Biopic über den Multimillionär Howard Hughes und sein Leben in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Gut gespielt, liebevoll ausgestattet, straff erzählt mit einem Blick auf die dunklen Seiten des Porträtierten, aber von Scorsese erwarte ich mehr.
Denn letztendlich ist „Aviator“ Ausstattungskino.
Danach, um 23.00 Uhr, zeigt Arte die 53-minütige Doku „Martin Scorsese – Von Little Italy nach Hollywood“ (Frankreich 2023).
Mit Leonardo DiCaprio, Cate Blancett, Kate Beckinsale, John C. Reilly, Alan Alda, Jude Law, Alec Baldwin, Alan Alda, Ian Holm, Danny Huston, Gwen Stefani, Willem Dafoe
Nein, Senta Berger ist nicht Inge Birkmann. Aber nach Simon Verhoevens neuem Film „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ glaubt man es. Auch, dass Senta Berger in einem „Derrick“-Krimi mitspielte. Das tat sie nie. Sie spielte als Gaststar in „Solo für O.N.C.E.L.“ und „Ihr Auftritt, Al Mundy“ mit. Inge Birkmann dagegen spielte in mehreren „Derrick“-, „Der Kommissar“- und „Der Alte“-Folgen mit. Vor allem spielte sie Theater. Von 1968 bis 1979 unterrichtete sie auch an der Otto-Falckenberg-Schule Schauspiel.
Auf diese Schule bewirbt sich Joachim Meyerhoff Ende der achtziger Jahre. Er zieht aus Norddeutschland nach München und kommt bei seinen Großeltern, der schon erwähnten Inge Birkmann und ihrem Ehemann, dem Philosphieprofessor Hermann Krings, unter. Diese führen zu dem Zeitpunkt in ihrer Villa ein gut eingespieltes Leben zwischen Außenstehende teils seltsam anmutenden Routinen und erhöhtem Alkoholkonsum, der über den ganzen Tag verteilt wird. Meyerhoff bewirbt sich an der Otto-Falckenberg-Schule. Er wird genommen und veröffentlichte 2015 seinen semiautobiographischen Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, den Senta Bergers Sohn Simon Verhoeven jetzt verfilmte und dabei die Grenzen zwischen realer Biographie, Meyerhoffscher Autofiktion und eigener Erfindung weiter verwischte.
In dem fast hundervierzigminütigem Film pendelt die Filmgeschichte, ungefähr zu gleichen Teilenm, zwischen Joachims gemeinsamen Abenden mit seinen Großeltern und seiner Ausbildung zum Schauspieler, die er betont unlustig angeht. Er erscheint unvorbereitet zur Aufnahmeprüfung, verweigert später durchgehend die Mitarbeit und wird doch weiter gefördert, weil seine Lehrer in diesem jungen Mann, dem der begehrte Platz an der Schauspielschule anscheinend vollkommen egal ist, ein außerordentliches Talent erblicken. Die Schauspielausbildung verkommt zu einer anekdotischen, schnell langweilenden Abfolge von Improvisationsübungen, in denen sie eine Nudel darstellen sollen oder eine Rolle wie ein Nilpferd spielen sollen. Das mag für einen Lacher gut sein und das sind auch genau die Anekdoten, die man als Studierender seinen nicht studierenden Schulfreunden in der Provinz beim Bier in der Kneipe erzählt. Aber diese Anekdoten verraten nichts über die Ausbildung zum Schauspieler, verschiedene Auffassungen vom Schauspiel und dem Umgang mit verschiedenen Interpretationen von klassischen und modernen Stücken. Sie verraten auch nichts über die bei einem Studium vorhandenen Zweifel und dem Scheitern an Aufgaben, die man später meistert. Seine Mitstudierenden, die ungleich engagierter an die Ausbildung herangehen und die seine Konkurrenten sind, bleiben austauschbare Staffage. Da wäre in der Zeit, die wir im Film mit ihnen verbringen, mehr drin gewesen.
Gelungener sind Joachims Erlebnisse bei seinen Großeltern, die als seit Ewigkeiten gut aufeinander eingespieltes Ehepaar ihre Rituale pflegen. Dazu gehört vor allem der Konsum von Alkohol und das Ausstellen ihrer allumfassenden Bildung. Das ist vergnüglich, teils sogar lehrreich und ist auch für einige Lacher gut. Aber irgendwann erschöpft es sich in dem „Noch ein Glas. Prösterchen“-Trinkritual vor, während und nach dem gemeinsamen Fernsehabend und der Lebensberatung für ihren jugendlichen Gast.
Als rudimentäre Klammer kann „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ als eine Entwicklungsgeschichte gesehen werden. Am Filmanfang wird Joachims Bruder beerdigt. Er ist von diesem plötzlichen Tod erschüttert, zieht ans andere Ende von Deutschland und beginnt ein Studium, das möglichst weit von den Wünschen seiner Eltern entfernt ist. Am Filmende verarbeitet Joachim diesen Tod, der während des gesamten Films keine Rolle spielte, und er wird schwuppdiwupp zum Schauspieler. Das gelingt ihm, indem er vor seinen Mitstudierenden herzergreifend einen Song singt, der bis dahin in der Filmgeschichte nicht weiter wichtig war, der aber für ihn und seinen Bruder wichtig war. Er muss auch von seinen Großeltern Abschied nehmen. Kurz: er wird vom Kind zum Mann.
Diese irgendwann in den späten achtziger, frühen neunziger Jahren in einem mentalem Vor-Mauerfall-Westdeutschland spielende Entwicklungsgeschichte ist allerdings vergraben unter Kurzauftritten bekannter Schauspieler und unzähligen Anekdoten, über die man nach dem Film redet. Das ist für 137 Filmminuten einfach zu wenig.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (Deutschland 2026)
Regie: Simon Verhoeven
Drehbuch: Simon Verhoeven
LV: Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, 2015
mit Senta Berger, Bruno Alexander, Michael Wittenborn, Laura Tonke, Devid Striesow, Katharina Stark, Tom Schilling, Johann von Bülow, Moritz Treuenfels, Victoria Trauttmansdorff, Anne Ratte-Polle, Friedrich von Thun, Karoline Herfurth
Als „Woodwalkers“ Ende Oktober 2024 in die Kinos kam, waren schon zwei Dinge bekannt. Es würde eine Fortsetzung geben und sie würde von einem anderen Regisseur inszeniert werden. Nämlich nicht mehr Damian John Harper, sondern von Sven Unterwaldt. Das ist nur auf den ersten Blick eine große Änderung. Denn Arthaus-Regisseur Harper inszenierte einen Fantasy-Film für ein junges Publikum. Es war also ein Film für die Harry-Potter-Fangemeinde und nicht für die Fans seiner vorherigen Filme.
Sven Unterwaldt ist bekannt für die beiden „7 Zwerge“-Filme mit Otto Waalkes, „Catweazle“ (ebenfalls mit Otto) und den zweiten und dritten Film der „Die Schule der magischen Tiere“-Reihe. Damit ist er schon auf den ersten Blick der passendere Regisseur für einen sich vor allem an Kinder richtenden Film.
In „Woodwalkers“, dem Auftakt der auf der für junge Leser geschriebenen Bestseller-Reihe von Katja Brandis basierenden geplanten Film-Trilogie, lernten wir Carag kennen. Er war an der Clearwater High der neue Schüler. In dieser malerisch in den Bergen von Wyoming gelegenen Schule werden ausschließlich Kinder unterrichtet, die ihre Gestalt in ein Tier verwandeln können. Auch Carag ist so ein Gestaltwandler. Er ist zugleich Mensch und Puma.
In „Woodwalkers 2“ wird die Geschichte von Carag und seinen Freunden Brandon, Holly und Lou weitererzählt. Im Hauptplot geht es um den Wahlkampf von Carags früherem Mentor Andrew Milling, einem Gestaltwandler, vermögendem Tech-Impresario und Bösewicht der Geschichte. Jetzt kandidiert er als Gouverneur. Schon vor seinem Wahlsieg hat er dem zwielichtigem Geschäftsmann Tucker Jones versprochen, dass er später den für die Gestaltwandler als Lebensraum wichtigen Wald zum Abholzen erhält.
Neben diesem immer wieder an den Rand gedrängtem Hauptplot gibt es für jede Figur mindestens einen größeren Nebenplot. Das verleiht dem Fantasy-Film dann die Dynamik einer Folge einer schon lange laufenden TV-Soap. Jede Figur spricht ein anderes Publikum an. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte. Und jede Geschichte ist am Ende der Episode mehr oder weniger abgeschlossen. Bis nächste Woche, in der neuen Folge der Serie, alle wieder aufeinander treffen.
In einem Spielfilm, auch wenn es sich um den Mittelteil einer Trilogie handelt, funktioniert das weniger. Der Hauptplot wird durchgehend ausgebremst. Immer, wenn es spannend oder interessant werden könnte, wird man mit nebensächlichen Nebenplots gelangweilt. Dabei böte der Hauptplot – Wahlkampf, schmutzige politische Geschäfte, der Kampf um den Erhalt der Natur und Carags kompliziertes Verhältnis zu seinem Mentor – genug Stoff für einen spannenden Film. Stattdessen erfahren wir mehr über seine Puma-Familie und die Probleme seiner Klassenkameraden und erleben längliche Besprechungen im Wald im Rat der Tiere.
Die Schauspieler – bei den Erwachsenen sind es unter anderem Oliver Masucci, Martina Gedeck, Hannah Herzsprung, Lucas Gregorowicz, Tom Schilling und Moritz Bleibtreu (konsequent im schmierigen Overacting-Bösewicht-Modus; was dann schon wieder lustig ist) – sind konsequent unterfordert. Tricks, Drehbuch und Dialoge sind, wie im ersten „Woodwalkers“-Film, bestenfalls zweckdienlich.
Der finale Teil der Trilogie ist für den 30. September 2027 angekündigt. Wer nicht so lange warten will, muss die Bücher von Katja Brandis lesen.
mit Emile Cherif, Oliver Masucci, Martina Gedeck, Lilli Falk, Johan von Ehrlich, Sophie Lelenta, Hannah Herzsprung, Moritz Bleibtreu, Tom Schilling, David Schütter, Olivia Sinclair, Emil Bloch, Lara Amelie Rosa, Lucas Gregorowicz, Luna Arwen Krüger, Johannes Degen
„Das ist nicht mehr unser Ben.“ Als bei Lucy Pinborough diese Erkenntnis wächst, paddeln sie, ihre College-Freundinnen und ihre Schwester bereits im Swimmingpool des einsam gelegenen Hauses auf Hawaii. Der Pool ist der einzige Ort, an dem sie vor dem extrem wasserscheuen Schimpansen sicher sind. Die Tollwut machte aus dem netten Haustier und Spielkameraden innerhalb weniger Stunden eine mordgierige Bieste.
Aber weil es, auch wenn „Primate“ deutlich unter neunzig Minuten ist, etwas langweilig wäre, die Jugendlichen die ganze Zeit im Swimmingpool ängstlich schreiend paddeln zu lassen, versuchen sie den Pool zu verlassen, verlassen ihn auch, holen sich eine Luftmatratze, an der sie sich festhalten können, versuchen ein Telefon zu erreichen und zu flüchten. Das alles ist leichter gesagt, als getan, sorgt aber für zahlreiche gute, oft äußerst schwarzhumorige Suspense-Szenen. Denn wenn eine von ihnen das Wasser verlassen hat, ist die Frage nicht ob, sondern wann sie Ben begegnet. Und ob sie die Begegnung überlebt.
Das Verhalten der Teenager ist dabei über weite Strecken genreüblich idiotisch. Aber Johannes Roberts inszenierte seinen B-Horrorfilm flott und mit einer mehr als ordentlichen Portion Gore.
Zum wohligen Gruseln trägt bei, dass Roberts den Mörderaffen Ben nicht am Computer animierte, sondern einen Menschen – Miguel Torres Umba und sein Stunt-Double Nadia Hansell – in ein Affenkostüm steckte. Diese Entscheidung, einen echten Schauspieler gegenüber den um ihr Leben kämpfenden Teenagern agieren zu lassen, Bens zunehmend furchterregend entstelltes Gesicht, seine Taten und dass es in dem Haus ziemlich dunkel ist, tragen zum Horror bei.
Für Horrorfilmfans, Unterabteilung Tierhorror, bietet „Primate“ kurzweilige neunzig Minuten.
Positiv hervorzuheben ist ein, bis auf das Finale, weitgehend unwichtiges Detail. Lucys Vater Adam ist taubstumm. Gespielt wird er von dem gehörlosen Schauspieler Troy Kotsur, der 2022 einen Oscar als bester Nebendarsteller für seine Rolle in „Coda“ erhielt. In „Primate“ unterhält er sich mit seinen Töchtern in der Zeichensprache. Gegenüber Menschen, die die Zeichensprache nicht verstehen, benutzt er einen Stift und einen Zettel. Seine Töchter antworten ihm ebenfalls in der Zeichensprache. Ihre gesamten Gespräche werden im Film untertitelt.
Das gibt präzise wieder, wie Menschen, die hören und sprechen können, mit Taubstummen reden. Denn es besteht, auch wenn es in Filmen oft so gemacht wird (und mich jedes Mal wahnsinnig nervt), keinerlei Notwendigkeit, dass eine Person, wenn sie sich in Zeichensprache mit einem anderen Menschen unterhält, das in Handzeichen gesagte laut wiederholt. Ebenso unsinnig ist es, dass sie aufsagt, was der Taubstumme ihr gerade mitteilt. Sie reden miteinander in einer Sprache, die sie beide verstehen. Unter ihnen ist keine Übersetzung nötig.
Im Finale, wenn Adam sein Haus betritt und er versucht herauszufinden, warum seine Töchter nicht auf seine Nachrichten reagierten, wird die Szene besonders furchterregend. Denn Adam kann nicht mit Geräuschen oder Schreien vor Ben gewarnt werden. Er hört auch nicht, wenn sich ihm jemand nähert.
Primate (Primate, USA 2025)
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Johannes Roberts, Ernest Riera
mit Johnny Sequoyah, Jessica Alexander, Troy Kotsur, Victoria Wyant, Gia Hunter, Benjamin Cheng, Charlie Mann, Tienne Simon, Miguel Torres Umba
Linda Liddle (Rachel McAdams) ist eine gute Angestellte. Im Umgang mit anderen Menschen ist sie etwas seltsam, um nicht zu sagen anstrengend und nervig.
Der neue Besitzer der Firma ist Bradley Preston (Dylan O’Brien). Von seinem verstorbenem Vater hat er jetzt das Firmenimperium übernommen. Seine Kompetenz als Chef beschränkt sich darauf, der oberflächliche, kapitalistische Dummkopf zu sein, dem bisher alles in den Schoß fiel. Er ist das komplette Gegenteil von Linda, die seit Jahren in ihrem Bereich Strategie und Planung exzellente, kaum bis überhaupt nicht gewürdigte Arbeit leistet.
Nach einem Flugzeugabsturz sind Linda und Bradley die einzigen Überlebenden. Immerhin bietet ihnen die malerische Südseeinsel alle Annehmlichkeiten, die die Natur einem bieten kann. Weil es keine anderen Menschen, Funkgeräte oder funktionierende Smartphones gibt, müssen sie abwarten, bis sie von einer Suchmannschaft entdeckt werden.
Bis dahin müssen Linda und Bradley miteinander auskommen und überleben.
Dabei ist Survival-Fan Linda die kompetene Person, die einen Unterstand baut, Essen besorgt und Bradley versorgt. In dem Moment liegt Bradley noch schwer verletzt am Strand. Später ist er auch keine große Hilfe.
Cineasten denken bei dieser Situation – zwei Menschen auf einer einsamen Insel und ein damit verbundener Wechsel der Machtverhältnisse – sicher an Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“ (der dritte Akt spielt auf einer Insel) und Lina Wertmüllers „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ (Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto, Italien 1974). Beide Filme sind ätzende Kritiken am Kapitalismus und den Geschlechterverhältnissen, die auf der Insel komplett umgedreht werden. Aber wie dauerhaft ist diese Veränderung? Und verändert sich wirklich etwas oder handelt es sich nur um einen kurzen Tausch der Herrschaftsverhältnisse?
Auch Linda entdeckt auf der Insel ungeahnte und verborgene Fähigkeiten, die sie beim äußerst blutigen Abschlachten eines sehr wilden Wildschweins demonstriert. In diesem und einigen weiteren Momenten zeigt sich Sam Raimis Vergangenheit als Horrorfilmregisseur.
Bis auf diesen und ein, zwei weitere blutige Szenen ist sein neuer Film vor allem ein psychologisches Drama und eine schwarzhumorige Satire. „Send help“ ist auch einer seiner kleinen Filme, wie „Ein einfacher Plan“ und „Drag me to Hell“, in denen er sich nicht darum kümmern muss, ob sie ein Multi-Millionen-Budget wieder einspielen. Sein neuester Horrorfilm ist sogar noch reduzierter als alle seine vorherigen Filme. Bis auf einige wenige Szenen, vor allem am Filmanfang, in dem er die beiden gegensätzlichen Hauptfiguren treffend und knapp charakterisiert, handelt es sich um ein kurzweiliges und ziemlich vergnügliches Zwei-Personenstück, das sich vor allem an einem malerischem Strand entfaltet. Die größte Gefahr für Linda und Bradley sind dabei nicht wilde Tiere oder zu wenig Essen und Trinken, sondern der Mensch mit seinen Wünschen, Zielen und Trieben zwischen Egoismus, gepaart mit einer guten Portion Rachsucht, und Altruismus.
Da verzeiht man gerne die erstaunlich schlechten Tricks beim Flugzeugabsturz und später auf der Insel das durchgehende Flair eines Studiodrehs.
P. S.: Sam-Raimi-Buddy Bruce Campbell ist nur auf einigen Fotografien zu sehen.
Send help(Send help, USA 2026)
Regie: Sam Raimi
Drehbuch: Damian Shannon, Mark Swift
mit Rachel McAdams, Dylan O’Brien, Edyll Ismail, Dennis Haysbert, Xavier Samuel, Chris Pang, Thaneth Warakulnukroh, Emma Raimi
Drehbuch: Richard Wenk (basierend auf der von Michael Sloan und Richard Lindheim erfundenen TV-Serie)
Als ihr Zuhälter eine junge Prostituierte brutal zusammenschlägt, beschließt Robert McCall, dem Schläger eine Lektion zu erteilen. Die Sache läuft dann aus dem Ruder.
Spannender Actionthriller, der nur sehr lose von der gleichnamigen TV-Serie inspiriert ist.
mit Denzel Washington, Marton Csokas, Chloë Grace Moretz, David Harbour, Haley Bennett, Bill Pullman, Melissa Leo, David Meunier, Johnny Skourtis, Alex Veadov
Es ist (k)ein einfacher Auftrag für die Journalistin Laura Warren. Für das britische Magazin „Zeppelin“ soll sie einen Bericht über die Dreharbeiten für eine Horrorfilmserie schreiben. Ein, zwei Impressionen vom Set, ein Interview mit der Hauptdarstellerin, eines mit dem Regisseur und fertig ist der hundertprozentig unkritische Artikel, der dann zum Start der Streamingserie erscheint.
Wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe, das Laura erst während des Flugs nach Los Angeles auffällt. Bei dem Film handelt es sich um das Remake eines inzwischen als Kultfilm gehandelten Slasherfilms aus den frühen neunziger Jahre. Seinen Status als Kultfilm verdankt „The Guesthouse“ vor allem dem Umstand, dass während und nach den Dreharbeiten alle Beteiligten unter seltsamen Umständen starben. Die Hauptdarstellerin des verfluchten Films, die damals siebenjährige Polly Tremaine, tauchte kurz darauf unter, siedelte nach England über und veränderte ihren Namen in Laura Warren.
Seit den damaligen Ereignissen war sie nicht mehr in Los Angeles. Schon während des Flugs bekommt sie eine Panickattacke. Kurz nach der Landung, auf dem Weg zu ihrem Hotel, sieht sie, wie sich ein Mann von einer Brücke stürzt. Und das ist erst der Anfang einer Reihe unnatürlicher Todesfälle.
Als sie in Verdacht gerät, die Mörderin zu sein, beginnt sie, ziemlich schnell begleitet von einem seltsamen Medium, das die Dreharbeiten begleiten soll, und ihrer jüngeren Schwester, die schon immer eine erfolgreiche Filmkarriere starten wollte, den Täter und den sie verfolgenden Dämon, den Needle Man, zu suchen. Ach ja, der Needle Man ist der Dämon aus dem Film.
In „Verbrenn das Negativ“ erzählt Josh Winning, souverän zwischen Horrorthriller und Rätselkrimi schwankend, eine spannende Geschichte. Denn selbstverständlich ist jeder verdächtig (auch die Protagonistin) und natürlich könnte es, immerhin handelt es sich um eine Horrorgeschichte, den Dämon wirklich geben. Winning streut die Verdachtsmomente geschickt, spielt dabei mit der Form des Horrorfilms und erwähnt und zitiert etliche Horrorfilme und Slasherfilme. Auch in höchster Not können die Figuren einen auf die aktuelle Situation passenden Horrorfilm erwähnen und so erklären, weshalb etwas eine vielversprechende Spur oder eine sehr dumme, um nicht zu sagen lebensgefährliche Idee ist. Sie tun es dann doch. Dazwischen gibt es noch etwas Hollywood-Klatsch und Informationen über das Drehen von Filmen.
All das streut Filmjournalist Winning (u. a. Radio Times, Den of Geek) locker in die Geschichte ein.
Das macht seinen 2023 für den Bram-Stoker-Award in der Kategorie „Superior Achievement in a Novel“ nomininierten Horrorthriller zu einer absoluten Leseempfehlung für alle, die einen spannenden Horrorthriller lesen wollen und keine Angst vor einer schlaflosen Nacht mit einem echten Pageturner haben.
Hochkarätig besetztes CIA-Biopic, das die Geschichte des Geheimdienstes zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den sechziger Jahren anhand des Lebens von Edward Wilson von der Spionageabwehr erzählt.
„Der gute Hirte“ war für mehrere renommierte Preise nominiert, wie den Oscar für die Ausstattung, und erhielt auch einige. Hauptsächlich für die Ausstattung und, auf der Berlinale, für das Ensemble.
Auch für den Edgar war Eric Roths Drehbuch nominiert. Den Preis der International Thriller Writers (ITW) als bester Thriller erhielt „Der gute Hirte“.
Und das fand ich dann doch ziemlich rätselhaft. Denn letztendlich ist Robert de Niros Film doch nur gut ausgestattetes, gut besetztes, ziemlich zähes Ausstattungskino.
Mit Matt Damon, Angelina Jolie, Alec Baldwin, Tammy Blanchard, Billy Crudup, Robert De Niro, Keir Dullea, Michael Gambon, Martina Gedeck, William Hurt, Timothy Hutton, Gabriel Macht, Joe Pesci, John Turturro
Nehmen wir uns noch schnell zwei Komödien vor, die bereits am Donnerstag anliefen. In der einen fühlen die Protagonisten sich im falschen Film. In dem anderen Film fühlen wir uns im falschen Film.
Dieser ist die „Lesbian Space Princess“. Science-Fiction-Filme, in denen ein strahlender, oft überaus wohlproportionierter Held die Welt und nebenbei das Universum rettet, haben wir schon einige gesehen. Auch Filme, in denen der Held viele fremde Welten besucht, kennen wir einige. In dem Animationsfilm von Leela Varghese und Emma Hough Hobbs werden zuerst einmal die Geschlechterverhältnisse auf den Kopf gestellt. Die Lesben sind die Guten. Die Straight White Maliens die Bösen. Und das gesamte Universum ist hundertfünfzigprozentig queer. Die Lesbian Space Princess ist am Filmanfang eine introvertierte, absolut nicht abenteuerlustige junge Prinzessin. Als ihre Freundin, die Kopfgeldjägerin Kiki entführt wird, beginnt für Prinzessin Saira das Abenteuer ihres Lebens. Denn sie muss ihre Freundin und die Ordnung des Universums retten.
Der auf der Berlinale 2025 mit dem Teddy-Award und dem 2. Platz beim Panorama-Publikumspreis ausgezeichnete Animationsfilm „Lesbian Space Princess“ ruht sich leider etwas zu sehr auf der konsequent umgesetzten Idee aus, die Geschlechterverhältnisse umzudrehen. Das sich dann entwickelnde Abenteuer folgt den bekannten Plotmodellen mit den bekannten Figuren; nur dass hier die Geschlechter vertauscht wurden und Frauen Frauen lieben. Das ist für einen Film für Erwachsene etwas zu eindimensional. Und an die richtet sich, wie ein Blick auf die FSK-16-Freigabe zeigt, das spaßige und überaus bunte Weltraumabenteuer.
In der französischen Komödie „Die progressiven Nostalgiker“ glauben die beiden Protagonisten, dass sie plötzlich im falschen Film sind. Michel (Didier Bourdon) und Hélène Dupuis (Elsa Zylberstein) leben 1958 in Frankreich in einer kleinbürgerlichen Bilderbuchvorstadt eine Vorzeigeehe. Er ist in einer Bank angestellt und grundsätzlich ablehnend gegenüber neuen Erfindungen und Ideen. Sie macht den Haushalt und kümmert sich liebevoll um ihren Mann und die Kinder. Es ist perfekt. Sie können sich kein anderes Leben vorstellen.
Dann kommt es im Keller zu einem Unglück mit der nagelneuen Waschmaschine und schwuppdiwupp landen sie in der für sie überaus schockierenden Gegenwart. Plötzlich dürfen Frauen nicht nur Auto fahren, sondern auch anspruchsvolle Führungsaufgaben übernehmen. So leitet jetzt Hélène eine Bank und sagt den ihr untergebenen Männern, was sie tun sollen. Computer und all die Dinge, die es vor siebzig Jahren noch nicht gab, sind vor allem für Michel ein Buch mit mehr als sieben Siegeln. Die Hausarbeit, zu der er von seiner berufstätigen Frau verdonnert wird, überfordert ihn. Das hat damals Hélène doch alles klaglos übernommen. Und da reden wir noch nicht von der Politik. In den Fünfzigern hatte Frankreich noch wundervolle Kolonien.
Wie bei der „Lesbian Space Princess“ ist auch in den „Progressiven Nostalgikern“ ein Tausch der Perspektive die Hauptinspirationsquelle des Films. Vinciane Millereauie fragte sich, wie Menschen aus den fünfziger Jahren die Gegenwart erleben würden und malt das überaus detailfreudig in den schönsten Farben aus. Dass sich aus dieser Idee keine richtige Story entwickelt verzeiht man angesichts des konstant zum Schmunzeln anregenden Gagfeuerwerks, den spielfreudigen Schauspieler und der durchgehend gelungenen Ausstattung gerne.
Lesbian Space Princess (Lesbian Space Princess, Australien 2025)
Regie: Leela Varghese, Emma Hough Hobbs
Drehbuch: Leela Varghese, Emma Hough Hobbs
mit (im Original den Stimmen von) Shabana Azeez, Bernie Van Tiel, Gemma Chua-Tran, Jordan Raskopoulos
(in der deutschen Fassung den Stimmen von) Genet Zegay, Lana Cooper, Lena Urzendowsky, Katy Karrenbauer, Jasmin Tabatabai
Gelungenes, mit dem Deutschejn Fernsehpreis ausgezeichnetes Dokudrama über die 1921 geborene Holcaust-Überlebende Margot Friedländer. Ihr Leben wird in einer Mischung aus Spielszenen und Interviews erzählt.
mit Margot Friedländer, Julia Anna Grob, Ilona Schulz, Hannah Ley, Cai Cohrs, Peter Lewys Preston, Iris Berben, Charly Hübner, Axel Prahl, Herbert Knaup
Nach ihrem weitgehend ungeliebtem Ausflug ins Superheldengenre mit dem Marvel-Film „Eternals“ kehrt „Nomadland“-Regisseurin Chloé Zhao mit „Hamnet“ wieder in irdische Gefilde zurück und reist weit in die Vergangenheit in das Zeitalter von William Shakespeare. Basierend auf Maggie O’Farrells Roman „Judith und Hamnet“ erzählt sie, strikt chronologisch, die Geschichte von Agnes (Jessie Buckley), ihrem Mann William (Paul Mescal), ihrem früh verstorbenen Sohn Hamnet und wie die Eltern die Trauer über den Pesttod ihres elfjährigen Sohnes verarbeiten. William schreibt das Theaterstück „Hamlet“. Als Agnes es sieht, hat es eine ungeahnt befreiende, über den Tod Hamnets tröstende Wirkung auf sie.
William ist nämlich William Shakespeare. Der Film erzählt eine mehr oder weniger frei erfundene Geschichte aus seinem Leben. Er verficht dabei die These, dass Shakespeare in seinem Stück „Hamlet“ seine Trauer über den Tod seines Sohnes verarbeitet. Ob das stimmt und über das genaue Verhältnis von Wahrheit und Fiktion können sich die Shakespearianer den Kopf zerbrechen. Für den Zuschauer bleibt, uh, nach allgemeiner Einschätzung ein grandioses, zutiefst bewegendes Drama über Shakespeares Frau Agnes, Shakespeare, ihre Liebe und die Kraft der Kunst. Die meisten Kritiken versprechen auch einem erhöhten Taschentuchkonsum, der sich vor allem im Finale niederschlägt. Inzwischen ist „Hamnet“ ein vielfach ausgezeichnetes, unter anderem der diesjährige Golden Globe für den besten Film, und für weitere wichtige Preise, unter anderem den Oscar als bester Film des Jahres, nominiertes Drama.
Im Mittelpunkt des Dramas steht allerdings nicht der Dichter, sondern die Frau des Dichters. Agnes ist eine allein lebende Frau mit einer tiefen Verbindung zur Natur. Sie sammelt Kräuter und heilt. Sie findet gefallen an den von William geschriebenen Versen und dem Poeten. Als sie sich kennen lernen, arbeitet er als Lehrer an der Dorfschule. Sein späterer Ruhm ist in dem Moment noch nicht einmal erahnbar. Sie heiraten und kriegen Kinder.
Weil er in London sein muss, um als Dichter bekannt zu werden, schickt sie ihn nach der Hochzeit dorthin. Er soll seiner Berufung nachgehen. Sie bleibt im ländlichen Straford-upon-Avon, zieht ihre gemeinsamen Kinder groß, lebt im Einklang mit der Natur und sammelt weiterhin im Wald Heilkräuter. Es ist ein ruhiges Leben ohne große Konflikte. Wenn ein Kind sehr krank ist oder im Sterben liegt, eilt William aus London herbei und verschwindet schnell wieder aus Agnes‘ Leben und der Filmgeschichte.
Diese Konzentration auf die Frau des Künstlers, die in der hochgelobten Romanvorlage funktionieren kann, funktioniert im Film nicht. Über Shakespeare und sein Leben in London erfahren wir nichts. Er könnte, ohne dass man etwas im Film ändern müsste (gut, das Finale mit der Theateraufführung müsste wohl etwas anders begründet werden), genausogut ein Seefahrer sein. Er ist nicht da. Er hat keinen Einfluss auf das Leben von Agnes und ihren Kindern. Er ist der prototypische abwesende Mann.
Trotzdem könnte eine interessante Geschichte erzählt werden. Aber Agnes ist so sehr mit sich im reinen, dass ihre Geschichte kein dramatisches Potential hat. Es gibt keine Konflikte. Nie muss sie eine Entscheidung treffen, die ihr schwer fällt. Ihren Mann schickt sie kurz nach der Hochzeit weg. Er soll seinen Traum leben. Schlimme Ereignisse, wie Hamnets Tod durch die Pest, kann sie nicht beeinflussen. Er passiert einfach. Ihr Leben ist nur eine Abfolge zufälliger Ereignisse, die mit dem Besuch einer Theateraufführung endet, die uns als wichtig verkauft wird. Zhao inszeniert das in schönen Bildern. Max Richter unterlegt es musikalisch.
Hamnet (Hamnet, USA 2025)
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao, Maggie O’Farrell
LV: Maggie O’Farrell: Hamnet, 2020 (Judith und Hamnet)
mit Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe, Olivia Lynes, Justine Mitchell, David Wilmot, Louisa Harland
Saul Ausländer ist 1944 einer der Juden im Sonderkommando im KZ Auschwitz-Birkenau. Als ein Junge zunächst die Gaskammer überlebt, möchte er ihn später nach jüdischem Ritus beerdigen.
Beeindruckendes, aufwühlendes Drama, das zahlreiche Preise erhielt: unter anderem den FIPRESCI und den Großen Preis der Jury in Cannes und den Bafta, Golden Globe und Oscar als bester ausländischer Film. „Son of Saul“ gelingt es das Grauen des KZ zu zeigen, ohne es zu zeigen.
Albert Nobbs (Albert Nobbs, Großbritannien/Irland 2011)
Regie: Rodrigo García
Drehbuch: Gabriella Prekop, John Banville, Glenn Close, István Szabó (Filmgeschichte)
LV: George Moore: The Singular Life of Albert Nobbs, 1918 (erstmals erschienen in „A Story-Teller’s Holiday“)
Dublin, Ende des 19. Jahrhunderts: Albert Nobbs ist in einem piekfeinen Hotel ein tadelloser Butler. Niemand ahnt, dass Nobbs eine Frau ist. Eines Tages verliebt er sich in den Maler Hubert. Ebenfalls eine Frau. Sie beschließen gemeinsam ein Geschäft zu eröffnen.
Klassisches Schauspielerkino mit einem starkem Ensemble,
Glenn Close spielte Albert Nobbs erstmals 1982 im Theater. Sie war auch die treibende Kraft hinter der Verfilmung, der ihr verdiente Nominierungen als beste Hauptdarstellerin für den Oscar, den Golden Globe und den Preis der Screen Actors Guild einbrachte.
„Die Stimme von Hind Rajab“ basiert auf einer wahren Geschichte. Kaouther Ben Hania erzählt sie packend als Thriller mit einer klaren Zuordnung von Gut und Böse.
Und ungefähr in diesem Moment beginnen die Probleme.
Hind Rajab war ein sechsjähriges Mädchen, das am 29. Januar 2024 die Notrufzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds, dem dortigen Roten Kreuz, anrief. Sie versteckt sich in einem unter Beschuss stehendem Auto.
Bei uns würde in dem Moment der Rettungswagen losgeschickt. Einige Minuten später – hier in Berlin um, meistens unter, zehn Minuten – wäre das Mädchen gerettet. Im Gazastreifen ist das nicht so einfach. Vor einer Rettung muss ein sicherer, penibel geplanter Rettungsweg organisiert werden. Das bedeutet Absprachen mit den Israelis und anderen Konfliktparteien. Denn der Schichtleiter will keine weiteren seiner Sanitäter im Kugelhagel verlieren. Die Israelis sind in dem Kriegsgebiet in dem Moment die größte Konfliktpartei. Sie können die Rettung ermöglichen. Oder verhindern. Als gesichtslose Bösewichter des Films zögern und verhindern sie die Rettung.
Kaouther Ben Hania konzentriert sich in ihrem Spielfilm auf die Notrufzentrale und die dort anwesenden Menschen, die am Telefon Anrufe entgegennehmen und Rettungswagen und Ärzte losschicken. Omar nimmt den aus Gaza kommenden Anruf von Hind Rajab entgegen. Er redet mit ihr. Wenn es für ihn zu viel wird, übernehmen Kollegen das Gespräch. Er ist von Hinds Leid emotional so betroffen, dass er auch hinter dem Rücken von seinem Chef versucht, Hilfe zu organiseren.
Von Hind Rajab hören wir in der Originalfassung nur ihre Stimme am Telefon. Und hier wird es schwierig. Denn Kaouther Ben Hanian hat die Originalaufnahmen verwendet. Hinds Mutter war mit der Verwendung der Stimme ihrer Tochter einverstanden. Der Thriller entstand in Zusammenarbeit mit dem Palästinensischen Roten Halbmond. Ben Hania geht offen damit um. Und das macht es vielleicht sogar noch schwieriger.
Denn diese Originalaufnahmen entfalten eine beträchtliche emotionale Wirkung. Es sind die letzten Worte eines zu Tode geängstigten Kindes. Verantwortlich für Hinds Tod ist allein Israel.
„Die Stimme von Hind Rajab“ erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, ähnlich den Thrillern „The Guilty“ (Dänemark 2018) und „The Call – Leg nicht auf“ (USA 2013), sondern er ist auch Propaganda, die eben durch das Verwenden der Originaltonbänder berührt und emotionalisiert. Schnell ergreift man für eine Seite in dem Konflikt Partei.
Inwiefern man diese Verwischen der Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm goutiert, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich selbst habe da ein eher schlechtes Gefühl, das ich auch hätte, wenn die Orginalstimme von einem in Brandenburg verunglücktem Brandburger käme, der bei der dortigen Rettungsstelle anruft und auf Hilfe wartet, während er verblutet. Im schlechtesten Fall würde die Originalstimme für einen billigen dramaturgischen Effekt benutzt, im besten Fall – und das ist „Die Stimme von Hind Rajab“ – emotionalisiert sie und lässt einen bedingungslos für eine Seite Partei ergreifen. Zu diesem Effekt trägt auch bei, dass Ben Hania idealtypisch und gekonnt die Thrillerkonventionen benutzt, wie eine kurze Meldung in einer Tageszeitung nur einen kleinen Ausschnitt aus der Realität betrachtet und folgerichtig auf jede Analyse verzichtet.
Als Fazit dieser Zerrisenheit bleiben drei Worte: sehenswert, diskussionswürdig, problematisch.
Die Stimme von Hind Rajab (The Voice of Hind Rajab/Sawt Hind Rajab, Tunesien/Frankreich 2025)
Regie: Kaouther Ben Hania
Drehbuch: Kaouther Ben Hania
mit Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury, Amer Hlehel
All eure Gesichter (Je verrai toujours vos visages, Frankreich 2023)
Regie: Jeanne Herry
Drehbuch: Jeanne Herry, Chloé Rudolf
TV-Premiere. Karg inszeniertes, sich auf seine Schauspieler, die sich teils im Stuhlkreis, teils direkt gegenüber sitzen, konzentrierendes, sehenswertes Dialogdrama, das anhand einier Beispielfälle zeigt, wie die Idee der ‚restorative justice‘ (bei uns vergleichbar mit dem Täter-Opfer-Ausgleich) angewandt wird.
Dieses mal wollen „Die drei ???“ ihren Ferien nicht mit einem neuen Fall, sondern mit – nun, der andere Plan wird aufgeschoben, weil jetzt erst einmal das Telefon klingelt und sie dann doch einen Fall haben. Der Fall hat etwas mit dem Geschäftsmann, Miliardär und Wohltäter von Rocky Beach, Joseph Saito Hadden, zu tun und es geht um einen ebenso geheimnisvollen wie wertvollen Schatz, der auf der Pazifikinsel Makatao versteckt sein soll. Ein Betreten der als Toteninsel bekannten Insel ist lebensgefährlich, weil sie eine heilige Stätte und Ruhestätte von Toten ist und der auf der Insel aktive Vulkan demnächst ausbrechen könnte. Es gibt also zwei gute Gründe, Makatao nicht zu betreten.
Eine mehr als halbseidene Gruppe Schatzsucher mit wissenschaftlichem Background und zunächst unklaren Verbindungen zu dem Geheimbund Sphinx, tut es, weil Hadden sie dafür fürstlich entlohnt.
Die drei ??? – das sind die drei jugendlichen Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, die in Rocky Beach, einem Vorort von Los Angeles, zur Schule gehen (der uninteressante Teil ihres Lebens) und Kriminalfälle lösen (der interessante Teil ihres Lebens) – machen sich auf den Weg zur Insel, weil Peter durch eine Verkettung unglücklicher Umstände von den Schatzsuchern auf ihrem Schiff mitgenommen wird. Sie wollen ihren Freund retten. Außerdem sind sie sehr neugierige Teenager.
„Die drei ??? – Toteninsel“ ist der dritte Film mit Julius Weckauf, Nevio Wendt und Levi Brandl als jugendliche Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Jördis Triebel und Florian Lukas spielen wieder Tante Mathilda und Onkel Titus, die Zieheltern von Justus. Dieses Mal haben sie nur einen kurzen Auftritt am Filmanfang und -ende. Die Regie übernahm wieder Tim Dünschede. Das Drehbuch ist wieder von Anil Kizilbuga. Für Kontinuität ist also in jeder Beziehung gesorgt.
Wie schon in dem ersten Film „Erbe des Drachen“ geht es wieder auf Reisen.
Aber bis Justus, Peter und Bob in Richtung Makatao aufbrechen, ermitteln sie einen großen Teil der Filmzeit in Rocky Beach.
Während der erste „Die drei ???“-Film mit diesem Team (es gibt auch ältere „Die drei ???“-Filme mit anderen Schauspielern) mit einem Filmdreh in einem Schloss in Transsylvanien ein wenig in Richtung Horrorgeschichte zwinkerte und fiel Potential in punkto filmischer Anspielungen unnötig verspielte, gefiel „Die drei ??? und der Karpartenhund“ als ziemlich überzeugend geplottete Rätselkriminalgeschichte mit einigen passenden Anspielungen. „Toteninsel“ ist nun eine Abenteuergeschichte und eine Schatzsuche, die in Richtung „Uncharted“, den „Die Mumie“-Filmen (mit Brendan Fraser), Tomb Raider und Indiana Jones zwinkert.
Erwachsene dürften etwas enttäuscht über den Mangel an lustvoll zitierten Abenteuerfilm-Klassikern sein. Sie dürften sich auch über die Motivation des Bösewichts und seinen Plan, mit dem er in den Besitz des Schatzes von Makatao gelangen will, ärgern. Der Fall selbst entwickelt sich flott und in schönster Pulp-Manier, in dem eine überraschende Wendung auf die nächste überraschende Wendung folgt und ein Rätsel auf das nächste Rätsel aufgetürmt wird, bis wahrscheinlich sogar der Autor der Geschichte den Überblick verliert.
Für Kinder ist „Toteninsel“ eine unterhaltsame und spannende Abenteuergeschichte, die sich vor allem an Kinder vor der Pubertät richtet.
Zum Schluss muss noch eine neue Entwicklung in der Welt der „Drei ???“ angesprochen werden. Am Ende von „Die drei ??? und der Karpatenhund“ erhalten die Detektive einen MG. Nachdem die drei Detektive vorher über Jahrzehnte nicht alterten, hat Peter seinen Führerschein gemacht und er darf jetzt Auto fahren. Justus und Bob sind demnächst alt genug für ihre Führerscheine. In ihrem neuesten Film sitzen sie öfter im Auto. Handlungsentscheidend ist das nicht.
Verglichen mit der neuesten Entwicklung im „Die drei ???“-Kosmos war das allerdings nur eine kleine Änderung. Dieses Mal hilft ihnen Jelena Charkova. Bob lernte die Rollstuhlfahrerin im Krankenhaus kennen, befreundete sich mit ihr und ist begeistert von ihren Fähigkeiten am Computer. Sie ist die beste Hackerin von Rocky Beach. Mühelos dringt sie in jede Datenbank ein. Im Lauf der Geschichte muss sie das öfter tun. Auch wenn sich in diesem Fall ihre Arbeit auf reine Zuarbeit beschränkt, wildert sie in Bobs Arbeitsgebiet „Recherchen und Archiv“ und stört das fein austarierte, seit Ewigkeiten in vielen Abenteuern etablierte Gleichgewicht zwischen den drei ???. Sie ist keine Bereicherung des Teams, sondern nur eine überflüssige Figur, die eine Aufgabe übernimmt, die schon einer der drei Fragezeichen erledigte. Insofern wirkt sie wie ein überflüssiges Zugeständnis an den Zeitgeist. Mit einem weiblichen Detektivtrio, das mit den drei ??? konkurriert, hätte ich dagegen kein Problem. Auch nicht mit einer Kinderserie (und das sind „Die drei ???“), in der nur Mädels ermitteln. Gemischte Ermittlerteams gab es ja schon bei Enid Blyton.
Doch zurück zum Film. „Die drei ??? – Toteninsel“ ist ein spannender Abenteuerfilm für Kinder, den sie sich ohne erwachsene Begleitung ansehen können. Trotzdem hätte die Story besser konstruiert und die Dialoge besser geschrieben sein können. Gleiches gilt für die schauspielerischen Leistungen.
André Marx schrieb wieder einen reichhaltig illustrierten Filmroman, in dem er die Filmgeschichte gelungen nacherzählt.
Die drei ??? – Toteninsel (Deutschland 2026)
Regie: Tim Dünschede
Drehbuch: Anil Kizilbuga, André Marx (dramaturgische Beratung)
LV: André Marx: Die drei ??? – Toteninsel, 2001
mit Julius Weckauf, Nevio Wendt, Levi Brandl, Andreas Pietschmann, Jannik Schümann, Jördis Triebel, Florian Lukas, Filip Schnack, Katja Lechthaler, Philipp Christopher, Momo Beier, Pascal Buchsbaum, Amal Keller, Simon Kluth, Florentine Behrend
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 6 Jahre (und primär, wie die Bücher, bis 12/14 Jahre)
–
Der Roman zum Film (mit vielen Filmbildern – eine gut geschriebene und entsprechend lesenswerte Romanfassung des Films)