Ein Agent ohne Namen soll den Bösewicht Sator davon abhalten, die Welt wie wir sie kennen, zu vernichten.
Christopher Nolans Version eines James-Bond-Films der Prä-Daniel-Craig-Ära, mit viel (letztendlich überflüssigem) Zeitreise-Bohei. Die Erklärungen, soweit sie überhaupt akustisch verständlich sind, langweilen. Aber die Action begeistert. Auch weil in ihr, dank Zeitreisen, gleichzeitig vorwärts und rückwärts gekämpft wird.
mit John David Washington, Robert Pattinson, Kenneth Branagh, Elizabeth Debicki, Dimple Kapadia, Aaron Taylor-Johnson, Michael Caine, Martin Donovan, Fiona Dourif, Yuri Kolokolnikov, Himes Patel, Clémence Poésy
Wer sich vor dem Kinobesuch die Synopse durchliest, ist wahrscheinlich gewarnt. Trotzdem sage ich es nochmal ganz deutlich: wer sich den Film nur wegen Bill Murray ansehen will, sollte es wahrscheinlich bleiben lassen. Er spielt – überzeugend – einen New Yorker Schriftsteller und er ist auch wichtig für die Filmgeschichte. Ohne seine Rolle gäbe es den Film nicht. Aber sein Auftritt beschränkt sich auf wenige Minuten am Filmanfang und in einigen Rückblenden. Eigentlich ist seine Aufgabe mit seinem Tod erfüllt. Das geschieht wenige Minuten nach dem Filmanfang.
Danach muss ein neuer Besitzer für seine riesige Dogge Apollo gefunden werden. In seinem letzten Willen schrieb Walter, dass Iris (Naomi Watts) Apollo bekommen solle. Sie war seine beste Freundin, er ihr Mentor und er hat sie schon vor längerem mit einer editierten Herausgabe seiner Briefe beauftragt.
Iris lebt in einer kleinen mietpreisgebundenen Wohnung mitten in New York. Trotzdem kann sie Walters letzten Wunsch nicht ablehnen. Sie nimmt Apollo für einige Tage – so glaubt sie – in ihre Obhut. Das riesige, todtraurig in die Welt blickende Vieh besetzt sofort ihr Bett und ihre für sie beiden viel zu kleine Wohnung.
In ihr müssen Apollo und Iris mit ihrer Trauer und ihren Gefühlen über Walters Suizid zurechtkommen.
Das Regieduo Scott McGehee und David Siegel („The Deep End – Trügerische Stille“) inszenierte einen einfühlig-warmherziger Feelgood-Film, der auf dem mit dem National Book Award ausgezeichneten Bestseller „Der Freund“ von Sigrid Nunez basiert. Pedro Almodóvar neuester Film, das leise Sterbehilfedrama „The Room next Door“, basiert ebenfalls auf einem Roman von Nunez.
Getragen wird „Loyal Friend“ von den guten Schauspielern und dem wirklich großen Hund, der schnell die Herzen der Menschen erobert, die er trifft.
Wenn es da nicht das Problem mit der Klausel im Mietvertrag gäbe, die Haustiere verbietet.
Loyal Friend(The Friend, USA 2024)
Regie: Scott McGehee, David Siegel
Drehbuch: Scott McGehee, David Siegel
LV: Sigrid Nunez: The Friend, 2018 (Der Freund)
mit Naomi Watts, Bill Murray, Sarah Pidgeon, Carla Gugino, Constance Wu, Noma Dumezweni, Ann Dowd, Tom McCarthy (Regisseur)
Wie geht die Geschichte mit dem Rage-Virus weiter? Nach seinem Ausbruch aus einem Labor infizierte er rasend schnell die in Großbritannien lebenden Menschen, die Sekunden später in blinder Raserei andere Menschen töteten. Genaugenommen waren sie keine ‚rennenden Zombies‘, aber letztendlich wurden sie 2002 vom Kinopublikum so wahrgenommen. Es wurde tiefgründig darüber diskutiert, ob Zombies immer langsam auf ihre Opfer zuschlurfen müssen oder sie auch rennen können. Und was bedrohlicher ist.
Der von Danny Boyle nach einem Drehbuch von Alex Garland rüde inszenierte Horrorfilm „28 Days later“ trug, neben der von Robert Kirkman und Tony Moore erfundenen Comicserie „The Walking Dead“ (die später zu einer langlebigen TV-Serie mit mehreren Ablegern wurde), zu einer Wiederbelegung des Zombies in der populären Kultur bei. 2007 folgte mit „28 Weeks later“ eine von Juan Carlos Fresnadillo nach einem Drehbuch von ihm, Rowan Joffé, Enrique López Lavigne und Jesús Olmo inszenierte eigenständige Fortsetzung.
Seitdem gab es immer wieder Gespräche über eine mögliche Fortsetzung.
Die gibt es jetzt. Danny Boyle und Alex Garland sind wieder dabei. Nach zwei Einzelfilmen ist ihr Film als Beginn einer Trilogie angekündigt, über deren Inhalt wenig bekannt, aber einiges erahnbar ist. Den Auftakt macht jetzt „28 Years later“.
Wie der Titel schon verrät, spielt der Film 28 Jahre nach dem Ausbruch des Rage-Virus. Großbritannien steht immer noch unter Quarantäne. Im Nordosten von England haben sich einige Menschen auf die Insel Holy Island zurückgezogen. Bei Ebbe können sie zum Festland gehen. Bei Flut treibt die Strömung etwaige Schwimmer in die Nordsee in den Tod. Auf Holy island leben die Menschen wie im 19. Jahrhundert. Eines Tages nimmt Jamie (Aaron Taylor-Johnson) seinen zwölfjährigen Sohn Spike (Alfie Williams) mit auf das Festland. Dort soll er als Initiationsritus einen Infizierten töten. Zurück lassen sie Spikes kranke, zunehmend wahnsinnig werdende Mutter Isla (Jodie Comer).
„28 Years later“ ist halb gelungen. Die Schauspieler überzeugen. Die hochenergetische, atemlos-ruppige Inszenierung zwischen wunderschönen Landschaftsaufnahmen, den kontrastreich-ruckelig inszenierten Actionszenen und eingestreuten, oft im ersten Moment nicht zuordenbaren Bildern aus verschiedenen Quellen erinnert an „28 Days later“ und zieht einen in das Filmgeschehen. Die Geschichte ist schwarzhumorig mit popkulturellen Referenzen. Das Leben in der Gemeinschaft und die Welt, in der sie leben, wird in wenigen Szenen etabliert.
Das funktioniert alles, aber es funktioniert besser als Auftakt einer Miniserie als als eigenständiger Spielfilm. Spike ist, so lassen die wenigen vorhandenen Informationen über die geplante Trilogie vermuten, der Protagonist der Trilogie. In der Fortsetzung „28 Years later: The Bone Temple“ ist er wieder dabei. Einige Schauspieler aus dem aktuellen Film und Cillian Murphy, der Protagonist des ersten Films, sind ebenfalls dabei. Nia DaCostas sich in der Postproduktion befindender Film soll im Januar 2026 in den Kinos anlaufen. Boyle soll dann den Abschluss der Trilogie inszenieren. Wann die Dreharbeiten für diesen Film starten, ist unklar. Alex Garland ist der alleinige Autor der Trilogie, die wirklich interessant werden könnte.
Als Serienauftakt besteht der knapp zweistündige Horrorfilm „28 Years later“ aus zwei Episoden. In der ersten Episode soll Spike einen Initiationsritus überstehen. In der zweiten Episode kehrt er mit seiner kranken Mutter auf das Festland zurück. Bei dem Ausflug mit seinem Vater hat er in der Nacht ein Feuer gesehen, das, wie er später erfährt, von Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes), angezündet wurde. Anscheinend wurde Kelson wahnsinnig und baut jetzt Erinnerungsstätten, die aus Totenköpfen errichtet sind. Aber er ist ein ausgebildeter Mediziner und vielleicht kann er, so hofft Spike, seiner Mutter helfen.
Neben diesen beiden Episodengeschichten malen Garland und Boyle die von ihnen geschaffene Dystopie mit weiteren Zombietypen, wie die auf dem Boden herumkriechenden Slow-Lows und die besonders widerstandsfähigen, intelligenten und andere Zombies anführenden Alphas aus. Spike begegnet auch einem jungen Soldaten, der mit seinen Kameraden eine jedenfalls in diesem Film unklar bleibende, für sie tödlich verlaufende Mission ausführen musste.
Es passiert viel in den knapp zwei Stunden, aber trotzdem bleibt Zeit, über den Sinn und Zweck einiger Szenen für die Filmgeschichte, einige Logiklöcher und erzählerische Schlampereien nachzudenken. So sammeln Spike und die anderen Inselbewohner nie ihre handgefertigten Pfeile, mit denen sie die Infizierten töten, ein. Jeder Treffer mit einem Pfeil in den Brustbereich oder Kopf tötet den Infizierten sofort. Die Helden haben sowieso, wie in einem Western, immer genug Pfeile, um die Angreifer abzuwehren. Und sie laufen schneller als die atemberaubend schnell rennenden Zombies. Das Auftauchen des Militärs in einer großen Actionszene wird nie erklärt und könnte umstandlos gestrichen werden. Spike hätte den NATO-Soldaten Erik auch ohne diese Actionszene als einen orientierungslos durch das Land streifenden Mann kennen lernen können. Es wird nicht erklärt, warum 28 Jahre nach dem Ausbruch des Virus immer noch Menschen und Zombies in England leben. Eigentlich müssten sie alle schon lange tot sein. In der offiziellen Synopse wird gesagt, dass die auf dem Festland lebenden Infizierten und Überlebenden mutiert seien und es Geheimnisse, Wunder und Schrecken gebe. Im Film sehen wir davon außer einem Alpha und einem Doktor nicht viel. Da sollte es im nächsten Film mehr Auftritte von mutierten Zombies und Menschen und mehr Informationen über ihr Zusammenleben im ‚dunklen Inneren des Festlandes‘ (so die Synopse) geben.
Bis dahin ist „28 Years later“ der vielversprechende Auftakt einer Trilogie.
28 Years later(28 Years later, Großbritannien/USA 2025)
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Alex Garland
mit Jodie Comer, Aaron Taylor-Johnson, Alfie Williams, Ralph Fiennes, Jack O’Connell, Edvin Ryding
Während Kabel 1 einen „Der weiße Hai“-Marathon präsentiert, können wir als Vorbereitung für Gareth Edwards‘ „Jurassic World: Die Wiedergeburt“ (Kinostart: 2. Juli 2025) noch einmal den ersten Film der Reihe ansehen:
Vox, 20.15
Jurassic Park (Jurassic Park, USA 1993)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Michael Crichton, David Koepp
LV: Michael Crichton: Jurassic Park, 1990 (DinoPark, Jurassic Park)
Milliardär John Hammond will einigen Wissenschaftlern vor der großen Eröffnung seinen neuen Vergnügungspark präsentieren. Auf einer Tropeninsel hat er ein Disneyworld mit echten Dinosauriern erschaffen. Dummerweise geht bei der Präsentation etwas schief und die Dinos beginnen die Menschen über die Insel zu jagen.
Unglaublich erfolgreiche Bestsellerverfilmung mit mehreren direkten Fortsetzungen. Sensationell waren damals die am Computer entstandenen Dinosaurier; wobei Spielberg sich auch auf bewährtes Trickhandwerk verließ.
mit Sam Neill, Laura Dern, Jeff Goldblum, Richard Attenborough, Bob Peck, Martin Ferrero, B. D. Wong, Samuel L. Jackson
So ungefähr in der Mitte eines Films frage ich mich oft, was bisher geschah. Also was würde ich einem Freund über den Film erzählen, wenn in dem Moment die Vorführung abbricht. Und was würde ich sagen, wenn er mich fragten würde, ob ich den Film empfehlen könnte. Das ist, zugegeben, ein etwas unzuverlässiger Test – so gibt es in dem Moment bei einem Rätselkrimi nur den Mord und viele Verdächtige, die in mühseliger Kleinarbeit von dem Ermittler befragt werden. Aber auch bei einem Rätselkrimi weiß ich in dem Moment, um was es in dem Film geht. Also wer die Hauptperson(en) sind und welches Problem behandelt und gelöst werden muss. Schließlich steht am Ende des Films die Enttarnung des Mörders.
In „Zikaden“ ist bis zu diesem Moment einiges passiert, aber es handelt sich immer noch um weitgehend unverbundene Szenen, bei denen unklar ist, wohin sie führen könnten. Damit verbunden ist die Frage, was mir die einzelnen Szenen sagen sollen, also wie sie die Geschichte voranbringen oder ob sie, egal wie gut sie gespielt und inszeniert sind, ersatzlos gestrichen werden könnten.
In dem Film geht es um die 48-jährige Isabell (Nina Hoss), die sich vor allem um ihre zunehmend pflegebürftigen Eltern kümmert. Ihr Vater sitzt seit über vierzig Jahren halbseitig gelähmt und mit einer schweren Sprachstörung im Rollstuhl. Davor arbeitete er als Architekt an großen Bauprojekten und er scheint eine milde Bauhaus-Ästhetik zu bevorzugen. Seine Frau hat die normalen Gebrechen, die es in dem Alter gibt. In Berlin leben sie in einer großen Wohnung. Immer ist ein von Isabell engagierter ausländischer Pfleger bei ihnen.
Isabell möchte deren in der Nähe von Berlin liegendes großes, von ihrem Vater geplantes und stilecht eingerichtetes Wochenendhaus verkaufen. Es steht die meiste Zeit leer und vergammelt. Aber ihr Vater will das Haus, das sie nur in Begleitung aufsuchen können, nicht verkaufen.
In der brandenburgischen Provinz trifft Isabell im Sommer auf die in der Nähe von dem elterlichen Wochenendhaus lebende Anja (Saskia Rosendahl). Sie ist eine alleinerziehende Nachbarin, die von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit hüpft und sich kaum um ihre Tochter Greta kümmern kann. Das Kind verbringt ihre Freizeit mit einigen etwas älteren Jungen, die sich wie vorpubertäre Halbstarke benehmen. Nachdem Anja aus einer Kantine entlassen wurde, nimmt sie eine Arbeit auf einer Bowlingbahn an.
Isabell ist außerdem mit einem nur französisch sprechendem Architekten (Joah, das ist Berlin. Da lebt man seit Ewigkeiten in der Stadt und lernt weder berlinerisch noch deutsch, weil es auch ohne geht.) verheiratet. In ihrer Ehe kriselt es. Irgendwie. Sie werfen sich in der zweiten Filmhälfte vor, wer wann ein Kind wollte oder nicht wollte. In jedem Fall sind sie nicht mehr so verliebt, wie am ersten Tag. Mehr ist nicht geklärt und wird in dem Drama auch nicht wirklich geklärt.
Aus diesen Szenen entwickelt sich letztendlich für alle Figuren eine milde, mehr diffuse als definitive Neubestimmung ihres Lebens, präsentiert mit vielen Andeutungen und Leerstellen, die fast beliebig gefüllt werden können.
Weitere Interpretationsmöglichkeiten eröffnen sich mühelos, wenn man erfährt, dass Isabells Eltern von Ina Weisses Eltern gespielt werden.
Das ist gut gespielt, feinfühlig inszeniert, aber auch erschreckend ziellos. Am Ende hatte ich nicht das Gefühl, einen Film mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende gesehen zu haben. Stattdessen war es eher, als hätte man mir einige Seiten aus Tagebüchern gegeben. Deshalb ist das Schlussbild nicht das Ende einer Erzählung, sondern einfach nur ein schönes, friedliches und harmonisches Bild ohne weitere Bedeutung.
Zikaden (Deutschland 2025)
Regie: Ina Weisse
Drehbuch: Ina Weisse
mit Nina Hoss, Saskia Rosendahl, Vincent Macaigne, Thorsten Merten, Inge Weisse, Rolf Weisse
LV: Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, 2002 (aktualisierte Neuausgabe unter „Kursk“)
Angenehm unpathetische Rekonstruktion der Tragödie der „Kursk“. Im August 2000 explodiert in dem russischen U-Boot ein Torpedo. Die meisten Besatzungsmitglieder sterben sofort. 23 Männer überleben die Explosion und kämpfen anschließend um ihr Leben, während die Rettungsaktionen erschreckend langsam anlaufen und das russische Militär internationale Hilfe ablehnt.
mit Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, August Diehl, Max von Sydow, Colin Firth, Bjarne Henriksen, Magnus Millang, Artemiy Spiridonov, Joel Basman, Matthias Schweighöfer, Pernilla August, Martin Brambach
1974 erschien ein Roman, der zum Bestseller wurde.
Die Verfilmung startete in den US-Kinos am 20. Juni 1975.
Der deutsche Kinostart war am 18. Dezember 1975.
Der Rest ist Geschichte, die am Donnerstag, den 19. Juni, in wichtigen Teilen auf Kabel 1 in einem Rutsch nachgeholt werden kann: um 20.15 Uhr zeigt der Sender „Der weiße Hai“ (USA 1975) (Pflicht), um 23.00 Uhr die brandneue Doku „Inside Der weiße Hai“ (Deutschland 2025) (Kür – oder diese Doku), um 23.55 Uhr „Der weiße Hai II“ (USA 1978) (wir begeben uns in die Jagdgefilde der Komplettisten), um 02.05 Uhr „Der weiße Hai III“ (USA 1983) und, zum Abschluss, um 03.45 Uhr „Der weiße Hai IV“ (USA 1987).
Ach, da fällt mir ein: irgendwo liegt bei mir der Roman zum Film „Jaws II“ (yep, das Original) herum.
LV: Olen Steinhauer: All the old knives, 2015 (Der Anruf)
Vor acht Jahren endete in Wien eine Flugzeugentführung mit dem Tod von allen hundertzwanzig Passagieren. Jetzt soll CIA-Agent Henry Pelham herausfinden, ob seine damalige Kollegin und Freundin Celia Harrison (im Buch Favreau) den Entführern entscheidende Informationen gab. Sie treffen sich in einem Restaurant zu einem Abendessen.
Dialoglastiger Agententhriller, schön gefilmt, top besetzt, aber auch nur überschaubar spannend.
mit Chris Pine, Thandiwe Newton, Laurence Fishburne, Jonathan Pryce, Corey Johnson
Chiemgau, Mai 1956: in der Scheune eines armseligen Bauernhofs werden die verbrannten Leichen des Bauern und seiner Frau gefunden. Vor ihrem Tod wurden sie gefoltert und mit Benzin übergossen. Kommissar Manfred Mehringer und seine Kollegen fragen sich, wer das Ehepaar warum ermordete. Ein Raubmord scheidet aus, weil sie nichts besaßen und das sogar ein Blinder erkannt hätte. Mehringers Kollegen verdächtigen sofort die herumziehenden Zigeuner (die wurden damals so genannt). Beweise, außer ihrem Bauchgefühl, dass immer das herumfahrende Volk für Diebstähle, Laster und Mord verantwortlich ist, brauchen sie nicht.
Zur gleichen Zeit erfährt in Frankfurt am Main der Journalist Holger Seiffert, dass im Chiemgau ein ehemaliger SS-Offizier und Kriegsverbrecher untergetaucht ist. Nachdem auf einen in den Fall involvierten Rechtsanwalt ein Anschlag verübt wurde und eine Zeugin ermordet wurde, macht Seiffert sich auf den Weg in die bayerische Provinz. Er hofft auf eine große Story.
In seinem neuen Kriminalroman „Die Vergangenheit kennt kein Ende“ erzählt Wolfgang Schweiger gewohnt kurz auf unter 220 Seiten eine spannende, wendungsreiche Geschichte mit einem unvorhersehbarem, aber schlüssigem Ende. Denn die im Verdacht stehenden Sinti und Roma haben das Ehepaar selbstverständlich nicht getötet. Der wahrscheinlich wahre Täter ist dagegen ein Alt-Nazi, dessen Identität lange unklar ist. Das Motiv ist lange ebenso unklar.
Schweiger erzählt diese Mörderjagd, indem er souverän zwischen den einzelnen Erzählsträngen wechselt und dabei elegant viele Informationen über das damalige Stadt- und Landleben elf Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur und den bundesdeutschen Umgang mit der Nazi-Vergangenheit einstreut.
Damals wurde die Nazi-Vergangenheit kollektiv beschwiegen. Erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem und, ab 1963, dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess änderte sich das.
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Wolfgang Schweiger: Die Vergangenheit kennt kein Ende
Drehbuch: Dudley Nichols (basierend auf einer Geschichte von Barney Slater und Joel Kane)
Früher arbeitete Morg Hickman als Sheriff. Inzwischen ist er ein Kopfgeldjäger. In einem Dorf hilft er dem jungen und unerfahrenen Ortsheriff Ben Owens bei einer Festnahme. Anschließend bittet dieser ihn um Hilfe und Morg wird Bens Lehrer.
Selten gezeigter Western-Klassiker.
Das Drehbuch war für einen Oscar nominiert. Der Film für einen BAFTA.
Anschließend, um 21.45 Uhr, zeigt Arte die knapp einstündige Doku „Krieg und Show – Die Schlacht am Little Bighorn“ (USA 2018).
mit Henry Fonda, Anthony Perkins, Betsy Palmer, Michael Ray, Neville Brand, Lee Van Cleef
Früher als gewohnt, weil Arte den Film im hellen Licht des Nachmittags zeigt
Arte, 13.45
Warte, bis es dunkel ist (Wait until dark, USA 1967)
Regie: Terence Young
Drehbuch: Robert Carrington, Jane-Howard Carrington
LV: Frederick Knott: Wait until dark, 1966 (Theaterstück)
Spannendes, auf einem erfolgreichen Theaterstück basierendes Duell zwischen einer Blinden und einem Killer und seinen Komplizen, die in ihrer Wohnung eine mit einem wertvollen Inhalt gefüllte Puppe suchen.
Nach diesem Film zog Audrey Hepburn sich, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, fast zehn Jahre vom Filmgeschäft zurück und zog ihre Kinder groß. Ihr nächster Film war Richard Lesters Robin Hood-Abgesang „Robin und Marian“ (mit Sean Connery).
Terence Young inszenierte einige der besten James-Bond-Filme.
Frederick Knott schrieb auch die Bühenvorlage für Alfred Hitchcocks „Bei Anruf Mord“ (Dial M for Murder, 1954).
Die Musik ist von Henry Mancini.
Mit Audrey Hepburn, Alan Arkin, Richard Crenna, Efrem Zimbalist Jr., Jack Weston, Samantha Jones
Wiederholung: Montag, 23. Juni, 14.00 Uhr
Hinweise
Arte über den Film (der nach der Ausstrahlung auch in der Mediathek ist und nach Einbruch der Dunkelheit angesehen werden kann)
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
Nur aus Gefälligkeit und wegen seiner Großmutter kümmert Wirtschaftsanwalt Rob Bilott („Hulk“ Mark Ruffalo; grandios!) sich um das Problem des aus ihrem Heimatort Parkersburg, West Virginia, kommenden Farmers Wilbour Tennant. Er glaubt, dass sein Vieh von DuPont vergiftet wird. Bilott sieht sich die Akten an – und wird zum schlimmsten Alptraum des Chemiegiganten. Denn DuPont stellt in der Anlage in der Nähe von Tennants Grundstück die krebserregende Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA) her. Sie ist ein Bestandteil der Teflonpfanne.
Grandioser Justiz- und Wirtschaftssthriller, der einen wahren David-gegen-Goliath-Kampf erzählt.
Zwei Companeros (Vamos a matar companeros, Italien/Spanien/Deutschland 1970)
Regie: Sergio Corbucci
Drehbuch: Dino Maiuri, Massimo De Rita, Fritz Ebert, Sergio Corbucci
Während der mexikanischen Revolution will „Der Schwede“ Petersen einen Safe knacken. Weil er den Safe nicht knacken kann, will er den von den Amerikanern gefangen gehaltenen Professor Xantos, der die Kombination des Safes kennt, befreien. Und schon ist er, zusammen mit dem revolutionär gesinntem Basken, mitten im Revolutionsgetümmel.
Selten gezeigter Italo-Western, der nie als ernsthafter Beitrag zur politischen Bildung gedacht war.
Gezeigt wird die fast zweistündige Originalfassung. In den deutschen Kinos lief damals eine um 18 Minuten auf 100 Minuten gekürzte, von Rainer Brandt schnoddrig synchronisierte Fassung.
Die Musik ist von Ennio Morricone.
mit Franco Nero, Tomas Milian, Jack Palance, Fernando Rey, Iris Berben, Francisco Bodalo, Karin Schubert
auch bekannt als „Laßt uns töten, Companeros“ (ursprünglicher Kinotitel)
Helsinki ist nicht nur mit 664.000 Einwohnern die größte Stadt Finnlands, die Hauptstadt des Landes und Geburtsort der Schauspielerin Kati Outinen, sondern auch der Ort, in dem vom 30. Juli bis zum 1. August 1975 eine Konferenz stattfand, die jetzt in dem Dokumentarfilm „Der Helsinki Effekt“ nachgezeichnet wird und die für Studierende der Internationalen Beziehungen ein entscheidendes Datum im Ost-West-Konflikt ist. Es ist so bedeutend, dass dtv in seiner schon lange nur noch antiquarisch erhältlichen Reihe „20 Tage im 20. Jahrhundert“ einen Band danach betitelte: „Helsinki, 1. August 1975 – Entspannung und Abrüstung“.
Trotzdem kokettiert der finnische Dokumentarfilmer Arthur Franck, Regisseur von „Der Helsinki Effekt“, mit einer anderen Erklärung für seinen Film: „ Im Herbst 2021 begann ich, nach Ideen für einen neuen Film zu suchen. Ich wollte das Konzept erforschen, einen Film ohne einen einzigen Drehtag zu drehen, also nur mit Hilfe von Archiven. Und was die Fernsehbilder angeht, so war das Ereignis in der finnischen Geschichte, über das am meisten berichtet wurde, die Schlussphase der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die im Sommer 1975 in Helsinki stattfand.
Der Gedanke, einen Film über die KSZE zu drehen, erschien mir so unendlich langweilig, dass ich das Gefühl hatte, das könnte eine interessante Herausforderung sein. Und… das war es auch. (…)
Mein Ziel war es, einen Film über ein scheinbar langweiliges Thema zu machen, der unterhaltsam, überraschend und sogar lustig ist.“
Dafür konnte Franck auf die damals vom finnischen Fernsehen gemachten, 240 Stunden umfassenden Aufnahmen und auf die bereits vor über 20 Jahre veröffentlichten, aber nie öffentlich genutzten detailierten Protokolle von Hintergrundgesprächen der Staats- und Regierungschefs zurückgreifen. Diese nur schriftlich vorhandenen Gespräche erweckte Franck mit KI-Stimmen zum Leben. Das verrät er auch im Film. Trotzdem bleibt es ein überflüssiger Gimmick. Ein oder mehrere Sprecher hätten das genausogut erledigen können.
Dieses Material kompilierte Franck zu einem humoristisch gefärbtem Dokuessay, das die jahrelangen Vorbereitungen für die Konferenz (kürzer) und die ziemlich unspektakulären Tage in Helsinki (länger) nachzeichnet. Denn das Ringen um einzelne Formulierungen fand, wie immer bei internationalen Verhandlungen und Konferenzen, hinter verschlossenen Türen statt. Die Reden der Politiker, die nach einem vorher festgelegtem Plan erfolgten, und die feierliche Unterzeichnung der Schlussakte der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) fanden dann in der Öffentlichkeit statt. In seinem Voice-Over nimmt er dann die Rolle eines naiven Beobachters ein, der das Geschehen immer wieder umgangssprachlich kommentiert.
Für eine über die Nachkriegsgeschichte vollkommen uninformierte Person ist der Film sicher eine gute, sehr allgemeine Einführung in das Thema. Alle anderen werden in dem amüsanten Panoptikum vieles vermissen. Der Fokus auf diese drei Tage in Helsinki und der Verzicht auf Interviews mit Zeitzeugen und Experten führt zu einer verengten und oberflächlichen Darstellung. Anstatt in die Tiefe des Ost-West-Konflikts zu gehen, den Vertrag und die unterschiedlichen und gemeinsamen Interessen der einzelnen Parteien zu analysieren und nachzuzeichnen, wie diese Konferenz das Weltgeschehen beeinflusste, bleibt es bei gelanweilt vor sich hin dösenden Politikern und ratlos an die Decke starrenden Journalisten.
Durch die reine Zusammenstellung der in der Öffentlichkeit vor Kameras stattfindenden Ereignisse kann Franck dann auch nicht zeigen, wie solche Konferenzen im Detail ablaufen und – auch wenn er es in seinem Fazit der Konferenz und der damit verbundenen Erklärung des titelgebenden Helsinki-Effekts sagt – was der große Gewinn solcher internationaler Konferenzen ist. Es ist die Diskussion miteinander und das gemeinsame Ringen um Lösungen. Das Ziel ist dabei weniger die feierlich vorgestellte Abschlusserklärung, sondern der Dialog vor und nach der Konferenz. Und die Hoffnung, dass Entwicklungen hin zu einer besseren Welt angestoßen werden. In diesem Fall setzte die Helsinki-Schlussakte eine Dynamik in Gang, die zum friedlichen Ende des Kalten Krieges beitrug.
Oder in den Worten von Arthur Franck: „Diplomatie ist eine wunderbare Sache, aber sie ist chaotisch, hart und komplex – genau wie das Leben selbst.
Sie ist jedoch wahrscheinlich das Beste, was wir Menschen je erfunden haben – und sie ist alles, was wir haben.
Für mich ist dies also ein Film über Hoffnung – und er zeigt die Mechanik, die Anatomie des diplomatischen Prozesses. Denn ich denke, es ist wichtig, die Menschen daran zu erinnern, wie es tatsächlich aussieht, wenn eine bessere Zukunft geschaffen wird. (…)
Der Film veranschaulicht, wie wir in der Vergangenheit immens komplizierte Probleme lösen konnten – durch Diplomatie. Und hoffentlich kann diese Geschichte als Inspiration dienen und uns ermutigen, den Weg der Diplomatie weiter zu gehen.“
Setzen wir uns also hin mit einer Tasse Kaffee und beginnen das Gespräch.
Der Helsinki Effekt(The Helsinki Effect, Finnland/Deutschland/Norwegen 2025)
Regie: Arthur Franck
Drehbuch: Arthur Franck
mit Leonid Breschnew, Henry Kissinger, Alexander Solschenitsyn, Gerald Ford, Urho Kekkonen
und Bjarne Mädel (Erzähler in der deutschen Fassung) und Arthur Franck (Erzähler in der Originalfassung)
Das kleine mehr bemühte als begnadete Kammerorchester von Reykjavik kann sein Glück nicht fassen. Sie haben soeben den Klassik-Jackpot gewonnen. Denn kurz nachdem dem Ensemble gesagt wurde, dass es für sie im nächsten Haushaltsjahr keine staatliche Förderung mehr geben werde, verkündet der weltberühmte Cellist Klemens, dass er nach Jahrzehnten weltweiter erfolgreicher Konzerttätigkeit wieder nach Island zurückkehren will. Die Leiterin des Ensembles ruft ihn via Video-Call an und der Star erklärt sich sofort bereit, Mitglied in ihrem Ensemble zu werden.
Aber schon bei den ersten Proben erfahren die Musiker, dass er jede Frau als Freiwild betrachtet. Schnell ahnen sie, dass er nicht freiwillig nach Island zurückkehrte, sondern dass niemand mehr mit ihm zusammen arbeiten will.
Trotzdem studieren sie ihr Programm ein. Und sie freuen sich auf die Premiere. Endlich dürfen sie vor einem vollen Haus spielen und alle Menschen, die auf der kleinen Insel wichtig sind, werden da sein.
Dummerweise erstickt Klemens kurz vor dem Auftritt an einer Zwetschge. Das Klassik-Ensemble, das ihn vor wenigen Minuten am liebsten noch eigenhändig umgebracht hätte, beginnt zu improvisieren. Wie schon der Trailer verrät, geben sie das Konzert in dem baufälligen Konzertsaal mit dem toten Cellisten, der für diesen Auftritt noch einmal zum Leben erweckt wird. Bis ein weiteres, dieses Mal sehr blutiges und im Trailer nur angedeutetes Unglück geschieht.
In seinem Spielfilmdebüt erzählt Sigurjón Kjartansson, der davor etliche Bücher für TV-Serien schrieb, Showrunner und Schöpfer von TV-Serien war und auch einige TV-Serienepisoden inszenierte, eine kleine schwarzhumorige Schnurre, in der es um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht und die die Eitelkeiten und Nöte des Klassikbetriebs liebevoll aufspießt. Im dritten Akt entsteht der Witz aus der absurden Situation, in der sich das grundsympathische Ensemble und ihre ebenso sympathischen Verbündeten befinden beim Geben des Konzerts mit dem toten Cellisten als mitmusizierendes Ensemblemitglied. In diesem Moment spielen sie perfekt zusammen.
Die Spannung entsteht bei „Der letzte Takt“ aus der Frage, wie die netten klassischen Musiker mit heiler Haut aus der Geschichte kommen, die einen katastrophalen, hr leben verändernden Höhepunkt hat.
Edward Drake inszenierte sieben der letzten Filme von Bruce Willis. Es sind freudlose Verschwendungen von Filmmaterial, die kein Mensch braucht und bei denen sich beim Ansehen nur die Frage stellte, wie grottenschlecht der Film ist. Gepaart mit der traurigen Erkenntnis, dass es immer noch schlechter geht.
Einige Kritiker nannten ihn den amerikanischen Uwe Boll. Das ist ein griffiger, aber irreführender Vergleich. Denn Drakes Filmverbrechen, wie „Cosmic Sin“, sind schlechter als jeder Film, den ich von Uwe Boll gesehen haben. Und ich habe einige gesehen.
Nachdem Bruce Willis, der aus gesundheitlichen Gründen 2022 seine Schauspielkarriere beendete, für solche Werke nicht mehr zur Verfügung steht, füllt Komiker Kevin James jetzt mit ähnlich stoischer Miene und maximaler Ausdruckslosigkeit in Drakes erstem Post-Bruce-Willis-Film die Lücke. Seine Actionszenen sind ähnlich arm an echter Action. Stattdessen wartet er ab, bis der Gegner in seine Faust hineinläuft. Und das tun sie oft.
Er spielt den Ex-Polizisten Ray Haynes. Seit sechs Jahren arbeitet der verheiratete Familienvater in New Jersey als Schuldeneintreiber für die Mafia. Jetzt hat er genug Geld zusammen, um seiner Frau ihren großen Wunsch zu erfüllen. Die Mutter seiner Kinder will unbedingt ein familienfreundliches Diner betreiben.
Aber Lonny Costigan (Timothy V. Murphy), der neue Boss, hat andere Pläne – und schon läuft in einer Nacht alles etwas aus dem Ruder. Zum Glück verfügt Rays Frau Audrey (Christina Ricci) über Talente, die im Film im Finale überraschend kommen. Im Trailer werden sie bereits verraten. Als weibliche Version von John Wick verkloppt und tötet sie die Bösewichter in einer einzigen Gewaltorgie, während ihre Kinder staunend zusehen.
Die von Drake erfundene und inszenierte Geschichte ist nicht mehr als eine ambitionslose, sinnfreie und überaus zähe Aneinanderreihung bekannter Klischees. Die Schauspieler sagen die im Drehbuch stehenden Sätze lustlos auf. Humor und Ironie, die eine solche Klischeeparade erträglich machen könnten, gibt es nicht. Noch nicht einmal unfreiwilligen Humor. Gewalt wird, mal wieder, als Lösung für Probleme verkauft. Das fertige Werk ist dann nicht Drakes schlechtestes Werk – das dürfte „Cosmic Sin“ sein -, aber viel besser ist es nicht.
In „Guns up“ ist alles so überwältigend uninteressant, dass noch nicht einmal Trash-Fans auf ihre Kosten kommen.
Guns up (Guns up, USA 2025)
Regie: Edward Drake
Drehbuch: Edward Drake
mit Kevin James, Christina Ricci, Luis Guzman, Melissa Leo, Timothy V. Murphy
Wer jetzt wegen dem Wort „Manga“ und der damit verbundenen Befürchtung, dass jetzt eines dieser sich auf viele Bände erstreckendes Epos vorgestellt wird, desinteressiert abwinken will, sollte unbedingt weiter lesen.
Denn Juoku Kawakami erzählt in „Furcht“, wie der Untertitel verrät, „Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“. Es sind voneinander unabhängige, in sich abgeschlossene Kurzgeschichten, die meistens nur wenige Seiten umfassen. Die längste hat fast sechzig Seiten. Die kürzesten keine zehn Seiten. Normalerweise sind sie so um die zwanzig Seiten und sie leben von der dichten Verbindung zwischen Text und Bild.
Die Protagonisten sind junge Menschen. Die Geschichten spielen, wie die auf der Straße getragenen Masken zeigen, während der Corona-Pandemie. Und es wird viel Zeit in der eigenen Wohnung und vor verschiedenen Bildschirmen verbracht. Aus ihnen und via Apps schleicht sich dann das Grauen in die Wohnung und in das Leben der jungen Menschen.
Immer wieder entwickelt in Juoku Kawakamis fantastischen Geschichten die Technik ein bedrohliches Eigenleben. Geister und Monster sind sehr real.
In „Sugardaddy“, der längsten Geschichte und gleichzeitig die erste Geschichte des ersten „Furcht“-Bandes, lernt ein Mädchen via App einen Sugardaddy kennen, der ihr Geld gibt, um ihr seine Geschichte zu erzählen. Nicht einmal oder zweimal, sondern immer wieder und, wie ein Geist, wird sie ihn nicht los. Er kommt immer wieder.
In einer anderen Geschichte entdeckt eine Schülerin in einer App, die sie beim Tanzen aufnimmt, im Hintergrund einen seltsamen tanzenden Schatten. Dieser Schatten ist allerdings keine Fehlprogrammierung, sondern etwas viel bedrohlicheres.
Bei einer Online-Party für die neue Kollegin ist das Bild eines Teilnehmenden nicht erkennbar. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein normales technisches Problem, aber Shinada-San ist nur auf dem Bildschirm der neuen Kollegin zu sehen und keiner ihren neuen Kollegen kennt ihn.
Ein anderes Mal fragen sich zwei Mädchen, woran sie einen Geist erkennen können: daran, dass er keine Maske trägt – oder an etwas anderem?
In „Retro“ entdeckt ein Geschwisterpaar im Haus ihres verstorbenen Großvaters eine alte Kamera, einen Film in der Kamera und, versteckt im Dachboden, eine menschenähnliche Puppe.
In mit einem KI-Bildgenerator erzeugten Bildern taucht immer wieder ein seltsam grinsender Mann auf. Einige Freunde wollen herausfinden, wie es dazu kommt.
In weiteren Horrorgeschichten geht es um eine Einschlaf-App mit furchtbaren Nebenwirkungen, eine Dating-App, die sich nicht löschen lässt und um einen wie eine deformierte Halloween-Maske aussehender Neujahrs-Sticker. Er sollte nicht gekauft werden. Die sich in verschiedenen Wohnungen aufhaltenden Freunde tun es in der Silvesternacht dennoch.
Und einmal entwickelt ein Staubsaugerroboter ein gruseliges Eigenleben.
Inzwischen sind die ersten beiden Bände des von Juoku Kawakami geschriebenen und gezeichneten Manga auf Deutsch erschienen. Der erste Band enthält sechs Geschichten. Der zweite Band letztendlich elf Geschichten, weil die als „Kurzgeschichte“ und „Reportage“ betitelten Comics zwei weitere, jeweils fünfseitige Horrorgeschichten sind.
Der dritte Band ist für August angekündigt.
Es sind zwar nur Horrorkurzgeschichten, aber am Ende könnte dann doch ein mangatypisches vielbändiges Werk im Regal stehen. Denn warum sollte Kawakami nach drei Bänden aufhören?
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Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1
(übersetzt von Gregor Wakounig)
Panini Manga, 2025
200 Seiten
8,99 Euro
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Originalausgabe
Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1
Shogakukan, 2025
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Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2
In den Sommerferien langweilt sich der 14-jährige Maik in Berlin-Marzahn allein im elterlichen Haus. Da schlägt ihm sein neuer Klassenkamerad Tschick, ein russischer Spätaussiedler, vor, gemeinsam im geklauten Lada in die Walachai zu fahren. Doch zuerst geht die reichlich planlose Fahrt durch die benachbarten Bundesländer.
mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter
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Die Vorlage
zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.
Wolfgang Herrndorf: Tschick
rororo, 2016
272 Seiten
9,99 Euro
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Das Drehbuch
selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin
Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch
Rowohlt E-Book, 2016
60 Seiten(Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)