Beginnen wir mit der für Krimifans wichtigen Information: Das Drehbuch ist von Kjell Ola Dahl und Regisseur Hisham Zaman.
Genau, der Krimiautor Kjell Ola Dahl hat mitgeschrieben und das sieht man. Denn „Der Junge Siyar“ erzählt seine Ehrenmord-Geschichte als Noir-Thriller, dem der Spagat zwischen Spannung und Drama gelingt und der ein breites Publikum ansprechen will mit seiner Geschichte über den sechzehnjährigen Siyar, der im kurdischen Norden des Iraks lebt. Es ist eine ländliche Gegend, in der die Zivilisation noch nicht angekommen ist. Als ältestes Familienmitglied ist er, nach dem Tod seines Vaters, das Familienoberhaupt, das alle wichtigen Entscheidungen treffen muss. Eine betrifft die Heirat seiner älteren Schwester Nermin mit dem Sohn eines mächtigen und wohlhabenden Stammesfürsten aus dem Nachbardorf. Siyar stimmt, notgedrungen, der Hochzeit zu. Seine Schwester, die einen anderen liebt, flüchtet mit ihrem Freund nach Istanbul.
Siyar muss die Familienehre wieder herstellen; indem er seine Schwester tötet. Er, der bislang noch nie sein Dorf verlassen hat und der noch ein Kind ist, macht sich auf den Weg in eine für ihn fremde Welt.
In Istanbul lernt er das chaotische und von der Natur entfremdete Großstadtleben mit seinen Verlockungen und Gefahren kennen. Er befreundet sich mit dem Straßenmädchen Evin, das sich mit Taschendiebstählen durchschlägt. Gemeinsam machen sie sich, nachdem Siyar seine Schwester entdeckte und sie flüchten konnte, auf den Weg in die Festung Europa.
Griechenland, Berlin, Oslo und die Einöde Norwegens sind die Stationen von Siyars Verfolgungsjagd nach seiner Schwester. Geholfen wird ihm auf seiner Rachemission von Landsleuten, die ihn mit Informationen versorgen, Waffen besorgen und auch über Grenzen schmuggeln. Er wird wie ein Gegenstand, der nur für eine Aufgabe gedacht ist, weitergereicht zu seinem Ziel.
Gleichzeitig ist es eine Reise, die Siyars Werte auf die Probe stellt. Erstmals ist er auf sich alleine gestellt, er verliebt sich in Evin und er muss sich fragen, ob der Mord an seiner Schwester richtig ist.
Hisham Zaman, der selbst als Jugendlicher mit seiner Familie aus dem Irak floh, erzählt in seinem Spielfilmdebüt nach mehreren Kurzfilmen, eine einfache Geschichte mit einem zwiespältigem Protagonisten. Denn Siyar ist eigentlich ein Killer, der einen Mordauftrag ausüben soll. Dass er dann daran zu zweifeln beginnt, dass er sich mit seinem Wertesystem auseinandersetzen muss (ohne wirklich ein anderes zu haben oder, abgesehen von seiner Liebe zu Evin, angeboten zu bekommen), gibt der Geschichte einen zweiten Plot. Wobei diese Coming-of-Age-Geschichte nie Siyars ursprüngliche Mission überlagert und sie, ohne den Zuschauern große Hoffnungen auf ein positives Ende zu machen, konsequent auf ein blutiges Ende zusteuert. Insofern ist „Der Junge Siyar“ ziemlich noir und auch ziemlich realistisch. Er zeigt seine Charaktere als Opfer der Umstände und Traditionen, aus denen ein Ausbruch kaum möglich ist. Jedenfalls nicht für Siyar. Und auch nicht für seine Schwester, die vor ihm aus ihrer Heimat in den Norden Europas flüchtet.
Hisham Zaman arbeitete mit Kjell Ola Dahl bereits 2007 bei seinem Kurzfilm „Winterland“, der die Liebesgeschichte von zwei in Norwegen lebenden Kurden erzählt, zusammen. Nach „Der Junge Siyar“ war Dahl Script Consultant für Zamans neuen Film „Brev til Kongen“, der sich mit dem Leben von fünf Flüchtlingen in Oslo beschäftigt.
3sat, 22.35 The Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls (The Girlfriend Experience, USA 2009)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: David Levien, Brian Koppelman
Porno-Schauspielerin Sasha Grey spielt ein Luxus-Callgirl – und wer jetzt denkt, dass „The Girlfriend Experience“ viel nackte Haut zeigt, kann getrost den Fernseher auslassen. Denn Steven Soderbergh beobachtet das Leben von Chelsea: wie sie Kunden besucht, sich mit ihrem Freund unterhält und versucht über die Runden zu kommen.
Das ist weniger ein durchdachter Film oder eine zwingende Charakterstudie, sondern eine Skizze, ein Nebenwerk von Steven Soderbergh, eine Entspannungsübung und auch eine Vorstudie zu „Magic Mike“. Mehr zum Film in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Sasha Grey, Chris Santos, Philip Eytan, T. Colby Trane, Peter Zizzo, David Levien
Natürlich muss in einem Film nicht alles logisch sein. Manchmal muss man halt die Logik links liegen lassen und wenn der Rest stimmt, habe ich als alter Alfred-Hitchcock-Fan kein Problem damit. Auch eine Abfolge absurder Zufälle kann ich akzeptieren. Wenn der Rest stimmt.
In David Cronenbergs neuem Film „Maps to the Stars“ gibt es eine überschaubare Zahl absurder Zufälle, aber viel zu viele vollkommen unlogische Momente; sowohl in der Realität als auch in der Fantasie und wie beide Welten miteinander zusammenhängen. Denn „Maps to the Stars“ spielt in Hollywood. Die Traumfabrik ist natürlich Thema des Films und fast alle Charaktere haben Probleme mit der Realität. Sie haben immer wieder Visionen und Geister hängen überall herum in der Stadt der Engel. Insofern zeigt Cronenberg wieder einmal eine dystopische Welt, in der Schauspieler von ihren Alpträumen verfolgt werden und sie ein gestörtes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben.
So will Havanna Segrand (Julianne Moore), deren Karriere vor sich hin dümpelt, in einem Biopic unbedingt ihre Mutter, zu der sie keine gute Beziehung hatte, spielen. In ihren Tagträumen wird sie von ihrem Geist verfolgt.
Auch der dreizehnjährige Jungstar Benji Weiss (Evan Bird) sieht Geister. Denn der drogensüchtige, frisch aus der Therapie entlassene Kotzbrocken glaubt, dass alle jüngeren Schauspieler ihm die Show stehlen wollen.
Seine Eltern kümmern sich, abgesehen von seiner Karriere, nicht um ihn. Sie pflegen die Fassade des heilen Familienlebens. Benjis Mutter Cristina (Olivia Williams) managt seine Karriere und damit ihr Einkommen. Sein Vater Stafford (John Cusack) ist ein gut verdienender Selbsthilfeguru mit einer TV-Show, der seine Hollywood-Patienten mit einer Gaga-Therapie therapiert, die – immerhin sind wir in einem Cronenberg-Film – an eine Vergewaltigung, bei der das Opfer Geld dafür bezahlt, erinnert.
Ihre Tochter verleugnen sie so gut, dass anscheinend niemand etwas über sie weiß. Sie wurde einfach vor einigen Jahren aus der Familie ausradiert.
Agatha (Mia Wasikowska), die diese Tochter ist, was wir allerdings erst relativ spät im Film erfahren (bis dahin ist sie nur eine junge, schüchterne Frau mit Verbrennungen), kehrt am Filmanfang aus einer geschlossenen Anstalt (auch das erfahren wir erst sehr spät und noch später erfahren wir, warum sie dort war) vom anderen Ende des Landes in einem Greyhound-Bus nach Hollywood zurück, lässt sich von einem Chaffeur (Robert Pattinson), der natürlich in Hollywood Karriere machen möchte, in einer Nobellimousine wie ein Landei, das zum ersten Mal in Hollywood ist, durch die Stadt kutschieren, steigt dann in einem billigem Motel ab und erhält zufällig eine Arbeit bei Havanna Segrand.
Bei ihren Eltern meldet sie sich nicht. Die erfahren auch nur zufällig, dass ihre Tochter wieder zurück ist.
Gerade am Anfang sieht „Maps to the Stars“ wie eine weitere Satire auf Hollywood auf, die gelungen und mit offensichtlichen Anspielungen an Meisterwerke wie Billy Wilders „Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung“, Robert Altmans „The Player“ oder David Lynchs „Mulholland Drive“ anknüpft. Schon früh bewegt Cronenberg sich allerdings von der Hollywood-Satire weg zu einem Geisterfilm. Plötzlich hängen überall Geister herum und sie erscheinen auch jedem; oft ohne dass ein direkter und konkreter Bezug zu den Taten, Wünschen und Ängsten der Person, die sie sieht, erkennbar ist. Eben diese Beliebigkeit, die eine gute Szene mehr schätzt als eine sinnvolle Gesamtkonstruktion der Geschichte, lässt das Interesse schnell erlahmen. Denn ein irgendwie nachvollziehbarer Ursache-Wirkungszusammenhang ist nicht mehr zu erkennen.
Aber das ist noch nicht die letzte Drehung in dieser Geschichte, die zunächst wie ein Ensemblefilm angelegt ist. Die verschiedenen Plots laufen, ziemlich gewollt, zu einem Porträt einer dysfunktionalen und vollkommen verkorksten Familie zusammen, das allerdings wenig interessiert, weil in dem Moment nur noch ein Anything-goes-Gefühl herrscht. Entsprechend wenig schockierend fallen dann die letzten Enthüllungen der Geheimnisse der Familie Weiss aus.
Sie bestätigen nur den Eindruck, dass Regisseur David Cronenberg und Autor Bruce Wagner („Wild Palms“) nicht wussten, was sie letztendlich erzählen wollten.
Wenn man den Film allerdings als einen surrealen Traum sieht, bei dem nichts wirklich zusammenpasst, bei dem jede Erklärung von dem nächsten Bild sabotiert wird, bei dem man sich nur auf den Augenblick konzentriert, dann entwickelt er sicher ungeahnte Qualitäten.
Auch wenn es noch zwei „Die Tribute von Panem“-Filme mit Philip Seymour Hoffman gibt, ist Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ der letzte richtige Film des am 2. Februar 2014 verstorbenen Charakterschauspielers. Denn in dem Film spielt er, der oft prägnante Nebenrollen hatte und großartige Bösewichter spielte, die Hauptrolle: den deutschen Geheimagenten Günther Bachmann, der in Hamburg eine kleine Agenteneinheit leitet. Im Film wird die Einheit nicht genauer spezifiziert. Im Roman ist es, bitte nicht Lachen, die Spezialeinheit Hintergrund des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. Bachmann will nicht den kurzfristigen Erfolg, sondern die Hintermänner des islamistischen Terrors finden. Als Issa Karpov auftaucht, wittert er seine große Chance.
Karpov, ein über den Hafen illegal eingereister Flüchtling mit deutlichen Spuren von Folter an seinem Körper, will an das Geld von seinem Vater, einem Russen, der nach dem Ende der Sowjetunion Geschäfte mit der russischen Mafia machte und vermögend wurde. Das Geld ist bei einer auf Diskretion bedachten Privatbank.
Bachmann glaubt, dass der Halbtschetschene Karpov mit dem Geld den internationalen Terrorismus fördern will.
Auch andere Geheim- und Sicherheitsdienste und die Amerikaner glauben das. Aber die Ansichten, wie man Karpov behandeln soll, gehen auseinander und schnell erleben wir ein Karussell von Geheimdienstintrigen, in die auch eine junge, idealistische Anwältin und ein älterer Bankierssohn, verwickelt werden, während Karpov immer nur die Projektionsfläche der verschiedenen Dienste bleibt. Denn es gibt absolut keinen handfesten Beweis für die Vermutungen der Agenten.
Das alles ist bester le-Carré, der von „Lantana“-Drehbuchautor Andrew Bovell sparsam von 2008 (Prä-NSA, Prä-NSU) in die Gegenwart (Post-NSA, Post-NSU) übertragen wurde. Wahrscheinlich deshalb wirkt die Geschichte, die politischen Hintergründe und die verwandte Technik etwas anachronistisch. Die Schauspieler sind gut. Neben US-Stars wie Hoffman (dem unumstrittenem Zentrum des Films), Rachel McAdams, Willem Dafoe und Robin Wright, spielen auch deutsche Stars, wie Nina Hoss, Daniel Brühl (der zwar viel Screentime, aber nur ungefähr einen Dialogsatz hat), Rainer Bock und Martin Wuttke, mit. Die Bilder (Kamera: Benoit Delhomme) sind, wie bei Corbijn gewohnt, prächtig. Corbijn war vorher ein bekannter Fotograf und so ist auch jedes Bild von „A most wanted man“ geeignet, als Einzelbild gedruckt zu werden. Es gibt auch einen Bildband zum Film.
Aber diese Bilder von Hamburg erinnern in ihrer Stilisierung immer an das Berlin der achtziger Jahre; jedenfalls wie wir es heute von SW-Fotos kennen. Es sieht nie – obwohl ich schon länger nicht mehr in Hamburg war – wie das heutige Hamburg aus.
Außerdem irritiert in der Originalfassung, dass alle Englisch sprechen. Denn es wird eine deutsche Geschichte erzählt wird, die in Deutschland spielt mit deutschen Charakteren, die in der Realität natürlich in ihrer Landessprache sprechen würden. Bis auf die von Robin Wright gespielte CIA-Mitarbeiterin sind die Hauptcharaktere Deutsche, die in den wichtigen Rollen von US-Amerikanern gespielt werden, und alle reden immer Englisch. Deutsch wird höchstens bei der Getränkebestellung gesprochen. Das fühlt sich dann, jedenfalls für uns Deutsche, schon sehr seltsam an.
Corbijn will, wie schon in seinem vorherigen Film „The American“ (mit George Clooney), nicht thrillen. Er inszeniert deshalb diese Episode aus dem Kampf der Geheimdienste, die wie der Roman abrupt endet, in einem getragenen Tempo, in dem jeder Schauspieler seinen langsam gesprochenen Sätzen hinterherlauscht und es meist eine Kunstpause vor dem nächsten Satz gibt. Das ist als Schauspielerkino nicht ohne Reiz, aber es ist auch teilweise genauso spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen.
„A most wanted man“ ist ein Agententhriller der im Ränkespiel der Dienste konsequent jeden Thrill vermeidet und so nicht so gut ist, wie er hätte sein können.
Während der ersten Minuten hoffte ich, dass „Sex Tape“ doch eine gute Komödie werden könnte. Annie (Cameron Diaz) verfasst für ihren Blog über ihr Leben als Mutter einen Beitrag, in dem sie sich fragt, warum sie keinen Sex mehr mit ihrem Mann Jay (Jason Segel) hat. Als Frischverliebte trieben sie es vor zehn Jahren überall. Auch in der Universitätsbibliothek. Dann heirateten sie, bekamen zwei Kinder und ihr Sexualleben hörte auf zu existieren. Der letzte Sex liegt schon Ewigkeiten zurück. Sie erinnert sich noch nicht einmal an ihn.
„Bad Teacher“-Regisseur Jake Kasdan illustriert Annies Gedanken mit züchtigen, aber pointierten Bildern vom heißen Sex. Das ist ein kleines Kabinettstück, das als Kurzfilm gut für sich stehen kann.
Nach dem Vorspiel erhält Annie ein Jobangebot von Piper Brothers, einer sehr auf ihr Familien-Image achtenden Spielzeugfirma. Jay bekommt ein neues iPad. Und am Abend haben die beiden eine sturmfreie Bude. Sie wollen SEX (S! E! X!) haben. Als das nicht klappt, kommen sie auf die Idee, alle Positionen von „The Joy of Sex“ (seht doch einfach mal im Bücherschrank eurer Eltern nach) nachzustellen und sich dabei aufzunehmen, mit der Kamera in Jays neuem iPad. Gesagt, getan. Drei Stunden später haben sie alle Stellungen hinter sich.
Kurz darauf stellt Jay fest, dass das Sex-Tape zuerst in die Cloud und dann auf alle seine früheren iPads, die Jay und Annie an Freunde und Bekannte verschenkten, ging.
Weil sie nicht wollen, dass ihre Freunde und Bekannte sie nackt sehen, müssen sie alle Kopien des Videos (also alle verschenkten iPads) einsammeln.
Sie beginnen bei ihren Freunden Robby und Tess, die gerade ihre zwölfte Hochzeitsnacht feiern und einen unsympathischen Sohn, der späte noch wichtig wird, haben. Robby und Tess wollen Annie und Jake helfen. Immerhin scheint das mehr Spaß zu machen als ihr ursprüngliches Programm.
Weiter geht’s zu Hank Rosenbaum, dem sehr familienorientiertem CEO von Piper Brothers, der sich auf Annies altem iPad ihre älteren Blog-Einträge durchlesen will, um zu prüfen, ob Annie glaubwürdig die züchtigen Firmenwerte repräsentieren kann.
Gut, die Idee von dem Sex-Tape, das sich wie ein Virus verbreitet und einer verzweifelten Rückholaktion mittels Geschenke-Rückholaktion, ist nicht besonders überzeugend. Sie ist ziemlich Gaga, aber eine Komödie kann auch mit einer weit hergeholten Prämisse prächtig funktionieren. Was bei „Sex Tape“ nicht der Fall ist. Den besten Witz gibt es in den ersten Minuten. Der Rest ist nur noch eine Abfolge von meist lauen Gags mit teilweise erschreckend schlechten Dialogen, die noch nicht einmal als Parodie auf Pornofilm-Dialoge überzeugen. Garniert mit – für eine US-Komödie – erstaunlich viel nackter Haut. Aber auch Cameron Diaz‘ Rücken und Po können den Film nicht retten.
Die Filmstory ist nämlich eine lieblose Abfolge von Gags, die in ihrer Struktur an drei ungefähr zwanzigminütigen, nicht miteinander zusammenhängenden Folgen einer vergessenswerten Comedy-Serie erinnern.
Das alles ist erschreckend vorhersehbar und unwitzig. Jedenfalls wenn man mehr als eine sehr banale Klamauk-Komödie, bei der die Schauspieler ihren Spaß hatten, erwartet.
Denn alle möglichen Tiefen des Stoffs werden erfolgreich vermieden, wie die US-Sexualmoral, Bigotterie, das Vorstadtleben, der dortige Gruppendruck undsoweiter.
„Sex Tape“ ist in keiner Sekunde subversiv. Ganz im Gegensatz zu John Waters‘ „Serial Mom“.
Kabel 1, 22.10 Der Frosch mit der Maske (Deutschland/Dänemark 1959, Regie: Harald Reinl)
Drehbuch: Trygve Larsen (Pseudonym von Egon Eis), Jochen-Joachim Bartsch
LV: Edgar Wallace: The fellowship of the frog, 1925 (Der Frosch mit der Maske)
Der Frosch mit der Maske ist der Chef einer Verbrecherbande, die London in Angst und Schrecken versetzt. Inspektor Elk und Hobbydetektiv Gordon wollen ihm enttarnen.
Damit begann es: die Verfilmung eines der bekanntesten und besten Bücher von Wallace, der erste Band von Goldmanns Roten Krimis und der erste Film einer überaus erfolgreichen Filmreihe. „Der Frosch mit der Maske“ ist düsterer als die folgenden Rialto-Produktionen, aber bereits mit allen Elementen versehen, die zum Erfolg der Filme an der Kinokasse beitrugen.
Mit Siegfried Löwitz, Joachim Fuchsberger, Dieter Eppler, Carl Lange, Fritz Rasp, Eddi Arent, Ernst-Fritz Fürbringer
Der Film beginnt mit einem Flug über eine nächtliche Kleinstadt, durch die beengten, menschenleern Gassen und endet in einem Haus, in dem eine junge, wohlproportionierte Frau die Holzfenster verschließt. Es ist Walpurgisnacht, draußen wird schlimmes Geschehen und die Einwohner von Passburg bleiben lieber in ihren sicheren vier Wänden.
Das ist eine typische Argento-Kamerafahrt, bei der man den Eindruck hat, dass die normalen physikalischen Gesetze nicht gelten. Auch später gibt es noch ein, zwei Argento-Momente, aber über weite Teile spult Dario Argento einfach die bekannte Geschichte des Grafen Dracula ab, wie wir sie aus Bram Stokers Roman und den zahlreichen Verfilmungen kennen, vor allem die Stummfilme („Nosferatu“ wird sogar namentlich erwähnt) und die heute noch bekannten Horrorfilme der dreißiger bis sechziger Jahre.
Jonathan Harker kommt nach Passburg. Er soll für Graf Dracula dessen Bibliothek katalogisieren. Harker erwartet seine Frau Mina in einigen Tagen und dann kommt auch noch der Vampirjäger Van Helsing, hübsch grantig von Rutger Hauer gespielt.
Ach ja, Dracula wird von Thomas Kretschmann gespielt. Asia Argento ist auch dabei.
Die größte Änderung zur bekannten Dracula-Geschichte, in der der blutsaugende Graf von Transsylvanien nach England reist und dort einige Damen in den Hals beißt, ist, dass hier die gesamte Geschichte in Transsylvanien spielt und die Dorfoberen sich irgendwie mit dem Schlossherrn arrangiert haben, was aber keinen Einfluss auf die Geschichte hat. Es ändert auch nichts an dem allumfassenden Ich-habe-das-schon-tausendmal-gesehen-Gefühl.
Dario Argentos Film sieht von der ersten bis zur letzten Minute wie ein verspäteter Nachschlag zu den Roger-Corman-Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen aus, der in den frühen Siebzigern gedreht wurde. Damals präsentierten die Regisseure stolz immer wieder einen nackten Busen (es gibt einige schöne Busen zu bestaunen) und die Gewalt wurde graphischer. Da bohrt sich dann schon einmal ein Pfeil durch ein Auge, ein Kopf wird abgeschlagen, fliegt und kullert fotogen durch das Bild und alles wird kräftig in blutrote Farbe getunkt.
Wenn die wenigen, schlechten CGI-Effekte nicht wären, könnte man „Dario Argentos Dracula“ für einen dieser billigen Siebziger-Jahre-Horrorfilme halten, die mit etwas nackter Haut und Gewalt die Sensationslust des Publikums befriedigten, während die Spezialeffekte nicht so toll waren, die Dialoge primär debil und die Schauspieler kopflos durch das Set stolperten, während ein Mime, dessen Karrierehöhepunkt schon vor einigen Jahrzehnten war, immerhin einen sehr überzeugenden Was-habe-ich-hier-verloren-Gesichtsausdruck hat.
Auch die Optik erinnert an die Siebziger. In den Tag-für-Nacht-Szenen ist die Nacht nie dunkler als ein bewölkter Nachmittag. Die Farben sind alle einen Tick zu grell, wie auf einem Drogentrip, bei dem das Grün der Pflanzen noch grüner ist. Es wird wenig geschnitten und die Kamera beobachtet, wie in den frühen Tagen des Tonfilms, statisch die Schauspieler.
In seinem neuesten Film kann Dario Argento nie an seine besten Werke, die vor allem in den Siebzigern entstanden, anknüpfen. Aber diese Giallos spielten auch immer in der Gegenwart und basierten nicht auf bekannten Stoffen.
„Dario Argentos Dracula“ ist kein guter Film, aber fast schon sympathisch aus der Zeit gefallen. Jedenfalls wenn man sich mal wieder einen Siebziger-Jahre-Trahs-Horrorfilm ansehen will.
Das Bonusmaterial ist erstaunlich umfangreich ausgefallen. Ein über einstündiges „Making of“, das hier „Behind the Scenes“ genannt wird, informiert über den Film. In den ersten 45 Minuten werden die Menschen hinter der Kamera (vor allem Kamera, Special-Effects, Ausstattung und Kostüme) befragt, garniert mit einigen Bildern von den Dreharbeiten. Bei dem Making-of gibt es kein Interview mit Dario Argento. Dafür gibt es eine 35-minütige Dokumentation seines Auftritts beim Slash Filmfestival am 1. Mai 2014 in Wien.
P. S.: Ich habe den Film in 2D gesehen. Das hat sicher zum heimeligen Retro-Gefühl beigetragen.
Denn Argento drehte den Film auch in 3D.
Dario Argentos Dracula (Dracula 3D, Italien 2012)
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Antonio Tentori, Stefano Piani, Enrique Cerezo
LV: Bram Stoker: Dracula, 1897 (Dracula)
mit Thomas Kretschmann, Rutger Hauer, Marta Gastini, Asia Argento, Unax Ugalde, Miriam Giovanelli, Maria Cristina Heller, Giovanni Franzoni
– DVD
Koch Media
Bild: 2,40:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of (genannt „Behind the Scenes“), Dario Argento beim Slash Filmfestival, Musikvideo (Simonetti Project: Kiss me Dracula), Kinotrailer (deutsch, englisch, italienisch), Fünf Teaser
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
– Hinweise
Das wirklich umfassende, teilweise etwas zu akademisch geschriebene Buch „Dario Argento – Anatomie des Angst“ (2013), herausgegeben von Michael Flintrop und Marcus Stiglegger, mit Texten von Ivo Ritzer, Dominik Graf, Oliver Nöding und Thomas Groh und einem Vorwort von Jörg Buttgereit.
Michael Flintrop/Marcus Stiglegger (Hrsg.): Dario Argento – Anatomie der Angst
Wirklich gelungene Verfilmung eines der besten Thompson-Bücher: ein Haufen Menschen geht ihren niederen Trieben (Sex, Ehebruch, Mord) nach und fühlt sich dabei von moralischen Gesetzen nicht gebunden.
Tavernier verlegte die Handlung von einem Südstaaten-Kaff nach Französisch-Westafrika, blieb aber der Seele des Buches treu.
Mit Philippe Noiret, Isabelle Huppert, Stéphane Audran, Guy Marchand
Arte, 21.50 Ohne Gitter: Das Gefängnis der Zukunft? (Frankreich 2014, Regie: Bernard Nicolas)
Drehbuch: Anne Hirsch, Bernard Nicolas
Spielfilmlange Doku über Reformansätze im Justizvollzug in Deutschland, Finnland und Frankreich. Hinweis Arte über die Doku und mit vielen weiteren Informationen zum Thema
Das gelingt nur ganz wenigen Filmen: hier in Berlin läuft „Das finstere Tal“ immer noch in ganz normalen Kinos und es gab fast keinen Tag, an dem man sich seit dem Kinostart am 13. Februar Andreas Prochaskas Alpen-Western nicht hätte ansehen können. Der Film erhielt acht deutsche Filmpreise und ist jetzt der Oscar-Kandidat von Österreich für den besten ausländischen Film.
Die Filmgeschichte könnte den Amerikanern gefallen. Schon die ersten Bilder sind reinstes Americana: ein Mann reitet in den Bergen in ein einsam gelegenes Dorf, das im Winter komplett von der Welt abgeschnitten ist. Die Bewohner beäugen ihn misstrauisch. Mit einem Sack voll Gold erkauft er sich ein Quartier für den Winter. Was die Bewohner nicht wissen, aber jeder, der schon zwei Western gesehen hat, nach den atmosphärischen Bildern weiß: der Mann will sich an den Dörflern für ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis rächen. Die Überlebenschancen der Bösewichter tendieren gegen Null, wozu auch die gar nicht so unschuldigen Dorfbewohner zählen, wenn sie nicht schnell genug in Deckung gehen.
Dennoch lässt sich Prochaska (u. a. einige Folgen für „KDD – Kriminaldauerdienst“, die TV-Filme „Spuren des Bösen“, „Das Wunder von Kärnten“, „In 3 Tagen bist du tot“ und die Fortsetzung) viel Zeit, bis es die erste Leiche gibt: ein scheinbar unglücklicher Unfall beim Transport von Bäumen in einer Baumrutsche.
Greider (Sam Riley), so heißt der schweigsame Fremde, der behauptet, mit seiner Kamera Fotos machen zu wollen, kam aus den USA zurück in die Alpen. In Wirklichkeit will er seine Eltern rächen. Sie wurden von dem Brenner-Bauer, der seit Jahrzehnten als unumstrittener Patriarch über das abgelegene Tal herrscht, und seinen Söhnen, unterstützt vom Dorfpfarrer, vergewaltigt und getötet.
Diese Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Alpen spielt, verweist immer wieder auf den Western. Die Cinemascope-Bilder, der konsequente Verzicht auf typisch alpenländische Attribute (es gibt keinen Sepplhut und bei den Kleidern wurde konsequent stilisiert) und die karge Landschaft mit ihren ebenso kargen Gebäuden (so steht die Kirche, ein Steingemäuer, auf einem waldlosem Hügel und sie wirkt wie eine ungastliche Trutzburg) erinnert dann an die bekannten Bilder aus US-und Italo-Western, wie Sergio Corbuccis im Schnee spielender Western „Leichen pflastern seinen Weg“. Auch Robert Altmans „McCabe & Mrs Miller“, dessen Finale ebenfalls im Schnee spielt, fällt einem ein. Und natürlich die zahllosen, konsequent ironiefreien Rachewestern der vergangenen Jahrzehnte, gerne mit Clint Eastwood in der Hauptrolle.
Das alles ist so gut, dass gerade die Kleinigkeiten umso deutlicher auffallen. So ist der Brenner-Bauer, der als kranker Herrscher, kaum noch sein Haus und Bett verlässt, als greifbarer Bösewicht kaum vorhanden. Diese Rolle des Bösewichts müssen seine Söhne übernehmen, die aber auch weitgehend austauschbare Handlanger des Bösewichts bleiben. Im Film allerdings weniger als im Roman, wo sie nur eine anonyme Masse sind.
Auch die Rolle Brenners bei der Kindererzeugung (er hat das Recht auf die erste Nacht) und die Beziehungen der Brenner-Buben zu ihren Frauen werden nur sparsam angedeutet.
In diesen Momenten hätten sich Filmemacher noch deutlicher von der Vorlage entfernen können. Denn der Film folgt dem Roman sehr genau. Thomas Willmann bedankt sich im Nachwort seines Romandebüts bei Ludwig Ganghofer und Sergio Leone, wobei der Roman für meinen Geschmack zu viel Ganghofer und zu wenig Leone hat. Denn wer den Film nicht kennt und auch nicht den Klappentext gelesen hat, liest sich im ersten Drittel durch das Porträt einer Dorfgemeinschaft und der beginnenden Liebe von Luzi zu ihrem künftigem Bräutigam. Auch nach dem ersten Todesfall nehmen die Hochzeitsvorbereitungen viel Raum ein und nach der Romanmitte gibt es eine sechzigseitige Rückblende, in der wir erfahren, was mit Greiders Mutter geschah. Im Film ist das eine kurze Montage.
Auffallend sind zwei große Änderungen. Die erste ist, dass die Filmgeschichte von Luzi erzählt wird. Im Roman gibt es dagegen einen neutralen Erzähler, der einfach, wie ein Zeitungsreporter berichtet, was geschieht. Die zweite ist, dass Greider im Roman ein Maler, im Film ein Fotograf ist. Beide Änderungen sind nachvollziehbar und gerade bei der zweiten Änderung wundert es, dass Willmann, der auch Filmjournalist ist, das nicht selbst tat. Immerhin gibt es in Western öfter Fotografen als Maler.
Auf den ersten Blick wirkt das Bonusmaterial vernachlässigbar. Drei entfallene Szenen, ein Making of und ein Audiokommentar. Aber beim Ansehen fällt auf, wie gut es ist. Das gut 45-minütige, absolut sehenswerte „Making of“ gibt einen umfassenden und werbefreien Blick in den gesamten Entstehungsprozess des Films mit Interviews mit allen Beteiligten und einigen Blicken hinter die Kulissen. Und der Audiokommentar (den Filmton hätte man etwas leiser drehen können) ist absolut hörenswert. Regisseur Andreas Prochaska lud den Filmjournalisten Christian Fuchs als Gesprächspartner ein und, auch wenn Fuchs kaum etwas sagt, hatte Prochaska damit einen Gesprächspartner, dem er alles über den Film erzählen konnte. Entsprechend informativ fällt der Audiokommentar aus.
Das finstere Tal (Österreich/Deutschland 2013)
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Martin Ambrosch, Andreas Prochaska
LV: Thomas Willmann: Das finstere Tal, 2010
mit Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Clemens Schick, Erwin Steinhauer, Hans-Michael Rehberg, Carmen Gratl, Helmuth A. Häusler, Martin Leutgeb, Florian Brückner
– DVD
Warner Brothers/X-Edition
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Audiokommentar von Regisseur Andreas Prochaska und Filmjournalist Christian Fuchs, Making of, Entfallene Szenen, Trailer, Audiodeskription
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
– Die Vorlage
Thomas Willmann: Das finstere Tal Ullstein, 2014 320 Seiten
9,99 Euro
– Erstausgabe
Liebeskind, 2010
–
Die Nacht ist jung (Frankreich 1986, Regie: Leos Carax)
Drehbuch: Leos Carax
Paris im Zeichen des Halleyschen Kometen: ein Virus tötet alle, die ohne Liebe Sex haben. Ein verliebter, aber auch infizierter Bauchredner will aus einem Hochhaus das Impfserum stehlen.
Ziemlich unbekanntes, selten gezeigtes und bei uns nicht auf DVD (es gibt eine französische DVD) erhältliches Frühwerk von Leos Carax, der danach „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (läuft um 20.15 Uhr), „Pola X“ und „Holy Motors“ inszenierte.
„eine brillante Stilübung zu den Archetypen und Mythen des französischen und amerikanischen film noir. (…) Ein spröder, glechzeitig aber gefühl- und humorvoller Film, der Godard soviel wie den Klassikern des Genres verdankt.“ (Fischer Film Almanach 1989)
mit Michel Piccoli, Juliette Binoche, Denis Lavant, Hans Meyer, Julie Delpy, Serge Reggiani
ZDF, 22.00 George Gently – Der Unbestechliche: Entführt (Großbritannien 2012, Regie: Nicholas Renton)
Drehbuch: Peter Flannery
LV: Charakter von Alan Hunter
Durham 1968: Am helllichten Tag verschwindet das Baby Faith aus dem Haus ihrer Adoptiveltern, die bereits seit über zwanzig Jahren verheiratet und kinderlos sind. Erst vor wenigen Tagen adoptierten sie Faith. Inspector George Gently und sein Kollege John Bacchus beginnen in dem von Mrs. Esther Dunwoody geleitetem Kinderheim mit der Suche. Im Lauf der Ermittlungen glauben sie auch, dass die Adoptiveltern etwas mit dem Verschwinden von Faith zu tun haben. Denn die Eheleute haben einige gut gehütete Geheimnisse voreinander.
In diesem „George Gently“-Krimi gibt es keinen Mordfall (aber einen Toten), einen zeitlosen Einblick in die Hoffnungen und Leiden von Adoptiveltern und einem – hoffentlich – sehr zeitbezogenen Einblick in die Geschäfte mit den Sehnsüchten und Wünschen von Adoptivkindern. Denn Mrs. Dunwoody leitet ihr Heim mit harter Hand, autoritär und einem starren Blick auf das Geld, das sie von den Adoptiveltern als Spende für ein Kind erwartet. Und die schwangeren Frauen hatten damals, falls sie überhaupt verheiratet waren, nichts zu melden. Sie waren schließlich Sünderinnen vor dem Herrn.
Das Ende ist, wieder einmal, sehr düster ausgefallen.
„Entführt“ ist ein weiterer grandioser „George Gently“-Krimi, mit gewohnt viel Zeit- und, dieses Mal, auch viel Lokalkolorit.
mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Simon Hubbard, Mark Gatiss, Helen Baxendale, Katie Anderson, Alison Steadman Wiederholung: Montag, 8. September, 00.45 Uhr (Taggenau!)
mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen, Charlotte d’Amboise, Crace Gummer, Justine Lupe, Patrick Heusinger, Christine Gerwig, Gordon Gerwig
In den vergangenen Jahren spielte Eddie Marsan in hundert Filmen und TV-Serien mit. Etliche seiner Filme, wie zuletzt „Drecksau“, „The World’s End“, „Snow White and the Huntsman“, „Gefährten“, „London Boulevard“, „Sherlock Holmes – Spiel der Schatten“ und „Sherlock Holmes“, waren Kassenhits und trotzdem muss ich jedes Mal zweimal hinsehen, um ihn zu erkennen. In „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ spielt er in seiner ersten Hauptrolle den titelgebenden Mr. John May, einen unauffälligen Beamten bei der Londoner Stadtverwaltung, der die personifizierte Biederkeit, Korrektheit und klaglose Pflichterfüllung ist. Sein Büro ist in einem Kellerkabuff, was aber seiner Kundschaft herzlich egal ist. Denn er ist „Funeral Officer“. Er kümmert sich um die Beerdigungen von Menschen, die keine Angehörigen oder Freunde haben. Dennoch sucht er akribisch nach Angehörigen. Manchmal wochenlang. Er vertieft sich in ihr Leben. Er schreibt, ausgehend von ihren Hinterlassenschaften, eine Trauerrede. Er organisiert für sie eine schöne Beerdigung. Mit ihm als einzigem Trauergast.
Auch sein Chef zollt seiner Pflichterfüllung Respekt und entlässt ihn, weil er viel zu langsam arbeitet und er seine Aufgabe viel zu teuer erfüllt. Denn anstatt den pompösen Beerdigungen mit Sarg, Geistlichem und Grabstätte hätte es doch auch eine Einäscherung nach einer knapp bemessenen Schamfrist und einer kurzen Recherche nach etwaigen Verwandten im Telefonbuch getan.
Nach seiner Entlassung hat der alleinstehende Mr. May nur einen Wunsch: er möchte noch seinen letzten Fall abschließen. Zur Not auf eigene Kosten und nach seiner Entlassung. Es ist Billy Stoke, ein Alkoholiker, der einsam in seiner verwahrlosten Wohnung starb. In seinen Habseligkeiten findet Mr. May einige Hinweise auf Stokes früheres Leben. Eine Tochter. Eine kurze Karriere als Soldat. Ein Gefängnisaufenthalt. Mr. May macht sich auf die Reise.
„Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ist ein stilles Drama über den Wert des Lebens und eine Paraderolle für Eddie Marsan, der beim Edinburgh International Film Festival für seine Rolle den Preis als bester Hauptdarsteller erhielt. Er zeigt mit minimalen Mitteln, was in Mr. May vorgeht, was er fühlt und wie die Reise in Stokes Vergangenheit auch in ihm etwas verändert.
Diese Veränderung wird von Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Pier Paolo Pasolini, sondern mit Luchino Visconti) in seinem zweiten Spielfilm mit einem präzisen Blick für Details und seiner Inszenierung, wozu die Bildeinstellungen und die Farben gehören, unauffällig unterstützt. „Ich wollte einen zurückhaltenden Film, um die Emotionen der Zuschauer anzusprechen. Eddies Talent, seine Meisterschaft und Menschlichkeit brachten eine große Wahrhaftigkeit in die Handlungen und die kleinen Veränderungen, die das Leben der Figur charakterisieren“, sagt Pasolini zutreffend. Daher gibt es auch keine großen Emotionen und keine theatralischen Gefühlsausbrüche, sondern nur eine große Sympathie für die lebenden und toten Charaktere, ein großes Interesse an den Menschen und der Frage nach dem Wert eines Lebens, garniert mit einem subtilem Humor.
Pasolini, der auch „Ganz oder gar nicht“ produzierte, inszenierte einen zum Nachdenken anregenden Feelgood-Film über den Tod und das Leben.
Das Ende wirkt zunächst arg abrupt, aber Uberto Pasolini, der auch „Ganz oder gar nicht“ produzierte, beendet „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ mit zwei sehr schönen und versöhnlichen Schlussbildern, die die Botschaft des Films, nämlich dass jedes Leben wichtig ist, eindrucksvoll zeigt. Dafür benötigt Pasolini dann keine Worte une es ist ein Ende, das Mr. May gefallen hätte.
Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit(Still Life, Großbritannien/talien 2013)
Regie: Uberto Pasolini
Drehbuch: Uberto Pasolini
mit Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury, Neil D’Souza, Andrew Buchan
Gleich am Anfang wird uns hoch und heilig versichert, dass diese Exorzismus-Geschichte inspiriert von den Erlebnissen eines NYPD-Cops ist.
Am Filmende steht dann der übliche Satz, dass es sich um eine erfundene Geschichte handelt und als genau das sollte man „Erlöse uns von dem Bösen“ auch behandeln, obwohl der Jerry-Bruckheimer-Film auf dem 2001 erschienenem Sachbuch „Beware the Night“ von Ralph Sarchie basiert. Sarchie wurde in den Neunzigern nach mehreren unerklärlichen Erlebnissen und der Hilfe von zwei katholischen Priestern zu einem Gläubigen. 2004 gab er, nach zwanzig Jahren, seinen Polizeijob auf und wurde zum Dämonologen, der auch regelmäßig bei Exorzismen dabei ist. Das wäre natürlich auch eine Filmgeschichte, aber Scott Derrickson (Der Exorzismus von Emily Rose, Sinister) erzählt eine ganz andere Geschichte, die den vertrauten Mustern folgt.
Der Film beginnt 2010 im Irak, wo drei US-Marines auf eine unterirdische Kammer stoßen und etwas Schreckliches erleben.
2013 in der Bronx in New York: Sergeant Ralph Sarchie (Eric Bana) und sein Partner Butler (Joel McHale) arbeiten in der Nachtschicht und eilen von einem Notfall zum nächsten. Morde, häuslicher Streit, eine Mutter, die ihr Kind in den Löwenkäfig wirft und im Zoo verschwindet oder seltsame Geräusche im Keller eines alten Hauses. Sarchie und Butler sind da. Immer auch auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick.
Dass darunter Sarchies Eheleben leidet und er sich nur wenig um seine Tochter kümmert, gehört zum Job und den bekannten Polizeifilmklischees.
Während seiner Arbeit trifft Sarchie auf Joe Mendoza (Edgar Ramirez), der eine Inhaftierte besuchen möchte. Der Geistliche mit einer farbigen Vergangenheit und einigen nicht gerade priesterlichen Angewohnheiten, bietet Sarchie seine Hilfe an. Denn Mendoza ist überzeugt, dass das absolut Böse sich jetzt in der Bronx ausbreiten möchte.
Als der zunächst skeptische Sarchie für einige seiner Fälle und Ereignisse keine rationale Erklärung findet, trifft er sich wieder mit Mendoza. Sie verbünden sich und versuchen gemeinsam die Soldaten, die 2010 in Kontakt mit dem Bösen gerieten und jetzt in New York leben, zu heilen und die an alten Schriftzeichen erkennbaren Türen zur Unterwelt zu schließen.
„Erlöse von uns dem Bösen“ folgt als Kreuzung aus „Der Exorzist“ und „Sieben“ brav den vertrauten Genrepfaden, nur dass das von Scott Derrickson gezeigte New York noch dunkler und nasser als David Finchers namenlose Stadt ist und die über jeden Zweifel erhabene Musik der Doors eine wichtige Rolle im Film hat.
Störend ist allerdings für einen in der Gegenwart spielendem Großstadtthriller das naive Vertrauen auf eine Teufelsaustreibungen im bekannten „Exorzismus“-Stil, das einen dazu zwingt jede andere rationale Erklärung (die teilweise auf der Hand liegt) strikt zu verneinen. Da war zuletzt der ebenfalls auf Tatsachen basierende Horrorfilm „The Conjuring“, der allerdings in den Siebzigern in einem einsam gelegenem Haus spielt, auch dank seines Retro-Feelings, glaubwürdiger und auch straffer erzählt. Denn gerade am Anfang, wenn sich die Anekdoten aus dem Polizistenleben aneinanderreihen, braucht Scott Derrickson viel Zeit, bis die Story wirklich erkennbar wird und eine Eigendynamik entwickelt.
Dennoch ist „Erlöse uns von dem Bösen“ für den Genrefan ein ordentlicher, aber auch konventionell-vertrauter Mix aus Polizeithriller und Horrorfilm, der mit Eric Bana und Edgar Ramirez zwei überzeugende Hauptdarsteller hat.
Aber auch Scott Derrickson beantwortet nicht die nach dem Genuss von mehreren Exorzismus-Filmen, die natürlich alle auf wirklich wahren Fällen basieren, drängende Frage „Warum werden nur Katholiken vom Teufel heimgesucht?“.
Erlöse uns von dem Bösen (Deliver us from Evil, USA 2014)
Regie: Scott Derrickson
Drehbuch: Scott Derrickson, Paul Harris Boardman
LV: Ralph Sarchie (mit Lisa Collier Cool): Beware the Night, 2001
mit Eric Bana, Edgar Ramirez, Joel McHale, Olivia Munn, Lulu Wilson, Sean Harris, Olivia Horton, Dorian Missick, Mike Houston
Wer mit dem Teufel reitet (USA 1999, Regie: Ang Lee)
Drehbuch: James Schamus
LV: Daniel Woodrell: Woe to live on, 1987 (Zum Leben verdammt)
USA, 1860: Jake Roedel und Jack Bull ziehen auf Seiten der Südstaaten in den Krieg. In einer Guerillagruppe beteiligen sie sich an einem zunehmend sinnlosen Vernichtungsfeldzug bei dem keine Gefangenen gemacht werden.
Wie so oft: aus einem hochgelobten Buch wurde ein – nun – mittelmäßiger Film.
Martin Compart halt Woodrells zweiten Roman “Woe to live on” für einen der besten Bürgerkriegs-Romane: “Mit jedem zündenden Satz verbrennt Woodrell die Hollywoodklischees über den Sezessionskrieg. Der Roman folgt dem jungen Ich-Erzähler auf seiner blutigen Spur an der Seite der Freischärler unter dem berüchtigten Quantrill. In den West Plains tobte ein brutaler Partisanenkrieg, der noch Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges Opfer forderte…Die Sprache des Romans ist filmisch und hypnotisch.“
Woodrell zu seinem Buch: „Die Amerikaner haben sich über das Buch zu Tode erschreckt, weil es vom Standpunkt der Südstaaten geschrieben ist. Ich bekam keine Rezension nördlich der Dixon-Linie. Keiner wollte wissen, was hier wirklich los war. Es war wie in Bosnien.“ Die Erstausgabe war ein Flop – und ist heute ziemlich teuer.
Woodrell zur Verfilmung: „I was merely the writer of the novel. That is, the one who created the story, characters, dialogue and structure from scratch. Once the movie started I was more or less blotted from the scene. I did enjoy watching actors mouth my words and so on, and did learn plenty from that experience. As to the process of making the film, all I can say is, if it happens again, I won’t make nice so much. I deferred to their arguments (I had no power to do anything) since I thought maybe they know more about narrative for film than I-and they don’t. Everything is clouded by,”If we show this scene in a truthful manner we think twelve people will walk out in Encino, so we will substitute a phony as shit scene we got from a can of old movies we found sitting open back in the vault.” And so on.“
Der Film war kein Kassenerfolg; was hier allerdings – im Gegensatz zum Buch – an der Qualität des Werkes liegt: „Eine Enttäuschung“ (Zitty), „Der Film wirkt mitunter so langatmig, als würde man den Bürgerkrieg in Echtzeit miterleben.“ (Berliner Zeitung). Und, was sicher auch zu seiner Unbeliebtheit beigetragen hat: „Ride with the Devil“ ist ein Film „über Männer, die für die falsche Sache auf der falschen Seite in einem schrecklichen Krieg kämpfen…Man könnte auch behaupten, dass dieser Film eine Feldstudie über galoppierende Dummheit ist.“ (Berliner Zeitung)
Eine der wenigen positiven Stimmen: “Ang Lee’s film, Ride with the Devil, is the best western since Clint Eastwood’s Unforgiven (1992)… Ride with the Devil displays a care and intelligence increasingly rare in mainstream American cinema. While there are suitably memorable images of violence there is also a lot of memorable talk. Wonderful cinematography from Frederick Elmes, excellent performances from its (then mostly) young, up-and-coming cast of actors, and the acting debut of pop star Jewel should have brought new, younger viewers to this old genre. The film deserved a better commercial fate because it is as “stone brilliant” as the writing from which it is derived, and making such a fine film also “required some genius”.” (Noel King, Senses of Cinema – eine sehr informative Web-Seite)
Mit Skeet Ulrich, Tobey Maguire, Jewel Kilcher, Jonathan Rhys, James Caviezel
Was haben wir als Kinder nicht die italienischen „Hercules“-Filme geliebt. Von diesen Sandalenfilmen erwarteten wir nur neunzig Minuten Spaß ohne höheren Anspruch, auch ohne Logik und gute Schauspieler. Herrje, Hercules (oder wie der muskelbepackte Held gerade hieß) wurde meistens von einem Bodybuilder gespielt, der während des Drehs vielleicht bekannt war, aber den zwanzig, dreißig Jahre später niemand mehr kannte und dessen Filmkarriere aus einigen dieser bunten Sandalenfilme bestand. Echte Schauspieler verirrten sich nie auf das Set und das Budget war auch nicht hoch. Aber es machte Spaß.
Bei „Hercules“ ist das Budget höher. Offiziell so um die 100 Millionen Dollar. Die Schauspieler sind bekannter. Dwayne ‚The Rock‘ Johnson, Ian McShane, Rufus Sewell, Joseph Fiennes (verschenkt in ungefähr drei Auftritte) und John Hurt sind dabei. Die Regie übernahm Brett Ratner, der die drei „Rush Hour“-Filme, „After the Sunset“, „X-Men – Der letzte Widerstand“ und „Aushilfsgangster“ drehte. Alles keine große Kunst, aber immer spaßige und oft auch kommerziell erfolgreiche Unterhaltung.
Allerdings macht sein „Hercules“ keinen Spaß. Es ist letztendlich eine düster-blutige, angenehm kurze Söldner-Geschichte die im alten Griechenland spielt. Hercules (Dwayne Johnson) ist der Anführer einer kleinen Söldner-Gruppe. Mit einem Geschichtenerzähler, der die Taten von Hercules hübsch ausschmückt zu göttlichen Heldentaten. Schon bei den alten Griechen gehörte Öffentlichkeitsarbeit zum guten Ton. Und eine sexy Amazone ist auch dabei. Jetzt sollen sie für König Cotys (John Hurt) eine feindliche Armee schlagen. Danach stellen sie fest, dass Cotys sie über die Ursachen des Konflikts belog, weshalb der skrupellose Hercules dann doch einige Gewissenkonflikte hat, und dass Cotys sie nicht bezahlen will, verschlechtert seine Laune weiter. Das führt dann zu einigen weiteren, ziemlich vorhersehbaren Konflikten und Kloppereien vor konsequent dunkler Kulisse, weil in heutigen Blockbustern die poppigen Farben der Sandalenfilme und von „Conan, der Barbar“ nicht mehr existieren.
Wegen der vorhersehbaren und uninteressanten Story, die dieses Mal auf einem Comic von dem am 16. März 2014 verstorbenem Steve Moore basiert, wird allerdings niemand in „Hercules“ gehen. Eher schon wegen der Action. Aber die wird von Brett Ratner, als hätte er nichts von seinen Jackie-Chan-Filmen gelernt, so zerschnippelt, dass die natürlich mit CGI aufgepimpten Kampfszenen vor allem ein großes Chaos sind, was sicher die chaotische Stimmung in einem Kampf angemessen wiederspiegelt, allerdings auch nichts über die Arbeit der Stuntmänner und wenig über die Abläufe der Schlacht verrät. Und natürlich ist ein so inszeniertes Schlachtgetümmel nicht sonderlich beeindruckend. Das vergisst man schon beim Ansehen.
Weil „Hercules“ in 3D präsentiert wird, muss auch etwas zum 3D-Bild gesagt werden: es ist mal wieder gruselig mit all den Nachteilen, die man von 3D kennt und die in einem IMAX noch potenziert werden. Jedenfalls ärgerte mich das 3D-Bild so sehr, dass ich gefühlt alle zwei Minuten aus dem Film gerissen wurde, weil irgendetwas nicht stimmte, wie ein Ghosting-Effekt im Vorder- oder Hintergrund des Bildes, während der Rest korrekt dargestellt wurde, oder schlichtweg falsche Größenverhältnisse bei Körpern, Räumen und Waffen. Viele scheint das nicht zu stören, aber mich störte es dieses Mal so sehr, dass es mir letztendlich den gesamten Film verdarb.
Hercules (Hercules, USA 2014)
Regie: Brett Ratner
Drehbuch: Ryan Condal, Evan Spiliotopoulos
LV: Steve Moore/Chris Bolsin: Hercules: The Thracian War, 2008
mit Dwayne Johnson, Ian McShane, Rufus Sewell, Aksel Hennie, Ingrid Bolsø Berdal, Reece Ritchie, Tobias Santelmann, Joseph Fiennes, Peter Mullan
Nach der gründlich misslungenen Culture-Clash-Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ ist „Amma & Appa“ das reale Gegenmodell. Denn die Regisseurin Franziska Schönenberger ist verliebt in Jayakrishnan ‚Jay‘ Subramanian, einen Künstler (er zeichnete auch die Animationen für den Film), den sie in Indien während eines Arbeitsaufenthaltes kennen lernte. Sie verliebten sich ineinander, er kam nach Deutschland und jetzt wollen sie heiraten. Aber wie bringt man das den Eltern schonend bei und wie überzeugt man die Eltern, der Ehe zuzustimmen?
Schönenberger, die auch Dokumentarfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert, hatte dann die Idee, die Geschichte ihrer Liebe und die Begegnung der Eltern in Indien bei Jayakrishnans Eltern in Cuddalore zu dokumentieren. Als Studienarbeit und sicher auch, um die Begegnung ihrer Eltern in ruhige Bahnen in Richtung Zustimmung zur Ehe zu lenken. Immerhin verhält man sich vor laufender Kamera anders als ohne Kamera, fremde Leute und potentielles Publikum. Auch wenn beim Dreh nicht absehbar war, dass der Bayerische Rundfunk einsteigt, der kleine Studetenfilm auf der Berlinale, dem DOK.fest und jetzt im Kino läuft.
„Amma & Appa“ schildert die Begegnung der Eltern von Franziska und Jay in Indien. Ausführlich schildern die Eltern ihre Gefühlte, Hoffnungen und Bedenken zu dieser geplanten Liebesheirat. Vor allem Jays Mutter schildert eindrücklich, was diese Ehe für sie bedeutet. Einen Bruch der Tradition und ein Verlust der Sicherheit im Alter. Denn in Indien zieht die Braut in das Haus des Bräutigams und damit ist auch die Frage der Pflege der Eltern geklärt. Jetzt würde sie allerdings ihren Sohn verlieren, der nach Deutschland zu seiner Braut ziehen will.
Diesen Gefühlen der Eltern gibt Schönenberger viel Raum, garniert mit folkloristischen Impressionen aus Indien. Über sie und ihren Freund, wie sie sich kennenlernten und was sie für Pläne haben, erfahren wir dagegen im Film nichts. Auch nicht, warum es ein Jahr dauerte, bis sie Jays Eltern zum ersten Mal besuchen durfte. Das ist emotional nachvollziehbar, hinterlässt aber auch das Gefühl, dass man nur Teile der Geschichte erfährt. Denn so wichtig die Zustimmung der Eltern für eine Heirat ist, ist – und das wird auch am Filmende von den Eltern gesagt – es letztlich eine Entscheidung des Paares, ob sie heiraten wollen.
Aber durch die Zusammenkunft der Eltern, die ungefähr im gleichen Alter sind und vor ungefähr dreißig Jahren heiraten, zeigt Schönenberger in einem Doppelporträt auch, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Traditionen und wie eine Verständigung funktionieren kann.
Formal ist die sichtbare Neugierde und kindliche Lust von Schönenberger und Subramanian (der als Co-Regisseur firmiert) auf das Ausprobieren verschiedener Stilmittel in ihrer Experimentierlust zunächst erfrischend, aber letztendlich auch störend, weil eben jegliche formale Geschlossenheit fehlt und vieles auch überflüssig bis störend ist, wie die wahllos hineingeschnittenen, neuen Aufnahmen mit einer alten 16mm-Kamera, die das Flair eines Amateurfilms für den Hausgebrauch haben. Vor allem wenn die Bilder mit einem bewusst naiv gehaltenem Off-Kommentar garniert werden. Da wird das charmante Amma und Appa beim dritten Hören zu einer nervigen Marotte, die ein ernstes Problem auf das Niveau einer Nachmittags-Kindersendung, in der alles furchtbar witzig sein soll, senkt.
Amma & Appa – Eine bayerisch-indische Liebe (Deutschland 2013)
Inglourious Basterds (USA/Deutschland 2009, R.: Quentin Tarantino [Regie „Nation’s Pride“: Eli Roth])
Drehbuch: Quentin Tarantino (deutsche Dialoge: Tom Tykwer; französische Dialoge: Nicholas Richard)
Frankreich, 1944: Aldo Raine und seine Spezialeinheit sind zum Nazi-Skalpieren nach Europa gekommen. Die Jüdin Shosanna will den SS-Mann Hans Landa (Oscar für Christoph Waltz), der ihre Familie umbrachte, töten. In Paris, in einem Kino, treffen sie sich.
Ein feiner Kriegsfilm, den man unbedingt in der Originalfassung, in der meisterlich zwischen den verschiedenen Sprachen gewechselt wird, ansehen sollte. Außerdem wird auch im Original die meiste Zeit deutsch gesprochen.
Vox wird aber wahrscheinlich die deutsche Synchronisation bringen.
mit Brad Pitt, Mélanie Laurent, Eli Roth, Christoph Waltz, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Jacky Ido, B. J. Novak, Omar Doom, August Diehl, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Mike Myers, Julie Dreyfus, Mike Myers, Rod Taylor, Sönke Möhring, Ken Duken, Christian Berkel, Ludger Pistor, Jana Pallaske, Bo Svenson, Enzo G. Castellari (als er selbst), Samuel L. Jackson (Erzähler in der Originalversion)
LV: Joseph Wilson: The Politics of Truth: : A Diplomat’s Memoir – Inside the Lies That Led to War and Betrayed My Wife’s CIA Identity; Valerie Plame: Fair Game: My Life as a Spy, My Betrayal by the White House, 2007
Valerie Plame war CIA-Agentin. Ihr Mann, der Exbotschafter und Bill-Clinton-Berater Joseph Wilson, wurde von George W. Bush beauftragt, in Niger die Beweise für den Irak-Krieg zu liefern. Er fand keine. Die Regierung behauptete das Gegenteil. Wilson ging an die Öffentlichkeit – und die Regierung Bush startete eine Schmutzkampagne gegen Wilson und seine Frau, die dabei als CIA-Agentin enttarnt wurde.
Ein weiterer Polit-Thriller, der mit der Regierung Bush und dem „war on terror“ abrechnet. Doch während der unterschätzte „Green Zone“ (inszeniert von Paul Greengrass, der zwei „Bourne“-Film inszenierte), basierend auf einem Sachbuch, eine Geschichte erfand, nahm „Bourne“-Regisseur Liman als Grundlage für seinen international abgefeierten Film eine Interpretation der wahren Ereignisse, die auch „Plamegate“ (nach „Watergate“) genannt wurde . Die deutschen Kritiker sind dagegen negativer.
Jedenfalls ist es schön, dass der Polit-Thriller der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine so gelungene Renaissance erlebt.
mit Sean Penn, Naomi Watts, Sam Shepard, Noah Emmerich, Michael Kelly, Bruce McGill