Wing-Chun-Meister Cheung Tin Chi (Max Zhang), der in „Ip Man 3“ von dem titelgebenden Ip Man besiegt wurde, lebt inzwischen mit seinem Sohn ein ruhiges und unauffälliges Leben als Besitzer eines kleinen Ladens in Hongkong. Eines Tages rettet er die junge Julia (Liu Yang) vor einigen Schlägern und schon ist er mitten im Krieg mit den Triaden. In ihnen tobt ein Machtkampf über das neue Geschäftsfeld Drogenhandel.
Als die Verbrecher ihn, seine Familie und Freunde angreifen, muss er wieder zu dem Kämpfer werden, der er früher war.
„Master Z: The Ip Man Legacy“ ist ein von den Machern der erfolgreichen „Ip Man“-Filme produziertes Spin-off, das eine so lose Verbindung zur „Ip Man“-Geschichte hat, dass man sie getrost vernachlässigen kann.
Auch die Filmgeschichte kann man vernachlässigen. Sie dient vor allem dazu, die verschiedenen Kampfszenen sinnvoll miteinander zu verbinden, ohne die Zuschauer und Schauspieler zu überfordern. Das gelingt der altbekannten, niemals innovativen oder überraschenden B-Movie-Geschichte mit ihrer simplen Moral und den schablonenartigen Figuren gut. Sie führt sinnvoll und ohne die Intelligenz des Zuschauer zu beleidigen von Kampfszene zu Kampfszene.
Im Mittelpunkt stehen nämlich die atemberaubend choreographierten Kämpfe und, ziemlich ein Anfang des Films, ein sich über mehrere Stockwerke auf der Bar Street entwickelnder, atemberaubender Tanz auf Drahtseilen, Balkonen und Leuchtreklamen. Dafür verantwortlich ist Regisseur Yuen Woo-Ping, der seit den frühen siebziger Jahren Actionszenen choreographiert und Regie führt. Seine bekanntesten Arbeiten waren für Hollywood in den „Matrix“-Filmen und in „Kill Bill“.
Dave Bautista, der den englischen Geschäftsmann Owen Davidson spielt, ist vor allem das Gesicht aus Hollywood, das dem Film eine internationale Verwertung sichern soll. Viel mehr hat er in „Master Z“, auch wenn er im Finale seine Muskeln spielen lässt, nicht zu tun.
Für Martial-Arts-Fans ist „Master Z: The Ip Man Legacy“ einen Kinobesuch wert.
Master Z: The Ip Man Legacy (葉問外傳:張天志, Hongkong 2018)
Regie: Yuen Woo-Ping
Drehbuch: Edmond Wong, Chan Tai Lee
Mit Max Zhang, Dave Bautista, Michelle Yeoh, Tony Jaa, Yan Liu
LV: Sarah Waters: Fingersmith, 2002 (Solange du lügst)
In dem ruhig erzählten Krimidrama „Die Taschendiebin“ mit einige erzählerischen Finessen erzählt Park Chan-wook in wunderschönen Bildern die Geschichte von dem jungen und naiven Dienstmädchen Sookee, das im Korea der dreißiger Jahre auf einem einsam gelegenem Anwesen Lady Hideko dienen soll. Sie lebt dort mit ihrem Onkel, der über eine große Bibliothek erotischer Bücher verfügt, die er in besonderen Lesungen meistbietend verkauft.
Sookee ist allerdings kein normales Dienstmädchen, sondern eine Betrügerin die alles für Graf Fujiwara vorbereiten soll. Der Graf will Lady Hideko verführen, heiraten und um ihr Vermögen bringen. Aber auch Sookee verliebt sich in die Hausherrin.
mit Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-sook, Moon So-ri
Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (Three Burials of Melquiades Estrada, USA/Frankreich 2005)
Regie: Tommy Lee Jones
Drehbuch: Guillermo Arriaga
Ein junger Grenzpolizist erschießt irrtümlich den Rancharbeiter Melquiades Estrada. Sein bester Freund, der Vorarbeiter Pete Perkins, will Estradas letzten Wunsch, eine Beerdigung in seiner Heimat Mexiko, erfüllen. Weil die Polizei sich nicht für den Tod eines Illegalen interessiert und Perkins altmodische Vorstellung von Moral und Ehre hat, entführt er den Todesschützen und begibt sich mit ihm und der Leiche auf den Weg zu Estradas Heimatdorf.
Toller noirischer Neo-Western, der leider nie richtig in unseren Kinos lief. In Cannes erhielten Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch. Außerdem erhielt „Die drei Begräbnisse des Melquides Estrada“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Kinofilm.
Der Film ist Tommy Lee Jones’ erster Kinofilm. 2014 folgte der Western „The Homesman“.
mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio César Cedillo, Dwight Yoakam, January Jones, Melissa Leo, Levon Helm, Guillermo Arriaga
State of Play – Der Stand der Dinge (State of Play, USA/Großbritannien 2009)
Regie: Kevin Macdonald
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Tony Gilroy, Billy Ray (nach der gleichnamigen TV-Serie von Paul Abbott)
In Washington, D. C., verunglückt die sehr junge Mitarbeiterin eines Kongressabgeordneten tödlich in der U-Bahn. Zur gleichen Zeit wird ein Kleindealer von einem Killer erschossen. „Washington Globe“-Reporter Cal McAffrey beginnt zu recherchieren.
Auf de Insel war der spannende Sechsteiler „State of Play“ von „Cracker“-Autor Paul Abbott, der bei uns eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit als „Mord auf Seite 1“ auf Arte lief (und mal wiederholte werden könnte), ein Riesenerfolg. Natürlich interessierte Hollywood sich für ein Remake. Die guten Politthriller-Autoren Carnahan, Gilroy und Ray machten aus der Vorlage einen hochkarätig besetzten Paranoia-Thriller, der natürlich nie die Komplexität des Originals erreicht und eigentlich perfekte Unterhaltung wäre, wenn Russell Crowe nicht wie der Mann aus den Bergen aussehen würde. Aber anscheinend konnte Hollywood sich 2009 einen investigativen Journalisten nur noch als verspätetes Hippie-Modell aus den Siebzigern vorstellen.
Da waren Robert Redford, Dustin Hoffman, Warren Beatty (okay, die hatten zeitgenössisch ziemlich lange Matten) und John Simm (der Original McAffrey) besser frisiert.
Die Kritiker (vulgo Journalisten) waren von der okayen Kinoversion der BBC-Miniserie begeistert.
mit Russell Crowe, Ben Affleck, Rachel McAdams, Helen Mirren, Robin Wrigth Penn, Jason Bateman, Jeff Daniels, Viola Davis
Wiederholung: Sonntag, 12. Mai, 00.25 Uhr (Taggenau!)
LV: Manfred Bieler: Maria Morzeck oder Das Kaninchen bin ic, 1969 (Biederstein-Verlag, Müncheh; unklar, ob es bereits früher in der DDR veröffentlicht wurde)
Die 19-jährige Maria, die gerne studieren würde, muss kellnern. Denn ihr Bruder wurde kurz nach dem Bau der Berliner Mauer wegen ’staatsfeindlicher Hetze‘ verurteilt. Dann verliebt sie sich in den verheirateten Richter, der ihren Bruder verurteilte.
Und noch ein DDR-Film, der damals direkt ins Regal gestellt wurde. Die Uraufführung war am 23. November 1989 in Berlin im Kino International. 1990 wurde Kurt Maetzigs kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Realität im Kino gezeigt. „Auch heute noch besticht er trotz einer gewissen formalen Konventionalität durch seine ausgezeichneten Darsteller.“ (Fischer Film Almanach 1991)
Mit Angelika Waller, Alfred Müller, Irma Münch, Ilse Voigt, Wolfgang Winkler
Die eine sieht gut aus. Die andere nicht. Die eine ist schlau. Die andere nicht. Die eine ist ein Profi. Die andere nicht. Aber Josephine Chesterfield (Anne Hathaway) entdeckt sofort das Potential, das Penny Rust (Rebel Wilson) als Trickbetrügerin hat.
An der französischen Riviera nimmt sie die laute, großmäulige Penny unter ihre Fuchtel. Zuerst bringt sie ihr Manieren bei. Später streiten sie sich und sie schließen eine Wette ab: wer als erste von ihrem nächstem Opfer eine halbe Million erschwindelt, darf in der Stadt bleiben. Die andere verlässt die Stadt.
Ihr spontan ausgewähltes Opfer ist ein junger Internet-Millionär (Alex Sharp), der noch grün hinter den Ohren ist.
Der deutsche Titel deutet es schon an: „Glam Girls – Hinreißend verdorben“ ist „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ (Dirty rotten Scoundrels, 1988) mit vertauschten Geschlechtern. Damals spielten Michael Caine und Steve Martin die Gauner. Der Film ist ein Remake von „Zwei erfolgreiche Verführer“ (Bedtime Story, 1964) mit David Niven und Marlon Brando. Die anspruchslose Komödie gehört zu den vergessenen Filmen von Brando.
In „Glam Girls“ dürfen jetzt also Frauen Männer ausnehmen. Eine besonders neue Idee ist das nicht. In den vergangenen Jahren hat man Frauen als erfolgreiche Trickbetrügerinnen schon öfter gesehen. Letztes Jahr lief, ebenfalls mit Anne Hathaway, „Ocean’s 8“ im Kino. In den TV-Serien „Hustle – Unehrlich währt am längsten“ (2004 – 2012) und „Leverage“ (2008 – 2012), in denen Gauner noch größere Gauner ausnehmen, gehören Trickbetrügerinnen zum Team und ihr Können war essentiell wichtig für das Gelingen der Betrügereien. Diese klugen Frauen waren auch deutlich emanzipierter als die „Glam Girls“.
Denn alles in Chris Addisons in jeder Beziehung vorhersehbarer Komödie scheint direkt aus den muffigen fünfziger Jahren zu kommen. Nur dass jetzt nicht die Frauen intelligenzbefreite Wesen sind, denen Männer Schmuck umhängen, sondern dass alle Männer Trottel sind, die beim Anblick einer Frau noch dümmer werden. Spitzer Humor, treffsichere Pointen und irgendeine Spur von Ambitionen fehlen durchgehend.
Das ist Dienst nach Vorschrift, der mit dem geringstmöglichen Einsatz von Mitteln eine schwarze Null schreiben will. Bei einem Budget von 18 Millionen Dollar dürfte das auch locker gelingen.
Während des Films fragte ich mich die ganze Zeit, was eine glänzend aufgelegte Melissa McCarthy wohl aus Penny gemacht hätte? Rebel Wilson ist dagegen nur ein zahmer Abklatsch. Anne Hathaway kann auch in der deutschen Fassung bezaubernd gickeln. Eine wirkliche Chemie ist zwischen beiden nicht spürbar. Das liegt allerdings weniger an ihnen, sondern an dem schwachen Drehbuch. Die Männer sind austauschbare Staffage. Die einzige nennenswerte dritte Frauenrolle ebenso.
„Glam Girls“ ist bestenfalls anspruchslose Unterhaltung mit Postkartenbildern von schönen Menschen in einer schönen Umgebung, die niemand wehtut, nicht zum Nachdenken anregt und keinerlei aktuelle Relevanz hat. Es ist einer dieser Filme, die man sich an einem verregneten Nachmittag im Halbschlaf ansieht, weil man zu faul ist, den Kanal zu wechseln.
Glam Girls – Hinreisend verdorben (The Hustle, USA 2019)
Regie: Chris Addison
Drehbuch: Jac Schaeffer, Stanley Shapiro, Paul Henning, Dale Launer
mit Rebel Wilson, Anne Hathaway, Alex Sharp, Casper Christensen, Ingrid Oliver, Nicholas Woodeson, Dean Norris, Timothy Simons, Hannah Waddingham
Ende der fünfziger Jahre auf einer Großbaustelle in der DDR-Provinz: der anarchistische Zimmermann und Anführer einer Brigade Hannes Balla (Manfred Krug) kriegt Ärger mit einem linientreuen Parteisekretär.
In der DDR verschwand der systemkritische Film schnell im Giftschrank. Im Gegensatz zu anderen ‚Regalfilmen‘ lief er allerdings im Sommer 1966 kurz und ziemlich erfolgreich im Kino. Nach organisierten Protesten wurde er aus den Kinos genommen und nicht mehr öffentlich gezeigt. Erst zur Wende wurde der Giftschrank geöffnet.1989 wurde „Spur der Steine“ in DDR-Kinos und ab dem 10. Mai 1990 auch in BRD-Kinos gezeigt.
„Symptomatisch für den Zustand des deutschen Kinofilms ist es, dass einer der besten deutschen Filme, die 1990 in die Kinos der alten Bundesrepublik gelangten, ein DDR-Film von 1966 war. (…) Alles in allem erreicht Beyers Werktätigen-Film eine satirische Qualität, die ihn zu einem Meilenstein der DDR-Filmgeschichte macht.“ (Fischer Film Almanach 1991)
mit Manfred Krug, Krystyna Stypulkowská, Eberhard Esche, Johannes Wieke, Hans-Peter Minetti
Der Film selbst ist ein Nachtrag zu Hubertus Siegerts „Klassenleben“ (2005). In dem Dokumentarfilm erzählte er von einigen Schülern an der Fläming-Schule in Berlin-Schöneberg. Seit 1975 ist sie eine Integrationsschule. In ihr werden nichtbehinderte und behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Nach dem Film hatte Siegert mit dem Thema abgeschlossen.
Dann entdeckte er einen Zeitungsartikel. In dem stand, dass einer der von ihm porträtierten Grundschüler einen wichtigen Nachwuchs-Wettbewerb für Musicaldarsteller gewonnen hatte. In dem Moment fragte Siegert sich, was aus den anderen Grundschülern, die er für „Klassenleben“ porträtierte, geworden ist und was sie rückblickend über ihre Jahre auf der Fläming-Schule denken.
„Die Kinder der Utopie“ ist jetzt seine spielfilmlange Antwort. Er begleitet, zwölf Jahre nach den damaligen Dreharbeiten, Christian, Dennis, Johanna, Luca, Marvin und Natalie, die sechs Hauptfiguren aus „Klassenleben“, in ihrem Alltag. Er zeigt, wie einige Jugendliche heute leben. Sie studieren, sie sind in einer Ausbildung, sie arbeiten, sie planen ihre Zukunft und sind gleichzeitig unsicher über ihren weiteren Lebensweg. Und sie erinnern sich gerne an ihre Grundschulzeit. Sie sind sich alle einig, dass sie auf einer guten Schule waren und wahrscheinlich aufgrund dieser Schule toleranter sind.
Dabei bedient Siegert sich einer Reigen-Dramaturgie, die jedem seiner Protagonisten ausreichend Raum gibt. Erst am Ende treffen sie sich alle wieder.
Siegert erzählt das, als sympathisierender Beobachter und ohne kommentierenden Erzähler, feinfühlig und mit spürbarem Interesse an den jungen Menschen. Es gibt auch einige Ausschnitte aus „Klassenleben“.
Objektivierende Fakten, Fachmeinungen und Forschungsergebnisse werden nicht erwähnt. Damit kann anhand dieses Films nicht kundig über Inklusion gesprochen werden. Er ist sogar als Initialzündung für eine Diskussion kaum geeignet. Denn bei Bildung geht es nicht darum, ob die Schüler eine gute Zeit hatten, sondern darum, was sie gelernt haben und ob das sinnvoll und wichtig für ihr weiteres Leben und für die Gesellschaft ist. Es geht auch um die Frage, ob diese Ziele besser in einer Inklusionsschule oder in Regelschulen (also einer der Schulen, die die meisten Deutschen besucht haben und besuchen) erreicht werden kann.
Insofern ist „Die Kinder der Utopie“ ein „14 Jahre später“-Appendix zu „Klassenleben“, der ohne die Kenntnis von „Klassenleben“ etwas sinnfrei ist. Schließlich liest man bei einem Buch auch nicht nur den Epilog.
Die Kinder der Utopie (Deutschland 2019)
Regie: Hubertus Siegert
Drehbuch: Hubertus Siegert
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Hinweise
Homepage zum Film (umfangreich und mit den Kinos, die den Film zeigen)
Drehbuch: Peter Fleischmann (nach dem Theaterstück von Martin Sperr)
Der zwanzigjährige Abram kehrt nach einem längeren Aufenthalt in Landshut wieder zurück in das niederbayerische Dorf, in dem er aufwuchs. Die Dorfbewohner glauben, dass er homosexuell ist und deswegen im Gefängnis saß. Sie verachten ihn. Nur Hannelore begegnet ihm ohne Vorurteile. Als sie behauptet, Abram habe sie geschwängert, eskaliert die Situation.
Ein Klassiker des Neuen Deutschen Films, der ein wenig schmeichelhaftes Bild der Provinz zeichnet. Der Verleih nennt Fleischmanns Antiheimatfilm zutreffend „eine verstörende Parabel auf Grausamkeit und den alltäglichen Faschismus“.
mit Martin Sperr, Angela Winkler, Else Quecke, Maria Stadler, Hanna Schygulla
Ulla Stöckls Abschlussfilm wird heute als feministischer Kultfilm gehandelt. Das essayistisches Porträt mehrerer junger Frauen, die Ende der sechziger Jahre in der von Männern dominierten Welt nach Selbstbestimmung suchen, ist auch einer, vielleicht sogar der erste feministische bundesdeutsche Film.
„Nie hatten Frauen so viele Möglichkeiten, ihr Leben so einzurichten, wie sie wollen. Aber jetzt müssen sie überhaupt erst lernen, dass sie etwas wollen können.“ (Ulla Stöckl)
Stöckls inszenierte danach, zusammen mit „Heimat“-Regisseur Edgar Reitz „ Geschichten vom Kübelkind“ und „Das goldene Ding“. In den siebziger Jahren arbeitete sie vor allem für das Fernsehen. 1984 inszenierte den Kinofilm „Der Schlaf der Vernunft“; ihr bekanntester Film.
„Neun Leben hat die Katze“ lief anscheinend zuletzt vor fünfzehn Jahren im TV. Das hat allerdings weniger mit der Missachtung von Filmemacherinnen, sondern mehr mit der Missachtung des Neuen Deutschen Films zu tun. Bis auf wenige Ausnahmen werden viele Klassiker des Neuen Deutschen Films selten bis nie gezeigt.
mit Liane Hielscher, Christine de Loup, Jürgen Arndt, Elke Kummer, Alexander Kaempfe, Antje Ellermann
Verräter wie wir(Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)
Regie: Susanna White
Drehbuch: Hossein Amini
LV: John le Carré: Our Kind of Traitor, 2010 (Verräter wie wir)
Während eines Urlaubs in Marrakesch lernen der rundum harmlose Oxford-Dozent für Poesie Perry und seine Frau Gail den feierwütigen Dima, der immer von einem Hofstaat begleitet wird, kennen. Dima bittet Perry um einen Gefallen. Er soll dem MI6 einen USB-Stick mit Daten überbringen. Denn Dima, der ein Geldwäscher für die Russenmafia ist, fürchtet um sein Leben und Perry und Gail sollen ihm den Weg in die Sicherheit ebnen.
Der ruhige Thriller ist eine weitere gelungene John-le-Carré-Verfilmung.
mit Ewan McGregor, Stellan Skarsgård, Damian Lewis, Naomie Harris, Jeremy Northam, Khalid Abdallah, Mark Gatiss, Saskia Reeves, Alicia von Rittberg, John le Carré (sein Genehmigungs-Cameo)
Wiederholung: Mittwoch, 8. Mai, 00.50 Uhr (Taggenau!)
Der Manchurian Kandidat (The Manchurian Candidate, USA 2004)
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris
LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)
Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.
Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des Informationsüberschusses, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.
Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.
Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet
Die üblichen Verdächtigen (The usual Suspects, USA 1995)
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Christopher McQuarrie
„Wer ist Keyser Soze?“ fragen sich einige nur scheinbar zufällig in eine Gefängniszelle eingesperrte Verbrecher und, nach einem Massaker im Hafen von San Pedro, auch ein Zollinspektor. Er lässt sich von dem einzigen Überleben erzählen, wie es zu dem Blutbad im Hafen kam.
Nach zwei Stunden gibt es die überraschende Enthüllung. Heute dürfte das Ende bekannt sein.
„Einer der intelligentesten Thriller des Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1997)
McQuarries Drehbuch erhielt unter anderem den Edgar und den Oscar.
Mit Kevin Spacey, Chazz Palminteri, Stephen Baldwin, Gabriel Byrne, Benicio Del Toro, Kevin Pollak, Pete Postlethwaite, Suzy Amis, Giancarlo Esposito, Dan Hedaya, Paul Bartel, Louis Lombardi
Wiederholung: Sonntag, 5. Mai, 01.30 Uhr (Taggenau!)
Als Dr. Alice Lambert im Krankenhaus auf der Intensivstation erwacht, ist ihr Leben zerstört. Sie wurde von einem Unbekannten in ihrem Vorstadthaus angeschossen. Ihr Mann ist tot und ihre kleine Tochter Tara verschwunden. Kurz darauf erhält sie eine Lösegeldforderung mit den üblichen Bedingungen. Ihre Schwiegereltern, die ein nobles Landhotel betreiben, können das Lösegeld beschaffen. Aber die Übergabe – bei der dann doch die Polizei dabei ist – geht schief.
Zwei Jahre später erhält Lambert eine Nachricht von den Entführern. Ihre Tochter lebt noch.
Spätestens in diesem Moment weiß der geübte Thrillerfan, dass es sich um keine normale Entführung handelt.
Die französische sechsteilige Miniserie „No second Chance“, die in Frankreich ein Hit war, basiert auf Harlan Cobens Bestseller „Keine zweite Chance“ (No second chance, 2003).
Der Roman war, nach mehreren hochgelobten und ausgezeichneten Myron-Bolitar-Privatdetekivromanen, ein weiterer Einzelroman. Mit ihnen gelang Cobens der Durchbruch beim breiten Publikum. Diese Thriller sind im Kern alle ähnlich aufgebaut. Immer geht es um Verbrechen und Geheimnisse in der Vorstadt. Immer stehen ganz normale (naja, mehr oder weniger normale) Menschen im Mittelpunkt der Geschichte. Und immer erfährt der Protagonist dass er sich einige tiefgreifende Illusionen über sein Leben gemacht hat.
Selbstverständlich interessierte Hollywood sich schnell für diese Bestseller. Jeder von Cobens Romanen hat das Potential für einen spannenden Thriller. Aber bis jetzt gibt es keine Hollywood-Verfilmung eines Coben-Romans. Dafür gibt es mehrere französische Verfilmungen, in denen die Geschichten von den USA nach Frankreich verlegt werden und erstaunlich gut funktionieren. Bei „No second Chance“ wurde auch, mit Cobens Einverständnis, das Geschlecht der Hauptperson geändert. Aus Marc Seidman wurde Alice Lambert. Es gibt noch einige weitere Änderungen, die so gelungen sind, dass sie jederzeit wirken, als stünden sie genau so im Roman.
Die Macher der Miniserie jonglieren über sechs Stunden gelungen zwischen verschiedenen Handlungssträngen. Vor allem aus dem Wechsel zwischen Lamberts Versuchen, ihre Tochter wiederzubekommen, während sie sich fragt, wem sie überhaupt vertrauen kann, und den Ermittlungen der Polizei, entsteht eine beträchtliche Spannung. Die Ermittler versuchen einerseits, die Entführer zu finden, verdächtigen dabei auch Lambert (Warum wurde sie in den Rücken geschossen, wenn die Einbrecher doch die Haustür gewaltsam aufbrachen?) und sie haben Ärger mit anderen Abteilungen und Anweisungen, die ihre Ermittlungen immer wieder behindern. Vor allem die Rolle von Richard Millot ist unklar. Er ist Lamberts Jugendfreund. Jetzt, nachdem er jahrelang keinen Kontakt zu ihr hatte, hilft er ihr anscheinend selbstlos und er ist ein Agent mit unklarer Zuständigkeit und Auftrag.
Alle Figuren sind knapp und präzise gezeichnet. Die Story bewegt sich mit zahlreichen überraschenden Wendungen und Cliffhangern ständig vorwärts.
Die Schauspieler, Ausstattung und Locations überzeugen. Damit ist alles vorhanden für sechs spannende Stunden oder eine schlaflose Nacht. Aber daran sind Coben-Fans von seinen Romanen gewohnt.
Die Miniserie „No second Chance“ ist auch deutlich gelungener als „Just one Look“, die zweite TV-Miniserie, die ebenfalls auf einem Roman von Harlan Coben basiert und ebenfalls von Sydney Gallonde für das Fernsehen bearbeitet wurde.
Für Coben-Fans und Thrillerfans ist „No second Chance“ daher eine klare Empfehlung. Außerdem hat Harlan Coben in der letzten Folge einen längeren Auftritt.
No second Chance (Une chance de trop, Frankreich 2015)
Regie: François Velle
Drehbuch: Delinda Jacobs, Patrick Renault, Emilie Clamart-Marsollat, Frédéric Chansel, Olivier Kohn, Kristel Mudry, Mehdi Ouahab, Sébastien Vitoux
Erfinder: Sydney Gallonde
LV: Harlan Coben: No second Chance, 2003 (Keine zweite Chance)
mit Alexandra Lamy, Pascal Elbé, Lionel Abelanski, Hippolyte Girardot, Charlotte Des Georges, Lionnel Astier, Samira Lachhab, Francis Renaud, Arielle Sémenoff, Geoffroy Thiébaut, Yoli Fuller, Jean-François Vlerick, Dana Delany, Harlan Coben
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Französisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 336 Minuten (6 Folgen auf 2 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage
Harlan Coben: Keine zweite Chance
(übersetzt von Gunnar Kwisinski)
Goldmann, 2005
448 Seiten
9,99 Euro
–
Originalausgabe
No Second Chance
Dutton, 2003
–
Neu von Harlan Coben
Bei einem Überfall wird Maya Burketts Mann Joe ermordet. Kurz nach seiner Beerdigung sieht sie ihn auf neuen Aufnahmen ihrer Nanny-Cam mit ihrer Tochter spielen. Maya, eine Ex-Soldatin mit Kampferfahrung, fragt sich, ob sie ihren Augen trauen kann. Sie will herausfinden, was hinter den Bildern steckt. Sie muss sich dafür auch mit Joes vermögender Familie anlegen.
„In ewiger Schuld“ ist ein weiterer Einzelroman von Harlan Coben und, nun, eine Lösung können wir schon jetzt ausschließen.
Drehbuch: Will Tremper, Georg Tressler (nach einer Geschichte von Will Tremper)
Berliner, fünfziger Jahre: Der 19-jährige Freddy Borchert ist ein Halbstarker und der Anführer einer Jugendgang. Als ein von ihm organisierter Überfall auf ein Postauto schiefgeht, entschließt er sich, angestachelt von seiner Freundin, zu einem größeren Raubzug.
Klassiker des deutsche Tonfilms. Im Gegensatz zu den an der Kasse erfolgreichen, wirklichkeitsfernen Heimatfilmschnulzen beschäftigten Georg Tressler und Will Tremper sich in ihrem Film mit einem aktuellen, die Schlagzeilen beherrschendem Problem. Sie stellten „Die Halbstarken“ selbstbewusst in die Reihe der damals erfolgreichen Jugenddramen wie „Saat der Gewalt“ und „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ und sie bezogen sich auf die um 1930 entstandenen Berliner Straßen- und Sozialfilme. Mit jungen, damals noch unbekannten Schauspielern wurde vor Ort gedreht. Der Film war ein Erfolg.
mit Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer, Jo Herbst, Paul Wagner
Wenn eine Mutter mit ihrem Kind in eine Gegend fährt, in der es mehr Bäume als Fliegen gibt, das neue Haus, eine renovierungsbedürftige Bruchbude, abgelegener als das Overlook-Hotel liegt und alle Farben kränklich blass sind, dann muss man kein Horrorfilmfan sein, um zu wissen, dass die Mutter Sarah O’Neill und ihr achtjähriger Sohn Chris bald höllische Probleme bekommen werden. Das alles hat etwas mit dem titelgebenden „The Hole in the Ground“ zu tun: einem riesigen, im Wald liegendem Erdloch, das einfach so da ist.
Schon vor ihrem Einzug lernen Sarah und Chris ihre neuen Nachbarn, die Bradys, kennen. Sie, glänzend gespielt in einem Kurzauftritt von Aki-Kaurismäki-Schauspielerin Kati Outinen, ist eine verwirrte Person, die sie zu Tode erschreckt. Ihr Mann ist das ruhige Gegenteil. Er sagt ihnen, dass Noreen vor Jahren ihren Sohn ermordete. Sie glaubte, dass ihr Sohn durch einen Doppelgänger ersetzt wurde. Kurz darauf ist sie tot.
Aber nicht nur der bizarre Tod von Noreen – sie wurde mit dem Kopf in der Erde ihres Gartens entdeckt – beunruhigt Sarah. Sie ist nämlich ein seelisches Wrack. Der Grund für den Umzug von ihr und ihrem Sohn ist, dass sie von ihrem Mann seelisch und körperlich misshandelt. Sie hat immer noch Angst vor ihm. Ihr einziger Halt ist ihre Beziehung zu Chris, den sie abgöttisch liebt.
Nachdem er in der Nähe des Erdlochs war, glaubt sie, dass ihr Sohn sich von ihr entfernt. Sie befürchtet, dass er ihr Sohn, sondern ein Doppelgänger,ein Wechselbalg, ist. Aber wie kann sie das beweisen?
In seinem Spielfilmdebüt baut Lee Cronin die Spannung langsam auf. Er verzichtet auf blutige Exzesse. Eine mitten auf der Straße stehende Kati Outinen, ein gut frisierter, gut angezogener, höflicher Junge und die Frage, ob Sarah Wahnvorstellungen hat, tun es auch. Und natürliche etliche Zitate aus Horrorfilmen.
Allerdings gelingt Cronin es in seinem chaotischen dritten Akt nicht, auf die aufgeworfenen Fragen eine befriedigende Antwort zu geben. Es ist, als habe er sich mehr für das Aufzeigen von möglichen Antworten interessiert. So ist Cronins Debüt vor allem eine Talentprobe.
The Hole in the Ground(The Hole in the Ground, Irland/Belgien/Finnland 2019)
Regie: Lee Cronin
Drehbuch: Lee Cronin, Stephen Shields
mit Seána Kerslake, James Quinn Markey, Kati Outinen, James Cosmo, Simone Kirby
Das Problem von „Im Netz der Versuchung“ ist nicht die ach so clevere Pointe.
Das Problem ist die Inszenierung und dass der Film bei weitem nicht so clever ist, wie er glaubt.
Außerdem erwartet man bei dieser Besetzung einfach einen besseren Film. Steven Knight, der hier eines seiner Bücher inszenierte, schrieb auch die Bücher für „Kleine schmutzige Tricks“ (dafür gab es eine Oscar-Nominierung), „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „No turning back“ und die von ihm erfundene TV-Serie „Peaky Blinders“. „Beach Bum“ Matthew McConaughey übernahm die Hauptrolle. Seine Rollenwahl war in den letzten Jahren immer interessant und erfreulich kompromisslos. Anne Hathaway, Jason Clarke und Diane Lane haben auch eine eher glückliche Hand bei ihrer Rollenwahl.
Hier lungern sie in einem Neo-Noir-Erotik-Thriller herum, der äußerst absehbar auf einen überraschenden Twist hinausläuft. Ein überraschender Twist kann, siehe „Die üblichen Verdächtigen“, „The sixth Sense“ oder, um auch einen etwas unbekannteren Film zu nennen, „Identity“, fantastisch funktionieren. Im Fall von „Im Netz der Versuchung“ geht das gründlich schief. Der Twist überrascht nicht und er lädt auch nicht zu einer Neubetrachtung der Geschichte ein. Dafür ist er viel zu offensichtlich. Nur Steven Knight glaubt immer noch, dass niemand etwas davon mitbekommen hat.
Der restliche Film kommt nie über das Niveua eines hoffnungslos vermurksten Erotik-Thrillers hinaus. Dieses Subgenre diente im Nachgang von „Basic Instinct“ nur als Entschuldigung, um Schauspieler nackt vor der Kamera zu zeigen. Spätestens 2006 wurde es mit „Basic Instinct 2“ endgültig begraben. Nackte Haut kann halt nicht ewig eine gute Story ersetzen.
Schon die ersten Minuten von „Im Netz der Versuchung“, wenn Bootsbesitzer Baker Dill (Matthew McConaughey) bei einer Angeltour seine zahlenden Gästen links liegen lässt und unbedingt einen Fisch – seinen Moby Dick – fangen will, funktionieren nicht. Schließlich soll Dill der Protagonist sein. Wir sollen mit ihm mitfühlen und auf seiner Seite stehen. In diesen Minuten ist er allerdings nur ein cholerischer Unsympath, den man am liebsten sofort einsperren würde. Seine Kunden, nervige Touristen, die für die von ihnen bezahlte Angeltour auch einen großen Fisch erwarten, erscheinen hier als höchst sympathische Menschen, die in der Hand eines Psychopathen sind.
Diese Szene und Dills anschließende tägliche Routine aus Trinken und Sex sind so unglaubwürdig, künstlich überhöht inszeniert, dass man nicht das Noir-Gefühl von ’nichts ist so, wie es scheint‘ hat, sondern glaubt, dass eine Gruppe überambitionierter Filmstudenten einen obercoolen Erotic-Thriller inszenieren will. Zur Vorbereitung gab es einen Abend mit Noir-Klassikern aus den Vierzigern, Humphrey Bogart und etwas Ernest Hemingway.
Als Story nahmen sie dann die älteste Noir-Story, die es gibt: ein Mann, der von einer Frau zu einem Mord angestiftet wird. Dafür taucht Dills frühere Geliebte Karen (Anne Hathaway) auf der Insel auf. Die Femme Fatale möchte, dass Dill ihren Mann Frank Zariakas (Jason Clarke) ermordet. Er ist, so erzählt uns die holde Schöne, ein gewalttätiger Primitivling, der auch Kinder schlägt.
Für Noir-Fans folgt jetzt ein Malen nach Zahlen, bei dem er einen bekannten Film nach dem nächsten nennen kann und Standard-Noir-Situation auf Standard-Noir-Situation folgt. Alle Figuren verhalten sich seltsam. Sie agieren nicht wie normale Menschen, die in einem Netz der Versuchung, Leidenschaft, Begierde und widerstreitender Gefühle gefangen sind, sondern wie Figuren auf einem Schachbrett, die tun, was ein Spielleiter will. Entsprechend distanziert beobachtet man ihr abstruses Verhalten zwischen Kapitalverbrechen, Fischjagd und Geschlechtsverkehr.
„Im Netz der Versuchung“ ist ein von einem Zwölfjährigen geschriebener Erotik-Thriller, der unter der Bettdecke gerade seinen ersten Pulp-Roman gelesen hat und Oberflächenreize mit Inhalt verwechselt. Das ist noch das Beste, was über dieses hoffnungslos missglückte Gedankenexperiment gesagt werden kann.
Im Netz der Versuchung (Serenity, USA 2019)
Regie: Steven Knight
Drehbuch: Steven Knight
mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jason Clarke, Diane Lane, Djimon Hounsou, Jeremy Strong
Die in Ostberlin arbeitende Verkäuferin Uschi lernt einen West-Berliner Gelegenheitsarbeiter kennen.
Defa-Film, der im Rahmen einer Liebesgeschichte die Auswirkungen der geteilten Stadt auf den Alltag zeigt. In Westdeutschland wurde der Film anscheinend erstmals am 29. Januar 1986 im NDR gezeigt.
„Komödie, die in ihrer unpathetischen Romantik dem italienischen Neorealismus nahesteht. Ein interessantes Zeitdokument, gerade auch in einigen tendenziös gezeichneten Schilderungen der verschiedenen Milieus.“ (Lexikon des internationalen Films)
Anschließend, um 23.45 Uhr, läuft „Berlin – Ecke Schönhauser“ (Deutschland 1957), ebenfalls nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase. Zuletzt schrieb er, unter anderem, die Bücher zu „Sommer vorm Balkon“, „Whisky mit Wodka“ und „Als wir träumten“.
Einen solchen Film hätte man von Paul Feig nicht erwartet. Er ist vor allem als Regisseur von enorm erfolgreichen Komödien bekannt. „Brautalarm“, „Taffe Mädels“ (The Heat) „Spy: Susan Cooper Undercover“ und „Ghostbusters“. Immer mit Frauen in den Hauptrollen, immer mit Melissa McCarthy und immer mehr als nur einen Tick über dem Klamauk der meisten improvisationsfreudigen US-Komödien, die Infantilität als Humor verkaufen.
Da ist „Nur ein kleiner Gefallen“ eine Überraschung. Denn obwohl es einiges zu Lachen gibt, ist der Film mehr ein Neo-Noir als eine Komödie.
Im Mittelpunkt steht Stephanie Smothers (Anna Kendrick). Die allein erziehende Witwe ist eine typische Soccer-Mum, die Kuchen für alle backt, hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe ist und einen Vlog hat, in dem sie Küchentipps gibt und vor laufender Kamera, vor sich hin plappernd, Essen kocht.
Da trifft sie Emily Nelson (Blake Lively, kälter als eiskalt). Ihr Sohn Nicky geht in die gleiche Klasse wie Stephanies Sohn Miles. Emily ist eine für die Vorstadt mehr als mondäne, in New York arbeitende Mode-PR-Chefin, die mit einem erfolgreichen englischen Autor verheiratet ist. Wobei Sean Townsend (Henry Golding) nach seinem gefeierten Debüt kein weiteres Buch mehr schrieb. Inzwischen bestreitet Emily das Familieneinkommen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund findet Emily die unbeholfene und arg naive Stephanie sympathisch. Sie schüttet ihr ihr Herz aus. Auch dass ihr Mann gar nicht so nett sei, wie er auf den ersten Blick erscheine. Die beiden ungleichen Frauen werden beste Freundinnen. Der gewiefte Krimifan vermutet bei dieser Freundschaft selbstverständlich sehr unschöne Hintergedanken von Emily und auch die anderen Schuleltern trauen dieser Freundschaft nicht.
Eines Tages bittet Emily Stephanie um einen Gefallen: sie soll einige Stunden auf ihren Sohn aufpassen. Aber Emily holt Nicky nie ab. Sie verschwindet spurlos.
Stephanie setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Emily zu finden. Sie schnüffelt herum, sie ruft ihre Follower auf, ihr bei der Suche nach Emily zu helfen. Sie fragt sich, ob Emily verschwunden ist oder von ihrem Mann Sean umgebracht wurde.
Wir fragen uns, ob Stephanie wirklich so unschuldig ist, wie sie tut. Schließlich ist auch sie immer so nervig überdreht naiv und freundlich, dass sie schon dadurch verdächtig wirkt. Und natürlich wäre Sean ein gut aussehender und vermögender Ehemann, der mit einer liebevollen Ehefrau sicher wieder Bücher schreiben würde.
Weil Feig in „Nur ein kleiner Gefallen“ herrlich unbekümmert zwischen Neo-Noir und banaler Krimikomödie pendelt, ist auch lange unklar, wie die Geschichte endet. Denn während in einem Noir alles in schönster Verzweiflung endet und alle Pläne scheitern, endet in einer Krimikomödie alles viel optimistischer. Vor allem in erfolgreichen Serien wie „Monk“, „Psych“ (beides TV, aber auch einige Buchfälle) und den Stephanie-Plum-Krimis von Janet Evanovich (Romane, aber auch ein Kinofilm, der wie der Auftakt zu einer TV-Serie aussieht) endet alles immer harmonisch, bis der Ermittler nächste Woche einen neuen Fall hat. Stephanie Smothers gehört in diesen Krimikosmos. Sie hätte als eine Wiedergängerin von Miss Marple und all den anderen, die Polizei nervenden Ermittler, das Potential für eine nette, beschauliche Krimiserie. So in Richtung „Mord mit Aussicht“ oder flauschigem Regiokrimi, in denen nie etwas wirklich Schlimmes passiert und am Ende die Welt in Ordnung ist.
Aber schon bevor Emily verschwindet, ist klar, dass in „Nur ein kleiner Gefallen“ jeder jeden betrügt, man jedem mühelos die schlimmsten Absichten unterstellen kann und irgendwo vor unseren Augen ein ziemlich gemeiner Betrug oder Mord verborgen ist. Das ist dann, in schönster Neo-Noir-Tradition, ziemlich nah an „Wild Things“. Wenn da nicht die ach so tölpelhafte Stephanie wäre, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird.
„Nur ein kleiner Gefallen“ ist als Drahtseilakt zwischen harmloser Krimikomödie und fiesem Neo-Noir ein ziemlicher Spaß, der gerade weil er so unvereinbare Stile miteinander kombiniert, bis zum Schluss spannend bleibt.
Jetzt ist die auch von Alfred Hitchcock inspirierte Komödie auf DVD (und Blu-ray) mit einer satten Portion Bonusmaterial erschienen. Während, so mein Eindruck, die Zahl von DVDs, die über keinerlei nennenswertes Bonusmaterial verfügen, steigt, gibt es bei „Nur ein kleiner Gefallen“ einen sehr lebhaften, entsprechend kurzweiligen und sehr informativen, deutsch untertitelten Audiokommentar mit Regisseur Paul Feig, Drehbuchautorin Jessica Sharzer, Kameramann John Schwartzman, Kostümbildnerin Renee Ehrlich Kalfus und Produzentin Jessie Henderson und, wenn man den Trailer und den dreiminütigen Gag Reel dazu zählt, über neunzig Minuten Bonusmaterial,
Es gibt mehrere ausführliche Featurettes, ein alternatives Ende (eine Tanznummer wurde gedreht, aber dann als unpassend verworfen) und zehn geschnittene Szenen.
Das sich auf die Dreharbeiten konzentrierende Bonusmaterial ist durchgehend unterhaltsam. Der Informationswert ist allerdings überschaubar. So werden die Interviews zu kurzen Schnipseln zerstückelt. Mit Paul Feig hätte man ruhig ein ausführliches ungeschnittenes Interview führen können. Es gibt auch viele Bilder von den Dreharbeiten, bei denen Paul Feig immer heraussticht. Denn er trägt immer einen Anzug. Für ihn ist das einfach die normaler Arbeitskleidung, in der er sich wohlfühlt.
Und die Noir-Komödie ist natürlich immer noch sehenswert. Inzwischen hat sie auch einige, wenige Preise gewonnen. Besonders gut gefällt mir der Preis der Gay and Lesbian Entertainment Critics Association (GALECA). „Nur ein kleiner Gefallen“ erhielt den Dorian Award als „Campy Flick of the Year“. Das klingt doch nach einer gut abgeschmeckten Empfehlung.
Nur ein kleiner Gefallen (A simple Favor, USA 2018)
Regie: Paul Feig
Drehbuch: Jessica Sharzer
LV: Darcey Bell: A simple Favor, 2017 (Nur ein kleiner Gefallen – A simple Favor)
mit Anna Kendrick, Blake Lively, Henry Golding, Andrew Rannells, Jean Smart, Bashir Salahuddin, Joshua Satine, Ian Ho, Rupert Friend
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DVD
Studiocanal
Bild: 2,0:1 (anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Audiokommentar, Featurettes: „Gravestone Martinis“, „Suburban Noir: der visuelle Stil von ‚Nur ein kleiner Gefallen‘“, „Tagebuch eines modebewussten Regisseurs“, „Dreiecksbeziehungen“, „Style by Paul“, „Dennis Nylon“, „Nur so ein kleines Playdate“, „Flash Mob: das Making Of“; Alternatives Ende; Geschnittene Szenen; Gag Reel; Trailer; Wendecover
24 Stunden Pop- und Rockmusik, meistens von gut abgehangenen Stars, oft mit neuen Konzerten. Neuentdeckungen gibt es nicht, aber gute Musik. Obwohl ich mir so einen Tag mal mit unbekannteren Bands und Musikern und mit Newcomern wünsche. Gerne auch mal einen Tag mit Jazz oder ‚Neuer Musik‘ oder mit Avantgardemusik (okay, das wird es, egal was man gerade unter Avantgarde versteht, nie geben).
Heute macht um 05.50 Uhr Yello (in Berlin 2016) den Auftakt. Danach gibt es, unter anderem, um 13.50 Uhr Bruce Springsteen (1980), um 15.20 Uhr Queen (1981) und um 19.15 Uhr Bryan Adams (unplugged, 2010) als Auftakt zum Abendprogramm. Das wird bestritten, um 20.15 Uhr, von Coldplay (2017), um 21.45 Uhr von Adele (2015) und um 22.30 Uhr von Herbert Grönemeyer (2018). Für die Nachtarbeiter von der Schwermetallfraktion gibt es um 00.45 Uhr Rammstein (der Konzertfilm „Rammstein: Paris“) und um 02.20 Uhr Metallica (2009). Wie sich das mit dem Ruhebedürfnis der Nachbarn verträgt…