dass Waddingtons Talent nicht im Inszenieren von Actionszenen liegt.

So ist „Paradise Hills“ ein optisch überzeugender, eklektischer, sehr sanfter Horrorfilm mit einem enttäuschendem Finale.

Paradise Hills (Paradise Hills, USA/Spanien 2019)

Regie: Alice Waddington

Drehbuch: Brian DeLeeuw, Nacho Vigalondo (nach einer Geschichte von Alice Waddington)

mit Eiza González, Awkwafina, Milla Jovovich, Emma Roberts, Jeremy Irvine, Danielle Macdonald, Liliana Cabal, Arnaud Valois, Hunter Tremayne

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paradise Hills“

Metacritic über „Paradise Hills“

Rotten Tomatoes über „Paradise Hills“

Wikipedia über „Paradise Hills“

Ein Q&A auf dem Sundance Festival, nach der Weltpremiere


Neu im Kino/Filmkritik: „Late Night – Die Show ihres Lebens“, wenn sie die nächsten Monate überlebt

August 30, 2019

Tonight with Katherine Newbury“ läuft seit gut dreißig Jahren als Late-Night-Talkshow im US-Fernsehen. Zuletzt mit sinkenden Quoten und Katherine Newbury (Emma Thompson) wird mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Frauenhasserin zu sein. Schließlich feuerte sie in den vergangenen Jahren jede Frau, die sie jemals einstellte, kurz darauf wieder. Ihr Writers‘ Room ist eine frauenfreie Zone.

Um diesen Vorwurf zu entkräften, lässt sie Molly Patel (Mindy Kaling) einstellen. Molly hat im Comedygeschäft keinerlei Berufserfahrung, aber sie ist eine Frau und sie gehört einer Minderheit ein. Damit kann gut geworben werden. Und nach einigen Monaten wird sie, wie ihre Vorgängerinnen, entlassen.

Molly, die Newbury bewundert, stolpert an ihrem ersten Arbeitstag ungeschickt in die Besprechung von Newburys Autorenteam, das ein seit Jahren eingespieltes Team alter weißer Männer ist, die ohne große Ambitionen vor sich hin arbeiten. Molly beginnt, ausgehend von ihren Ambitionen und ihrer bisherigen Berufserfahrung als Qualitätskontrolleurin in einer Chemiefabrik, gleich mit einer Fehleranalyse und sie liefert Vorschläge zur Behebung der Fehler. Außerdem schreibt sie Witze, wie sie bisher in Newburys Show noch nicht zu hören waren. Der Weg vom Schreiben des Witzes bis zur Präsentation in der Show ist allerdings weit.

Zur gleichen Zeit eröffnet die neue Programmchefin Newbury, dass ihre Show demnächst eingestellt wird. Ein vulgärer Komödiant soll den Sendeplatz übernehmen.

Newbury, die in den letzten Jahren ihre Show auf Autopilot herunterspulte, nimmt den Kampf auf.

Late Night – Die Show ihres Lebens“ ist eine sehr unterhaltsame Komödie, die einen liebevollen Blick hinter die Kulissen der seit Ewigkeiten und immer noch männlich dominierten Late-Night-Shows wirft. Wenn Frauen in den vergangenen Jahrzehnten in den USA eine Late-Night-Show moderierten, taten sie das nur kurz.

Mitte September könnte sich das mit „A Little Late with Lilly Singh“ ändern. Diese neue Late-Night-Show wird nicht nur von einer Frau moderiert, sondern sogar von einer bekennend bisexuellen Frau. Damit ist Singh die erste Person aus der LGBT-Community, die eine Late-Night-Show moderiert. Sie ist auch nach einer fast zwanzigjährigen Pause die erste Moderatorin, deren Vorfahren nicht aus Europa kommen. Die Eltern der Kanadierin stammen aus Indien. Soviel zur Diversität in einem in den USA erfolgreichen Showsegment, das in Deutschland abgehen von der „Harald Schmidt Show“ fast unbekannt ist. .

Diese mangelnde Diversität erfuhr auch Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Mindy Kaling. Sie war die erste Frau im Autorenteam der Sitcom „The Office – Das Büro“. Danach erfand sie die Serie „The Mindy Project“.

Late Night“-Regisseurin Nisha Ganatra, die wie Kaling indische Vorfahren hat, inszenierte in den vergangenen Jahren vor allem Episoden für Serien wie „Transparent“, „Better Things“, „Brooklyn Nine-Nine“ und „The last Man on Earth“. Mindy Kaling lernte sie kennen, als sie eine Episode von „The Mindy Project“ inszenierte.

Die von Kaling erfundene Geschichte bewegt sich auf den vertrauten Pfaden. Die Pointen sitzen. Die Schauspieler sind spielfreudig. Und man sieht gerne über die Schwächen hinweg. Das sind das doch arg konventionelle Drehbuch, einige unplausible Stellen und die widersprüchliche Zeichnung von Katherine Newbury, die einerseits höchste Leistungen fordert, andererseits seit Jahren auf Autopilot ihre Sendung macht und keinen Kontakt zu ihren Autoren hat. Gerade das ist, wenn Menschen über Jahre auf engstem Raum zusammenarbeiten, nicht besonders glaubwürdig. Und es ist etwas merkwürdig, dass intelligente Menschen, die von ihrem Chef wie Dreck behandelt werden, sich keinen neuen Job suchen, sondern über Jahre bei ihr weiterarbeiten.

Late Night“ ist eine Feelgood-Komödie, in der arbeitende Frauen nicht den Mann fürs Leben suchen (Newbury hat ihren schon lange gefunden) und die, trotz der wenigen Frauenrollen, den Bechdel-Test besteht. Es gibt, mit der Programmchefin sogar drei wichtige Frauenrollen. Die Frauen, vor allem Newbury und Molly sprechen miteinander und sie unterhalten sich nicht über einen Mann, sondern vor allem über die Show und damit ihre Arbeit.

Late Night – Die Show ihres Lebens (Late Night, USA 2019)

Regie: Nisha Ganatra

Drehbuch: Mindy Kaling

mit Emma Thompson, Mindy Kaling, John Lithgow, Reid Scott, Hugh Dancy, Denis O’Hare, Max Casella, John Early, Paul Walter Hauser, Ike Barinholtz, Amy Ryan, Bill Maher, Seth Meyers, Jake Tapper

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Englische Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Late Night“

Metacritic über „Late Night“

Rotten Tomatoes über „Late Night“

Wikipedia über „Late Night“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. August: Charles Manson: Der Dämon von Hollywood

August 30, 2019

Arte, 22.10

Charles Manson: Der Dämon von Hollywood (Manson: Music from an Unsound Mind, USA 2019)

Regie: Tom O’Dell

Drehbuch: Tom O’Dell

Spielfilmlange Doku über Charles Manson (1934 – 2017), der gerne ein Musiker geworden wäre, ein Sektenführer wurde und Mitglieder seiner ‚Familie‘ zu Verbrechen anstachelte. Ihre bekannteste Tat geschah in der Nacht vom 8. zum 9. August 1969, als sie die hochschwangere Sharon Tate und alle weiteren Menschen, die zur Tatzeit im von Roman Polanski und Tate gemietetem Haus waren, bestialisch ermordeten.

mit Dianne Lake, Charles Manson, Gregg Jakobson

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Charles Manson: Der Dämon von Hollywood“

Wikipedia über Charles Manson (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Carmine Street Guitars“, wo die Musik spielt

August 29, 2019

Carmine Street Guitars ist ein Geschäft in der Carmine Street 42 in Greenwich Village, New York. In dem Ladenlokal fertigt Rick Kelly seit 1990 seine E-Gitarren. Gitarren baut er seit den späten siebziger Jahren und zu seinen Kunden gehören einige sehr bekannte Gitarristen, wie Lou Reed.

Eines Tages erzählte Jim Jarmusch Ron Mann von Rick Kelly und seinem Geschäft. Mann entschloss sich, einen Film über Kelly, seine Auszubildende Cindy Hulej, ihre Arbeit und ihre Kunden zu drehen.

Dafür wählte er in seinem Dokumentarfilm „Carmine Street Guitars“ die ebenso einfache wie tragfähige Struktur einer Arbeitswoche, in der Rick Kelly täglich seinen Laden öffnet und schließt. Seine Mutter Dorothy Kelly putzt den Laden und erledigt Bürotätigkeiten. Rick Kelly und Cindy Hulej bauen in der Werkstatt Gitarren und im Laden reden sie mit ihren Kunden. Diese Gespräche mit Christine Bougie (Bahamas), Nels Cline (Wilco, aber auch ein erfolgreicher Jazz-Gitarrist), Kirk Douglas (The Roots), Eleanor Friedberger, Bill Frisell, Dallas Good (The Sadies), Travis Good (The Sadies), Dave Hill, Jaime Hince (The Kills), Stewart Hurwood, Lenny Kaye (Patti Smith Band), Marc Ribot (u. a. Tom Waits), Charlie Sexton (Bob Dylan Band) und Regisseur Jim Jarmusch (Sqürl) laufen immer gleich ab. Der Musiker, – meistens ein weißer, etwas älterer Mann -, erzählt etwas über sich, Kelly erzählt etwas über seine Arbeit, manchmal fachsimpeln sie etwas und der Musiker probiert die Gitarre aus indem er einen Song spielt.

Diese Struktur ähnelt Wayne Wang und Paul Austers prominent besetzter, inzwischen auch schon über zwanzig Jahre alter Impro-Komödie „Blue in the Face“. Dort trafen sich in einem fiktiven Tabakladen in Brooklyn unter anderem Jim Jarmusch, Lou Reed, Michael J. Fox, Lily Tomlin und Madonna zu einem Plausch.

In „Carmine Street Guitars“ funktioniert diese Idee ebenfalls ausgezeichnet. Auch wenn Kellys Gespräche mit seinen Kunden mit der Zeit etwas redundant werden. Es ist einfach nur der nächste bekannte Gitarrist, der das urgemütliche Geschäft betritt und über Kellys Gitarren schwärmt. Deren Korpus und Hals ist aus dem Holz alter New-Yorker-Gebäude, die meistens abgerissen wurden. Und so erzählt jede dieser Gitarren auch etwas über die Millionenstadt und ihre Veränderungen.

Carmine Street Guitars“ ist vor allem ein Film für Gitarrenfans, die gute Musik zu schätzen wissen.

Carmine Street Guitars (Carmine Street Guitars, Kanada 2018)

Regie: Ron Mann

Drehbuch: Len Blum

mit Rick Kelly, Cindy Hulej, Dorothy Kelly, Eszter Balint, Christine Bougie, Nels Cline, Kirk Douglas, Eleanor Friedberger, Bill Frisell, Dallas Good, Travis Good, Dave Hill, Jaime Hince, Stewart Hurwood, Jim Jarmusch, Lenny Kaye, Marc Ribot, Charlie Sexton

Länge: 80 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Carmine Street Guitars“

Metacritic über „Carmine Street Guitars“

Rotten Tomatoes über „Carmine Street Guitars“

Wikipedia über „Carmine Street Guitars“

Meine Besprechung von Ron Manns Doku „Altman“ (Altman, Kanada 2014)

Homepage von Carmine Street Guitars (wer nach dem Film eine neue Gitarre kaufen will)

Und ein Q&A mit Ron Mann, Rick Kelly, Cindy Hulej und Musiker G. E. Smith


Neu im Kino/Filmkritik: „Angel has fallen“ und Mike Banning muss schon wieder den US-Präsidenten vor Attentätern schützen

August 29, 2019

Mike Banning, der gefährlichste Bodyguard für den US-Präsidenten, ist zurück. Schon in „Olympus has fallen“ und „London has fallen“ wurden während seiner Arbeitszeit Anschläge auf den Präsidenten verübt. Es kam zu massiven, ganze Innenstädte verwüstenden Kollateralschäden. Aber Banning rettete den Präsidenten.

In „Angel has fallen“ ist der aus den vorherigen Filmen in anderen Positionen arbeitende Allan Trumbull (Morgan Freeman) zum Präsidenten der USA aufgestiegen. Aufgrund der Ereignisse in den vorherigen Filmen hat Trumbull ein fast schon freundschaftliches Verhältnis zu dem Secret-Service-Agenten Banning (Gerard Butler). Banning kämpft inzwischen zwar mit gesundheitlichen Problemen. Aber er kann bei einer Übung auf einem Trainingsgelände seines Freundes Wade Jennings (Danny Huston), den Chef einer privaten Militärfirma, immer noch dessen Männer im Dutzend ausschalten.

Gegen einen Drohnenangriff, der kurz darauf auf einem selbstverständlich gut geschützten Landsitz des Präsidenten auf den Präsidenten verübt wird, ist Banning machtlos. Seine Männer werden von den Drohnen, die wie ein Schwarm Steckmücken über sie herfallen, massakriert. Nur Banning und Trumbull überleben schwer verletzt den Anschlag.

Als Banning im Krankenhaus aufwacht, erfährt er, dass seine Kollegen ihn für den Anschlag verantwortlich machen. Und schon ist der Mann, der mehrmals das Leben des Präsidenten rettete, als Attentäter angeklagt. Wenige Minuten später ist er ein Mann auf der Flucht, der herausfinden will, wer ihn als Attentäter sehen will.

In dieser Situation kann Banning nur einem Mann vertrauen: seinem Vater, den er seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat. Denn der Vietnamveteran Clay Banning (Nick Nolte) lebt seit Jahrzehnten als Einsiedler am Rand der Zivilisation.

Angel has fallen“ ist eine Actionsause, die mit Auftritten bekannter Schauspieler punktet, während die einfache Geschichte sich nicht um Logik und Plausibilität bemüht.

Stattdessen scheinen die Bösewichter vor allem an möglichst spektakulären Aktionen interessiert zu sein. Warum sollte man den Präsidenten bei einem gezielten Anschlag töten, wenn man stattdessen gleichzeitig den halben Secret-Service töten und ein großes Waldgrundstück abfackeln kann? Warum soll man einen chirurgischen Anschlag verüben, wenn man stattdessen das ganze Krankenhaus in die Luft jagen kann? Und wenn man schon dabei ist, kann man das Gebiet um das Krankenhaus gleich in ein innerstädtisches Kriegsgebiet verwandeln.

Auch der Plan der Bösewichter aus dem gefeierten Bodyguard Banning den Attentäter Banning zu machen, ist Unfug. Denn bei dem Attentat überleben zwei Personen: Banning, der „Attentäter“, und Trumbull, das Opfer.

Während Banning noch von seinen ehemaligen Kollegen gejagt wird, weiß der Zuschauer schon, wer für die Attentate verantwortlich ist und auch wer der große unbekannte Drahtzieher ist.

Damit liefert „Angel has fallen“ ziemlich genau das, was man von den vorherigen beiden Banning-Filmen erwartet: gut besetzte, grob geschnitzte, bodenständige Action.

Dass dabei nach Antoine Fuqua und Babak Najafi jetzt Ric Roman Waugh die Regie übernommen hat, fällt nicht weiter auf.

In den USA belegte der Film an seinem Startwochenende mit großem Abstand den esten Platz der Kinocharts. Damit dürfte ein weiterer Film mit dem Bodyguard, der Präsidenten in Lebensgefahr bringt, um sie anschließend zu retten, beschlossen sein. Auch wenn es vor dem Filmstart hieß, das sei der letzte Film der Serie und im Film immer wieder auf Bannings körperliche Gebrechen hingewiesen wird und er einen Bürojob bekommen soll. Für Banning, der wahrscheinlich noch als rollstuhlfahrender, blinder und tauber Großvater Präsidenten beschützt, eine unvorstellbare Vorstellung.

Angel has fallen (Angel has fallen, USA 2019)

Regie: Ric Roman Waugh

Drehbuch: Ric Roman Waugh, Robert Mark Kamen, Matt Cook, Creighton Rothenberger, Katrin Benedikt

mit Gerard Butler, Morgan Freeman, Danny Huston, Nick Nolte, Lance Reddick, Jada Pinkett Smith, Piper Perabo, Tim Blake Nelson

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Angel has fallen“

Metacritic über „Angel has fallen“

Rotten Tomatoes über „Angel has fallen“

Wikipedia über „Angel has fallen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Snitch – Ein riskanter Deal“ (Snitch, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Prélude“ scheitert am Drehbuch

August 29, 2019

Prélude“ ist der Debütfilm von Sabrina Sarabi, für den sie auch das Drehbuch schrieb. Sie erzählt die Geschichte des neunzehnjährigen David, der als talentierter Pianist aus der Provinz in die Großstadt kommt. Er hat einen Platz am Konservatorium erhalten. Er strebt nach einer Karriere als Konzertpianist. An der Schule verliebt er sich in die Gesangsstudentin Marie und befreundet sich mit ihrem Freund Walter. Im Gegensatz zu ihm ist Walter ein talentierter Musiker, der scheinbar mühelos alles erreicht.

Und er leidet zunehmend unter dem Leistungsdruck, der teils aus seinen eigenen Ansprüchen, teils aus den Ansprüchen der Schule, besteht.

Am meisten leidet allerdings der Zuschauer.

Das liegt vor allem am Drehbuch. In einer Geschichte sollten Informationen so vermittelt werden, dass wir Zuschauer die wichtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt erhalten und emotional involviert sind. „Prélude“ versagt da schon in den ersten Minuten. Anstatt uns schnell die wichtigsten Informationen über David zu geben, sehen wir einen jungen Mann in einem Zug. Später bezieht er ein anonymes Zimmer, das notdürftig mit Bett, Schrank und Tisch möbliert ist. Er läuft durch ein ebenso anonymes Gebäude, das zwischen Schule und Verwaltungsgebäude alles sein kann. Er trifft eine in schwarz gekleidete Frau, die seine Klavierlehrerin ist. Ob er Dr. Matussek bewundert oder ob sie für einfach nur eine Lehrerin ist, wissen wir in diesem Moment noch nicht. Und erfahren es auch später nicht. Jedenfalls ist sie seine Ansprechpartnerin in allen studentischen Belangen. Entsprechend abhängig ist er von ihrem Urteil und ihren Noten.

Bis zur ersten Begegnung von David und Matussek ist schon einige Filmzeit vergangen, die Damien Chazelle in „Whiplash“ wesentlich besser investierte. Sein Musikdrama ist der deutlich gelungenere Film zu diesem Thema.

In „Whiplash“ erfahren wir schon in den ersten Minuten, dass der ebenfalls 19-jährige Andrew Neiman ein begeisterter Schlagzeuger ist, dass Terence Fletcher sein großes Idol ist, bei dem er unbedingt spielen will, und dass Fletcher ein bekannter Dozent ist, der extrem hohe Ansprüche stellt. In dem Moment kennen wir den Protagonisten, den Antagonisten und den Grundkonflikt des Films. In den folgen neunzig Minuten kann Chazelle dann erzählen, wie ein Lehrer seine Macht ausnutzt und Psychoterror betreibt. Und wie ein Schüler damit umgeht.

In „Prélude“ kennen wir den zentralen Konflikt der Geschichte nicht. Wir wissen auch nicht, was Davids genaues Ziel ist. Stattdessen werden Szenen aneinandergereiht, die wirken, als habe man einfach die Post-It-Zettel von einer Tafel abgenommen und gesagt „Das ist unsere Geschichte.“. Aber eine Geschichte entsteht erst, wenn eine Handlung notgedrungen die nächste Handlung ergibt; wenn auf jede Tat eine Reaktion erfolgt, auf die dann wieder eine Reaktion erfolgt. Über Sarabis Geschichte kann das nicht gesagt werden.

So erwähnt David gegenüber seiner Lehrerin einmal, dass er sich gerne für ein Stipendium an der Juilliard-Schule bewerben würde. Dafür braucht er ihre Unterschrift. Dieses Ziel, das die Filmgeschichte vorantreiben könnte, wird kurz darauf fallengelassen. Irgendwann später ist das Stipendium für David wieder besonders wichtig, kurz darauf wieder unwichtig, dann wieder wichtig und als David erfährt, ob er das Stipendium erhält, ist die Entscheidung der Schule für ihn ungefähr so wichtig wie ein ungefragt erhaltener Werbebrief.

Irgendwann im Film streitet David sich mit Walter an einem See. Die Szene ist so inszeniert, dass man danach vermutet, David habe Walter erschlagen. Auf die darauf folgenden Szenen hat diese Tat keinen Einfluss. Und wenn Walter später wieder auftaucht, verhalten sich die beiden Jungs, als sei nichts geschehen.

Sogar wenn wir annehmen, dass wenigstens einige Filmszenen nur Davids Einbildung existieren und David zunehmend den Kontakt zur Realität verliert, lösen sie das Problem des Films nicht. Auch Vorstellungen, von Drogenhalluzinationen bis hin zu Wahnvorstellungen, haben einen Einfluss auf die Filmgeschichte. D. h.: selbst wenn David nur glaubt, dass er Walter erschlagen hat, müsste er bei der nächsten Begegnung mit Walter irritiert sein, weil der Mensch, den er erst vor kurzem erschlagen hat, noch quicklebendig ist und anscheinend nichts von dem Streit weiß.

So reiht Sarabi, ohne dass wirklich ein Thema und ein damit zusammenhängender Konflikt erkennbar werden, beliebige Szenen aneinander, die dann, mit vielen Auslassungen, die Geschichte eines jungen Mannes ergeben, der an seinen eigenen Ansprüchen scheitert.

Prélude (Deutschland 2019)

Regie: Sabrina Sarabi

Drehbuch: Sabrina Sarabi

mit Louis Hofmann, Liv Lisa Fries, Johannes Nussbaum, Ursina Lardi, Jenny Schily, Saskia Rosendahl, David Kosel, Arno Frisch

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Prélude“

Moviepilot über „Prélude“

Wikipedia über „Prélude 


TV-Tipp für den 29. August: Polizeiruf 110: Kreise

August 29, 2019

WDR, 20.15

Polizeiruf 110: Kreise (Deutschland 2015)

Regie: Christian Petzold

Drehbuch: Christian Petzold

Kommissar Hanns von Meuffels soll den Mord an der Eigentümerin einer Möbel-Manufaktur aufklären. Die Firma sollte von einem Investor übernommen werden und mit dem Eigentümerwechsel sollten 72 Arbeitsplätze wegfallen. Der Hauptverdächtige ist ihr Ex-Mann, dem die Polizei nichts nachweisen kann.

Christian Petzold, der in den vergangenen Jahren hauptsächlich für das Kino arbeitete und dessen TV-Filme immer wie Kinofilme aussehen, inszeniert seinen ersten „Polizeiruf 110“. Es wurde, wie erwartet, ein ebenso ungewöhnlicher, wie gelungener Krimi. 2016 inszenierte er mit „Wolfe“ einen weiteren „Polizeiruf 110“ mit Kommissar von Meuffels.

Ach ja: Petzolds Inspiration für „Kreise“ war Claude Gorettas „Ganz so schlimm ist er auch nicht“ mit einem noch jungen und schlanken Gérard Depardieu in der Hauptrolle.

mit Matthias Brandt, Barbara Auer, Justus von Dohnányi, Luise Heyer, Daniel Sträßer, Jan Messutat

Hinweise

Wikipedia über „Polizeiruf 110“ und diesen Polizeiruf

Meine Besprechung von Christian Petzolds „Phoenix“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Christian Petzolds „Transit“ (Deutschland/Frankreich 2018)

Christian Petzold in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 28. August: Janis: Little Girl Blue

August 27, 2019

BR, 23.35

Janis: Little Girl Blue (Janis: Little Girl Blue, USA 2015)

Regie: Amy J. Berg

Drehbuch: Amy J. Berg

Die Doku „Janis: Little Girl Blue“ über die Sänderin Janis Joplin ist informativ, kurzweilig und geizt nicht mit Konzertaufnahmen; wobei die durchaus etwas kürzer hätten ausfallen können. Aber andererseits: wer kann schon etwas gegen gute Musik einwenden?

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Janis Joplin, Peter Albin, Sam Andrew, Karleen Bennett, Dick Cavett, John Cooke, David Dalton, Cornelius ‚Snooky‘ Flowers, Country Joe McDonald, Clive Davis, Melissa Etheridge, Dave Getz, Laura Joplin, Michael Joplin, Michael Joplin, Julius Karpen, Juliette Lewis, Alecia Moore, J. Dave Moriaty, Dave Niehaus, D.A. Pennebaker, Travis Rivers, Powell St. John, Bob Weir, Jae Whitaker, Chan Marschall (Cat Power, Erzählerin in der Originalfassung)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Janis: Little Girl Blue“
Metacritic über „Janis: Little Girl Blue“
Rotten Tomatoes über „Janis: Little Girl Blue“
Wikipedia über „Janis: Little Girl Blue“ und Janis Joplin (deutsch, englisch)
AllMusic über Janis Joplin

Meine Besprechung von Amy J. Bergs „Janis: Little Girl Blue“ (Janis: Little Girl Blue, USA 2015)