TV-Tipp für den 27. Oktober: Bank Job

Oktober 27, 2017

ZDFneo, 23.30

Bank Job (GB 2008, Regie: Roger Donaldson)

Drehbuch: Dick Clement, Ian La Frenais

Dick Clement und Ian La Frenais sind zwei alte Hasen im britischen Filmgeschäft. Sie schrieben unter anderem die Drehbücher zu „Commitments“, „Wasser – Der Film“, etlichen Lovejoy-Folgen (in Deutschland nie gezeigt) und zu „Die alles zur Sau machen“ (Villain).

Mit ihrem Edgar-nominierten Film „Bank Job“ kehrten sie wieder in die frühe Siebziger und dem von ihnen mit „Villain“ mitbegründeten britischen Gangsterfilm zurück. Dieses Mal lassen sie sich von einem wahren Bankraub inspirieren. Am 11. September 1971 raubten einige Kleingauner aus der Lloyd’s Bank 500.000 Pfund (was heute sechs Millionen Euro wären). Die Zeitungen füllten ihre Spalten mit Sensationsberichten über den „Walkie-Talkie-Einbruch“. Vier Tage lang. Dann untersagte die Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit weitere Berichte, vier Räuber wurden verhaftet, ihren Namen wurden nie bekannt, das Strafmaß ist unbekannt, große Teile der Beute verschwunden und die Akten darüber sind bis 2054 unter Verschluss. Das Team Clement/La Frenais hat jetzt mit „Bank Job“ eine Geschichte erfunden, die die Wahrheit sein könnte.

Und Roger Donaldson hat im Retro-Look einen angenehm altmodischen Ganovenfilm über den großen Coup, gewürzt mit einer Prise Polit-Thriller, gedreht.

Mit Jason Statham, Saffron Burrows, Stephen Campbell Moore, Daniel Mays, James Faulkner, Alki David

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Bank Job“

Rotten Tomatoes über “Bank Job”

Wikipedia über „The Bank Job“ (Englisch, mit Informationen zu den wahren Hintergründen)

Mirror über die wahren Hintergründe: Bank job that opened the door on a royal sex scandal (16. Februar 2008 )

Telegraph schreibt über die wahren Hintergründe und redet mit Dick Clement: Revisiting the riddle of Baker Street (15. Februar 2008 )

Noir of the Week über “The Bank Job”

Meine Besprechung von Roger Donaldsons “The November Man” (The November Man, USA 2014)


TV-Tipp für den 26. Oktober: Black Sea

Oktober 26, 2017

Vox, 23.00

Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)

Regie: Kevin Macdonald

Drehbuch: Dennis Kelly

Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker

Wiederholung: Freitag, 27. Oktober, 03.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Black Sea“
Moviepilot über „Black Sea“
Metacritic über „Black Sea“
Rotten Tomatoes über „Black Sea“
Wikipedia über „Black Sea“

Meine Besprechung von Kevin Macdonalds „Black Sea“ (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)


DVD-Kritik: Ethan Hawke ist Chet Baker ist „Born to be Blue“

Oktober 25, 2017

Zum Kinostart schrieb ich:

Chet Baker (23. Dezember 1929 – 13. Mai 1988) ist eine der großen tragischen Gestalten der Jazzgeschichte. In den fünfziger Jahren war der Trompeter ein gefeierter Star und eine der stilprägenden Musiker des Westcoast-Jazz, dessen Image als James Dean des Jazz durch die ikonischen SW-Aufnahmen von William Claxton gefestigt wurde. Damals probierte er auch erstmals Heroin und wurde abhängig. Seine Karriere ging den Bach runter. Auch wenn er bis zu seinem Tod auftrat und zahlreiche, teilweise grandiose LPs veröffentlichte, die sich heute immer noch verkaufen.

In seinem fast zwei Jahre nach seiner Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival am 13. September 2015 und über ein Jahr nach dem US-Kinostart endlich auch in Deutschland anlaufendem Biopic „Born to be Blue“ nimmt Regisseur Robert Budreau Teile aus Chet Bakers Biographie und improvisierte darüber mit Ethan Hawke als Chet Baker.

Der Film beginnt 1966. Chet Baker ist inhaftiert. Ein Filmproduzent bezahlt die Kaution, weil er will, dass Chet Baker Chet Baker spielt. Die Dreharbeiten an dem Film ermöglichen Budreau einen SW-Blick in Bakers Vergangenheit als bekannter Cool Jazzer und Westcoast-Trompeter. Im Gegensatz zu den New Yorker Bebop- und Hardbop-Musikern spielten die weißen Jazzer in Kalifornien melodischer und romantischer und Inspirationen von der Ernsten Musik waren erkennbar.

Bei den Dreharbeiten verliebt Baker sich in Jane (Carmen Ejogo), die seine frühere Frau Elaine spielt. Sie bleibt bei ihm. Auch nachdem ihm bei einer Schlägerei die Zähne ausgeschlagen werden und er mühevoll versucht, mit einer Prothese, wieder als Trompeter aufzutreten.

Diese Rückkehr auf die große Bühne (wobei Jazzbühnen eine notorisch überschaubare Größe haben) bildet dann das Rückgrat des Films. Im Zentrum steht – und das macht den Film auch für Nicht-Jazzfans sehenswert – die Beziehung zwischen Chet Baker, einem begnadeten Musiker, Junkie und notorischer Schürzenjäger, und Jane, die sich in ihn verliebt und ihm helfen will.

Budreau erzählt dies sehr stimmig, mit einer ordentlichen Portion Zeitkolorit und einem Hauptdarsteller, der förmlich in seiner Rolle versinkt. Denn Hawke spielt nicht nur Chet Baker, sondern er spielt und singt auch seine Lieder. Deshalb gibt es in „Born to be Blue“ zwar bekannte Baker-Songs, wie „Summertime, „Over the Rainbow“ und „My funny Valentine“ (alles bekannte Jazz-Standards), aber nie in einer von Chet Baker selbst gespielten Interpretation.

Born to be Blue“ ist das sehenswerte, berührende, sich auf eine kurze Zeitspannende konzentrierendes Porträt eines Süchtigen, der auch Musiker ist. Dass der Film gegen Ende etwas zerfasert verzeiht man ihm gern.

 

Jetzt ist das wunderschöne Biopic auf DVD erschienen und beim zweiten Ansehen fällt auf, wie kunstvoll und konzentriert Budreau seine Geschichte zwischen Gegenwart und Vergangenheit und Fantasie erzählt. Aber mit den Fakten nahm Chet Baker es auch nicht so genau. Solange er eine gute Geschichte erzählen konnte.

Das Bonusmaterial besteht lediglich aus einem kurzen „Making of“ (7:35 Minuten), in dem vor allem Regisseur Budreau und Hauptdarsteller Ethan Hawke zu Wort kommen.

Ab Donnerstag ist Ethan Hawke als unbeholfener Liebhaber in „Maudie“ zu sehen. Ebenfalls eine wahre Geschichte. Ebenfalls sehr sehenswert. Und einer der schönsten Liebesfilme des Jahres.

Born to be Blue (Born to be Blue, Kanada/Großbritannien 2015)

Regie: Robert Budreau

Drehbuch: Robert Budreau

mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie, Tony Nappo, Stephen McHattie, Janet-Laine Greene

DVD

Alamode Film

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Trailer, Wendecover

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film „Born to be Blue“

Englische Homepage zum Film „Born to be Blue“

Moviepilot über „Let’s get Lost“ und „Born to be Blue“

Metacritic über „Let’s get Lost“ und „Born to be Blue“

Rotten Tomatoes über „Let’s get Lost“ und „Born to be Blue“

Wikipedia über „Let’s get Lost“, „Born to be Blue“ und Chet Baker (deutsch, englisch)

AllMusic über Chet Baker

All about Jazz über Chet Baker

Meine Besprechung von Robert Budreaus „Born to be Blue“ (Born to be Blue, Kanada/Großbritannien 2015) – mit Bruce Webers Chet-Baker-Doku „Let’s get lost“ und einem Baker-Konzert.


TV-Tipp für den 25. Oktober: Wir sind alle Astronauten

Oktober 25, 2017

Arte, 20.15

Wir sind alle Astronauten (Asphalte, Frankreich 2015)

Regie: Samuel Benchetrit

Drehbuch: Samuel Benchetrit, Gábor Rassov

Tragikomödie über die Bewohner eines typischen Banlieue-Mietshauses in Frankreich. Zum Beispiel eine Schauspielerin, die in den Achtzigern berühmt war. Oder ein Mieter, der den Fahrstuhl nicht benutzten darf, weil er im ersten Stock wohnt. Auch nicht, als er nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Oder eine Algerierin, die einen Astronauten bewirtet, der darauf wartet, von der NASA abgeholt zu werden.

Alltägliche, unglaubliche und wahre Geschichten

mit Isabelle Huppert, Gustave Kervern, Valeria Bruni Tedeschi, Tassadit Mandi, Jules Benchetrit

Hinweise

AlloCiné über „Wir sind alle Astronauten“

Rotten Tomatoes über „Wir sind alle Astronauten“

Wikipedia über „Wir sind alle Astronauten“ (deutsch, englisch)


Cover der Woche

Oktober 24, 2017

Sollte mal wieder einen Roman von ihm lesen.

Sollte mal wieder ein Buch (Hey, seit der letzten Übersetzung dürfte er ungefähr ein Dutzend Krimis geschrieben haben!) von ihm übersetzt werden.


TV-Tipp für den 24. Oktober: Erich Mielke – Meister der Angst

Oktober 24, 2017

MDR, 22.05

Erich Mielke – Meister der Angst (Deutschland 2015)

Regie: Jens Becker, Maarten van der Duin

Drehbuch: Maarten van der Duin, Jens Becker

Dokudrama über Stasi-Chef Erich Mielke, das letztendlich nur an der Oberfläche kratzt und sich, auch mit nachgespielten Szenen, zu sehr auf den Menschen Mielke und zu wenig auf das System Mielke konzentriert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kaspar Eichel, Beate Laaß, Thomas Förster, Erich Mielke, Roland Jahn, Stefan König, Hubert Dreyling, Nikolai Leonow, Nikita Petrow, Wolfgang Fixson

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Erich Mielke – Meister der Angst“

Moviepilot über „Erich Mielke – Meister der Angst“

Wikipedia über Erich Mielke

Meine Besprechung von Jens Becker/Maarten van der Duins „Erich Mielke – Meister der Angst“ (Deutschland 2015)


DVD-Kritik: „Unlocked“ – Agentenspielereien in London

Oktober 24, 2017

Nachdem Alice Racine in Paris einen Anschlag nicht verhindern konnte, nimmt die CIA-Verhörspezialistin eine Auszeit vom aktiven Dienst zugunsten eines ruhigen Undercover-Jobs. In London lebt sie jetzt unauffällig als Sozialarbeiterin und trifft sich immer wieder mit ihren Kontaktleuten vom britischen und amerikanischen Geheimdienst.

Eines Tages erhält sie eine Nachricht: sie soll einen Kurier für einen islamistischen Terrorpaten befragen. Die Informationen könnten einen B-Waffen-Anschlag verhindern.

Während des Verhörs erhält sie einen Anruf von der CIA, die sie für genau dieses Verhör haben möchte. In dem Moment ist ihr klar, dass die Londoner CIA-Abteilung von irgendwelchen Bösewichtern unterwandert wurde und die Männer, die das Verhör überwachen, keine CIAler sind.

Racine versucht mit dem Gefangenen, der ihr vertraut, zu flüchten. Er wird auf ihrer Flucht aus dem Verhörzimmer (das in einem Hotel ist) erschossen. Als sie ihren väterlichen CIA-Vertrauten Eric Lasch um Rat fragen will, wird dieser ebenfalls erschossen.

Vor seinem Tod hat er ihr die Adresse eines dem CIA unbekannte, sicheren Wohnung verraten.

Als sie sie betritt, erwischt sie den Einbrecher Jack Alcott auf frischer Tat. Er belauscht ihr Telefonat mit dem Leiter des Londoner CIA-Büros, rettet sie vor einigen schwerbewaffneten Polizisten und will ihr unbedingt helfen, den geplanten Anschlag zu verhindern.

Aber kann sie ihm vertrauen? Und, viel wichtiger, warum sollte sie ihm vertrauen?

Das ist wahrscheinlich der unglaubwürdigste Moment in Michael Apteds Agenten-Thriller „Unlocked“: ein Einbrecher will einer Agentin helfen, anstatt möglichst schnell abzuhauen. Und sie ist, ohne einen ersichtlichen Grund, einverstanden. Sie ist eine ausgezeichnete Kämpferin; – Hey, sie wird von „Lisbeth Salander“ Noomi Rapace gespielt, die, ohne mit der Wimper zu zucken, Computertastaturen und Sandsäcke vertrimmt. Sie kann mehrere Sprachen. Sie kennt sich mit Computern aus. Sie hat immer noch ausgezeichnete Verbindungen in die Geheimdienste. Kurz: Sie braucht Alcott nicht.

Der Plot selbst ist eine dieser sattsam bekannten Agentengeschichten, in der wir überrascht sein sollen, wenn sich der gute Vorgesetzte als Bösewicht entpuppt, der den Anschlag plant, weil er die Politiker in Washington oder London für Weicheier hält und er nur so die nötigen Rechte und Mittel für seinen Kampf gegen den islamistischen Terror erhält. Als müssten Geheimdienste seit 9/11 mit schrumpfenden Budgets und immer weniger Rechten kämpfen.

Trotzdem ist gegen diesen, zugegeben hanebüchenen, Plot nichts einzuwenden, wenn er richtig präsentiert wird. Dann vergisst man gerne, dass diese unglaublich komplizierten Verschwörungen, in denen jeder jeden betrügt, nur im Universum eines Films funktionieren können. Wobei „Unlocked“ auch hier mit einigen bemerkenswerten Plotlöchern zu kämpfen hat, deren Diskussion ich mir jetzt erspare, weil sie zu viel von der Geschichte und den überraschenden Wendungen verraten würde.

Michael Apted, der mit Filmen wie „Gorky Park“, „Gorillas im Nebel“, „Halbblut“, „James Bond: Die Welt ist nicht genug“ und „Enigma“ zeigte, dass er sein Handwerk in ungefähr jedem Genre versteht, inszenierte „Unlocked“ als bräsige Pflichtübung, die, auch wegen des Drehbuchs, niemals auch nur ansatzweise das Potential der Geschichte ausschöpft oder von seinem Cast mehr als Dienst nach Vorschrift verlangt. Und der kann sich sehen lassen. Neben Rapace spielen Orlando Bloom, Toni Collette, John Malkovich und Michael Douglas mit. Ohne erkennbares Engagement auf Autopilot in einem Agententhriller, der ebenfalls auf Autopilot ins Ziel fliegt.

Unlocked (Unlocked, USA 2017)

Regie: Michael Apted

Drehbuch: Peter O’Brien

mit Noomi Rapace, Orlando Bloom, Toni Collette, John Malkovich, Michael Douglas, Matthew Marsh, Makram Khoury, Brian Caspe, Philip Brodie, Tosin Cole, Michael Epp, Tom Reed

Blu-ray

Universum Film

Bild: 2,40:1 (1080p/24)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD 5.1 MA)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Unlocked“

Metacritic über „Unlocked“

Rotten Tomatoes über „Unlocked“

Wikipedia über „Unlocked“

Meine Besprechung von Curtis Hanson/Michael Apteds „Mavericks – Lebe deinen Traum“ (Chasing Mavericks, USA 2012)


TV-Tipp für den 23. Oktober: Eisenstein in Guanajuato

Oktober 23, 2017

Arte, 22.35

Eisenstein in Guanajuato (Eisenstein in Guanajuato, Niederlande/Mexiko/Finnland/Belgien 2015)

Regie: Peter Greenaway

Drehbuch: Peter Greenaway

1931 verbrachte Sergej M. Eisenstein (1898 – 1948, „Panzerkreuzer Potemkin“) zehn Tage in Guanajuato. Um in Mexiko einen Film zu drehen, der nie beendet wurde.

Peter Greenaway schildert, was damals geschah. Mehr oder wenig nah an den historischen Ereignissen, immer höchst unterhaltsam und wundervoll verspielt zwischen Fakten und Fantasie kunstvoll und äußerst klar delirierend.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Elmer Bäck, Luis Alberti, Maya Zapata, Rasmus Slätis, Jakob Öhrmann, Lisa Owen, Stelio Savante, José Montini, Cristina Velasco Lozano

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Eisenstein in Guanajuato“
Moviepilot über „Eisenstein in Guanajuato“
Rotten Tomatoes über „Eisenstein in Guanajuato“
Wikipedia über „Eisenstein in Guanajuato“
Berlinale über „Eisenstein in Guanajuato“

Meine Besprechung von Peter Greenaways „Eisenstein in Guanajuato“ (Eisenstein in Guanajuato, Niederlande/Mexiko/Finnland/Belgien 2015)


TV-Tipp für den 22. Oktober: 78/52 – Die letzten Geheimnisse von Psycho

Oktober 21, 2017

Arte, 22.15

78/52 – Die letzten Geheimnisse von Psycho (78/52, USA 2017)

Regie: Alexandre O. Philippe

Drehbuch: Alexandre O. Philippe

Spielfilmlange, hochgelobte Doku über die Duschszene in Alfred Hitchcocks „Psycho“.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „78/52“

Meine Besprechung von Alexandre O. Philippes „Doc of the Dead“ (Doc of the Dead, USA 2014)


TV-Tipp für den 21. Oktober: Die Bourne Identität

Oktober 21, 2017

ZDFneo, 21.45

Die Bourne Identität (USA 2002, Regie: Doug Liman)

Drehbuch: Tony Gilroy, William Blake Herron

LV: Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Der Borowski-Betrug, Die Bourne-Identität)

CIA-Agent und Killer Jason Bourne hat sein Gedächtnis verloren. Schlimme Sache. Aber schlimmer ist, dass seine ehemaligen Arbeitgeber ihn umbringen wollen.

Die eher werkferne, kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Borowski-Buches. Für die Verfilmung des damals über zwanzig Jahre alten Buches wurde nur das Skelett der Handlung übernommen, der Rest aktualisiert und ein unterhaltsamer Action-Thriller gedreht, der sogar angenehm altmodisch ist. Nur Matt Damon wirkt einfach fünf Jahre zu jung für den eiskalten Profikiller. Aber das Problem hatte er in den spannenden Fortsetzungen nicht mehr.

Mit Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Walton Goggins

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Bourne Identität“

Wikipedia über „Die Bourne Identität“ (deutsch, englisch) und Robert Ludlum (deutsch, englisch)

Robert-Ludlum-Fanseite

Kirjasto über Robert Ludlum

Meine Besprechung von Tony Gilroys “Das Bourne-Vermächtnis” (The Bourne Legacy, USA 2012)

Meine Besprechung von Paul Greengrass‘ „Jason Bourne“ (Jason Bourne, USA 2016)

Meine Besprechung von Doug Limans „Edge of Tomorrow“ (Edge of Tomorrow, USA 2014) und der DVD

Meine Besprechung von Doug Limans „Barry Seal – Only in America“ (American Made, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Gewinner „The Square“

Oktober 20, 2017

Mit 151 Minuten Laufzeit geht das gepflegte Arthaus-Kino, wieder einmal, von der Filmlänge, in Richtung Blockbuster-Kino. Das ist in diesem Fall nicht schlecht. Auch wenn Ruben Östlund ruhig einige Minuten hätte kürzen können in seinem episodischen Spielfilm „The Square“, der in Cannes die Goldene Palme erhielt.

Christian (Claes Bang) ist der eloquente, immer modisch gekleidete und etwas oberflächliche Kurator des X-Royal-Museums in Stockholm. Eines Tages wird ihm auf dem Weg zur Arbeit sein Handy und seine Brieftasche geklaut. Er will es wieder haben. Als er erfährt, dass es in einem Wohnblock in einer zwielichtigen Gegend ist, entschließt er sich, einen Drohbrief in alle Briefkästen zu werfen, in dem er die Rückgabe seines Geldbeutels und seines Telefons fordert.

Zur gleichen Zeit konzipiert er eine neue Ausstellung, zu der auch die titelgebende quadratische Kunstinstallation im Kopfsteinpflaster des Museumsplatzes gehört. Eine Plakette erklärt die Installation: „Das Quadrat ist ein Zufluchtsort, an dem Vertrauen und Fürsorge herrschen. Hier haben alle die gleichen Rechte und Pflichten.“

Natürlich muss die Ausstellung publikumswirksam vermarktet werden. Dafür sind zwei PR-Berater engagiert, die eine virale Werbekampagne planen, die vielleicht wenig mit der Ausstellung zu tun hat, aber viele Klicks generieren wird. Schon der Titel „Blonde Kinderbettlerin wird in die Luft gesprengt“ generiert Aufmerksamkeit.

Diese beiden Plots – wobei der Plot mit dem geklauten Telefon scheinbar ziemlich schnell erledigt ist – bieten Ruben Östlund die Möglichkeit, in immer neuen Szenen, Irritationen in die gewohnten Abläufe einfließen zu lassen. Es sind Provokationen, falsches oder irritierendes Verhalten und Grenzüberschreitungen. Mehr oder weniger bewusst. Mehr oder weniger auffällig.

Und immer steht Christian vor der Frage, wie er sich verhalten soll. So geht er, wie alle anderen, teilnahmslos an einem Bettler vorbei. Auch als kurz darauf Frauenschreie ertönen, reagiert er nicht. Auch nicht, als sie an ihm vorbeiläuft. Erst als er von einem anderen Mann angesprochen wird, stellt er sich ihrem Verfolger in den Weg. Danach ist er stolz auf sich und seinen Mut.

Später wird ein öffentliches Gespräch mit einem Künstler durch die vulgären Worte und Sätze eines Mannes mit Tourette-Syndrom gestört.

Bei einem Abendessen sorgt eine Performance zunächst für einen willkommenen Clash. Ein halbnackter Mann tobt wie ein wildgewordener Gorilla durch den Saal. Die Gäste sind zunächst amüsiert über die gelungene Performance. Dann, als der Künstler nicht aufhört und zunehmend Grenzen überschreitet, versuchen sie ihn zu ignorieren. Als die Performance sich weiter steigert und er weitere Grenzen verletzt, beginnen sie ihn zu schlagen.

Östlund beobachtet das alles ungerührt mit den Augen eines Forschers, der sehen möchte, wie sich der von ihm gestaltete Versuchsaufbau entwickelt. In diesem Fall endet der Versuch in einer Schlägerei.

Auch in der von Christian kuratierten Ausstellung wird das Problem zwischen den moralischen Vorstellungen des Charakters und seinem Verhalten konkret angesprochen. In einem Raum soll der Museumsbesucher sich zwischen zwei Türen entscheiden. Auf der einen steht „Ich vertraue den Menschen.“ Auf der anderen „Ich misstraue den Menschen.“ Wenn man die „Ich vertraue“-Tür durchschreitet, wird man danach aufgefordert, sein Telefon und seine Brieftasche auf den Boden zu legen. Östlund, der dieses Experiment in einem seiner Kunstprojekte durchführte, sagt, in dem Moment hätten die Museumsbesucher kalte Füße bekommen: „Dieser Widerspruch zeigt, wie schwierig es ist, nach den eigenen Prinzipien zu handeln.“

Der gesamte Film ist sehr klar, aber auch überdeutlich inszeniert. So alltäglich die meisten Situationen sind, so künstlich sind sie auch immer. Auch weil die Figuren sich fast immer wie sorgfältig instruierte Versuchsteilnehmer verhalten. Sie wissen, dass sie etwas bestimmtes tun sollen. Nämlich ausgehend von einer bestimmten Situation und einem mit der Situation verbundenem (Schein)Problem den Zuschauer zum Nachdenken über verschiedene Handlungsmöglichkeiten anzuregen. Entsprechend deutlich werden die Handlungsoptionen formuliert und entsprechend schmal ist am Ende dieser enzyklopädischen Sammlung unangenehmer Situationen der Erkenntnisgewinn. Dafür hätte Östlund sich stärker mit den gesellschaftlichen Normen und wie sie im Konflikt mit unserem alltäglichen Handeln stehen, beschäftigen müssen.

Oder, um wieder auf das titelgebende Quadrat der gleichen Rechte und Pflichten zurückzukommen, ist dieses Quadrat nicht einfach ein von der Wirklichkeit abgehobenes, nichtssagendes Kunstprojekt, das die wahren Probleme ignoriert? Was hat einer der vielen von Östlund gezeigten Obdachlosen von dem Quadrat mit den gleichen Rechten und Pflichten, wenn er keine Wohnung und kein Einkommen hat? Wenn es niemand gibt, der sich für ihn einsetzt oder ihm die Mittel in die Hand gibt, um seine Situation zu verändern?

Man kann „The Square“ auch einfach als Satire auf den Kunstbetrieb und die Tragödie eines lächerlichen Mannes sehen.

The Square (The Square, Schweden/Deutschland/Frankreich/Dänemark 2017)

Regie: Ruben Östlund

Drehbuch: Ruben Östlund

mit Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West, Terry Notary, Christopher Laesso, Marina Schiptjenko, Elijandro Edouard, Daniel Hallberg, Martin Sööder

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Square“

Metacritic über „The Square“

Rotten Tomateos über „The Square“

Wikipedia über „The Square“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ruben Östlunds „Höhere Gewalt“ (Turist/Force Majeure, Schweden 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Borg/McEnroe“ duellieren sich in Wimbledon

Oktober 20, 2017

Mein Desinteresse am Tennisinteresse begann erst später, aber Björn Borg und John McEnroe waren auch für Nicht-Sportfans Tennisstars, an denen man nicht vorbeikam. Schließlich kämpften sie um den ersten Platz auf der Weltrangliste. Und John McEnroes Wutanfällen auf dem Platz waren schon damals legendär. In den Achtzigern berichtete die Presse immer wieder darüber. Dass beide Sportler gleich reihenweise die wichtigsten Preise abräumten interessierte in dem Moment vor allem die Sport- und Tennisfans.

Außerdem waren beide, im Gegensatz zu heutigen Sportlern, echte Charaktere, die in diesem Fall ihre unterschiedlichen Stile und Feindschaften auch in der Öffentlichkeit pflegten. Wobei das Pflegen von publikumswirksamen Feindschaften auch in anderen Sportarten, vor allem im Boxen, dazu gehört und gut für die Quoten ist. Damals waren Quoten, vor allem TV-Quoten, noch nicht so wichtig.

Erstmals trafen Björn Borg und John McEnroe 1980 in Wimbledon aufeinander. Borg war damals ein großer Star. Ein vierfacher Wimbledon-Gewinner, der mit einem fünften Sieg Tennisgeschichte schreiben könnte. Er ist ein ruhiger, überlegter Spieler. Ein Eisberg, der keine Gefühle zeigt.

Früher war er im Training unbeherrscht wie John McEnroe und wie ihm sein Trainer Lennart Bergelin diese Unbeherrschtheit austreibt, geschieht in Janus Metz‘ Film „Borg/McEnroe“ mit einer Gardinenpredigt Bergelins etwas zu schnell. Hier hätte Metz Borg ein, zwei Szenen mehr gönnen können. Schließlich zeichnet er Borgs Aufstieg an die Weltspitze und sein Privatleben detailverliebt und, wie man hört, auch sehr faktengetreu nach.

Borg pflegt während des 1980er Wimbledon-Turniers auch seine Marotten: er besteht auf dem immergleichen Auto und Hotelzimmer. In der bis zum Waschlappen immergleichen Ausstattung. Jeden Abend prüft er in einer langwierigen Prozedur mit Bergelin die Spannung seiner Schläger. Von dem ganzen Rummel um ihn herum und dass seine Mitarbeiter für ihn sein Leben von Tennisturnieren bis zur Hochzeit durchplanen, ist er genervt.

John McEnroe ist in dem Moment das junge aufstrebende Talent aus New York. Er kann sich noch unbeobachtet durch die Stadt bewegen und sein billiges Hotelzimmer mühelos in eine typische Studentenbude verwandeln. Auch auf dem Platz ist er das genaue Gegenteil von Björn Borg. McEnroe ist ein unbeherrschter Choleriker, der alles und jeden beleidigt. Der Zwanzigjährige ist kein beliebter, aber ein sehr guter Tennisspieler, der jetzt den vierundzwanzigjährigen Björn Borg besiegen will.

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere und die klare Struktur des Wettkampfs bieten das erzählerische Gerüst für „Borg/McEnroe“, das allein schon spannend genug ist. Das Zeitkolorit (die Kleider, die Frisuren, das Design, die Autos) erledigt den Rest. Hier liefert der Däne Janus Metz, der bislang vor allem als Dokumentarfilmer arbeitete, alles, was man erwartet. Über Björn Borg und seine Lehrjahre erfährt man auch einiges. Im Gegensatz zu John McEnroe halfen er und seine Familie den Filmemachern mit Hintergrundinformationen.

Dagegen erfährt man im Film wenig bis nichts über John McEnroes Weg nach Wimbledon.

Auch über das Spiel, die Spielregeln und das spezifische Denken eines Tennisspielers erfährt man fast nichts.

Das gelang Ron Howard in seinem fantastischen Formel-1-Thriller „Rush“ (über Niki Lauda und James Hunt) und Edward Zwick in seinem ebenso fantastischem Schach-Thriller „Bauernopfer – Spiel der Könige“ (über Bobby Fisher und Boris Spassky) besser.

In „Borg/McEnroe“ geht es mehr um die Herausforderungen des Ruhms, den unbedingten Willen zu Siegen und unterschiedliche Wege, ans Ziel zu kommen. Insofern unterscheiden sich Björn Borg und John McEnroe kaum von Niki Lauda und James Hunt, der den Ruhm als Formel-1-Fahrer genießt.

Insgesamt ist „Borg/McEnroe“ auch für Nicht-Tennsfans ein mitreisender Sportfilm und ein Retro-Fest.

Am 23. November startet mit „Battle of the Sexes“ ein weiterer Tennisfilm in unseren Kinos. Dann geht es um das Aufeinandertreffen von Bobby Riggs und Billie Jean King 1973. Er behauptet, dass Männer auf dem Tennisplatz besser als Frauen sind und er jede Frau mühelos besiegen könne. Die erfolgreiche Spielerin King (u. a. zwanzig Titel in Wimbledon und mehrere Grand-Slams) nahm die Herausforderung an. In dem ebenfalls sehenswertem Film geht es dann auch um „Sex“.

Borg/McEnroe (Borg/McEnroe, Dänemark/Finnland/Schweden 2017)

Regie: Janus Metz

Drehbuch: Ronnie Sandahl

mit Sverrir Gudnason, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Tuva Novotny, Ian Blackman, Robert Emms, Scott Arthur

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Borg/McEnroe“

Metacritic über „Borg/McEnroe“

Rotten Tomatoes über „Borg/McEnroe“

Wikipedia über „Borg/McEnroe“ (deutsch, englisch) und das Wimbledon-Tennisspiel (deutsch, englisch – Achtung, der Artikel spoilt das Ende des Films!)

Die TIFF-Pressekonferenz


TV-Tipp für den 20. Oktober: London Boulevard

Oktober 20, 2017

3Sat, 22.25
London Boulevard (London Boulevard, USA/GB 2010)
Regie: William Monahan
Drehbuch: William Monahan
LV: Ken Bruen: London Boulevard, 2001 (London Boulevard)
Ex-Knacki Mitchel will jetzt ehrlich leben, wird Bodyguard einer berühmten Schauspielerin und hat dann doch mächtig Ärger mit einem Gangster.
Ken Bruen!
William Monahan!
Colin Farrell!
Keira Knightley!
Ray Winstone!
Und dann sind noch David Thewlis, Eddie Marsan und London dabei.
Die Begründung meiner offensichtlichen und schamlosen Begeisterung gibt es hier.
mit Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar, Stephen Graham, Ophelia Lovibon

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „London Boulevard“

Rotten Tomatoes über „London Boulevard“

Wikipedia über „London Boulevard“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit William Monahan (das Erste, das Zweite) und mit William Monahan und Colin Farrell zu “London Boulevard”

Homepage von Ken Bruen

Mein Besprechung von Ken Bruens „Brant“ (Blitz – or… Brant hits the Blues, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Füchsin“ (Vixen, 2003)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von Ken Bruen/Reed Farrel Colemans “Tower” (Tower, 2009)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie “Jack Taylor” (Irland 2010/2011/2013 – basierend auf den Romanen von Ken Bruen)

Ken Bruen in der Kriminalakte

Ken Bruen in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Rupert Wyatts „The Gambler“ (The Gambler, USA 2014 – nach einem Drehbuch von William Monahan)


Neu im Kino/Filmkritik: „Geostorm“ – ein Katastrophenthriller von Roland-Emmerich-Kumpel Dean Devlin

Oktober 20, 2017

Weil es durch die menschengemachte Erderwärmung zu immer mehr Wetterkatastrophen kommt, installiert die Menschheit in der Erdumlaufbahn ein gigantisches Satellitensystem, das solche Katastrophen verhindern soll. Das von Jake Lawson bis zur letzten Schraube geplante und beim Bau beaufsichtige System kontrolliert inzwischen das Erdklima und das tägliche Wetter und alles ist perfekt…Wenn es in letzter Zeit nicht einige merkwürdige Vorfälle gegeben hätte. In Afghanistan gab es eine Temperaturanomalie, die dazu führte, dass alle Einwohner zu Eisstatuen erstarrten. Auf der Weltraumstation wurde bei einer Fehlfunktion ein Astronaut ins All geschleudert.

Der US-Präsident, der in wenigen Tagen das System der Weltgemeinschaft übergeben möchte, ordnet eine vollständige Untersuchung der Vorfälle an. Am besten für die Aufgabe ist Jake geeignet, der nach seinem Rauswurf aus dem Projekt (er war öfter arg undiplomatisch) in Florida das einsiedlerische Leben eines rauen, aber letztendlich soften Naturburschen mit Bastlerqualitäten lebt.

Er fliegt auf die riesige Raumstation und beginnt den oder die Saboteure zu suchen. Die Spur führt in die höchsten Etagen Washingtons. Und da ist es gut, dass Jakes jüngerer, sich an die Vorschriften haltender Bruder Max, der im Moment auch sein Vorgesetzter ist, mit der Secret-Service-Agentin Sarah Wilson, die den Präsidenten beschützt, liiert ist.

Geostorm“ ist das mehrfach verschobene Regiedebüt von Dean Devlin. Die Dreharbeiten waren von Oktober 2014 bis Februar 2015. Im Dezember 2016 gab es, nach Test Screenings, einen Nachdreh, der 15 Millionen US-Dollar kostete. Weil Devlin keine Zeit hatte, übernahm Danny Cannon („C. S. I.“-Franchise, „Gotham“) die Regie. Als Grund für die hohen Kosten wurden vor allem die hohen Gagen der Schauspieler genannt und die Besetzung ist mit Gerald Butler (als Jake), Jim Sturgess (als Max), Abbie Cornish (als Sarah Wilson), Andy Garcia (als US-Präsident) und Ed Harris (als US-Außenminister) durchaus prominent geraten. Für uns Deutsche gibt es Alexandra Maria Lara als Ute Fassbinder, Leiterin der internationalen Weltraumstation.

Dean Devlin ist ein langjähriger Partner von Roland Emmerich. In Emmerichs „Moon 44“ hatte Devlin eine Nebenrolle. Für Emmerichs nächsten Film „Universal Soldier“ schrieb er das Drehbuch und fungierte als Produzent. Bei „Stargate“, „Independence Day“ und „Godzilla“ behielten sie diese Aufgabenteilung bei und auch bei Emmerichs nächsten Filmen hielt die kommerziell sehr erfolgreiche Partnerschaft an. Zuletzt bei „Independence Day: Wiederkehr“. Daneben stieg Devlin erfolgreich ins TV-Geschäft ein. Die unterhaltsamen Serien „Leverage“ und „The Quest – Die Serie“ (The Librarians) gehen auf sein Konto.

Devlins Co-Autor Paul Guyot war ebenfalls als Produzent und Autor in diese beiden Serien und in die TV-Serie „Für alle Fälle Amy“ involviert.

Salopp könnte man „Geostorm“ daher als Mega-Mash-Up zwischen diesen beiden Welten bezeichnen. Die Katastrophen, die die Saboteure auslösen und die den titelgebenden Geostorm (eine sich rasch steigernde Serie von die Erde zerstörenden Umweltkatastrophen) verursachen sollen, kennt man aus den verschiedenen Emmerich-Katastrophenfilmen. Die Idee, das Wetter aus einem Raumschiff zu beeinflussen, kennen wir von Roland Emmerichs Debütfilm „Das Arche Noah Prinzip“.

Die Tricks schwanken auf der großen Leinwand zwischen überwältigend und solala.

Die Story, die Erzählweise, die Konflikte und auch der leicht humoristische Tonfall stammt dagegen aus der Welt der TV-Serien. Devlin erzählt in „Geostorm“ keine eine dieser typischen Katastrophenfilm-Geschichten, in denen Menschen im Angesicht der Katastrophe ihr wahres Gesicht zeigen, sondern primär einen Verschwörungsthriller, bei dem es um die Frage geht, wer Dutch Boy sabotieren will. Und, ja, ein Blick auf die Besetzungsliste gibt auch einen guten Hinweis auf die Identität des Bösewichts, die erst am Ende enthüllt wird. Wie man es von einem Rätselkrimi kennt.

Geostorm“ ist deshalb, trotz seines Budgets von 120 Millionen Dollar, ein nicht unsympathischer, letztendlich unspektakulärer kleiner Thriller, der seine Katastrophen in schönster Emmerich-Manier über den gesamten Globus verteilt und auf den Emmerich-typischen Patriotismus verzichtet.

Geostorm (Geostorm, USA 2017)

Regie: Dean Devlin

Drehbuch: Dean Devlin, Paul Guyot

mit Gerald Butler, Jim Sturgess, Abbie Cornish, Alexandra Maria Lara, Daniel Wu, Eugenio Derbez, Ed Harris, Andy Garcia, Amr Waked, Adepero Oduye, Talitha Bateman, Richard Schiff, Mare Winningham

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Geostorm“

Metacritic über „Geostorm“

Rotten Tomatoes über „Geostorm“

Wikipedia über „Geostorm“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Jo-Nesbø-Verfilmung „Schneemann“

Oktober 19, 2017

Als Vorbild taugt Harry Hole nicht. Der Osloer Mordermittler ist ein Trinker, der nur nüchtern wird, wenn er einen neuen Mordfall hat. Je gruseliger, vertrackter und mysteriöser, umso besser. Deshalb ist er auch von seinem neuen, sich langsam, aus einigen eher zufälligen Ereignissen entwickelnden Fall begeistert: junge Mütter verschwinden spurlos, ein Schneemann (ja, ein richtiger, echter Schneemann, weil in Oslo im Winter meterhoher Schnee liegt) steht vor der Tür der Verschwundenen und Harry Hole erhält per Post eine seltsame Nachricht von dem Mörder, nach der er Hole alle Informationen gegeben habe, um die Morde zu verhindern.

Holes Ermittlungen, mit einer jungen, überengagierten Kollegin, führen ihn in die Vergangenheit. Anscheinend hat der Killer in Bergen schon einmal mehrere Frauen ermordet. Der damalige Ermittler, ebenfalls ein Alkoholiker, soll Suizid begangen haben.

Und, – was wäre ein skandinavischer Krimi ohne die Politik? -, Norwegen bewirbt sich gerade als Ausrichter für die olympischen Winterspiele. Die Bewerbung wird von einem Unternehmer vorangetrieben, der während der früheren Morde in Bergen lebte.

Krimifans, vor allem Fans von skandinavischen Krimis, kennen den von Jo Nesbø erfundenen Harry Hole bereits seit zwanzig Jahren. Damals erschien in Norwegen sein erster Harry-Hole-Roman „Der Fledermausmann“. 1999 erschien bei Ullstein die deutsche Ausgabe. Ullstein ist immer noch sein deutscher Verlag.

Damit gehört Nesbø zu den ersten Autoren der immer noch anhaltenden Welle skandinavischer Krimis, von denen auch etliche verfilmt wurden. Manchmal fürs Kino, öfter fürs Fernsehen und, im Fall von Kommissar Wallander, mit vielen verschiedenen Darstellern.

Nur die Fans von Harry Hole mussten sich gedulden.

Mit „Schneeman“ kommt jetzt die erste Harry-Hole-Verfilmung in unsere Kinos und der Blick auf die Credits weckt hohe Erwartungen. Martin Scorsese ist einer der Produzenten. Er war auch einmal als Regisseur im Gespräch. Das Drehbuch ist von Peter Straughan („Eine offene Rechnung“, „Dame König, As, Spion“), Hossein Amini („Drive“, „Verräter wie wir“, „Die zwei Gesichter des Januar“ [auch Regie]) und Søren Sveistrup („Kommissarin Lund“). Tomas Alfredson („So finster die Nacht“, „Dame, König, As, Spion“) übernahm die Regie und Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny und Sofia Helin haben mehr oder weniger große Rollen übernommen. Marco Beltrami schrieb die Musik. Thelma Schoonmaker (alle Scorsese-Filme seit „Wie ein wilder Stier“) und Claire Simpson (Oscar für „Platoon“) waren für den Schnitt zuständig.

Das geht schon auf den ersten Blick eindeutig in Richtung Hollywood-Prestigeprodukt. Wie David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“.

Alfredsons „Schneemann“ ist trotz seines Potentials aber nie die intendierte große Hollywood-Verfilmung, sondern der typische düstere, humorlose skandinavische TV-Krimi, der sich nur durch die Besetzung von einem TV-Krimi unterscheidet. Er hat auch mit all den Problemen zu kämpfen, die wir aus den skandinavischen Krimis kennen. Es geht um einen Serienmörder. Das Motiv für seine Taten liegt in seiner Kindheit. Die Morde sind bestialisch. Die Ermittler haben mehr persönliche Probleme, als gestandene Hypochonder. Ihr Privatleben nimmt einen großen Teil der Geschichte ein. Meistens ohne den Fall irgendwie voranzubringen Sie sind persönlich in den Fall verwickelt. Es gibt etwas Kapitalismuskritik. In „Schneemann“ ist sie milder als man es von skandinavischen Krimis gewohnt ist. Und der Plot ist so labyrinthisch, dass man besser nicht darüber nachdenkt, ob das alles irgendwie logisch zusammenpasst. Manchmal ist die Identität des Mörders bekannt. Öfter nicht. Dann wird der Serienmörderfall als Whodunit erzählt. Gerne mit Rückblenden zu einem älteren Fall, weil die Morde in der Gegenwart weit in die Vergangenheit zurückreichen. Es gibt einige Verdächtige. In „Schneemann“ sind das vor allem ein vermögender Unternehmer, der eine Kampagne für olympische Spiele in Norwegen organisiert und ein Arzt mit unseriösen Nebeneinkünften.

Deshalb könnte ich auch eine alte Besprechung einer Henning-Mankell/Stieg-Larsson/Arne-Dahl/Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung (um nur Einige zu nennen) hervorholen, die Namen anpassen und sie als „Schneemann“-Kritik veröffentlichen. Alfredsons Film wirkt immer wie eine x-beliebige Episode aus einer x-beliebigen Krimiserie.

Angesichts des in diesem Fall versammelten Talents ist dieser durch und durch durschnittliche, niemals beeindruckende Kriminalfilm eine herbe Enttäuschung.

Schneemann (The Snowman, USA 2017)

Regie: Tomas Alfredson

Drehbuch: Peter Straughan, Hossein Amini, Søren Sveistrup

LV: Jo Nesbø: Snømannen, 2007 (Schneemann)

mit Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, Jonas Karlsson, Michael Yates, Ronan Vibert, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, Genevieve O’Reilly, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny, Leonard Heinemann, Sofia Helin

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Schneemann“

Metacritic über „Schneemann“

Rotten Tomatoes über „Schneemann“

Wikipedia über „Schneemann“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tomas Alfredsons John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Bonushinweis

Vor wenigen Tagen erschien bei Ullstein Jo Nesbøs neuer Harry-Hole-Roman „Durst“. In seinem elften Fall sucht Harry Hole, der inzwischen an der Polizeihochschule unterrichtet, einen Serienkiller, der seine Opfer über die Dating-App Tinder findet. Unter den Opfern ist eine Kellnerin aus seinem Stammlokal – und der Mörder ist für ihn kein Unbekannter.

Jo Nesbø: Durst

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Ullstein, 2017

624 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Tørst

Aschehoug, Oslo, 2017

Hinweise

Deutsche Homepage von Jo Nesbø

Englische Homepage von Jo Nesbø

Meine Besprechung von Morten Tyldums Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“ (Hodejegerne, Norwegen/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Magnus Martens‘ „Jackpot – Vier Nieten landen einen Treffer“ (Arme Riddere, Norwegen 2011) (nach einer Geschichte von Jo Nesbø)


TV-Tipp für den 19. Oktober: Leben und Sterben in L. A.

Oktober 19, 2017

Tele 5, 20.15

Leben und Sterben in L. A. (USA 1985, Regie: William Friedkin)

Drehbuch: William Friedkin, Gerald Petievich

LV: Gerald Petievich: To live and die in L. A., 1984 (Leben und Sterben in L. A.)

Zwei Polizisten jagen einen Geldfälscher. Dabei sind sie in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich.

Nihilistischer Polizei- und Gangster-Thriller mit rasanten Action-Szenen. Unterschätzt!

Mit William L. Petersen, Willem Dafoe, John Pankow, John Turturro, Dean Stockwell, Gerald Petievich (in einer Minirolle als „Special Agent“)

Wiederholung: Freitag, 20. Oktober, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Gerald Petievich

Rotten Tomatoes über „Leben und Sterben in L. A.“

Wikipedia über „Leben und Sterben in L. A.“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „To Live and Die in L. A.“

Combustible Celluloid: Ein kurzes Interview mit William Friedkin über „To Live and Die in L. A.“  (21. November 2003)

MovieWeb: Ein Gespräch mit William Friedkin anläßlich der Blu-Ray-Veröffentlichung von „To Live and Die in L. A.“ (19. Februar 2010)

Yahoo/Associated Content: William Friedkin, William L. Petersen und Darlanne Fluegel über „To Live and Die in L. A.“ (31. Januar 2011)


TV-Tipp für den 18. Oktober: Can a Song save your Life?

Oktober 18, 2017

Pro7, 20.15

Can a Song save your Life? (Begin again, USA 2013)

Regie: John Carney

Drehbuch: John Carney

Gretta will wieder zurück nach London. Da hört ein gerade etwas glückloser Musikproduzent sie in einem Club singen und er hört einen Hit. Er will mit ihr eine Platte produzieren.

Wunderschöne Feelgood-Musikkomödie

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Keira Knightley, Mark Ruffalo, Hailee Steinfeld, Adam Levine, James Corden, Yasiin Bey (aka Mos Def), Ceelo Green, Catherine Keener, Rob Morrow

Wiederholung: Sonntag, 22. Oktober, 10.10 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Can a Song save your Life?“

Moviepilot über „Can a Song save your Life?“

Metacritic über „Can a Song save your Life?“

Rotten Tomatoes über „Can a Song save your Life?“

Wikipedia über „Can a Song save your Life?“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Carneys „Can a Song save your Life?“ (Begin again, USA 2013)

Meine Besprechung von John Carneys „Sing Street“ (Sing Street, Irland/USA/Großbritannien 2016) (und dem Soundtrack) und der DVD


Cover der Woche

Oktober 18, 2017


TV-Tipp für den 17. Oktober: Mogadischu

Oktober 17, 2017

ARD, 00.35

Mogadischu (Deutschland 2008, Regie: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (von 1997) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel 2007 ein Zweiteiler) über die RAF, dem zeitgleich im Kino gelaufenem, ziemlich grottigem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera.

„Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Wiederholung: SWR, Donnerstag, 19. Oktober, 00.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Mogadischu“ (deutsch, englisch)

Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens) über den Film „Mogadischu“

Kortner - Mogadischu

Das Buch zum Film (nur noch antiquarisch)

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro


Neu im Kino/Filmkritik: „Vorwärts immer!“ sagen der echte und der falsche Erich Honecker

Oktober 16, 2017

Was tut ein Vater nicht alles für seine Tochter? Zum Beispiel während der letzten Tage der DDR sich als Erich Honecker in die Höhle des Löwen begeben.

Das tut Otto Wolf (Jörg Schüttauf), der als bester Honecker-Darsteller der DDR gerade ein Theaterstück probt, das angesichts der revolutionären Lage auch Kommentare zur aktuellen Situation enthalten soll.

Geradezu entsetzt ist er von dem Plan seiner Tochter Anne (Josefine Preuß), zu ihrer Mutter in den Westen zu flüchten. Deshalb zerreißt er ihren falschen Pass, mit dem sie in die BRD ausreisen wollte. Also muss sie Ersatzpapiere beschaffen und das geht, wie der Zufall will, nur in Leipzig. Dort soll am Abend auch eine große Demonstration stattfinden, .

Es ist die Demonstration vom 9. Oktober 1989 und es heißt, so erfährt Wolf in den Gängen des Theaters aus gut informierten Kreisen, dass Erich Honecker einen Schießbefehl gegeben hat.

Um seine nichtsahnende Tochter zu beschützen – schließlich ist er immer noch ihr Vater und sie fährt ja nur wegen seiner gutgemeinten Tat nach Leipzig – lässt er sich von seinen Freunden im Theater, die Anne ebenfalls kennen und mögen, zu einem gewagten Plan überreden. Als Erich Honecker soll er im Zentralkomitee den Schießbefehl widerrufen.

Das ist der Plan, der schnell auf die Realität trifft. Er kennt das Gebäude und das Personal nicht. Die Parteioberen kennt er immerhin aus dem Fernsehen. Und dann trifft er noch auf Margot Honecker und den echten, schon etwas senilen Erich Honecker.

Fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall und über zehn Jahre nachdem Produzent Philipp Weinges erstmals mit dem Stoff in Berührung kam, läuft jetzt „Vorwärts immer!“ in unseren Kinos. „Wir waren überrascht, dass eine relativ harmlose, aber liebevoll erzählte Honecker-Komödie 25 Jahre nach dem Fall der Mauer auf so viel Widerstand stoßen könnte.“ Weinges fährt fort: „Im Westen fand man die Idee durchaus witzig, konnte sich aber nicht vorstellen, dass eine solche Geschichte funktioniert. Die einen fanden sie zu anspruchsvoll für ihr Publikum, die anderen hielten sie für zu albern für ihre in die Jahre gekommenen Zuschauer. Im Osten war die Empörung riesig. Die einen wehrten sich dagegen, dass Menschen aus dem Westen sich schon wieder über ihre Geschichte lustig machen, andere wiederum fühlten sich persönlich beleidigt, weil man sich über Honecker amüsierte.“

Und das soll man in „Vorwärts immer“: sich amüsieren in einer harmlosen, liebevoll erzählten, nostalgischen Honecker-Komödie, die von ihren Macher schon auf einer so kleinen Flamme gekocht wird, dass Vergleich mit Komödienklassikern wie „Sein oder Nichtson“ oder „Der große Diktator“, die auch Satiren mit einer klaren politischen Agenda waren, unfair sind. „Vorwärts immer!“ beansprucht für sich nur den Platz des harmlosen Amüsements.

Trotzdem findet „Vorwärts immer!“ nie die richtige Mischung zwischen Amüsement über die verkrusteten Strukturen der DDR, Slapstick (eher weniger), Klamauk und Boulevardtheater (mehr, auch weil das der vorherrschende Humorton ist) und Thrillerelementen, die in einer Komödie vollkommen unpassend sind. Das gilt vor allem für den Handlungsstrang mit Wolfs Tochter Anne, die in Leipzig in Lebensgefahr gerät.

Optisch ist das mit seiner weitgehenden Begrenzung auf Innenräume (der in Leipzig spielende Thriller-Plot weicht etwas davon ab) und seinem biederen, niemanden verletzenden Humor auf dem Niveau eines TV-Films inszeniert. Auch die Länge von etwas über neunzig Minuten spricht für eine 20.15-Uhr-Ausstrahlung auf einem der fest bei der ARD gebuchten Degeto-Sendeplätze.

P. S.: Günter Knarr schrieb die Drehbücher für die „Inspektor Jury“-Film. Und verglichen mit denen ist „Vorwärts immer!“ grandios.

Vorwärts immer! (Deutschland 2017)

Regie: Franziska Meletzky

Drehbuch: Markus Thebe, Philipp Weinges, Günter Knarr, Franziska Meletzky

mit Jörg Shüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz, Hedi Kriegeskotte, Marc Benjain, Steffen Scheumann, Andre Jung, Alexander Schubert, Stephan Grossmann, Devid Striesow

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Filmportal über „Vorwärts immer!“

Moviepilot über „Vorwärts immer!“