Neu im Kino/Filmkritik: „Music for black Pigeons“ und die Kunst der Pause

September 20, 2023

Für Jazzfans genügt die Information, dass in Jørgen Leth und Andreas Koefoeds Dokumentarfilm „Music for black Pigeons“ Jakob Bro, Lee Konitz, Bill Frisell, Paul Motian (ja, die Dreharbeiten zogen sich über einige Jahre hin), Joe Lovano, Palle Mikkelborg, Andrew Cyrille, Jon Christensen, Mark Turner, Thomas Morgan, Midori Takada und Manfred Eicher befragt werden und improvisieren.

Für Nicht-Jazzfans gibt es jetzt noch einige erklärende Worte.

Diese eben genannten Musiker sind seit teils seit Jahrzehnten Stars in der zeitgenössischen Jazzszene. Sie sind improvisierende Musiker zwischen Modern Jazz, Free Jazz und Avantgarde und sie sind fast alle ECM-Musiker. Wie auf den Platten des von Manfred Eicher 1969 gegründete Labels ECM geben auch die beiden Regisseure Jørgen Leth und Andreas Koefoed den Musikern viel Zeit, ihre Gedanken zu formulieren. Das gilt für ihre Improvisationen und die Interviews mit ihnen. Anstatt, wenn der Befragte ein, zwei Sekunden schweigt, sofort die nächste Frage zu stellen, warten sie ab. Besonders bei Thomas Morgan dauert es ewig, bis er langsam versucht eine Antwort zu formulieren, die ihn befriedigt und die Frage beantwortet. Und Manfred Eicher versucht zu erklären, was eine Pause ist und warum ihn die Musik, die er gerade gehört hat, so sehr berührt.

Die ersten Aufnahmen für die Dokumentation „Music for black Pigeons“ entstanden 2008. Damals trafen sich Andreas Koefoed und der deutlich ältere Jørgen Leth, der in den 1960ern über Lee Konitz geschrieben hatte, in New York im Avatar Studio bei den Aufnahmen für Jakob Bros erste internationale Aufnahme. Bei „Balledeering“ wurde der dänische Gitarrist Bro von Lee Konitz (Altsaxophon), Bill Frisell (Gitarre), Ben Street (Bass) und Paul Motian (Schlagzeug) begleitet. In den kommenden Jahren dokumentierten Koefoed und Leth, auf Veranlassung von Bro, weitere Aufnahmen und Live-Auftritte von ihm.

Trotzdem steht Jakob Bro bei diesem Dokumentarfilm nicht im Zentrum. Der Gitarrist wirkt eher wie Randfigur, die zufällig immer wieder im Bild ist. Die anderen Musiker, wie Bill Frisell, der Bassist Thomas Morgan und der 2020 verstorbene Lee Konitz, der bis zum Schluss nie seinen Humor und seine Neugierde verliert, scheinen wichtiger. Von Konitz ist auch der Titel des Films. Konitz habe sich, so erzählt Bro, gefragt, was für Musik sie aufgenommen hatten. Als er sich in seiner Wohnung die Aufnahme anhörte, setzte sich eine schwarze Taube auf seine Fensterbank und hörte sich die gesamte Aufnahme an. Danach flog sie weg und Konitz wusste, dass sie Musik für schwarze Tauben machten.

In der zweiten Hälfte wird die Doku etwas episodischer. Einige Musiker, wie Bill Frisell, verschwinden. Andere Musiker tauchen nur kurz auf und die beiden Regisseure verzichten darauf, den Film erkennbar an Jakob Bros Leben entlang zu erzählen oder ihm eine andere klar erkennbare narrative Struktur zu geben. Wichtiger ist ihnen, auch wenn sie nur Ausschnitte aus den Songs präsentieren, die improvisierte Musik und die Begegnungen mit den Musikern.

Music for black Pigeons (Music for black Pigeons, Dänemark 2022)

Regie: Jørgen Leth, Andreas Koefoed

Drehbuch: Jørgen Leth, Andreas Koefoed, Adam Nielsen

mit Jakob Bro, Lee Konitz, Thomas Morgan, Paul Motian, Bill Frisell, Mark Turner, Joe Lovano, Andrew Cyrille, Palle Mikkelborg, Jon Christensen, Manfred Eicher, Midori Takada

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Music for black Pigeons“

Rotten Tomatoes über „Music for black Pigeons

Wikipedia über Jakob Bro (deutsch, englisch)

Homepage von Jakob Bro

All about Jazz über Jakob Bro

AllMusic über Jakob Bro (er hat den Film ja initiiert)

und jetzt dürfen Jørgen Leth und Andreas Koefoed (und später Jakob Bro) über ihren Film reden

 


TV-Tipp für den 20. September: Omar – Ein Justizskandal

September 19, 2023

Arte, 20.15

Omar – Ein Justizskandal (Omar m’a tuer, Frankreich 2011)

Regie: Roschdy Zem

Drehbuch: Olivier Gorce, Roschdy Zem (nach Omar Raddad [Autobiografie], Jean-Marie Rouart: Omar, la construction d’un coupable)

Der Gärtner Omar Raddad soll 1991 seine wohlhabende Arbeitgeberin Ghislaine Marchal ermordet haben. Er wird zu 18 Jahren Haft verurteilt. Ein Journalist hält die Beweisführung für hanebüchen. Er recherchiert und deckt einen Justizskandal auf.

Schauspieler Roschdy Zem verfilmte die wahre Geschichte. „Spannend inszeniert, intensiv gespielt.“ (Lexikon des internationalen Films)

2012 stand das Drama auf der Shortlist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

mit Sami Bouajila, Denis Podalydès, Marice Bénichou, Salomé Stévenin

Hinweise

AlloCinè über „Omar – Ein Justizskandal“

Rotten Tomatoes über „Omar – Ein Justizskandal“

Wikipedia über „Omar – Ein Justizskandal“ (deutsch, englisch, französisch) und Omar Raddad (deutsch, englisch, französisch)


Cover der Woche

September 19, 2023

Die deutsche Ausgabe „Endspiel“ (Heyne) ist nur noch antiquarisch erhältlich.


TV-Tipp für den 19. September: The Town – Stadt ohne Gnade

September 18, 2023

Tele 5, 22.20

The Town – Stadt ohne Gnade (The Town, USA 2010)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck, Peter Craig, Aaron Stockard

LV: Chuck Hogan: Prince of Thieves, 2004 (Endspiel)

Bankräuber Doug MacRay überfällt mit drei Freunden eine Bank und verliebt sich anschließend in die Filialleiterin, die sie auf der Flucht als Geisel mitgenommen hatten. Jetzt will er aussteigen. Davor muss er allerdings noch seinen letzten Coup durchführen.

Nach der tollen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“ blieb Ben Affleck in seiner zweiten Regiearbeit dem Genre und Boston treu. „The Town“ ist gutes altmodisches Erzählkino, bei dem die Story, die Charaktere und ihr Umfeld im Vordergrund stehen. In seinen wenigen Actionszenen und in der Struktur erinnert „The Town“ teilweise an Michael Manns „Heat“ – und das ist durchaus anerkennend gemeint. Ein feiner Gangsterfilm.

Da ist es auch egal, dass die Zahl der Banküberfälle in Boston viel geringer ist, als im Film behauptet wird und dass das Viertel Charlestown in den vergangenen Jahrzehnten gentrifiziert wurde. Jetzt sitzen da ganz andere Räuber.

Chuck Hogan erhielt für seinen Roman „Endspiel“, der Vorlage für „The Town“, den Hammett-Preis und auch Stephen King (ein passionierter Blurber) war begeistert.

mit Ben Affleck, Rebecca Hall, Jon Hamm, Jeremy Renner, Pete Postlethwaite, Chris Cooper

Hinweise

Metacritic über “The Town”

Rotten Tomatoes über “The Town”

Wikipedia über “The Town” (deutsch, englisch)

The Boston Magazine: Interview mit Chuck Hogan (24. August 2010)

The Boston Magazine: Interview mit Chuck Hogan (15. September 2010)

The Boston Phoenix: Eugenia Williamson trifft Chuck Hogan (15. September 2010)

The Boston Globe: Billy Baker über das heutige Charlestown (18. September 2010)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung “Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel” (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks “Argo” (Argo, USA 2012)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Ben Afflecks „Air – Der große Wurf“ (Air, USA 2023)

Meine Besprechung von Guilermo del Toro/Chuck Hogans „Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ (The Hollow Ones, 2020)


TV-Tipp für den 18. September: The Devil’s Backbone

September 17, 2023

Arte, 22.10

The Devil’s Backbone (El Espinoza del Diablo/The Devil’s Backbone, Spanien/Mexiko/USA 2001)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Antonio Trashorras, David Muñoz

Spanien, 1939: Während des Bürgerkriegs wird der zehnjährige Carlos in ein einsam gelegenes Waisenhaus gebracht. Dort glaubt er einen Geist zu sehen.

Viel zu unbekanntes, sehr gelungenes Gothic-Horrordrama von del Toro, das sich auch gelungen mit der damaligen politischen Situation beschäftigt.

Danach drehte er „Blade II“. Dann „Hellboy“, „Pans Labyrinth“ und der Rest ist Kinogeschichte.

mit Eduardo Noriega, Marisa Paredes, Federico Luppi, Íñigo Garcés, Irene Visedo, Fernando Tielve

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Devil’s Backbone“

Wikipedia über „The Devil’s Backbone“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)

Meine Besprechung von Guilermo del Toro/Chuck Hogans „Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ (The Hollow Ones, 2020)

Meine Besprechung vonGuillermo del Toros „Nightmare Alley“ (Nightmare Alley, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: Raus aus dem Club Med und „Voll ins Leben“

September 17, 2023

Sein gesamtes Leben verbrachte Tridan Lagache (Dany Boon) im Club Med. Mit fünfzig Jahren beschließt der Gentil Organisateur, während seiner Midlife Crisis, dass er nach Paris fliegen und seine große Liebe Violette Charmet wieder treffen will. Als Achtjährige verbrachten sie einige gemeinsame Tage im Club Med. Nach dem Urlaub flog sie mit ihrer Familie wieder zurück nach Frankreich. Seitdem hörte er nichts mehr von ihr.

Schon der Flug nach Paris gestaltet sich abenteuerlich. Denn Tridan betrachtet alles durch die Club-Med-Brille und der dort üblichen Freundlichkeit des Personals gegenüber den Gästen. In Paris trifft er dann mit seiner atemberaubenden Weltfremdheit auf das normale Großstadtleben. Und auf seinen Halbbruder Louis (Kad Merad). Der will den Naivling möglichst schnell wieder loswerden. Dafür spannt er seine Freundin Roxane (Charlotte Gainsbourg) ein. Sie soll Tridan überzeugen, dass sie Violette ist und nichts mehr von ihm wissen will.

Das ist Louis‘ Plan. Doch dann findet Roxane Tridan ganz sympathisch.

Voll ins Leben“ ist eine herzige französische Komödie mit einer ziemlich unrealistischen Prämisse. Denn Danny Boons Gentil Organisateur ist kein normaler Animateur, sondern ein Kaspar Hauser, der anscheinend in fünfzig Jahren nie die Hotelanlage verlassen hat. Er spielt ein Kind im Körper eines Fünfzigjährigen. Sein Drehbuch baut diese Prämisse konsequent und liebevoll aus. Gleichzeitig erzählt er einiges über das moderne Leben und die Liebe. Kad Merad, mit dem er in „Willkommen bei den Sch’tis“ zusammen spielte, spielt das absolute Gegenteil von Danny Boon. Und Charlotte Gainsbourg darf einfach eine offenherzig sexbesessen, sehr fröhliche und lebensbejahrende Frau spielen. Sie ist die große Überraschung des Films.

Der Zusammenprall dieser vollkommen gegensätzlichen Welten sorgt selbstverständlich für einige Lacher; – wie schon in „Willkommen ein den Sch’tis“, einem anderen von Danny Boon geschrienen und inszenierten Komödie. Sie ist in Frankreich bis heute der erfolgreichste französische Film aller Zeiten.

Voll ins Leben (La vie pour de vrai, Frankreich/Belgien 2023)

Regie: Dany Boon

Drehbuch: Dany Boon

mit Dany Boon, Kad Merad, Charlotte Gainsbourg, Maxime Gasteuil, Caroline Anglade, Aurore Clément, Gaël Raës, Sarah Boon, Maybelle Billa Snodgrass, Tatiana Gousseff, Valerie Crouzet

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Voll ins Leben“

AlloCiné über „Voll ins Leben“

Wikipedia über „Voll ins Leben“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Dany Boons „Super-Hypochonder“ (Supercondriaque, Frankreich 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Ostdeutsche „Frauen in Landschaften“ und in der Politik

September 17, 2023

Doku über vier Frauen, die zwischen 1968 und 1979 in der DDR geboren wurden, Kinder haben und Berufspolitikerinnen sind. Jedenfalls als Sabine Michel mit den Dreharbeiten für „Frauen in Landschaften“ begann. Manuela Schwesig (SPD) ist Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Anke Domscheit-Berg (Die Linke), Yvonne Magwas (CDU) und Frauke Petry (AfD, seit der letzten Wahl nicht mehr im Bundestag) sind bzw. waren Abgeordnete des Bundestages. Sie sind, bzw. bei Frauke Petry waren, in verschiedenen Parteien aktiv. Dabei scheint die Kombination aus jung, Frau und aus dem Osten kommend ihre Karriere gefördert zu haben. Jede erzählt Geschichten, in denen sie gefragt wurde, ob sie Aufgaben übernehmen und kandidieren möchte. Keine erzählt, dass sie am Anfang ihrer Karriere als Politikerin um Ämter und Posten kämpfen musste.

In Sabine Michels Dokumentarfilm „Frauen in Landschaften“ erzählen die vier Frauen über ihr Leben, wie ihre DDR-Herkunft sie prägte und wie sie versuchen, gleichzeitig Mutter und Politikerin zu sein. Auf kritische Nachfragen verzichtet Michel. Sie begnügt sich mit den Selbstdarstellungen der Interviewpartnerinnen.

Anke Domscheit-Berg erzählt erstaunlich offen und reflektiert aus ihrem Leben. Yvonne Magwas, die seit 2021 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages ist, erscheint oft erstaunlich naiv. Manuela Schwesig bemüht sich um Offenheit. Aber sie kann die jahrelange Prägung durch ihr Amt als Ministerpräsidentin nicht leugnen. Im Gegensatz zu den anderen drei Politikerinnen wird sie ständig von der Öffentlichkeit kontrolliert, die nach echten und vermeintlichen Fehlern bei ihr sucht. Schwesig achtet immer auf jedes Wort. Frauke Petry ist dagegen oft schnippisch und arrogant. Sie ist so abweisend gegenüber dem Drehteam, dass ich mich fragte, warum sie dem Dreh überhaupt zustimmte.

Michel komponiert aus den Statements der Interviews einen arg konventionellen und überraschungsfreien Film, der besser im Fernsehen als eine im Programm nicht weiter auffallende TV-Doku aufgehoben wäre.

Frauen in Landschaften (Deutschland 2023)

Regie: Sabine Michel

Drehbuch: Sabine Michel

mit Anke Domscheit-Berg, Yvonne Magwas, Frauke Petry , Manuela Schwesig

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Frauen in Landschaften“

Moviepilot über „Frauen in Landschaften“

 


TV-Tipp für den 17. September: Ridicule – Von der Lächerlichkeit des Scheins

September 16, 2023

Arte, 20.15

Ridicule – Von der Lächerlichkeit des Scheins (Ridicule, Frankreich 1996)

Regie: Patrice Leconte

Drehbuch: Remi Waterhouse, Michel Fessler, Eric Vicaut

Der junge Ingenieur Baron Grégoire Ponceludon de Malavoy will 1780 in Versailles mit dem König Louis XVI. sprechen. Er möchte von ihm Geld für die Umsetzung eines von ihm entwickelten Verfahrens zur Trockenlegung von Sümpfen erhalten. Doch nicht jeder wird zum König vorgelassen.

brillante Studie über das vorrevolutionäre Frankreich (…) ein Schauspielerfilm, der seiner glänzenden Besetzung Spitzenleistungen abfordert.“ (Fischer Film Almanach 1998)

Ricicule“ erhielt vier Césars (Bester Film, Beste Regie, Beste Kostüme, Bestes Szenenbild) und war für acht weitere nominiert (u. a. Bestes Drehbuch, Beste Kamera, Bester Hauptdarsteller und zweimal Bester Nebendarsteller). Außerdem war er, u. a., für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert.

Katharina und Hans Magnus Enzensberger übersetzten für die deutsche Fassungdie Dialoge.

Danach, um 21.55 Uhr, zeigt Arte die halbstündige Doku „Versailles – Palast des Sonnenkönigs“ (Frankreich 2018).

mit Fanny Ardant, Charles Berling, Bernard Giraudeau, Judith Godrèche, Jean Rochefort

Hinweise

AlloCiné über „Ridicule“

Rotten Tomatoes über „Ridicule“

Wikipedia über „Ridicule“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Patrice Lecontes „Maigret“ (Maigret, Frankreich/Belgien 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: „Retribution“ – über das neueste Remake eines spanischen Thrillers

September 16, 2023

Zum ersten Mal wurde die Geschichte vor acht Jahren in dem spanischen Thriller „Anrufer unbekannt“ (El Desconocido, 2015) erzählt. Ein deutsches und ein südkoreanisches Remake folgten. Und jetzt gibt es ein weiteres Remake. Wieder spielt die Geschichte, wie vor fünf Jahren in „Steig. Nicht. Aus!“ in Berlin. Wieder jagt ein unbekannter Bösewicht Menschen mit Autobomben in die Luft. Sein jüngstes Opfer ist Matt Turner (Liam Neeson). Als der Investmentbanker seine beiden Kinder zur Schule fährt, wird er angerufen. Der Anrufer sagt ihm, dass sich eine Bombe in seinem Auto befindet und sie explodieren werde, wenn er sich nicht an seine Anweisungen hält.

Und los geht die bombige Fahrt durch Berlin; – also ein Film-Berlin, das mit dem echten Berlin nichts zu tun hat. Regisseur Nimród Antal viel im Regierungsviertel und fügte die Locations so zusammen, dass das Bild einer sauberen, modernen, westlichen Großstadt entsteht. Aber niemand, der die Drehorte erkennt, wird länger als eine halbe Minute versuchen, die Locations zu einer real gefahrenen Strecke zusammenzufügen. Ich gab auf, nachdem Turner sein morgendliches Boxtraining mit Blick auf den Tiergarten beendete und sich in sein Auto setzte.

Die Story ist weitgehend bekannt und taugt eigentlich für einen spannenden Thriller. Nur dass hier, im Gegensatz zu „Steig. Nicht. Aus!“ alles schlechter erzählt wird. Spannungsmomente werden konsequent verschenkt. Anstatt Suspense gibt es Langeweile. Das gilt für etwaige Konflikte in Turners Auto zwischen ihm und seinen Kindern. Das gilt für seine Verhandlungen mit dem Erpresser und mit der Polizei. Die glaubt, dass er seine Kinder entführt hat und für die Bombenanschläge verantwortlich ist. Nur eine Polizistin glaubt ihm. Die Figuren sind austauschbar. Und deren Ableben ist uns egal. Das war in „Steig. Nicht. Aus!“ anders.

Während des Films wird uns der Erpresser als Genie, das immer alles bedacht hat und das die Fäden in der Hand hat, verkauft. Am Ende, wenn der Täter dann alles erklärt, müssen wir erkennen, dass sein unglaublich umständlicher Plan aus einer Abfolge von Hoffnungen über das Verhalten seiner Opfer und wilden Improvisationen besteht.

Die Lösung, also wer der Täter ist und warum er all die Menschen umbrachte, ist anders als in „Steig. Nicht. Aus!“. Leider. Denn das Motiv des Täters in „Steig. Nicht. Aus!“ knüpft an großstädtische Probleme an und thematisiert ein gesellschafltich wichtiges Thema. Darüber konnte nach dem Abspann noch diskutiert werden. Über das Motiv des Täters in „Retribution“ muss nicht weiter diskutiert werden.

Obwohl Nimród Antals Remake kürzer als Christian Alvarts Remake ist, fühlt sich die neueste Auflage von „Anrufer unbekannt“ (El Desconocido, 2015) eindeutig länger an.

Immerhin gibt es für das deutsche Publikum einen garantierten Lacher, über den ich jetzt nichts sagen kann, weil ich dann, egal wie ich es formulieren würde, den Täter verraten würde.

Retribution“ ist der nächste Generic-Liam-Neeson-Thriller, den man sich irgendwann aus Langeweile ansehen kann.

Unbedingt ansehen sollte man sich Christian Alvarts viel gelungenere Version der Geschichte anzusehen. Sein „Steig. Nicht. Aus!“ ist, trotz kleiner Schwächen, ein spannender Berlin-Thriller.

Retribution (Retribution, Großbritannien 2023)

Regie: Nimród Antal

Drehbuch: Chris Salmanpour (basierend auf „El Desconocido“ von Alberto Marini)

mit Liam Neeson, Noma Dumezweni, Lilly Aspell, Jack Champion, Arian Moayed, Embeth Davidtz, Matthew Modine, Emily Kusche

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Retribution“

Moviepilot über „Retribution“

Metacritic über „Retribution“

Rotten Tomatoes über „Retribution“

Wikipedia über „Retribution“

Meine Besprechung von Nimród Antals „Metallica: Through the Never“ (Metallica Through the Never, USA 2013)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Steig. Nicht. Aus!“ (Deutschland 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Fallende Blätter“ – ein Besuch im Museum Aki Kaurismäki

September 16, 2023

Sechs Jahre sind seit seinem letzten Film vergangen. Das war 2017 die Flüchtlingsgeschichte „Die andere Seite der Hoffnung“. Aber gleich mit den ersten präzise arrangierten Bildern und den ersten lakonischen Sätzen ist das alte Aki-Kaurismäki-Gefühl wieder da. Das sind die Bilder, die Sets, die Dialoge, der lakonische Humor, die Rocksongs und, auch wenn wir dieses Mal auf seine altbekannte Stammschauspieler verzichten müssen, die Gesichter, die es nur in einem Film von Aki Kaurismäki gibt.

Die Geschichte kann mühelos als Nachtrag oder Fortsetzung seiner proletarischen Trilogie gesehen werden. Sie entstand in den Achtzigern und besteht aus „Schatten im Paradies“ (1986), „Ariel“ (1988) und „Das Mädchen in der Streichholzfabrik“ (1989).

Im Mittelpunkt von „Fallende Blätter“ stehen die Verkäuferin Ansa (Alma Pöysti) und der Arbeiter Holappa (Jussi Vatanen). Beide sind einsam und ohne Perspektive. Beide leben in Helsinki einfach vor sich hin. Sie in einer dieser spärlich ausgestatteten Retro-Fünfziger-Jahre-Wohnungen, die es so nur im Film oder, seit einigen Jahren, im Museum gibt. Er in einem Mehrbettzimmer in einer abgeranzten Gemeinschaftsunterkunft für herumziehende Arbeiter. Sie wird beim Klauen von abgelaufenen Lebensmitteln erwischt und entlassen. Als nächstes arbeitet sie in einem Lokal als Tellerwäscherin. Bis ihr Chef verhaftet wird und sie wieder auf Arbeitssuche ist.

Erstmals treffen sich Ansa und Holappa während eines Karaoke-Abends. Sie verrät ihm nicht ihren Namen, schreibt ihm aber ihre Telefonnummer auf. Er verliert den Zettel sofort. Sie begegnen sich später wieder und während eines romantischen Abends im Kino – sie sehen sich Jim Jarmuschs „The Dead don’t die“ an – verlieben sie sich. Trotzdem setzt sich das Problem mit dem Nicht-Kennen ihrer Namen fort. Außerdem will sie keine Beziehung mit einem Alkoholiker beginnen. Und das ist Holappa unbestreitbar.

Kaurismäki erzählt die Geschichte von Ansa und Holappa in schlanken achtzig Minuten. Trotzdem fühlt sich der Film länger an. Jede Szene, jedes Bild wird zelebriert. Alma Pöysti muss gefühlt bewegungslos mehrere Minuten aus dem Fenster in die Nacht starren und auf ihren Freund warten. Bei einem Karaoke-Abend werden mehrere Songs ausgespielt, während die Story mal wieder pausiert und wir darüber nachdenken können, wie sehr die Figuren aus der Zeit gefallen sind. Denn die Geschichte spielt in der Gegenwart. Wenn Ansa ihr Radio einschaltet, hört sie Nachrichten über den Ukraine-Krieg und den Kampf um die belagerte ukrainische Stadt Mariupol. Diese Nachrichten sind ein für ihr Leben unwichtiges Hintergrundrauschen. Im Film stören sie, weil sie nichts zur Geschichte beitragen. Sie wirken wie ein unbeholfener und vollkommen überflüssiger Versuch, dem Film eine aktuelle Relevanz, eine Verortung in der Gegenwart, zu verleihen.

In „Fallende Blätter“ präsentiert Kaurismäki in Slow Motion wieder einmal, sorgfältig für die Nachwelt kuratiert, seine Welt, die schon lange nichts mehr mit der Gegenwart und aktuellen Diskussionen zu tun hat. Bei ihm verstehen die Männer ein „Rauchen verboten“-Schild als eine Aufforderung, sich die nächste Zigarette anzuzünden. Schnaps wird wie Wasser getrunken und es wird viel geschwiegen.

Fallende Blätter (Kuolleet Lehdet, Finnland/Deutschland 2023)

Regie: Aki Kaurismäki

Drehbuch: Aki Kaurismäki

mit Alma Pöysti, Jussi Vatanen, Janne Hyytiäinen, Nuppu Koivu

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Fallende Blätter“

Moviepilot über „Fallende Blätter

Metacritic über „Fallende Blatter“

Rotten Tomatoes über „Fallende Blätter“

Wikipedia über „Fallende Blätter“ (deutsch, englisch)

Deutsche Homepage von Aki Kaurismäki (Pandora Filmverleih)

Meine Besprechung von Aki Kaurismäkis „Le Havre“ (Le Havre, Finnland/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Aki Kaurismäkis „Die andere Seite der Hoffnung“ (Toivon Tuolla Puolen, Finnland 2017)

 


TV-Tipp für den 16. September: Batmans Rückkehr

September 15, 2023

Tele 5, 22.50

Batmans Rückkehr (Batman Returns, USA/Großbritannien 1992)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Daniel Waters (nach einer Geschichte von Daniel Waters und Sam Hamm, nach der Figur von Bob Kane)

Tim Burtons zweiter Batman-Film. Dieses Mal kämpft „Batman“ Bruce Wayne (Michael Keaton) gegen „Catwoman“ Selina Kyle (Michelle Pfeiffer), den „Pinguin“ Oswald Cobblepot (Danny DeVito) und Max Shreck (Christopher Walken). Wer gewinnt den Kampf um Gotham City?

Davor zeigt Tele 5 um 17.45 Uhr „Batman Forever“ (USA 1995, mit Val Kilmer als Batman) und um 20.15 Uhr „Batman & Robin“ (USA 1997, mit George Clooney als Batman).

mit Michael Keaton, Danny DeVito, Michelle Pfeiffer, Christopher Walken, Michael Gough, Pat Hingle, Andrew Bryniarski, Michael Murphy

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Batmans Rückkehr“

Wikipedia über „Batmans Rückkehr“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Tim Burton in der Kriminalakte


Am Samstag ist der „Manga Day 2023“

September 15, 2023

Einen schnellen Überblick über die Welt der Mangas können sich neue Manga-Fans und Manga-Interessierte am Samstag während des „Manga Day 2023“ verschaffen. Dann werden in 1200 Buchhandlungen, Comicshops, Manga-Stores und Bibliotheken 27 Sonderausgaben von Mangas kostenlos verteilt. Darunter ist auch „Children of Grimm“, ein von den deutschen Autoren Aljoscha Jelinek und Blackii geschriebener Fantasy-Manga, der erst nächstes Jahr erscheint und gerade fertig geschrieben und gezeichnet wird. Auf den letzten Seiten des in einer von den Märchen der Brüder Grimm inspirierten Welt spielenden Mangas gibt der Verlag einen Einblick in den Schreibprozess. Er druckte nämlich die Rohfassung der Geschichte ab.

Der zweite deutsche Manga ist von Sozan Coskun. „Kiela und das letzte Geleit“ ist gerade erschienen. In diesem Manga will Kiela ihren verstorbenen Zwillingsbruder wiedersehen. Die Helsheim AG könnte ihr ihren Wunsch erfüllen. Der Verlag labelt die vielversprechend beginende Geschichte als Fantasy und Mystery.

Insgesamt wurden für den Manga Day 800.000 Mangas gedruckt. In einigen Verteilorten gibt es auch Veranstaltungen und besondere Aktionen. Welche Buchhandlung sich im deutschsprachigen Sprachraum am Manga Day beteiligen und welches zusätzliche Programm sie anbietet, kann hier nachgesehen werden.

Mangas sind japanische Comics, die dort seit Ewigkeiten populär sind. In Deutschland wurden die ersten Mangas vor etwas über dreißig Jahren gedruckt und, noch mehr als andere Comics, haben sie immer noch den Ruf, eine reine Lektüre für Kinder und pubertierende Jugendliche zu sein. In den vergangenen Jahren wurden die taschenbuchgroßen Bücher, die man von hinten nach vorne liest, immer populärer. So wurde auf der Leipziger Buchmesse der Manga-Bereich immer weiter ausgebaut. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse konnte ich auch deutlich mehr Cosplayer als in den vergangenen Jahren sehen. Aktuell entfallen fast zwei Drittel des Umsatzes im Comicsegment auf Mangas. Immer mehr Comic-und Buchverlage publizieren Mangas. Für die nächsten Jahre werden weitere Umsatz-Steigerungen erwartet. Und es gibt immer mehr Mangas für alle Altersgruppen und Interessen.

Diese Diversität zeigt sich auch an den 27 Sonderausgaben, die auf dem „Manga Day 2023“ verteilt werden und einen Einblick in das Programm von Altraverse, TOKYOPOP, Carlsen, Egmont Manga, Crunchyroll, Manga Cult, Panini und TOPP (mit „Manga zeichnen – Step by Step“) geben.

Trotzdem richten sich die meisten der für den Manga Day gedruckten Geschichten an Teenager. Viele sind reine Fantasy-Geschichten oder spielen mit Fantasy-Elementen. Die Schule ist, immerhin stehen normalerweise Teenager im Mittelpunkt der Geschichte, fast immer ein wichtiger Handlungsort. Liebe ist eigentlich immer ein großes Thema. Vor allem natürlich in den Romance-Mangas, in denen Mädchen sich in Jungs verlieben. Seltener werden homosexuelle Liebesgeschichten erzählt. Diese Geschichten, wie Akilis „Vampeerz“ (wobei ein Mädchen ein Vampir ist) oder Eku Takeshimas „Flüster mir ein Liebeslied“ (über die Beziehung zwischen einer Sängerin und einem ihrer Fans) halte ich für interessanter, weil sie nicht einfach noch einmal eine sattsam bekannte Boy-meets-Girl-Liebesgeschichte erzählen. Wenn Liebe zu Hass wird, erzählt Yoshiki Nakamura in „Skip Beat!“. In dieser Geschichte will ein Mädchen, als sie erfährt, dass ihr zum Popstar gewordener Freund sie ausnutzt, selbst eine erfolgreiche Sängerin werden.

George Asakuras „Dance Dance Danseur“ fällt auch aus dem Rahmen, weil hier ein Junge im Mittelpunkt steht, der nicht in die Fußstapfen seines Vaters, eines Martial-Arts-Kämpfes, treten will, sondern als Kind Ballettänzer werden wollte. Aber das ist lange her.

Etwas aus diesem Rahmen fallen Gosho Aoyamas „Detektiv Conan“ (eine seit 1994 erscheinende Serie um einen oberschlauen Schüler, der als großer Sherlock-Holmes-Fan Verbrechen aufklärt), Shun Umezawas „Darwin’s Incident“ (über einen Mensch-Schimpansen, der eine normale Schule besuchen möchte und der vor zehn Jahren in einen Vorfall verwickelt war) und Sousuke Tokas „Ranking of Kings“ (über einen in einem mittelalterlichem Reich lebenden Thronfolger, der für dieses Amt denkbar ungeeignet ist).

Und dann gibt es noch die Horrorgeschichten. Shin’ichi Sakamoto interpretiert in „#DRCL – Midnight Children“ Bram Stokers „Dracula“ neu. Im Auftaktheft wird die Fahrt der Demeter (dem Schiff, das Graf Dracula nach England fährt) ausführlich geschildert.

In „MADK/Zombie Hide Sex“ werden zwei Mangas vorgestellt in denen es, ziemlich explizit, um einen Jungen, der das Fleisch eines Dämons essen will, um Sex zwischen Männern und ihre Beziehung bedrohende Zombies geht.

Es gibt also einiges zu entdecken. Nämlich:


TV-Tipp für den 15. September: James Bond 007: Der Morgen stirbt nie

September 14, 2023

Pro7, 20.15

James Bond 007: Der MORGEN stirbt nie (Tomorrow never dies, Großbritannien/USA 1997)

Regie: Roger Spottiswoode

Drehbuch: Bruce Feirstein

LV: Charakter von Ian Fleming

Buch zum Film: Raymond Benson: Tomorrow never dies, 1997 (Der MORGEN stirbt nie)

Die Zeiten ändern sich: Nach dem Ende des Kalten Krieges ist Bonds Gegner kein böser Kommunist, sondern ein Pressezar, der für eine Schlagzeile einen Weltkrieg riskiert.

Brosnans zweiter Einsatz war an der Kinokasse selbstverständlich ein Erfolg. Der Rest war auch wie gewohnt; – auch die zahlreichen Drehbuchentwürfe und Veränderungen während der Dreharbeiten. Da arbeitete ein Team von vier Autoren in einem Londoner Hotel an neuen Ideen und den Wünschen von Spottiswoode. Entsprechend zerfällt der Film immer wieder in Einzelteile. Es gibt dazu einen bissigen Artikel von Feirstein.

Anschließend, um 22.50 Uhr, zeigt Pro 7 „GoldenEye“, den ersten Einsatz von Pierce Brosnan als James Bond.

Mit Pierce Brosnan, Michelle Yeoh, Jonathan Pryce, Götz Otto, Teri Hatcher, Judi Dench, Samantha Bond (nicht verwandt mit James Bond), Desmond Llewelyn

Wiederholung: Freitag, 22. September, 23.00 Uhr (nach „James Bond oo7: Die Welt ist nicht genug“)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Der MORGEN stirbt nie“

Wikipedia über „Der MORGEN stirbt nie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Roger Spottiswoodes „Bob, der Streuner“ (A Street Cat named Bob, Großbritannien 2016)

zu James-Bond-Romanen

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Mit der Absicht zu töten“ (James Bond – With a mind to kill, 2022)

zu James-Bond-Filmen

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

Meine Besprechung von Cary Joji Fukunaga James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (No time to die, Großbritannien 2021)

zu anderem James-Bond-Zeug

Meine Besprechung von Danny Morgensterns „Unnützes James Bond Wissen“ (2020)

Kriminalakte: Mein Gespräch mit Danny Morgenstern über „Keine Zeit zu sterben“ und sein Buch „Das ultimative James-Bond-Quizbuch“ (1. Oktober 2021) (Sehbefehl?)

Meine Besprechung von cinemas (Hrsg.) „Inside James Bond“ (2022)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Hercule Poirot erlebt „A Haunting in Venice“

September 14, 2023

In seinen ersten beiden Hercule-Poirot-Verfilmungen „Mord im Orient-Express“ und „Tod auf dem Nil“ erzählte Kenneth Branagh bekannte und bereits sehr erfolgreich verfilmte Poirot-Romane noch einmal. Dabei hielt er sich weitgehend an die von Agatha Christie geschriebenen Romane. In seinem dritten Hercule-Poirot-Film ist alles anders. Die von Agatha Christie geschriebene Vorlage ist unbekannter. „Hallowe’en Party“ wurde einmal, 2010 im Rahmen der langlebigen ITV-Poirot-TV-Serie mit David Suchet als Ermittler, verfilmt. Auch diese Verfilmung ist unbekannter. Dieses Mal hielten die Macher sich kaum bis überhaupt nicht an die Vorlage. Bei Agatha Christie spielt die jetzt als „A Haunting in Venice“ verfilmte Geschichte 1969 in einem englischen Dorf.

Der Film spielt, wie der Titel andeutet, in Venedig. Er spielt auch nicht in den späten sechziger Jahren, sondern 1947. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog der weltberühmte Detektiv Hercule Poirot sich zurück. In Venedig genießt er seinen Ruhestand. Da bittet ihn die erfolgreiche und mit ihm befreundete Krimi-Autorin Ariadne Oliver um einen Gefallen. Er soll sie zu einer Séance begleiten.

In dem Palazzo der früheren Opernsängerin Rowena Drake soll die bekannte Hellseherin Joyce Reynolds an Halloween auftreten und den Kontakt zu Drakes vor einem Jahr verstorbener Tochter Alicia herstellen.

Poirots Freundin Oliver hat eine ihrer Shows besucht. Seitdem fragt sie sich nun, ob Reynolds eine Schwindlerin ist oder ob sie wirklich Kontakt zu den Toten hat. Denn ihr gelang es nicht, die Tricks von Reynolds zu durchschauen. Das soll jetzt ihrem Freund Hercule Poirot gelingen. Poirot, der auch nicht an Hellseherei, Wahrsagerei und Gesprächen mit den Toten glaubt, begleitet seine Freundin zu der Abendgesellschaft.

Die Séance nimmt einen ungeahnten dramatischen Verlauf. Und kurz darauf ist Reynolds tot. Spätestens in dem Moment sind im Palazzo und im Kinosaal die letzten Zweifler überzeugt, dass Reynolds eine Betrügerin ist. Eine echte Hellseherin hätte ihren Tod doch vorhersehen können.

In den nächsten Stunden versucht Poirot in dem düsteren Palazzo den Mord und viele weitere große und kleine Verbrechen und Lügen aufzuklären. Dabei zweifelt er mehr als einmal an seiner Beobachtungsgabe und seinen legendären kleinen grauen Zellen.

Das klingt doch ganz spannend. Aber Michael Green, der auch für Branaghs vorherige Poirot-Filme die Drehbücher schrieb, gelingt es nie, Poirots Ermittlungen und Überlegungen nachvollziehbar zu erzählen. Allerdings, das muss gesagt werden, haben Green und Branagh dieses Mal kein Interesse an einem konventionellem Rätselkrimi. Sicher, Poirot sucht den Täter, er verhört die Anwesenden, dröselt die Hinweise auf und enttarnt am Ende den Täter. Aber dieses Mal versammelt er dafür nicht, wie wir es bei einem Rätselkrimi erwarten, alle Tatverdächtigen und Anwesenden in einem Raum und präsentiert ihnen ein halbes Dutzend verschiedener Täter, ehe er, zu unserer Verblüffung, den wahren Täter enthüllt. In „A Haunting in Venice“ geschieht die Enttarnung des Mörders quasi nebenbei.

Branagh erzählt die Tätersuche und Enttarnung des Mörders so lustlos und chaotisch, dass wahrscheinlich niemand diesen Teil des Films nacherzählen kann. Es kann auch nicht mitgerätselt werden.

Als Rätselkrimi ist „A Haunting in Venice“ ein ziemlicher Totalausfall.

Aber schon in den ersten, sehr atmosphärischen Minuten entwirft Branagh ein Bild von Venedig als Geisterstadt, in der Maskierte und Tote in Gondeln durch die Stadt gleiten. Nach dem Mord ermittelt Poirot in einem sehr dunklem Palazzo. Fast jedes von Branaghs Stammkameramann Haris Zambarloukos aufgenommene Bild ist schräg und arbeitet mit teils extrem verschobenen Perspektiven. Unterbrochen von wenigen exzessiven Kamerafahrten und vielen desorientierenden Schnitten. Das bedient durchgehend die Klaviatur des Gothic-Horrorfilms.

Als sich wenig um erzählerische Konventionen kümmernder Horrorfilm voller echter und falscher Gespenster ist „A Haunting in Venice“ ziemlich gelungen.

Und jetzt zur Vorlage: Agatha Christies „Die Halloween-Party“. In seinem Vorwort zur Neuausgabe schreibt Michael Green, er habe einen Mord begangen und das Opfer sei Agatha Christies drittletzter Hercule-Poirot-Roman „Die Halloween-Party“. Denn die Verfilmung hat mit dem Roman, bis auf einige zufällige und vermeidbare Ähnlichkeiten und Namen, nichts zu tun.

Während einer von Rowena Drake in ihrem Haus für die Kindes des Dorfes Woodleigh Common veranstalteten Halloween-Party, behauptet die dreizehnjährige Joyce Reynolds, sie habe vor längerer Zeit einen Mord beobachtet. Das sei ihr damals nicht bewusst gewesen. Kurz darauf ist sie tot. Sie wurde in der Bibliothek des Hauses in einem für ein Spiel mit Wasser gefülltem Metalleimer ertränkt.

Die Krimiautorin Ariadne Oliver (ja, sie könnte Agatha Christie sein), die während der Tatzeit in Drakes Haus war, bittet ihren Freund Hercule Poirot um Hilfe. Er soll den Täter finden.

Poirot beginnt in dem Dorf mit der Mördersuche. Dabei will er auch herausbekommen, ob Joyce einen Mord beobachtet hat und, wenn ja, wer das Opfer und wer der Täter ist.

Die Halloween-Party“ (bzw. früher „Die Schneewittchen-Party“ oder, im Original, „Hallowe’en Party“) ist einer von Agatha Christies letzten Romanen. Und er hat nicht die Qualität ihrer früheren Geschichten. Die Figuren sind blass. Der Rätselplot ist bestenfalls solala. Und am Ende wird der Täter, wie in der Verfilmung, nicht in einer großen Versammlung aller Tatverdächtigen enttarnt. Er wird auf frischer Tat ertappt.

A Haunting in Venice (A Haunting in Venice, USA 2023)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Hallowe’en Party, 1969 (Die Schneewittchen-Party; Die Halloween-Party, und neuerdings A Haunting in Venice)

mit Kenneth Branagh, Kyle Allen, Michelle Yeoh, Camille Cottin, Jamie Dornan, Tina Fey, Jude Hill, Ali Khan, Emma Laird, Kelly Reilly, Riccardo Scamarcio

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage in der Filmausgabe

Agatha Christie: A Haunting in Venice

(übersetzt von Hiltgunt Grabler) (mit einem Vorwort von Michael Green)

Atlantik, 2023

256 Seiten

14 Euro

Ältere deutsche Titel

Die Schneewittchen-Party (ursprünglicher Titel)

Die Halloween-Party (Titel der Neuausgabe von 2018)

Originalausgabe

Hallowe’en Party

Harper Collins, London 1969

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „A Haunting in Venice“

Metacritic über „A Haunting in Venice“

Rotten Tomatoes über „A Haunting in Venice“

Wikipedia über „A Haunting in Venice“ (deutsch, englisch), die Vorlage (deutsch, englisch), Hercule Poirot (deutsch, englisch) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA 2013)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Cinderella“ (Cinderella, USA 2015)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Belfast“ (Belfast, USA 2021)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von John Guillermins Agatha-Christie-Verfilmung “Tod auf dem Nil” (Death on the Nile, Großbritannien 1978)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022) (und Buchbesprechung)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Berlinale-Gewinner „Auf der Adamant“

September 14, 2023

Die Adamant ist ein Schiff. Es liegt in Paris in der Nähe des Bahnhof Gare de Lyon am rechten Seine-Ufer am Quai de la Rapée und bewegt sich nicht. Denn die Adamant ist seit 2010 eine Tagesklinik für Menschen mit psychischen Störungen. Sie verbringen dort ihre Tage mit verschiedenen Aktivitäten. Sie werden in ihrem Alltag unterstützt. Ihr Leben erhält eine Struktur und sie sollen wieder am normalen Leben teilnehmen können. Bis dahin ist die Adamant für sie ein geschützer, Sicherheit bietender Raum.

Nicolas Philibert beobachtet sie in seinem neuen Film „Auf der Adamant“. Die Dreharbeiten fanden, bis auf wenige Tage Anfang 2022, in mehreren Etappen von Mai bis November 2021 statt. Seine Premiere hatte der Dokumentarfilm im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Er wurde von der Jury mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.

Die Kritiker erklärten sich diese Entscheidung mit der Qualität der anderen Wettbewerbsfilme. Trotzdem war es eine schon damals umstrittene Entscheidung. Denn, kurz gesagt, ist ein Dokumentarfilm kein Spielfilm. Und dann ist „Auf der Adamant“ eine beobachtende Dokumentation. Es wird also auf einen Sprecher verzichtet. Es gibt keine Experten die Hintergrundinformationen über das Projekt vermitteln. Es gibt in diesem Film auch keine Gespräche mit dem großen Betreuungsteam der Adamant. Sie hätten etwas über ihre Arbeit als Therapeut oder Pfleger und ihren Umgang mit den Patienten erzählen können. Diese Perspektive interessiert Philibert nicht. Er konzentriert sich ausschließlich auf die Patienten und was sie ihm während seiner Besuche auf der Adamant über sich erzählen. Aber viel erfahren wir nicht über sie.

Auf der Adamant“ zeigt über gut zwei Stunden nur einige Menschen, die an einem bestimmten Ort etwas tun und die dabei von der Kamera beobachtet werden. Dieses stumme Beobachten kann zu Erkenntnissen führen. Aber alle Erkenntnisse beschränken sich auf das, was sichtbar ist und worüber die Beobachteten sprechen. Oder, anders gesagt, es ist, als ob man ein Spiel beobachtet und versucht die Regeln des Spiels allein durch Zuschauen zu begreifen. Das funktioniert schon bei Fussball nicht.

Hier beschränkt sich die Erkenntnis darauf, dass die „Verrückten“ gar nicht so verrückt sind. Das liegt teils an den Medikamenten, die sie nehmen. Teils liegt es am Umfeld. Denn die Adamant ist, wie gesagt, ein geschützter Raum. Das liegt auch daran, dass auf der Adamant alle normale Alltagskleidung tragen und damit auf den ersten Blick unklar ist, wer hier zum Personal und wer zur Kundschaft gehört.

Für seinen Film hat Philibert seine über mehrere Monate gemachten Beobachtungen dann so kondensiert, dass der Eindruck entsteht, dass hier eine Woche auf der Adamant geschildert wird. Eine Dramaturgie ist nicht erkennbar. Es reihen sich einfach nur Bilder und folgenlose Begegnungen und Gespräche mit dem Regisseur aneinander. Es wird getanzt, gelacht, gesungen und gegessen. Ein Filmclub präsentiert filmgeschichtlich wichtige Filme, wie Federico Fellinis „Achteinhalb“. Konflikte scheint es nicht zu geben. Dabei ist Philiberts Blick immer vorurteilsfrei und von Sympathie und Interesse getragen. Er be- und verurteilt sie nicht. Aber er fragt auch nicht nach.

Das hat, wie ich aus Gesprächen über den Film erfuhr, einigen schon gereicht. Die meisten Kritiken sind euphorisch. Für mich – ich verbrachte meinen Zivildienst in einer Tagesstätte für Schwerstmehrfachbehinderte – war das zu wenig.

Ich hätte gerne mehr über das Konzept der Einrichtung (die auf den ersten Blick hiesigen Tagesstätten ähnelt), die Finanzierung und wie viele es davon in Frankreich gibt erfahren. Also ob die Adamant als Einrichtung einzigartig ist (der Ort ist sekundär) oder ob in dem Film einfach nur ein inzwischen normales Konzept an einem besonderem Ort gezeigt wird. Mich hätte auch interessiert, wie die Tagesklinik in das Stadtviertel eingebunden ist.

Das wäre, zugegeben, ein anderer Film. Es wäre auch ein infomativerer Film. So hat mich „Auf der Adamant“, in dem ohne jeden Kontext einige psychisch erkrankte Menschen an einem Wohlfühlort gezeigt werden, schnell zu Tode gelangweilt.

Und jetzt etwas copy&paste aus dem Presseheft. Dort steht über die Adamant:

Sie ist ein „Tageszentrum“ und gehört zum Zentralen Psychiatrischen Verbund der Paris-Gruppe, zu der auch zwei CMPs (Centres Médicaux Psychologiques – Psychologische Medizinische Zentren), ein mobiles Team und zwei Abteilungen des psychiatrischen Krankenhauses Esquirol, das wiederum dem Krankenhauskomplex Saint-Maurice angegliedert ist, angehören.

Es handelt sich also nicht um einen isolierten Ort, denn die miteinander verknüpften Einheiten, aus denen die Gruppe besteht, bilden ein Netzwerk, in dem Patient*innen und Betreuer*innen ständig in Bewegung sind und mittels der verschiedenen Angebote eine für sie passende Lösung finden können.

Die Adamant ist ein schwimmendes Holzgebäude mit einer Fläche von 650 qm und großen Fenstern, die sich zur Seine hin öffnen. Für den Entwurf arbeiteten die Architekten eng mit den Betreuer*innen und den Patient*innen der Einrichtung zusammen. Im Juli 2010 wurde sie eröffnet.

Da die öffentliche psychiatrische Versorgung in Frankreich in Sektoren unterteilt ist, ist die Adamant, wie auch die anderen Aufnahmezentren der Pariser Zentralgruppe, für Patient*innen aus den ersten vier Arrondissements der Hauptstadt vorgesehen.

Manche Patient*innen kommen jeden Tag, andere nur ab und zu, in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen. Sie kommen aus allen Altersgruppen und aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Der Tag beginnt mit einem Frühstück für alle Anwesenden. Am Montag findet ein wöchentliches Treffen statt, bei dem Betreuer*innen und Patient*innen zusammenkommen. Jede*r kann Punkte auf die Tagesordnung setzen, die er oder sie besprochen haben möchte, Neuigkeiten werden ausgetauscht, Projekte geplant: ein Theaterbesuch, der bevorstehende Besuch eines Gastes, ein Waldspaziergang, ein Konzert, eine Ausstellung…

Das Betreuungsteam besteht aus Krankenpfleger*innen, Psycholog*innen, Ergotherapeut*innen, einem Psychiater, einem Sekretariat, zwei Krankenhausmitarbeiter*innen und verschiedenen externen Mitarbeiter*innen mit unterschiedlichem Hintergrund. Die Aufgaben des täglichen Lebens werden kontinuierlich begleitet. Alle, sowohl die Patient*innen als auch die Betreuer*innen, sind eingeladen, daran mitzuhelfen, es „gemeinsam zu schaffen“.

Die therapeutische Funktion der Einrichtung betrifft die Gruppe als Ganzes. Jede*r kann sich einbringen, unabhängig von Status, Ausbildung, Platz in der Hierarchie, Persönlichkeit oder Lebensstil. Es wird hier niemanden vor den Kopf stoßen, wenn eine Patientin der Person, die an diesem Tag die Bar leitet – sei es eine Betreuerin, eine Krankenschwester, ein „einfacher“ Praktikant oder ein anderer Patient -, wichtige Dinge anvertraut und dem Psychiater bei der Konsultation am nächsten Tag nicht viel sagt, denn das Team wird einen Weg finden, die verstreuten Informationen miteinander zu verknüpfen.

Es gibt zahlreiche Workshops: Nähen, Musik, Lesen, die Herausgabe einer Zeitung, einen Filmclub, Schreiben, Zeichnen und Malen, Radio, Entspannung, Lederarbeiten, Marmeladenherstellung, kulturelle Ausflüge… Aber die Patient*innen können auch einfach nur kommen, um dort einen Moment zu verbringen, einen Kaffee zu trinken, sich willkommen und unterstützt zu fühlen und sich von der Atmosphäre des Ortes einfangen zu lassen. Die angebotenen Workshops erfüllen keinen Selbstzweck, sie sind vielmehr eine Einladung, sich nicht zu Hause einzuschließen, sondern sich wieder mit der Welt zu verbinden und die Beziehung zu ihr neu zu gestalten.

Das alles hätte ich gerne aus dem Film und nicht aus dem Presseheft erfahren.

Auf der Adamant (Sur l’Adamant, Frankreich/Japan 2022)

Regie: Nicolas Philibert, Linda De Zitter (Mitwirkung)

Drehbuch: Nicolas Philibert

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Moviepilot über „Auf der Adamant“

AlloCiné über „Auf der Adamant“

Metacritic über „Auf der Adamant“

Rotten Tomatoes über „Auf der Adamant“

Wikipedia über „Auf der Adamant“ (deutsch, englisch, französisch)

Berlinale über „Auf der Adamant“


TV-Tipp für den 14. September: Die Verachtung

September 13, 2023

RBB, 23.30

Die Verachtung (Le Mépris, Frankreich/Italien 1963)

Regie: Jean-Luc Godard

Drehbuch: Jean-Luc Godard

LV: Alberto Morovia: Il Desprezzo, 1954 (Die Verachtung)

Drehbuchautor Paul soll das Drehbuch für einen Film über die Abenteuer von Odysseus auf der Insel Capri schreiben. Dort sind, neben Paul, seine wunderschöne Frau, der Produzent, der ein Auge auf Pauls Frau Camille geworfen hat, und der Regisseur. Camille, die an Pauls Liebe zweifelt, beginnt ihn zunehmend zu verachten.

Godards anspielungs- und zitatenreiche Satire auf das Filmbusiness, gedreht mit viel Geld, Brigitte Bardot und Fritz Lang als Regisseur.

mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Fritz Lang, Georgia Moll, Jean-Luc Godard, Raoul Coutard

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Verachtung“

Wikipedia über „Die Verachtung“ (deutschenglisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Meine Besprechung von Bert Rebhandls „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ (2020)

Mein Nachruf auf Jean-Luc Godard

Jean-Luc Godard und Fritz Lang in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 13. September: Jack Ryan: Shadow Recruit

September 12, 2023

Am Donnerstag startet Kenneth Branaghs neuer Hercule-Poirot-Film „A Haunting in Venice“. Davor spielte er Kommissar Wallander, inszenierte einen Jack-Ryan-Film (siehe unten), einen Thor-Superheldenfilm und, vor langer, langer Zeit, viele Shakespeare-Stücke.

Kabel Eins, 20.15

Jack Ryan: Shadow Recruit (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA/Russland 2013)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Adam Cozad, David Koepp

LV: Charakter von Tom Clancy

CIA-Analytiker Jack Ryan (Chris Pine) soll in Moskau den Oligarchen Viktor Cherevin (Kenneth Branagh) überprüfen. Blöderweise ist Cherevin ein ganz böser Schurke, der einen perfiden Plan hat, um die USA wirtschaftlich zu zerstören. Jack Ryan versucht das zu verhindern.

Okayer, ideologisch sehr altmodischer Actionthriller. Kenneth Branagh erzählt die Geschichte flott, konzentriert sich auf die Schauspieler, die Dialoge und altmodische Agentenspielereien.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chris Pine, Kevin Costner, Kenneth Branagh, Keira Knightley, Peter Andersson, David Paymer, Colm Feore, Lenn Kudrjawizki, Alec Utgoff

Wiederholung: Montag, 18. September, 22.55 Uhr (davor und danach zeigt Kabel Eins den Actionthriller „Projeckt: Peacemaker“)

Hinweise

Moviepilot über „Jack Ryan: Shadow Recruit“

Metacritic über „Jack Ryan: Shadow Recruit“

Rotten Tomatoes über „Jack Ryan: Shadow Recruit“

Wikipedia über „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (deutsch, englisch)

Homepage von Tom Clancy

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA 2013)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Cinderella“ (Cinderella, USA 2015)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Belfast“ (Belfast, USA 2021)


Cover der Woche

September 12, 2023

Bevor am Donnerstag aus der „Halloween-Party“, jedenfalls für die nächsten Monate, „A Haunting in Venice“ wird.

Der 1969 erschienene Kriminalroman diente als Vorlage für Kenneth Branaghs Verfilmung. Obwohl es in dem Roman kein „Haunting“ und kein „Venice“ gibt. Er spielt in einer Kleinstadt. Dort wird während einer Halloween-Party ein Mädchen, das behauptet, einen Mord beobachtet zu haben, ermordet. Immerhin kann Hercule Poirot beide Male den Übeltäter überfähren.

Die Buch- und Filmbesprechung gibt es in wenigen Stunden.


TV-Tipp für den 12. September: Appaloosa

September 11, 2023

Tele 5, 20.15

Appaloosa (Appaloosa, USA 2008)

Regie: Ed Harris

Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris

LV: Robert B. Parker: Appaloosa, 2005 (Appaloosa)

Die Gesetzeshüter Virgil Cole und Everett Hitch sollen in Appaloosa für Recht und Ordnung sorgen. Dort terrorisiert Farmer Bragg die Einwohner. Er hat auch den vorherigen Marshall erschossen.

Gelungene, werkgetreue Verfilmung eines Westerns von Robert B. Parker, dem Autor der Spenser- und Jesse-Stone-Kriminalromane, der seine bekannten Themen von Freundschaft, Loyalität, Recht und Gesetz in einem anderen Setting ausprobiert.

„Appaloosa“ erhielt beim Boston Film Festival den Preis für den besten Film und das beste Drehbuch.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Romans.

mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen

Wiederholung: Mittwoch, 13. September, 02.15 Uhr (Taggenau!)

 Der Roman

Robert B. Parker: Appaloosa

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Europa Verlag AG Zürich, 2012

208 Seiten

22 Euro

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Appaloosa“

Wikipedia über „Appaloosa“ (deutsch, englisch) Robert B. Parker (deutsch, englisch) und Spenser

Homepage von Robert B. Parker

Thrilling Detective über Spenser

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Das dunkle Paradies” (Night Passage, 1997)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Miese Geschäfte“ (Bad Business, 2004)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (Appaloosa, 2005) (Übersetzung)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Mord im Showbiz“ (High Profile, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Resolution“ (Resolution, 2008)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der Killer kehrt zurück“ (Stranger in Paradise, 2008)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Raues Wetter – Ein Auftrag für Spenser“ (Rough Weather, 2008)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Brimstone“ (Brimstone, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Maria Zimmermann ist „Anders nicht falsch“

September 11, 2023

Vor drei Jahren erfuhr Maria Zimmermann, dass sie im „Autistischen Spektrum“ sei. Das war, einerseits, für sie eine Erleichterung. Schließlich erklärte die Diagnose warum sie seit ihrer Kindheit immer Schwierigkeiten mit der normalen, alltäglichen Welt hatte und sich in ihr immer falsch verhielt. Andererseits fragte sie sich, was denn Autismus sei. Sie besorgte sich Bücher darüber. Und war von keinem restlos begeistert. Gleichzeitig versuchte sie anderen Menschen ihren Autismus zu erklären. Denn, so Zimmermann in „Anders nicht falsch“: „Wer eine Autistische Person kennt, kennt nur eine Autistiche Person.“

Und so begann sie ein Buch zu schreiben, das vor allem ihren Autismus, ihre Sicht und Wahrnahme der Welt erklärt. Selbstverständlich skizziert sie dabei auch, wo sie sich von anderen Menschen im Autistichen Spektrum unterscheidet und wo nicht.

Ihr inzwischen schon in der dritten Auflage erschienenes Buch „Anders nicht falsch“ ist kein trockenes Sachbuch oder eine textlastige Biographie, sondern ein kurzes, knackiges Buch mit kurzen Texten, einfachen Sätzen und aussagekräftigen Zeichnungen.

Maria Zimmermann wurde 1991 in Zürich geboren. Sie studierte an der Zürcher Hochschule der Künste und schloss es mit der Diplomarbeit „299 Kleider“ ab. Seit 2018 arbeitet sie als Textilkünstlerin.

Lesenswert.

Maria Zimmermann: Anders nicht falsch

Kommode Verlag, 2023

220 Seiten

25 Euro

Hinweise

Homepage von Maria Zimmermann

Kommode Verlag über Maria Zimmermanns „Anders nicht falsch“

Wikipedia über Autismus