Neu im Kino/Filmkritik: Nur eine kleine „Midsommar“-Feier

September 27, 2019

Letztes Jahr begeisterte Ari Aster mit seinem Debütfilm „Hereditary – Das Vermächtnis“ (Hereditary, USA 2018), einem Horrorfilm, der sich nicht für das Teenie-Slasher-Kreisch-Publikum interessierte. Sein neuer Film „Midsommar“ ist wieder ein Horrorfilm, der sich wieder nicht an das eben erwähnte Publikum richtet und wieder etwas Sitzfleisch verlangt. Mit gut hundertfünfzig Minuten fällt „Midsommar“ ziemlich episch aus und, obwohl jetzt im Kino die vom Regisseur gewünschte Uncut-Kinofassung läuft, hat er schon einen längeren Director’s Cut angekündigt, der vielleicht einige der kleinen Lücken klärt, die entstehen wenn eine Figur plötzlich aus dem Film verschwindet oder ein Ereignis später nicht wieder aufgenommen wird. Diese 25 Minuten längere Fassung soll in Deutschland am 7. Februar 2020 als DVD und Blu-ray mit umfangreichem Bonusmaterial erscheinen.

Bis dahin gibt es die faszinierende Kinofassung, die in epischer Breite und beunruhigender Langsamkeit die Geschichte einiger US-Studierender erzählt, die einen Ausflug nach Schweden machen. Ihr Studienkollege Pelle hat sie zum so nur alle neunzig Jahre stattfinden Mittsommerfest seines Dorfes eingeladen. Christian und Mark wollen vor allem eine schöne Zeit verbringen. Josh will, wenn er dazu kommt, seine Abschlussarbeit über heidnische Kulte schreiben. Und Dani fährt wegen ihres Freundes Christian mit. Weil sie immer noch einen traumatisches Ereignis in ihrer Familie verarbeitet und entsprechend labil und anhänglich ist, ist keiner der Jungs von ihrer Anwesenheit begeistert. Aber nachdem Christian ihr von der Fahrt erzählte und sie seine pro-forma-Einladung akzeptierte, kann sie nicht mehr ausgeladen werden. .

In der Einöde werden sie und das britische Pärchen, das sie auf dem Weg zum Dorf aufgabelten, freundlich empfangen. Zuerst wird etwas geraucht. Danach wundern sie sich über die nicht untergehende Sonne und probieren auch andere lokale Rauschmittel aus, während sie die Gemeinschaft in ihrem an ein Ferienlager erinnerndes Hüttendorf in ihren altmodischen Kleidern bei den einzelnen Schritten des Rituals beobachten und auch daran teilnehmen. Die jungen Gäste genießen diese Mischung aus drogengeschwängertem Freigeist und mittelalterlichem Ritual. Dass es sich um ein Opferritual handelt, ignorieren die Studierenden. Dabei zeigen augenfällig platzierte Malereien ihnen schon früh den gesamten Ablauf des ausführlich gezeigten heidnischen Rituals.

Und Dani ist erfreut, dass nicht die Jungs, sondern sie im Mittelpunkt steht und vergöttert wird.

Ari Aster erzählt diese am helllichten Tag spielende Geschichte suggestiv, mit einprägsamen Bildern und Anordnungen von Menschen und Gegenständen, die an kunstvolle Zeichnungen erinnern. Weil die Geschichte in ihren groben Zügen absolut voraussehbar ist, kann und sollte man vor allem die Stimmung genießen. Es ist eine alptraumhafte Stimmung, die man als Folk Horror trifft Ingmar Bergman beschreiben kann. Und schon bei Bergman lag der wahre Horror in der Psyche und in den Beziehungen der Menschen zueinander.

Ich nahm mir auch die Zeit, mich zu fragen, wann und wie die Dorfbewohner die Zeit gefunden hatten, auf der Wiese immer wieder die Tische und Bänke so perfekt anzuordnen. Denn man sieht nie, wie sie die Tische auf den zentralen Festplatz tragen und später wegtragen.

Dafür sieht man sie bei ihren kultischen Handlungen, die ein munteres Mashup verschiedenster nordischer, englischer und deutscher Folklore-Traditionen, heidnischer Bräuche und US-amerikanischer Vorurteile über die alte Welt sind.

Midsommar“ ist wie ein langsames Musikstück, das durch seine Atmosphäre in seinen Bann zieht. Dafür muss man in der richtigen Stimmung sein. 

Midsommar (Midsommar, USA 2019)

Regie: Ari Aster

Drehbuch: Ari Aster

mit Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Will Poulter, Vilhelm Blomgren, Gunnel Fred, Ellora Torchia, Archie Madekwe

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Midsommar“

Metacritic über „Midsommar“

Rotten Tomatoes über „Midsommar“

Wikipedia über „Midsommar“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ari Asters „Hereditary – Das Vermächtnis“ (Hereditary, USA 2018)


TV-Tipp für den 27. September: Das Schweigen der Lämmer

September 27, 2019

3sat, 22.25

Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, USA 1991)

Regie: Jonathan Demme

Drehbuch: Ted Tally

LV: Thomas Harris: The Silence of the Lambs, 1988 (Das Schweigen der Lämmer)

Jung-FBI-Agentin Clarice Starling verfolgt einen Serienkiller und verliebt sich in den inhaftierten Hannibal Lecter. Der hochintelligente Psychiater, Serienkiller und Kannibale sitzt seit Jahren in einer Hochsicherheitszelle.

Inzwischen ein Klassiker, der – zu Recht – etliche Oscars erhielt (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle). Beim wiederholten Sehen fällt auf, wie wenig von den schockierenden Ereignissen wirklich zu sehen ist – und wie konservativ die Kameraführung ist. Achten sie auf die erste Begegnung von Jodie Foster und Anthony Hopkins. Da ist keine Bewegung überflüssig, kein Schnitt zu viel und es wird sich in jeder Sekunde auf das Drehbuch und die Schauspieler verlassen.

Hitchcock hätte der Film gefallen.

Der Roman ist ebenfalls sehr gelungen.

Mit Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine

Hinweise

Metacritic über “The Silence of the Lambs”

Rotten Tomatoes über “The Silence of the Lambs”

Wikipedia über „Das Schweigen der Lämmer“ (deutsch, englisch) und Thomas Harris (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Silence of the Lambs“ von Ted Tally (2nd draft script, 28. Juli 1989)

Drehbuch „The Silence of the Lambs“ von Ted Tally und Thomas Harris (final draft script)

Drehbuch „The Silence of the Lambs“ von Ted Tally und Thomas Harris (undated, unspecified draft script)

Meine Besprechung von Jonathan Demmes „Ricki – wie Familie so ist“ (Ricki and the Flash, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Gelobt sei Gott“, aber nicht die katholische Kirche

September 27, 2019

Der Film könnte überall spielen. Denn wer in den letzten Jahren aufmerksam die Zeitung gelesen hat, hat oft genug vom sexuellen Missbrauch von Kindern durch Würdenträger in der katholischen Kirche gelesen.

Zum Beispiel von diesem Fall aus Lyon, den François Ozon in seinem neuen Film „Gelobt sei Gott“ akribisch nachzeichnet.

Es beginnt damit, dass Alexandre Guérin (Melvil Poupaud), glücklich verheirateter Vater mehrerer Kinder und praktizierender Katholik, erfährt, dass Pater Preynat, der ihn als Kind missbrauchte, schon vor einigen Jahren in die Nähe von Lyon zurückkehrte, immer noch Priester ist und immer noch mit Kindern arbeitet.

Alexandre wendet sich an Kardinal Barbarin, den Erzbischof von Lyon. Die Kirche nimmt geduldig und verständnisvoll sein Anliegen auf, die von der Kirche angestellte Mediatorin Régine Maire redet mit ihm und sie lässt immer viel Zeit verstreichen zwischen Alexandres Schreiben. Und sie denkt nicht daran, den beschuldigten Priester, der die Taten nie bestreitet, aus dem Dienst zu entfernen.

Alexandre ist der erste Mann, den Ozon in seinem neuen Film porträtiert. Danach folgen François Debord (Denis Ménochet) und Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud).

François ist ein militanter Atheist, der ihren Fall an die Öffentlichkeit bringt und die Interessengruppe „La Parole Liberée“ (Das gebrochene Schweigen) gründet. Die Gruppe bringt Preynats Taten und die Untätigkeit der Kirche an die Öffentlichkeit.

Emmanuel ist innerlich zerbrochen. Diese Figur besteht, im Gegensatz zu Alexandre und François, nicht aus einer realen Figur, sondern orientiert sich an einem Opfer und veränderte bei ihm einige Details. Er steht damit für die Opfer, die nach dem sexuellen Missbrauch kein normales Leben führen können.

Während die Handlung sich, immer nah an den Tatsachen, chronologisch fortbewegt, konzentriert Ozon sich nacheinander auf einen der drei Männer. Somit besteht „Gelobt sei Gott“ aus drei jeweils ungefähr gleich langen, thematisch miteinander verbundenen Kurzfilmen. Stilistisch verfolgt Ozon die Ereignisse mit dem ruhigen, objektiv-distanzierten Blick eines Dokumentarfilmers. Weil es ein Spielfilm ist, kann Ozon, der das Thema ursprünglich als Dokumentarfilm bearbeiten wollte, Ereignisse zeigen, bei denen in der Realität niemals eine Kamera dabei wäre. Zum Beispiel wenn die Männer erfahren, dass ihr Vergewaltiger noch immer aktiv ist, wenn sie sich entschließen, den Kampf gegen die mächtige Kirche aufzunehmen, und wenn sie sich hinter verschlossenen Türen unterhalten.

Gelobt sei Gott“ behandelt sein Thema facettenreich und mit eindeutiger Sympathie für die Opfer, die teilweise immer noch gläubig sind. Er gibt ihnen eine Stimme und lässt sie durch die verschiedenen Figuren zu Wort kommen. So sind Alexandres Briefe an die Kirche, die er im Voice-Over vorliest, die Briefe, die Alexandre Guérin an den Erzbischof von Lyon schrieb.

Ozons dokumentarischer Spielfilm zeigt auch, wie – höflich formuliert – unbefriedigend die bisherige Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Thema ist. Anstatt sich um die Opfer die kümmern, wurden (und werden?) die Täter und die Institution geschützt. Immerhin wurde Pater Preynat am 4. Juli 2019 von einem Kirchengericht des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger für schuldig befunden und aus dem Klerus ausgeschlossen. Ob er gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt hat, konnte ich jetzt nicht herausfinden. Das staatliche Gerichtsverfahren gegen ihn hat immer noch nicht stattgefunden. Kardinal Barbarin, Régine Maire (die Kirchenpsychologin, die für die Unterstützung der Opfer von Priestern zuständig ist) und fünf weitere kirchliche Amtsträger wurden im Januar 2019 wegen der Nichtanzeige sexueller Übergriffe auf Minderjährige unter 15 Jahren und wegen unterbliebener Hilfeleistung angeklagt. Kardinal Barbarin erhielt eine eine Bewährungsstrafe, gegen die er Berufung einlegte. Im November soll darüber verhandelt werden.

Gelobt sei Gott (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon

mit Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Èric Caravaca, François Marthouret, Bernard Verley, Josiane Balasko, Martine Erhel

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Gelobt sei Gott“

AlloCiné über „Gelobt sei Gott“

Metacritic über „Gelobt sei Gott“

Rotten Tomatoes über „Gelobt sei Gott“

Wikipedia über „Gelobt sei Gott“ (deutsch, englisch, französisch)

Berlinale über „Gelobt sei Gott“

Homepage von Francois Ozon

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ready or Not“, das tödliche Spiel beginnt

September 26, 2019

Jede Familie hat so ihre Macken. Das bemerkt Grace in der Hochzeitsnacht auf dem noblen Anwesen der Familie Le Domas. Hier sieht noch alles wie zur Jahrhundertwende aus, als die Familie ein Vermögen mit Brettspielen machte. Und ein Spiel möchte die Familie ihres Bräutigams Alex Le Domas um Mitternacht mit ihr spielen. Es sei, so sagt ihr Alex, eine lächerliche Aufnahmezeremonie, die jedes neue Mitglied der Familie machen müsse.

Aus dem Kartenstapel mit den Spielvorschlägen zieht sie die Karte für das Spiel „Verstecken“. Diese eng mit einem Familiengeheimnis verbundene Karte wird nur sehr selten gezogen und sie ist der Auftakt für eine Menschenjagd auf Grace, die in dem Moment noch nicht ahnt, in welcher Gefahr sie schwebt.

Sie versteckt sich in dem riesigen Anwesen, während die Le Domas‘ sich, entsprechend den Spielbedingungen mit historischen Waffen ausrüsten. Danach jagen sie Grace durch das riesige, einsam gelegene Haus, das sie nicht verlassen darf.

Als zusätzlichen Motivationsschub für die Le-Domas-Sippe heißt es, dass sie das Opfer vor Sonnenaufgang töten müssen. Sonst sterben sie. Falls Grace das nicht schon vorher erledigt hat.

Die Grundidee für „Ready or Not“ ist natürlich schamlos von Richard Connells mehrmals verfilmter Kurzgeschichte „The most dangerous Game“, die auch zahlreiche weitere Bücher und Filme über eine Jagd auf Menschen inspirierte, geklaut. Wobei in dem von Matt Bettinelli Olpin und Tyler Gillett inszeniertem Film die Jagd in einem Haus stattfindet, das auch als Spukschloss taugen würde und in dem die Zeit stehen geblieben ist.

Mit einem prächtig aufgelegten Ensemble und nicht immer jugendfreien Gags und Tötungen entstand eine blutige Horrorkomödie, in der sich Splatter und Spaß abwechseln. Jedenfalls meistens. Dank des Handlungsortes und der Spielbedingung, dass nur die Waffen benutzt werden dürfen, die es gab, als das Spiel zum ersten Mal gespielt wurde, könnte der Film auch vor fünfzig, hundert oder sogar hundertfünfzig Jahren spielen. Dann hätte man auf die wenigen Gags mit der modernen Technik verzichten müssen. Und die Mitglieder der Le-Domas-Familie wären nicht so tollpatschig im Umgang mit den alten Tötungsgerätschaften.

Mit etwas über neunzig Minuten ist die überzeugende Warnung vor dem Einheiraten in traditionsbewusste Familien auch angenehm kurz geraten.

Ready or Not – Auf die Plätze fertig tot (Ready or Not, USA 2019)

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett

Drehbuch: Guy Busick, R. Christopher Murphy

mit Samara Weaving, Adam Brody, Mark O’Brien, Henry Czerny, Andie MacDowell, Melanie Scrofano, Kristian Bruun, Nicky Guadagni, Elyse Levesque, John Ralston

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepoage zum Film

Moviepilot über „Ready or Not“

Metacritic über „Ready or Not“

Rotten Tomatoes über „Ready or Not“

Wikipedia über „Ready or Not“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Devil’s Due -Teufelsbrut“ (Devil’s Due, USA 2014)


TV-Tipp für den 26. September: High-Rise

September 26, 2019

WDR, 23.25

High-Rise (High-Rise, Großbritannien 2015)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Amy Jump

LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)

Der Neurophysiologe Dr. Robert Laing zieht in ein am Stadtrand von London liegendes modernes Hochhaus. Als er seine Mitbewohner kennenlernt, bemerkt er die Klassengesellschaft im Haus, die Konflikte zwischen den Stockwerken und ihre dekadente Vergnügungssucht.

TV-Premiere. Sehr düstere Satire auf die Gesellschaft und den Kapitalismus, toll besetzt, glänzend und sehr stilbewusst inszeniert von Ben Wheatley.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films und der Vorlage, die in einem sehr interessanten Spannungsverhältnis stehen.

mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory

DVD

DCM World

Bild: 2.40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Vom Roman zum Film, Interviews mit Cast & Crew, Trailer, Wendecover

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Ballard - High-Rise

J.G. Ballard: High-Rise

(aus dem Englischen von Michael Koseler)

Diaphanes, 2016

256 Seiten

17,95 Euro

Es handelt sich um die revidierte Fassung der 1992 im Suhrkamp Verlag als „Hochhaus“ erschienenen Übersetzung.

Im Heyne Verlag erschien 1982 als „Der Block“ eine Übersetzung des Romans von Walter Brumm.

Originalausgabe

High-Rise

Jonathan Cape, 1975

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „High-Rise“

Metacritic über „High-Rise“

Rotten Tomatoes über „High-Rise“

Wikipedia über „High-Rise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Free Fire“ (Free Fire, Großbritannien/Frankreich 2016)

 


TV-Tipp für den 25. September: Full Metal Jacket

September 24, 2019

Kabel 1, 20.15

Full Metal Jacket (Full Metal Jacket, Großbritannien 1987)

Regie: Stanley Kubrick

Drehbuch: Stanley Kubrick, Michael Herr, Gustav Hasford

LV: Gustav Hasford: The Short-Timers, 1981 (Höllenfeuer)

Grandioser (Anti-)Kriegsfilm von Stanley Kubrick, der im ersten Drittel des Films die gnadenlose Ausbildung der Soldaten, ihre Entpersönlichung und Zurichtung nach den Wünschen des Militärs, und in den restlichen zwei Dritteln den chaotischen Kampf in Vietnam, in dem die Ausbildung keinen Pfifferling mehr wert ist, dokumentiert.

Kein angenehmer Film und auch kein Film mit irgendwelchen Identifikationsfiguren oder einem moralischen Standpunkt, aber ein wichtiger und sehenswerter Film.

„Full Metal Jacket ist ein nihilistischer Thriller und insofern der letzte Kriegsfilm, ein Schlussstrich unter das Genre, weil in ihm das Ende des Individuums weniger eine Aussage ist als eine Haltung.“ (Stefan Reinicke: Es ist besser zu leben, als tot zu sein: Full Metal Jacket [1987], in Andreas Kilb/Rainer Rother: Stanley Kubrick)

mit Matthew Modine, Adam Baldwin, Vincent D’Onofrio, R. Lee Ermey, Dorian Harewood

Wiederholung: Donnerstag, 26. September, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Ful Metal Jacket“

Rotten Tomatoes über „Full Metal Jacket“

Wikipedia über „Full Metal Jacket“ (deutsch, englisch)

Blog über Gustav Hasford

Stanley Kubrick in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 24. September: Tatort: A gmahde Wiesn (+ ein Lektürehinweis)

September 23, 2019

Pünktlich zu dem bekannten Münchner Volksfest zeigt der BR den „Tatort“ dazu:

BR, 20.15

Tatort: A gmahde Wiesn (Deutschland 2007)

Regie: Martin Enlen

Drehbuch: Friedrich Ani

Buch zum Film: Martin Schüller: A gmahde Wiesen, 2009

Kurz vor dem Oktoberfest wird der einflussreiche Stadtrat Hubert Serner umgebracht. Die Kommissare Leitmayr, Batic und Menzinger können sich vor Verdächtigen kaum retten. Denn ohne Serner ging nichts bei der Vergabe der Wies’n-Standplätze und die Zahl seiner Ehemaligen ist immens.

Guter Tatort mit dem zuverlässigen Münchner Team, das uns dieses Mal in die schmutzigen Hinterhöfe des Oktoberfestes entführt.

Mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Michael Fitz, Monika Baumgartner, Franziska Schlattner

Lesehinweis

Zuletzt erschien von Friedrich Ani „All die unbewohnten Zimmer“. In dem Krimialroman treffen seine aus bislang vollkommen eigenständigen Serien bekannte Ermittler Tabor Süden (Ex-Kommissar, inzwischen Privatdetektiv und immer auf der Suche nach verschwundenen Menschen), Jakob Franck (Ex-Kommissar und Überbringer schlimmer Nachrichten) und Polonius Fischer (Ex-Mönch, Kommissar und Leiter des „Die zwölf Apostel“ genannten Kommissariats) aufeinander. Zusammen mit Fariza Nasri (syrichstämmige Kommissarin und neu bei den „zwölf Aposteln) wollen sie zwei rätselhafte Mordfälle – die Ermordung einer Frau und die Erschlagung eines Streifenpolizisten – aufklären, während die öffentliche Debatte sich auf die unfähige Polizei einschießt.

Mit gut fünfhundert Seiten ist „All die unbewohnten Zimmer“ einer der umfangreichsten Romane von Friedrich Ani. Aber das passiert halt, wenn all die guten Ermittler gemeinsam einen Fall lösen und dabei ihre individuellen Ermittlungsstile pflegen müssen.

Friedrich Ani: All die unbewohnten Zimmer

Suhrkamp, 2019

496 Seiten

22 Euro

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: A gmahde Wiesn“

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und das heimliche Leben” (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „M – Ein Tabor-Süden-Roman“ (2013)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der namenlose Tag“ (2015)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der einsame Engel“ (2016)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der Narr und seine Maschine“ (2018)

Friedrich Ani in der Kriminalakte

Homepage von Martin Schüller

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort: Die Blume des Bösen“ (Buch zum Film, 2009)

Meine Besprechung von Martin Schüllers “Tatort: A gmahde Wiesn” (Buch zum Film, 2009)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort: Moltke“ (Buch zum Film, 2010)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort: Tempelräuber“ (Buch zum Film, 2010)

Meine Besprechung von Martin Schüllers “111 Tipps und Tricks wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“ (2018)

 


TV-tipp für den 23. September: Drei Farben: Rot

September 22, 2019

Arte, 21.45

Drei Farben: Rot (Trois couleurs: Rouge, Frankreich/Polen/Schweiz 1994)

Regie: Krzysztof Kieslowski

Drehbuch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz

Eine Studentin überfährt die Schäferhündin eines misanthropischen, ehemaligen Richters, der illegal die Telefongespräche seiner Nachbarn abhört. Trotzdem fühlt sie sich, auch wegen ihrer persönlichen Situation, von ihm angezogen.

Fulminante Abschluss von Kieslowskis Drei-Farben-Trilogie. „’Drei Farben: Rot‘ ist Höhepunkt, Krönung und Abschluss der Drei-Farben-Trilogie, die die Farben der Trikolore – Blau, Weiß, Rot – zu den Idealen der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – in spannungsvolle Beziehung setzt und ihre Wertigkeiten für die heutige Zeit untersucht.“ (Fischer Film Almanach 1995)

mit Irène Jacob, Jean-Louis Trintignant, Frédérique Feder, Jean-Pierre Lorit

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Drei Farben: Rot“

Wikipedia über „Drei Farben: Rot“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 22. September: Kingsman: The Golden Circle

September 21, 2019

Pro 7, 20.15

Kingsman: The Golden Circle (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn

LV: Mark Millar/Dave Gibbons: The Secret Service, 2012/2013 (Secret Service) (naja, eigentlich „Inspiration“)

Nachdem Bösewichter die Zentrale der Kingsman zerstörten, müssen die distinguierten britischen Agenten Eggsy und Merlin sich mit ihrer US-amerikanischen Partnerorganisation, den Statesman, deren Zentrale in Kentucky einer Whiskey-Destillerie ist, zusammentun.

TV-Premiere. Witzge, mit hundertvierzig Minuten zu lang geratene Agentenkomödie, mit einer chaotischen Story und viel Action, die um 20.15 Uhr wahrscheinlich in einer gekürzten Version gezeigt wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Taron Egerton, Julianne Moore, Colin Firth, Mark Strong, Channing Tatum, Halle Berry, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Edward Holcroft, Elton John, Hanna Alström, Tom Benedict Knight, Michael Gambon, Sophie Cookson, Björn Granath, Lena Endre, Poppy Delevingne, Bruce Greenwood, Emily Watson

Wiederholung: Montag, 23. September, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Kingsman: The Golden Circle“

Metacritic über „Kingsman: The Golden Circle“

Rotten Tomatoes über „Kingsman: The Golden Circle“

Wikipedia über „Kingsman: The Golden Circle“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „Kingsman: The Golden Circle“ (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunketts „Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)“ (Superman: Red Son # 1 – 3, 2003)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaigs „Huck – Held wider Willen“ (Huck # 1 – 6, November 2015 – April 2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Stuart Immonens „Empress“ (Empress # 1 – 7, Juni 2016 – Januar 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Greg Capullos „Reborn“ (Reborn # 1 – 6, Oktober 2016 – Juni 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Olivier Coipels „The Magic Order“ (The Magic Order # 1 – 6, 2018/2019)

Mein Besprechung von Mark Millar/Wilfredo Torres‘ „Jupiter’s Circle“ (Jupiter’s Circle # 1 – 6, 2015; Jupiter’s Circle 2 # 1 – 6, 2015/2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Ricardo Lopez Ortiz‘ „Hit-Girl in Kolumbien“ (Hit-Girl (2018) # 1 – 4, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita Jr. „Kick-Ass: Frauenpower“ (Kick-Ass (2018) # 1 – 6, 2018)


TV-Tipp für den 21. September: Five Minutes of Heaven

September 20, 2019

One, 21.45

Five Minutes of Heaven (Five Minutes of Heaven, Großbritannien 2009)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Guy Hibbert

1975 erschoss Alistair Little in Nordirland den etwa gleichaltrigen Jim Griffin. Jims jüngerer Bruder Joe sah die Tat. 33 Jahre später sollen sie vor laufender Kamera eine Versöhnung inszenieren. Aber Joe hat andere Pläne.

TV-Premiere. Fast unbekanntes, aber sehr sehenswertes Kammerspiel von Oliver Hirschbiegel über die Folgen des Nordirlandkonflikts für die Täter und Opfer.

Mehr in einer ausführlichen Besprechung.

mit Liam Neeson, James Nesbitt, Barry McEvoy, Anamaria Marinca

Wiederholung: Montag, 23. September, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Five Minutes of Heaven“

Wikipedia über „Five Minutes of Heaven“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“ (Deutschland 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Systemsprenger“, von Wutausbruch zu Wutausbruch

September 20, 2019

German Films, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt „Systemsprenger“ ins Rennen um den Auslandsoscar. Bis zur Verleihung sind noch einige Hürden zu nehmen, aber von den Filmen, die in der Vorauswahl waren und die ich kenne (ich kenne nicht alle), ist „Systemsprenger“ mit Abstand die beste Wahl.

Nora Fingscheidt erzählt in ihrem Debütfilm die Geschichte von Benni. Einem neunjährigen Mädchen, das sich mit allen Sozialarbeitern anlegt und durch die Netze des Systems fällt. Sie ist ein sogenannter ‚Systemsprenger‘. Keine Hilfeeinrichtung, keine Maßnahme verfängt bei ihr.

Trotzdem versucht Frau Bafané, ihre Sozialarbeiterin, weiter, den Kreislauf zu durchbrechen, in dem Benni in eine Wohngruppe kommt, einen Tobsuchtsanfall hat, bei dem sie andere Kinder verletzt und Gegenstände zerstört werden, und dann, zum Schutz der Gruppe, aus der Gruppe entfernt wird. Danach muss Frau Bafané einen neuen Ort für Bennie suchen.

Fingscheidt erzählt Bennis Odyssee durch das deutsche Hilfesystem immer nah an ihrer Protagonistin Benni, die von Helena Zengel verkörpert wird. Im Bruchteil einer Sekunde wird sie von einem netten Mädchen zu einem den Saal zusammenschreiendem Monstrum. Und sie flippt oft aus. Denn immer wenn etwas nicht so ist, wie sie es gerne hätte, bekommt sie einen Wutanfall. Als Zuschauer entwickelt man schnell eine regelrechte Angstlust. Einerseits fürchtet man sich vor ihrem nächsten Wutausbruch und den Folgen, den dieser für sie hat. Denn jeder Wutausbruch bringt sie weiter von einer dauerhaft-sicheren Umgebung, in der sie sich normal entwickeln kann, weg. Andererseits erwartet man ihn. Denn er wird kommen. Die Frage ist dabei nie ‚ob‘, sondern nur ‚wann‘. Und welche Folgen ihr Schrei nach Liebe hat.

Dieser Kreislauf und die vielen Versuche, Benni daraus zu befreien, ohne ihre Freiheit über Gebühr einzuschränken und ohne sie in einer geschlossenen Psychiatrie ruhigzustellen, zeigt „Systemsprenger“ ohne einseitige Schuldzuweisungen oder Glorifizierungen. Die Sozialarbeiter im Film sind Menschen, die Benni helfen wollen, aber an ihre persönlichen und fachlichen Grenzen stoßen. Das gilt vor allem für Frau Bafané und Michael Heller. Er ist Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche. Mit Benni führt er in intensiver Einzelbetreuung einen dreiwöchigen Aufenthalt in einer einsam gelegenen Hütte durch.

Sie sind für Benni Bezugspersonen, die aber immer auf die nötige professionelle Distanz achten und Grenzen ziehen müssen. Außerdem sind sie nicht Bennis Mutter. Benni wäre zwar gerne bei ihr, aber sie ist als Erzieherin vollkommen überfordert.

Systemsprenger“ ist in jeder Sekunde pulsierend, frisch, kompromisslos und, gleichzeitig, emotional und analytisch. Er stellt Fragen, ohne eine Lösung zu haben. Das ist junges deutsches Kino, wie man es viel zu selten sieht. Bitte mehr davon!

Und wenn es in einem halben Jahr mit dem Oscar nicht klappt (was erwartungstechnisch für Fingscheidts nächsten Film vielleicht nicht schlecht wäre), sollte ein Produzent ihr unbedingt schnell das Geld für ihren nächsten Film geben.

Systemsprenger (Deutschland 2019)

Regie: Nora Fingscheidt

Drehbuch: Nora Fingscheidt

mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Systemsprenger“

Moviepilot über „Systemsprenger“

Rotten Tomatoes über „Systemsprenger“

Wikipedia über „Systemsprenger“

Berlinale über „Systemsprenger“


Neu im Kino/Filmkritik: „Submission“ – der Herr ‚Professor Unrat‘ auf Abwegen

September 20, 2019

Ted Swenson (Stanley Tucci) hat es gut erwischt. Er ist glücklich verheiratet mit Sherrie (Kyra Sedgwick), einer Klinikärztin. Sein erster und bislang einziger Roman verschaffte ihm eine Stelle als Professor an einer ländlich gelegenen Universität in Vermont. Das ist eine Arbeit, die ihm bei überschaubarem Aufwand die nötige finanzielle Sicherheit und Zeit gibt, um weitere Romane zu schreiben. Nur die Muße hat ihn bislang nicht geküsst. Denn Swenson will nicht im Stephen-King-Tempo oder, literarisch anspruchsvoller, T.-C.-Boyle-Tempo einen Bestseller nach dem nächsten schreiben. Also unterrichtet er und zieht elitär-gelangweilt über seine Studenten her. Bis Angela Argo (Addison Timlin) in seinem Seminar einen intelligenten Satz sagt und ihn bittet, das erste Kapitel ihres Romans zu lesen.

Es gefällt ihm. Er will das nächste Kapitel ihrer Geschichte über eine Lehrer-Schülerinnen-Beziehung lesen. Schnell überwindet ihre Beziehung die normale, von gegenseitigem Desinteresse geprägte Lehrer-Schüler-Beziehung.

Richard Levine, der vor allem für das Fernsehen arbeitet (u. a. Drehbuchautor, Regisseur und Produzent von „Nip/Tuck“, „Boss“ und „Masters of Sex“), erzählt in seinem Spielfilm „Submission“ diese Liebesgeschichte zwischen Swenson und Argo sehr langsam und immer entlang der bekannten Konventionen. Das eine harmlose Ereignis führt zum nächsten harmlosen Ereignis. Dass die ihn bewundernde Studentin Hintergedanken haben könnte und dass eine solche Beziehung, auch schon vor den Zeiten von #MeToo, gegen die guten Sitten und etliche universitäre Verhaltensvorschriften verstößt, ignoriert Swenson trotz deutlicher Warnzeichen. Bei seinem Weg ins Verhängnis erstaunt vor allem, wie wenig sich seit Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“ (1930), einer Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ (1905), veränderte. „Der blaue Engel“ wird in „Submission“ mehrmals direkt angesprochen und gezeigt. Damit werden die Parallelen zwischen Professor Raths und Professor Swensons Abstieg auch für die Menschen, die von Sternbergs Film nicht kennen, überdeutlich.

So wird in „Submission“, mit guten Schauspielern und sehr stilbewusst-altmodisch, noch einmal eine Verführungsgeschichte erzählt, die genau so schon vor hundert Jahren erzählt wurde. Nur dass aus der Nachtclubsängerin inzwischen eine Studentin mit etwas zweifelhafter Vergangenheit wurde. Levine hätte wenigstens die Geschlechter und vielleicht sogar das Aussehen der beiden Hauptfiguren ändern können. Dann hätte sich vielleicht eine Professorin in einen Studenten verliebt.

Submission (Submission, USA 2017)

Regie: Richard Levine

Drehbuch: Richard Levine

LV: Francine Prose: Blue Angel, 2000

mit Stanley Tucci, Addison Timlin, Kyra Sedgwick, Janeane Garofalo, Peter Gallagher, Colby Minifie, Ritchie Coster, Alison Bartlett

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Submission“

Metacritic über „Submission“

Rotten Tomatoes über „Submission“

Wikipedia über „Submission“


TV-Tipp für den 20. September: Lost Highway

September 19, 2019

3sat, 22.25

Lost Highway (Lost Highway, USA 1997)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford

Feiner Film von David Lynch, den ich hier ausführlich besprochen habe.

mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Robert Blake, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey, Michael Massee, Lucy Butler

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Lost Highway“

Wikipedia über „Lost Highway“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Lost Highway“ von David Lynch und Barry Gifford

Charlie Rose unterhält sich mit David Lynch (12. Januar 2000; – und damit vor allem über „The Straight Story“)

Meine Besprechung von David Lynchs “Lost Highway” (Lost Highway, USA 1997)


Neu im Kino/Filmkritik: James Gray schickt Brad Pitt „Ad Astra: Zu den Sternen“

September 19, 2019

James Gray war noch nie der schnellste Erzähler. In all seinen bisherigen Filmen erzählte er langsamer als man es nach Hollywood-Erzählkonventionen gewohnt ist. Je nach persönlicher Gefühlslage ist das dann „atmosphärisch“ oder „langweilig“. In seinem neuen Film „Ad Astra“ perfektioniert er seine langsame Erzählweise fast zum Stillstand.

Major Roy McBride (Brad Pitt) soll zum Rand unseres Sonnensystems reisen. In der Nähe des Neptuns gibt es mehrere radioaktive Explosionen, die zu Katastrophen auf der Erde führen. Diese terroristischen Aktionen könnten sogar die Erde vernichten. McBrides Vorgesetzte vermuten, dass hinter den Anschlägen McBrides Vater H. Clifford McBride (Tommy Lee Jones) steckt. Er verschwand vor sechzehn Jahren mit seiner Besatzung. Er war der Leiter des Luna-Projekts, das im Universum nach intelligentem Leben suchen sollte.

Diese Geschichte von McBrides Reise von der Erde zum Rand des Sonnensystems ist selbstverständlich von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ bzw. Francis Ford Coppolas Verfilmung „Apocalypse Now“ und Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ inspiriert.

Deshalb verfolgt der Film, immer wieder mit überwältigenden, für die große IMAX-Leinwand gemachten Bildern, McBride auf seiner Reise von der Erde zum kommerziell besiedelten Mond, zum militärisch-wissenschaftlich besiedelten Mars und dann zum unbesiedelten Neptun, wo er auf seinen Vater trifft. Auf seiner Reise begegnet McBride Mondpiraten, wildgewordenen Pavianen in einer norwegischen Forschungsstation und wenigen, sehr wenigen Menschen. Weil er auf einer Geheimmission ist, kann er mit ihnen nicht darüber reden.

Über seine Gefühle will er auch nicht reden. Denn für McBride handelt es sich, so wird uns gesagt, bei der Mission um eine sehr persönliche Angelegenheit. Die lange Reise zu seinem totgeglaubten Vater ist für ihn der Anlass, über sein Verhältnis zu seinem Vater und zu seinen Mitmenschen nachzudenken. Denn McBride ist ein introvertierter Einzelgänger. Die Reise im Film soll daher auch seinen Weg vom Einzelgänger zum sozialen Wesen, das sich um seine Mitmenschen kümmert, nachzeichnen.

Dieser innere Konflikt wird im Film allerdings nicht durch die Erlebnisse, die McBride auf seiner Reise hat, erfahrbar gemacht. Stattdessen spricht Brad Pitt leise mit ruhig-monotoner Stimme darüber. Dazu gibt es lange Einstellungen und ruhige Bilder von ihm, dem Weltraum und den wenigen von Menschen besiedelten Orten.

Wer sich jetzt nicht brennend für McBrides Selbstfindungsprobleme und sein Verhältnis zu seinem Vater und was das für ihn bedeutet, interessiert, wird eine sehr schön aussehende, sehr ruhige Reise durch das All sehen und am Ende des Films ganz „Zen“ sein.

Ad Astra: Zu den Sternen (Ad Astra, USA 2019)

Regie: James Gray

Drehbuch: James Gray, Ethan Gross

mit Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Ruth Negga, Liv Tyler, Donald Sutherland, Donnie Keshawarz, Loren Dean, Kimberly Elise, Bobby Nish

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ad Astra“

Metacritic über „Ad Astra“

Rotten Tomatoes über „Ad Astra“

Wikipedia über „Ad Astra“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Grays „Two Lovers“ (Two Lovers, USA 2008)

Meine Besprechung von James Grays „Die versunkene Stadt Z“ (The lost City of Z, USA 2016)

James Gray, Brad Pitt und Nasa-Vertreter unterhalten sich über den Film (16. September 2019)

Schon einige Tage älter: im TIFF Talk redet James Gray über seine Karriere und den damals noch nicht der Öffentlichkeit gezeigten Film „Ad Astra“ (9. Januar 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Rambo: Last Blood“ – Das Ende, hoffentlich

September 19, 2019

Der Vietnam-Veteran John Rambo, der in den vergangenen Jahrzehnten durch die Welt reiste und Bösewichter ins Jenseits beförderte, lebt inzwischen auf einer Ranch in Arizona. Er schluckt Tabletten, wie andere Erdnüsse essen. Gabrielle, die Enkelin seiner Haushälterin, ist seine über alles geliebte Ziehtochter, die demnächst auf die Universität geht.

Eines Tages fährt sie nach Mexiko. Sie will dort ihren Vater, der sie vor Ewigkeiten verlassen hat, fragen, warum er sie verlassen hat. Kurz darauf ist sie in den Händen der Martinez-Brüder, die ihr Geld unter anderem mit Frauenhandel und Zwangsprostitution verdienen.

Als Rambo das erfährt, packt er sein Auto voll mit den Waffen, die man halt so in Mexiko benötigt, und fährt los.

Adrian Grunberg, der die kurzweilige Mel-Gibson-Actionkomödie „Get the Gringo“ inszenierte, ist hier ein reiner Erfüllungsgehilfe für Sylvester Stallone. Ohne erkennbare Ambitionen wird der Star ins rechte Licht gerückt, während aus allen Ritzen konservative und reaktionäre Ideologie tropft. Alle Mexikaner sind Verbrecher, Drogenhändler, Frauenhändler, Vergewaltiger oder treulose Familienväter. Halt menschlicher Abschaum, der nur auftritt, um von Rambo getötet zu werden. Dafür latschen sie bereitwillig in seine Fallen und leisten in direkten Konfrontationen keine Gegenwehr. Denn Sylvester Stallone ist nicht mehr der Jüngste. Sein Schauspiel beschränkt sich auf grimmige Blicke und grummelige Satzfragmente.

Alle Figuren in diesem Film verhalten sich dumm. Wenn sie die Wahl zwischen zwei dummen Alternativen haben, wählen sie zuverlässig die dümmste Option und sie entscheiden sich konsequent für die die gewalttätige Option. Es gibt nur „Gewalt“ und „noch mehr Gewalt“.

Bis es zu den Gewaltausbrüchen und den damit verbundenen wenigen, dafür sehr blutig-brutalen Actionszenen kommt, vergeht ziemlich viel Filmzeit mit peinlichen Erklärdialogen und Sonnenuntergängen. Spätestens wenn Rambo nach Mexiko aufbricht, verbindet der Film vollkommen ironie- und überraschungsfrei, die Dummheiten der Jugend mit der Sturheit des Alters. Der John Rambo in „Last Blood“ unterscheidet sich nicht von dem deutlich jüngeren John Rambo in „Rambo II – Der Auftrag“ oder in „Rambo III“. Er ist eine Ein-Mann-Kampfmaschine, die die gerade populären Gegner reaktionärer US-Amerikaner abschlachtet.

Das ist genau die strunzdumme Law&Order-Ideologie, die Stallone in den achtziger Jahren zu einem der größten Actionstars machte, die damals schon unbekömmlich war und die hier unverändert wieder präsentiert wird.

Rambo: Last Blood“ ist noch nicht einmal ärgerlich, weil alles genau so kommt, wie man es erwartet, wenn Stallone nicht nur die Hauptrolle übernimmt, sondern auch das Drehbuch schreibt. Der fünfte Rambo-Film ist einfach nur noch ein weiterer vergessenswerter Film mit John Rambo. Auch wenn dieser mit dem Titel „Last Blood“ und, im Abspann, Bildern aus den vorherigen Rambo-Filmen einen Bogen zu „First Blood“, dem Originaltitel des ersten Rambo-Films, schlagen soll.

In Grunbergs Film gibt es nirgendwo den Versuch, den Charakter John Rambo einer Neubetrachtung zu unterziehen oder einen Abschluss zu liefern. Das ist kein letztes Gefecht, sondern einfach nur das nächste Gefecht und, auch wenn Stallone in Interviews zum Filmstart nur von einem weiteren Rocky-Film mit ihm als Rocky redet, ist der nächste Rambo-Film schon am Horizont sichtbar.

Eine unbestrittene Qualität hat der vollkommen ironie- und humorfreie Actionfilm allerdings. „Rambo: Last Blood“ hat unzählige Momente, die sich für Parodien eigenen. Schon beim Ansehen des Films fielen mir mögliche Fake-Trailer und Memes (wie „John Rambo, Herzchirurg“) ein.

Rambo: Last Blood (Rambo: Last Blood, USA 2019)

Regie: Adrian Grunberg

Drehbuch: Matthew Cirulnick, Sylvester Stallone (nach einer Geschichte von Dan Gordon und Sylvester Stallone) (basierend auf der von David Morrell erfundenen Figur)

mit Sylvester Stallone, Paz Vega, Sergio Peris-Mencheta, Adriana Barraza, Yvette Monreal, Oscar Jaenada

Länge: 101 Minuten (der Abspann ist sehr lang)

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Rambo: Last Blood“

Metacritic über „Rambo: Last Blood“

Rotten Tomatoes über „Rambo: Last Blood“

Wikipedia über „Rambo: Last Blood“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Adrian Grunbergs „Get the Gringo“ (Get the Gringo, USA 2012)

Homepage von David Morrell (mit Informationen zu Rambo)

The Big Thrill: Porträt von David Morrell (August 2019)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „The Kitchen: Queens of Crime“ schlagen zu

September 19, 2019

New York in den Siebzigern. Das Hell’s Kitchen war noch nicht gentrifiziert. Der „Taxi Driver“ fuhr durch die von irischen Gangstern beherrschten Straßen. Einige von ihnen sind die Berufsverbrecher Jimmy Brennan, Kevin O’Carroll und Rob Walsh. Nachdem sie 1978 nach einem Überfall auf einen Schnapsladen verhaftet und zu längeren Haftstrafen verurteilt werden, stehen ihre Frauen Kathy Brennan (Melissa McCarthy), Ruby O’Carroll (Tiffany Haddish) und Claire Walsh (Elisabeth Moss) nicht vor dem Nichts. Immerhin erhalten sie als die Ehefrauen der Mob-Gangster, solange ihre Männer im Gefängnis sind, etwas Geld. Es sind Almosen, die sie ruhig stellen sollen. Zum Leben ist es zu wenig. Also übernehmen die drei Ehefrauen das Geschäft ihrer Männer: sie treiben die Schulden und das Schutzgeld selbst ein.

Das ist allerdings leichter gedacht, als getan. Trotzdem sind sie, nach kurzen Anlaufschwierigkeiten, sehr erfolgreich im Geschäft. Ein Mafiaboss bietet ihnen eine Zusammenarbeit an. Andere Gangster sind über die drei Frauen weniger erfreut. Schließlich sollen Frauen nicht Gangster spielen, sondern Wäsche waschen und Essen kochen. Und dann sind da auch noch ihre Männer, die irgendwann aus dem Gefängnis entlassen werden.

Das hört sich – auch wenn die drei Damen bruchlos von liebevoller Hausfrau zu skrupellosem Gangster und Gangsterboss umschalten – nach einem zünftigen Gangsterfilm mit viel Retro-Charme an. Dass in den späten siebziger Jahren, außerhalb eines Blaxploitation-Films, niemals drei Hausfrauen den Macho-Gangstermännern Befehle erteilt hätten, stört nicht weiter. Es ist eine wunderschöne Selbstermächtigungsfantasie vor einem ausnehmend pittoresken Hintergrund.

Die Idee für diese Geschichte hatten Ollie Master, Ming Doyle und Jordie Bellaire, die 2015 den Hardboiled-Noir-Gangstercomic „The Kitchen“ bei DC/Vertigo veröffentlichten.

Andrea Berloff, die für ihr Buch zum NWA-Biopic „Straight Outta Compton“ für einen Drehbuch-Oscar nominiert wurde und die Drehbücher zu „World Trade Center“, „Blood Father“ und „Sleepless“ schrieb, nahm für ihre Verfilmung den Comic als Handlungsskizze. Sie fügte einige Figuren dazu, veränderte bei anderen Figuren einiges und auch das Ende ist anders. Dem Geist der Vorlage blieb sie dabei treu.

Aber es gelingt ihr bei ihrer ersten Regiearbeit nicht, ihn in den Film zu übertragen. Trotz aller Änderungen wirkt der Film, als habe man den Comic 1-zu-1 abgefilmt und dabei vergessen, dass Comic und Film zwei verschiedene Medien sind.

So bleiben im Film alle Figuren austauschbare Abziehbilder ohne ein erkennbares Innenleben und nachvollziehbare Motive. Sie sind alle böse Verbrecher, die sich ohne erkennbare Skrupel notfalls gegenseitig betrügen und töten. Nirgendwo ist ein moralischer Kompass erkennbar, der aus „The Kitchen“ mehr als ein banales Gangster-bringen-Gangster-Werk machen würde.

The Kitchen“ ist ein Langweiler und angesichts der Besetzung – Melissa McCarthy (wieder in einer ernsten Rolle), Tiffany Haddish (dito) und Elisabeth Moss in den Hauptrollen -, der Ausstattung, den Kostümen, den Frisuren (es sieht wirklich wie in den Siebzigern aus), der Kamera (Maryse Alberti [„The Wrestler“, „Creed“]) und der zeitgenössischen Musikauswahl eine große Enttäuschung.

Im Gegensatz zur Vorlage.

The Kitchen:Queens of Crime (The Kitchen, USA 2019)

Regie: Andrea Berloff

Drehbuch: Andrea Berloff

LV: Ollie Masters/Ming Doyle/Jordie Bellaire: The Kitchen, 2015 (The Kitchen)

mit Melissa McCarthy, Tiffany Haddish, Elisabeth Moss, Domhnall Gleeson, James Badge Dale, Brian d’Arcy James, Margo Martindale, Bill Camp, Common, Annabella Sciorra

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Ollie Masters/Ming Dolye/Jordie Bellaire: The Kitchen

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini, 2019

180 Seiten

18,99 Euro

Originalausgabe

The Kitchen

DC/Vertigo, 2015

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Kitchen“

Metacritic über „The Kitchen“

Rotten Tomatoes über „The Kitchen“

Wikipedia über „The Kitchen“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. September: Den Menschen so fern

September 19, 2019

WDR, 23.25

Den Menschen so fern (Loin des Hommes, Frankreich 2014)

Regie: David Oelhoffen

Drehbuch: David Oelhoffen

LV (frei nach): Albert Camus: L’Hôte, 1957 (Der Gast, Erzählung)

Algerien, 1954: Der Ex-Soldat und Lehrer Daru soll den des Mordes angeklagten Bauern Mohamed in die nächste Stadt bringen, wo er zum Tod verurteilt wird. Während Daru ihn nicht dorthin bringen will, will Mohamed unbedingt dorthin

Tolles existenzialistisches Drama vor einer menschenleeren Western-Kulisse, musikalisch spärlich untermalt von Nick Cave und Warren Ellis.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Viggo Mortensen, Reda Kateb, Djemel Barek, Vincent Martin Nicolas Giraud, Angela Molina

Hinweise
Deutsche Verleihseite zum Film
Moviepilot über „Den Menschen so fern“
AlloCiné über „Den Menschen so fern“
Metacritic über „Den Menschen so fern“
Rotten Tomatoes über „Den Menschen so fern“
Wikipedia über „Den Menschen so fern“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von David Oelhoffens „Den Menschen so fern“ (Loin des Hommes, Frankreich 2014)


TV-Tipp für den 18. September: Cotton Club

September 17, 2019

One, 22.00

Cotton Club (The Cotton Club, USA 1983)

Regie: Francis Ford Coppola

Drehbuch: William Kennedy, Francis Ford Coppola (nach einer Geschichte von William Kennedy, Francis Ford Coppola und Mario Puzo)

Coppolas Liebeserklärung an den Cotton Club. Nicht schlecht, wie er hier Gangsterfilm mit Liebesfilm mit Tanzfilm mit einem halben Dutzend weiterer Genres verbindet. Aber auch weit von der Qualität seiner ersten beiden Paten-Filme entfernt.

Während der Dreharbeiten unterhielten die verschiedensten Skandalmeldungen (Drehbuch, Budget, künstlerische Auseinandersetzungen, um nur einige zu nennen) die Öffentlichkeit.

Ein Hinweis aus Coppolaland: Am 24. Oktober erscheint bei Studiocanal „Apocalypse Now“ in allen verfügbaren Fassungen (also ursprüngliche Kinofassung, Redux-Fassung und Final Cut) als DVD, Blu-ray und 4 K Ultra HD mit Tonnen Bonusmaterial. Es ist auch brandneues Bonusmaterial angekündigt.

Mit Richard Gere, Gregory Hines, Diane Lane, Bob Hoskins, James Remar, Nicolas Cage, Larry Fishburne, Tom Waits, Joe Dallesandro, Woody Strode

Wiederholung: Donnerstag, 19. September, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Cotton Club“

Wikipedia über „Cotton Club“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” (Apocalypse Now, USA 1979 – die “Full Disclosure”-Blu-ray)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now – Final Cut“ (Apocalypse Now, USA 1979) (zur Kinoaufführung)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Twixt – Virginias Geheimnis“ (Twixt, USA 2011)

Francis Ford Coppola in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 17. September: Agentenpoker

September 16, 2019

Servus TV, 22.10

Agentenpoker (Hopscotch, USA 1980)

Regie: Ronald Neame

Drehbuch: Brian Garfield, Bryan Forbes

LV: Brian Garfield: Hopscotch, 1975

Ein geschasster CIA-Agent will seine Memoiren veröffentlichen. Sie stoßen vor allem in Agentenkreisen auf großes Interesse.

Nette Agentenkomödie, die in Deutschland nur eine Videopremiere erlebte.

„Witzige und größtenteils schwungvolle Agenten-Komödie.“ (Lexikon des internationalen Films)

Der Film war für einen Edgar nominiert, das Drehbuch für den Preis der Writers Guild of America , der Roman erhielt den Edgar als bester Krimi des Jahres und auch Brian Garfield ist mit dieser Verfilmung sehr zufrieden.

mit Walter Matthau, Glenda Jackson, Sam Waterston, Herbert Lom, Ned Beatty, David Matthau, George Baker

Auch bekannt als „Bluff Poker – Ein Schlitzohr packt aus“ (Videotitel)

Alternative Schreibweise „Agenten-Poker“

Wiederholung: Mittwoch, 18. September, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Agentenpoker“ 

Wikipedia über „Agentenpoker“ (deutsch, englisch)

Themroc über „Agenten-Poker“

DVD Savant über „Hopscotch“

New York Times: Vincent Canby über „Hopscotch“ (26. September 1980)

Homepage von Brian Garfield

Meine Besprechung von “The Stepfather” (nach einer Geschichte von Brian Garfield)

Mein Nachruf auf Brian Garfield


Neu im Kino/Filmkritik: „Wer 4 sind“ über die HipHop-Band „Die Fantastischen Vier“

September 16, 2019

Muss man „Die Fantastischen Vier“ noch vorstellen? Seit dreißig Jahren machen die vier Jungs aus Stuttgart gemeinsam Musik. Mit „Die da!?!“ hatten sie 1992 ihren Durchbruch. Nach diesem kindischen Partyhit entwickelten die Hip-Hopper sich schnell weiter. Sie sind schon seit Ewigkeiten ein fester Bestandteil der deutschen Musikszene. Außerdem besteht die Band, abgesehen von den Tourmusikern, immer noch aus den vier Gründungsmitgliedern.

In „Wer 4 sind“ dokumentiert Thomas Schwendemann die Arbeit von der Michi Beck, Thomas D, And.Ypsilon und Smudo an ihrer neuen Hip-Hop-CD „Captain Fantastic“ von den ersten improvisierten Gedankensammlungen für die neue CD bis zur Präsentation der CD vor Publikum.

Dazwischen gibt es Szenen aus dem Leben von Smudo, Thomas D, And.Ypsilon und Michi Beck, die alle sehr sympathisch und bodenständig rüberkommen, und einen kurzen Rückblick zu ihren Anfängen in Stuttgart.

Die unkritische und oberflächliche Doku ist eigentlich die perfekte Beigabe zur CD. Sie ist hundertfünfzigprozentiger Fanservice, der sich auch nur an die Fans richtet. Ein zufälliger Besucher erfährt nichts essentielles über die Band, ihre Geschichte und ihre Position im deutschen Hip-Hop. Ihre Musik wird immer nur so kurz angespielt, dass jemand, der die Band nicht kennt, nach dem Abspann ahnt, dass sie Hip-Hop spielen könnten. Aber ob ihm die Musik gefallen könnte, weiß er nicht.

Fans der Band werden das selbstverständlich ganz anders sehen.

Wer 4 sind (Deutschland 2019)

Regie: Thomas Schwendemann

Drehbuch: Thomas Schwendemann

mit Michi Beck, Thomas D, And.Ypsilon, Smudo, Clueso, Samy Deluxe, Afrob, Curse, Damion Davis, DJ Thomilla

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

alternative Schreibweise: „Wer Vier sind“

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wer 4 sind“

Moviepilot über „Wer 4 sind“

Wikipedia über „Die fantastischen Vier

Homepage der Band