Neu im Kino/Filmkritik: Die Kulturdoku „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“

Mai 22, 2015

Sting sang vor Ewigkeiten über einen „Englishman in New York“. Mark Reeder ist ein Englishman in Berlin und er findet Sting wahrscheinlich wahnsinnig blöd. Immerhin stöberte Reeder in seiner Heimat Manchester (kein schöner Ort, aber die Heimatstadt von „Joy Division“) durch die Fächer seines Plattenladens und er war fasziniert von den tollen elektronischen Klängen, die aus Deutschland kamen. Kraftwerk, Tangerine Dream undsoweiter. Also machte er sich Ende der Siebziger, als Zwanzigjähriger, ohne Geld, ohne ein Wort Deutsch zu können (bis auf die wenigen Worte, die man aus den Filmen kannte und mit denen man die Eltern, die noch den Krieg erlebt hatten, mühelos provozieren konnte), mit einem Spleen für Uniformen (natürlich deutsche Uniformen) auf den Weg in die Stadt seiner Träume: Berlin, das ihn mit seiner lieblos gepflegten Ruinenlandschaft an seine Heimatstadt erinnerte.
Dort wuselte er in der Kunst- und Musikszene herum, traf einige der von ihm verehrten Musiker (bei anderen endete das Abenteuer an der Haustür) und auch andere, damals noch unbekannte Musiker, wie Nena, Die Toten Hosen, Blixa Bargeld und Nick Cave (der in dem Film durch seine, ähem, Wohnung führt), lebte in besetzten Häusern, hatte Zoff mit der Polizei, trat in Filmen auf (seine Kleidung half), organisierte Konzerte und alles war, wie Mark Reeder in „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ erzählt, ein einziger Rausch. Immerhin war West-Berlin in den Achtzigern ein Kreativzentrum der Subkultur und er war mittendrin. Jedenfalls soweit er sich noch daran erinnern kann, denn, wie am Anfang des Films ganz bescheiden bemerkt wird: wer sich an die Achtziger erinnern könne, habe sie nicht erlebt. Nach der Euphorie der frühen Achtziger mit Depri-Klängen, Endzeit-Musik und experimentellen Avantgarde-Klängen und einem bekennendem Dilletantismus, war irgendwann die Party vorbei. Es kam der Kater. Ende der Achtziger entdeckte er Westbam. Von diesen neuen elektronischen Klängen war er wieder fasziniert und er gründete 1990 das Trance-Label MFS. Aber das ist eine andere Geschichte.
In „B-Movie“ erzählt Reeder seine Geschichte. In der deutschen Fassung sogar mit einem wunderschönen Akzent, der seiner distanziert-ironischen, sich selbst nie zu ernst nehmenden Schilderung von den wilden achtziger Jahren in West-Berlin eine zusätzlich sehr britische Note verpasst, wenn er erzählt, wie er als seltsamer Engländer mit einem Uniformfetisch freundlich von den Berlinern aufgenommen wurde, die frühen Achtziger eine einzige Party in einem von der restlichen Welt abgeschlossenem Irrenhaus waren, garniert mit Ausflügen nach Ost-Berlin, das er „Disneyland für Depressive“ nennt.
Denn trotz aller Selbstinszenierung (man hat das Gefühl, dass Reeder keine zwei Schritte ohne seine Kamera ging) wirkt er immer sympathisch redselig und bescheiden. Das liegt auch daran, dass er ein großes Panorama der damaligen Szene ausbreitet und er und die Filmemacher Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck (die ebenfalls aus der Subkulturszene kommen) und Heiko Lange tief in den Archiven wühlten und eine erstaunliche Menge an zeitgenössischem Filmmaterial ausgruben, das es ihnen ermöglichte, vollkommen auf aktuelle Interviews zu verzichten. „B-Movie“ ist die Rückschau von Reeder, die eher zufällig entstand. In einem Interview in der „Berliner Zeitung“ vom 21. März 2015 (nicht online) sagt er: „Jörg [Hoppe] gefiel eines meiner Remix-Alben und so fragte er mich, ob ich bei diesem Projekt das Sounddesign machen wollte. Ich fand das interessant und meinte, ich hätte da ein paar Filme bei mir zu Hause. Das könnte er sich ja überspielen. Er wusste überhaupt nichts von meinem früheren Leben. Gleichzeitig suchten sie nach einem roten Faden, der die Filmsequenzen verbindet. Der Film ist also ganz den Regisseuren zu verdanken, sowie allen, die uns ihre Super-8- oder VHS-Filme gegeben haben. Ich als außenstehender Dritter konnte allerdings aus einer ganz anderen Perspektive erzählen, um die Stadt zu dieer Zeit zu zeigen, mit einem ganz anderen Humor.“
So entstand eine feine, kurzweilige, witzige, lehrreiche Dokumentation, die eine gute Ergänzung zu Oscar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ ist und etwas Lust auf das Wiederhören der alten Platten macht. Denn der Endzeit-Lärm der „Einstürzenden Neubauten“ (um nur die bekannteste Berlin-Band zu nennen) ist nicht gerade lauschige Musik für das Feierabendbier.

B-Movie - Plakat

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Augen des Engels“ und die Sinnkrise des Regisseurs

Mai 22, 2015

Der Mordfall war im November 2007 ein gefundenes Fressen für die Medien: ein Mord unter Studenten in der italienischen Stadt Perugia. Das Opfer Meredith Kercher sah gut aus und war aus England. Die mutmaßliche Täterin, die Studentin Amanda Knox, der „Engel mit den Eisaugen“, sieht ebenfalls gut aus und ist aus den USA. Ein mit ihr befreundeter italienischer Student wurde als Mittäter angeklagt und Gerüchte über satanische Riten vervollständigten das Bild. Die Ermittlungen der Polizei waren so schlampig, dass, befeuert von den Sozialen Medien (also dem Internet), gleich die Verschwörungstheorien ins Kraut schossen.
Die Journalisten waren entzückt und berichteten über Monate ihren Heimatredaktionen über die Ermittlungen und den durch mehrere Instanzen gehenden Prozess. True-Crime-Autoren schrieben Bücher, von denen nur die wenigsten ins Deutsche übersetzt wurden. Eines der wenigen ist, bei Knaur, „Der Engel mit den Eisaugen“ (The Witch of Perugia, 2013) von Douglas Preston und Mario Spezi.
Hollywood hätte sich die Geschichte nicht besser ausdenken können.
Auch Michael Winterbottoms „Die Augen des Engels“ erzählt nur leicht fiktionalisiert die Geschichte des Mordfalls Kercher und des Presserummels anhand den Recherchen von Thomas Lang (Daniel Brühl), der einen Spielfilm über den Fall drehen will. Auch wenn Winterbottom es in Abrede stellt, kann man nicht anders, als in Lang das filmische Alter Ego von Michael Winterbottom zu sehen, der im Film die Reise unternimmt, die Winterbottom bei den Recherchen für den Film unternommen hat.
Die US-Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale) (deren reales Vorbild Barbie Latza Nadeau dem Filmteam helfend zur Seite stand) erklärt ihm in Siena die Hintergründe des Mordfalles, führt ihn an die wichtigen Orte und vermittelt ihm einige Gesprächspartner. Die Amerikanerin Jessica Fuller soll mit ihrem Freund ihre Mitbewohnerin ermordet haben. Ford führt ihn an die wichtigen Orte, verschafft ihm Kontakte und besucht mit ihm auch Gerichtsverhandlungen. Außerdem lernt Lang eine junge Studentin kennen, die ihn in die studentische Gemeinde einführt.
Diese Konstruktion in der neben dem Mordfall auch die journalistische und die fiktionale Bearbeitung eines Skandalmordfalles angesprochen werden, übt natürlich einen gewissen Reiz aus, der sich im Film dann nur bedingt entfaltet. Denn der Protagonist ist ein Beobachter, der einfach noch einmal die bekannten Fakten zusammenträgt (vor allem indem Journalisten sie ihm erzählen), fernab von seiner Heimat eine kleine Sinnkrise hat (er hat seit Jahren keinen Film mehr gedreht und lebt getrennt von seiner Frau und seiner Tochter) und, immerhin soll es ja irgendwann auch etwas Thriller-Spannung geben, glaubt, dass er in Lebensgefahr schwebt, weil ein geheimnisvoller Blogger (Valerio Mastandrea), der behauptet, die wahren Hintergründe zu kennen, ihn umbringen will. Die Auslandskorrespondenten, die in Siena den Mord beobachten, sind ein kleines hübsches Biotop, das lange nicht so interessant wie das Biotop der Kriegsreporter ist, und das auch eher eine dekorative Rolle hat. Das gleiche gilt für das studentische Milieu, das Lang ebenfalls als Außenstehender betrachtet.
Michael Winterbottom spricht in seinem Film viel an, ohne sich jemals wirklich für eine Geschichte zu entscheiden. Eigentlich kann man „Die Augen des Engels“ sogar besser darüber beschreiben, was er nicht ist. Am Ende überwiegt daher der Eindruck ein vor fotogener Kulisse gut gespieltes, niemals wirklich packendes Drama, das einmal als TV-Film-der-Woche geplant war, gesehen zu haben. „Die Augen des Engels“ ist nicht wirklich schlecht. Es ist aber auch kein Film, den man begeistert weiterempfiehlt.
Nach mehreren Gerichtsverhandlungen wurden am 27. März 2015 vom obersten Gerichtshof Italiens Amanda Knox und Raffaele Sollecito endgültig freigesprochen. Wer Meredith Kercher ermordete ist immer noch unklar.

Die Augen des Engels - Plakat

Die Augen des Engels (The Face of an Angel, Großbritannien/Italien/Spanien 2014)
Regie: Michael Winterbottom
Drehbuch: Paul Viragh
LV: Barbie Latza Nadeau: Angel Face, 2010 (Sachbuch über den Mordfall)
mit Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Valerio Mastandrea, Cara Delevingne, Ava Acres, Genevieve Gaunt, Sai Bennett, Ranieri Menconi, Andrea Tidoni, Peter Sullivan
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Augen des Engels“
Moviepilot über „Die Augen des Engels“
Metacritic über „Die Augen des Engels“
Rotten Tomatoes über „Die Augen des Engels“
Wikipedia über „Die Augen des Engels“ und den Mordvall Meredith Kercher (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Michael Winterbottoms Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ (The Killer inside me, USA 2010)

Ein Q&A zum Film


Neu im Kino/Filmkritik: „A world beyond“ im Tomorrowland hier und da

Mai 22, 2015

Der Anfang von Brad Birds neuem Film „A world beyond“ (er war zuerst als „Projekt: Neuland“ angekündigt) ist eine schöne Einführung in verschiedene Weltsichten und auch ein kleiner Ulk auf Kosten des Produzenten: George Clooney wendet sich direkt an uns und sagt, dass man die nun folgende Geschichte in die richtige Perspektive setzen müsse. Nämlich die Negative, mit Kriegen und von Menschen verursachte Umweltzerstörung und Katastrophen, die die Welt zerstören. Eine Stimme unterbricht ihn und fordert eine postivere Perspektive. Für Kinder ist diese Szene sicher nur ein gelungener Witz, für Filmkundige eine liebevolle Auseinandersetzung mit der immer positiven Disney-Welt und der ganz anderen Realität, die natürlich im weiteren Film nur noch eine Nebenrolle spielt. Immerhin ist der retrofuturistische Science-Fiction-Abenteuerfilm „A world beyond“ ein Disney-Film, der sich in erster Linie an das typische Disney-Publikum, also Kinder, richtet, ohne dass Erwachsene schreiend den Saal verlassen müssen. Für die gibt es genug Subtexte, Anspielungen und filmische Zitate, um sie kurzweilig zu unterhalten, während die Geschichte auf der logischen Ebene wenig bis keinen Sinn ergibt. Dafür stimmt die emotionale Reise, auf die uns Regisseur und Drehbuchautor Brad Bird (Ratatouille, Mission: Impossible – Phantom Protokoll) und Mit-Drehbuchautor Damon Lindelof (Lost, World War Z) mitnehmen umso mehr.

Casey Newton (Britt Robertson) ist als Teenager ein echter Wildfang, die sich, wenn sie nicht gerade um ihren jüngeren Bruder kümmert, die Abrissbagger an einer Raketenabschussrampe in Cape Canaveral sabotiert (sie will den Abriss und die damit drohende Arbeitslosigkeit ihres Vaters verhindern). Sie ist superschlau, von der Technik begeistert und gnadenlos fortschrittsgläubig. Die Optimistin glaubt, dass mit Erfindungen eine bessere Welt möglich ist. Sie ist die große Schwester, die wir als Zehnjährige gerne gehabt hätten.

Als sie nach einem ihrer nächtlichen Streifzüge inhaftiert wird, erhält sie bei ihrer Entlassung einen Button mit einem „T“, der sie, als sie ihn anfasst, in eine andere Welt versetzt. Es ist das Tomorrowland, dessen Silhoutte dem bekannten Disney-Logo ähnelt und in Disneyworld gab es bereits 1955 den ersten „Tomorrowland“-Themenpark, der den naiven, an seine technische Machbarkeit glaubenden Fortschrittsglauben der fünfziger Jahre huldigte und der sich auch bruchlos im Film wiederfindet.

Als forschungsbegeisterte Jugendliche will Casey natürlich mehr über diese fantastische, saubere und perfekte Zukunftswelt erfahren und sie begibt sich auf eine gefahrvolle Reise, auf der sie auch Frank Walker (George Clooney) begegnet. Vor Jahrzehnten war er, wie sie, ein an eine wundervolle Zukunft voller wundervoller technischer Spielereien und Gadgets glaubender Jugendlicher. Für die Weltausstellung 1964 hat der damals Zehnjährige einen Raketen-Rucksack erfunden, der noch nicht perfekt funktionierte. Anstatt nach oben bewegte er sich seitwärts. Damals gab die gleichaltrige Athena (Raffey Cassidy) ihm ebenfalls einen „T“-Button und er konnte das Tomorrowland, ein Ort, in dem die besten Erfinder der Welt abgeschieden von der normalen Welt, an Erfindungen, die die Welt zu einem besseren Ort machen sollen, arbeiten.

Doch dieser Traum wurde irgendwann zu einem Alptraum, der auch unsere Welt bedroht.

Als letzte Chance für eine Rettung beider Welten hat die immer noch jugendliche Athena Casey den letzten „T“-Button gegeben.

Aber bis wir erfahren, wer Tomorrowland und die Welt zerstören will und Casey und Frank auf den erstaunlich blassen Bösewicht treffen, muss sie in der Gegenwart (im SF-Andenkenladen „Blast from the Past“ und mit vielen menschenähnlichen Robotern) und in der Vergangenheit (die etwas mit dem Eiffelturm zu tun hat) viele Abenteuer erleben, die alle in sich vergnüglich sind, aber, genau wie ein Kindergeburtstag, nicht viel Sinn ergeben. Außer natürlich, dass man eine gute Zeit hat.

A World Beyond - Plakat

 

A world beyond (Tomorrowland, USA 2015)

Regie: Brad Bird

Drehbuch: Brad Bird, Damon Lindelof (nach einer Geschichte von Damon Lindelof, Brad Bird und Jeff Jensen)

mit George Clooney, Britt Robertson, Hugh Laurie, Raffey Cassidy, Tim McGraw, Keegan-Michael Key, Kathryn Hahn, Thomas Robinson, Judy Greer

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „A world beyond“

Moviepilot über „A world beyond“

Metacritic über „A world beyond“

Rotten Tomatoes über „A world beyond“

Wikipedia über „A world beyond“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Ghost Protocol, USA 2011)


TV-Tipp für den 22. Mai: Der Staatsfeind Nr. 1

Mai 22, 2015

https://www.youtube.com/watch?v=llKmTqGv1dQ

Pro Sieben, 20.15

Der Staatsfeind Nr. 1 (USA 1998, Regie: Tony Scott)

Drehbuch: David Marconi

Anwalt Robert Clayton Dean gelangt unwissentlich in den Besitz eines Videos, das den Mord an einem Politiker zeigt. Der Täter, ein hochrangiger Abgeordneter, setzt den ganzen Geheimdienst-Überwachungsapparat ein, um den Zeugen zu beseitigen. Und los geht die Hatz durch die USA.

Spannender, etwas lang geratener Thriller von Produzent Jerry Bruckheimer, der heute aktueller als damals ist. Denn wer geht heute noch ohne Handy vor die Haustür?

mit Will Smith, Gene Hackman, Jon Voight, Lisa Bonet, Regina King, Stuart Wilson, Tom Sizemore, Loren Dean, Barry Pepper, Jack Busey, Scott Caan, Gabriel Byrne

Wiederholung: Sonntag, 24. Mai, 15.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Staatsfeind Nr. 1“

Metacritic über „Der Staatsfeind Nr. 1“

Wikipedia über „Der Staatsfeind Nr. 1“ (deutsch, englisch)

Tony Scott in der Kriminalakte


„Secret Service – Jahrbuch 2015“ und das „Krimimagazin: Crime & Sex“ informieren über die Krimiwelt

Mai 21, 2015

Krimimagazin - Crime & SexSyndikat - Secret Service Jahrbuch 2015 - 2

Nachdem der alljährliche „Der deutsche Krimi ist schlecht und der Regionalkrimi ist noch schlechter“-Artikel dieses Jahr von Lisa Kuppler, die es eigentlich besser wissen müsste, in der FAZ erschien und es gleich einige geharnischte Kommentare gab (unter anderem Der Schneeman, CrimeNoir, Crimemag und Polar), erspare ich mir jede weitere Kommentierung (aber man könnte die bekannte „Der Regionalkrimi ist doof“-Melodie doch wenigstens mal etwas variieren) und wende mich den Sammelbänden „Secret Service – Jahrbuch 2015“ von der deutschsprachigen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und dem Sammelband „Krimimagazin: Crime & Sex“ von Tobias Gohlis und Thomas Wörtche zu.

Im „Krimimagazin: Crime & Sex“ versammeln die beiden Krimikritiker neun Texte von Krimiautoren. Drei Frauen, sechs Männer. Drei Deutsche, sechs, hm, Ausländer.

Und auch nach der Lektüre kann ich immer noch nicht sagen, wer es kaufen soll und was die Absicht des Sammelbandes ist. Das heißt jetzt nicht, dass die Texte vollkommen uninteressant sind. Es sind Ergänzungen zu den von den Autoren geschriebenen Romanen, die teilweise schon etwas älter sind. Es handelt sich um Hintergrundmaterial und damit klassisches Material für ein Nachwort.

So schreibt Gary Dexter („Der Marodeur von Oxford“, Penser Pulp 2013) in „Kriminalliteratur und Sexologie: Bettgenossen des 19. Jahrhunderts“ über Krimis (viel Sherlock Holmes) und Sexologen im 19. Jahrhundert. Das liest sich eher wie ein Lexikonartikel.

Auch Wolfgang Kaes‘ Ausführungen über Stalking und die nicht mehr aktuelle Gesetzeslage in Deutschland lesen sich wie ein Lexikonartikel. Kaes (zuletzt „Spur 24“, rororo 2014) schrieb darüber in „Herbstjagd“ (2006).

Mechtild Borrmann schreibt über Zwangsprostitution am Beispiel einer Prostituierten. Das Porträt basiert auf ihren Recherchen für „Die andere Hälfte der Hoffnung“ (Droemer Verlag, 2014) und verrät einem informiertem Zeitungsleser nichts Neues.

María Inés Krimer („Sangre Kosher: Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal“, Penser Pulp 2014) schreibt über Prostitution in Argentinien, gestern (viel und interessant) und heute.

Andrew Brown (zuletzt „Trost“, btb 2014) erzählt eine Episode aus seinem Alltag als Polizist mit einer Straßenprostituierten.

Carlo Lucarelli (zuletzt „Bestie“, Folio 2014) redet über den italienischen Mann und das Verbrechen in Italien, also vor allem die Mafia. Das Interview ist ein netter Einblick in die italienische Seele.

Liza Cody liefert einige Hintergründe zu ihrem letzten Roman „Lady Bag“ (ariadne, 2014). Sie porträtiert vier obdachlose Frauen, die sie zu dem Roman inspirierten und dieser gut geschriebene Text macht wirklich neugierig auf „Lady Bag“.

Howard Linskey schreibt über das Geschäft mit der Prostitution in England, das auch in seinen Romanen „Crime Machine“ (Knaur 2012), „Gangland“ (Knaur 2014) und „Killer Instinct“ (Knaur, angekündigt für August 2015) eine Rolle spielt.

Und Frank Göhre begibt sich wieder auf die sündige Meile St. Pauli. Darüber hat er mehrere Romane geschrieben und in diversen Nachworten und Essays auch über die wahren Hintergründe seiner Geschichten geschrieben. Trotzdem gelingt es ihm in „Palais d’Amour“ einige Aspekte anzusprechen, die auch für einen Göhre-Fan noch neu sind.

Aber in den Sammelband fehlt jede kritische Betrachtung oder Einordnung von ihren Romanen (was auch nicht die Aufgabe des Autors ist) oder des Themas „Sex und Verbrechen“ in die Geschichte der Kriminalliteratur. Es gibt, was man bei den beiden Herausgebern eigentlich hätte erwarten können, keinen einzigen Text, der sich mit der Darstellung von Kriminalität und Sexualität im Kriminalroman beschäftigt und was die Behandlung von Sex und Verbrechen in der Literatur über die Wirklichkeit aussagt.

In den Essays geht es fast immer nur um Prostitution in der Wirklichkeit in verschiedenen Ländern in der Vergangenheit und der Gegenwart, mal mit mehr, mal mit weniger Informationen über die Verbindung vom Sexgewerbe zum Verbrechen. Man erfährt auch etwas über den dortigen Sittenwandel. Aber ohne die Kenntnis der Romane hängen die Texte fast alle im luftleeren Raum, oft sind sie nicht sonderlich spannend geschrieben und allzu neugierig wurde ich nicht auf die meisten Romane.

Immerhin gelingt es Liza Cody, Howard Linskey und Frank Göhre, die alle auch sagen, wie die Wirklichkeit ihre Romane inspirierte, neugierig auf ihre Romane zu machen. Und das wäre nach „drei Frauen“ und „drei Deutsche“ das dritte Trio.

Für Februar 2016 ist mit „Crime & Money“ das zweite Krimimagazin angekündigt, das dann hoffentlich mehr als ein schlechter „True Crime“-Sammelband ist.

Das Zielpublikum von „Secret Service – Jahrbuch 2015“ des Syndikats ist dagegen ganz klar umrissen: die Mitglieder des Syndikats und deutschsprachige Krimiautoren. Für sie gibt es die bewährte Mischung aus Klatsch und Tratsch, vulgo Vereinsmeierei. Es gibt einige Kurzkrimis, die ungefähr die Länge eines Witzes haben, Veranstaltungsberichte (über die Wiener Kriminacht, die Criminale und das Forum Criminale; beides lesenswert), Hintergrundinformationen (über E-Books und Lesungen), Ratschläge und, von Thomas Przybilka (der auch wichtige Sekundärliteratur auflistet), die immer interessanten Befragungen der Glauser-Preisträger. Dieses Jahr sind es die 2014er Preisträger Judith W. Taschler (für „Die Deutschlehrerin“ als bester Roman), Harald Gilbers (für „Germania“ als bestes Debüt), Verleger Herman-Josef ‚Hejo‘ Emons (Ehrenglauser für besondere Verdienste), Alexander Pfeiffer (für „Auf deine Lider senk ich Schlummer“ als bester Kurzkrimi) und Alice Gabathuler (für „NO_WAY_OUT“ als bester Kinder- und Jugendkrimi).

Und dann gibt es, immer wieder, Texte, die mich kopfschüttelnd zurücklassen, wie Renate Klöppels „Lampenfieber bei Lesungen: Ein Übel, mit dem man sich abfinden muss?“. Anstatt wirklich sinnvolle Hinweise zu geben oder zu erzählen, wie eine Lesung funktioniert, plaudert sie ein wenig und die Tipps sind höchstens für Schüler, die zum ersten Mal ein Referat halten sollen, tauglich. Denn – und hier kommen meine Tipps für Lesungen – als Autor hat man im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die etwas präsentieren, einige Vorteile: die Leute sind wegen einem gekommen, sie sind höflich und interessiert und sie wollen den Autor umschmeicheln. Sie werden also keine unhöflichen Fragen stellen oder einen kritisieren. Man hat schon einen Text, den man einfach nur vorlesen muss. Niemand erwartet, dass ein Autor ein guter Vorleser ist. Er sollte einfach seinen Text langsam und laut (wenn es kein Mikrophon gibt) vorlesen und danach einfach schon einmal die offensichtlichen Fragen (Woher haben Sie ihre Ideen? Warum haben Sie diesen Roman geschrieben? Wie sieht ihr Arbeitstag aus? Hat Hollywood schon wegen der Verfilmung angefragt?) beantworten. Dabei kann er sich viel Zeit lassen. Denn die Leute wollen ihm zuhören. Sie werden ihn nicht unterbrechen. Und, wie gesagt, sie sind höflich. Sie klatschen. Sie lachen. Sie freuen sich, dass der Autor sie beehrt. Am Ende signiert man die Bücher.

Außerdem sollte jeder Autor vor seiner ersten Romanveröffentlichung – immerhin haben sie fast alle studiert – schon einige Vorträge vor Publikum gehalten haben. In der Schule (die blöden Referate), in der Universität (die blöden Referate) und im Beruf (die blöden Referate).

Über Horst-Dieter Radkes Behauptung „Die Protagonisten der meisten aktuellen Romane haben keine Biographie.“ in „Über das Grab hinaus… – Von Krimiklassikern lernen“ lohnt es sich kaum zu streiten. Er nennt dann Dorothy L. Sayers‘ Lord Peter Wimsey, Agatha Christies Miss Marple und Hercule Poirot und George Simenons Kommissar Maigret als Charaktere mit einer ausgefeilten Biographie.

Der Leser aktueller Romane denkt an Lawrence Blocks Matt Scudder, James Lee Burkes Dave Robicheaux, Michael Connellys Harry Bosch, Ian Rankins John Rebus, Robert B. Parkers Jesse Stone, Ken Bruens Jack Tayler, und ehe ihm weitere Ermittler mit einer ausgewachsenen Biographie, die sich über mehrere Romane entwickelt, einfallen, beschließt er, den Text zu vergessen.

In „Großleinwandthriller oder: Warum machst du eigentlich kein Kino?“ schreibt Matthias Herbert über seine Erfahrungen bei der (Nicht-)Realisierung eines Spielfilms. Das ist amüsant geschrieben und bietet einen ernüchternden Einblick in die deutsche Filmszene.

Insgesamt zeigt „Secret Service – Jahrbuch 2013“, wie die vorherigen Ausgaben, warum der deutsche Krimi ist, wie er ist.

Tobias Gohlis/Thomas Wörtche (Herausgeber): Krimimagazin: Crime & Sex

Droemer, 2015

240 Seiten

9,99 Euro

Syndikat: Secret Service – Jahrbuch 2015

Gmeiner, 2015

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage vom Syndikat

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2011“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2012“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2013“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2014“


TV-Tipp für den 21. Mai: Nachtschicht: Reise in den Tod

Mai 21, 2015

ZDFneo, 20.15
Nachtschicht: Reise in den Tod (Deutschland 2012, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Während einer Polizeikontrolle verliert ein Schleuser einen Teil seiner aus Afrika kommenden Fracht, eine aus Afrika kommende Hausangestellte beschwert sich bei der Polizei über ihre Arbeitgeber und das bewährte „Nachtschicht“-Team erlebt wieder eine unruhige Nacht, in der alles mit allem zusammen hängt.
Das Lexikon des internationalen Films meint: „Dicht inszenierter und gut gespielter (Fernseh-)Kriminalfilm.“ Besser hätte ich es auch nicht sagen können.
Ach ja: gewohnt gut besetzt.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Götz George, Jeanette Hain, Peter Kremer, Hadnet Tesfai, Dominique Siassia, Clemens Schick, Filip Peeters, Christian Redl, Jan-Gregor Kremp

Hinweise

ZDF über „Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 20. Mai: Rosetta

Mai 20, 2015

https://www.youtube.com/watch?v=Yx8Ql3iwvVs

Arte, 20.15
Rosetta (Belgien/Frankreich 1999, Regie: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne)
Drehbuch: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne
Die junge Rosetta sucht eine Arbeitsstelle. Aber niemand will sie einstellen.
Ein älteres, gewohnt sehenswertes und sozialkritisches Werk der Dardenne-Brüder, deren letzter Film „Zwei Tage, eine Nacht“ überall abgefeiert wurde.
In Cannes erhielt der Film die Goldene Palme und die Hauptdarstellerin wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet.
„Ein Film wie ‚Rosetta‘ rechtfertigt das Überleben des Kinos.“ (Alexander Horwath, Die Zeit, 3. Mai 2001)
In Belgien war der Film so erfolgreich, dass eine politische Maßnahme gegen die Jugendarbeitslosigkeit „Rosetta-Plan“ genannt wurde. Bei uns kam der Film erst 2001 in die Kinos.
Im Anschluss, um 21.45 Uhr, läuft die brandneue, gut einstündige Doku „Es war einmal…Rosetta“ über den Film.
mit Emilie Dequenne, Fabrizio Rongione, Anne Yernaux, Olivier Gourmet
Hinweise
Arte über „Rosetta“
Rotten Tomatoes über „Rosetta“
Wikipedia über „Rosetta“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Luc und Jean-Pierre Dardennes „Zwei Tage, eine Nacht“ (Deux Jours, Une Nuit, Belgien/Frankreich/Italien 2014)


Nicht Spenser, sondern Jesse Stone, Virgil Cole und Everett Hitch – und immer Robert B. Parker

Mai 19, 2015

Parker - Mord im ShowbizParker - Der Killer kehrt zurück

Bekannt wurde Robert B. Parker mit dem Boston-Privatdetektiv Spenser, der in den Siebzigern zu einer Neuerfindung des Privatdetektiv-Romans betrug und in den folgenden Jahren die Blaupause für alle Privatdetektive wurde. Denn Parker gab dem Privatdetektiv ein Gewissen, einen gewalttätig-loyalen Freund (der die Schmutzarbeit vom Verprügeln bis Töten erledigte) und eine Freundin, eine feste Partnerin, und damit ein deutlich eingeschränktes Sexualleben. Spenser ist halt kein Mike Hammer.
Außerdem integrierte Parker Themen in den Privatdetektivroman, die dort in den frühen Siebzigern (und teilweise auch in der restlichen Literatur) nicht beachtet wurden und die uns heute selbstverständlich erscheinen.
Fast bis zur Jahrtausendwende schrieb Parker Spenser-Romane und einige Einzelromane, die lange nicht so populär wie die Serie um seinen Privatdetektiv sind.
Seine kurzlebige Serie mit der Privatdetektivin Sunny Randall war dann auch nur eine weibliche Ausgabe von Spenser. In „Mord im Showbiz“ hat sie nach sechs Romanauftritten (die fast alle nicht übersetzt wurden) auch ihren ersten Auftritt in einem Jesse-Stone-Roman.
Jesse Stone ist, obwohl sich sein Spenser-tum nicht verleugnen lässt, ein Gegenentwurf zu Spenser. Stone war Kriminalpolizist in Los Angeles, ist Alkoholiker, hat eine problematische On/Off-Beziehung zu seiner Ex-Frau Jenn, besucht regelmäßig einen Psychiater (er hat halt keine Susan Silverman) und ist der Polizeichef von Paradise, Massachusetts, einem Küstenort in Sichtweite von Boston.
In acht TV-Filmen wurde er kongenial von Tom Selleck verkörpert. Danach beendete CBS die Reihe, weil ihnen die Zuschauer zu alt waren. Für September 2015 ist mit „Lost in Paradise“ ein neuer Jesse-Stone-Film, wieder mit dem bewährten Team vor und hinter der Kamera, angekündigt, der dann vom Hallmark Channel präsentiert wird.
Bis dahin (und bis der Film im deutschen TV läuft) ist mehr als genug Zeit, um die beiden bei uns neuen Jesse-Stone-Romane „Mord im Showbiz“ und „Der Killer kehrt zurück“ zu lesen, die sich im Guten wie im Schlechten nicht von Robert B. Parkers anderen, in den letzten Jahren geschriebenen Romanen unterscheiden. Das Plotting ist eher schlampig (vor allem in „Mord im Showbiz“ passiert lange nichts: kein Ermittlungsansatz, keine heiße Spur, kein Verdächtiger), die Charaktere und die Gespräche sind, trotz wechselndem Setting, vertraut, aber Parkers Sprache gefällt und der lakonische Humor, vor allem in den zahlreichen Dialogen, ist gewohnt treffend. Eigentlich bestehen seine Romane nur aus Dialogen und einigen spärlichen Regieanweisungen.
In „Mord im Showbiz“ wird die in einem Park an einem Baum hängend die Leiche des bekannten, verheirateten Talkshow-Moderators und Schürzenjägers Walton Weeks entdeckt. Kurz darauf wird die Leiche seiner Assistentin Carey Longley in einem Müllcontainer im Hof von Daisys Restaurant entdeckt. Sie war von ihm schwanger. Aber die üblichen Verdächtigen haben ein Alibi oder kein Motiv.
Gleichzeitig behauptet Jesse Stones Exfrau, dass sie vergewaltigt wurde. Er bittet, trotz Zweifel, seine derzeitige Freundin, die Privatdetektivin Sunny Randall, sich um Jenn zu kümmern. Kurz darauf entdeckt Sunny einen Stalker. Aber Jenn, die weiterhin an ihrer TV-Karriere arbeitet, behauptet, ihn nicht zu kennen.
„Der Killer kehrt zurück“ beginnt mit der Rückkehr von einem alten Bekannten und einer typischen Western-Situation.
Wilson „Crow“ Cromartie, der indianisch-stämmige Killer aus dem zweiten Stone-Roman „Terror auf Stiles Island“ (Trouble in Paradise“, 1998), ist wieder in Paradise. Als erstes besucht er Jesse Stone im Polizeirevier, um ihm zu sagen, dass er zurückgekommen ist und jemand suchen soll.
Crow ist natürlich ein zweiter Hawk, wie Spensers loyaler, gewalttätiger Freund und Frauenheld heißt. Entsprechend schnell entwickelt sich aus dem professionellen Respekt zwischen Jesse und Crow eine Quasi-Freundschaft. Vor allem nachdem Crow sein Ziel entdeckt hat und sich weigert Frances Franklin zu töten und ihre vierzehnjährige Tochter Alice, eigentlich Amber, zu ihrem Vater zurückzubringen. Louis Francisco ist ein Florida-Mafiosi, der, nachdem er erfährt, dass Crow den Auftrag nicht ausführen will, seine Männer losschickt, um den Auftrag und Crow zu erledigen.
Währenddessen stachelt Amber ihren Freund Esteban Carty, den Kopf einer Latino-Gang an, ihren Vater auszunehmen.
Und schon entwickelt sich ein veritabler leichengesättigter Gegenwarts-Western.

Parker - Brimstone
Nach dem Quasi-Western „Der Killer kehrt zurück“ wenden wir uns dem echten Western zu: „Brimstone“, das dritte Abenteuer von Virgil Cole und Everett Hitch.
Nach einer einjährigen Suche finden die beiden Revolermänner Coles Freundin Allie French in einem Freudenhaus, aus dem sie sie sofort herausholen. Weil ihre Ersparnisse fast aufgebraucht sind, nehmen Cole und Hitch in Brimstone, einem kleinen, rasch wachsendem Ort, einen Job als Gesetzeshüter an und geraten in den Kampf zwischen Kneipenbesitzer Pike, der ganz Texas will, und Bruder Percival, einem religiösen Eiferer, der in Brimstone sein „Neues Bethelem“ errichten möchte. Natürlich ohne Alkohol und käuflichen Sex.
Bis dieser Konflikt zwischen Pike und Percival für die Romangeschichte wirklich wichtig wird, vergeht viel Zeit, die Robert B. Parker durchaus kurzweilig mit Allies Bemühungen als Hausfrau und religiös bekehrte Kirchenmusikerin und den üblichen Konflikten, die es in einer kleinen Stadt mit schießwütigen Betrunkenen und ebenso schießwütigen, aber nüchternen Indianern gibt. Das ist nicht besonders aufregend oder innovativ, aber es ist eine angenehme Lektüre, die auch den Staub des Wilden Westens atmet.
In den USA werden nach dem Tod von Robert B. Parker einige seiner Serien von anderen Autoren weitererzählt. Ace Atkins schreibt neue Spenser-Romane. Michael Brandman, der auch die Stone-Filme produzierte und die meisten Drehbücher verfasste, schrieb drei Jesse-Stone-Romane, ehe er den Stab an den dreifachen Shamus-Gewinner Reed Farrel Coleman (den könnte ein deutscher Verlag mal übersetzen) weiterreichte. Robert Knott, Schauspieler und Drehbuchautor der Parker-Verfilmung „Appaloosa“, schreibt neue Cole/Hitch-Western.
Und im Juli veröffentlicht Pendragon mit „Drei Kugeln für Hawk“ (Cold Service, 2005) einen neuen Spenser-Roman.

Nachtrag (21. März 2015): Wer die alten Spenser-Romane (die natürlich vieeel besser als die Neuen sind) lesen will, kann sich jetzt als E-Book „Wetten gegen den Tod“ (Mortal Stakes, 1975 – Betrug bei den Boston Red Sox. Nicht mit Spenser.), „Bodyguard für Rachel Wallace“ (Looking for Rachel Wallace, 1980 – Spenser spielt den Bodyguard für eine lesbische Feministin – und wir erleben eine erste Diskussion über Spensers Machotum und den Feminismus. Grandios!) und „Neun Mörder “ (The Judas Goat, 1978 – Spenser auf Terroristenjagd; den fand ich zu episodisch und zu Spenser-untypisch) besorgen.

Robert B. Parker: Mord im Showbiz
(übersetzt von Bernd Gockel)
Pendragon, 2015
304 Seiten
11,99 Euro

Originalausgabe
High Profile
G. P. Putnam’s Sons, 2007

Robert B. Parker: Der Killer kehrt zurück
(übersetzt von Bernd Gockel)
Pendragon, 2015
312 Seiten
11,99 Euro

Originalausgabe
Stranger in Paradise
G. P. Putnam’s Sons, 2008

Robert B. Parker: Brimstone
(übersetzt von Emanuel Bergman)
Europa Verlag, Zürich, 2015
224 Seiten
20,00 Euro

Originalausgabe
Brimstone
G. P. Putnam’s Sons, 2009

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (Appaloosa, 2005) (Übersetzung)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Das dunkle Paradies” (Night Passage, 1997)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Miese Geschäfte“ (Bad Business, 2004)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Resolution“ (Resolution, 2008)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte

 


Cover der Woche

Mai 19, 2015

Parker - The Godwulf Manuscript


TV-Tipp für den 19. Mai: Biester

Mai 19, 2015

ZDFkultur, 22.20
Biester (Frankreich/Deutschland 1995, Regie: Claude Chabrol)
Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff
LV: Ruth Rendell: A Judgment in Stone, 1977 (Urteil in Stein)
Die wohlhabenden Lelièvres schätzen Sophie als Hausmädchen. Dabei wissen sie nichts über ihre Perle. Ganz im Gegensatz zur Postbeamtin Jeanne.
Chabrols ruhiger Thriller blickt einmal mehr hinter die Kulissen der Provinz-Bourgeoisie. Der Ausgang seines „marxistischen Thrillers“ (Chabrol über Biester) ist letal. „Der sozialen Hinrichtung der Repräsentanten der Unterschicht folgt die körperliche Hinrichtung der Bourgeoisie. Das ist der totale Krieg zwischen den Klassen. Und Chabrol setzt ihn unverhüllt in Szene.“ (Fischer Film Almanach 1996)
Mit Isabelle Huppert, Sandrine Bonnaire, Jean-Pierre Cassel, Jacqueline Bisset

Wiederholung: Mittwoch, 20. Mai, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Biester“

Wikipedia über „Biester“ (deutsch, englisch, französisch), Ruth Rendell (deutsch, englisch) und Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „The Team“ jagt einen Menschenhändler

Mai 18, 2015

Vor der TV-Ausstrahlung rührte das ZDF eifrig die Werbetrommel. Denn „The Team“ ist nicht nur, wie viele andere Krimiserien, eine Co-Produktion, sondern sie hat auch drei aus verschiedenen Ländern stammende Ermittler und die Ermittlungen finden in mehreren Ländern statt. Das Budget betrug zehn Millionen Euro, die Dreharbeiten dauerten acht Monate und gedreht wurde in einem halben Dutzend Länder. „The Team“ ist also eine große Produktion. Aber ist es auch eine gute Produktion?
Der achtstündige Krimi, der im TV in vier jeweils zweistündigen Folgen gezeigt wurde und auf DVD als Achtteiler geschnitten ist, beginnt flott. Gleich in den ersten Minuten werden in Berlin, Antwerpen und Kopenhagen Prostituierte ermordet. Aufgrund des Tathergangs (Schuss ins linke Auge, Finger abgetrennt) stellt Europol ein staatenübergreifendes Ermittlerteam zusammen. Denn es wird vermutet, dass es sich um den gleichen Täter handelt. Sein Motiv ist unklar. Ebenso, ob er weitere Morde begeht. In der Vergangenheit hat er allerdings schon mindestens einmal gemordet.
Harald Bjørn (Lars Mikkelsen), Hauptkommissar im Morddezernat Kopenhagen, Jackie Mueller (Jasmin Gerat), Hauptkommissarin im BKA Berlin, und Alicia Verbeek (Veerle Baetens), Kommissarin im Morddezernat in Antwerpen, sollen ihn überführen.
Auch die Ermittlungen laufen zügig an. Schnell haben sie einen Verdächtigen: Jean Louis Poquelin (Carlos Leal), der dann doch nicht der Täter ist. Er schreibt an einem Enthüllungsbuch über Marius Loukauskis (Nicholas Ofczarek), ein Verbrecher, der überall seine Finger drin hat.
Als Loukauskis von den Morden erfährt, fragt er sich, wer ihn anschwärzen will. Das ist am Ende der zweiten Episode (von acht). Ungefähr in diesem Moment haben die Autoren ihr Figurenensemble aufgefächert und wir dürfen ab jetzt mehreren parallel verlaufenden Handlungen (wobei ich immer wieder den Eindruck hatte, dass eine Gleichzeitigkeit suggeriert wurde, die nicht stimmte) folgen, die immer mehr in private Subplots abgleiten. Bjørn wird Vater. Verbeek kümmert sich um ihre Mutter, eine Alkoholikerin, und ihre Schwester, eine Prostituierte. Mueller um ihre beiden Kinder und ihren fremdgehenden Ehemann, über den wir – zum Glück – nichts Wesentliches erfahren. Eine ständig alkoholisierte Jazzsängerin, deren beste Tage schon lange vorüber sind und die eine Beziehung zu Loukauskis hat, torkelt immer wieder durch den Film, während die Ermittler viel telefonieren (der Einsatz der modernen Kommunikationsmittel ist angenehm unaufgeregt, wird aber auch zunehmend penetrant) und zwischen Berlin, Antwerpen, Kopenhagen und den Alpen hin und her pendeln, während der Fall sich über mehrere Episoden höchstens im Schneckentempo voranbewegt bis zum plötzlichen Ende, bei dem man fast übersieht, wer der Täter ist und sich zusammenpuzzeln muss, wie das jetzt alles zusammen hängt und was genau das Motiv war.
Trotz der bombastischen Werbung reiht „The Team“ sich unaufgeregt in die typisch skandinavischen Krimis ein: einige gruselige Morde, etwas Sozialkritik (hier gegen Menschenhändler, Zwangsprostitution und Ausbeutung), viele zeitraubende Privatgeschichten und eine lieblose Lösung, über die man nicht genauer nachdenken sollte. Bei „The Team“ gibt es außerdem etliche groß eingeführte Charaktere und Subplots, die plötzlich fallengelassen werden. Nein, wirklich begeistern kann das „Team“ nicht.
Auf der DVD ist die Originalfassung und die deutsche Fassung enthalten. Für die deutsche Fassung wurde alles konsequent eingedeutsch. Damit wurde die Serie gerade um ihren besonderen Aspekt beraubt. Deshalb sollte man die Originalfassung ansehen. In ihr reden die Ermittler, wie in der Realität, untereinander englisch und, wenn sie mit Kollegen, ihren Partnern und Verdächtigen reden, in ihrer Landessprache.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzehnminütiges „Making of“ und Kurzbiographien der drei Ermittler und des Bösewichts, die man sich in sechs Minuten ansehen kann. Das Bonusmaterial ist, nett, begrenzt informativ (das Booklet ist informativer) und gänzlich spoilerfrei.

The Team - DVD-Cover 4

The Team (The Team, Dänemark/Deutschland/Österreich/Schweiz/Belgien 2015)
Regie: Katherine Windfeld, Kasper Gaardsøe
Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe
mit Lars Mikkelsen, Jasmin Gerat, Veerle Baetens, Carlos Leal, Miriam Stein, Hilde Van Mieghem, Alexandra Rapaport, Andreas Pietschmann, Leo Gregory, Marc Benjamin, Filip Peeters, Sunnyi Melles, André Hennicke, Peter Benedict, Nadeshda Brennick

DVD
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, mehrsprachige Originalfassung (Dänisch, Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Kurzclips über die Hauptfiguren, 16-seitiges Booklet
Länge: 486 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
ZDF über „The Team“
Moviepilot über „The Team“
Wikipedia über „The Team“


TV-Tipp für den 18. Mai: Shame

Mai 18, 2015

ZDF, 22.15
Shame (Shame, GB 2011)
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan
Brandon ist sexsüchtig – und das ist kein Vergnügen.
Grandioses, etwas kühles Drama von Steve McQueen, der davor „Hunger“ und danach „12 Years a Slave“ inszenierte. Alles keine leichte Kost, aber in jedem Fall sehenswert.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit zwei ausführlichen Interviews mit Steve McQueen und Michael Fassbender).
mit Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie
Wiederholung: Mittwoch, 20. Mai, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Shame“

Rotten Tomatoes über „Shame“

Wikipedia über „Shame“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Steve McQueens „12 Years a Slave“ (12 Years a Slave, USA 2013)


TV-Tipp für den 17. Mai: Fargo

Mai 17, 2015

 

Arte, 20.15

Fargo – Blutiger Schnee (USA 1996, Regie: Joel & Ethan Coen)

Drehbuch: Joel & Ethan Coen

Minnesota, im Winter: Autoverkäufer Jerry Lundegaard will an die Kohle von seinem Schwiegervater gelangen. Er lässt seine Frau von zwei strohdumm-gewalttätigen Verbrechern kidnappen. Selbstverständlich geht alles, was schief gehen kann, schief und die hochschwangere Polizeichefin Marge Gunderson darf Leichen einsammeln.

„Oh, jeez“, was für ein herrlich doppelbödiger, schwarzhumoriger Kriminalfilm. „Fargo“ gehört unbestritten zu den besten Werken der Coen-Brüder.

Im Anschluss, um 21.45 Uhr, läuft „Barton Fink“ (USA 1991), ebenfalls von den Coen-Brüdern. Ebenfalls sehenswert.

Mit Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi, Peter Stormare, Bruce Campbell (ungenannt)

Wiederholung: Mittwoch, 20. Mai, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Fargo”

Wikipedia über “Fargo” (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 16. Mai: Der Marathon-Mann

Mai 16, 2015

Servus TV, 22.40

Der Marathon-Mann (USA 1976, Regie: John Schlesinger)

Drehbuch: William Goldman

LV: William Goldman: Marathon Man, 1974 (Der Marathonmann)

Ein Student kommt, durch seinen ermordeten Bruder, einer Nazi-Organisation auf die Spur.

Spannender Thriller mit hochkarätiger Besetzung und einer – immer noch – schrecklichen Zahnarzt-Szene. Ursprünglich sollte sie länger sein, aber Testvorführungen ergaben, dass das zuviel Grauen war.

William Goldmans Drehbuch war für einen Edgar und WGA-Award (für „Die Unbestechlichen“ erhielt er den Preis der Writers Guild of America) nominiert.

Mit Dustin Hoffman, Laurence Olivier, Roy Scheider, Marthe Keller, William Devane, Fritz Weaver

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Marathon-Mann“

Wikipedia über William Goldman (deutsch, englisch)

Charlie Rose: Interview mit William Goldman (7. Januar 1997)

Ain’t it cool: Interview mit William Goldman (3. März 2000)

IGN über William Goldman (18. Februar 2003)

Guardian: Interview mit William Goldman (25. April 2009)

William Goldman in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 15. Mai: Misfits – Nicht gesellschaftsfähig

Mai 15, 2015

Servus TV, 22.15

Misfits – Nicht gesellschaftsfähig (USA 1961, Regie: John Huston)

Drehbuch: Arthur Miller

Eine frisch geschiedene Frau schließt sich drei Cowboys an. Gemeinsam gehen sie auf Mustangjagd.

Ein Klassiker. Nicht nur, weil „Misfits“ der letzte Film von Marilyn Monroe und Clark Gable ist, sondern auch weil Arthur Miller in seinem ersten Spielfilmdrehbuch  eine schonungslose Bestandsaufnahme des nicht mehr existierenden amerikanischen Traums vom Freien Leben im Wilden Westen liefert. Denn Millers zeitgenössischen Cowboys sind von der Gesellschaft verachtete Außenseiter. Unter der Regie von John Huston spielen die Schauspieler ausgezeichnet und die Jagdszenen sind superb fotografiert.

„Nach einer langen Dürreperiode, was wirklich amerikanische Filme betrifft, gibt es jetzt Grund zur Freude, denn The Misfits ist so durch und durch amerikanisch, dass niemand außer einem Amerikaner ihn gemacht haben könnte.“ (Paul V. Beckley, New York Herald Tribune)

Mit Marilyn Monroe, Clark Gable, Montgomery Clift, Eli Wallach, Thelma Ritter

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“

TCM über „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“

Wikipedia über „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Mad Max: Fury Road“ oder Autofahren im australischen Stil

Mai 14, 2015

Am Ende von „Mad Max: Fury Road“ fühlt man sich wie bei dem Konzert von einer Kultband, die sich nach dreißig Jahren wieder vereinigt, und, als sei kein Tag vergangen, ihre alten Hits spielt. Nur in einer viel größeren Halle und aufgepeppt durch eine Bläsersektion und einen Frauenchor. Beides vermisste man früher nicht, als die Band rohen Punkrock oder, was bei „Mad Max“ passender ist, trashigen Heavy Metal spielte und die Musiker das Bildungsbürgertum mit ihrem schlechten Benehmen, den hässlichen Kleidern und der schonungslosen Gewaltverherrlichung schockierte.
Auch in dem neuen „Mad Max“-Film sind alle Elemente, die man aus den früheren „Mad Max“-Filmen kennt, frisch poliert und entstaubt, vorhanden. Und doch stimmt nichts. Das beginnt schon mit den Bildern. Sie sind alle eine Spur zu brillant. Genau wie bei einer CD, der das wohlige Rauschen einer LP oder, noch schlimmer, einer Musikkassette fehlt. Die Schauspieler sehen zu gut aus. Zu sehr nach Hollywood, zu wenig nach Nachbarschaft und jahrelangem Überleben in einer postapokalyptischen Welt. Auch die Autos haben keine Beulen und keine Schrammen. Jedenfalls keine, die durch das Leben auf dem Schrottplatz und in der Wüste entstehen. Und es endet bei der zusammenhanglosen Story, die nur noch eine weitgehend beliebige Aneinanderreihung von durchaus beeindruckenden, angenehm nachvollziehbaren und weitgehend handgemachten Actionszenen ist.
Früher war Mad Max (gespielt von Mel Gibson in der Rolle, die ihn zum Weltstar machte) ein Einzelgänger, der nur an sich dachte. Im ersten „Mad Max“-Film „Mad Max“ (1978) verlor er zwar seine Familie und er jagte die Täter, aber stilbildend für alle postapokalyptischen 80er-Jahre-Science-Fiction-Filme war der zweite „Mad Max“-Film „Mad Max II – Der Vollstrecker“ (1981), der in einer Wüstenwelt spielt, in der jeder ums Überleben kämpft, Benzin Gold ist und jeder gegen jeden kämpft. Für eine Tankfüllung will Mad Max einigen Zivilisten gegen eine Gruppe Belagerer helfen. Es gibt eine wahnsinnige Schlacht mit vielen Toten und geschrotteten Autos. Der dritte „Mad Max“-Film „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ (1985) erzählt die gleiche Geschichte noch einmal, mit einem größeren Budget (was halt noch mehr Action und noch mehr Freakshow bedeutet), Tina Turner als Bösewicht, ihrem Hit „We don’t need another hero“ (Kennt den noch jemand?) und einer Schar Kinder; was bei den Fans nicht besonders gut ankam.
In „Mad Max: Fury Road“ bleibt George Miller bei dem erprobten Rezept. Außer dass er die Kinder durch eine Handvoll spärlich bekleidete, verdammt gut aussehende, makellos geschminkte Frauen, die „Fünf Frauen“, ersetzte. Imperator Furiosa (Charlize Theron) will sie vor Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne), einer nur optisch beeindruckenden Mischung aus Diktator und Sektenführer, retten.
Mit ihnen flüchtet Furiosa in ihrem LKW aus der Zitadelle in die Wüste. Ihr Ziel: die grüne Oase, in der sie aufwuchs. Max Rockatansky (Tom Hardy), der in der Zitadelle gefangen war und jetzt auf eines der Verfolger-Autos geschnallt wurde, kann sich irgendwann befreien und gemeinsam flüchten sie vor ihren Verfolgern, was George Miller die Gelegenheit gibt, in der Wüste ganz viele Autounfälle mit anschließenden Explosionen (die oft verdammt künstlich aussehen) zu inszenieren. Das sieht dann schon spektakulär aus, langweilt aber schnell als fast zweistündige immergleiche Minimalvariation von Krach-Rumms-Bumms. Diese Action mit den austauschbaren Verfolgern verläuft auch überraschend unblutig.
Dazwischen wird Max immer wieder von Erinnerungen an seine Familie und Alpträumen gequält. Diese Flashbacks, die unserem Helden eine Vergangenheit geben sollen, sind vollkommen überflüssig und werden schon im Film zum ärgerlichen Klischee. Gleichzeitig führt diese vulgärpsychologische Vertiefung den Charakter in das Dilemma, dass er gleichzeitig ein skrupelloser, nur an seinem Überleben interessierter Tatmensch und eine gequälte, zur Tatenlosigkeit verdammte Seele sein soll. Außerdem wird aus dem nur an sich interessiertem Charakter, einem Einzelgänger, Überlebenskünstler, und Zyniker, dem archetypischen Fremden ohne Namen, im dritten Akt von „Mad Max: Fury Road“ plötzlich ein Altruist, der ohne einen ersichtlichen Grund, in bester „Mein großer Freund Shane“-Tradition, den Frauen, die ganz gut ohne ihn zurecht kommen, hilft. Für Gottes Lohn und ohne sein Auto.
Spätestens in diesem Moment und bei dem ziemlich schwachen Ende wird überdeutlich, dass die Macher den Film ohne ein Drehbuch, aber mit einem Skizzenbuch voller Actionszenen begannen. Mehrere plötzlich abbrechende Actionszenen und zahlreiche unmotivierte Schwarzblenden verstärken den Eindruck, dass „Mad Max: Fury Road“ einfach nur eine unglaubliche Menge Autocrashs aneinanderreiht, während eine Armada austauschbarer Pappkameraden, die aus einem Heavy-Metal-Freakshow entsprungen sind, ab und an durch das Bild fährt.
Zwei Stunden dauert diese sich fast ohne Pausen auf Action konzentrierende Enttäuschung, die auch nie eine Verbindung zur Gegenwart aufbaut. Denn natürlich knüpften die „Mad Max“-Filme und seine zahlreichen Kopien, die in den Achtzigern die Kinos überschwemmten, an eine in der Gesellschaft vorhandene Weltuntergangsstimmung zwischen Atomkrieg, Ölkrise und Waldsterben an.
Damit wird die Gewaltverherrlichung und der Zynismus der früheren „Mad Max“-Filme in „Mad Max: Fury Road“ zu einem Puppentheater. Eine Vaudeville-Freakshow. In der all die Bewegung nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass dem Film die Seele, ein emotionales Zentrum, und ein erinnerungswürdiger Bösewicht, ein echter Antagonist für Max und Imperator Furiosa, fehlt. Mit diesen beiden Zutaten hätte „Mad Max: Fury Road“ ein grandioser Actionfilm werden können. So ist es nur eine zweistündige Leistungsschau der Stuntmänner, der Kameraleute und der CGI-Leute.

Mad Max Fury Road - Plakat

Mad Max: Fury Road (Mad Max: Fury Road, Australien/USA 2015)
Regie: George Miller
Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nico Lathouris
mit Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Hugh Keays-Byrne, Josh Helman, Nathan Jones, Zoe Kravitz, Rosie Huntington-Whiteley, Riley Keough, Abby Lee, Courtney Eaton
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 16 Jahre (die erschreckend aussagekräftige Freigabebegründung)

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Mad Max: Fury Road“
Moviepilot über „Mad Max: Fury Road“
Metacritic über „Mad Max: Fury Road“
Rotten Tomatoes über „Mad Max: Fury Road“
Wikipedia über „Mad Max: Fury Road“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Hat Susanne Bier eine „Zweite Chance“ verdient?

Mai 14, 2015

Andreas ist Polizist, glücklich verheiratet und ebenso glücklicher Vater. Wenn sein Sohn nachts schreit, kümmert er oder seine Frau Anne sich abwechselnd um ihn. Sie sind vorbildliche Eltern, die in einem ebenso vorbildichem Haus am See leben. Auch auf der Arbeit ist Andreas der ruhige, besonnene Polizist mit dem funktionierendem moralischen Kompass, der wild ausschlägt, als er, wieder einmal, auf Tristan trifft.
Tristan ist das Gegenteil von ihm: ein kleiner Drogenhändler mit vielen Vorstrafen, gewalttätig, dumm wie Brot und jetzt liiert mit der Junkiebraut Sanne, die in einer vermüllten Mietwohnung hausen. Aber wirklich schockiert ist Andreas, als sie in dieser Wohnung ein Baby entdecken. Andreas will es in staatliche Obhut geben, aber weil das Baby kerngesund ist, darf es bei seiner Mutter bleiben.
Außerdem kümmert sich Andreas um seinen Kollegen Simon, der nach einer Scheidung zwischen Suff und Strip-Club herumpöbelt und der seine Dienstmarke als Entschuldigung für schlechtes Verhalten benutzt.
Eines Nachts entdeckt Andreas, dass ihr Kind tot ist. Um Anne nicht zu verlieren, vertauscht er sein totes Kind mit Tristans lebendigem Kind und er versucht Anne davon zu überzeugen, dass ihr Kind noch lebt. Gleichzeitig versucht er Tristan hinter Gitter zu bringen. Dummerweise lieben Tristan und Sanne ihr Kind abgöttisch.
Das könnte jetzt der Auftakt für eine schwarzhumorige Komödie im Stil von „Arizona Junior“ von den Coen-Brüdern sein. Aber in „Zweite Chance“ gibt es nichts zu Lachen und auch nichts ist ironisch gemeint.
Es könnte auch der Auftakt für einen veritablen Kriminalfilm sein. Immerhin haben wir ein totes Baby, mehrere Verbrechen, Verbrecher und Polizisten, polizeiliche Ermittlungen und einen Polizist, der alles tut, um die zu ihm führenden Spuren zu verschwischen. Aber die Ausgangslage von „Zweite Chance“ ist viel zu konstruiert und die sich daraus entwickelnde Geschichte so krude, dass kein Krimi-Autor sich trauen würde, ernsthaft eine solche Kolportage anzubieten.
Aber als Drama über Vater- und Mutterschaft funktioniert der gut besetzte Film. Susanne Bier erzählt diese Geschichte voller Unwahrscheinlichkeiten über tote und lebendige Babys, die mehrmals vertauscht werden und einem alles toppendem Ende, nämlich so konzentriert, dass man mit den Charakteren und ihren Konflikten mitfiebert.
„Zweite Chance“ hat nämlich einen klar konturierten Konflikt. Die damit verbundenen moralischen Fragen sind auch ebenso klar erkennbar. Das Drama ist damit nah bei einem Philosophieseminar, das ernsthaft ein hypothetisches und extrem zugespitztes Problem diskutiert und sogar überraschend unterhaltsam ausfällt. Nur sollte man das Problem von „Zweite Chance“ nicht mit der Wirklichkeit verwechseln (Wer ist schon Polizist und hat gerade ein Ersatzbaby zur Hand?) – und auch nicht nachahmen.

Zweite Chance - Plakat

Zweite Chance (Un chance til, Dänemark 2014)
Regie: Susanne Bier
Drehbuch: Anders Thomas Jensen (nach einer Geschichte von Anders Thomas Jensen und Susanne Bier)
mit Nikolaj Coster-Waldau, Nikolaj Lie Kaas, Ulrich Thomsen, Maria Bonnevie, Lykke May Andersen
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zweite Chance“
Moviepilot über „Zweite Chance“
Metacritic über „Zweite Chance“
Rotten Tomatoes über „Zweite Chance“
Wikipedia über „Zweite Chance“ (dänisch, englisch)
Meine Besprechung von Susanne Biers „Serena“ (Serena, USA/Frankreich 2014)


TV-Tipp für den 14. Mai: Out of Sight

Mai 14, 2015

ZDFneo, 20.15

Out of sight (USA 1998, Regie: Steven Soderbergh)

Drehbuch: Scott Frank

LV: Elmore Leonard: Out of sight, 1996 (Zuckerschnute, Out of sight)

Auf der Flucht verbringt Jack Foley im Kofferraum einige Zeit mit Debputy U. S. Marshal Karen Sisco. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Als Jack in Detroit seinen letzten Coup plant, erscheint auch Karen auf der Bildfläche.

Hochgelobte und uneingeschränkt empfehlenswerte Leonard-Verfilmung mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman

Von Elmore Leonards Homepage: “Out of Sight, like Get Shorty, was a totally happy film experience for Elmore. The Get Shorty production team and writer: Danny DeVitos Jersey Films and screenwriter Scott Frank, once again collaborated on an Elmore Leonard project. Jersey signed Steven Soderbergh to direct and he cast George Clooney and Jennifer Lopez in the lead roles. (…) Clooney and Lopez added considerable sizzle to Out of Sight. Steve Zahn is hilarious as a stoner car thief; Ving Rhames, Don Cheadle and Isaiah Washington are all deadly and cool. Albert Brooks was a pleasant surprise. He makes the most out of the Ripley character. It was Scott Frank who took Ripley, off-stage in the book, and made him a key character. After Scott finished his screenplay, Elmore disagreed with the Ripley move and the ´happy´ movie ending, but admitted he was right after seeing the finished film. Out of Sight has a great look thanks to Steven Soderberghís masterful direction and Scott Frank’s savvy script. The film was a critical success but a box office so-so because of an unfortunate summer release date.”

Hinweise

Moviepilot über “Out of Sight”

Rotten Tomatoes über “Out of Sight”

Wikipedia über “Out of Sight” (deutsch, englisch)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Meine Meldung von Elmore Leonards Tod

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Über den Oscar-Gewinner „Citizenfour“

Mai 13, 2015

Seit dem Kinostart im November 2014 erhielt Laura Poitras Dokumentarfilm „Citizenfour“ wichtige Preise, wie den Oscar, BAFTA.- DGA- und Independent Spirit Award als bester Dokumentarfilm. Um nur einige der verdienten Auszeichnungen für diesen wichtigen Film zu nennen, der jetzt mit einer guten Stunde Bonusmaterial als DVD und Blu-ray erschienen ist. Doch dazu später mehr.
Zum Kinostart schrieb ich (aber bereinigt um ein überflüssiges „aber“):

Wenn ich „Citizenfour“, die Dokumentation von Laura Poitras über Edward Snowden, politisch beurteile, kann ich sie nicht genug loben. Poitras hat in den vergangenen Jahren die bei uns unbekannte Dokumentationen „My Country, my Country“ und „The Oath“ über den US-amerikanischen „war on terror“ gedreht, der auch ein höchst erfolgreicher Vernichtungsfeldzug gegen Bürgerrechte war. Eigentlich war er in diesem Bereich erfolgreicher als im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Auch wenn Osama Bin Laden tot ist, viele seiner engsten Verbündeten ebenfalls tot oder inhaftiert sind und Al Kaida als terroristische Bedrohung wohl keine große Rolle mehr spielt. Dafür gibt es zahlreiche Nachfolger.
Zur gleichen Zeit bekamen die Sicherheitsbehörden neue Befugnisse und die NSA begann die gesamte elektronische Kommunikation zu überwachen und zu speichern.
Edward Snowden, ein NSA-Mitarbeiter, wollte, dass die Öffentlichkeit davon erfährt. Er nahm als „Citizenfour“ Kontakt zu einigen Journalisten auf, die er aufgrund ihrer Arbeit für vertrauenswürdig erachtete. Laura Poitras gehörte dazu. Glenn Greenwald, ein Jurist und „The Guardian“-Kolumnist, ebenso.
Am 3. Juni 2013 trafen Poitras und Greenwald zum ersten Mal Edward Snowden. In einem Hotelzimmer in Hongkong erzählte Snowden ihnen an acht Tagen, was er wusste und erklärte Dateien, die er kopiert hatte. Unmittelbar danach veröffentlichte Poitras ein kurzes Interview mit Snowden. Jetzt legt sie mit der Dokumentation „Citizenfour“, die sich um diese Tage in Hongkong im Juni 2013 dreht, nach.
Greenwald veröffentlichte noch in Hongkong die erste Geschichte, die auf dem Material von Edward Snowden basierte. Die Identität von Snowden wurde, vor allem auf seinen Wunsch, enthüllt. Anschließend wollte er in einem sicheren Land in Südamerika untertauchen. Er wollte, dass die Enthüllungen und nicht seine Person im Mittelpunkt der Debatte stehen. Weil die US-amerikanische Regierung seinen Pass für ungültig erklärte, strandete er auf dem Moskauer Flugplatz. Seit dem 12. Juli 2013 hat er in Russland Asyl.
In ihrem Dokumentarfilm erzählt Poitras diese Geschichte, die mit der Information endet, dass es einen zweiten Whistleblower im Geheimdienst gibt. Im Zentrum des Films steht dabei die Tage in dem Hotelzimmer, die Poitras (die sich als Regisseurin vollkommen zurückhält), Greenwald und sein „The Guardian“-Kollege Ewen MacAskill mit Snowden verbrachten. Es zeigt auch einen Wendepunkt in unserem Wissen über die Überwachung und die Verletzung der Grundrechte durch westliche Geheimdienste. Optisch ist das allerdings nicht besonders aufregend. Wir sehen drei Männer und eine Frau, die sich in einem Hotelzimmer miteinander unterhalten. Die Informationen über die Überwachungsapparate der NSA, des britischen Geheimdienstes GCHQ und ihrer Verbündeten sind inzwischen bekannt, auch wenn man einiges, wie dass die gesamte Kommunikation für Drohneneinsätze über Ramstein läuft, fast schon wieder vergessen hat.
Angereichert wird diese lange Woche im Hotelzimmer durch einige Interviews, Befragungen und Vorträge von Geheimdienstkritikern und Bürgerrechtlern, wie Jacob Appelbaum und William Binney, der im Oktober 2001 die NSA verließ, weil er Bedenken gegen die Ausspionierung von US-Bürgern hatte.
Das ist alles sehr konventionell gefilmt und auch nicht besonders informativ. Jedenfalls als aufklärerische Dokumentation über gesellschaftliche und politische Strukturen. „Citizenfour“ ist weit entfernt von der analytischen Schärfe und intellektuellen Tiefe einer Dokumentation von Alex Gibney (Taxi to the dark side, We steal secrets) oder Adam Curtis (The power of nightmares, The trap). Laura Poitras konzentriert sich auf Snowden, der hier als Mensch fassbar wird. Sie zeigt ihn in den letzten Tagen seines Lebens als Jedermann, der ruhig erklärt, warum er die Geheimnisse der NSA veröffentlichen will. In diesen Momenten wird für Menschen, die nur die Schlagzeilen lesen, einiges in die richtige Perspektive gerückt.

Inzwischen ist „Citizenfour“ ein historisches Dokument, in dem ein wichtiger Moment für die Geschichte dokumentiert wird. Ein Einzelner versucht, die Geschichte zu ändern. Aus heutiger Perspektive sogar überraschend erfolgreich. Denn seitdem diskutieren wir über die globale Überwachung und alles, was in der Prä-Snowden-Zeit eine mehr oder weniger gut begründete Vermutung war, ist jetzt gesichertes, unumstrittenes und allgemein bekanntes Wissen. Und täglich werden neue Fakten, die davor noch von den Regierungen geleugnet wurden, bekannt.
Der Film wird um eine Stunde informatives Bonusmaterial ergänzt. Es gibt drei geschnittene Szenen. In den ersten beiden Szenen (insgesamt zehn Minuten) erzählt Edward Snowden, wie die CIA einen Angestellten einer Schweizer Privatbank anwirbt und er gibt einen weiteren Einblick in sein Denken. Das sind zwei interessante Szenen, die allerdings nicht in den Film gepasst hätten. Die dritte Szene, in der Glenn Greenwald drei Wochen nach dem Interview mit Snowden, in seiner Wohnung in Rio de Janeiro, am Computer arbeitet, ist dagegen ziemlich überflüssig und wirkt auch, abgesehen von den entspannt herumlungernden Hunden, gestellt.
Das knapp halbstündige Publikumsgespräch auf dem New York Film Festival (NYFF), nach der Weltpremiere des Films am 10. Oktober 2014, mit Laura Poitras ist informativ und untertitelt. Eine nicht untertitelte Fassung habe ich zum Kinostart verlinkt.
Und es gibt ein achtzehnminütiges Gespräch mit den in Berlin ansässigen Produzenten Mathilde Bonnefoy (die auch für den Schnitt verantwortlich ist) und Dirk Wilutzky, die weitere Hintergründe über die Entstehung des Films verraten.

Citizenfour - DVD-Cover

Citizenfour (Citizenfour, USA/Deutschland 2014)
Regie: Laura Poitras
Drehbuch: Laura Poitras
mit Edward Snowden, Glenn Greenwald, Laura Poitras, William Binney, Jacob Appelbaum, Ewen MacAskill, Jeremy Scahill

DVD
Good Movies/Piffl Medien
Bild: 1,78:1 (16:9 PAL)
Ton: Englisch (Dolby Digital 5.1, 2.0)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Unveröffentlichte Szenen, Filmgespräch Laura Poitras, Interview Produzenten, Trailer, Audiodeskription, 8-seitiges Booklet (mit Pressestimmen und Biographien), Flyer „Digitale Selbstverteidigung: Kleine Anleitung zur Selbsthilfe“ (von digitalcourage)
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Citizenfour“
Moviepilot über „Citizenfour“
Metacritic über „Citizenfour“
Rotten Tomatoes über „Citizenfour“
Wikipedia über „Citizenfour“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ (No place to hide, 2014)

Meine Besprechung von Laura Poitras‘ „Citzenfour“ (Citizenfour, USA/Deutschland 2014) (mit weiteren Video-Interviews)

Das erste Video von Laura Poitras über Edward Snowden.


TV-Tipp für den 13. Mai: Laurence Anyways

Mai 13, 2015

Arte, 20.15
Laurence Anyways (Laurence Anyways, Kanada/Frankreich 2012)
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan
Ein knapp dreistündiger Rausch: Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément) sind ineinander verliebt. Da trifft Laurence eine folgenschwere Entscheidung: Er will ab jetzt als Frau leben.
„Laurence Anyways“ ist, wie alle großen Liebesfilme, letztendlich ein Film über die Unmöglichkeit der großen Liebe, bei dem die ordnende Hand eines Regisseurs fehlt, der beherzt Szenen aus dem Film entfernt, den Film auf verträgliche zwei Stunden gekürzt und die Vision klarer herausgearbeitet hätte. Denn gegen Ende zerfasert der Film etwas.
mit Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye, Monia Chokri, Susie Almgren, Yves Jacques

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Laurence Anyways“

Metacritic über „Laurence Anyways“

Rotten Tomatoes über „Laurence Anyways“

Wikipedia über „Laurence Anyways“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Xavier Dolans „Laurence Anyways“ (Laurence Anyways, Kanada/Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Xavier Dolans „Sag nicht, wer du bist!“ (Tom à la ferme/Tom at the Farm, Kanada/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Xavier Dolans „Mommy“ (Mommy, Kanada/Frankreich 2014)