Neu im Kino/Filmkritik: Berlinale-Liebling „Gloria“ sucht die Liebe

August 12, 2013

 

Paulina Garcia gewann auf der diesjährigen Berlinale den silbernen Bären für ihre Darstellung einer geschiedenen, berufstätigen Endfünfzigerin und Mutter, die sich noch jung fühlt und in Santiago de Chile auf Single-Partys nach dem Mann für die nächsten Jahre sucht. Als sie den sieben Jahre älteren Rudolfo trifft, glaubt sie, das große Los gezogen zu haben. Aber Rudolfo hängt noch an seiner Ex-Frau und will Gloria seinen Kindern nicht vorstellen – und wir dürfen verfolgen, wie sie mit dem Problem umgeht.

Das Projekt ‚Gloria‘ ergab sich aus Überlegungen darüber, ob es wohl möglich wäre, einen Film über die Frauen aus der Generation meiner Mutter zu drehen, und – falls ja – wie ein solcher Film denn dann aussehen könnte. (…) Ich hatte einfach Lust, den mir vorerst noch fremden Planeten dieser Generation zu erforschen und zu sehen, was mir dort wohl begegnen würde“, sagt Autor und Regisseur Sebastián Lelio über seinen Film „Gloria“ und seine Protagonistin Gloria.

Diese hat seltsam wenige stabile soziale Kontakte. Immerhin scheint sie schon ihr ganzes Leben in Santiago de Chile zu leben, aber trotz Familie (die Eltern sind wohl schon gestorben), Kindern, die nicht weggezogen sind und einer anscheinend verantwortungsvollen Tätigkeit in einem Büro kennt sie niemand für ein freundschaftliches Gespräch und sie hat auch keine Hobbys, die ihrem Leben irgendeinen Sinn verleihen. Ihr einziges Lebensziel ist es, den richtigen Mann fürs Leben, naja, für die noch verbleibenden Jahre, zu finden – und das scheint für Gloria die einzige Möglichkeit zu sein, ein vollwertiges Leben zu führen. Das mag für chilenische Sechzigjährige, die einem stark katholisch geprägtem Land ihr Leben verbrachten, zutreffend sein, aber wir reden hier auch von einer Frau, die ungefähr 1955 geboren wurde.

Außerdem plätschert Sebastián Lelios Charakterstudie, der im wesentlichen chronologisch einige Monate im Leben von Gloria erzählt, ziemlich schnell, nachdem sie ihren Traummann trifft, eher ereignislos vor sich hin. Denn die Beziehung zwischen ihr und Rudolfo entwickelt sich nicht weiter. Es ist ein zähes und ermüdendes hin und her zwischen Zusammensein und Trennung, das immer wieder den gleichen Konflikt, mit fast den gleichen Worten thematisiert. Denn es ist wirklich egal, ob Rudolfo Gloria seinen Kindern nicht vorstellen will, weil er noch an seiner Ex-Frau hängt, oder er ein Treffen mit Gloria wegen eines nichtigen familiären Problems absagt. Es ist schon beim ersten Mal klar, dass er Gloria nicht das geben kann, was sie will und irgendwann erkennt sie das.

Am Ende des daher eher langatmigen Films steht Gloria wieder da, wo sie am Anfang war, ohne klüger zu sein. Dazwischen gibt es etliche, in dieser Ausführlichkeit vollkommen überflüssige Sex- und Nacktszenen, die vor allem zeigen, dass auch Über-Fünfzigjährige noch Sex haben können.

Da ist mir „Frances Ha“, die einfach ihr Leben genießen will und gar nicht nach Mr. Right sucht, viel lieber. Auch ohne Nacktszenen.

Gloria - Plakat

Gloria (Gloria, Spanien/Chile 2012)

Regie: Sebastián Lelio

Drehbuch: Sebastián Lelio

mit Paulina García, Sergio Hernández, Diego Fontecilla, Fabiola Zamora, Coca Guazzini, Hugo Moraga

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gloria“

Rotten Tomatoes über „Gloria“

Wikipedia über „Gloria“

Berlinale: „Gloria“-Pressekonferenz

 

 

 


TV-Tipp für den 12. August: Lohn der Giganten

August 12, 2013

Arte, 20.15

Lohn der Giganten (Frankreich 1977, R.: Alain Corneau)

Drehbuch: Alain Corneau, Daniel Boulanger

In der Nähe von Bordeaux leitet Henri Savin das Transportunternehmen seiner Geliebten Dominique. Als er sich mit der jüngeren Julie absetzen will, bringt Dominique sich um. Die Polizei glaubt an Mord und verhaftet Julie. Henri versucht den Verdacht auf sich zu lenken.

Seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigter französischer Krimiklassiker mit Top-Besetzung.

Clever konstruiert und perfekt in Szene gesetzt, ist ‚Lohn der Giganten‘ ein spannender und ungemein unterhaltsamer Thriller, der zudem mit zwei denkwürdigen, in Zeitlupe gefilmten Action-Sequenzen aufwartet: Savin lässt einen Tanklastzug führerlos in eine Schlucht rasen und explodieren; Savin wird mit seinem kleinen Volkswagen unbarmherzig von riesigen Trucks gejagt.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)

Das Lexikon des internationalen Films mäkelte: „Der brillant inszenierte Film reflektiert allerdings nicht Fragen nach Selbstjustiz und Wahrheitsmanipulation.“

Lohn der Giganten“ war nach „Police Python 375“ die zweite Zusammenarbeit von Alain Corneau und Yves Montand. Die dritte war „Wahl der Waffen“.

Arte zeigt die Originalfassung. Im deutschen Kino lief eine 88-minütige Fassung.

Die Musik ist von Jazzer Gerry Mulligan.

mit Yves Montand, Carole Laure, Marie Dubois, Jean-Francois Balmer

auch „bekannt“ als „Die Bedrohung“ (TV-Titel)

Wiederholung: Dienstag, 27. August, 13.55 Uhr

Hinweise

Arte über „Lohn der Giganten“

Wikipedia über „Lohn der Giganten“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Alain Corneaus „Wahl der Waffen“ (Le choix des armes, Frankreich 1981)

Meine Besprechung von Alain Corneaus „Love Crime“ (Crime d’amour, Frankreich 2010)

Mein Nachruf auf Alain Corneau

Alain Corneau in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 11. August: Buried – Lebendig begraben

August 11, 2013

 

Pro7, 23.15

Buried – Lebendig begraben (Spanien 2010, R.: Rodrigo Cortés)

Drehbuch: Chris Sparling

Paul Conroy wacht lebendig begraben in einem Sarg auf. Er hat ein Handy und ein Feuerzeug bei sich. Da klingelt das Handy…

Das schnörkellose B-Picture ist ein verdammt guter Alptraum; – jedenfalls für uns auf der heimischen Couch.

mit Ryan Reynolds

Wiederholung: Montag, 12. August, 03.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Buried“

Rotten Tomatoes über „Buried“

Script Shadow: Interview mit Chris Sparling (6. Oktober 2009)

Movie Makers Magazine: Interview mit Chris Sparling (22. Januar 2010)

MTV Movies Blog: Chris Sparling über “Buried” (23. September 2010)

Go into the Story: Videointerview mit Chris Sparling (26. September 2010)

Dose: Interview mit Rodrigo Cortés und Chris Sparling (14. September 2010)

 

Meine Besprechung von Rodrigo Cortés‘ „Buried – Lebendig begraben“ (Buried, Spanien 2010)


TV-Tipp für den 10. August: Amer

August 9, 2013

ZDFkultur, 22.30

Amer – Ein Alptraum aus Angst und Begierde (Frankreich/Belgien 2009, R.: Hélène Cattet, Bruno Forzani)

Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani

Vielleicht muss es so aussehen, wie in „Amer“, wenn aus Trash Kunst wird. Hélène Cattet und Bruno Forzani haben sich den den Giallo, ein in den siebziger Jahren beim Publikum beliebtes und kommerziell entsprechend erfolgreiches Subgenre des italienischen Kriminal- und Horrorfilm, das inzwischen von einigen Regisseuren gefeiert und von der Kritik rehabilitiert (wenigstens teilweise) wurde, als stilistische Vorlage für ihr Schaffen genommen.

mit Marie Bos, Delphine Brual, Cassandra Foret, Charlotte Eugène-Guibbaud, Harry Cleven

Hinweise

Homepage zum Film

Eskalierende Träume: Interview mit Hélène Cattet und Bruno Forzani (23. August 2010)

Blutbengel über “Amer” (12. Januar 2012)

Meine Besprechung von „Amer – Ein Alptraum aus Angst und Begierde“ (Amer, Frankreich/Belgien 2009)


„Feuchtgebiete“-Trailer entschärft

August 9, 2013

Feuchtgebiete - Plakat 4

Irgendwie schon ziemlich gaga. Denn dieser Trailer für die am 22. August startende Charlotte-Roche-Verfilmung „Feuchtgebiete“

der jetzt noch ansehbar ist, wurde von der FSK ab 12 Jahre freigegeben (Der Film ist dann FSK-16 und das finde ich okay.) und war dann doch anscheinend einigen Institutionen zu freizügig. Jedenfalls erstellte der Verleih einen garantiert jugendfreien Trailer

der schon fast John-Waters-Qualitäten (der ja auch einige liebevolle jugendfreie Versionen von seinen Nicht-jugendfreien-Filmen anfertigte) und schrieb in einer Pressemitteilung zu dem neuen Film von David Wnedt („Kriegerin“):

Aber es geht nicht nur um Kontrolle, inzwischen nehmen die Platzhirsche aus den USA auch endlich ihre erzieherische Aufgabe wahr, die deutsche Jugend vor der sexuellen Verrohung zu schützen: So wurde der Trailer zum Kinofilm FEUCHTGEBIETE – leichtsinnigerweise von der FSK ab 12 Jahren freigegeben – von Facebook, Google & YouTube wegen „sexuell expliziter und aufreizender Inhalte“ als nicht jugendfrei von ihren Plattformen verbannt bzw. für werbliche Nutzungen gesperrt. Endlich nimmt sich jemand der Sache an und greift durch!

Aus Rücksicht auf unsere amerikanischen Freunde, aber auch alle Menschen, die sich schon beim Anblick ihres eigenen Körper ekeln, wollen wir helfen, unsere Jugend zu schützen. Daher bieten wir ab sofort eine zensierte Version des Kinotrailers zu FEUCHTGEBIETE an. 100% jugendfrei. Versprochen!

Hm, warum sollte es den „Feuchtgebieten“ besser als der „Zeit“ gehen, die bei Facebook ja mal Probleme wegen einer Ausgabe des Zeit-Magazins, das sich um ein männliches Geschlechtsteil drehte, bekam.

Ach ja: die Facebook-Seite für „Feuchtgebiete“ ist „derzeit nicht verfügbar“. Jedenfalls für mich.

 


Neu im Kino/Filmkritik: „42“ – Brian Helgelands sehenswertes Biopic über die Baseball-Legende Jackie Robinson

August 9, 2013

 

Einerseits ist „42“ ein Sportlerbiopic, das ungefähr so kritisch wie Hofberichterstattung ist.

Andererseits ist „42“ politisches Kino, das einen ungeschönten Blick in eine rassistische Gesellschaft wirft: nämlich die Vereinigten Staaten von Amerika nach dem zweiten Weltkrieg, als Branch Rickey, der Geschäftsführer der Brooklyn Dodgers, Jackie Robinson als Spieler verpflichtete und damit gegen die Regeln der Major League Baseball verstieß. Denn Robinson war Afroamerikaner und in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft hatten Afroamerikaner nichts in der Profiliga zu suchen. Aber Rickey, der damals Mitte Sechzig war, wollte die Brooklyn Dodgers zum Sieg führen und Robinson war dafür, aufgrund seiner Leistungen, der beste Mann.

Harrison Ford, der Branch Rickey schön grummelig spielt und unter der Maske kaum zu erkennen ist, aber so dem echten Rickey erstaunlich ähnelt, sagt über ihn: „Rickey ist ein Geschäftsmann, der begreift, dass Dollars nicht schwarz oder weiß, sondern grün sind. Aber er ist auch Moralist und Patriot, der es für unvertretbar hält, dass in den USA begabten Leuten aufgrund ihrer Hautfarbe Chancen verweigert werden. Es geht um Fairness – auch und gerade in einem Spiel, das untrennbar mit dem amerikanischen Geist verwoben ist.“

Deshalb verlangt er von Jackie Robinson (Chadwick Boseman), dass er gut spielt und den Mut und die Kraft hat, nicht auf die zahlreichen Beleidigungen, die er erleiden muss, zu reagieren. Er glaubt, dass Robinson durch sein Spiel die Fans überzeugen kann.

Aber Robinson muss auch seine Mannschaftskameraden überzeugen.

Brian Helgeland („L. A. Confidential“, „Payback – Zahltag“, „Blood Work“, „Mystic River“, „Green Zone“) konzentrierte sich in seinem sehr faktentreuem Biopic auf zwei Jahre in Robinsons Leben, nämlich die Jahre von 1945 bis 1947, die für die Geschichte des Baseball entscheidend waren und die Robinson an dem Punkt zeigen, an dem sich sein weiteres Leben entschied. Später war er auch einer der Unterstützer der Bürgerrechtsbewegung.

Heute hat Jackie Robinson in Baseball-Kreisen eine für uns kaum vorstellbare Bedeutung. Denn seine Nummer, die 42, wird seit 1997 als einzige Spielernummer nicht mehr vergeben. Nur am 15. April, dem Jackie Robinson Day, wird sie seit 2005 von allen Baseballspielern getragen. Am 15. April 1947 hatte Robinson sein erstes Spiel als Brooklyn Dodger.

Drehbuchautor und Regisseur Helgeland sagt zur Botschaft des Films: „Ich glaube fest an die grundsätzliche Gesinnung in unserem Land, die die herrschenden Zustände ständig verbessern möchte. Und Jackie Robinsons Aufnahme ins Team der Dodgers war 1947 eine Art Brückenkopf in diesem Kampf und in der Bürgerrechtsbewegung. Die Tatsache, dass er die Rassentrennung im Baseball aufhob, heißt ja nicht, dass das Problem damit gelöst war. Aber dieser Moment war ein Fundament, von dem aus die Schlacht siegreich entschieden werden kann. Dank Jackie und jenen, die nach ihm kamen, sind wir gewaltige Schritte vorangekommen. Aber gewonnen ist diese Schlacht noch nicht.“

42“ erzählt, ohne modernen Schnickschnack, im Stil klassischer Hollywoodfilme eine Heldengeschichte, in dem ein Mann die Welt verändern kann. Er hatte aber auch Hilfe von seiner Frau Rachel (Nicole Beharie), die ihm immer zur Seite stand, nach seinem Tod die Jackie Robinson Foundation gründete und die Filmemacher beriet, den schon erwähnten Branch Rickey und Wendell Smith (Andre Holland), dem ersten afroamerikanischem Reporter der in die Baseball Writers Association aufgenommen wurde (wobei dieser Punkt derzeit auf Wikipedia, aber ohne Nachweis, bestritten wird und ich ihn jetzt, auf die Schnelle nicht klären kann). In dem Film sitzt Smith mit seiner klobigen Schreibmaschine auf der Zuschauertribüne, weil er nicht in den Pressebereich darf.

Pee Wee Reese, der Shortstop der Dodgers, sagte: „Es gibt viele Gründe, einen Menschen zu hassen. Aber die Hautfarbe gehört nicht dazu.“

42“ unterstreicht das – und deshalb ist das erzählerisch konservative, oft kitschige, aber immer kraftvolle Biopic auch bei uns sehenswert. Auch wenn wir von Baseball nicht mehr verstehen, als dass erwachsene Männer auf irgendwelche Bälle schlagen und herumlaufen.

Ach ja: Clint Eastwood erzählte in „Invictus“ eine ähnliche Geschichte, die Jahrzehnte später, nach dem Ende der Apartheid, in Südafrika spielt. Aber er erzählte sie aus der Perspektive eines Weißen.

Helgeland erzählt sie aus der Perspektive eines Afroamerikaners und das macht einen entscheidenden Unterschied.

P. S.: Der Trailer die Stimmung des Films ziemlich falsch wieder und wirkt eher als Anti-Werbung.

42 - Plakat

42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende (42, USA 2013)

Regie: Brian Helgeland

Drehbuch: Brian Helgeland

mit Chadwick Boseman, Harrison Ford, Nicole Beharie, Andre Holland, Lucas Black, Hamisch Linklater, Ryan Merriman, Christopher Meloni, John C. McGinley

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „42“

Metacritic über „42“

Rotten Tomatoes über „42“

Wikipedia über „42“ (deutsch, englisch) und Jackie Robinson

Chasing the Frog vergleicht die Fakten mit dem Film

 

 


TV-Tipp für den 9. August: Serial Mom – Warum lässt Mama das morden nicht?

August 9, 2013

 

RTLnitro, 22.10

Serial Mom – Warum lässt Mama das Morden nicht? (USA 1994, R.: John Waters)

Drehbuch: John Waters

Mom (Kathleen Turner) hat es gerne ordentlich und sie tut alles für das Familienglück in der Vorstadt. Auch wenn sie dafür morden muss.

Feine schwarze Komödie auf hehre Werte mit dem geschmackvollen John-Waters-Touch.

mit Kathleen Turner, Sam Waterston, Ricki Lake, Matthew Lillard, Scott Wesley Morgan

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Serial Mom“

Wikipedia über „Serial Mom“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Danny Boyles zu verzwickten Noir „Trance – Gefährliche Erinnerung“

August 8, 2013

 

 

Dass Danny Boyle ein einmal gefundenes Erfolgsrezept immer wieder wiederholt, kann man ihm wahrlich nicht vorwerfen. Nach „Trainspotting“ verließ er die Welt der drogengeschwängerten Arbeiterklassepubs, nach „28 Tage später“ drehte er keinen weiteren Horrorfilm und nach „Slumdog Millionaire“, für den er den Regie-Oscar erhielt, gab es kein weiteres romantisches Melodrama. Letztendlich ist die einzige Konstante in Danny Boyles Werk der Wechsel zwischen den verschiedenen Genres. Und so ist sein neuester Spielfilm „Trance – Gefährliche Erinnerung“ das Gegenteil zu seinem vorherigen Spielfilm „127 Hours“ und, während er die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London konzipierte und inszenierte, seine Entspannungsübung. Denn Boyle drehte den Film vor der Olympiade und schnitt ihn erst danach.

Trance“ ist ein verzwickter Noir mit einer Eröffnung, die, wie Danny Boyles Eröffnungssequenz von „Trainspotting“, gut als eigenständiger Kurzfilm funktioniert. Aber in „Trance“ ist diese Eröffnungssequenz, ein Musterbeispiel für ökonomisches Erzählen, nur die Eröffnung zu einem komplexen Spiel mit vielen Überraschungen und unvorhersehbaren Wendungen. Die erste ist, dass Boyle danach den Tonfall wechselt und eine ganz andere Geschichte erzählt.

In den ersten Minuten erzählt Kunstauktionator Simon (James McAvoy), wie schwer es ist, ein Gemälde zu stehlen, warum die meisten Diebstähle schiefgehen und was für einen grandiosen Plan er sich ausgedacht hat. Der Plan, während einer Auktion das surreale Ölgemälde „Flug der Hexen“ von Francisco de Goya zu stehlen, funktioniert auch. Jedenfalls bis er von dem gemeinsamen Plan mit Franck (Vincent Cassel), dem smarten und skrupellosen Boss einer kleinen Gangsterbande, abweicht und durch einem heftigen Schlag auf seinen Kopf sein Gedächtnis verliert.

Während Simon von seinen Arbeitgebern als großer Held gefeiert wird, will Franck unbedingt das wertvolle Gemälde haben. Dummerweise kann Simon sich nicht mehr, auch nicht als er gefoltert wird, an das Versteck erinnern. Also schickt Franck ihn zu einer Hypnotiseurin. Simon sucht sich zufällig Elizabeth (Rosario Dawson) aus. Er verliebt sich sofort in die Schönheit, die etwas seltsam auf ihn reagiert. Das kann aber, obwohl er sich mit falschem Namen und einer offensichtlich erfundenen Geschichte bei ihr vorstellt, auch an seiner Medienprominenz liegen. Verdächtig schnell erklärt sie sich, gegen einen Teil der Beute, bereit, den Gangstern bei der Suche nach dem Gemälde zu helfen.

Und spätestens ab diesem Moment sind wir in einem zunehmend unüberschaubarem Spiegelkabinett, in dem nicht nur jeder jeden betrügt und auf seinen eigenen Vorteil schaut, sondern auch noch jeder mehrere verborgene Absichten und Hintergedanken hat und sie sich gegenseitig nach bestem Wissen und Gewissen manipulieren.

Die Drehbuchautoren Joe Ahearne, der bereits die erste Version von „Trance“ schrieb und 2001 als TV-Film verfilmte, und John Hodge, der bereits mehrmals mit Danny Boyle zusammenarbeitete, und Regisseur Danny Boyle entwerfen hier in eleganten Bildern und pointierten Schnitten ein vielschichtiges Vexierspiel, bei dem man sich auf nichts verlassen kann – bis es dann im dritten Akt viel zu viele Wendungen und Überraschungen gibt.

Denn wenn innerhalb weniger Minuten zum – gefühlt – fünften Mal enthüllt wird, dass doch alles ganz anders ist und die Protagonisten dabei wechselweise in Hypnose oder gerade nicht in Hypnose waren, und damit die letzte Szene dann doch ein Traum war oder vielleicht doch nicht, verliert man auch das Interesse an den Charakteren und der Geschichte. In diesen Minuten war es Machern anscheinend wichtiger, das Publikum im Minutentakt mit vollkommen überraschenden Enthüllungen zu überraschen, anstatt es emotional mitzunehmen oder wirklich auf die Schlüssigkeit der Geschichte zu achten. Das ist dann die Welt der kalten Versuchsanordnungen, in denen Forscher beliebig Dinge und Spielregeln verändern, und nicht die des Noirs, in der der Held zunehmend den Kontakt zu seinem bisherigen Leben verliert und sich immer mehr in Schuld verstrickt.

Trance - Plakat

Trance – Gefährliche Erinnerung (Trance, GB 2013)

Regie: Danny Boyle

Drehbuch: Joe Ahearne, John Hodge

mit James McAvoy, Vincent Cassel, Rosario Dawson, Danny Sapani, Matt Cross, Wahab Sheikh, Mark Poltimore

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Facebookseite zum Film

Film-Zeit über „Trance“

Metacritic über „Trance“

Rotten Tomatoes über „Trance“

Wikipedia über „Trance“

 

 


TV-Tipp für den 8. August: American Buffalo – Das Glück liegt auf der Straße

August 8, 2013

 

ARD, 01.50

American Buffalo – Das Glück liegt auf der Straße (USA 1996, R.: Michael Corrente)

LV: David Mamet (nach seinem Theaterstück)

Der New Yorker Trödler Don (Dennis Franz) glaubt, eine „American Buffalo“-Münze unter Wert verkauft zu haben und will sie mit einem Einbruch wiederbeschaffen. Sein Kumpel Teach (Dustin Hoffman) will ihm helfen.

Vorzüglich gespieltes Kammerstück für drei Personen (…) und Parabel über Integrität, Moral und Selbstgerechtigkeit in Zeiten postmoderner Unberechenbarkeiten. (…) der Film selbst wirkt wie die (notwendige) Konservierung einer Off-Broadway-Inszenierung.“ (Fischer Film Almanach 1997)

David Mamet schrieb das Theaterstück bereits 1975.

Dennis Franz setzte sich nach dem Ende der erfolgreichen Cop-Show „NYPD Blue“, in der er mit wechselnden Partnern Detective Andy Sipowicz spielte, 2005 zur Ruhe.

Schauspielerkino

mit Dustin Hoffman, Dennis Franz, Sean Nelson

Hinweise

Rotten Tomatoes über „American Buffalo“

Wikipedia über „American Buffalo“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Godzilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Godzilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte

 


DVD-Kritik: Viel Mord und Totschlag in „Inspector Barnaby – Collector’s Box 3“

August 7, 2013

Über Detective Chief Inspector Tom Barnaby (John Nettles), den von Caroline Graham erfundenen Kriminalpolizisten mit dem glücklichen Familienleben und seinem entspannten Verhältnis zu Mord und Totschlag, muss wohl nicht mehr viel gesagt werden. Immerhin laufen die spielfilmlangen Fälle, nachdem sich jahrelang kein deutscher Sender an die erfolgreiche ITV-Serie wagte, bis dann 2005 das ZDF zugriff und die voneinander unabhängigen Folgen ohne Rücksicht auf die ursprüngliche Reihenfolge ausstrahlte, inzwischen auch erfolgreich im deutschen TV.

Barnaby arbeitet in der malerischen Grafschaft Midsomer, die britischer als ein Lord-Peter-Wimsey-Roman ist und jedes Mal mehr Morde als ein Agatha-Christie-Roman hat. Genaugenommen wird in Midsomer mehr als ein einer Großstadt gemordet, aber ohne die sozialen Probleme einer Großstadt (wie Armut, schlechte Bildung, Rassenkonflikte, Ghettos, unkontrollierter Drogenkonsum und, uh, Kriminalität) und mit mehr skurrilen Charakteren als bei der „Leiche zum Dessert“.

Das ist dann doch ziemlich eskapistisch und, weil in Midsomer Mord ein adäquates Mittel zum Lösen von Problemen ist und niemand Schreiattacken beim Anblick einer Leiche bekommt (sind ja so viele und dann gibt es noch die Teestunde), ist „Inspector Barnaby“ unterschwellig ziemlich düster. Da hilft es auch nichts, dass am Ende der Mörder verhaftet wird. Denn der nächste Mehrfachmörder lauert schon im Gebüsch – und Inspector Barnaby wird ihn, mit britischem Understatement, jagen.

In der dritten, jetzt erschienen „Collector’s Box“ von „Inspector Barnaby“ sind die bereits als Volume 11, Volume 12, Volume 13, Volume 14 und Volume 15 veröffentlichten Barnaby-Fälle enthalten:

Mit Gift und Guillotine (They seek him here, GB 2008, Staffel 10, Folge 7, Episode 58)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: Barry Purchese

Ein missratener Sohn (Days of Misrule, GB 2008, Staffel 11, Folge 6, Episode 65)

Regie: Renny Rye

Drehbuch: Elizabeth-Anne Wheal

Die Untoten von Barton Woods (Talking to the Dead, GB 2008, Staffel 11, Folge 7, Episode 66)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: David Lawrence

Kind des Todes (Left for dead, GB 2008, Staffel 11, Folge 3, Episode 62)

Regie: Renny Rye

Drehbuch: Michael Crompton

Leben und Morden in Midsomer (Midsomer Life, GB 2008; Staffel 11, Folge 4; Episode 63)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: David Hoskins

Geliebt, gejagt, getötet (Death in a Chocolate Box, GB 2007; Staffel 10, Folge 8; Episode 59)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Tony Etchells

Der Wald der lebenden Toten (The Magician’s Nephew, GB 2008; Staffel 11, Folge 5; Episode 64)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Michael Russell

Mord auf der Durchreise (Blood will out, GB 1999; Staffel 2, Folge 2; Episode 7)

Regie: Moira Armstrong

Drehbuch: Douglas Watkinson

Wenn der Morgen graut (Shot at Dawn, GB 2008; Staffel 11, Folge 2, Episode 61)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Michael Aitkens

Die Frucht des Bösen (Tainted Fruit, GB 2001, Staffel 5, Folge 1, Episode 19)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: David Hoskins

Nass und tot (Dead in the Water, GB 2004, Staffel 8, Folge 2, Episode 37)

Regie: Renny Rye

Drehbuch: Douglas Watkinson

Denn du bist Staub (Death and Dust, GB 2007, Staffel 10, Folge 5, Episode 56)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: Douglas Watkinson

Ganz in Rot (Blood Weeding, GB 2008, Staffel 11, Folge 1, Episode 60)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: David Lawrence

Mord mit Rendite (Market for Murder, GB 2002, Staffel 5, Folge 3, Episode 21)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: Andrew Payne

Der Tod und die Lady (A Talent for Life, GB 2003, Staffel 6, Folge 1, Episode 24)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: David Hoskins

Der Tod malt mit (Painted in Blood,GB 2003 Staffel 6, Folge 3, Episode 26)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: Andrew Payne

Unglücksvögel (Birds of Prey, GB 2003, Staffel 6, Folge 5, Episode 28)

Regie: Jeremy Silberston

Drehbuch: Michael Russell

Immer wenn der Scherenschleifer… (Bad Tidings, GB 2004, Staffel 7, Folge 2, Episode 30)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: Peter J. Hammond

Grab des Grauens (The Fisher King, GB 2004, Staffel 7, Folge 3, Episode 31)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Isabelle Grey

Die Blumen des Bösen (Orchis Fatalis, GB 2005, Staffel 8, Folge 3, Episode 38)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: Terry Hodgkinson

Auch die „Collector’s Box“ unterscheidet sich in der Ausstattung der DVDs nicht von den vorherigen Einzelveröffentlichungen, aber die DVDs sind in schicken Pappverpackungen in einer platzsparenden Pappbox (jaja, da bricht der alte Vinyl-Junkie durch) untergebracht. Dass die Folgen absolut unchronologisch präsentiert werden, liegt an dem sehr experimentellen Ausstrahlungsgebaren vom ZDF.

Inspector Barnaby - Collector s Box 3

Inspector Barnaby (Midsomer Murders, GB 1997 – 2011)

LV: Charaktere von Caroline Graham

mit John Nettles (DCI Tom Barnaby), Daniel Casey (DS Gavin Troy, 1997 – 2003), John Hopkins (DS Dan Scott, 2004 – 2005), Jason Hughes (DS Ben Jones, 2005 – 2011), Jane Wymark (Joyce Barnaby), Barry Jackson (Dr. Bullard), Laura Howard (Cully Barnaby)

Inspector Barnaby – Collector’s Box 3

Edel

Bild: PAL 4:3/PAL 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interviews mit den Schauspielern, Fotogalerie, „Inspector Barnaby – Die Musik zur Serie“ (Bonus-CD, bislang nur als Einzel-CD „Inspector Barnaby – Soundtrack“ erhältlich)

Länge: 1911 Minuten (20 DVDs + 1 CD)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

ITV über Inspector Barnaby

ZDF über „Inspector Barnaby“

Wikipedia über „Inspector Barnaby“ (deutsch, englisch)

FAZ: Nina Belz trifft John Nettles (6. März 2011)

Krimi-Couch über Caroline Graham

Kaliber.38 über Caroline Graham

 Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 12“

Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 13“

Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 14“

Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 15“

Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Collector’s Box 1“

Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Collector’s Box 2“

Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 17“


TV-Tipp für den 7. August: Die Unbestechlichen

August 7, 2013

 

Kabel 1, 22.40

Die Unbestechlichen – The Untouchables (USA 1987, R.: Brian De Palma)

Drehbuch: David Mamet

Grandioser Gangsterfilm über den Kampf von Eliot Ness und seiner unbestechlichen Mitstreiter gegen Al Capone.

Mit der ihm eigenen formalen Brillanz hat Brian De Palma diesen authentischen Fall inszeniert. Seine Liebe zum Detail, ausgeklügelte Kamerafahrten und Einstellungen, Ennio Morricones emotionaler Soundtrack und die lakonisch-präzise Charakterisierung der Personen machen den Film zu einem Augen- und Ohrenschmaus.“ (Fischer Film Almanach 1988)

Sean Connery gewann den Oscar als bester Nebendarsteller.

Mit Kevin Costner, Robert de Niro, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Jack Kehoe

Wiederholung: Donnerstag, 8. August, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „ Die Unbestechlichen“

Wikipedia über „Die Unbestechlichen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Godzilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Godzilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte

 

 

 


Cover der Woche

August 6, 2013

Falk - Winterkartoffelknödel

Wegen der VERLOSUNG!!!


TV-Tipp für den 6. August: Human Nature – Die Krone der Schöpfung

August 6, 2013

ZDFkultur, 21.45

Human Nature (USA/Fr 2001, R.: Michel Gondry)

Drehbuch: Charlie Kaufman

Ein Verhaltensforscher und dessen haarige Freundin wollen einen Affenmenschen zivilisieren. Das ist leichter gesagt, als getan.

Damals, nach dem grandios abgedrehtem „Being John Malkovich“, war Charlie Kaufman Hollywoods Lieblingsautor für schräge Drehbücher und mit „Vergiss mein nicht“ (ebenfalls von Gondry verfilmt), „Adaption“ und „Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind“ festigte er seinen Ruf. Auch das etwas schwächere „Human Nature“ passt vorzüglich in diese Reihe.

mit Tim Robbins, Patricia Arquette, Rhys Ifan, Miranda Otto, Rosie Perez, Robert Forster

Wiederholung: Mittwoch, 7. August, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Human Nature“

Rotten Tomatoes über „Human Nature“

Wikipedia über „Human Nature“ (deutsch, englisch)

Michel Gondrys neuer Film, die Boris-Vian-Verfilmung „Der Schaum der Tage“, startet am 3. Oktober und der Trailer verspricht einen grandios-abgedrehten Film


TV-Tipp für den 5. August: Picknick am Valentinstag

August 5, 2013

 

Arte, 20.15

Picknick am Valentinstag (Australien 1975, R.: Peter Weir)

Drehbuch: Cliff Green

LV: Joan Lindsay: Picnic at Hanging Rock, 1967

Valentinstag 1900: Warum verschwanden während eines Ausflugs zum Hanging Rock drei Internatsschülerinnen?

Ein Klassiker des australischen Kinos und der Film, der die Weltkarriere von Pete Weir („Der einzige Zeuge“) startete.

Mehr in meiner ausführlichen Filmkritik.

mit Rachel Roberts, Vivean Gray, Helen Morse, Kirsty Child, Anthony Llewellyn-Jones, Jacki Weaver, Frank Gunnell, Anne Lambert, Karen Robson

Hinweise

Wikipedia über Peter Weir (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Peter Weir

The Peter Weir Cave (eine Fanseite)

Peter Weir in der Kriminalakte

 

Meine Besprechung von „Picknick am Valentinstag“ (Picnic at Hanging Rock, Australien 1975) (mit mehreren Interviews)

 

 


TV-Tipp für den 4. August: Shaft

August 4, 2013

Arte, 20.15

Shaft (USA 1971, R.: Gordon Parks)

Drehbuch: Ernest Tidyman, John D. F. Black

LV: Ernest Tidyman: Shaft, 1970 (Shaft, Shaft und das Drogenkartell)

Musik: Isaac Hayes

Privatdetektiv Shaft sorgt in seinem Revier für Gerechtigkeit – und erfreut nebenbei mit seinen Körpersäften die Herzen der Frauen.

Damals war der Film ein Kassenknüller, heute ist er Kult. Dazu trug nicht unerheblich Isaac Hayes’ cooler Soundtrack bei, der Shaft bei seinen Streifzügen durch das urbane New York begleitete. Politisch ist er nicht. Gordon Parks sagt: „Es ist ein Filmvergnügen für den Samstagabend, das Leute besuchen, die den schwarzen Helden gewinnen sehen wollen.“

Mit Richard Roundtree, Moses Gunn, Charles Cioffi

Wiederholung: Mittwoch, 7. August, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Mordlust über Ernest Tidyman

Rotten Tomatoes über „Shaft“

Wikipedia über „Shaft“ (Film)

Thrilling Detective über Shaft (Charakter)


Verlosung: Wer will den „Dampfnudelblues“ von Rita Falk?

August 3, 2013

Falk - Dampfnudelblues

Im schönen Bayernland läuft seit Donnerstag in einigen Kinos die Verfilmung von Rita Falks „Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi“. Das restliche Deutschland muss bis Dezember warten. Dann wird der Krimi von Ed Herzog (mehrmals „Unter Verdacht“ und am „Tatort“), nach einem Drehbuch von Christian Zübert (Neue Vahr Süd“, „Lammbock“), mit Sebastian Bezzel, der Wunschkandidat von Rita Falk für die Rolle des Franz Eberhofer, und Simon Schwarz im TV gezeigt.

In dem Krimi wird in dem Dorf Niederkaltenkirchen der allseits abgrundtief verhasste Realschuldirektor ermordet. Provinzpolizist Franz Eberhofer, strafversetzt von der Münchner Kripo in seinen Geburtsort, sucht, zusammen mit seinem Ex-Kollegen Rudi Birkenberger, der inzwischen als Kaufhausdetektiv arbeitet, unter den zahlreichen Verdächtigen den Mörder.

Der Trailer sieht – merkwürdig aus. Entweder ist es eine grandios abgedrehte Krimikomödie im Wolf-Haas-Stil oder ein Komplettdesaster, das ungefähr so witzig wie Zähne-Ziehen ohne Betäubung ist:

Christian Zübert meint: „Der Krimiplot ist spannend und originell konstruiert, dient aber letztlich als Vehikel, um etwas über die bayerische Provinz jenseits von Lederhosen und Dirndl zu erzählen, es ist eine anarchische Welt voll abgründiger Typen.“

Rita Falk zur Verfilmung, die sich sehr an das Buch hält: „Es wurde ein bisschen was weggelassen (…) Aber ich bin wirklich überrascht. Gerade die Dialoge sind ja eins zu eins übernommen. Also es ist für meine Begriffe wirklich sehr gut umgesetzt.“

Jedenfalls ist der Kinostart in diesem südlichen Bundesland für die Kriminalakte die Chance, drei Exemplare von Rita Falks „Dampfnudelblues“ zu verlosen.

Die Regeln sind, wie immer: Schickt eine E-Mail mit dem Betreff „Verlosung“ und einer deutschen Postadresse an info@axelbussmer.de

Die Verlosung endet am Samstag, den 10. August, um 23.59 Uhr. Danach werden während des sonntäglichen Frühschoppens die Gewinner ausgelost.

Rita Falk: Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi

dtv, 2012

256 Seiten

8,95 Euro

Der Roman erschien 2011 als „dtv premium“-Buch.

Die Verfilmung

Dampfnudelblues - Plakat

Dampfnudelblues (D 2013)

Regie: Ed Herzog

Drehbuch: Christian Zübert

mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Ilse Neubauer, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Chi Le, Lisa Maria Pottoff, Nadeshda Brennicke, Nina Proll

Länge: 87 Minuten

Hinweise

Homepage von Franz Eberhofer

Homepage zum Film


TV-Tipp für den 3. August: Armored

August 3, 2013

 

Sat.1, 22.15

Armored (USA 2009, R.: Nimrod Antal)

Drehbuch: James V. Simpson

Die Mannschaft eines Geldtransporters will einen Überfall fingieren und mit der Beute (42 Millionen Dollar) verschwinden. Selbstverständlich geht der Plan schief und die Jungs gehen sich gegenseitig an die Gurgel.

Geradliniges B-Movie, das ohne Überraschungen sein Programm abspult und seinen hochkarätigen Cast vollkommen verschenkt. Sogar für die Die-Hard-Heist-Movie-Fans eine enttäuschende Angelegenheit, weil die Diskrepanz zwischen Besetzung, Anspruch und Wirklichkeit zu groß ist.

mit Matt Dillon, Jean Reno, Fred Ward, Columbus Short, Skeet Ulrich, Laurence Fishburne, Amaury Nolasco, Milo Ventimiglia

Wiederholung: Sonntag, 4. August, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Armored“

Metacritic über „Armored“

Rotten Tomatoes über „Armored“

John Robert Marlow interviewt Drehbuchautor James V. Simpson


Ein einstündiges Interview mit William Friedkin

August 1, 2013

In den USA veröffentlichte Regisseur William Friedkin (The French Connection, The Exorcist, Cruising, To Live and Die in L. A.) seine fünfhundertseitige Autobiographie „The Friedkin Connection: A Memoir“ (Gleich auf die Leseliste!) und das war für Allison Hope Weiner die Gelegenheit den legendären Regisseur im April 2013 in ihre Sendung einzuladen:

Hörens- und sehenswert!

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Frances Ha“ ist – zum Glück – nicht auf der Suche nach dem Mann fürs Leben

August 1, 2013

 

Frances – oder sollte ich Greta Gerwig sagen? Denn selten verschwimmt ein Schauspieler so mit ihrem Charakter (oder wir wünschen es uns), wie Greta Gerwig mit Frances in „Frances Ha“. Woody Allen fällt einem ein. Auch bei ihm ist ja unklar, wie sehr er er selbst oder der Charakter „Woody Allen“ ist.

Sie ist eine 27-jährige, in New York lebende Tänzerin, die gerne eine feste Anstellung in einer Tanzcompanie hätte und weiter mit ihrer besten Freundin Sophie (Stng-Tochter Mickey Sumner) zusammen wohnen würde. Und sie ist ein angenehm verpeilter Sonnenschein, der wenig Geld, aber viel Gottvertrauen und eine positive Weltsicht hat und nicht erwachsen werden möchte. Denn eigentlich ist ihr Leben und die vielen Umzüge, die dem Film auf den ersten Blick eine notdürftige Struktur verschaffen, okay. Sie ist zwar „undateable“, aber sie ist auch nicht wirklich auf der Suche nach dem Traummann. Gleich am Anfang verlässt sie ihren Freund, weil sie lieber weiter mit Sophie zusammen wohnt.

Greenberg“-Regisseur Noah Baumbach, der auch die Drehbücher für die Wes-Anderson-Filme „Die Tiefseetaucher“ und „Der fantastische Mr. Fox“ mitschrieb, verfolgt Frances in seiner episodischen, in Schwarz-Weiß gedrehten New-York-Komödie ein gutes Jahr, das sie meistens in New York in verschiedenen Wohnungen verbringt, weil Sophie ihren Mann fürs Leben gefunden hat, ausgezogen ist und Frances sich die Wohnung nicht mehr leisten kann.

Sie besucht, in einer etwas kurz geratenen Episode, über die Weihnachtstage ihre Eltern, die von Gerwigs Eltern gespielt werden, in ihrem Geburtsort Sacramento. Und sie fliegt für ein Wochenende nach Paris, das hier nicht die Stadt der Liebe, sondern der Einsamkeit ist. Dieser Kurztrip ist etwas ziellos und auch dramaturgisch unnötig.

Es gibt eine kurze, viel zu plötzlich kommende Depri-Phase, die etwas außerhalb des restlichen Tons des Films steht und zu sehr außerhalb ihres Charakters ist, was sie am Ende eines Monologs auch selbst sagt.

Der Ausflug zu ihrer alten Universität in Poughkeepsie ist dagegen gelungen, auch um die Fäden für ihre Rückkehr nach New York zusammenzubinden, und das Ende in New York versöhnt.

Baumbachs Feelgood-Movie erinnert an die Nouvelle Vague, an Woody Allens Filme, vor allem natürlich an sein SW-Meisterwerk „Manhattan“ und die Filme von Charlie Chaplin, bei dem auch unklar war, wie sehr er der von ihm gespielte Tramp war und der wahrscheinlich ein besserer Tänzer als Frances war. Doch der Tonfall, die Stimmungswechsel, die Improvisationsfreude (wobei das alles schon in Baumbach und Gerwigs Drehbuch stehen soll) und die weitgehend unbekannten Schauspieler erinnern dagegen an die Nouvelle Vague, an Filme von Francois Truffaut, Eric Rohmer und Jean-Luc Godard, die keine Stars engagierte, sondern Filmstars machten.

Es gibt witzige Dialoge, passend eingesetzte Musik und ein Gefühl überschäumender Lebensfreude, auch wenn die Umstände nicht so rosig sind. Das alles fügt sich so locker zusammen, dass kaum auffällt, wie genau durchstrukturiert der Film ist und wie viel zusammenhängende, aufeinander aufbauende Geschichte sich in den einzelnen Episoden, die wie zufällig aneinandergereihte Beobachtungen wirken, verbirgt.

Aber eigentlich ist die Story egal, weil man einfach gerne mit Frances und ihren männlichen und weiblichen Freunden zusammen ist. Es ist wie ein Besuch in einer netten WG.

Frances Ha - Plakat

Frances Ha (Frances Ha, USA 2012)

Regie: Noah Baumbach

Drehbuch: Greta Gerwig, Noah Baumbach

mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen, Charlotte d’Amboise, Crace Gummer, Justine Lupe, Patrick Heusinger, Christine Gerwig, Gordon Gerwig

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Frances Ha“

Metacritic über „Frances Ha“

Rotten Tomatoes über „Frances Ha“

Wikipedia über „Frances Ha“ (deutsch, englisch)

Berlinale: „Frances Ha“-Pressekonferenz Noah Baumbach und Greta Gerwig

 

 


Die Krimizeit-Bestenliste August 2013

August 1, 2013

 

Also, dann. Die Herren Krimikritiker empfehlen in ihrer August-Bestenliste diese mörderischen Werke dem geneigten, lesekundigen Kriminalromanfan:

1 (-) Dominique Manotti: Zügellos

2 (1) Patrícia Melo: Leichendieb

3 (5) Lavie Tidhar: Osama

4 (2) Warren Ellis: Gun Machine

5 (-) Adrian McKinty: Der katholische Bulle

6 (-) Dror Mishani: Vermisst

7 (4) Arne Dahl: Bußestunde

8 (9) Stephen Dobyns: Das Fest der Schlangen

9 (-) Matthew Stokoe: Empty Mile

10 (-) Hjorth &Rosenfeldt: Die Toten, die niemand vermisst

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.