TV-Tipp für den 16. März: Beware of Mr. Baker

März 16, 2018

Arte, 21.45

Beware of Mr. Baker (Beware of Mr. Baker, USA 2012)

Regie: Jay Bulger

Drehbuch: Jay Bulger

Hochgelobte Doku mit und über Ginger Baker, den Schlagzeuger von „Cream“ (Sixties Supergroup mit E-Gitarrist Eric Clapton und Bassist Jack Bruce), „Blind Faith“ (dito, aber kurzlebiger) und „Ginger Baker’s Air Force“ (auch kurzlebig). Neben zahlreichen Soloplatten trommelte er mehrere Jahre bei „Hawkwind“ und auf zahlreichen Platten von anderen Künstlern. Musikalisch grandios, menschlich nicht so sehr.

mit Ginger Baker, Ginette Baker, Kofi Baker, Leda Baker, Jay Bulger, Brian Auger, Bonnie Bramlett, Jack Bruce, Eric Clapton, Stewart Copeland, Jon Hiseman, Femi Kuti, Bill Laswell, John Lydon, Ron Miles, Carlos Santana, Lars Ulrich, Charlie Watts, Steve Winwood, Bernie Worrell

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Beware of Mr. Baker“

Wikipedia über „Beware of Mr. Baker“ und Ginger Baker (deutsch, englisch)

AllMusic über Ginger Baker


Neu im Kino/Filmkritik: „Tomb Raider“ Alicia Vikander begibt sich auf Schatzsuche

März 15, 2018

Lara Croft, zweiter Kinoversuch; – wenn wir die beiden Auftritte von Angelina Jolie 2001 und 2003 als einen Versuch werten. Dieses Mal, den aktuellen Entwicklungen in dem Computerspiel folgend, mit deutlich reduzierter Oberweite. Aber immer noch spärlich bekleidet.

Alicia Vikander spielt jetzt die Grabräuberin Lara Croft, die erst im Film zur Grabräuberin wird. Vor sieben Jahre verschwand ihr von ihr über alles verehrter und geliebter Vater Richard Croft (Dominic West) irgendwo im Pazifik vor der japanischen Küste spurlos. Croft ist der Inhaber eines weit verzweigten Firmenkonglomerats und ebenfalls ein, uh, Schatzsucher, der auf der ganzen Welt nach historischen Artefakten sucht.

Heute lebt Lara in London als Fahrradkurierin am unteren Ende der ökonomischen Futterleiter. Die Einundzwanzigjährige will das Familienerbe nicht antreten und auch nicht von dem unermesslichen Vermögen ihres Vaters profitieren. Trotzdem kann ihre Quasi-Mutter Ana Miller (Kristin Scott Thomas), die während Crofts Abwesenheit die Geschäfte der Croft Holding führt, sie überzeugen, endlich die Todeserklärung für ihren Vater zu unterschreiben. Lara tut es bei einem dafür anberauntem Treffen dann doch nicht. Aber sie erhält in dem Moment einen Schlüsel, der ihr auf dem Croft-Landsitz die Tür zu einem versteckten Arbeitszimmer ihres Vaters öffnet. Dort sind Dokumente über seine letzte Reise und eine an sie gerichtete Videobotschaft. Sie soll alle Informationen über Himiko vernichten. Sie tut es nicht. Stattdessen macht sie sich, immer noch das Erbe verschmähend, ohne Geld auf den Weg nach Hongkong und von dort nach Yamatai. Auf der Insel will sie herauszufinden, was mit ihrem Vater geschah.

Dort trifft sie zuerst auf Mathias Vogel (Walton Goggins) (allein schon der deutsche Name prädestiniert ihn zum Bösewicht) und seine bewaffneten Männer. Sie suchen dort im Auftrag des Ordens der Dreieinigkeit seit sieben Jahren das Grab der Königin Himiko. Sie ist auch als die Mutter des Todes bekannt und das, was in ihrem Grab ist, kann die Welt vernichten. Jedenfalls glauben das Matthias Vogel, der die teuflischen Kräfte der Königin auf die Welt loslassen will, und der spurlos verschwundene und wahrscheinlich schon seit Jahren verstorbene Richard Croft, der das Schlimmste verhindern will.

Lara, deren Schatzsucher-Gene auf der Insel erwachen, will ebenfalls das Grab der Königin Himiko entdecken. Aber sie will auch, wie ihr Vater, verhindern, dass das Erbe der Königin in die falschen Hände fällt.

Davor trifft sie, zwischen etlichen Action-Einladen, auf der Insel einen Einsiedler, der ihr vielleicht helfen kann.

Tomb Raider“ ist nicht die befüchrtete Vollkatastrophe. Für den Actionfilm spricht die immer nachvollziehbare Geschichte, die engagierten Schauspieler (die angesichts des dünnen Ausgangsmaterial nicht in Richtung Overacting, sondern vor allem in Richtung unprätentiöses Spiel der alten ’no acting required“-Schule schlendern), die ruhige Kamera, das gemäßigte Schnitttempo (die Zeiten von wackeliger Wackelkamera und Zehntelsekundenschnitten sind vorbei) und die erfreulichen Actionszenen, die weitgehend vollkommen unglaubwürdige Over-the-Top-Action vermeiden. Allerdings können sie, wenn Lara Croft über einen Baumstamm oder einer Leiter läuft, die eine Schlucht oder eine Grube überbrücken, oder wenn sie ohne Schwimmweste und Halteseil mitten im Sturm auf einem Schiff herumturnt, oder wenn sie sich aus einem reißenden Fluss in ein schon seit dem Zweiten Weltkrieg über einem Wasserfall hängendes Flugzeugwrack rettet, das dann bei jeder Gewichtsverlagerung langsam zerbricht, nie verhehlen, dass sie in der sicheren Umgebung eines Studios und mit viel CGI entstanden sind. Das macht sie zu nett anzusehenden, letztendlich unspektakulären Actionszenen. Spannender sind da eine Fahrradverfolgungsjagd durch London oder diverse Faustkämpfe, in die Lara Croft involviert ist. Auch ja: und springen und laufen kann sie verdammt gut. Vor allem vor tödlichen Gefahren kann sie unglaublich schnell davon laufen.

Regisseur Roar Uthaugs „Tomb Raider“ gehört als naive Abenteuergeschichte sogar zu den besseren Spieleverfilmungen. Aber es ist kein guter Film und es ist auch kein erinnerungswürdiger Film. Dafür ist die Geschichte viel zu vorherhsehbar.

Tomb Raider“ ist als humorlose, in die Gegenwart verlegte Indiana-Jones-Variante oder als spielfilmlange Episode von „Relic Hunter – Die Schatzjägerin“ vor allem ein altmodischer Abenteuerfilm, der sich nicht sonderlich um Logik oder Wahrscheinlichkeit schert und besser in der Vergangenheit, zum Beispiel den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielen sollte.

Tomb Raider (Tomb Raider, USA 2018)

Regie: Roar Uthaug

Drehbuch: Geneva Robertson-Dworet, Alastair Siddons (nach einer Geschichte von Evan Daugherty und Geneva Robertson-Dworet)

mit Alicia Vikander, Dominic West, Walton Goggins, Daniel Wu, Kristin Scott Thomas, Derek Jacobi, Alexandre Willaume

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tomb Raider“

Metacritic über „Tomb Raider“

Rotten Tomatoes über „Tomb Raider“

Wikipedia über „Tomb Raider“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. März: Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino

März 15, 2018

SWR 23.15

Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino (Deutschland 2018)

Regie: Jo Müller

Drehbuch: Jo Müller

Spielfilmlange Doku über Carl Laemmle, den Gründer der Universal Studios.

mit Antonia Carlotta, Greg Laemmle, Carl Laemmle, Carl Laemmle Jr.

Hinweise

ARD über „Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino“

SWR über „Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino“ (der gesamte Film)

Wikipedia über Carl Laemmle (deutsch, englisch)


Ola, Lola! Die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2018

März 14, 2018

Heute wurden die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2018 verkündet. Die vollständige Liste mit allen Nominierungen in sechzehn Kategorien findet ihr hier.

In den Hauptkategorien sind nominiert:

Bester Spielfilm

3 TAGE IN QUIBERON (Regie: Emily Atef) (Kinostart: 12. April)

AUS DEM NICHTS (Regie: Fatih Akin)

DER HAUPTMANN (Regie: Robert Schwentke) (Kinostart: 15. März)

IN DEN GÄNGEN (Regie: Thomas Stuber) (Kinostart: 24. Mai)

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER (Regie: Lars Kraume)

WESTERN (Regie: Valeska Grisebach)

Bester Dokumentarfilm

BEUYS (Regie: Andres Veiel)

DAS KONGO TRIBUNAL (Regie: Milo Rau)

TASTE OF CEMENT (Regie: Ziad Kalthoum) (Kinostart: 24. Mai)

Bester Kinderfilm

AMELIE RENNT (Regie: Tobias Wiemann)

DIE KLEINE HEXE (Regie: Regie: Michael Schaerer)

Die Preisverleihung ist am Sonntag, den 27. April, in Berlin im Palais am Funkturm. Das Erste zeigt die Gala am gleichen Abend um 22.00 Uhr; d. h., wer sich die Spannung erhalten will, sollte vorher nicht surfen.

Der Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den Deutschen Film geht an Hark Bohm. Der Preis für den besucherstärksten deutschen Film des Jahres geht an „Fack ju Göhte 3“.

Die Gewinner in den verschiedenen Kategorien werden von den tausendneunhundert Mitglieder der Deutschen Filmakademie bestimmt. Damit bestimmen sie auch, wie die knapp drei Millionen Euro Preisgelder der Bundesregierung verteilt werden.

Wie in den vergangenen Jahren sind auch wieder etliche Filme nominiert, die noch nicht im Kino gelaufen sind und die teilweise sogar erst nach der Preisverleihung im Kino anlaufen. Das macht es natürlich unmöglich, breit über die Filme zu diskutieren, die nur wenige sehen konnten.

Bei den Oscars ist das anders. Da sind in den USA alle Filme vorher im Kino angelaufen und es kann schon lange vor der Preisverleihung trefflich über die Qualitäten der verschiedenen Filme und die größten Überraschungen und Fehlentscheidungen der Jury gestritten werden.


TV-Tipp für den 14. März: Die Axt

März 14, 2018

Arte, 22.45

Die Axt (Le Couperet, Frankreich/Belgien/Spanien 2005)

Regie: Constantin Costa-Gavras

Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg

LV: Donald E. Westlake: The Ax, 1997 (Der Freisteller)

Der nicht mehr ganz junge Chemiker Bruno hat nach zwei Jahren erfolgloser Jobsuche die Faxen dicke. Er gibt eine Stellenanzeige auf und bringt seine Jobkonkurrenten um.

Bitterböse Satire auf den Kapitalismus, die von Jobsuchenden hoffentlich nicht als Vorbild genommen wird.

Stellvertretend für die vielen positiven Besprechungen: „Im Zeichen von Massenarbeitslosigkeit, Chancenlosigkeit und Globalisierungsdruck drehte Costa-Gavras … eine rabenschwarze Farce, die die Gegenwart nicht gerade in freundliches Licht taucht, und bei der das Lachen mehr als einmal ihm Halse stecken bleibt. Erschreckend an dieser Moritat auf der Folie einer durch und durch sexistisch aufgeladenen Gesellschaft ist vor allem, dass hier ein wohlsituierter Kleinbürger unter dem Druck der Umstände nicht nur zum Verbrecher und Mörder wird, sondern unter dem scheinbaren Zwang, seine Familie schützen zu müssen, ohne weiteres faschistoides Gedankengut produziert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit José Garcia, Karin Viard, Geordy Monfils, Christa Theret, Ulrich Tukur, – in Nebenrollen einige Autoren und Regisseure – Jean-Claude Grumberg, John Landis, Julie Gavras (Tochter von Constantin Costa-Gavras), Donald E. Westlake (Cameo als alter Mann im Arbeitsamt)

Auch bekannt als “Jobkiller – Eine mörderische Karriere”

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Axt“

Wikipedia über „Dia Axt“ (deutsch, englisch)

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Roman “Irgendwann gibt jeder auf” (Flashfire, 2000)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung “Parker” (Parker, USA 2013)

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes Richard-Stark-Adaption „Parker“ (Richard Stark’s Parker – The Hunter, 2009)

Richard Stark in der Kriminalakte

 Thrilling Detective über Parker

The Violent World of Parker (1-A-Fanseite!)

 


Cover der Woche

März 13, 2018


Neu auf Netflix/Filmkritik: Der grandiose Science-Fiction-Film „Auslöschung“

März 13, 2018

Ich gebe es zu: ich verstehe es nicht. Da haben die Produzenten einen hochkarätig besetzten Science-Fiction-Film, inszeniert von einem interessanten, für seine vorherigen Werke hochgelobten Autor und Regisseur, der eine frenetisch abgefeierte Romantrilogie teilweise verfilmte und dann wird der Film ohne Umweg zwischen Test-Screenings (die wohl schlecht verliefen, aber gerade bei diesem Film wenig aussagen) und potentieller Kinoauswertung gleich an Netflix verkauft. Dass danach Filmkritiker von dem Film begeistert waren und in den USA, wo „Auslöschung“ im Februar sogar einen Mini-Kinostart hatte, SF-Fans seitdem intensiv über den Film diskutieren, ist egal. Aus Sicht der Geldgeber wurden potentielle Verluste erfolgreich vermieden.

Aus Sicht des SF-Fans bleibt nur das Bedauern, dass er einen Film, der von der ersten bis zur letzten Minute für eine Auswertung auf der großen Leinwand inszeniert wurde, jetzt auf einem kleinen Bildschirm sehen muss. Gerade bei den Landschaftsaufnahmen fällt das besonders negativ auf.

Der Film „Auslöschung“ erzählt, wie Jeff VanderMeer in seinem gleichnamigen Roman, die Geschichte einer Expedition von mehreren Frauen in die Area X. Das ist ein Gebiet in den Südstaaten der USA, in dem die Natur sich seltsam verhält. Seit Jahren wächst das Gebiet stetig und unaufhaltsam. Mehrere Expeditionen, an denen nur Männer teilnahmen, wurden schon in das Gebiet geschickt. Sie kehrten nicht zurück.

Alex Garland, dessen Spielfilmdebüt „Ex Machina“ breit abgefeiert wurde, verfilmte jetzt VanderMeers Geschichte frei und doch sehr nah an dem Roman. Dafür gibt es mehrere, sogar ziemich offensichtliche Gründe. Garland kannte, als er sein Drehbuch schrieb, den zweiten und dritten Band nicht. Sein Film muss als Einzelwerk nach zwei Stunden Antworten liefern, die VanderMeer sich für die den zweiten und dritten Band seiner Trilogie, die im Abstand weniger Monate erschienen, aufheben konnte. Deshalb können sich Garlands Antworten von denen VanderMeers unterscheiden. Und ein Roman ist kein Film ist. Der Roman ist vor allem eine Meditation, die in unheimlichen Stimmungen badet und wenig erklärt. Eine Geschichte im herkömmlichen Sinn wird nicht erzählt. Am Ende des Romans ahnt man, was die Area X mit seinen menschlichen Besuchern macht, aber nicht warum.

In Garlands äußerst gelungener und sehenswerter Version ist die Biologin Lena (Natalie Portman) als einzige Überlebende einer fünfköpfigen, nur aus Frauen bestehenden Expedition aus der Area X zurückgekehrt. Sie soll berichten, was geschah.

Lena hat sich entschlossen, an der Expedition teilzunehmen, weil ihr Mann Kane (Oscar Isaac) nach einer Expedition verändert aus der Area X zurückkehrte und jetzt, todsterbenskrank, im Southern Reach Institut im Koma liegt. Sie hofft auf Antworten. Schnell bemerken die fünf Frauen, dass sich die Tier- und Pflanzenwelt in der Area X auf seltsame Art verändert. Mutiert. Auch sie beginnen auf die Umwelt zu reagieren.

Da werden sie von einem seltsamen Krokodil angegriffen und entdecken eine Videoaufnahme der vorherigen Expedition, in der Kane und die anderen Teammitglieder panisch und anscheinend wahnsinnig sind. Anders lässt sich nicht erklären, dass sie einem anderen Teammitglied den Bauch aufschneiden, um zu dokumentieren, dass sich in dem Körper des Teammitglieds ein anderes Wesen eingenistet hat.

Lena und die anderen Expeditionsteilnehmerinnen – die Leiterin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh), Anya Thorensen (Gina Rodriguez), Josie Radek (Tessa Thompson) und Cass Sheppard (Tuva Novotny) – fragen sich, ob sie das Rätsel von Area X lösen können, bevor sie sterben oder zu einem anderen Wesen mutieren.

Dabei, und hier ist Garlands Film deutlich eindeutiger als VanderMeers Roman, der die Frage offen lässt, geht es in „Auslöschung“ um die Begegnung mit ‚einem‘ ‚Alien‘, das im Trailer sehr bedrohlich wirkt. Im Film ist das dann nicht so einfach, sondern eher wie die Begegnung zwischen Menschen und Aliens in Denis Villeneuves „Arrival“.

Auslöschung“ ist ein zum Nachdenken anregender, rätselhafter Science-Fiction-Film mit wunderschön-beängstigenden Bildern eines Südstaaten-Urwalds, der sich die von Menschen gebauten Wege und Häuser zurückerobert und in dem die Expeditionsteilnehmerinnen auf Pflanzen treffen, die wie Menschen aussehen.

Auslöschung (Annihilation, USA 2018)

Regie: Alex Garland

Drehbuch: Alex Garland

LV: Jeff VanderMeer: Annihilation, 2014 (Auslösung)

mit Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tessa Thompson, Tuva Novotny, Oscar Isaac, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, John Schwab

Länge: 115 Minuten

Die Vorlage

Jeff VanderMeer: Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I

(übersetzt von Michael Kellner)

Knaur, 2017

240 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Annihilation

Farrar, Straus & Giroux, New York, 2014

Deutsche Erstausgabe

Verlag Antje Kunstmann, 2014

Hinweise

Homepage von Jeff VanderMeer

Perlentaucher über Jeff VanderMeer

Moviepilot über „Auslöschung“

Metacritic über „Auslöschung“

Rotten Tomatoes über „Auslöschung“

Wikipedia über Jeff VanderMeer (deutsch, englisch), die Southern-Reach-Trilogie und die Verfilmung (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jeff VanderMeers „Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I“ (Annihilation, 2014)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Ex Machina“ (Ex Machina, USA/Großbritannien 2014)

Ein Gespräch mit Alex Garland über den Film


TV-Tipp für den 13. März: Der Bockerer

März 13, 2018

3sat, 22.55

Der Bockerer (Österreich/Deutschland 1981)

Regie: Franz Antel

Drehbuch: Kurt Nachmann, H. C. Artmann (nach dem Theaterstück von Ulrich Becher und Peter Preses)

Wien, 1938: ein Fleischhauer legt sich, nachdem die Nazis ihm seine wöchentliche Skatrunde mit einem jüdischen Bekannten verbieten wollen, mit den Nazis an.

Selten gezeigte, auf einem Theaterstück basierende Politposse.

Dass nicht nur die Deutschen genug Anlass haben, sich mit der braunen Vergangenheit zu befassen, wird in den Nachbarländern manchmal allzu großzügig und selbstgerecht übersehen. Aber dass dann ausgerechnet der Heimatfilm-Regisseur Franz Antel, dem das deutschsprachige Filmschaffen nun wahrlich nicht wenige Filme verdankt, die sich weder inhaltlich noch ästhetisch vom Unterhaltungskino des Dritten Reichs unterscheiden, dass ausgerechnet dieser Routinier sich eines früher sehr populären Volksstücks bedient, um einen Beitrag zum Problem Österreich und die Nazis zu leisten, stimmt nicht sehr hoffnungsvoll.

Das Ergebnis ist denn auch zwiespältig: Die Absicht ist zu loben, die Durchführung ziemlich misslungen. (…) Ein Film gegen die Nazis mit den Mitteln ihres Kinos: das geht nicht.“ (Fischer Film Almanach 1982)

zahmes Spektakel“ (Lexikon des internationalen Films)

Franz Antel (1913 – 2007) inszenierte mit Karl Merkatz als Bockerer drei Fortsetzungen: „Der Bockerer II – Österreich ist frei“ (1996), „Der Bockerer III – Die Brücke von Andau“ (2000) und „Der Bockerer IV – Prager Frühling“ (2003, mit Kurt Ockermüller)

Mit Karl Merkatz, Ida Krottendorf, Georg Schluchter, Alfred Böhm, Heinz Maracek

Hinweise

Filmportal über „Der Bockerer“

Wikipedia über „Der Bockerer“


DVD-Kritik: Der/Die Oscar-Gewinner*in „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“

März 12, 2018

In „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“ gibt es eine Überraschung, die; – nun, auch wenn ich glaube, dass sie inzwischen allgemein bekannt ist und deshalb keine Überraschung ist, möchte ich niemand die Überraschung bei dem tollen Film verderben.

Und, dieser Hinweis sei gestattet, das noch (?) aktuellen DVD-Cover führt gewaltig in die Irre. Denn „Eine fantastische Frau“ ist nicht für den „Oscar als bester ausländischer Film“ nominiert, sondern seit der Oscar-Verleihung ist „Eine fantastische Frau“ der beste ausländische Film des Jahres.

In seinem neuen Film erzählt „Gloria“-Regisseur Sebastián Lelio die Geschichte von Marina Vidal, einer 27-jährigen Kellnerin und Sängerin. Sie lebt im heutigen Santiago de Chile zusammen mit Orlando, einem deutlich älteren Mann, der Chef eines Textilunternehmens ist. Eines Nachts wacht der 57-jährige mit Schmerzen auf und stirbt kurz darauf im Krankenhaus an einem Aneurysma.

Danach hat Marina all die Probleme, die man hat, wenn man zwar mit einem anderen Menschen zusammenlebte, aber nicht mit ihm verheiratet war und es kein Testament gibt. Orlandos Familie und Orlandos Ex-Frau hassen die junge Frau buchstäblich. Sie wollen sie möglichst schnell aus der gemeinsam benutzten Wohnung haben und selbstverständlich soll alles, was Orlando gehörte, in den Händen seiner Familie und seiner Ex-Frau landen. Auch bei der Totenwache und der Beerdigung verzichtet man gerne auf die junge Geliebte, die so gar nicht dem gesellschaftlichen Stand des Verstorbenen entspricht.

Gleichzeitig vermutet eine äußerst penetrante Sitten-Polizistin, dass Orlandos Tod kein natürlicher Tod war. Schließlich kenne sie aus ihrer Arbeit genug Beziehungstaten. Vor allem wenn die jüngere Geliebte aus dem Milieu kommt.

In all dem Chaos versucht Marina Orlandos Andenken zu bewahren und für sie in einer angemessenen Form zu trauern. Dazu gehören natürlich Besuche bei den Trauerfeiern ihres Geliebten.

Lelio konzentriert sich in seinem nah an den Konventionene des klassischen Hollywood-Erzählkinos erzähten Film auf Marina und ihre Versuche, mit der Situation umzugehen.

Sie wird von der Sängerin Daniela Vega gespielt. Vega spielte vorher nur in einem kleineren Film mit und trat im Theater auf. Vor allem in einem lange laufendem autobiographischem Stück über ihre Transsexualität. Als Lelio mit den Arbeiten an dem Drehbuch für „Eine fantastische Frau“ begann, unterhielt er sich lange mit Vega über ihre Erfahrungen und die Situation von Transsexuellen in Chile. Denn, wie Lelio im interessanten 33-minütigem „Making of“ bekennt, er selbst hatte davon keine Ahnung und kannte auch keine Transsexuellen. Er hielt es nur für eine gute Idee im Rahmen der Filmgeschichte. Als der erste Drehbuchentwurf fertig war, bot er ihr die Hauptrolle an, die sie mit Bravour meistert. Sie ist in fast jeder Szene des Dramas zu sehen. Sie spielt, was man im Film erst langsam erfährt, nicht nur eine trauernde Frau, sondern eine Trauernde, die vorher ein Mann war und deren Geschlechtsumwandlung vor allem in Orlandos Familie auf abgrundtiefen Hass trifft. Zum Glück gehen Marinas Freunde und Bekannten wesentlich entspannter mit ihrer Transsexualität um. Sie nehmen sie als ganz normalen Menschen mit Bedürfnissen und Nöten wahr.

Auch Lelio thematisiert Marinas Transsexualität nur in wenigen Worten und Halbsätzen. Es geht ihm um den Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Wenn, wie zwischen Marina und Orlando eine tiefe, reine Liebe bestand, die sich nicht um irgendwelche Grenzen und Konventionen kümmerte, ist dieser Verlust besonders groß. Und dann ist es besonders schwer, mit dem Verlust des Geliebten umzugehen.

Lelio erzählt diese Geschichte sehr feinfühlig und ruhig als Porträt einer Frau, die um einen würdigen Abschied von der Liebe ihres Lebens und um Anerkennung kämpft.

Auf der Berlinale 2017 erhielt „Eine fantastische Frau“ den Silbernen Bären für das beste Drehbuch, den Teddy Award als bester Spielfilm und den Preis der ökomenischen Jury. Seitdem erhielt der Film weitere Preise, war für den Golden Globe als bester Film nominiert und erhielt jetzt, wie schon gesagt, den Oscar als bester ausländischer Film des Jahres. Vollkommen zu Recht.

Die DVD enthält als Bonusmaterial ein informatives 33-minütiges Making of und ein ebenso informatives zwölfseitiges Booklet mit Interviews mit Sebastián Lelio, Daniela Vega und Francisco Reyes („El Club“), der Orlando spielt.

Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica (Una Mujer Fantastica, Chile//USA/Deutschland/Spanien 2017)

Regie: Sebastián Lelio

Drehbuch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza

mit Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco, Aline Küppenheim, Nicolás Saavedra, Amparo Noguera, Trinidad González, Néstor Cantillana, Alejandro Goic, Antonia Zegers

DVD

good! Movies/Piffl Medien

Bild: 16:9 (2.39:1)

Ton: Deutsch, Spanisch, Audiodeskription (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Making of, Kinotrailer, Booklet

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Eine fantastische Frau“

Metacritic über „Eine fantastische Frau“

Rotten Tomatoes über „Eine fantastische Frau“

Wikipedia über „Eine fantastische Frau“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Eine fantastische Frau“

Meine Besprechung von Sebastián Lelios „Gloria“ (Gloria, Spanien/Chile 2012)

Der RBB-Nighttalk mit Daniela Vega und Francisco Reyes

Teddy Awards unterhält sich mit Sebastián Lelio, Daniela Vega und Francisco Reyes

AFI-Gespräch mit Sebastián Lelio und Daniela Vega

DP/30 mit Sebastián Lelio und Daniela Vega


TV-Tipp für den 12. März: Der Kommissar und sein Lockvogel

März 12, 2018

Arte, 20.15

Der Kommissar und sein Lockvogel (Dernier domicile connu, Frankreich/Italien 1969

Regie: José Giovanni

Drehbuch: José Giovanni

LV: Joseph Harrington: The last known Address, 1965

Kommissar Leonetti soll in wenigen Tagen einen seit fünf Jahren verschwundenen Zeugen finden.

Ein eher selten gezeigter Klassiker des Polizeifilms. Giovanni zeigt ohne gefällige Lösungen die zermürbende Arbeit eines Polizisten. Besonders das Ende ist in seiner bitteren Konsequenz grandios.

„Mich reizte die Idee, einen Bullen zu zeigen, der zu Fuß durch die Stadt marschiert, der weder einen schnellen Schlitten fährt, noch dieses ganze Theater wahrnimmt, das man im Kino immer sieht. Aus diesem Grund habe ich diesen Film gemacht, als Gegensatz zu allem, was existiert. Das war übrigens auch schon im Buch von Harrington, der früher selbst Polizist war.“ (José Giovanni)

Mit Lino Ventura, Marlène Jobert, Michel Constantin

Auch bekannt als „Tödliche Frist“ und „Letzter bekannter Wohnsitz“ (unter dem Titel war der Film im Kino angekündigt)

Wiederholung: Mittwoch, 14. Mär7, 14.05 Uhr

Hinweise

Schnitt über „Der Kommissar und sein Lockvogel“

Wikipedia über „Der Kommissar und sein Lockvogel“ (deutsch, englisch, französich) und José Giovanni (deutsch, französich)

Meine Besprechung des Films “Die Abenteurer” (nach einem Buch von José Giovanni, mit Lino Ventura)

Kriminalakte über José Giovanni und Lino Ventura


TV-Tipp für den 11. März: Endstation Schafott

März 11, 2018

Arte, 20.15

Endstation Schafott (Deux Hommes dans la ville, Frankreich/Italien 1973)

Regie: José Giovanni

Drehbuch: José Giovanni

Starkes Krimidrama über einen Ex-Sträfling, der ein ehrliches Leben führen will, von einem Sozialhelfer unterstützt und einem Polizisten verfolgt wird.

Mit Alain Delon, Jean Gabin, Mimsy Farmer, Michel Bouquet, Bernard Giraudeau, Gérard Depardieu (in einer Nebenrolle als junger Gangster)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Endstation Schafott“

Wikipedia über „Endstation Schafott“ (deutsch, englisch, französisch) und José Giovanni (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über José Giovanni


Neu im Kino/Filmkritik: „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ setzen und Ärger bekommen

März 10, 2018

Sie organisierte Pokerspiele.

Sie wurde dafür vom FBI verhaftet.

Sie sah einer absurd hohen Haftstrafe entgegen, weil sie illegale Glücksspiele organisiert hatte. In mehreren Bundesstaaten. Mit Verbindungen zu russischen Mafiosi.

Ihr Fall ging auch durch die deutsche Presse und ihre Biographie „Molly’s Game“ wurde auch ins Deutsche übersetzt. Nicht, weil wir Deutschen uns so wahnsinnig für illegales Glücksspiel interessieren, sondern weil Molly Bloom ihren persönlichen Glamour-Faktor als junge, gutaussehende Frau und, bis zu einem unglücklichen Unfall während eines Qualifizierungswettbewerbs für die 2002er Winter-Olympiade, US-Olympiahoffnung im Skispringen, mühelos mit den Teilnehmern der von ihr organisierten Pokerrunden toppen konnte. Hollywood-Stars, wie Tobey Maguire (das nicht ausdrücklich bestätigte Vorbild für Spieler X im Film), Leonardo DiCaprio und Ben Affleck, und die üblichen Verdächtigen, wohlhabende Geschäftsleute, Sportler, und Mafiosi, gehörten zu den Teilnehmern der von hr organisierten Pokerspiele. Die Spieleinsätze gingen in die Millionen. Der höchste Verlust, den Bloom sah, waren einhundert Millionen Dollar, die der Spieler am nächsten Tag bezahlte.

2014 erschien die Biographie der am 21. April 1978 in Colorado geborenen Molly Bloom, in dem sie erzählt, wie es dazu kam, dass eine gescheiterte Sportlerin im großen Stil illegale Glücksspiele organiserte. Das Buch endet mit ihrer Verhaftung durch das FBI.

Schon vor dem Erscheinen des Buches wurde sie zu einer deutlich geringeren Haftstrafe verurteilt.

Aaron Sorkin verfilmte jetzt diese Geschichte. Sein Regiedebüt basiert, wenig verwunderlich, auf einem von ihm geschriebenem Drehbuch, das sich einige Freiheiten nimmt. Vor allem bei den Pokerspielern, bei Blooms Anwalt und im Film ist ihr Buch aus dramaturgischen Gründen vor der Urteilsverkündung erschienen.

Sorkin erzählt in seinem Film Blooms Geschichte auf zwei Ebenen: in der Gegenwart versucht sie (Jessica Chastain) ihren Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) zu überzeugen, sie zu verteidigen und, nachdem sie ihn überzeugt hat, erzählt sie ihm, wie aus einer streng erzogenen Hochleistungssportlerin, die 2003 nach Los Angeles zog, um nach einer kurzen Pause Jura zu studieren, die sehr erfolgreiche Organisatorin von illegalen Pokerspielen wurde. Dies wird in Rückblenden gezeigt. Jaffey möchte auch wissen, warum sie keinen Deal mit dem FBI abschließen möchte. Dafür müsste sie nur kooperieren und die Namen der Pokerspieler verraten.

Sorkin ist einer der bekanntesten Hollywood-Autoren. Die TV-Serie „The West Wing“ und Filme wie „Der Krieg des Charlie Wilson“, „The Social Network“ und „Steve Jobs“ gehen auf sein Konto. Er ist ein Meister des Dialogs und der unglaublichen Verdichtungen. Auch sein Regiedebüt „Molly’s Game“ erzählt in hundertvierzig Minuten mehr, als andere Regisseure in einer zehnstündigen Miniserie. Schon die ersten Minuten, in denen Molly Bloom ihr bisheriges Leben bis zu dem tragischen Skiunfall zusammenfasst und den Unfall erklärt, während die Bilder das Erzählte illustrieren, erklären und vertiefen, sind furios. Sie sind so furios, dass die Frage, wie Sorkin dieses Erzähltempo bis zum Filmende durchhalten will, berechtigt ist. Es gelingt ihm mühelos. Es gelingt ihm sogar, dass man die Spielstrategien beim Pokern nachvollziehen kann, ohne irgendeine Ahnung vom Spiel zu haben.

Und gerade weil „Molly’s Game“ durchgehend auf einem so hohen Niveau erzählt ist, fallen zwei wichtige Szenen, die in jedem anderen Film nicht negativ auffallen würden, hier negativ auf. Beide Szenen sind am Ende des Films. Einmal ist es ein eruptiver Ausbruch von Mollys Anwalt Jaffey, der in einem Plädoyer mündet. Einmal ist es ein Gespräch zwischen Molly und ihrem Vater (Kevin Costner) auf einer Parkbank in New York, in dem der klinische Psychologe eine Fünf-Minuten-Schnelltherapie durchführt.

Natürlich ist „Molly’s Game“ ein textlastiger Film, der vor allem in anonymen Hinter- und Hotelzimmern, in denen die Spiele stattfanden, spielt. Aber Sorkins Monologe und Dialoge sind fantastisch. Die Schauspieler ebenso. Visuell und optisch wird auch so viel herausgeholt, dass es niemals langweilig wird. Die 140 Minuten vergehen wie im Flug, den man anschließend gerne wieder bucht, um dann all die Details mitzubekommen, die man beim ersten Mal kaum erfassen konnte.

Molly’s Game – Alles auf eine Karte (Molly’s Game, USA 2017)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Molly Bloom: Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World, 2014 (Molly’s Game)

mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian d’Arcy James, Graham Greene

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Molly’s Game“

Metacritic über „Molly’s Game“

Rotten Tomatoes über „Molly’s Game“

Wikipedia über „Molly’s Game“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Molly’s Game“

DP/30 redet mit Aaron Sorkin über den Film

DP/30 redet mit Jessica Chastain über den Film

DP/30 redet mit Idris Elba über den Film

Bei der TIFF-Pressekonferenz  beantworteten Aaron Sorkin und Jessica Chastain Fragen

Bei der UK-Pressekonferenz war Idris Elba dabei

 


TV-Tipp für den 10. März: Paris, Texas

März 10, 2018

3sat, 20.15

Paris, Texas (Deutschland/Frankreich 1984)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Sam Shepard

Nachdem Travis vier Jahre spurlos verschwunden war, kehrt er zurück. Sein achtjähriger Sohn Hunter ist inzwischen bei seinem Bruder in Los Angeles. Seine Frau Jane ist in Houston. Travis macht sich Hunter auf die Suche nach ihr.

In Cannes erhielt Wenders für „Paris, Texas“ die Goldene Palme. Auch an der Kinokasse war „Paris, Texas“, trotz seiner moralisch abstrusen Geschichte, ein Erfolg. In Deutschland sahen sich über eine Million Menschen den Film an.

Ry Cooder schrieb die spartanische Musik. Robby Müller fand die einprägsamen Americana-Bilder, in denen die USA ein Sehnsuchtsort ist und die Mutter-Kind-Zusammenführung von Travis, dem letzten Cowboy, der wortkarg seine Mission erledigt, als logisch erscheint.

Einer von Wim Wenders‘ schönsten und besten Filmen.

Anschließend, um 22.35 Uhr, zeigt 3sat die fünfzigminütige Doku „Harry Dean Stanton“ (Schweiz 2014).

mit Harry Dean Stanton, Natassja Kinski, Hunter Carson, Aurore Clement, Dean Stockwell, Bernhard Wicki

Hinweise

Filmportal über „Paris, Texas“

Rotten Tomatoes über „Paris, Texas“

Wikipedia über „Paris, Texas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Wim Wenders in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Harry Dean Stanton ist „Lucky“

März 9, 2018

Realismus ist eine Sache! Es ist die Praxis, eine Situation so zu akzeptieren, wie sie ist, und die Bereitschaft entsprechend mit ihr umzugehen!

Lucky

Hauptrollen übernahm er fast nie. Preise erhielt er ebenfalls fast nie und trotzdem war Harry Dean Stanton einer der großen Charakterdarsteller des US-Kinos und einer der wenigen Nebendarsteller, die man sofort erkannte und deren Namen man kannte. Er spielte auch in einigen Klassikern mit. „Alien“, „Die Klapperschlange“, „Repo Man“, etliche Filme von David Lynch und, natürlich, „Paris, Texas“ fallen einem sofort ein. Als er von Wim Wenders für „Paris, Texas“ als Hauptdarsteller engagiert wurde, war er schon Jahrzehnte im Geschäft. Trotzdem war es seine erste Hauptrolle.

Jetzt übernahm Harry Dean Stanton wieder die Hauptrolle und sie wurde sein Vermächtnis. „Lucky“ ist Stantons Quasi-letzter-Film. Das lakonische Drama hatte seine Premiere am 11 März 2017 auf dem South by Southwest Film Festival. Danach lief der Film auf etlichen Filmfestivals. Am 15. September 2017 starb Stanton mit 91 Jahren. Ohne „Lucky“ gesehen zu haben. Nach seinem Tod gab es die Premiere der neuesten „Twin Peaks“-Staffel und der Spielfilm „Frank and Ava“, bei dem er mitspielt, befindet sich in der Post-Produktion.

In dem Regiedebüt „Lucky“ von Schauspieler John Carrol Lynch („Fargo“, „Zodiac“, „The Founder“, „American Horror Story“) spielt Stanton den titelgebenden Lucky. In mehr oder weniger, großen, immer prägnanten Nebenrollen sind David Lynch (als Howard, der Besitzer der hundertjährigen Landschildkröte Präsident Roosevelt), Ed Begley Jr. (als Arzt), Tom Skerritt (als Kriegsveteran), Barry Shabaka Henley (als Diner-Besitzer Joe), Ron Livingston (als Anwalt), James Darren (nach 17-jähriger Leinwandabstinenz) und Beth Grant (als Barbesitzer-Paar) dabei. Einige sind schon lange mit Stanton befreundet, die anderen mit Lynch.

Dass der ikonische Nebendarsteller Stanton die Hauptrolle übernahm, war in diesem Fall fast unvermeidbar. Denn die Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja schrieben die Rolle für Stanton. Sparks ist ein langjähriger Freund von Stanton. Sie ließen in ihre Charakterstudie viel von Stantons Persönlichkeit, Weltsicht und Humor einfließen. So stammt beispielsweise der verbale Schlagabtausch zwischen Lucky und Joe aus Stantons Leben. Dort hatte er den „Du bist nichts. – Du bist auch nichts.- Danke.“-Schlagabtausch immer mit einem Angestellten des Ago Restaurant in Los Angeles.

Lucky ist ein neunzigjährigen Einzelgänger, der nicht an Gott glaubt, täglich eine Packung Zigaretten raucht und belesener Fan von Game Shows und Kreuzworträtseln ist. Er lebt allein in seinem spartanisch eingerichtetem, perfekt aufgeräumtem Haus in einem Wüstenkaff, in dem die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen stammen und friedlich zusammenleben. Die Tage vergehen in einem gemütlichen Einerlei. In jedem Bild, jeder Geste und fast jedem Gespräch – immerhin muss Lucky nach einem Zusammenbruch auch einmal zum Arzt und er trifft in seinem Diner einen durchfahrenden Vietnam-Veteran, mit dem er sich über seine Kriegserlebnisse austauscht – ist die Routine mit ihren festen Ritualen spürbar. Lucky muss nicht sagen, dass er in Joes Diner einen festen Sitzplatz hat. Er muss nur einen Blick auf die Person werfen, die auf seinem Platz sitzt und wir wissen, dass ihm dieser Bruch seiner täglichen Routine nicht gefällt. In den Dialogen werfen die Gesprächsteilmer sich so lässig die Bälle zu, dass schon beim ersten Hören klar ist, dass sie diese Geschichten schon tausendmal vor dem gleichen Publikum erzählten, dass sie diese Gespräche schon tausendmal hatten und dass sie diese Gespräche und verbalen Schlagabtäusche immer noch genießen.

Aber dann gibt es die kleinen Veränderungen in der Routine. Eine Landschildkröte verschwindet. Lucky begreift, nachdem er in seiner Küche bei seinen morgendlichen Eiskaffee umkippt, dass sein Leben endlich ist und dass er, obwohl er sich immer als Einzelgänger sah, ein Teil der Dorfgemeinschaft ist und die Dorfgemeinschaft aufeinander aufpasst.

John Carrol Lynch inszenierte diese Charakterstudie als lakonische Liebeserklärung an Harry Dean Stanton, der hier noch einmal sein Können zeigt und am Ende langsam aus dem Bild geht.

Lucky“ ist eine großartige Abschiedsvorstellung von Harry Dean Stanton, einem Schauspieler, der als Nebendarsteller unzählige unprätentiöse und genau deshalb einprägsame Auftritte hatte und der sich mit einer Hauptrolle verabschiedet.

Lucky (Lucky, USA 2017)

Regie: John Carrol Lynch

Drehbuch: Logan Sparks, Drago Sumonja

mit Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston, Ed Begley Jr., Tom Skerritt, Beth Grant, Yvonne Huff, Hugo Armstrong

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Lucky“

Metacritic über „Lucky“

Rotten Tomatoes über „Lucky“

Wikipedia über „Lucky“ (deutsch, englisch)

John Carroll Lynch über seinen Film

Harry Dean Stanton über „Paris, Texas“ und das Schauspielen (The Hollywood Reporter, 2013)


TV-Tipp für den 9. März: Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest

März 9, 2018

3sat, 22.35/HR, 00.00

Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest (USA 2009, Regie: Antoine Fuqua)

Drehbuch: Michael C. Martin

Hochkarätig besetzter Ensemblefilm über drei Polizisten, die versuchen in Brooklyn ihren Weg zu gehen: der eine wartet nur noch auf seine Pensionierung, der andere will einen Undercover-Einsatz beenden und muss dafür einen Freund verraten, der dritte will Geld für seine Familie besorgen und geht dafür über Leichen.

Die Geschichten mögen etwas zu sehr die bekannten Cop-Film-Klischees bedienen, aber insgesamt ist „Brooklyn’s Finest“ ein sehenswerter, vor Ort gedrehter Cop-Film und damit auch eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft.

mit Richard Gere, Don Cheadle, Ethan Hawke, Wesley Snipes, Vincent D’Onofrio, Will Patton, Lili Taylor, Ellen Barkin, Brían F. O’Byrne, Michael K. Williams

Wiederholung: Samstag, 10. März, HR, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gesetz der Straße“

Rotten Tomatoes über “Gesetz der Straße”

Metacritic über “Gesetz der Straße”

Wikipedia über “Gesetz der Straße” (deutsch, englisch)

The Root: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Go into the Story: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Variety über Michael C. Martin (10. Juni 2008)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Southpaw” (Southpaw, USA 2015)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (The Magnificent Seven, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Bruce Willis hat (k)einen „Death Wish“

März 8, 2018

Nach „Extraction“, „Precious Cargo“, „Marauders“, „Once Upon a Time in Venice“, „Acts of Violence“ und „First Kill“ (demnächst bei uns auf DVD) ist mit „Death Wish“ endlich wieder ein Bruce-Willis-Film in unseren Kinos. Sein letzter Kinoauftritt war 2016 in „Rock the Kasbah“ (2015). In der Komödie hatte er nur eine Nebenrolle und niemand ging wegen ihm in den Film. Naja, eigentlich ging niemand in den Film. Davor spielte er in „Vice“ und „The Prince – Only God Forgives“ mit. Zwei weitere vergessenswerte Straight-to-DVD-Filme. Und dann sind wir bei „Sin City 2: A Dame to Kill For“ (nur eine Nebenrolle), „R.E.D. 2 – Noch Älter. Härter. Besser.“, „G.I. Joe – Die Abrechnung“ (wieder nur eine Nebenrolle) und „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ die zwar im Kino liefen, aber Schrott waren.

Das ist die aktuelle, erschreckend dürftige filmische Bilanz von dem großen (dem größten?) Actionstar der späten achtziger und neunziger Jahre, der mit John McClane einen neuen Actionhelden erfand und der damals zwischen seine Blockbuster-Actionfilme etliche kleinere Filme schob, in denen er sich als Schauspieler beweisen konnte. Damals freute man sich auf den neuen Bruce-Willis-Film. Auch die misslungen waren wenigstens interessant. Seine aktuelle Filmographie ist dagegen randvoll mit Filmen, die schon vor dem Drehstart uninteressant sind und in denen er lustlos seine Gage abgreift.

Da ist „Death Wish“ auf den ersten Blick etwas interessanter. Die Vorlage, der Roman „Ein Mann sieht rot“ (Death Wish) von Brian Garfield, ist ein Klassiker. Die Verfilmung von Michael Winner ebenfalls. Die Fortsetzungen und zahlreichen Kopien des Selbstjustiz-Thrillers sind meistens reaktionärer Müll. Joe Carnahan schrieb das Drehbuch. Er schrieb auch das Drehbuch für den Polizeithriller „Das Gesetz der Ehre“ und führte Regie bei „Narc“ und „The Grey – Unter Wölfen“. Die Regie übernahm dann Toture-Porn-Horrorregisseur Eli Roth.

Trotz Warnsignalen – Eli Roth ist wahrlich nicht für seine subtilen gesellschafts- und soziopolitischen Kommentare bekannt und Brian Garfield beschwerte sich schon bei Winners Verfilmung, dass der sein Anliegen falsch verstanden habe – könnte dieser Film vielleicht kein guter, aber immerhin ein interessanter Film werden.

Am Ende ist „Death Wish“ klassisches Straight-to-DVD-Futter, das in dem Rahmen als schnöder 08/15-Selbstjustiz-Thriller okay wäre, wenn er sich nicht neben Garfields Roman und Winners Film stellen würde. Leider ohne auch nur den Schimmer einer Ahnung davon zu haben, was das Thema, die Aussage, der gesellschaftliche Hintergrund und das schockierende an „Ein Mann sieht rot“ war. Kleiner Hinweis: es war nicht die Selbstjustiz. Die gibt es in jedem zweiten Western.

Die Story, die auch für die aktuelle Verfilmung kaum verändert wurde, dürfte ja bekannt sein. Roths Version spielt in Chicago, dem neuen Hort des Verbrechens. Denn New York, der Handlungsort des ersten „Ein Mann sieht rot“-Films, ist heute eine fast schon langweilig heimelige Stadt. Paul Kersey (im Roman Paul Benjamin) arbeitet als Arzt im Krankenhaus. Er ist glücklich verheiratet. Die Tochter geht demnächst auf die Universität. Er selbst ist ein Gewalt ablehnender Liberaler; – jedenfalls soweit das in dem Film erkennbar ist.

Eines Abends dringen Einbrecher in sein Haus ein. Sie töten seine Frau und misshandeln seine Tochter. Anschließend liegt sie im Koma. Und bei Kersey erwacht, nach der Beerdigung seiner Frau in Texas, der Wunsch, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen.

Das tut er dann auch. Als Rächer. Als Vigilant. Als, unterstützt von Radiomoderatoren, die über seine Verbrechen sprechen, Stimme des Volkes, die einfach die Todesstrafe für jedes ihnen missfallende Verhalten fordert.

Diese Geschichte kann verschieden interpretiert werden. Roth entschließt sich für die reaktionäre Variante als feuchter Traum der NRA. Denn, so der idiotische Spruch der US-Waffenlobby, gegen einen bösen Mann mit einer Waffe hilft nur ein guter Mann mit einer Waffe. Auch Kerseys Psychiaterin befürwortet seine Aktionen, wenn sie in einer Sitzung zu dem sich aus seiner Trauer lösenden Kersey sagt, egal was er tue, es helfe ihm und er solle damit fortfahren. Dass sie in diesem Moment nicht weiß, was Kersey tut, ist egal. Erstens ist der Satz innerhalb der Filmgeschichte eine klare Legitimation für Kerseys Selbstjustiz. Zweitens folgt von ihr niemals eine Distanzierung gegenüber irgendeiner Form der Selbstjustiz.

In diesem Punkt hat Paul Kerseys Bruder eine interessantere Entwicklung. Sofern bei einer kaum ausformulierten Nebenfigur überhaupt von einer Entwicklung gesprochen werden kann. Immerhin darf er sich vor der finalen Schießerei Shoot Out alibimäßig gegen Selbstjustiz äußern.

Denn in „Death Wish“ wird Selbstjustiz als eine erfolgreiche und empfehlenswerte Form der Bewältigung von Verlust und als ein probates Mittel gegen das Verbrechen gezeigt. Das ist in jeder Beziehung gefährlicher Unfug.

Neben dieser Botschaft und dem schlampigen Plotting ist das größte Problem des Films Bruce Willis. Er spielt die Hauptrolle im von ihm in den letzten Jahren perfektionierten „Where’s my paycheck?“-Modus. Ohne irgendein spürbares Engagement steht er da und liefert emotionslos seine Sätze ab. Mit einigen typischen Willis-Manierismen und ein, zwei John-McClane-Momenten, die nicht in den Film passen. Weil Willis sich noch nicht einmal bemüht, zu spielen, ist von Kerseys Gewissenkonflikt und seiner emotionalen Reise bei seiner Wandlung vom superpatenten Vater und Arzt zum skrupellosen Rächer nichts zu spüren.

Eli Roths „Death Wish“ ist nur noch der reaktionäre Film, der Waffenfans gefällt. Ohne irgendeine der Fragen zu stellen, die in Winners Film (weniger) und Garfields Roman (mehr) thematisiert werden.

Nämlich wann ist Selbstjustiz, vulgo Vigilantismus, gerechtfertigt bzw. erklärbar und was macht das mit einem Menschen. Brian Garfield ist überzeugt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sie zu einem moralischen Verfall des Täters führt. Davon erzählt er in „Ein Mann sieht rot“ und, weil er fand, dass seine Botschaft von Michael Winner falsch dargestellt wurde, auch in seiner „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzung „Death Sentence“ (1975). Der Roman wurde 2007 als äußerst pessimistische Studie über Selbstjustiz verfilmt. In anderen Romanen erzählt er, wie seine Protagonisten erfolgreich und ohne Gewalt anzuwenden gegen Gewalttäter vorgehen.

Zu „Ein Mann sieht rot“ erklärte Garfield: „I meant it (if you believe in the influence ov subtext) as a cautionary lesson, not a recommendation. Revenge is a universal fantasy but, in practice, it isnt’t a solution, it’s a problem.“

Charles Bronson, der Paul Kersey in „Ein Mann sieht rot“ spielte, äußerte sich in Interviews über Winner-Film ähnlich. Und Winners Film hat durchaus ein Interesse an dieser Frage. Sein Film spielt auch vor einem konkreten sozialen und politischen Hintergrund: dem New York der frühen siebziger Jahre. Er stellt Fragen. Auch darüber, ob der Staat versagt und wie der Staat mit Selbstjustiz umgehen soll.

Es sind Fragen, über die es sich lohnt, zu diskutieren und über die Geschichten erzählt werden können, die dann für Diskussionen sorgen. Brian Garfield und Michael Winner gelang das. Garfields Botschaft ist heute sogar, angesichts des US-Präsidenten und seiner Fürsprecher und Fans, aktueller denn je.

Eli Roths „Death Wish“ beschäftigt sich nicht mit diesen Fragen. Er versucht es noch nicht einmal. Entsprechend gering ist der Erkenntisgewinn.

Dazu kommt in diesem Fall, – schließlich gibt es unzählige Selbstjustizthriller -, die Verärgerung über die Macher, die sich explizit auf ein älteres Werk beziehen, sich höchst oberflächlich mit den dort gestellten Fragen und Themen beschäftigen und dann alles falsch verstehen. Dadurch wird ihr Versagen noch offensichtlicher.

Zum Abschluss noch ein Wort zum Drehbuchautor: Joe Carnahan sollte den Film vor mehreren Jahren inszenieren. Er schrieb ein Drehbuch und wollte Liam Neeson als Hauptdarsteller. Das zerschlug sich und seitdem waren mehrere Regisseure mit dem Projekt beschäftigt, verschiedene Hauptdarsteller im Gespräch (eigentlich jeder Mann über fünfzig) und Carnahans Drehbuch wurde von mehreren Autoren überarbeitet. Im Final Shooting Draft werden neun Autoren genannt. Dean Georgaris scheint der Hauptautor des verfilmten Drehbuchs zu sein, aber die Writer’s Guild beschloss, dass Carnahan in den Credits als einziger Autor genannt werden soll.

Deshalb wäre es Quatsch, diesen Film mit Joe Carnahans anderen Filmen zu vergleichen.

Georgaris ist der Autor von „Der Manchurian Kandidat“, „Paycheck – Die Abrechnung“ und „Lara Croft – Tomb Raider: Die Wiege des Lebens“.

Death Wish (Death Wish, USA 2018)

Regie: Eli Roth

Drehbuch: Joe Carnahan

LV: Brian Garfield: Death Wish, 1972 (Ein Mann sieht rot)

mit Bruce Willis, Elisabeth Shue, Camila Morrone, Vincent D’Onofrio, Beau Knapp, Kimberly Elise, Dean Norris

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Death Wish“

Metacritic über „Death Wish“

Rotten Tomatoes über „Death Wish“

Wikipedia über „Death Wish“

Meine Besprechung von Eli Roths „Knock Knock“ (Knock Knock, USA/Chile 2015)

Homepage von Brian Garfield

Meine Besprechung von Joseph Rubens  “The Stepfather” (The Stepfather, USA 1986, nach einer Geschichte von Brian Garfield)

Bonushinweis

Nach einer Neuprüfung ist die Vorlage für Eli Roths „Death Wish“ (jau, der Film wird in den Credits ausdrücklich als Vorlage genannt), Michael Winners „Ein Mann sieht rot“ jetzt von der Liste jugendgefährdender Medien gestrichen und „frei ab 16 Jahren“. Studiocanal spendierte schneller als erwartet eine Neuausgabe des Films. Sie erscheint, ohne nennenswertes Bonusmaterial, am 22. März.

Herbie Hancock schrieb die Musik.

Ein Mann sieht rot (Death Wish, USA 1974)

Regie: Michael Winner

Drehbuch: Wendell Mayes

LV: Brian Garfield: Death Wish, 1972 (Ein Mann sieht rot)

mit Charles Bronson, Hope Lange, Vincent Gardenia, Steven Keats, William Redfield, Stuart Margolin, Stephen Elliott, Jeff Goldblum (sein Debüt)

BBC-Filmkritiker Mark Kermode fasst 2016  die Produktionsgeschichte von „Death Wish“ bis zur Regieübernahme von Eli Roth zusammen.


TV-Tipp für den 8. März: Der gekaufte Tod

März 8, 2018

Wer den Film vor einigen Tagen verpasste

Arte, 00.10

Der gekaufte Tod (La Mort en Direct, Deutschland/Frankreich 1979)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: David Rayfiel, Bertrand Tavernier

LV: D. G. Compton: The unsleeping Eye; The continuous Katherine Mortehoe, 1974 (später „Death Watch“) (Schlaflose Augen; Der gekaufte Tod; Tod live)

In naher Zukunft gibt es fast keine tödlichen Kranheiten mehr. Deshalb ist die TV-Show „Death Watch“, die voyeuristisch das Sterben der Todkranken verfolgt, ein Quotenhit. Die junge, tödlich erkrankte Schriftstellerin Kathrine Mortenhoe (Romy Schneider) soll der neue Star der Show werden. Sie ist einverstanden. Als sie mit dem erklecklichen Honorar für ihre Teilnahme an „Death Watch“ untertaucht, setzt der Produzent (Harry Dean Stanton) Roddy (Harvey Keitel) auf sie an. In seine Augen wurde eine Kamera implantiert, die alles was er sieht, in die Zentrale des TV-Senders überträgt.

Extrem selten gezeigter Science-Fiction-Film.

„Ein eher zwiespältiger Film mit schauspielerischen Qualitäten, aber viel fehlgeleiteter Medienkritik.“ (Fischer Film Almanach 1981)

„die Auseinandersetzung mit der Frage, wie wirtschaftliche und politische Machtveränderungen in der Zukunft Moralbegriffe außer Kraft setzen, lohnt auf jeden Fall.“ (Filmbeobachter)

Was vor Jahrzehnten noch eine in weiter Zukunft liegende Dystopie war, ist heute, abgesehen von den besiegten Krankheiten, gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

mit Romy Schneider, Harvey Keitel, Harry Dean Stanton, Therese Liotard, Max von Sydow, William Russel, Vadim Glowna, Bernhard Wicki, Eva Maria Meineke, Paul Young, Robbie Coltrane, Bill Nighy (beide haben nur Kurzauftritte: Coltrane in seinem Spielfilmdebüt als Limousinenfahrer, Nighy in seinem zweiten Spielfilmauftritt als Mann in der ‚Harriet Szene‘)

auch bekannt als „Death Watch – Der gekaufte Tod“ (Kinotitel)

Hinweise

Arte über „Der gekaufte Tod“

Filmportal über „Der gekaufte Tod“

Die Zukunft über „Der gekaufte Tod“

Rotten Tomatoes über „Der gekaufte Tod“

Wikipediia über „Der gekaufte Tod“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)

 


TV-Tipp für den 7. März: Winter’s Bone

März 7, 2018

3sat, 22.25 (VPS 22.24)

Winter’s Bone (Winter’s Bone, USA 2010)
Regie: Debra Granik
Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini
LV: Daniel Woodrell: Winter’s Bone, 2007 (Winters Knochen)
Die Ozarks: die siebzehnjährige Ree Dolly sucht ihren verschwundenen Vater. Nicht etwa, weil sie ihn so sehr liebt, sondern weil sie ihr Haus verlieren, wenn er nicht vor Gericht auftaucht. Aber alle, die ihr helfen könnten, raten ihr, nicht weiter nach dem Verschwundenen zu suchen.
Debra Graniks grandioser, allseits abgefeierter und vielfach ausgezeichneter Film folgt Daniel Woodrells Roman bis in die Dialoge. Sie drehte vor Ort in Missouri mit vielen unverbrauchten Gesichtern, die erstmals vor der Kamera standen, und, sagen wir mal, ungeschminkten Hollywood-Schauspielern (die sich eher in Serien und Independent-Filmen tummeln; also nicht die ganz großen Namen sind, aber an deren Gesichter man sich erinnert). All das trägt zum dokumentarischen New-Hollywood-Feeling, wie wir es aus den siebziger Jahren kennen, bei.
Und hier zeigt sich der größte Unterschied zwischen Buch und Film. Während in Woodrells Roman die Armut immer noch ein poetisches Anlitz hat, sehen wir im Film eine deprimierend ärmliche Landschaft, die eher an ein Dritte-Welt-Land erinnert. Auf den Höfen und in den Wohnungen stapelt sich Müll, der vergessen wurde, endgültig zu entsorgen. Die Menschen verdienen ihr Geld mit kriminellen Aktivitäten. Heute Meth und andere Drogen; während der Prohibition als Schnapsbrenner. Sie halten immer noch den alten Frontier-Mythos hoch. Aber es zeigt sich, auch, wo die Cowboy-Ideologie des Wilden Westens endete. Insofern ist die gelungene Verfilmung eines fantastischen Buches düsterer und am Ende sogar hoffnungsloser als die noirische Vorlage.
mit Jennifer Lawrence, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, Valerie Richards, Shelley Waggener, Garret Dillahunt, William White, Ramona Blair

Hinweise

Kaliber.38 über Daniel Woodrell

Mordlust über Daniel Woodrell

Wikipedia über Daniel Woodrell

The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)

The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)

River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)

The Wall Street Journal/Speakeasy (Steven Kurutz) unterhält sich mit Daniel Woodrell über “Winter’s Bone” (27. Februar 2011)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Winter’s Bone“

Rotten Tomatoes über “Winter’s Bone”

Daniel Woodrell bei Mulholland Books

Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “Der Tod von Sweet Mister” (The Death of Sweet Mister, 2001)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “Im Süden – Die Bayou-Trilogie” (The Bayou Trilogy, 2011)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “In Almas Augen” (The Maid’s Version, 2013)

Daniel Woodrell in der Kriminalakte

Die Vorlage (Lesebefehl!)

Woodrell - Winters Knochen

Daniel Woodrell: Winters Knochen

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2011

224 Seiten

18,90 Euro

Originalausgabe

Winter’s Bone

Little, Brown and Company, New York, 2006


Cover der Woche

März 7, 2018


TV-Tipp für den 6. März: Vier gegen die Bank

März 6, 2018

WDR, 23.40

Vier gegen die Bank (Deutschland 1976)

Regie: Wolfgang Petersen

Drehbuch: Wolfgang Menge

LV: Ralph Maloney: The Nixon Recession Caper, 1972 (Gentlemen in roten Zahlen)

Weil es mit dem Einkommen kein Auskommen mehr gibt (was auch an den Gattinnen liegt), beschließen ein Architekt, ein Modeschöpfer, ein Schauspieler und ein Werbefilmproduzent, die sich vom gemeinsamen Golf-Spielen kennen, eine Bank zu überfallen.

Schon ewige nicht mehr gezeigte TV-Gaunerkomödie, ein „Boulevardstück“ (Petersen), von dem Wolfgang Petersen ein überflüssiges, an Weihnachten 2016 in den Kinos angelaufenes und inzwischen vergessenes, starbesetztes Remake drehte.

mit Herbert Bötticher, Walter Kohut, Harald Leipnitz, Günther Neutze, Karin Eickelbaum, Ingrid van Bergen, Otto Sander

Hinweise

Wikipedia über „Vier gegen die Bank“ (deutsch, englisch)