Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
Die Banknoten mit dem Konterfei von Richard Nixon haben es leider nicht von Thomas Pynchons Roman „Natürliche Mängel“ in Paul Thomas Andersons Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ geschafft. Abgesehen von dieser Kleinigkeit folgt Anderson dem 480-seitigen Roman erstaunlich genau, verstärkt – vor allem am Anfang – etwas den erkennbaren Plot und suhlt sich ansonsten im Früh-Siebziger-Jahre-Feeling, während er Larry ‚Doc‘ Sportello (Joaquin Phoenix) als dauerbekifften Privatdetektiv durch einen labyrinthischen Plot schlurfen lässt, der nie auf eine irgendwie erkennbare Lösung angelegt ist.
Doc soll, beauftragt von einer Ex-Freundin Shasta, ihren Liebhaber, den spurlos verschwundenen Baumogul Mickey Wolfmann, der halb Los Angeles gentrifiziert, suchen. In Wolfmans Verschwinden sind auch seine Leibwächter und eine im Gefängnis entstandene Verbindung zwischen der Arischen Bruderschaft und der Black Guerilla Family, die im Gefängnis entdeckten, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, involviert.
Doc soll auch Coy Harlington, einen Saxophonisten einer Surf-Rock-Band, finden. Seine Frau glaubt nicht, dass er an einer Überdosis gestorben ist.
Und alle sind irgendwie mit der „Golden Fang“ verbunden.
Bei seinen zahlreichen Ermittlungen trifft Doc mehr als einmal auf LAPD-Detective Christian F. ‚Bigfoot‘ Bjornsen mit dem ihn eine wahre Haßliebe verbindet. Bigfoot ist ein überlebensgroßer Fünfziger-Jahre-Polizist, ein John-Wayne-Möchtegern und die archetypische Verkörperung des faschistoiden Polizisten, der auch im Fernsehen (Hey, wir sind in Hollywood!) nach Serienruhm giert und wenn er Doc besucht, normalerweise seine Tür eintritt.
Das klingt nicht nur, das ist im Buch und im Film, ein Megacut des bekannten Hardboiled- und Noir-Kanons: Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichten, James Ellroy, vor allem „L. A. Confidential“, die Verfilmungen dieser Romane, Roman Polanskis „Chinatown“, Joel und Ethan Coens „The Big Lebowski“ (aber nicht so witzig), gekreuzt mit der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Shea und Robert A. Wilson. Wobei gerade der erste Band „Illuminatus! – Das Auge in der Pyramide“ als absolut durchgeknallt Satire auf alle Verschwörungstheorien eigentlich das Ende aller Verschwörungstheorien ist.
Diese Vorbilder sind immer deutlich erkennbar. Im Buch noch mehr als im Film, der durch seine gute Besetzung und seine oft gewitzte Inszenierung punktet und die eben genannten Vorbilder in den Hintergrund rückt, während der Roman immer eine Pastiche bleibt, die vor allem die Filmbilder aus den bekannten Noirs heraufbeschwört. Auch weil Pynchon immer wieder filmische Vorbilder anspricht und Doc ein Fan des Schauspielers John Garfield ist.
Und beide Male ist die Geschichte viel zu lang geraten. Der Roman umfasst fast 480 Seiten. Der Film dauert gut 150 Minuten. Denn beide Male folgen wir einer weitgehend plotlosen Erzählung, die einfach so, wie ein Drogentraum, vor sich hin mäandert, bis Doc über die Lösungen seiner Fälle stolpert oder sich der Fall, in einem Nebensatz, in Luft auflöst. Und im Hintergrund gibt es eine große Verschwörung, die etwas mit der oder dem „Golden Fang“ zu tun hat und die alles und nichts sein kann. Also auch eine zufällige Namensgleichheit oder eine paranoide Hippie-Fantasie, die alles mit allem verknüpft.
Paul Thomas Anderson erzählt hier seine Geschichte Kaliforniens weiter. „There will be blood“ (über den Ölboom kurz nach der Jahrhundertwende) und „The Master“ (über einen Sektenführer in den Nachkriegsjahren) spielten vor und „Boogie Nights (über die Porno-Filmindustrie in den Siebzigern und Achtzigern) nach „Inherent Vice“. Jetzt geht es um die Flower-Power-Jahre und das damalige Geflecht von freier Liebe, Drogenexzessen, Kulten und der Wirtschaft. Das ist, auch dank der grandiosen Schauspieler, des Lokalkolorits, der pointierten Inszenierungen und archetypischer Bilder immer unterhaltsam und eine deutliche Einladung, sich noch einmal die Klassiker anzusehen.
Denn Anderson sagt hier nichts, was nicht schon Robert Altman in seiner grandiosen Raymond-Chandler-Verfilmung „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The long Goodbye, USA 1972) gesagt hat. Oder die Coens, einige Jahre später, in „The Big Lebowski“.
Inherent Vice – Natürliche Mängel(Inherent Vice, USA 2015)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
LV: Thomas Pynchon: Inherent Vice, 2009 (Natürliche Mängel)
mit Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro, Martin Short, Jena Malone, Joanna Newson, Eric Roberts, Hong Chau, Michael Kenneth Williams, Martin Donovan, Sasha Pieterse
Länge: 149 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Die Vorlage
Biopic über den Aufstieg und Fall des Drogenbarons Frank Lucas in Harlem in den frühen Siebzigern.
Das Zeitkolorit ist toll, weniger toll ist, dass Denzel Washington als Drogenhändler Frank Lucas und Russell Crowe als den ihn jagenden Detective Richie Roberts erst am Ende eine gemeinsame Szene haben. Davor bekommen wir zwei Filme präsentiert: einen tollen Gangsterfilm (so als Best-of-Gangsterfilm), einen weniger tollen Polizeifilm und insgesamt einen doch ziemlich durchschnittlichen Film, der sich nie entscheiden kann welche Geschichte er erzählen soll und er deshalb in deutlich über zwei Stunden (Hey, früher gab’s für die Spielzeit auch zwei Filme) beide Geschichten erzählt. Das kommt dabei heraus, wenn man zwei Stars hat, die auf ihrer Filmzeit bestehen. Vielleicht hätte Ridley Scott Val Kilmer für die Rolle des Polizisten anfragen sollen.
mit Denzel Washington, Russell Crowe, Cuba Gooding jr., Josh Brolin, RZA, John Ortiz, Ted Levine, Chiwetel Eliofor, Armand Assante, Carla Gugino
No Country for Old Men (USA 2007, Regie: Ethan Coen, Joel Coen)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Dass der zweite „Sin City“-Film nicht mehr den Überraschungseffekt des ersten „Sin City“-Films hat, dürfte niemand überraschen. Denn als das Gemeinschaftswerk von Regisseur Robert Rodriguez und Comicautor und Zeichner Frank Miller, dessen Hollywood-Erfahrungen bis dahin eher ernüchternd waren und Rodriguez ihn mit dem Versprechen der absoluten Werktreue überzeugte, in die Kinos kam, war das im Kino absolut neu. Sie übertrugen Frank Millers formal sehr experimentellen in Schwarz und Weiß gehaltene „Sin City“-Comics, die sich lustvoll und gelungen durch die bekannten Noir- und Hardboiled-Klischees pflügten, Eins-zu-Eins auf die große Leinwand. Auch der Film war Schwarz-Weiß, mit wenigen Farbtupfern. Die Bilder wurden immer wieder zu abstrakten und stilisierten Montagen, teils auch zu Schattenrissen. Und weil die Schauspieler, eine beeindruckende Schar bekannter Gesichter, meistens vor einem Green Screen agierten, konnten später Stadtlandschaften und Räume hinzugefügt werden, die zwischen hyperreal und abstrakt schwankten. Und die Kamera musste sich wirklich nicht um die normalen Begrenzungen kümmern. In der von Frank Miller und Robert Rodriguez gedrehten Kinofassung verbanden sie in „Pulp Fiction“-Manier mehrere „Sin City“-Geschichten zu einem Film, der bei der Kritik, dem Publikum und den Comicfans gut ankam. Ein Klassiker, ein Kultfilm und eine der wirklich bahnbrechenden Comicverfilmungen.
Seitdem wurde über einen zweiten „Sin City“-Film gesprochen. Genug Geschichten waren vorhanden. Bei uns sind alle von Frank Miller geschriebenen „Sin City“-Geschichten bei Cross-Cult in sieben Büchern veröffentlicht worden. Die Namensliste der jetzt beim zweiten „Sin City“-Film beteiligten Schauspieler ist, wieder einmal, beeindruckend. Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga und Alexa Vega sind dabei. Das liest sich nach einem gelungen Mix aus aus dem ersten Film bekannten Gesichtern und neuen Charakteren. Die ersten Bilder aus dem Film hätte man auch als Promo-Bilder für den ersten „Sin City“-Film veröffentlichen können. Und dass Frank Millers Ruf in den vergangenen Jahren arg gelitten hat – geschenkt. Immerhin sollten ja ältere Werke von ihm verfilmt werden und Robert Rodriguez war ja auch dabei.
Entsprechend hoch waren die Erwartungen, die ziemlich umfassend enttäuscht werden. Unter anderem weil „Sin City 2: A Dame to kill for“ auf den ersten Blick wie „Sin City“ aussieht. Wieder SW, wieder mit einer Armada bekannter Namen, wieder wurde vor dem Green Screen gedreht.
Wobei das schon ein Problem des Films ist. Denn jetzt wurde nur noch vor dem Green Screen gedreht. Die Schauspieler hatten, außer Minimal-Requisiten wie einem Stuhl und einem Tisch, überhaupt keine Requisiten mehr. Im Endeffekt spielten sie in einer leeren Halle. Oft entstanden ihre gemeinsamen Szenen auch an verschiedenen Tagen und wurden dann im Schneideraum zusammengefügt. So gelungen das auf technischer Ebene ist, so leblos wirkt dann auch der gesamte Film, der fast ausschließlich am Computer entstand.
Das zweite Problem ist das nervige 3D. Denn, wie in Millers Comics, wird viel mit irrationalen Noir-Perspektiven gespielt, die in 3D noch extremer ausfallen. Dazu kommt der Regen (es regnet immer in Sin City) und das hohe Schnitttempo, das, in Verbindung mit 3D, eher für Verwirrung sorgt.
Vor allem weil Rodriguez und Miller wie kleine Kinder möglichst viel, gerne auch gleichzeitig ausprobieren wollen, wozu auch Spielereien mit Farben gehören. Das erinnert dann eher an einen Jahrmarktbesuch, auf dem einem nacheinander, sehr beliebig und marktschreierisch die verschiedenen Attraktionen angeboten werden.
Wieviel gelungener war dagegen Tim Burtons ebenfalls in SW gedrehter Stop-Motion-Film „Frankenweenie“. Er setzte 3D sehr überlegt ein und die Charaktere wurden auch alle lebendig. Im Gegensatz zu den „Sin City“-Pappkameraden, die alle fest in ihren Klischees stecken bleiben.
Dazu kam die fatale Entscheidung, die Geschichten hintereinander zu erzählen. Dabei nimmt die titelgebende Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ (die der grandiosen Comicvorlage ziemlich genau folgt) die meiste Filmzeit in Anspruch. Vor dieser Geschichte werden mehrere „Sin City“-Charaktere knapp eingeführt und wir erleben „Just another Saturday Night“ mir Marv (Mickey Rourke), die mit einigen Leichen endet. Nach der tödlichen Dame gibt es noch die deutlich kürzeren Geschichten „The long, bad Night“ (über einen Spieler, der sich den falschen Gegner aussucht) und „Nancy’s last Dance“ (über Nancys Rache an dem Verantwortlichem für Hartigans Tod). Beide Stories schrieb Frank Miller extra für den Film. Formal zeigen uns Rodriguez und Miller daher, in dieser Reihenfolge, eine Kurzgeschichte, einen Roman, zwei Kurzgeschichten bzw. Subplot, Hauptplot, Subplot, Subplot. Emotional ist der Film allerdings mit dem Ende der „A Dame to kill for“-Geschichte zu Ende. Danach gibt es noch zwei Nachschläge, die man eher gelangweilt verfolgt, weil man sich für keinen der Charaktere interessiert. Auch weil man sich in dem Moment schon daran gewöhnt hat, dass jeder Charakter, dem auch nur etwas Individualität gestattet wird, eine sehr überschaubare Restlebenszeit hat.
Die Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ ist dabei als typische Noir-Geschichte gar nicht so schlecht. Dwight McCarthy (Josh Brolin) arbeitet als Privatdetektiv und er hat ein Problem mit seinem Temperament. Da meldet sich seine frühere Freundin Ava Lord (Eva Green), die ihn für den reichsten Mann der Stadt verlassen hat, wieder bei ihm. Die Femme Fatale benutzt Männer wie Spüllappen, weshalb Dwight auch nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Aber er verfällt ihr wieder. Er glaubt ihr, dass sie von ihrem Mann Damien gefangen gehalten will. Als er sie befreien will, endet die Aktion mit Damiens Tod. Er selbst kann, angeschossen von Ava, schwer verletzt entkommen. Der Polizei erzählt Ava eine Lügengeschichte, die ihn zum Mörder und Psychopathen macht. Während Dwight seine Wunden leckt, becirct Ava den grundehrlichen ermittelnden Polizisten Mort (Christopher Meloni). Er soll Dwight umbringen.
„Sin City 2: A Dame to kill for“ ist ein ziemlich überflüssiger Nachschlag zu „Sin City“, der dem Original nichts Neues hinzufügt und mindestens acht Jahre zu spät kommt. Jedenfalls erscheint die Noir-Atmosphäre hier nur noch als ein liebloses, aus der Zeit gefallenes und unentschlossenes Abspulen der bekannten Klischees mit viel Sex und Gewalt. Beides eher lustlos, aber exzessiv präsentiert.
Sin City 2: A Dame to kill for(Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)
Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez
Drehbuch: Frank Miller
LV: Frank Miller: Sin City: A Dame to kill for, 1993/1994 (Sin City: Eine Braut, für die man mordet)
mit Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga, Alexa Vega
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
– Die Vorlage
Zum Filmstart veröffentlichte Cross-Cult die mit dem Eisner-Award ausgezeichnete Hauptgeschichte des Films in einer günstigen Ausgabe, die ein guter Einstieg in Frank Millers „Sin City“-Kosmos ist.
1987 geht in der Kleinstadt Holton Mills in New Haven alles seinen geregelten Gang. Die Nachbarn sind höflich, bringen Äpfel rüber, die Türen sind sowieso nie abgeschlossen und manchmal vergißt man vor dem Eintreten auch das Anklopfen. Man kennt sich ja im Dorf. Auch wenn Adele Wheeler (Kate Winslet) und ihr damals dreizehnjähriger Sohn Henry (Gattlin Griffith) wohl so etwas wie Exoten sind. Sie ist geschieden und hat sich seitdem vollständig in ihr Haus, das auch schon etwas heruntergekommen ist, zurückgezogen. Es fehlt halt der Mann für die nötigen Arbeiten am Haus und an ihrer Psyche.
Vor dem Labor-Day-Wochenende überredet Henry seine Mutter, ihn zum Einkaufen in die Shopping Mal zu begleiten. Dort trifft Henry auf einen geheimnisvollen, blutenden Mann, der zuerst ihn und dann seine Mutter als Geisel nimmt und sich bei ihnen in ihrem Haus versteckt. Er ist der flüchtige Schwerverbrecher Frank Chambers (Josh Brolin), der sich schnell als liebevoller Vater- und Ehemann-Ersatz entpuppt, der in Adele wieder die Lebensgeister weckt und Henry das Backen von Obstkuchen beibringt, während vor ihrer Haustür die Polizei ihn sucht und auch über Zeitung und Fernsehen nach ihm fahndet. Kurz: der skrupellose Mörder ist das Ortsgespräch.
Aber trotz des flüchtigen Verbrechers, der eine Frau und ihren Sohn als Geisel nimmt, ist Ivan Reitmans neuer Film „Labor Day“ kein Kriminalfilm, sondern eine Schnulze im Nicholas-Sparks-Stil, veredelt durch die guten Schauspieler und immer wieder auf den nackten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn es gelingt Reitman nie, die hochgradig künstliche Prämisse glaubhaft zu gestalten. Vor allem weil die eine gute Woche dauernde Geiselnahme mitten in der Kleinstadt stattfindet, freundliche Nachbarn immer wieder an die Tür klopfen, mit einem behinderten Nachbarjungen ein Nachmittag im Garten verbracht wird und der Flüchtling am hellichten Tag einige Reperaturen am Haus durchführt und Henry endlich die richtige Wurftechnik im US-amerikanischen Nationalsport beibringt. Aber die furchtbar aufmerksamen Nachbarn bemerken nicht, dass der gutaussehende Mann der skrupellose Mörder ist, dessen Bild es auf die erste Seite der Tageszeitungen und ins Fernsehen gebracht hat.
Und wenn Henry zur Schule geht, sich mit einer neuen Schulfreundin trifft oder einige Einkäufe erledigen muss, verrät er Frank auch nicht an die Polizei. Immerhin ist der Gast ja ein verständnisvoller Superdaddy, der wirklich alles kann, und ein feinfühliger Liebhaber. Wenn er kein gesuchter Schwerverbrecher wäre (aber auch das Problem wird gelöst), wäre er der perfekte Mann. Und in Rückblenden erfahren wir, was uns nicht wirklich überrascht, dass er kein kaltblütiger Mörder ist. Eigentlich ist er ein Pechvogel.
Nein, wenn die Schauspieler und die Regie nicht so gut wären, wäre „Labor Day“ ein ungenießbares Kitsch-Fest. So ist es ein zäh erzähltes, ironiefreies und wirklichkeitsfernes Kitsch-Fest, das besser ist, als es die im Kern unglaubwürdige Geschichte verdient hat.
Drehbuch: Paul Haggis (nach einer Geschichte von Mark Boal und Paul Haggis)
Ex-Militärpolizist und Vietnamveteran Hank Deerfield erfährt, dass sein Sohn Mike sich nach seiner Rückkehr aus dem Irak fahnenflüchtig ist. Kurz darauf wird seine verbrannte Leiche gefunden. Deerfield beginnt mit einer Polizistin Mikes Mörder zu suchen. Dabei werden sie vom Militär behindert.
Haggis benutzt in seinem feinen Thriller das Genre, um auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. Denn der auf einem wahren Fall basierende, hochgelobte Thriller beschäftigt sich mit den seelischen Kosten von Kriegseinsätzen für den Einzelnen und die Gesellschaft.
Der Titel spielt auf die David-und-Goliath-Geschichte in der Bibel an. Deren Kampf fand im Valley of Elah, bei uns je nach Bibelübersetzung bekannt als Eichgrund, Elberfelder oder Terebinthental, statt.
Mit Tommy Lee Jones, Charlize Theron, Susan Sarandon, Jason Patric, James Franco, Josh Brolin, Jonathan Tucker
Ich sehe den Mann deiner Träume (USA/Spanien 2010, R.: Woody Allen)
Drehbuch: Woody Allen
In London beobachtet Woody Allen einige Männer und Frauen auf der Jagd nach ihrem Glück in der Liebe und im Leben – und wir können uns amüsiert zurücklehnen und die Stars beobachten, wenn sie Weisheiten von sich geben und sich zum Narren machen.
mit Antonio Banderas, Josh Brolin, Anthony Hopkins, Gemma Jones, Freida Pinto, Lucy Punch, Naomi Watts, Philip Glenister
Als ich den Trailer sah, fragte auch ich mich, warum Hollywood ein Remake von „Oldboy“, Park Chan-wooks 2004 von der Kritik abgefeiertem Racheepos, macht. Zu sehr sahen die Bilder nach einem überflüssigem Eins-zu-eins-Remake eines Kultfilms aus.
Aber dass Spike Lee, der mit „Inside Man“ ja zeigte, dass er auch Thriller kann, die Regie übernahm, weckte dann schon mein Interesse. Immerhin war auch Martin Scorseses „Departed – Unter Feinden“ kein schlechtes Remake von „Internal Affairs“; – wobei die schwächsten Teile die mehr oder weniger direkten Übernahmen aus dem Original waren.
Nun also Spike Lees Version von „Oldboy“: Josh Brolin spielt Joe Doucett, einen drogensüchtigen, egozentrischen, sich auf dem absteigendem Ast befindendem Werbeprofi, der am 8. Oktober 1993 entführt wird. Er lebt zwanzig Jahre als Gefangener in einem hermetisch abgeschlossenem Hotelzimmer, verfolgt via TV das Weltgeschehen, dass seine Frau ermordet wird und er ihr Mörder sein soll. Er erfährt aber nicht, warum und von wem er gefangen gehalten wird. Eines Tages wird er freigelassen: er erwacht auf einer Wiese in einem Reisekoffer. Doucett will herausfinden wer ihm zwanzig Jahre seines Lebens und seine Existenz raubte – und er will sich dafür rächen.
Spike Lee inszenierte einen kleinen, schlanken Thriller mit einer stimmigeren Auflösung als Park Chan-wook und etlichen Unwahrscheinlichkeiten. So wird die Krankenschwester, der Doucett unmittelbar nach seiner Gefangenschaft begegnet und in die er sich verliebt, später in der Geschichte noch wichtig, weil sie für Doucetts Geiselnehmer eine besondere Bedeutung hat. Aber in diesem Moment baut der Geiselnehmer seinen komplizierten Racheplan auf ein Ereignis auf, das er nicht beeinflussen kann. Das sogar eher zufällig stattfindet. Das ist nicht besonders intelligent.
Später sucht Doucett den Ort, an dem er gefangen gehalten wurde. Seine einzige Spur sind die asiatischen Mahlzeiten, die er während seiner Gefangenschaft erhielt. Er isst sich also durch die Nudelküchen der anonymen Großstadt, wird fündig und verfolgt einen Mann, der mehrere Mahlzeiten abholt. Nur: woher weiß Doucett, dass er den richtigen Mann verfolgt? Spike Lee erklärt das nie, aber kurz darauf dürfen wir seine Version der legendären „Oldboy“-Szene sehen: bei Park Chan-wook fand der minutenlange, ungeschnittene Kampf zwischen Dae-su und seinen Angreifern in einem Gang statt, auf dem er sie tötete. Bei Spike Lee ist es ein über drei Etagen geführter dreieinhalbminütiger ungeschnittener Kampf, in dem Doucett seine Angreifer vernichtend schlägt. Beide Szenen sind beeindruckend, aber Spike Lees Version gefällt mir besser. Sie ist dynamischer und wirkt realistischer als der nur auf einem Gang stattfindende Kampf.
Auch die Lösung, also warum Doucett zwanzig Jahre gefangen gehalten wurde, ist in Spike Lees Version überzeugender gestaltet.
Während Park Chan-wooks „Oldboy“ ein südkoreanischer Thriller mit erkennbar intellektuellem Anspruch war, den ich okay, aber auch überbewertet fand, ist Spike Lees „Oldboy“ ein sehr amerikanischer, düsterer Thriller mit einem großartigem Josh Brolin, der mich nie wehmütig an das Original, das ich vor einigen Jahren sah, denken ließ. Und das ist viel mehr, als ich über etliche andere Remakes sagen kann.
Oldboy (Oldboy, USA 2013)
Regie: Spike Lee
Drehbuch: Mark Protosevich
mit Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Charlto Copley, Michael Imperioli, Linda Emond, James Ransome, Pom Klementieff, Samuel L. Jackson
No Country for Old Men (USA 2007, R.: Ethan Coen, Joel Coen)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Am 5. Dezember starten „Inside Llewyn Davis“ (von den Coen-Brüdern) und „Oldboy“ (von Spike Lee, mit Josh Brolin in der Hauptrolle; Besprechung von beiden Filmen zum Kinostart):
Drehbuch: Paul Haggis (nach einer Geschichte von Mark Boal und Paul Haggis)
Ex-Militärpolizist und Vietnamveteran Hank Deerfield erfährt, dass sein Sohn Mike sich nach seiner Rückkehr aus dem Irak fahnenflüchtig ist. Kurz darauf wird seine verbrannte Leiche gefunden. Deerfield beginnt mit einer Polizistin Mikes Mörder zu suchen. Dabei werden sie vom Militär behindert.
Haggis benutzt in seinem feinen Thriller das Genre, um auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. Denn der auf einem wahren Fall basierende, hochgelobte Thriller beschäftigt sich mit den seelischen Kosten von Kriegseinsätzen für den Einzelnen und die Gesellschaft.
Der Titel spielt auf die David-und-Goliath-Geschichte in der Bibel an. Deren Kampf fand im Valley of Elah, bei uns je nach Bibelübersetzung bekannt als Eichgrund, Elberfelder oder Terebinthental, statt.
Mit Tommy Lee Jones, Charlize Theron, Susan Sarandon, Jason Patric, James Franco, Josh Brolin, Jonathan Tucker
Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper