1648: Zwei Jesuitenpater reisen in das gottlose Japan. Dort soll ihr Mentor Gott abgeschworen haben.
TV-Premiere. Alle paar Jahre dreht Martin Scorsese einen seiner religiösen Filme. „Silence“ ist, trotz beeindruckender Bilder, sein schwächster dieser Filme. Das Drama ist ein religiöses Erbauungstraktat, das mit gut drei Stunden Laufzeit auch die Geduld des langmütigsten Zuschauer über Gebühr strapaziert.
Auf den Filmfestspielen von Venedig erhielt er den Goldenen Löwen. Seitdem werden ihm mehr oder weniger gute Chancen für einen oder mehrere Oscars eingeräumt. Allerdings dauert es bis zur Oscarverleihung noch einige Monate. Außerdem ist der „Joker“ ein Superheldenfilm und die hatten bisher, wie Science-Fiction- und Fantasy-Filme, wenig Glück bei den Oscars.
Bis zu den Nominierungen und Preisverleihungen kann der Verleih sich an den überwiegend positiven Kritiken, den begeisterten Publikumsreaktionen und dem überaus erfreulichem Einspiel – in den USA spielte der Film am Startwochenende über 96 Millionen US-Dollar ein – erfreuen. Außerdem wird über über den Protagonisten, die Gewalt und die Botschaft des Films diskutiert. Denn nichts davon ist wirklich eindeutig und nichts davon wird in dem heute gewöhnlichen Comicfilm-Actionstil präsentiert, in dem alles so unmöglich ist, dass, auch wenn ganze Städte und Galaxien zerstört werden, immer der Entertainment-Aspekt im Vordergrund steht. Wirklich verletzt wird niemand und am Ende gewinnen die Guten.
Spaß hat in „Joker“ niemand.
Das liegt auch daran, dass Todd Phillips in seinem Film nicht von einer weiteren Konfrontation zwischen Batman und dem Superschurken Joker erzählt. Sein Film gehört daher, wenigstens für den Moment, nicht zum DC Extended Universe. So wird das von Warner Bros. Pictures und DC Comics gemeinsam produzierte filmische Universum genannt. Nach einem sehr holprigen Start mit düsteren und ernsten Superheldenfilmen wurde es zuletzt mit „Wonder Woman“, „Aquaman“ und „Shazam!“ besser, unterhaltsamer und vergnüglicher.
„Joker“ knüpft nicht an diese Filme und das DCEU an, sondern er ist als Einzelfilm, der in keiner Verbindung zum DCEU steht, konzipiert. Außerdem erzählt er die Entstehungsgeschichte des Jokers. Im Gegensatz zu anderen Superhelden und Superschurken gibt es nicht die allgemein akzeptierte, kanonisierte Ursprungsgeschichte des Jokers. Eigentlich kennt man den Joker in den Comics und Filmen nur als Superschurken mit einem, ähem, problematischen Sozialverhalten, Lust am Chaos und einem verzerrten Clownsgesicht.
Das eröffnet Todd Phillips (die „Hangover“-Filme, „War Dogs“) die Möglichkeit, seine Version von dem Joker und wie der Joker der Joker wurde zu erzählen, ohne sich um all das Drumherum zu kümmern.
Sein Joker heißt Arthur Fleck. Als wir ihn zum ersten Mal in Gotham City in den frühen 1980er Jahren sehen, wedelt er als Clown auf der Straße mit einem Werbeschild herum, das ihm prompt von einer Bande Jugendlicher geklaut wird. Nach einer Verfolgungsjagd stellen sie ihn in einer Nebengasse, schlagen ihn zusammen und zerstören das Schild. Das Schild wird später von Flecks Gehalt abgezogen.
Gotham City ist hier, wie auch in den Comics, ein Synonym für New York City. Es ist die Stadt, in der Martin Scorseses „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ spielen. Beide Filme wurden schon vor der Premiere als Inspirationen für „Joker“ genannt. Vor allem „The King of Comedy“ ist die immer wieder erkennbare Inspiration für „Joker“. Beide Male geht es um einen erfolglosen Künstler, der von seinem Idol wahrgenommen werden will. Bei Scorsese war Jerry Lewis das Idol und Robert De Niro der fanatische Möchtegern-Komiker. Bei Phillips ist Joaquin Phoenix der bis auf die Knochen abgemagerte Möchtegern-Komiker Arthur Fleck und Robert De Niro, in einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle, der bekannte Late-Night-Gastgeber Murray Franklin.
Bis es zur ersten echten Begegnung zwischen Fleck und Franklin kommt, führt Phillips uns in Flecks Psyche. Er ist ein nicht witziger Komiker, ein Clown zum Fürchten, ein von unerklärlichen Lachkrämpfen geplagter Psychopath, der immer noch bei seiner kränkelnden Mutter lebt und der ewige Verlierer, der höchstens in seiner Fantasie das Mädchen bekommt. Es gibt nichts, was ihn irgendwie auf seine spätere Karriere als Superverbrecher Joker vorbereiten könnte. Auch seine ersten verbrecherischen Taten, wie die Ermordung einiger nerviger Yuppies in der U-Bahn, folgen keinem Plan, sondern sind reine Affekthandlungen. Entsprechend ratlos reagiert er am Ende, wenn aus dem Clown Fleck der Joker wird und ganz Gotham City zum Schauplatz einer Straßenschlacht wird, während in einer Gasse neben einem Kino ein künftiger Superheld geboren wird.
Aber wirklich packend ist diese mit Anspielungen und Zitaten reichhaltig gesegnete Origin Story nie. Dafür ist der Film zu sehr überzeugt von seiner eigenen Bedeutung. Die Geschichte, die vor allem eine zwischen Wahn und Wirklichkeit pendelnde Charakterstudie ist, entwickelt sich zu schleppend und zu unentschlossen. So als habe man gleichzeitig provozieren und niemand provozieren wollen.
Und ich habe Arthur Fleck niemals als künftiges Verbrechergenie gesehen. Er ist von der ersten bis zur letzten Minute, auch wenn dann viele Menschen mit einem Clownsgesicht durch die Stadt marodieren, ein Niemand, der in dem Moment zu einer Projektionsfläche wird. Nur ist unklar für was.
Joker (Joker, USA 2019)
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver
LV: Charakter von Bob Kane, Bill Finger und Jerry Robinson
mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Frances Conroy, Brett Cullen, Shea Whigham, Bill Camp, Glenn Fleshler, Leigh Gill, Josh Pais, Brian Tyree Henry
Henri Charrière, genannt Papillon, wird 1931 zu lebenslanger Strafarbeit in der Strafkolonie Bagno auf der Teufelsinsel Cayenne in Französisch-Guayana verurteilt. Er soll einen Zuhälter ermordet haben. Kaum angekommen, denkt Papillon nur an eine scheinbar unmögliche Flucht.
Tolle Verfilmung der beeindruckenden und höchst erfolgreichen Autobiographie von Charrière. Das Nachfolgewerk „Banco“ war dann mehr episodisch.
Mit Steve McQueen, Dustin Hoffman, Dalton Trumbo (Nebenrolle)
Damit hatte ich schon nicht mehr gerechnet. Vor fast genau einem Jahr lief die ziemlich misslungene Håkan-Nesser-Verfilmung „Tod eines Autors“ vor einem überschaubarem Publikum in unseren Kinos. Damals waren bereits die nächsten beiden „Intrigo“-Filme abgedreht. Auch sie waren von Daniel Alfredson, nach Drehbüchern von ihm und Ditta Bongenhielm, inszeniert und sie basierten ebenfalls auf älteren Novellen von Nesser. Die Idee war eine aus drei voneinander unabhängigen Filmen bestehende Anthologiereihe zu machen. Drei Spielfilme für die vielen Scandic-Noir-Fans, dreimal hochkarätig besetzte Spannung. Das war die Idee und das Werbeversprechen.
Nach dem Flop „Tod eines Autors“ rechnete ich damit, dass „In Liebe, Agnes“ und „Samaria“ gar nicht mehr im Kino gezeigt, sondern gleich auf DVD veröffentlicht werden. Doch jetzt bringt der Verleih gleichzeitig die nächsten beiden „Intrigo“-Filme in die Kinos. Das wirkt, angesichts der Qualitäten der beiden Filme, wie das Erfüllen lästiger Vertragspflichten und einer überfälligen Lagerräumung. Denn sehenswert ist keiner der beiden Filme.
In „In Liebe, Agnes“ sieht Agnes bei der Beerdigung ihres Mannes ihre Jugendfreundin Henny. Sie haben sich, nach einem Bruch in der Vergangenheit, seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.
Kurz darauf fragt Henny Agnes, ob sie ihren Mann töten könne. Sie gäbe ihr dafür auch viel Geld. Geld, das sie gut gebrauchen könnte, um die Kinder ihres verstorbenen Mannes auszubezahlen.
In „Samaria“ recherchiert Dokumentarfilmerin Paula Polanski einen alten Mordfall an einer Klassenkameradin. Der als Mörder verurteilte Mann behauptet, seine Tochter nicht ermordet zu haben. Die Leiche der neunzehnjährigen Vera Kall wurde nie gefunden.
Für ihren Film befragt sie auch Henry, der vor zehn Jahren als Aushilfslehrer in dem Dorf war. Henry beginnt sich zu erinnern und wir dürfen rätseln, ob der nette Lehrer auch ein gar nicht so netter Liebhaber einer Schülerin war und ihr Mörder ist.
Erzählerisch und inszenatorisch knüpfen beide Filme nahtlos an „Tod eines Autors“ an. Daher können sie mühelos zusammen besprochen werden. Alle „Intrigo“-Geschichten haben eine durchaus interessante Ausgangsidee, aus der aber niemals etwas gemacht wird. Das ist schon so bei den Vorlagen und ist bei den Verfilmungen noch offensichtlicher. Es besteht einfach kein Bedarf an einer weiteren dämlichen Wiederholung von „Zwei Fremde im Zug“. Und weil die Geschichten so sinnfrei entwickelt sind, ahnt man die Pointe bereits früh; – falls man sich in dem Moment überhaupt noch dafür interessiert.
„Samaria“ basiert auf den Geschichten „Die Wildorchidee aus Samaria“ und „Sämtliche Informationen in der Sache“, die für den Film erheblich verändert wurden. Geholfen hat es nicht. Wieder einmal wurde sich nicht viel um Plausibilität und Logik in der Geschichte und bei den Figuren gekümmert.
Alle Geschichten spielen auf zwei Zeitebenen. Immer spielen sie in einer ortlosen, irgendwo zwischen den Alpen und Skandinavien angesiedelten Gegend. Alles ist TV-tauglich aufgeräumt. Und die Schauspieler spielen ihre Texte einfach herunter. Auch die Inszenierung schielt nicht auf die große Kinoleinwand, sondern den kleinen TV-Bildschirm für den „TV-Film der Woche“-Slot. Das ist von der ersten bis zur letzten Minute Dienst nach Vorschrift. Eine eigene Handschrift oder auch nur der Versuch, auf irgendeiner Ebene etwas eigenständiges zu kreieren ist nirgends spürbar.
Insofern ist es erstaunlich, dass der Verleih „In Liebe, Agnes“ und „Samaria“ doch noch ins Kino brachte und nicht gleich im TV versenden ließ.
Intrigo: In Liebe, Agnes (Intrigo: Dear Agnes, Deutschland/USA 2019)
Ganz am Ende des Abspanns gibt es den Hinweis, dass jedes Jahr deutlich mehr Menschen Haie umbringen als umgekehrt.
Aber diese Zeilen, die die Filmgeschichte mit zwei Sätzen endgültig ad absurdum führen, wird kaum jemand lesen.
Der Film selbst entstand, nachdem „47 Meters Down“ sich vor zwei Jahren zu einem Überraschungserfolg entwickelte. Ursprünglich sollte der Horrorfilm nur auf DVD erscheinen. Dann wurde er doch in etlichen Ländern im Kino gezeigt. Am Ende spielte der fünf Millionen US-Dollar teure Horrorfilm 62 Millionen US-Dollar ein. Bei den Zahlen war eine Fortsetzung unvermeidlich.
Für diese Fortsetzung „47 Meters Down: Uncaged“ ist jetzt selbstverständlich das Budget mit zwölf Millionen US-Dollar größer, ein Kinostart von Anfang an geplant und die Zahl potentieller Opfer ist höher.
Dieses Mal tauchen in Mexiko vier gut proportionierte Mädchen, auf deren Stirn schon vor dem ersten Tauchgang groß „Haifischfutter“ steht, in einer versunkenen Maya-Stadt. Kurz nachdem sie in die verwinkelte Stadt hineingeschwommen sind, werden sie von einem riesigen Hai angegriffen.
Johannes Roberts, der bereits „47 Meters down“ inszenierte, hat wieder die Regie übernommen. Zusammen mit Ernest Riera, dem Co-Autor von „47 Meters down“, erfand er eine Geschichte, die nichts mit der Geschichte des ersten Films zu tun hat. Die neuen Haiangriffe spielen an einem anderen Ort und andere Haie greifen andere Schauspieler an.
Die austauschbare Besetzung ist immerhin gut für ein, zwei Schlagzeilen. Corinne Foxx ist die Tochter von Jamie Foxx und Sistine Stallone die von Sylvester Stallone. Sie geben hier ihre Spielfilmdebüts. Weil sie zu den Bikini-Schönheiten gehören, die unter Wasser selbstverständlich immer eine Tauchermaske aufhaben, kann über ihr Spiel nichts gesagt werden.
Immerhin erfahren wir durch sie und ihre beiden Mittaucherinnen Brianne Tju und Sophie Nélisse, wie man, wenn man dem Drehbuch glaubt, den Sauerstoff effektiv streckt. Indem man möglichst viel redet und noch mehr schreit. Wundersamerweise hält so der Sauerstoff in der Welt von „47 Meters down: Uncaged“ länger. Das beschreibt auch ungefähr die Qualität des gesamten an Überraschungen und Thrills armen Drehbuchs.
So ist „47 Meters down: Uncaged“ ein Film für den anspruchslosen Tierhorrorfilmfan, der sich freut, wenn Haie und spärlich bekleidete Bikini-Schönheiten durch das Bild gleiten und die Kamera das alles mit ruhiger Hand aufnimmt.
Alle anderen Tierhorrorfans sollten sich dagegen den deutlich gelungeneren Alligatorenhorrorfilm „Crawl“ ansehen.
47 Meters down: Uncaged (47 Meters down: Uncaged, USA 2019)
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Ernest Riera, Johannes Roberts
mit Sophie Nélisse, Corinne Foxx, Brianne Tju, Sistine Stallone, Davi Santos, John Corbett, Nia Long
LV: Gordon Williams: The siege of Trencher’s Farm, 1969 (später Straw Dogs)
Der friedfertig-weltfremde Mathematiker David Sumner will im Heimatdorf seiner Frau Amy ungestört eine wissenschaftliche Arbeit beenden. Aber schon bald wird er von den Dorfbewohnern in einen Strudel der Gewalt gezogen.
Im Wesentlichen verlegt Sam Peckinpah seine bekannten Western-Topoi in die Gegenwart. Entstanden ist eine bittere Studie über Gewalt und die Eskalation von Gewalt. Denn am Ende verteidigt David Sumner sein Haus mit roher Gewalt. Bereits davor gibt es mehrere, interpretationsoffene und daher äußerst unangenehme anzusehende Szenen, wie Amys Vergewaltigung. „Wer Gewalt sät“ ist ein immer noch provozierender Film.
„Straw Dogs ist ein vollständiges Werk – eine struktriere Vision des Lebens auf Film.“ (Pauline Kael, New Yorker, 1971)
Mit Dustin Hoffman, Susan George, Peter Vaughan, David Warner
LV: Elmore Leonard: Hombre, 1961 (Man nannte ihn Hombre)
Arizona, 1880: John Russell (Paul Newman) ist ein Weißer, der als Kind von Apachen entführt wurde und seitdem freiwillig bei ihnen lebt. Aufgrund einer Erbschaft benutzt er mit einigen Weißen die letzte Postkutsche von Sweetmary. Als die Postkutsche von Banditen überfallen wird, muss er sich entscheiden, ob er seinen Mitreisenden helfen will.
Extrem selten gezeigter, von der Kritik gelobter und vom Publikum geliebter Klasse-Western, nach einem Frühwerk von Elmore Leonard. Die Western Writers of America nahmen „Hombre“ in ihre Liste der 25 besten Western auf.
„Ein Markstein wie John Fords ‚Stagecoach‘, nach dessen Rezept er aufgebaut ist und von dem ihn ein Vierteljahrhundert Western-Geschichte trennen. Wieder fährt die Postkutsche durch Arizona, aber diesmal sitzt der Indianer drinnen und die Schurken, von denen es drinnen und draußen wimmelt, sind Weiße.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
mit Paul Newman, Frederic March, Richard Boone, Diane Cilento, Cameron Mitchell, Barbara Rush, Martin Balsam
Die Familie Blackwood lebt abseits des Dorfes in ihrem Schloss, das inzwischen doch etwas verwahrlost ist und, angesichts der wenigen Bewohner, auch größtenteils unbewohnt ist. Seit vor fünf Jahren mehrere Familienmitglieder an einer nie vollständig aufgeklärten Arsenvergiftung starben, leben nur noch Merricat, ihre ältere Schwester Constance und der im Rollstuhl sitzende Onkel Julian in dem Anwesen.
Die Dorfbewohner halten Abstand. Letztendlich ist der einzige Kontakt zwischen ihnen die wöchentliche Einkaufstour von Merricat in das Dorf; – äh, ja, die Geschichte spielt in den frühen sechziger Jahren. Da gab es noch keinen 24/7-Lieferservice für Lebensmittel, Bücher und allem, was zum gehobenen Leben dazu gehört.
Eines Tages kommt Cousin Charles.
„We have always lived in the Castle“ basiert auf Shirley Jacksons gleichnamigem Roman von 1962. Es war ihr letzter Roman und allgemein wird er als ihr bester Roman eingeschätzt. Ihr auch bei uns bekanntester Horrorroman dürfte, vor allem wegen der zahlreichen Verfilmungen, dagegen „The Haunting of Hill House“ (1959) sein. Die erste war 1963. Heute gilt Robert Wises „Bis das Blut gefriert“ als Klassiker des Horrorfilms. Die letzte war 2018 für Netflix als Mini-TV-Serie und sie soll auch gelungen sein.
Das kann nicht unbedingt über Stacie Passons „We have always lived in the Castle“ gesagt werden. Der Verleih beschreibt den Film als Mischung aus Murder Mystery und Haunted House Story. Dummerweise ist der Film weder das eine, noch das andere, weil all die Ereignisse sich niemals zu einer kohärenten Geschichte zusammenfügen.
Es sind einfach Bilder und Szenen, die für sich allein beeindruckend sind. Zum Beispiel der Garten und das halb verfallene Haus der Blackwoods. Zum Beispiel Merricats merkwürdiges Gebaren im Schlossgarten. Zum Beispiel wenn Merricat in das Dorf geht und von allen wie eine unerwünschte Verwandte gemieden wird. Oder wenn das Dorf sich wie ein feiersüchtiger Mob vor dem brennenden Blackwood-Haus versammelt. Wenn die Dörfler am nächsten Morgen gute Gaben vor der Haustür deponieren, hat man das Gefühl, dass zwischen der fanatisierten Masse und den stumm um Vergebung bittenden Individuen mindestens zwei erklärende Szenen fehlen. Wobei schon unklar war, warum die Dörfler das nächtliche Feuer so feierten.
Wenn Cousin Charles auftaucht, denkt der Cineast sofort an Alfred Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ (Shadow of a doubt, 1942), wo Joseph Cotten den lange verschwundener Lieblingsonkel Charlie Oakley spielt. Dass er gleichzeitig ein gesuchter Mehrfachmörder ist, weiß die von ihm besuchte Familie in dem Moment nicht. Aber seine Nichte ahnt etwas. Welche finsteren Absichten dagegen Cousin Charles hat, bleibt länger im Dunkeln. Aber dass sie nicht lauter und edel sind, ist schon klar, wenn er mit gewinnendem Verkäuferlächeln seine Verwandtschaft begrüßt.
We have always lived in the Castle(We have always lived in the Castle, USA 2018)
Regie: Stacie Passon
Drehbuch: Mark Kruger
LV: Shirley Jackson: We have always lived in the Castle, 1962 (Wir haben schon immer im Schloss gelebt)
mit Taissa Farmiga, Alexandra Daddario, Sebastian Stan, Crispin Glover, Paula Malcomson, Peter Coonan, Ian Toner, Joanne Crawford, Anna Nugent
LV: Emile Zola: La bête humaine, 1890 (Der Totschläger)
Eisenbahningenieur Jeff Warden beobachtet einen Mord. Weil Vicki Buckley, die Frau des Mörders, eine Affäre mit ihm beginnt, schweigt er. Kurz darauf verlangt sie von ihm, dass er ihren Mann tötet.
Gelungenes, viel zu unbekanntes in den USA in den Fünfzigern spielendes Noir-Update von Emile Zolas Klassiker und, vor allem, Jean Renoirs Verfilmung „Bestie Mensch“ (La Bête Humaine, 1938).
„Mit ‚Human Desire‘ hat Fritz Lang einen sehr bitteren, hoffnungslosen Film gedreht.“ (François Truffaut, Arts 1955)
mit Glenn Ford, Gloria Grahame, Broderick Crawford, Edgar Buchanan, Kathleen Case, Peggy Maley
Ostberlin, 1984: Ein linientreuer, hundertfünfzigprozentiger Stasi-Hauptmann soll ein freigeistiges Künstlerpaar ausspionieren – und beginnt darüber an seiner Mission zu zweifeln.
Hier trifft der Spruch vom Fluch des ersten Werkes wohl zu: mit seinem Spielfilmdebüt hatte Florian Henckel von Donnersmarck einen weltweiten Kritiker- und Publikumserfolg. Neben zahlreichen Preisen erhielt das Stasi-Drama auch den Oscar als bester fremdsprachiger Film.
Danach ging es für von Donnersmarck in Richtung Hollywood. Er inszenierte „The Tourist“ (2010). Ein Flop. 2018 kam dann sein dritter Film, „Werk ohne Autor„, in die Kinos
mit Ulrich Mühe, Martina Gedeck, Sebastian Koch, Ulrich Tukur, Thomas Thieme, Matthias Brenner, Herbert Knaup, Charly Hübner
Ziemlich am Anfang des Films deutet Daryle Lamont Jenkins, Gründer des One People’s Project, auf ein Bild von Bryon ‚Babs‘ Widner und sagt, dieser hundertfünfzigprozentig überzeugte Neonazi werde aus der Szene aussteigen und sie würden ihm dabei helfen. In dem Moment halten alle anderen die Prognose für ausgemachten Quatsch, der noch nicht einmal Wunschdenken genannt werden kann. Auch Widner denkt überhaupt nicht daran auszusteigen.
In dem Moment ist Widner eine treibende Kraft in der US-Skinhead-Szene, ein überzeugter Neonazi und ständig gewaltbereit. Außerdem ist sein gesamter Körper und sein Gesicht mit Tätowierungen übersät. Er ist erkennbarer als der sprichwörtliche ‚bunte Hund‘. Er ist Mitbegründer des Vinlanders Social Club, einer rassistischen Vereinigung, die 2010 vom Phoenix Police Department und der Anti-Defamation League (ADF) zerschlagen wurde. Eine besonders enge Beziehung hat Widner zu seinen Zieheltern ‚Ma‘ Sharen und ‚Pa‘ Fred Krager, die ihn als ihren Thronfolger sehen. Sie sind keine richtigen Eltern, sondern letztendlich die Führer eines Kults. Sie indoktrinieren, betreiben Gehirnwäsche und verlangen bedingungslosen Gehorsam. Widner hat damit keine Probleme.
Als er 2009 während des Nordic Fest der Neonazis die dreifache Mutter Julie Price kennenlernt und sich in sie verliebt, beginnt er über sein Leben nachzudenken.
Als der Israeli Guy Nattiv, Enkel von vier Holocaust-Überlebenden, nach seinem ersten US-Filmprojekt suchte, stieß er auf eine Reportage über Widners Ausstieg aus der Neonaziszene und der sich über 630 Tage und 612 Sitzungen hinziehenden Tattoo-Entfernung. Diese Tattoo-Entfernung, die in Ausschnitten während des gesamten Films gezeigt wird, zieht sich als Leitmotiv durch den Film.
Nach Gesprächen mit Widner, Jenkins und anderen Beteiligten schrieb und inszenierte Nattiv den Film, der nah an der Wirklichkeit bleibt und definitiv nicht zum Werbevideo für die Neonaziszene und die White Supremacy-Anhänger taugt.
Jamie Bell spielt Widner, Danielle Macdonald seine Freundin Julie, Vera Farmiga ‚Ma‘, Bill Camp ‚Pa‘ und Mike Colter den Bürgerrechtsaktivisten Jenkins. Gerade von Farmiga als Mutter, die für ihre Ziele über Leichen geht, und Colter, der Widner bei dem Ausstieg hilft, hätte man gerne mehr gesehen. Bei Farmiga wegen ihres Spiels. Bei Colter wegen seiner Rolle. So geht das ganze Ausstiegsprozedere im Film letztendlich in einem Gespräch in einem Diner über die Bühne.
Auch über das Gedankengebäude der Suprematisten, die an die Vorherrschaft der weißen Rasse glauben, und wie sie ihre Botschaft verbreiten, erfährt man im Film wenig. Darüber, wie sie junge, elternlose Menschen beeinflussen und von sich abhängig machen, erfährt man mehr.
Nattiv konzentriert sich, mit einigen künstlerischen Freiheiten, auf Widner und seine Beziehung zu seinen Zieheltern und zu seiner neuen Freundin.
Allerdings geschieht Widners Ausstieg im Film etwas zu mühelos. Da verliebt Widner sich in eine aus einem ähnlichen Umfeld kommende Frau. Sie ziehen zusammen. Er verlässt seine alte Familie, Freunde und Lebensstil.
In der Realität spielte Widners Glaube, zu dem er durch Julie und ihre Eltern fand, eine große Rolle und die Erkenntnis, dass die Weißen doch nicht die Herrenrasse sind: „I just knew so many white people that were just such scumbags that I couldn’t say, ‚Okay, every white person is somewhat superior than every black person,‘ when, you know, I’m seeing complete opposite. Kind of realized the only thing I had achieved in my life was a bunch of scars, a legal record, and halfway cirrhosis of the liver. That’s it. I’ve achieved nothing else in life. Nothing positive. I was actually literally trying to drink myself to death. I was just looking for a way out. I was done. I had given up on life. I had given up on everything. I was just done.“
„Skin“ ist ein sehenswertes Drama. Auch wenn gerade die, die sich den Film unbedingt ansehen sollten, sich diesen Film nicht ansehen wollen. Durch seinen gelungenen Ausstieg zeigt Widner, dass ihre fundamentalen Prinzipien, vor allem der Glaube an die Unveränderbarkeit des einzelnen Menschen und die Überlegenheit der eigenen Rasse, falsch sind.
Skin (Skin, USA 2018)
Regie: Guy Nattiv
Drehbuch: Guy Nattiv
mit Jamie Bell, Danielle Macdonald, Bill Camp, Vera Farmiga, Mike Colter, Daniel Henshall, Louisa Krause, Mary Stuart Masterson
Drehbuch: Matthew Vaughn, Jane Goldman, Peter Straughan (nach dem Drehbuch des Films „Ha-Hov“ von Assaf Bernstein und Ido Rosenblum)
1997 ist Rachel Singer eine Legende. Vor über dreißig Jahren wurde sie mit zwei weiteren Mossad-Agenten nach Berlin geschickt. In ihrem erste Einsatz sollten die drei Agenten den grausamen KZ-Arzt Dieter Vogel identifizieren und nach Israel entführen. Der Einsatz ging teilweise schief. Trotzdem schlossen sie ihn so erfolgreich ab, dass er zum Nationalmythos wurde. Jetzt könnte die Wahrheit über die damaligen Ereignisse herauskommen.
TV-Premiere zu einer unmöglichen Uhrzeit. Spannender, hochkarätig besetzter, zum Nachdenken über Schuld und Sühne anregender, auf zwei Zeitebenen spielender Thriller.
„Die Freuden der Pflicht“ schreibt der Deutschlehrer Mitte der fünfziger Jahre an die Tafel der Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Siggi Jepsen ist zunächst ratlos. In seinem Zimmer beginnt er dann allerdings zu schreiben.
Er (Tom Gronau, als Kind Levi Eisenblätter)erzählt von seinem Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen). Er war 1943 der Polizeiposten in Rugbül im nördlichsten Norden von Schleswig-Holstein. Während der Nazi-Diktatur tat er pflichtbewusst seinen Dienst. Auch das Bilderverbot der Nazis bei dem Landschaftsmaler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) setzt er rigoros durch. Das erstaunt den damals elfjährigen Jepsen, weil Nansen und Jens Ole Jepsen sich seit ihrer Kindheit kennen und Nansen sein Patenonkel ist. Aber diese langjährige und tiefe Freundschaft hindert Jens Ole Jepsen nicht daran, das Bilderverbot mit aller Macht durchzusetzen. Es ist ein Befehl, der befolgt werden muss. Dafür instrumentalisiert er sogar seinen Sohn, der ihm bei der Überwachung des Malers helfen soll.
Umgekehrt versucht Nansen Jepsen für seine Belange zu instrumentalisieren. Denn als wahrer Künstler kann er nicht aufhören zu malen.
In seiner Lebensbeichte versucht Jepsen, der als Kind zwischen die beiden kompromisslosen Männer geriet, herauszufinden, welche Folgen Pflichtbewusstsein haben kann. Dabei ist sein Vater ein braver, folgsamer Beamter und kein offensichtlicher Nazi.
Siegfried Lenz erzählte Jepsens Lebensgeschichte als Ich-Erzählung in seinem Roman „Deutschstunde“. Das 1968 erschienene Buch wurde ein Bestseller, der für Diskussionen sorgte, immer noch Schullektüre ist (so heißt es), bereits 1971 von Peter Beauvais als TV-Zweiteiler verfilmt, in den vergangenen 51 Jahren immer wieder neu aufgelegt und jetzt von Christian Schwochow für die große Leinwand verfilmt wurde.
Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht besonders überzeugend.
Das beginnt schon mit dem Bildformat, das mich von seinem Format, vor allem bei den breitwandgeeigneten Landschaftsaufnahmen, ständig an den kleinen TV-Bildschirm erinnerte. Außerdem sind die Bilder für meinen Geschmack durchgängig zu dunkel. Anstatt dem Minenspiel der Schauspieler, sieht man Silhouetten. Teils in dunklen Räumen, teils vor fotogener Nordseelandschaft.
Noch problematischer sind die Entscheidung von Schwochow und seiner Drehbuchautorin Heide Schwochow Lenz‘ Roman noch abstrakter und exemplarischer zu gestalten. So gibt es im Film noch weniger Zeichen als im Roman, die die Handlung zu einer bestimmten Zeit verorten. Es sind, abgesehen von einem Briefkopf, keine offensichtlichen Symbole der Nazi-Diktatur zu sehen. Das Kriegsende und die Zeit danach erahnt man aus der Handlung. Aber insgesamt scheint sich das Leben der Menschen in Rugbül während der Nazi-Diktatur und im Zweiten Weltkrieg nicht von der Nachkriegszeit zu unterscheiden. Die im Bild immer präsente Landschaft verändert sich ja auch nicht durch die Regierungsform.
Gleichzeitig werden im Film wichtige Informationen über das Verhältnis der Personen viel zu spät geliefert. Erst nach über einer halben Stunde erfährt man im Film, dass Jens Ole Jepsen und Max Ludwig Nansen fast seit ihrer Geburt Freunde sind, dass sie die gleiche Frau umwarben und dass Nansen der Onkel des Erzählers ist. Bis dahin begegnen der Polizist und der Maler sich so nordisch unterkühlt und schweigsam, dass es auch möglich wäre, dass Nansen erst vor zwei Wochen in das Dorf gezogen ist.
Diese Schweigsamkeit ist ein weiteres Problem des Films. Weil wir ihre Gedanken nicht lesen können, sehen wir nur schweigsame Männer, die sich anschweigen. Im Roman wird dieses Schweigen von dem Ich-Erzähler Jepsen erklärt. Im Film hätte ein Voice-Over das glänzend erledigen und auch den Zuschauer positionieren können. Wer wissen will, wie ein Voice-Over einen Film bereichern kann, muss sich nur einen Martin-Scorsese-Film ansehen. Zum Beispiel „GoodFellas“.
„Deutschstunde“ ist gediegenes, aber nicht in Erinnerung bleibendes Bildungsbürgerkino.
So reiht sich Schwochows Verfilmung in die, laut IMDB, vorherigen 28 Siegfried-Lenz-Verfilmungen ein, an die sich heute kaum noch jemand erinnert.
P. S.: Weil überall darüber gesprochen wird als sei es ein bedeutsamer Punkt für die Interpretation: Emil Nolde war das Vorbild für Max Ludwig Nansen. Aber schon in Lenz‘ Roman ist Nansen nicht Nolde und im Film noch weniger. Nansen ist eine literarische Figur. „Deutschstunde“ ist kein Schlüsselroman. Jedenfalls nicht in Bezug auf Nolde.
Deutschstunde (Deutschland 2019)
Regie: Christian Schwochow
Drehbuch: Heide Schwochow
LV: Siegfried Lenz: Deutschstunde, 1968
mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter, Johanna Wokalek, Sonja Richter, Maria Dragus, Tom Gronau, Louis Hofmann
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage
(die beiden aktuellsten Ausgaben sind)
Siegfried Lenz: Deutschstunde (Filmausgabe)
Atlantik, 2019
592 Seiten
12 Euro
–
Siegfried Lenz: Deutschstunde (Jubiläumsausgabe, mit einer Zeittafel über Siegfried Lenz)
Der Staatsfeind Nr. 1 (Enemy of the State, USA 1998)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: David Marconi
Anwalt Robert Clayton Dean gelangt unwissentlich in den Besitz eines Videos, das den Mord an einem Politiker zeigt. Der Täter, ein hochrangiger Abgeordneter, setzt den ganzen Geheimdienst-Überwachungsapparat ein, um den Zeugen zu beseitigen. Und los geht die Hatz durch die USA.
Spannender, etwas lang geratener Thriller von Produzent Jerry Bruckheimer, der heute aktueller als damals ist. Denn wer geht heute noch ohne Handy vor die Haustür?
mit Will Smith, Gene Hackman, Jon Voight, Lisa Bonet, Regina King, Stuart Wilson, Tom Sizemore, Loren Dean, Barry Pepper, Jack Busey, Scott Caan, Gabriel Byrne
Seit der ersten Idee für den Film bis zum Film vergingen über zwanzig Jahre, weil die Tricktechnik damals noch nicht weit genug war. Jetzt können wir gleichzeitig einen alten und einen fast dreißig Jahre jüngeren Will Smith sehen, ohne dass der Jüngere vollkommen unnatürlich aussieht.
Die Story entwickelte sich allerdings nicht weiter. Henry Brogan (Will Smith) ist ein 51-jähriger Profikiller für einen US-Geheimdienst, der scheinbar unmögliche Morde begeht. Zum Beispiel erschießt der Scharfschütze bei seinem 72. Auftragsmord aus großer Entfernung einen in einem schnell fahrendem Zug sitzenden Passagier. Nach diesem Mord will er sich zur Ruhe setzen. Denn wenn er nur einen kleinen Fehler gemacht hätte, hätte ein Kind sterben können.
Da erfährt er durch einen Freund, dass sein letztes Opfer kein gefährlicher Bio-Terrorist, sondern ein harmloser Wissenschaftler war. Er will jetzt herausfinden, warum er von seinen Vorgesetzten belogen wurde.
Zur gleichen Zeit setzen seine Vorgesetzten einen Killer auf ihn an. Und dieser Killer ist – Überraschung! – sein dreiundzwanzigjähriges Ebenbild.
Während die nun folgende Hatz überraschungsfrei innerhalb der bekannten Genrekonventionen über den halben Globus geht, kann man die Bildqualität bewundern. Ang Lee drehte seinen neuen Film „Gemini Man“ wie seinen vorherigen Film „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ in 3D mit 120 Bildern pro Sekunde. Üblich sind 24 Bilder pro Sekunde. In den Kinos läuft der Film mit 60 Bilder pro Sekunde als HFR 3D („High Frame Rate 3D“, bzw. „3D+“).
Das Bild ist atemberaubend scharf und klar. Sogar bei den Nachtaufnahmen ist alles zu erkennen. Letztendlich sehen die Nachtaufnahmen, die immer an besonders helle Vollmondnächte erinnern, wie alte Day-for-Night-Aufnahmen aus. Und das sieht dann halt oft auch etwas unnatürlich aus.
Gleichzeitig hat man als Zuschauer genug Zeit, über die verschiedenen Plotlöcher, Unwahrscheinlichkeiten und Implausibilitäten nachzudenken. So soll der Mord an einem geachtetem Wissenschaftler, der in Belgien in einem fahrenden Zug aus großer Entfernung erschossen werden, nicht für weltweite Schlagzeilen gesorgt haben? So soll ein Profikiller plötzlich sein Gewissen entdecken? Als habe er in den vergangenen Jahren immer nur sehr, sehr böse Menschen getötet. Um nur zwei zu nennen.
Sowieso ist der Plot nur eine Wiederholung altbekannter Action-Politthrillertopoi, die hier lieblos globetrottend abgehandelt werden.
Die Actionszenen sind erschreckend langweilig inszeniert. Fast so als seien sie eine lästige Pflichtübung, die man halt erledigen muss, während man an etwas vollkommen anderem interessiert ist. Nur an was bleibt in „Gemini Man“ unklar. Denn die Verschwörung, also die Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten und privaten Firmen, wie hier der Gemini-Firma, was deren Ziele sind und warum sie Brogan umbringen wollen, ist unklar gezeichnet.
Die für die Filmgeschichte zentrale Idee, dass Klone sich in jeder Beziehung exakt gleichen, die exakt gleichen Fähigkeiten haben und das exakt gleiche tun, wirkt heute nicht mehr überzeugend. Als Darren Lemke 1997 die Story verkaufte, war er sicher von den Meldungen über das erfolgreiche Klonexperiment an dem Hausschaf Dolly und den damit zusammenhängenden Ängste und Hoffnungen beeinflusst. Damals dachte man, dass ein Klon in jeder Beziehung eine hundertprozentige Kopie sei. Heute weiß man, dass das so nicht stimmt. Unterschiede in der Zellteilung, Erziehung und dem Umfeld spielen, wie bei Zwillingen, auch eine Rolle.
Und dass eine Privatfirma für das Militär/Geheimdienst einen (oder mehrere) Kampfklone entwickelt, ist denkbar unglaubwürdig, wenn sie gleichzeitig etwas in Richtung ‚Universal Soldier‘ oder ‚Robocop‘ oder Drohnen und explodierender Smartphones entwickeln können. Wobei sie das, siehe den Kampf am Ende des Films, auch in Teilen getan haben.
Bei der Darstellung der Verbindung zwischen militärischer Macht und privaten Firmen, dem Militärisch-industriellem Komplex, und den daraus folgenden Gefahren für die Gesellschaft war zuletzt, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen, „Angel has fallen“ deutlich weiter. Und das ist ein B-Actionfilm, der nicht mehr sein will, während „Gemini Man“ immer behauptet, mehr zu sein als ein 08/15-Actionfilm, der ohne Ang Lee und Will Smith sofort auf DVD veröffentlicht worden wäre.
Am Ende von „Gemini Man“ bleibt eine Frage: Was hat Ang Lee an dieser lahmen Geschichte interessiert?
Gemini Man(Gemini Man, USA 2019)
Regie: Ang Lee
Drehbuch: David Benioff, Billy Ray, Darren Lemke
mit Will Smith, Mary Elizabeth Winstead, Clive Owen, Benedict Wong, Douglas Hodge, Ralph Brown, Linda Emond
Drehbuch: Volker Schlöndorff, Jean-Claude Carrière, Franz Seitz, Günther Grass (Dialogbearbeitung)
LV: Günter Grass: Die Blechtrommel, 1959
Die Geschichte von Blechtrommler Oskar Matzerath, der am 12. September 1927 als Dreijähriger beschließt, nicht weiter zu wachsen.
Ein Klassiker des deutschen Films, ausgezeichnet, u. a., mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar als bester ausländischer Film und ein Kassenerfolg.
Mit David Bennent, Mario Adorf, Angela Winkler, Daniel Olbrychski, Katharina Thalbach, Heinz Bennent, Andrea Ferréol, Fritz Hakl, Ernst Jacobi, Otto Sander, Charles Aznavour
Im Mai 1961 gibt das renommierte Leningrader Kirow-Ballett ein fünfwöchiges Gastspiel in Paris. Am Ende des Gastspiels bittet der Tänzer Rudolf Nurejew um Asyl.
Am Anfang von „Nurejew – The White Crow“ muss Ballettmeister Alexander Puschkin einem Apparatschik erklären, warum sein Schüler Nurejew aus dem kapitalistischen Westen nicht zurückkehrte. Puschkin versucht das zu erklären und Ralph Fiennes, der Puschkin spielt, setzt zu einer langen Erklärung an, die mit Nurejews Geburt im März 1938 in der Transsibirischen Eisenbahn irgendwo in der Nähe von Irkutsk beginnt, über seine 1955 beginnende Ausbildung am Choreographischen Institut Leningrad weitergeht und 1961 mit seiner Flucht in den Westen endet. Im Westen hatte der am 6. Januar 1993 verstorbene Tänzer eine glänzende Karriere.
Fiennes‘ dritter Spielfilm ist eine etwas spröde Charakterstudie, die auch Nurejews problematische Charaktereigenschaften zeigt. Im Original wurde sie in russisch und englisch gedreht. Gefühlt wird dabei mehr russisch als englisch gesprochen. Englisch war die Sprache, in der Nurejew sich in Paris mit seinen französischen Bekanntschaften aus der Bohème, vor allem dem Tänzer Pierre Lacotte und die Chilenin Clara Saint, unterhielt. Für die deutsche Fassung wurde anscheinend alles synchronisiert.
Optisch erinnert das Drama an die Filme aus den frühen sechziger Jahren, wobei die Inszenierung gelungen wechselt zwischen der alles umfassenden Strenge und den starren Regeln in der Sowjetunion, gegen die Nurejew immer wieder aufbegehrt, und der inszenatorischen Freiheit der Nouvelle Vague, die mit entfesselter Kamera durch Paris läuft. So spiegeln die Bilder die beiden Systeme und Nurejews Sicht von der Welt. Denn er sah sich nie – und war es auch nicht – als unauffälliges Ensemblemitglied. Er wollte immer der Star, der umjubelte Solotänzer, sein, der er im Westen wurde.
Nurejew wird von Oleg Ivenko in seiner ersten Filmrolle gespielt. Seit 2010 ist der ausgebildete Balletttänzer Ivenko Ensemblemitglied des „Tatar State Academic Opera and Ballet Theatre“. Daher kann Fiennes in den Ballettszenen die Tänzer ausführlich zeigen und er muss nicht zwischen ausgebildeten Tänzern und Schauspielern hin und her schneiden.
Das Ballettdrama wirkt dabei, wegen der Inszenierung, dem Aussehen der Schauspieler, den Dekors und den Schauplätzen, wie ein damals verschollener und heute wieder entdeckter Film.
Nurejew – The White Crow (The White Crow, Großbritannien/Frankreich/Serbien 2018)
Regie: Ralph Fiennes
Drehbuch: David Hare
mit Oleg Ivenko, Adèle Exarchopoulos, Chulpan Khamatova, Ralph Fiennes, Alexey Morozov, Raphaël Personnaz, Olivier Rabourdin, Louis Hofmann, Sergei Polunin, Maksimilian Grigoriyev
Äußerst unterhaltsame Satire über die gefälschten Hitlertagebücher, die der „stern“ 1983 begeistert aufkaufte und deren Echtheit das Magazin ewig betonte.
Dietl benutzt die Affäre „als Material für eine frivole Farce über die Anfälligkeit der Deutschen, Fakten zu verdrängen und neue Geschichtswahrheiten zu klittern; viele möchten heute noch Adolf Hitler entlastet sehen.“ (Fischer Film Almanach 1993)
Ich befürchte, dass der über fünfundzwanzig Jahre alte Kassenknüller über eine noch länger zurückliegende Affäre heute immer noch aktuell ist.
mit Götz George, Uwe Ochsenknecht, Christiane Hörbiger, Rolf Hoppe, Dagmar Manzel, Veronica Ferres, Rosemarie Fendel, Karl Schönböck, Harald Juhnke, Ulrich Mühe, Martin Benrath, Georg Marischka, Hark Bohm, Wolfgang Menge
Drehbuch: William Monahan (nach dem Drehbuch „The Gambler“ von James Toback)
Mit seiner Spielsucht hat der Literaturdozent Jim Bennett längst sein Leben zerstört. Jetzt versucht der Spieler durch neue Spieleinsätze seine alten Schulden zurückzuzahlen.
Die sehenswerte, glänzend gespielte Charakterstudie ist ein Noir, der immer auf einen besseren Film hoffen lässt. Auch und gerade weden des versammelten Talents vor und hinter der Kamera.