Neu im Kino/Filmkritik: „Last Christmas“, wieder einmal und doch irgendwie anders und vertraut

November 15, 2019

Einerseits hat „Last Christmas“ mit Paul Feig als Regisseur und Emma Thompson, zusammen mit Bryony Kimmings, als Drehbuchautorin zwei vertrauenswürdige Macher hinter der Kamera. Feig inszenierte „Brautalarm“, „Taffe Mädels“, „Spy – Susan Cooper undercover“, „Ghostbusters“ und „Nur ein kleiner Gefallen“. Thompson ist vor allem als Schauspielerin bekannt. Ihre Karriere begann sie als Komödiantin. Sie hatte eine kurzlebige TV-Comedy-Show, die als „männerfeindlich“ verrissen wurde. Sie schrieb seitdem auch ein, zwei Drehbücher, wie „Sinn und Sinnlichkeit“ (wofür sie den Drehbuchoscar erhielt) und „Eine zauberhafte Nanny“. Sie ist auch bekannt für ihren galligen Witz und Sarkasmus.

Andererseits ist „Last Christmas“ ein Weihnachtsfilm, der schon auf dem Plakat all das hat, was Weihnachtsfilme so an Schrecknissen zu bieten haben. Außerdem wurden für den Film mehrere Songs von George Michael benutzt, unter anderem das titelgebende „Last Christmas“ und ein bislang unveröffentlichter Song. Weil ich definitv nicht zu den George-Michael-Fans gehöre und Weihnachtsfilme grundsätzlich vermeide, sind das für mich zwei überhaupt nicht frohe Botschaften.

Auch die Geschichte ist auf den ersten Blick die typische kitschige Weihnachtsfilmgeschichte: Kate (Emilia Clarke) ist ein durch London wandelndes Katastrophengebiet. Sie arbeitet, verkleidet als Weihnachtself, in einem Weihnachtsgeschenkeladen. Den Kunden gegenüber ist sie unhöflich und ihre Karriere als Sängerin ist nicht existent. Weil sie im Moment keine Wohnung hat und nicht wieder bei ihren Eltern einziehen will, schläft sie bei Freundinnen.

Eines Tages trifft sie den sehr gutaussehenden, sehr charmanten und etwas geheimnisvollen Tom (Henry Golding), der alles das verkörpert, was eine Frau sich von einem Mann wünschen kann.

Aber Thompson und Feig streuen in diese kurz vor Weihnachten spielende RomCom immer wieder genug Salz um sie nicht zu einem dieser typischen zuckerigen, wirklichkeitsfernen Kitschfeste ausarten zu lassen.

Bis zum Ende verlässt diese vorhersehbare Geschichte deshalb immer wieder die Pfade des ausgetretenen Weihnachtskitsches. Sie setzt einige interessante Akzente, für die vor allem die Frauen zuständig sind. Kate ist eine respektlose und sehr sarkastische Person. Ihre Mutter Petra, gespielt von Emma Thompson mit Freude an den hausmütterlichsten Kleidern, die es wahrscheinlich in ganz England gibt, und einem überbesorgten Muttertrieb, und Kates Chefin Santa, gespielt von Michelle Yeoh als humorlos, diktatorische Chefin, die dann doch eine menschliche Ader hat, sind ebenso sarkastisch. Sie können auch mit dem ganzen Weihnachtskitsch wenig anfangen.

Die Männer sind in „Last Christmas“ nur noch eindimensionale Nebenfiguren, die vor allem den eben genannten Frauen ihre Wünsche erfüllen und ansonsten still sein sollen. Diese Umkehr der aus alten Unterhaltungsfilmen bekannten Geschlechterklischees ist eine nicht besonders subtile Kritik daran.

Tom hat als Kates Liebhaber und geistiger Führer durch das nächtliche London noch am meisten Eigenleben. Aber vor allem umgarnt er sie, ist nett,, höflich und sehr respektvoll. So weicht er auf dem Bürgersteig elegant allen Menschen aus.

Der Däne ist so verliebt in Santa, dass er sie sprachlos anhimmelt und tagelang auf der Straße vor dem Weihnachtsgeschäft stehen würde, wenn Kate ihn nicht in das Geschäft zu Santa gezerrt hätte. Im gesamten Film hat er ungefähr zwei Sätze.

Und Kates Vater hört seiner Frau und seinen Töchtern zugequatscht geduldig zu und gibt ihnen recht. Wenn er mal etwas sagen darf.

Erzählt wird Kates Weihnachtsgeschichte angenehm respektlos vor den Konventionen des Weihnachtsfilm, die dann letztendlich doch befolgt werden. Der Ton ist oft überraschend sarkastisch und schwarzhumorig, mit einigen herrlichen Spitzen und einem Blick auf aktuelle englische Probleme zwischen Obdachlosigkeit, Emigration und, in einem Halbsatz, Brexit.

All das macht aus „Last Christmas“ sicher keinen künftigen Klassiker. Dafür ist die Hauptgeschichte dann doch zu nachlässig entwickelt, während einzelnen Episoden und Gags in den Subplots zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ist auch ein Film, der etwas zu sehr von seinen verschiedenen Verneinungen lebt. So will er kein kitschiger Weihnachtsfilm sein, aber auch nicht das Gegenteil. Er ist auch ein Film, der schon seinen Titel von George Michaels ewigem Weihnachtshit „Last Christmas“ hat, seine Geschichte von einer Zeile aus dem Song inspirieren lässt und der während des Films mehrere George-Michael-Songs erklingen lässt. Aber sie bleiben weitgehend austauschbare Lieder, die im Hintergrund zu hören sind.

Für die Fans kitschiger Weihnachtsfilme, die jedes Jahr in unzähligen Kinos und TV-Programmen laufen, ist das dann sicher etwas unbefriedigend. Für alle anderen ist Feigs Komödie eine durchaus vergnügliche Angelegenheit. Auch dank der Damen Clarke, Thompson und Yeoh.

Last Christmas (Last Christmas, Großbritannien 2019)

Regie: Paul Feig

Drehbuch: Emma Thompson, Bryony Kimmings (nach einer Geschichte von Emma Thompson und Greg Wise)

mit Emilia Clarke, Henry Golding, Michelle Yeoh, Emma Thompson, Lydia Leonard, Rita Aryam, Liran Nathan, Calvin Demba, Peter Mygind, Boris Isakovic

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Last Christmas“

Metacritic über „Last Christmas“

Rotten Tomatoes über „Last Christmas“

Wikipedia über „Last Christmas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Ghostbusters“ (Ghostbuster, USA 2016)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Nur ein kleiner Gefallen“ (A simple Favor, USA 2018) und der DVD


TV-Tipp für den 15. November: Sierra Charriba

November 14, 2019

BR, 22.55

Sierra Charriba (Major Dundee, USA 1964)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: Harry Julian Fink, Oscar Saul, Sam Peckinpah

Nach dem Bürgerkrieg muss Unions-Major Amos Dundee zusammen mit Konföderiertem-Captain Benjamin Tyreen (mit dem er vor dem Krieg befreundet war) gegen den Apachen-Häuptling Sierra Charriba kämpfen. Denn dieser überfällt immer wieder Siedlungen der Weißen.

Nach dem Western „Sacramento“ drehte Peckinpah „Sierra Charriba“ und es gab auch gleich beim Dreh und beim Schnitt mächtig Ärger. „Sierra Charriba“ ist nicht Peckinpahs bester Film. Aber sehenswert ist der Western trotzdem.

„‚Sierra Charriba‘ ist ein spannender Action-Western und das faszinierende Überbleibsel eines Monumentalfilms, den es nie gegeben hat. Seine Macher konnten sich nie einigen, welche Art von Film sie eigentlich drehen wollten.“ (Glenn Erickson, Booklet zur DVD-Ausgabe)

mit Charlton Heston, Richard Harris, Jim Hutton, James Coburn, Michael Anderson jr., Senta Berger, Mario Adorf, Brock Peters, Warren Oates, Ben Johnson, R. G. Armstrong, Slim Pickens, Michael Pate

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sierra Charriba“

Turner Classic Movies über „Major Dundee“

Wikipedia über „Sierra Charriba“ (deutsch, englisch) und über Sam Peckinpah (deutsch, englisch)

Georg Seeßlen über Sam Peckinpah (der Nachruf erschien zuerst in epd Film 2/1985)

The Guardian: Rick Moody über Sam Peckinpah (9. Januar 2009)

Senses of Cinema: Gabrielle Murray über Sam Peckinpah

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“ (The deadly Companions, USA 1961)

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (Cross of Iron, D/GB 1977)

Meine Besprechung von Mike Siegels Dokumentation „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“ (D 2005)

Sam Peckinpah in der Kriminalakte

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Sie ist „Black and Blue“ – und hat Ärger mit den lieben Kollegen

November 14, 2019

Alicia West (Naomie Harris) ist in ihrem Geburtsort New Orleans ein Rookie-Cop. Als Afroamerikanerin muss sie mit den Vorurteilen ihrer Kollegen und der afroamerikanischen Gemeinschaft kämpfen. Vor allem weil sie im Ninth Ward eingesetzt wird. Dort ist die Polizei der Feind. Auch Jugendfreunde wollen nicht mehr als nötig mit ihr reden oder behaupten gleich, sie würden sie nicht kennen. Jetzt sei, wie ihr ein Kollege sagt, ihre Hautfarbe egal. Sie sei nicht mehr ‚Black‘ (ihre Hautfarbe), sondern ‚Blue‘ (die Farbe der Uniform).

Regisseur Deon Taylor etabliert in seinem Copthriller „Black and Blue“ diese Konfliktlinie, die damit verbundenen Probleme für West und die damit zusammenhängenden größeren Fragen in den ersten Minuten.

Kurz darauf übernimmt die alleinstehende West spontan für ihren Partner eine Extraschicht. Zusammen mit dem altgedienten Polizisten Deacon Brown (James Moses Black) fährt sie los. Während der Schicht hält er vor einer verlassenen Fabrikhalle und sagt ihr, sie solle im Streifenwagen auf ihn warten. West hört einen Schuss. Sie schleicht sich in das Gebäude und beobachtet, wie andere Polizisten einen Drogenhändler erschießen. Weil für sie das Tragen und Einschalten der Bodycam im Einsatz normal ist, hat ihre Bodycam alles aufgezeichnet. Und als ehrliche Polizistin will sie die Aufnahme in den Polizeicomputer übertragen und ihre Kollegen anzeigen. Denn Mord ist Mord.

Die Täter, Drogenfahnder Terry Malone (Frank Grillo), seine Partner Smitty (Beau Knapp) und Brown, verfolgen sie durch das Viertel und hetzen dabei weitere Polizisten und den örtlichen Drogenboss gegen sie auf.

Ab diesem Moment ist „Black and Blue“ dann fest im Fahrwasser eines 08/15-Actionthrillers über einen ehrlichen Polizisten, der gegen seine korrupten Kollegen kämpft. Und wie es sich für so einen Thriller gehört, werden die damit verbundenen Fragen zugunsten von Action schnell ad acta gelegt. Es gibt auch keine genauere Analyse der Gemeinschaft und der Welt der Polizisten. Denn selbstverständlich sind die verbrecherischen Polizisten nur eine kleine Gruppe innerhalb der Polizei. Ihre Taten haben daher keine strukturellen, sondern individuelle Ursachen und mit ihrer Verhaftung ist das Problem gelöst.

Nachdem die Entscheidung gefallen ist, Action gegenüber einer Analyse zu bevorzugen, wird die störende Logik geopfert. Vor allem West muss sich in entscheidenden Momenten nicht plausibel verhalten.

Und weil Taylor die Geschichte zwischen den wenigen Actionszenen nicht flott genug erzählt, um darüber hinwegzutäuschen, fragte ich mich schon während des Films, warum sie nicht sofort das Viertel verlässt, warum sie nicht zur nächsten (oder übernächsten) Polizeistation geht und dort alles seinen vorschriftsmäßigen Gang gehen lässt (Schließlich hätten nicht alle Polizisten ihr das Überspielen der Datei von ihre Bodycam auf den Zentralcomputer verweigert), warum sie, anstatt sich möglichst schnell an einen sicheren Ort zu begehen, erst einmal Stunden in einem Apartment in unmittelbarer Nähe zu ihren Verfolgern verbringt (okay, das ist wichtig, damit die Bösewichter ihre Kräfte sammeln können) und warum sie sich im Finale in eine lebensgefährliche Situation begibt, in der ihre Überlebenschance im besten Fall Fifty/Fifty ist. Wobei sie das natürlich tun muss, damit es ordentlich knallige Action und eine „Training Day“-Hommage gibt.

So ist „Black and Blue“ ein austauschbarer, immer unter seinen Möglichkeiten bleibender Polizeithriller. Er ist nicht wirklich schlecht, aber er versucht auch nie, wirklich gut zu sein, während er die aus unzähligen Filmen bekannten Personen und Situationen noch einmal, ohne große Variationen präsentiert.

Miss Moneypenny hätte in ihrer ersten Hauptrolle einen besseren Film verdient gehabt. Immerhin zeigt sie, dass sie mühelos einen Film tragen kann.

Black and Blue (Black and Blue, USA 2019

Regie: Deon Taylor

Drehbuch: Peter A. Dowling

mit Naomie Harris, Tyrese Gibson, Frank Grillo, Mike Colter, Reid Scott, Nafessa Williams, James Moses Black, Beau Knapp, Kevin Johnson, Deneen Tyler

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Black and Blue“

Metacritic über „Black and Blue“

Rotten Tomatoes über „Black and Blue“

Wikipedia über „Black and Blue“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. November: Supergirl

November 13, 2019

Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag, Rudolf Thome!

RBB, 00.00

Supergirl (Deutschland 1971)

Regie: Rudolf Thome

Drehbuch: Max Zihlmann, Rudolf Thome

Supergirl (Iris Berben), ein Mädchen von einem anderen Stern, verdreht Erdmännern den Kopf.

Sympathische Komödie von Rudolf Thome, der im München des Jahres 1970 einen verspielt-vertrackten Howard-Hawks-Film zu inszenieren versuchte, jedoch an zu vielen Klischees und den Produktionsbedingungen des Fernsehens scheiterte.“ (Lexikon des internationalen Films)

Vor „Supergirl“ inszenierte Thome „Detektive“ und „Rote Sonne“, zwei Sixties Kultfilme des deutschen Films, später „Berlin Chamissoplatz“, „System ohne Schatten“ und „Die Sonnengöttin“. Der am 14. November 1939 in Wallau (Hessen) geborene Thome wird wegen seines Stils immer wieder mit Eric Rohmer verglichen.

Anschließend, um 01.40 Uhr, läuft Thomes „Ins Blaue“ (Deutschland 2012).

mit Iris Berben, Marquard Bohm, Karina Ehret-Brandner, Jess Hahn, Klaus Lemke, Eddie Constantine, Rainer Werner Fassbinder

Hinweise

Filmportal über „Supergirl“

Wikipedia über „Supergirl“ (deutsch, englisch)

Homepage von Rudolf Thome


Garry Disher gibt Profieinbrecher Wyatt „Hitze“

November 13, 2019

Wyatt gehört zu einer kleinen Gruppe literarischer Serientäter. Polizisten, Privatdetektive und auch Geheimagenten ermitteln normalerweise in Krimiserien. Verbrecher selten. Sie sind ja die gegen Gesetze verstoßende Bösewichter, die am Ende der Geschichte geschnappt werden. Aber seitdem Richard Stark 1962 in „The Hunter“ (später, wegen der Verfilmungen „Point Blank“ und „Payback“, auf deutsch zuerst „Jetzt sind wir quitt“) Parker über die George-Washington-Brücke Richtung Manhattan gehen ließ, gibt es auch einige eiskalt Gewinn und Risiko abwägende Profiverbrecher, die stoisch ihrer Berufung folgen, bevorzugt allein arbeiten und immer wieder Ärger mit anderen Verbrechern und, selten, der Polizei haben. Moralische Bedenken haben sie nicht und am Ende der Geschichte können sie ziemlich oft mit der Beute entkommen.

Parkers bekannteste und erfolgreichsten Nachfolger sind Garry Dishers Wyatt, der 1991 in „Gier“ (Kickback) seinen ersten Diebstahl verübte, und Wallace Strobys Crissa Stone, die seit 2011 in nur vier Romanen auftrat. Wobei auch bei ihr eine Fortsetzung, wie ein Blick auf die Karrieren von Parker und Wyatt zeigt, nicht ausgeschlossen ist.

Am Anfang von „Hitze“, dem achten Wyatt-Abenteuer, braucht Wyatt wieder Geld. Mintos Angebot für einen Diebstahl, den Wyatt allein durchführen kann, kommt da gerade im richtigen Moment. Er soll ein Gemälde aus einer Wohnung an der Gold Coast, einem Touristen- und Rentnerparadies in Australien, stehlen. Verdienen würde er hunderttausend Dollar. Dass es sich bei dem von einem flämischen Maler im 17. Jahrhundert gemaltem Bild möglicherweise um Raubkunst handelt und es nach dem Diebstahl wieder in den Händen des rechtmäßigen Besitzers wäre, würde Wyatt nur dann interessieren, wenn er seine Diebstähle mit irgendwelchen moralischen Kriterien verbände. So ist es einfach nur sein nächster Diebstahl. Dieses Mal halt ein Auftragsdiebstahl mit einigen Mitwissern mehr als ihm gefällt. Denn die Auftraggeberin, eine in Brüssel lebende Jüdin, ist ebenfalls vor Ort. Mintos Nichte, die Immobilienmaklerin Leah Quarrell, hat das Haus ausspioniert und sie möchte gerne stärker in Wyatts Diebstahl involviert sein. Sie schmiedet auch schon einige Pläne, wie sie an das Gemälde kommen könnte.

Während Wyatt noch hofft, dass es trotz der vielen Mitwisser ein einfacher Diebstahl wird, braut sich über dem Diebstahl einiges an Unheil zusammen.

Hitze“ ist ein weiterer gelungener Wyatt-Roman. Disher erzählt gewohnt schnörkellos. Er pendelt zwischen mehreren Erzählsträngen und hat immer noch genug Zeit für einige überraschende Wendungen, die aus einem einfachen Einbruch an einem sonnigen Nachmittag eine veritable Selbstmordmission machen. Denn in Wyatts Welt sind Gier, Verrat und Dummheit immer nur einen Schritt weit entfernt. Aber Wyatt ist clever und er könnte mit der Beute entkommen.

Zur Freude aller Wyatt-Fans erschien in Australien, Garry Dishers Heimat, bereits 2018 das neunte Wyatt-Abenteuer „Kill Shot“.

Garry Disher: Hitze

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2019

288 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

The Heat

Text Publishing, 2015

Hinweise

Homepage von Garry Disher

Wikipedia über Garry Disher (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Dirty Old Town“ (Wyatt, 2010)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Kaltes Licht“ (Under the cold bright lights, 2017)

Garry Disher in der Kriminalakte

 

 


TV-Tipp für den 13. November: Raum

November 12, 2019

Arte, 20.15

Raum (Room, Irland/Kanada 2015)

Regie: Lenny Abrahamson

Drehbuch: Emma Donoghue

LV: Emma Donoghue: Room, 2010 (Raum)

Seit Jahren wird Joy in einem kleinen Raum von einem Sexverbrecher gefangen gehalten. Ihr Sohn Jack kennt nur diesen Raum. Aber er wird älter und stellt Fragen über die Welt. Eines Tages beschließt sie, mit ihrem Sohn zu fliehen.

TV-Premiere des großartigen, sehr beklemmenden und mühelos auf mehreren Ebenen interpretierbaren Kammerspiels.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Tom McCamus, Cas Anwar

Hinweise
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Metacritic über „Raum“
Rotten Tomatoes über „Raum“
Wikipedia über „Raum“ (deutsch, englisch)
Homepage von Emma Donoghue
Meine Besprechung von Lenny Abrahamsons „Frank“ (Frank, Irland/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Lenny Abrahamsons „Raum“ (Room, Irland/Kanada 2015)


Cover der Woche

November 12, 2019

Beim Aufräumen entdeckt. Jetzt muss das Büchlein nur noch gelesen werden


TV-Tipp für den 12. November: Iraqi Odyssey

November 12, 2019

3sat, 22.25

Iraqi Odyssey – Meine Familie aus Bagdad (Schweiz/Deutschland/Irak 2014)

Regie: Samir

Drehbuch: Samir

Samir erzählt die Geschichte seiner Familie, die aus dem Irak flüchten musste und heute verstreut auf der ganzen Welt lebt, und seines Geburtslandes Irak von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart.

Leider wird wieder nur die von Samir selbst auf auf neunzig Minuten gekürzte Version gezeigt.

Dabei langweilt auch die dreistündige Version in keiner Sekunde – und sie eröffnet einen anderen Blick auf das Land.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Samira Jamal Aldin, Sabah Jamal Aldin, Jamal Al Tahir, Tanya Uldin, Souhair Jamal Aldin, Samir

Hinweise
Homepage zum Film
Moviepilot über „Iraqi Odyssey“
Rotten Tomatoes über „Iraqi Odyssey“
Wikipedia über „Iraqi Odyssey“
Berlinale über „Iraqi Odyssey“

Meine Besprechung von Samirs „Iraqi Odyssey“ (Schweiz/Deutschland/Irak 2014)


TV-Tipp für den 11. November: Der zerrissene Vorhang

November 11, 2019

Nach „Topas“ (um 20.15 Uhr) besucht Alfred Hitchcock die DDR

Arte, 22.15

Der zerrissene Vorhang (Torn Curtain, USA 1966)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Brian Moore, Keith Waterhouse (ungenannt), Willis Hall (ungenannt)

Ein Physiker läuft in den Osten über. Allerdings nicht, um sein Land zu verraten, sondern um von einem Ost-Kollegen wichtige Informationen zu erhalten.

In den Sechzigern drehte Hitchcock zwei Spionagefilme. Doch „Der zerrissene Vorhang“ und „Topas“ zählen zu seinen schwächsten Werken: zu viele Charaktere, eine zu lahme Geschichte, einfach zu wenig Hitchcock und zu viel von einem starbesetzten Spionagefilm, für Menschen, die Filme gerne mit einer Flipchart ansehen.

Aus heutiger Sicht bietet „Der zerrissene Vorhang“ immerhin einige bekannte deutsche Schauspieler in einem Hitchcock-Film und einen hübschen Mord. Das ist für zwei Stunden aber zu wenig.

Brian Moore schrieb später unter anderem die Romane „Hetzjagd“, „Die Farbe des Blutes“ und „Es gibt kein anderes Leben“.

Mit Paul Newman, Julie Andrews, Lila Kedrova, Hansjörg Felmy, Wolfgang Kieling, Günther Strack

Wiederholung: Dienstag, 19. November, 13.55 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der zerrissene Vorhang“

Wikipedia über „Der zerrissene Vorhang“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Brian Moore

Alfred Hitchcock redet mit Francois Truffaut über “Der zerrissene Vorhang”

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. November: The Accountant

November 9, 2019

Pro7, 20.15

The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.

Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Ein Treffen mit vielen alten Bekannten in „Zombieland: Doppelt hält besser“

November 9, 2019

Mit dieser Fortsetzung hat keiner mehr wirklich gerechnet. Vor zehn Jahren, so ungefähr auf dem Höhepunkt der Zombiewelle, war „Zombieland“ eine Überraschung. Da wurden gleichzeitig die Regeln der Zombiefilme befolgt und durch den Kakao gezogen. Von einem spielfreudigen Ensemble und mit mehr als einer Portion schlagkräftigem Humor und kunstvoll über die Leinwand spritzender Zombiehirne. Der Film kam bei den Horrorfans gut an. Schnell wurde über eine Fortsetzung gesprochen. Und jetzt ist sie da. Wieder geschrieben von Rhett Reese und Paul Wernick, wieder inszeniert von Ruben Fleischer und wieder mit Jesse Eisenberg als Columbus, Woody Harrelson als Tallahassee, Emma Stone als Wichita und Abigail Breslin als Little Rock. Sogar Bill Murray, der im ersten Teil als Bill Murray das Zeitliche segnete, ist in „Zombieland: Doppelt hält besser“ wieder dabei. Und einige bemerkenswerte Neuzugänge mit unterschiedlich kurzen Lebenserwartungen.

Nachdem Columbus, Tallahassee, Wichita und Little Rock sich im Weißen Haus eingerichtet haben, beginnen sie ein fast schon normales WG-Leben. Als Columbus der auf ihre Unabhängigkeit bedachten Wichita einen Heiratsantrag macht, verlässt sie empört das Weiße Haus. Ihre jüngere Schwester Little Rock, die endlich gerne andere Männer kennen lernen möchte, ist selbstverständlich dabei.

In einer Shopping-Mall trifft der todunglückliche Columbus auf die auch für eine Klischeeblondine extrem nervige und dumme Madison (Zoey Deutch), die ihn am liebsten sofort vernaschen würde. Schließlich gibt es nach der Zombieapokalypse nicht mehr viele Männer.

Als Wichita ins Weiße Haus zurückkehrt, erwischt sie die beiden Turteltauben und der eh schon schief hängende Haussegen hängt noch schiefer. Sie wollte Columbus und Tallahassee um Hilfe bei der Suche nach ihrer Schwester bitten. Jetzt würde sie Columbus am liebsten umbringen. Und dann noch einmal umbringen.

Um Little Rock vor herumstreunenden Zombies und falschen Liebhabern zu retten, entschließen sie sich, gemeinsam aufzubrechen. Letztendlich sind sie doch eine Familie.

Auf ihrer mit Zombieattacken, Beziehungsproblemen und kleinen Gemeinheiten gepflasterten Reise in Richtung Graceland und später Babylon treffen sie Nevada (Rosario Dawson), die ein Elvis-Presley-Motel bewohnt, Nevads Mitbewohner Flagstaff (Thomas Middleditch) und Albuquerque (Luke Wilson), die Zwillinge von Columbus und Tallahassee sein könnten, Berkeley (Avan Jogia), ein singender Pazifist, der gegenüber Little Rock Bob Dylans Verse als die eigenen ausgibt und viele Zombies, mit teils neuen Fähigkeiten und treffenden Namen, wie Homer und T-800. Selbstverständlich endet alles mit einem großen Kampf zwischen Menschen und Zombies.

Zombieland: Doppelt hält besser“ wiederholt, mit einigen neuen Figuren und neuen Zombies, „Zombieland“ und vermeidet dabei die üblichen Fortsetzungsfallen. Weder wird der erste Film mit mehr Explosionen und Gewalt noch einmal inszeniert, noch wird sich an einer vollkommen neuen Geschichte versucht, die all das ignoriert, was den ersten Teil zu einem Erfolg machte. So erzählt „Zombieland: Doppelt hält besser“ eine sehr vertraute Geschichte mit einigen netten Variationen. Dafür nehmen die Macher sich mehr Zeit als beim ersten Film und es gibt Szenen im und am Ende des Abspanns.

Zombieland: Doppelt hält besser (Zombieland: Double Tap, USA 2019

Regie: Ruben Fleischer

Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick

mit Woody Harrelson, Jesse Eisenberg, Emma Stone, Abigail Breslin, Rosario Dawson, Zoey Deutch, Avan Jogia, Luke Wilson, Thomas Middleditch, Bill Murray

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Zombieland: Doppelt hält besser“

Metacritic über „Zombieland: Doppelt hält besser“

Rotten Tomatoes über „Zombieland: Doppelt hält besser“

Wikipedia über „Zombieland: Doppelt hält besser“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ruben Fleischers „Venom“ (Venom, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Report“ erteilt eine dringend nötige Geschichtsstunde

November 9, 2019

Geplant war wohl nur ein kleiner Bericht. Schließlich waren die für die Öffentlichkeit wichtigsten Fakten schon bekannt. Nach 9/11 hat die USA im ‚war on terror‘ Verdächtige gefoltert. Das war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen steht: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ Es war ein ebenso klarer Verstoß gegen den 1789 vorgeschlagenen und 1791 ratifizierten Fünften Zusatzartikel der US-amerikanischen Verfassung.

Aber das wahre Ausmaß war nicht bekannt. Im Dezember 2007 stieß die demokratische US-Senatorin Dianne Feinstein eine Untersuchung des „Detention and Interrogation Programm“, volkstümlich Folterprogramm, an. Der aktuelle Anlass war eine Zerstörung von Beweisen durch die CIA. Ihr Mitarbeiter Daniel J. Jones vertiefte sich mit einigen Kollegen in die Akten. Die CIA und alle in das Programm involvierten Institutionen bis hoch zum Weißen Haus versuchten ihre Arbeit mit allen möglichen Tricks zu behindern. Und zwar von der Recherche bis zur Veröffentlichung.

Am Ende erstellte Jones ein 6700 Seiten umfassendes, mit über 38.000 Fußnoten gespicktes Konvolut, das detailliert die Verstrickungen des Staates mit privaten Anbietern und deren Vertuschungen nachzeichnete. Nach heftigem Streit, ob und in welcher Form der Bericht veröffentlicht werden kann, wurde im Dezember 2014 eine auf 525 gekürzte, an vielen Stellen geschwärzte Fassung der „Committee Study of the Central Intelligence Agency’s Detention and Interrogation Program“ veröffentlicht.

Scott Z. Burns, der Autor von „The Bourne Ultimatum“, „The Informant!“, „Contagion“, „Side Effects“ und, aktuell, „The Landromat“ (yep, bis auf den ersten Film sind alle Filme von Steven Soderbergh inszeniert), nahm sich jetzt die Geschichte von Daniel J. Jones und seinem Kampf um die Veröffentlichung seiner Recherchen vor. Er schrieb, immer nah an den Fakten und dem CIA-Folterbericht, das Drehbuch und inszenierte den starbesetzten Film.

Er erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen: auf der einen Zeitebene begleiten wir Jones bei seinen Recherchen, die vor allem im Studium von Akten bestehen, und seinen Gesprächen mit Feinstein, auf der zweiten Zeitebene sehen wir, was Jones bei seinen Recherchen erfährt. Wir sehen also, wie wenige Tage nach dem 11. September 2001 die Bush-Regierung das Folterprogramm bewilligt und die CIA es ausführt. Zentral waren dafür die Psychologen James Mitchell und Bruce Jessen, die keinerlei Erfahrung und Wissen über Verhörtechniken und geheimdienstliche Aufgaben hatten, aber großmäulig behaupteten, dass ihre ‚verschärften Verhörtechniken‘ wirksam seien. Die Szenen, in denen Burns nachzeichnet, wie das Folterprogramm initiiert wird, wie wenig Widerstand es im Geheimdienst dagegen gibt und wie sehr sich alle der Illusion hingeben, dass einige selbsternannte Experten mehr wüssten als alle echten Experten, gehören zu den erschreckendsten Minuten des Films. Denn Burns zeichnet hier eine kollektive Realitätsverweigerung in mehreren Institutionen nach.

Als die Folterpraxis bekannt wurde, vor allem durch die Bilder aus Abu Ghuraib, begann die Bush-Regierung, Folter in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Hauptsächlich indem sie es in verschiedenen Variationen leugnete, erklärte, dass die von ihnen angewandten Methoden, wie Waterboarding, endloses Stehen und laute Musik keine Folter seien und behauptete, dass sie durch Folter wichtige Informationen im Kampf gegen Terroristen erhalten hatten. Das war Quatsch. Sie folterten und sie erhielten keine wichtigen Informationen.

Das alles bringt Burns zurück in das kollektive Gedächtnis und er zeigt, was ein kleiner Beamter tun kann.

Durch das parallele Erzählen der beiden Plots entsteht, auch wenn man die Fakten kennt (und nicht schon wieder vergessen hat), eine beträchtliche Spannung. Dabei konzentriert Burns sich bei seinem fast nur in Innenräumen spielendem Polit-Thriller auf die Schauspieler und die Dialoge. Die gesamte Inszenierung ist sehr ruhig. Sie orientiert sich an den Polit-Thrillern der siebziger Jahre, wie Alan J. Pakulas Watergate-Film „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976). Denn nichts soll vom Verstehen der Fakten ablenken.

Obwohl „The Report“ jetzt nur einen kleinen Kinostart hat und ab dem 29. November auf Amazon Prime gesehen werden kann, sollte man sich das Kammerspiel im Kino ansehen. Die Bilder und die Schauspieler füllen die Leinwand locker aus.

P. S.: Am 21. November läuft der ebenfalls sehenswerte Polit-Thriller „Official Secrets“ über die Whistleblowerin Katherine Guns an. Die beim britischen Geheimdienst beschäftigte Übersetzerin gab 2003 ein NSA-Memo an die Presse weiter. Nach dem Memo sollten UN-Delegierte ausspioniert und erpresst werden, damit sie einer UN-Sicherheitsresolution zustimmen, die die bevorstehende Invasion des Iraks legitimiert. Keira Knightley spielt Gun. Gavin Hood inszenierte.

The Report (The Report, USA 2019)

Regie: Scott Z. Burns

Drehbuch: Scott Z. Burns

mit Adam Driver, Annette Benning, Ted Levine, Jon Hamm, Sarah Goldberg, Maura Tierney, Michael C. Hall, Douglas Hodge, Fajer Kaisi, Jennifer Morrison, Tim Blake, Corey Stoll, Matthew Rhys

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Report“

Metacritic über „The Report“

Rotten Tomatoes über „The Report“

Wikipedia über „The Report“ (deutsch, englisch) und den CIA-Folterbericht (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. November: Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt: Das Jahr 1989

November 8, 2019

RBB, 20.15

Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt: Das Jahr 1989 (Deutschland 2019)

Regie: Gabriele Denecke

Drehbuch: Gabriele Denecke

Da könnte im Fernsehen der 30. Jahrestag des Falls der Mauer gefeiert werden, aber die TV-Sender erfreuen weitgehend mit ihrem ganz normalem Samstagabendprogramm (Quizshow, Krimi, Sportschau und „The Dark Knight Rises“). Nur ein kleiner Sender leistet tapfer Widerstand. Heute indem er viel Mauerprogramm zeigt und in der neunzigminütigen Doku „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt: Das Jahr 1989“ das Jahr, in dem aus Ost- und Westberlin wieder Berlin wurde, Revue passieren lässt.

Mehr Infos zur Sendung und den Ereignissen in Berlin.


Neu im Kino/Filmkritik: „2040 – Wir retten die Welt!“ mit der heute verfügbaren Technik

November 8, 2019

Nächster Beitrag in dem Genre „Filmemacher reisen um die Welt, besuchen vorbildliche Projekte und drehen darüber einen aufbauenden Film“. In „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ gelang das sehr gut. Die beiden Al-Gore-Filme „Eine unbequeme Wahrheit“ und „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft“ sind ebenfalls informative und kurzweilige Weltreisen zur Stärkung des ökologischen Bewusstseins. Auch in Michael Moores schon etwas älterem, unglaublich witzigem „Where to invade next“ funktioniert das Prinzip sehr gut. In dem Film geht es nicht um Umweltschutz, sondern um Arbeiterrechte, Bildung und den Strafvollzug, also soziale Grundrechte.

Jetzt hat sich Dokumentarfilmer Damon Gameau („Voll verzuckert – That Sugar Film“) auf eine ähnliche Reise begeben. In „2040 – Wir retten die Welt!“ will er seiner Tochter, die noch zu klein zum Mitreisen ist, zeigen, wie die Menschheit die Klimakatastrophe in wenigen Jahren mit heutiger Technik abwenden kann. 2040 ist seine jetzt vierjährige Tochter Mitte Zwanzig.

Gameau sieht sich Projekte zur dezentralen Solarenergie, zu Carsharing, zur nachhaltigen Landwirtschaft und zur Produktion von Seegras an. Gemeinsam ist diesen Techniken, dass sie Ressourcen schonen, dezentral sind und oft auf schon lange bestehendem Wissen und Techniken aufbauen. Und selbstverständlich ist jede dieser Maßnahmen sinnvoll und sollte auch verstärkt angewandt werden.

Er unterhält sich, teils an ungewohnten Orten, mit Fachleuten über ihre Arbeit. Und sie erzählen dann brav von ihren Projekten. Wobei unklar bleibt, wie diese lokalen Projekte auf eine nationale und eine globale Ebene übertragen werden können und ob es neben einigen netten Solarenergieprojekten auch einen größeren gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Umbau geben muss. Und von wem er wie gestaltet werden kann.

Dazu gibt es einige Animationen und Statements von Kindern, die sagen, was sie sich für das Jahr 2040 wünschen würden. Sie sagen in dem Moment das, was man in so einer Situation halt sagt.

Das wirkt wie eine beliebige Auswahl aus dem großen Regal „ressourcenschonende Ideen mit bestehender Technik“. Der so entstandene Film wirkt dann wie eine Aneinanderreihung von TV-Kurzbeiträgen. Das ist, unbestritten, gut gemeint. Aber halt nie so gut gemacht wie in den eingangs erwähnten Filmen. Sie wenden sich unmittelbar an die Zuschauer und fordern ihn zum Handeln auf. „2040 – Wir retten die Welt!“ ist dagegen nur ein Bilderbogen, in dem ein Vater seiner Tochter sagt, was wir heute tun könnten.

2040 – Wir retten die Welt! (2040, Australien 2019)

Regie: Damon Gameau

Drehbuch: Damon Gameau

mit Damon Gameau, Zoë Gameau, Paul Hawken, Kate Raworth, Tony Seba, Eric Toensmeier, Colin Seis, Brian von Herzen

Länge: 92 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „2040 – Wir retten die Welt!“

Rotten Tomatoes über „2040 – Wir retten die Welt!“

Wikipedia über „2040 – Wir retten die Welt!“


Neu im Kino/Filmkritik: „Marianne & Leonard: Words of Love“ von Leonard Cohen an Marianne Ihlen

November 8, 2019

So long, Marianne“ ist ein Songs von Leonard Cohens erster, Ende 1967 erschienener LP „Songs of Leonard Cohen“. Er ist, wie die ebenfalls auf der LP enthaltenen Songs „Suzanne“, „Sisters of Mercy“ und „Hey, that’s no way to say Goodbye“, einer seiner Klassiker.

In seinem neuen Dokumentarfilm „Marianne & Leonard: Words of Love“ zeigt Nick Broomfield die Geschichte hinter dem Lied. Zu seinen bisherigen Arbeiten gehören „Aileen: Life and Death of a Serial Killer“, „Battle for Haditha“ und „Whitney – Can I be me“.

Die von Cohen in seinem Lied angesprochene „Marianne“ ist die Norwegerin Marianne Ihlen. Cohen lernte sie 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennen.

Damals lebte sie auf Hydra mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Axel Jensen, und ihrem gemeinsamen Sohn. Sie lernten sich kennen, verbrachten Zeit miteinander und verliebten sich. Sie war eine von Cohens zahlreichen Freundinnen und Musen, die ihn zu mehreren Liedern inspiriert. Das war nie ein Geheimnis. Auch wenn man die von Broomfield in seiner Dokumentation ausführlich geschilderten Liebes- und Beziehungshintergründe und das freizügige Leben der Ausländer in Griechenland zwischen freier Liebe, Drogen und Künstlertum nicht genau kannte.

Diese Beschreibung des Lebens der Bohemien-Künstlergemeinschaft auf der Insel, der Beziehung zwischen Marianne Ihlen und Leonard Cohen, Cohens ersten Schritten als Musiker und ihrer Trennung sind der stärkste Teil von Broomfields Doku.

In der zweiten Hälfte schildert er ihr weiteres Leben und ihre lebenslange Freundschaft bis zu ihrem Tod. Ihlen starb im Juni 2016, Cohen im November 2016. Bei Marianne Ihlen verlief das weitere Leben, abseits des Rampenlichts der Medien, recht ereignislos in ihrer Heimat in bürgerlichen Bahnen. Cohens Leben als Musiker, sein jahrelanger Rückzug als Buddhist ins Mount Baldy Zen Center und seine aufgrund finanzieller Probleme notwendige und sehr erfolgreiche Rückkehr in das Musikgeschäft mit mehreren CDs und umjubelten Tourneen verlief im Rampenlicht der Öffentlichkeit und würde sich problemlos für mindestens eine ausführliche Dokumentation eignen.

Aber wie Broomfield in der dieser zweiten Filmhälfte willkürlich Ereignisse aus Cohens Leben hervorhebt, ist absolut ärgerlich. Da fehlen dann ganze Jahre, Platten und wichtige Songs wie „First we take Manhattan“, während „Hallelujah“ über mehrere Minuten abgefeiert wird. Seine Zeit im Kloster wird mit einigen bizarr anmutenden Bildern von Rōshi Kyozan Joshu Sasaki und Cohen als seinem Diener illustriert. Diese Bilder aus fast fünfzig Jahren wirken, als habe Broomfield verzweifelt Material gesucht, um auf die richtige Länge zu kommen, und als habe er dafür einfach alles genommen, was gerade vorhanden war. Dieses Material ist im Rahmen der Schilderung einer Beziehung denkbar uninteressant.

Für Cohen-Fans ist „Marianne & Leonard: Words of Love“ natürlich sehenswert.

Marianne & Leonard: Words of Love (Marianne & Leonard: Words of Love, USA 2019)

Regie: Nick Broomfield

Drehbuch: Nick Broomfield

mit Nick Broomfield (Erzähler), Marianne Ihlen, Leonard Cohen

Länge: 97 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Moviepilot über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Metacritic über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Rotten Tomatoes über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Wikipedia über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Meine Besprechung von Nick Broomfield/Rudi Dolezals „Whitney – Can I be me“ (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 8. November: Dom Hemingway

November 8, 2019

Pro7, 01.00

Dom Hemingway (Dom Hemingway, Großbritannien 2013)

Regie: Richard Shepard

Drehbuch: Richard Shepard

Dom Hemingway ist ein frisch aus dem Knast entlasssener Safeknacker, Angeber, Arschloch und Choleriker (um nur seine guten Seiten zu erwähnen). Jetzt will er seinen Anteil aus einem früheren Diebstahl haben und, nun, die Dinge entwickeln sich anders als von Dom geplant.

Für Nachteulen perfekte Gangstergroteske, die sich nur um den von Jude Law grandios gespielten Dom Hemingway dreht.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jude Law, Richard E. Grant, Demian Bichir, Emilia Clarke, Kerry Condon, Jumayn Hunter, Madalina Ghenea, Nathan Stewart-Jarrett

Hinweise

Moviepilot über „Dom Hemingway“

Metacritic über „Dom Hemingway“

Rotten Tomatoes über „Dom Hemingway“

Wikipedia über „Dom Hemingway“ 

Meine Besprechung von Richard Shepards „Dom Hemingway“ (Dom Hemingway, Großbritannien 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Roland Emmerich inszeniert die Schlacht um „Midway – Für die Freiheit“ in den Heldentod

November 8, 2019

Es war vielleicht nicht die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkriegs, aber die Schlacht um Midway war eine entscheidende Schlacht zwischen den USA und Japan im Zweiten Weltkrieg, die den weiteren Kriegsverlauf im Pazifik prägte.

Nach dem Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 beginnt der Krieg zwischen den beiden Ländern. Die amerikanischen Streitkräfte sind nach diesem Angriff, auf den sie nicht vorbereitet waren, entscheidend geschwächt.

Ihren nächsten großen Angriff planen die Japaner auf die Midwayinseln, auf denen ein Luftwaffenstützpunkt der US Navy ist. Aber amerikanische Entschlüsselungsexperten fangen japanische Funksprüche ab und vermuten, dass ein Angriff auf die Midwayinseln geplant ist. Admiral Chester W. Nimitz, der zu dem Zeitpunkt Oberbefehlshaber im Pazifik ist, hält die Vermutungen von U. S. Navy-Geheimdienstoffizier Edwin Layton und seiner Entschlüsselungsexperten für stichhaltig. Unter größter Geheimhaltung verlegt er seine Flotte, unter anderem drei Flugzeugträger, zu den Inseln.

Die anschließende Schlacht um die Midwayinseln dauert vom 4. bis zum 7. Juni 1942. Die Amerikaner verlieren einen Flugzeugträger, einen Zerstörer und 98 Flugzeuge. Es sterben 307 US-Soldaten.

Die von der starken US-amerikanischen Präsenz überraschten Japaner verlieren vier Flugzeugträger, einen Kreuzer und ungefähr dreihundert Trägerflugzeuge. 3057 Japaner sterben in der Schlacht, die als Wendepunkt des Pazifikkrieges gilt. Danach waren die Japaner in der Defensive.

Über vierzig Jahre nach Jack Smights Kriegsfilm „Schlacht um Midway“ verfilmt Roland Emmerich jetzt, immer nah an den historisch verbürgten Ereignissen entlang, die Vorgeschichte und die Schlacht neu. Sein Film beginnt nach einem kurzen Prolog, mit dem Angriff auf Pearl Harbor und endet kurz nach der Schlacht um die Midwayinseln. Wie schon bei Smight gibt es ein großes Aufgebot bekannter Schauspieler: Woody Harrelson spielt Chester W. Nimitz, Patrick Wilson den Geheimdienstoffizier Edwin Layton, Aaron Eckhart Jimmy Doolitle, Luke Evans Wade McClusky, Dennis Quaid William ‚Bull‘ Halsey und Ed Skrein in der Hauptrolle den tapferen Piloten Richard Halsey ‚Dick‘ Best.

Der Film ist dann genau das patriotische, starbesetzte Heldenepos, das man erwartet und das so schon vor Jahrzehnten gemacht wurde. Und das, wenn die japanischen Offiziere sich nach der Schlacht tapfer mit ihrer Niederlage abfinden, an der Selbstparodie entlangschrammt.

Trotzdem gelingt es Emmerich in seinem Fünfziger-Jahre-Kriegsfilm einige eigene Akzente zu setzen. So wird die japanische Seite erstaunlich ausführlich gezeigt. Es wird sich dann auch wenigstens etwas bemüht, ihre Sicht des Konflikts zu zeigen. In den Szenen wird sogar japanisch gesprochen (wenigstens in der Originalfassung des Films).

Auch ist „Midway“ für einen Kriegsfilm, der den tapferen Soldaten in einer siegreichen Schlacht zelebriert, erstaunlich unpathetisch und unpatriotisch.

Das ändert aber nichts daran, dass alle US-Soldaten unglaublich tapfer sind. Sie alle sind edle Krieger. Die Japaner dagegen dürfen all die Kriegsverbrechen und Gemeinheiten begehen, die es rechtfertigen, dass sie im Kampf getötet werden. Das beginnt schon mit ihrem feigen Angriff auf Pearl Harbor und endet bei ihrem Umgang mit US-Navy-Soldaten, die während der Schlacht um Midway in Gefangenschaft geraten.

Das ist die altbekannte Schwarzweiß-Zeichnung von guten, tapferen und siegreichen Amerikanern und bösen, hinterhältigen und hochnäsigen Japanern.

Es gibt vollkommen verschenkte Subplots. Zum Beispiel der Subplot mit Aaron Eckhart als Jimmy Doolittle, der am 18. April 1942 in einem Überraschungsangriff Tokio bombardiert. Anschließend fliegen sie in Richtung China, wo Doolittle und seine Untergebenen, die die Mission bis dahin überlebten, sich mit einigen ihnen helfenden Einheimischen unterhalten. Anschließend verschwindet er aus dem Film. Für den weiteren Film sind seine Szenen so bedeutungslos, dass man sie umstandslos in das Bonusmaterial hätte verbannen können.

Oder die Szenen mit Geoffrey Blake als John Ford. Der Westernregisseur war damals wirklich auf Midway und filmte die Schlacht. Blake gibt eine denkwürdige Vorstellung als knurriger Regisseur der alten Macho-Schule, der mitten im Bombenhagel von seinem Kameramann nur verlangt, dass er weiterdreht. Leider sieht man ihn in nur zwei Szenen. Im Abspann, wo wir einige Informationen über das weitere Leben der US-amerikanischen Helden erhalten, noch nicht einmal erwähnt, dass Ford aus seinen Aufnahmen den Oscar-prämierten Film „The Battle of Midway“ machte. Angesichts der Länge des Films mit gut hundertvierzig Minuten hätte man diese Szenen ebenfalls in das Bonusmaterial verbannen können.

Midway“ ist ein altmodischer Kriegsfilm, der mal wieder den Krieg als Schule für den Mann darstellt. Daher stehen auch die Kampfflieger und all die anderen Soldaten, die an der Front kämpfen und sterben, im Mittelpunkt. Die Entschlüsselungsexperten, die mit ihrer Arbeit die entscheidenden Informationen für die Entsendung der Schiffe nach Midway gaben, werden nur einmal gezeigt und anschließend in Nebensätze verbannt.

Midway – Für die Freiheit (Midway, USA 2019)

Regie: Roland Emmerich

Drehbuch: Wes Tooke

mit Ed Skrein, Patrick Wilson, Woody Harrelson, Luke Evans, Aaron Eckhart, Mandy Moore, Dennis Quaid, Nick Jonas, Etsushi Toyokawa, Tadanobu Asano, Luke Kleintank, Darren Criss, Keean Johnson

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Midway“

Metacritic über „Midway“

Rotten Tomatoes über „Midway“

Wikipedia über „Midway“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Roland Emmerichs „White House Down“ (White House Down, USA 2013)

Meine Besprechung von Roland Emmerichs „Stonewall“ (Stonewall, USA 2015)

Meine Besprechung von Roland Emmerichs „Independence Day: Wiederkehr (Independence Day: Resurgence, USA 2016)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Oh Boy! Corinna Harfouch ist „Lara“

November 7, 2019

Endlich hat Corinna Harfouch wieder eine Hauptrolle übernommen. „Giulias Verschwinden“, „Blond: Eva Blond!“ und „Vera Brühne“ liegen ja schon einige Jahre zurück.

Endlich hat Jan-Ole Gerster wieder Regie geführt. Sein Debüt „Oh Boy“ war ein Überraschungserfolg und ist einer der allseits beliebten Berlin-Filme. Seitdem sind sieben Jahre vergangen.

Mit seinem zweiten Spielfilm „Lara“ hat er auf den ersten Blick noch einmal „Oh Boy“ inszeniert. Nur dass dieses Mal nicht Tom Schilling, sondern Corinna Harfouch einen Tag lang ziellos durch Berlin streift.

Auf den zweiten Blick ist „Lara“ erzählerisch dann mindestens ein großer Schritt nach vorne in erzählerisch anspruchsvollere Gefilde. In „Oh Boy“ stolpert der Endzwanziger Niko ziellos durch die Stadt, hat einige erfreuliche, einige weniger erfreuliche Begegnungen und er sucht dabei nur eine gute Tasse Kaffee. Die bekommt er am Ende des Films. „Oh Boy“ ist ein wunderschöner SW-Nouvelle-Vague-Film, der genauso ziellos wie sein Protagonist ist. Gerster könnte da mühelos Episoden austauschen oder weglassen und nichts würde sich verändern.

Lara“ ist dagegen ein deutlich komplexerer Film, der Gegenwart und Vergangenheit zu einem Psychogramm einer sehr problematischen Frau verwebt. Lara ist, pünktlich zu ihrem sechzigsten Geburtstag, in Rente geschickt worden. Die Beamtin war eine strenge, fordernde und vollkommen humor- und empathielose Abteilungsleiterin. Freunde hat sie keine. Sie ist auch nicht zum Konzert ihres Sohnes eingeladen.

Viktor ist ein gefeierter klassischer Pianist, der heute Abend ein von ihm komponiertes Stück aufführen will. In der Vergangenheit litt er immer wieder unter ihren Ansprüchen. Sie spornte ihn gleichzeitig zu Höchstleistungen an und sagte ihm, dass er nicht gut genug sei. Und Viktor gelang es nie, sich von ihrem prägenden Einfluss zu lösen. Weil sie durch ihre Anwesenheit Viktors großen Abend sabotieren könnte, will ihr Ex-Mann verhindern, dass Lara ihn vor dem Konzert trifft.

Lara, die an ihrem runden Geburtstag nichts vor hat, streift ziellos durch das alte Westberlin. Sie trifft immer wieder Menschen, die sie zwingen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen. Lara wollte früher selbst Pianistin werden. Sie stellte höchste Ansprüche an sich selbst. Sie war auf dem besten Weg, eine Konzertpianistin zu werden, wenn nicht ein von ihr bewunderter Musiker an ihrem Talent gezweifelt hätte. Danach wurde sie die keine Fehler verzeihende, unverschämt hohe Ansprüche stellende Klavierlehrerin ihres Sohnes, der als erwachsener Mann immer noch versucht sich von ihr zu lösen und gleichzeitig, wie ein kleines Kind, von ihrem Urteil abhängig ist.

Schon in den ersten Minuten liefert Gerster die wichtigsten Informationen über Lara. In den nächsten gut hundert Minuten fügt er diesem Bild so viele neue Facetten bei, dass es immer spannend bleibt. Und in den letzten Minuten mit deprimierender Klarheit deutlich wird, wie sehr Lara unwissentlich Erfahrungen weitergab, die sie, ebenfalls unwissentlich, übernahm. Es ist ein Teufelskreislauf, aus dem sie sich nie befreite, weil sie nicht wusste, dass sie in diesem Kreislauf steckte. Falls sie es überhaupt wissen wollte.

Lara“ ist eine glänzend gespielte, präzise inszenierte und gespielte Charakterstudie, die bei aller Tristesse unglaublich unterhaltsam ist. Und ein Berlin-Film.

Jetzt ist nur zu hoffen, dass nicht wieder sieben Jahre bis zu Gersters nächstem Film vergehen.

Lara (Deutschland 2019)

Regie: Jan-Ole Gerster

Drehbuch: Blaž Kutin

mit Corinna Harfouch, Tom Schilling, Volkmar Kleinert, André Jung, Gudrun Ritter, Rainer Bock, Mala Emde, Steffen Jürgens, Alexander Khuon, Birge Schade, Johann von Bülow

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

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Filmportal über „Lara“

Moviepilot über „Lara“

Rotten Tomatoes über „Lara“

Wikipedia über „Lara“

Gespräch mit Jan-Ole Gerster und Produzent Marcos Kantis nach der Premiere auf dem Filmfest München


Charlotte Wiedemann betrachtet „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ – und liest in Berlin daraus vor

November 7, 2019

Charlotte Wiedemann reiste als Journalistin für „Geo“, „Die Zeit“, „Le Monde Diplomatique“ und die „taz“ um die halbe Welt, berichtete oft aus Asien und Afrika und erhielt 2017 von der Otto-Brenner-Stiftung den Spezial-Preis für ihr Lebenswerk.

In ihrem neuen Buch „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ geht es, wie der Titel verrät, um die Veränderungen in westlichen Gesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten. Denn die jahrhundertelang gepflegte Zeit der unumstrittenen Dominanz des Westens ist vorbei. Diese ‚weiße Dominanz‘ war und ist in erster Linie die Dominanz weißer Männer über Menschen anderer Hautfarbe und Geschlecht; in zweiter Linie die weißer Frauen über Menschen anderer Hautfarbe.

Wer an dem Ende der weißen Herrschaft und der damit verbundenen Dominanz des Westens zweifelt, muss nur einen Blick in ein x-beliebiges Büro oder die Straße einer westeuropäischen Großstadt werfen und das heutige Bild mit einem Bild aus den fünfziger Jahren vergleichen. Oder sich einige Statistiken mit globalen militärischen und ökonomischen Daten ansehen.

Mit Zahlen hat Wiedemann es dann nicht so sehr. Ihr geht es mehr um das mit Beispielen gesättigte Nachzeichnen von Entwicklungen, die sie selbst miterlebte. Besonders gut gelingt ihr das, wenn sie erzählt, wie die Bundesrepublik sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte. Als sie zur Schule ging, waren alle ihre Mitschülerinnen weiße Deutsche, die evangelisch oder katholisch waren. Und der Graben zwischen Evangelen und Katholen erschien unüberwindbar. Heute sehen Schulklassen ganz anders aus. Als sie im Sommer 1983 als Lokalreporterin erstmals die Wohnung einer Gastarbeiterfamilie betrat, war in deren Wohnung kein Zeichen ihrer Religion zu sehen. Stattdessen bemühten sie sich um größtmögliche Unauffälligkeit. Im öffentlichen Leben kamen die Gastarbeiter nicht vor. Sie hatten keine Stimme. Heute gehören die Kinder und Enkelkinder der Gastarbeiter fest zum Straßenbild und zur Öffentlichkeit. Dass sie mit italienischem (Pizza!) und türkischem (Döner!!) Essen die deutsche Esskultur (Saumagen) bereicherten, ist ebenso unstrittig.

Dieses Kapitel „Wie wir waren. Wie wir sein werden“ ist das stärkste Kapitel des Buches, weil Wiedemann hier persönliches Erleben mit der Geschichte Deutschlands verbindet und durchgehend ein größerer erzählerisch-argumentativer Zusammenhang erkennbar ist. In den folgenden Kapiteln fehlt er zugunsten einer eklektischen Zusammenstellung von kurzen, unabhängig nebeneinander stehenden Texten. Sie schreibt über Rassismus, Feminismus, den Islam, Kolonialismus, die vergessene deutsche Kolonialgeschichte und den weißen Blick auf freiwillige und unfreiwillige Mobilität und Gewalt. Dabei zeigt sie immer wieder, wie sehr die weiße Perspektive sich von anderen Perspektiven unterscheidet und wie sehr die weiße Perspektive Dinge ausblendet. Bei der ‚Asylflut‘ die Fluchtursachen; bei den ‚kriminellen dunkelhäutigen Verbrechern‘ die von Deutschen begangenen Verbrechen.

Das ist durchaus interessant und auch immer wieder erhellend. Aber sehr schnell wird Wiedemanns selbstgewählte Anspruch beim Lesen zum Stolperstein. Im Vorwort schreibt sie, ihr Buch sei „ein Mosaik von Gedanken, Erinnerungen und Begegnungen geworden. Die kurze Form der Texte lädt ein zum Innehalten und zum vernetzten Lesen“.

Es ist damit auch ein Buch, das man nicht unbedingt in einem Rutsch durchlesen sollte. Es ist eine Gedankensammlung irgendwo zwischen Notizen und Zeitungskommentaren, die nur sehr lose miteinander zusammenhängen. Daraus ergibt sich, notgedrungen, keine durchgehende Argumentation und auch keine tiefschürende Analyse. Alles bleibt letztendlich im Anekdotischen und Oberflächlichen stecken. Nicht etwa, weil Wiedemann nichts zu sagen hätte, sondern weil sie in den kurzen Texten nicht in die Tiefe gehen kann.

So schlecht „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ als Buch funktioniert (jedenfalls, wenn man mehr als Gedankensplitter erwartet), so gut können die Texte bei einer Lesung als Einstieg in eine Diskussion funktionieren. Denn da kann nachgefragt, widersprochen, präzisiert und erklärt werden.

In Berlin kann das in den kommenden Tagen zweimal überprüft werden. Am Freitag, den 8. November, liest Wiedemann in Buchhandlung Leporello (Krokusstraße 91) ab 19.00 Uhr aus ihrem Buch. Die Lesung ist Teil der Reihe »Widerworte« der Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus.

Am Mittwoch, den 20. November, stellt Wiedemann ab 20.00 Uhr ihr Buch im Buchladen Schwarze Risse (Gneisenaustr. 2a) vor. Es handelt sich um eine Benefiz-Lesung für das Bürger*innen-Asyl Berlin.

Weitere Lesungen hier.

Charlotte Wiedemann: Der lange Abschied von der weißen Dominanz

dtv, 2019

288 Seiten

18 Euro

Hinweis

Homepage von Charlotte Wiedemann

 


TV-Tipp für den 7. November: Avatar – Aufbruch nach Pandora

November 7, 2019

Vox, 20.15

Avatar – Aufbruch nach Pandora (Avatar, USA 2009)

Regie: James Cameron

Drehbuch: James Cameron

Optisch beeindruckender, storytechnisch ziemlich unterirdischer SF-Fantasy-Film, der den 3D-Boom auslöste und Unsummen einspielte. Denn Cameron erzählt einfach die sattsam bekannte Geschichte vom edlen Wilden und dem gierigen Kapitalisten, voller Logiklöcher, Merkwürdigkeiten und auch Längen nach.

Im Moment arbeitet Cameron an weiteren „Avatar“-Filmen.

mit Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, Michelle Rodriguez, Giovanni Ribisi, Joel David Moore, Stephen Lang, CCH Pounder, Wes Studi

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Avatar“

Wikipedia über „Avatar“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Avatar“ von James Cameron

Meine Besprechung von James Camerons „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (Terminator 2: Judgment Day, USA 1991)