TV-Tipp für den 16. Juni: Das Fenster zum Hof

Juni 16, 2013

Arte, 20.15

Das Fenster zum Hof (USA 1954, R.: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: John Michael Hayes

LV: Cornell Woolrich: Rear Window, 1942 (Das Fenster zum Hof, Kurzgeschichte)

Fotograf Jeffries liegt mit einem gebrochenen Bein in seinem Hinterhofzimmer und beobachtet gelangweilt seine Nachbarn. Eines Tages glaubt er, Mr. Thorwald habe seine Frau umgebracht. Aber wie kann er es beweisen?

Ein Meisterwerk. Ein perfekter Film über Männer und Frauen, über alle Facetten des Zusammenlebens (eigentlich der Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau) und über Voyeure – gedreht in einem einzigen Studio (der gesamte Hinterhof wurde dort „funktionsfähig“ nachgebildet) aus einer einzigen Perspektive (wir sind mit James Stewart in seinem Zimmer gefangen).

Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr

Wiederholung: Dienstag, 18. Juni, 13.55 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


TV-Tipp für den 15. Juni: Der Knochenmann

Juni 15, 2013

Arte, 01.00

Der Knochenmann (Aus 2009, R.: Wolfgang Murnberger)

Drehbuch: Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas

LV: Wolf Haas: Der Knochenmann, 1997

Brenner fährt auf’s Land. Eigentlich soll er ein geleastes Auto zurückholen. Aber dann gefällt’s ihm im Wirtshaus von Löschenkohl zu gut, er verliebt sich in die Schwiegertochter des Wirts und stolpert in eine veritable Mordgeschichte. Denn der Löschenkohl wird erpresst, beseitigt seine Erpresser und muss auch auf seinen blöden, aber ambitionierten Sohn aufpassen.

Die dritte Auflage der Ösi-Variante eines Action-Films, eines Whodunit und einer Krimikomödie hat weniger bekannte Namen und weniger Lacher als „Komm, süßer Tod“ und „Silentium“. Dafür ist „Der Knochenmann“ noch desillusioniert-gemeiner in seinem Blick auf die Menschen und Josef Hader hat im Privatdetektiv Brenner die Rolle seines Lebens gefunden.

Mit Josef Hader, Josef Bierbichler, Simon Schwarz, Birgit Minichmayr, Stipe Erceg, Christoph Luser, Dorka Gryllus

Wiederholung: Donnerstag, 27. Juni, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Knochenmann“

Wikipedia über „Der Knochenmann“

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Planet-Interview redet mit Wolf Haas (2005, zur  Verfilmung von “Silentium”)

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)


Neu im Kino/Filmkritik: Die netten Rassisten von nebenan in „Orania“

Juni 14, 2013

Die 800 Seelen-Gemeinde Orania ist ein Paradies. Denn es hat in Südafrika die geringste Kriminalitätsrate. Die Bewohner lassen sogar die Schlüssel in ihren Autos stecken.

Orania ist die Hölle. Denn in dem Ort leben seit 1990 nur weiße Südafrikaner, die kein Teil der Rainbow Nation sein wollen. Sie sind Rassisten, die sich die Apartheid zurückwünschen.

Orania ist ein Experiment. Denn die Bewohner versuchen vollkommen autark zu Leben. Sie wollen eine sich selbst versorgende Gemeinschaft sein.

„Orania ist die Manifestation der Ängste und Wünsche jener Afrikaaner, die – anders als die meisten anderen – nicht zurechtkommen in der neuen ‚Rainbow Nation‘. Das Konstrukt Orania bot mir eine Möglichkeit, filmisch der Frage nach kultureller Identität sowie innerer und äußerer Abgrenzung nachzugehen“, sagt Regisseur Tobias Lindner über seinen Dokumentarfilm „Orania“, für den er drei Monate ohne ein Team in Orania lebte, die Bewohner beobachtete und sich mit ihnen unterhielt. So entstand – mit bescheidenen Mitteln – ein vorurteilsfreier Blick, der eben auch immer den Zwiespalt zwischen der Selbstwahrnehmung der Oranier, die eine afrikaanische Gesellschaft aufbauen wollen, und der Wirklichkeit thematisiert. Denn viele Oranier sind schon älter, sie hängen der von ihnen idealisierten Vergangenheit an, leben ein altertümliches Leben, das eher an einen deutschen Fünfziger-Jahre-Heimatfilm als an die Gegenwart erinnert. Es gelten rigide Regeln, die vor allem die wenigen Jugendlichen zu spüren bekommen. So hat ein Jugendlicher, der in Johannesburg ein Kleinkrimineller war, zwar Probleme mit der von den Oraniern geforderten Disziplin. Aber dass das so schlimm ist, dass er am Ende des Films Orania verlassen muss, scheint dann – wir erfahren die Gründe nicht – doch weniger an ihm, sondern an dem konservativem Gesellschaftsbild der Oranier und ihrer Unfähigkeit, mit problematischen Jugendlichen umzugehen, zu liegen. Sowieso ist der soziale Druck, wie Lindner an einer Familie zeigt, die er während ihrer ersten Wochen in Orania begleitet, sehr hoch. So sagt der Familienvater, der einen regulären Busbetrieb in die nächste größere Stadt aufbauen will, in einer Radiosendung, er würde auch Schwarze, wenn sie Afrikaans sprächen, nicht betrunken seien, sich benähmen und den Fahrpreis bezahlten, mitnehmen. Später sagt er gegenüber dem Regisseur, dass wegen diesem Satz niemand mit ihm mitfahren möchte und schlecht über ihn geredet würde.

Die Bewohner von Orania haben auch keinen Kontakt zu Schwarzen. Sogar die schwarzen Lieferanten dürfen nicht in die Stadt zum Schwimmbad hineinfahren. Der Bademeister, der sich vor der Kamera rühmt, keine Vorurteile zu haben, kommt mit seinem Jeep zum Ortseingang und lädt die Getränke und Snacks um.

Lindner porträtiert ohne einen Off-Kommentar (in dem er einige Fakten zur sozialen und ökonomischen Struktur von Orania hätte liefern können) und ohne wertende Schnitte mehrere Oranier. Er zeigt das Konstrukt Orania und fordert die Zuschauer auf, darüber nachzudenken, was Orania ist und wo wünschenswerte kulturelle Identität in Rassismus umschlägt.

Das führt aber auch dazu, dass er Probleme, wie die schwierige ökonomische Lage von Orania, die fast schon verzweifelte Suche nach neuen Bewohnern und die Weltsicht der Oranier im Film kaum anspricht und so die Oranier als vielleicht etwas schrullig, etwas konservativ, aber eigentlich ganz nette weiße Männer porträtiert werden. Da hätte Lindner stärker nachfragen und zuspitzen müssen. Aber „Orania“ ist auch ein Erstlingswerk, das Lindners Potential als Dokumentarfilmer zeigt.

Orania - Plakat

Orania (Deutschland 2012)

Regie: Tobias Lindner

Drehbuch: Tobias Lindner

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Orania“

Wikipedia über Orania

Podiumsdiskussion über den Film, aufgezeichnet am 28. April 2013 im Sputnik-Kino (Berlin)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Seelen“, eine Science-Fiction-Schmonzette von Andrew Niccol, nach einem Buch von Stephenie Meyer

Juni 14, 2013

„Seelen“ wird beworben als der neue Film von „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer und „The Truman Show“-, „Gattaca“- und „Lord of War“-Autor Andrew Niccol und je nachdem, ob man „Seelen“ als Stephenie-Meyer- oder als Andrew-Niccol-Film sieht, wird man begeistert oder maßlos enttäuscht sein. Denn „Seelen“ ist ein in der nahen Zukunft spielendes Teenager-Drama, dessen Zielpublikum heftig pubertierende Mädchen sind. Denen gefällt, nach der IMDB-Nutzerbewertung, der Liebesfilm mit homöopathischer Science-Fiction-Beigabe auch sehr gut.

Science-Fiction-Fans können sich dagegen an der schönen Ausstattung erfreuen. Denn die von Stephenie Meyer, die den Film auch produzierte, entworfene Welt macht ziemlich wenig Sinn und die Prämisse ist, jedenfalls bei der Filmgeschichte, ziemlicher Unfug.

Wieder einmal haben Außerirdische die Welt besetzt und nur noch eine kleine Gruppe Menschen kämpft im wunderschön fotogenen US-Hinterland gegen sie. Dabei sind diese Aliens Parasiten, die den Menschen ihre Seelen klauen. So wird uns jedenfalls zuerst gesagt. Aber eigentlich sind diese Aliens ganz liebe Gesellen, die schon seit langer Zeit Seelen sehr liebevoll und sehr vorsichtig von einem Gastkörper zum nächsten transportieren, das Wissen des Gastes in sich aufnehmen und weitergeben. Sie werden deshalb auch ganz einfach Seelen genannt; – was ja eigentlich etwas Gutes ist. Außerdem ist bei ihnen alles sauber, gepflegt und ordentlich. Krankheit und Armut scheint es nicht mehr zu geben. Eigentlich hätte uns, wie ein Blick in die Nachrichten zeigt, nichts besseres passieren können.

Trotzdem ist Melanie Stryder (Saoirse Ronan) davon nicht begeistert. Sie kämpft gegen die Aliens, versucht ihren Bruder zu beschützen, wird dennoch der Gast für eine Seele, wehrt sich allerdings gegen diese Seele, flüchtet aus dem Krankenhaus der Seelen, wird von der Sucherin (Diane Kruger; fantastisch!) gnadenlos verfolgt, kann sich in einer riesigen Höhle irgendwo in der Wüste bei einigen Widerstandskämpfern verstecken und zwei Jungs sind heftig in sie verliebt.

Das Leben der Widerstandskämpfer in der Höhle, das sich durch geschickt platzierte Spiegel, abgesehen von den Wohnungen, nicht von der uns bekannten, normalen Welt unterscheidet, ist eine ländliche Fantasie, die schonungslos den Marlboro-Western-Kitsch feiert. Die starren Gesellschaftsstrukturen sind von anno dunnemals, als Männer die respektierten Führer und Frauen die Köchinnen waren, und werden klaglos von den, Uh?, freien Menschen akzeptiert. Der Kampf gegen die einen versklavenden Seelen eint.

Melanies Kampf zwischen den beiden in ihr wohnenden Seelen, wobei die ihr implantierte Seele als weise Ratgeberin gar nicht so unsympathisch ist, wird sehr unfilmisch, in inneren Streitgesprächen verdeutlicht. In der Originalfassung sind die beiden von Saoirse Ronan mit unterschiedlichen Akzenten gesprochen Frauenstimmen allerdings kaum unterscheidbar. Und wenn Melanie befürchtet, dass ihre ursprüngliche Seele endgültig verschwindet, wendet sie eine ziemlich brachiale Kusstherapie an, die, wenn ein Mann sie erfunden hätte, hochgradig frauenverachtend wäre. Denn sie will von dem einen Jungen, den sie früher hasste, so geküsst werden, dass ihr altes Ich wieder auftaucht. Zwischen der Knutscherei wird sie ziemlich oft geschlagen; scheint auch gegen die Alien-Seelen zu helfen.

„Seelen“ wirkt mit seinem schleppendem Erzähltempo, den vielen aufgeworfenen Fragen, die nicht beantwortet werden, und dem hastigen Ende wie der Pilotfilm für eine nicht verwirklichte Science-Fiction-Serie, die dann auch hätte klären können, warum diese Seelen, obwohl sie so grundsympathisch erscheinen, doch furchtbar böse sind und wir gegen sie kämpfen müssen.

Als Kinofilm bleiben dagegen mehr Fragen als Antworten, etwas banale Revolutionsromantik, viel christliche Verklärung des einfachen Lebens und eine vor sich hin plätschernde Liebesgeschichte mit langweilig-austauschbaren Charakteren.

Andrew-Niccol-Fans können diese Auftragsarbeit getrost vergessen.

Seelen - Plakat

Seelen (The Host, USA 2013)

Regie: Andrew Niccol

Drehbuch: Andrew Niccol

LV: Stephenie Meyer: The Host, 2008 (Seelen)

mit Saoirse Ronan, Max Irons, Jake Abel, Diane Kruger, William Hurt, Chandler Canterbury, Boyd Holbrook, Frances Fisher, Scott Lawrence

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Seelen“

Metacritic über „Seelen“

Rotten Tomatoes über „Seelen“

Wikipedia über „Seelen“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephenie Meyer


TV-Tipp für den 14. Juni: Liebe, Lust und wilde Zeiten

Juni 14, 2013

 

WDR, 23.15

Liebe, Lust und wilde Zeiten – Sex und die 68er (D 2008, R.: Sabine Stadtmüller, Ulrike Brincker)

Drehbuch: Sabine Stadtmüller und Ulrike Brincker

Prominente, wie Senta Berger, Rosa von Praunheim und Georg Stefan Troller, erzählen ihre Erlebnisse vor, während und nach der sexuellen Revolution. Witzig, amüsant und erhellend.

Mehr Infos über die 45-minütige Doku hier.


Neu im Kino/Filmkritik: Derek Cianfrance sinniert über Vater, Söhne und „The Place beyond the Pines“

Juni 13, 2013

 

Achtung: diese Besprechung enthält Spoiler, weil ich sonst nicht sinnvoll begründen kann, warum ich Probleme mit „The Place beyond the Pines“ habe. Wer allerdings absolut nichts wissen möchte, sollte jetzt mit dem Lesen aufhören.

Ookay…

„The Place beyond the Pines“ ist nicht „Drive 2“ oder „Drive“ auf Motorrädern. Obwohl Ryan Gosling mitspielt.

„The Place beyond the Pines“ ist auch nicht „GoodFellas“ in der Provinz. Obwohl Ray Liotta mitspielt.

„The Place beyond the Pines“ ist auch nicht „We own the Night“ (Helden der Nacht). Obwohl Eva Mendes mitspielt.

Der neue Film von „Blue Valentine“-Regisseur Derek Cianfrance ist eine Zusammenstellung von drei stilistisch sehr unterschiedlichen Kurzfilmen, die zwei Familiengeschichten eher lose und die Frage, wie sehr sich bestimmte Eigenschaften von den Vätern auf ihre Söhne vererben, ziemlich konsequent, aber auch etwas eindimensional in fast schon gewollt miteinander verknüpften Geschichten thematisiert.

Die erste Geschichte des Films erzählt von Luke (Ryan Gosling), einem Motorradfahrer, der auf Jahrmärkten mit seinen Motorradstunts Geld verdient. Als er nach einem Jahr in Schenectady (dem Irokesenwort für „Ort jenseits der Pinien“ und damit die wörtlich und metaphorische Erklärung des Filmtitels) wieder seinem One-Night-Stand Romina (Eva Mendes) begegnet, erfährt er auch zufällig, dass er inzwischen Vater ist. Nach kurzem Zögern nimmt er die Vaterrolle an. Romina, die den Hallodri zwar liebt, aber nicht als Vater sieht, ist davon überhaupt nicht begeistert. Außerdem hat sie inzwischen einen neuen Freund, der sich liebe- und verantwortungsvoll um ihr Baby kümmert.

Als Luke mit seinem Motorrad durch den Wald fährt, trifft er den Automechaniker Robin (Ben Mendelsohn), der früher auch als Bankräuber Geld verdiente. Sie tun sich zusammen und mit Banküberfällen kann Luke Geld für seinen Sohn besorgen.

Nach einem Streit trennen sich ihre Wege. Als Luke alleine einen Bankraub begeht, wird er von dem gleichaltrigen Polizisten Avery Cross (Bradley Cooper) in ein Einfamilienhaus verfolgt. In einem Feuergefecht tötet Avery Luke.

Damit endet die erste Geschichte von „The Place beyond the Pines“, die als stilisiertes, noirisches Gangsterdrama überzeugt.

Die zweite Geschichte erzählt von Avery, der, wie Luke, versucht seinen Weg zu finden. Sein Vater (Harris Yulin) ist ein einflussreicher Richter, der ihm den Weg in die höchsten Ämter ebnen könnte. Aber Avery möchte als Polizist arbeiten. Er ist verheiratet und hat, wie Luke, einen kleinen Sohn. Nach dem Schusswechsel ist er der Held des Tages. Detective Deluca (Ray Liotta) und seine Kollegen wollen das zünftig feiern. Sie stehlen bei Romina Geld, das Luke ihr nach einem Banküberfall gegeben hat. Kurz gesagt: sie nehmen ihn in ihr korruptes Netzwerk auf. Dummerweise hat Avery Skrupel und, nach kurzem Zögern entschließt er sich, gegen die Kollegen vorzugehen. Damit ebnet er zuerst in der Polizeihierarchie seinen Weg nach oben. Danach, wie ihm auch sein Vater empfohlen hatte, in der Politik.

Diese Geschichte, ein Polizeifilm mit kleiner Polit-Beigabe, ist deutlich weniger stilisiert und spiegelt immer wieder die erste Geschichte. Denn Luke und Avery sind gleichaltrig, haben ein Baby und versuchen die Vaterrolle wahrzunehmen.

Die dritte Geschichte beginnt mit einem Zwischentitel: „15 Jahre später“. Derek Cianfrance sagt dazu: „Die ersten beiden Akte sind wie ein Prolog des dritten. Dann erst geht es um das Vermächtnis. Teil drei ist das Herz des Films.“

Auf der Highschool begegnen sich die Söhne von Luke und Avery. Beide sind Outsider an der Schule und haben Probleme. Averys Sohn AJ (Emory Cohen) stachelt Lukes Sohn Jason (Dane DeHaan) zu einem Drogendiebstahl an. Die Drogen sollen der Party in Averys Villa Haus den nötigen Pep geben. Während der Party erfährt Jason, dass der Hausherr, der gerade als Justizsenator für den Staat New York kandidiert, vor fünfzehn Jahren seinen Vater tötete.

Diese Geschichte (dessen Ende ich jetzt – etwas Spannung muss ja bleiben – nicht verraten werde) ist ein mit nervöser Handkamera und immer nah an den Protagonisten gedrehtes Jugenddrama, in dem es auch um die Frage geht, wie sehr das Erbe der Väter in den Söhnen enthalten ist. Also: sind AJ und Jason nur Kopien ihrer Väter oder eigenständige Personen? Wiederholen sich die Ereignisse von vor fünfzehn Jahren?

Auch wenn für Cianfrance diese Geschichte das Herz des Films ist, ist sie für mich die schwächste Geschichte des Films.

Die stärkste Geschichte ist die Geschichte von Luke, die als stilisierter, bildgewaltiger Noir begeistert und eine wortkarge, mythisch überhöhte Hauptfigur hat. Allein schon die ersten Minuten, wenn die Kamera Luke, in einer fünfminütigen Einstellung, von seinem Wohnwagen über den Jahrmarkt bis zu seinem Auftritt in einer Metallkugel verfolgt, sind großes Kino. Oder wenn Luke, ebenfalls in einer einzigen Einstellung, eine Bank überfällt und auf seinem Motorrad vor der Polizei flüchtet. Am Ende des ersten Teils dachte ich, dass Luke jetzt eigentlich nicht tot sein kann. Immerhin ist in dem Moment gerade mein Held gestorben. Aber ich war bereit – wie es Hitchcock meisterlich in „Psycho“ gemacht hat und was auch Cianfrance in seinem Film tun wollte – den Wechsel des Protagonisten zu akzeptieren. Zwar ist der ehrliche Polizist Avery Cross ein wesentlich langweiligerer Charakter, aber immerhin steht er vor einigen schwierigen moralischen Herausforderungen und er versucht sich von seinem Vater zu emanzipieren.

Aber bei der dritten Geschichte, mit zwei neuen Protagonisten und einem weiteren Genrewechsel, verlor ich dann das Interesse. Immerhin wurde mir jetzt zum dritten Mal, mit anderen Charakteren und in einem anderen Setting, die gleiche Geschichte vorgesetzt.

Außerdem hat die Fixierung auf das Verhältnis von Vätern zu ihren Söhnen in „The Place beyont the Pines“ schon etwas pathologisches. Vor allem, weil die Söhne anscheinend dazu verdammt sind, das Leben und damit auch die Fehler ihrer Väter zu wiederholen. Als ob alles in den Genen festgelegt ist. Immerhin gibt es auch äußere Umstände, die Gesellschaft, das soziale Umfeld, andere Vorbilder, Erziehung, Mütter und jeder Mensch kann zwischen verschiedenen Handlungen wählen. Weil in „The Place beyond the Pines“ sich allerdings alles um Väter und Söhne dreht, wird jede Handlung von Luke, Avery, AJ und Jason über ihr Verhältnis zu ihren biologischen Vätern erklärt und quasi-deterministisch über mehrere Generationen fortgeschrieben. Das ist storytechnisch zwar konsequent durchgespielt, aber auch – für mich, der diesen Determinismus verneint – befremdlich und spätestens bei der dritten Wiederholung redundant.

The Place beyond the Pines - Plakat

The Place beyond the Pines (The Place beyond the Pines, USA 2012)

Regie: Derek Cianfrance

Drehbuch: Derek Cianfrance, Ben Coccio, Darius Marder

Musik: Mike Patton

mit Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes, Mahershalalhashbaz Ali, Ben Mendelsohn, Dane DeHaan, Emory Cohen, Ray Liotta, Rose Byrne, Bruce Greenwood, Harris Yulin

Länge: 146 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Place beyond the Pines“

Metacritic über „The Place beyond the Pines“

Rotten Tomatoes über „The Place beyond the Pines“

Wikipedia über „The Place beyond the Pines“ (deutsch, englisch)

und noch zwei nicht unbedingt spoilerfreie Interviews mit Regisseur Derek Cianfrance zum Film


Neu im Kino/Filmkritik: Schöne neue Welt in „The Purge – Die Säuberung“

Juni 13, 2013

 

Dass „The Purge“ am Startwochenende den ersten Platz der US-Kinocharts erreichte, kam etwas überraschend. Denn es ist eine kleine, fiese, an einem Ort in einer Nacht spielende Dystopie mit wenigen Schauspielern und einem weitgehend vertrauten Plot: einige in einem Haus eingesperrte Menschen müssen sich bis zum Sonnenaufgang gegen eine heranrückende Masse von Angreifern verteidigen.

Das musste „The Purge“-Hauptdarsteller Ethan Hawke schon in „Das Ende – Assault on Precinct 13“ machen, einem Remake von John Carpenters Klassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“, der, wie Carpenter nicht müde wird zu betonen, ein Remake des von ihm bewunderten Howard-Hawks-Western „Rio Bravo“ (mit John Wayne) ist.

Und „The Purge“ ist dann auch weitgehend ein Western, ein Home-Invasion-Thriller, mit einem überraschendem Ende, das noch einmal klar die Meinung von Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco zu der von ihm entworfenen, in knapp zehn Jahren spielenden Utopie sagt, die anscheinend geradewegs aus den feuchten Träumen der Tea Party oder rechtskonservativer Denker nach dem Besuch des Gottesdienstes kommt: nachdem die Gewalt in den USA immer mehr zunahm, verkündete die neue Regierung, die New Founders of America, einen jährlichen Säuberungstag („Purge-Day“). An dem Tag darf man endlich einmal – ohne bestraft zu werden – all die Taten begehen, die man sonst nicht darf. Eine Nacht lang wird gemordet, gebrandschatzt und jedes Gewaltverbrechen begangen, das das Strafgesetzbuch hergibt. Einige machen begeistert mit.

James Sandin (Ethan Hawke), der in der noblen, Stepford-artigen Gated Community allen Nachbarn seine superteure Alarmanlage verkaufte und der deshalb jetzt in einem prächtigen Haus lebt, verbringt die Nacht lieber eingeschlossen in seinem Haus mit seiner Frau Mary (Lena Headey) und seinen beiden Kindern, dem 14-jährigen Charlie (Max Burholder) und der 16-jährigen Zoey (Adelaide Kane). Als sein Sohn einem Afroamerikaner, der um sein Leben rennt, Unterschlupf gewährt, ist es mit der ruhigen Nacht für die Familie Sandin vorbei.

Sie wissen nicht, ob der Afroamerikaner wirklich nur ein harmloser obdachloser Flüchtling ist oder sie umbringen möchte. Vor ihrem Haus versammelt sich eine Gruppe grotesk maskierter Menschen, die eindeutig zur Oberschicht gehören, den Säuberungstag zur inneren Säuberung benutzen (immerhin können sie sich so all der negativen Gefühle, die sie die vergangenen zwölf Monate anstauen mussten, legal entledigen) und ihren Flüchtling haben wollen. Dafür werden sie auch das gut, aber eben nicht perfekt gesicherte Haus stürmen und, quasi als Zugabe, die Bewohner töten.

Da ist es fast schon gut, dass James vorher in einem Schusswechsel den Freund seiner minderjährigen Tochter, der ihn umbringen wollte, in Notwehr tötete.

Zugegeben, die Story von James DeMonaco, der auch die Bücher für „Verhandlungssache“ und „Das Ende – Assault on Precinct 13“ (mit Ethan Hawke und leider ohne Kinostart bei uns) schrieb und „Staten Island“ (mit Ethan Hawke) inszenierte, ist nicht neu und sie folgt auch weitgehend den bekannten Mustern. Auch die Inszenierung geht eher in Richtung gemütlicher Abend auf der heimischen Couch als großer Kinosaal.

Aber der Hintergrund, vor dem „The Purge“ spielt, macht aus dem 08/15-Home-Invasion-Thriller dann doch etwas besonderes. Denn die ziemlich ätzende und wenig subtile Sozialsatire spielt in einer Gesellschaft, in der während der Handlungszeit das Töten erlaubt ist und die Protagonisten sich fragen müssen, wann und warum sie nicht von ihrem guten Recht Gebrauch machen. Es geht also von der ersten bis zur letzten Minute um die Frage, was Menschlichkeit ist, welche Werte gelten und was eine Gesellschaft zusammenhält. Das ist mehr, als viele Action-Thrillern bieten – und hier schließt sich dann auch wieder der Kreis zu John Carpenters Low-Budget-Thriller „Assault – Anschlag bei Nacht“.

Wegen des überraschend großen kommerziellen Erfolgs wird es eine Fortsetzung von „The Purge“ geben, in der wir wahrscheinlich mehr über das wiedergeborene Amerika erfahren.

The Purge - Plakat

The Purge – Die Säuberung (The Purge, USA 2013)

Regie: James DeMonaco

Drehbuch: James DeMonaco

mit Ethan Hawke, Lena Headey, Max Burkholder, Adelaide Kane, Edwin Hodge, Rhys Wakefield, Tony Oller, Arija Bareikis, Tom Yi, Chris Mulkey, Tisha French, Dana Bunch

Länge: 85 Minuten

FSK: ? (wahrscheinlich ab 16 Jahre)

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

NFA-Homepage (erstellt von den New Founders of America)

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Purge – Die Säuberung“

Metacritic über „The Purge – Die Säuberung“

Rotten Tomatoes über „The Purge – Die Säuberung“

Wikipedia über „The Purge – Die Säuberung“

Tor: Danny Bowes bespricht „The Purge – Die Säuberung“

Wortvogel bespricht „The Purge – Die Säuberung“

 

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Good old „Die Hard“-Action in „Olympus has fallen“

Juni 13, 2013

Das ist jetzt schon etwas Pech: gleich zweimal rummst es dieses Jahr gewaltig im Weißen Haus; mit einer ziemlich ähnlichen Geschichte. Jedenfalls liest sich die Synopse von Roland Emmerichs „White House Down“, das am 5. September bei uns startet, wie die von Antoine Fuquas heute startendem Action-Thriller „Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr“. Beide Filme spielen „’Stirb langsam‘ im Weißen Haus“ und wir können abwarten, wer am Ende nach welcher Rechnung Sieger bleibt. Den poetischeren Titel hat jedenfalls Fuquas Werk.

In „Olympus has fallen“ besetzen die Nordkoreaner das Weiße Haus, zerstören dabei halb Washington, töten viele, viele Menschen und nehmen den Präsidenten im unterirdischen Bunker des Hauses gefangen. Zum Glück ist Mike Banning (Gerard Butler), ehemaliger Bodyguard des Präsidenten, der nach einem Unfall, bei dem die Frau des Präsidenten starb und für den er sich verantwortlich fühlt, den Dienst quittierte, auch im Weißen Haus und er tut, was halt so echte Kerle in dieser Situation tun: er vermasselt den Bösewichtern ihren tollen Plan.

Beginnen wir mit den störenden Aspekten von „Olympus has fallen“: die Computertricks, vor allem wenn Flugzeuge abstürzen und Teile des Weißen Hauses in die Luft gejagt werden, sind schlecht. Wahrscheinlich hätten die Macher sich einfach mal wieder auf die gute alte Trickfilmschule mit Modellen und echten Explosionen besinnen sollen.

Auch die Story gewinnt nach „Stirb langsam“ (Hochhaus), „Alarmstufe: Rot“ (Schiff) und den zahlreichen Fortsetzungen und Rip-Offs wahrlich keinen Innovationspokal.

Dass die Gegner dieses Mal Nordkoreaner sind, ist der aktuellen weltpolitischen Lage geschuldet, nach der Russen und Araber gerade etwas out sind und, wenn schon das Weiße Haus attackiert und besetzt wird, gibt es natürlich auch eine ordentliche Portion Patriotismus.

Aber Antoine Fuqua, der auch „Training Day“, „Shooter“ und „Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest“ inszenierte, erzählt diese Geschichte flott, mit einer ordentlichen Portion Schmackes und ziemlich handfesten Action-Szenen, wenn Kugeln und Fäuste fliegen. „Panic Room“-Kameramann Conrad W. Hall setzte sie leinwandfüllend in Szene.

Den Rest besorgen die erstaunlich hochkarätigen Schauspieler. Gerard Butler als Tough Guy. Aaron Eckhart als tapferer Präsident. Morgan Freeman als sehr präsidentialer Interimspräsident. Angela Bassett, die viel zu selten eine gute Rolle erhält, als Chefin des Secret Service. Melissa Leo, Ashley Judd, Dylan McDermott und Robert Forster sind auch immer eine Bereicherung.

Und so ist „Olympus has fallen“ gut inszeniertes, gut besetztes, absolut okayes und kurzweiliges Actionfutter für den Genrefan, das auf die Buddy-Humor-Komponente verzichtet. Die scheint es, wenn wir den Trailern glauben, demnächst in Roland Emmerichs „White House Down“ zu geben.

Olympus has fallen - Plakat

Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr (Olympus has fallen, USA 2013)

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: Creighon Rothenburger, Katrin Benedikt

mit Gerard Butler, Aaron Eckhart, Morgan Freeman, Angela Bassett, Dylan McDermott, Melissa Leo, Ashley Judd, Rick Yune, Radha Mitchell, Cole Hauser, Robert Forster

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr“

Metacritic über „Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr“

Rotten Tomatoes über „Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr“

Wikipedia über „Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr“ (deutsch, englisch)

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Schon etwas älter: ein Interview mit Antoine Fuqua anlässlich „Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest“


TV-Tipp für den 13. Juni: Dutschke

Juni 13, 2013

 

3sat, 22.25

Dutschke (D 2010, R.: Stefan Krohmer)

Drehbuch: Daniel Nocke

LV: Gretchen Dutschke: Wir hatten ein barbarisch, schönes Leben, 1996

Hochgelobtes Biopic über Rudi Dutschke und die wilden Jahre in Westberlin um 1968.

„Ein ernsthafter, respektabler, in seinen Details nachdenklich stimmender Film auf der Höhe der Möglichkeiten des Genres.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Christoph Bach, Emily Cox, Pasquale Aleardi, Matthias Koeberlin

Hinweise

Filmportal über „Dutschke“

Wikipedia über „Dutsche“ und Rudi Dutschke


DVD-Kritik: Ridley Scott stellt „Die Science-Fiction-Propheten“ vor

Juni 12, 2013

Im Kino gehören Science-Fiction-Filme, die oft mehr Fiction als Science sind, zu den erfolgreichsten Filmen. Auch etliche Science-Fiction-Romane, vor allem wenn es um epische Weltraumschlachten und Alien-Invasionen geht, sind eher knallbunte Abenteuergeschichten. Dennoch gab und gibt es immer Autoren, denen der Science-Anteil wichtig ist. Sie entwarfen zukünftige Welten und Techniken. Sie fantasierten von U-Booten und Reisen zum Mond, als man sich hauptsächlich zu Fuß oder auf einem Pferd fortbewegte.

In der achtteiligen, von Ridley Scott produzierten und präsentierten Serie „Die Science-Fiction-Propheten“ werden einige dieser Science-Fiction-Autoren in jeweils etwa 42-minütigen Episoden vorgestellt.

Die Auswahl konzentriert sich dabei weitgehend auf die bekannten und etablierten Namen: Mary Shelley, Jules Verne, H. G. Wells, Isaac Asimov, Arthur C. Clarke, Robert A. Heinlein, Philip K. Dick und, die mit Abstand schwächste Episode der Serie, George Lucas. Die Autoren werden in einem flotten Mix aus Biographie, Werkvorstellung und Wissenschaftsdokumentation vorgestellt, die die sozialen Aspekte ihrer Zukunftsvorstellungen stark vernachlässigt und sich auf die technischen Aspekte konzentriert. So wird immer gezeigt, wie sehr die Visionen der Autoren inzwischen Realität sind, von ihr überholt wurden oder an ihnen geforscht wird. Diese Verknüpfung von Vision und Realität zeigt immer wieder, wie sehr die ausgewählten Autoren wissenschaftliche Erkenntnisse verarbeiteten und teilweise selbst Wissenschaftler und Vordenker für wissenschaftliche Projekte waren. Allerdings werden die aktuellen Forschungen, meist von den Forschern selbst, arg unkritisch, fast schon blind technikeuphorisch, vorgestellt. Hier wäre etwas mehr Distanz oder eine andere Auswahl der Interviewpartner gut gewesen.

Ärgerlich und vollkommen unverständlich ist, dass in der von N24 erstellten deutschen Fassung nie die Namen und Berufe der Gesprächspartner eingeblendet werden. Oft werden noch nicht einmal ihre Namen genannt. Denn sie sind ziemlich hochrangig, mit bekannten Wissenschaftlern, wie Michio Kaku, und Science-Fiction-Autoren, wie David Brin, Kim Stanley Robinson und Harlan Ellison.

Echte Science-Fiction-Fans werden wenig neues in „Die Science-Fiction-Propheten“ entdecken. Sie werden sich höchstens über eine Auffrischung ihres Wissens, einige biographische Details und die Verknüpfung von Vision und Realität erfreuen und, jedenfalls erging es mir so, wieder ein Buch der präsentierten oder interviewten Autoren lesen wollen.

Für Neulinge ist die Serie dagegen eine ziemliche Fundgrube – und Science-Fiction-Verächter können zwar erstaunt darüber sein, wie viele wissenschaftliche Erkenntnisse in die Werke der Autoren einflossen, aber sie sind wahrscheinlich auch über die Machart dieser achtteiligen Discovery-Channel-Serie verärgert, die etwas hastig und damit auch oberflächlich zwischen dem Autor, seinem Werk und der heutigen Wissenschaft hin- und herspringt, oft ohne das alles wirklich sinnvoll einzuordnen und die Rolle der Autoren bei den technischen Entwicklungen, vor allem wenn es um den „Propheten“ George Lucas geht, doch etwas übertreibt.

Die Science Fiction Propheten - DVD-Cover

Die Science-Fiction-Propheten (Prophets of Science-Fiction, USA 2011/2012)

Regie: Declan Whitebloom

Drehbuch: Simon Brown, Thomas Quinn, Kevin Tavolaro

mit Ridley Scott (Präsentator), Jonathan Adams (Erzähler im Original), Michio Kaku, David Brin, Kim Stanley Robinson, Harlan Ellison, Jerry Pournelle, Akiva Goldsman, Roberto Orci, Dan Vebber, Matt Fraction, John Siuntres, Gavin Scott, Andre Fenton, Paul Verhoeven, außerdem Archivaufnahmen der porträtierten Autoren und Ausschnitte aus den Verfilmungen

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DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 336 Minuten (8 x 42 Minuten; 2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Discovery Channel über die Serie

Fernsehserien über „Die Science-Fiction-Propheten“

Wikipedia über „Die Science-Fiction-Propheten“


TV-Tipp für den 12. Juni: Collateral

Juni 12, 2013

Kabel 1, 20.15

Collateral (USA 2004, R.: Michael Mann)

Drehbuch: Stuart Beattie

Max ist ein nett-harmloser Los-Angeles-Taxifahrer, der von einem eigenen Unternehmen träumt, aber seit zwölf Jahren sein Leben als Angestellter fristet. Da steigt Vincent ein und bietet ihm 600 Dollar, wenn er ihn in den kommenden Stunden zu fünf Freunden fährt. Nach dem ersten Stopp, weiß Max, dass Vincent ein Autragkiller ist und er ihn zu den nächsten Opfern bringen soll.

„Collateral“ ist ein kleiner, ökonomisch erzählter Neo-Noir-Thriller über das tödliche Aufeinandertreffen zweier Charaktere ihrer vollkommen gegensätzlichen Lebensauffassungen; ist ein grandios besetzter Schauspielerfilm; ist eine Liebeserklärung an das nächtliche Los Angeles und wahrscheinlich der beste Film von Michael Mann.

Mit Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett Smith, Mark Ruffalo, Peter Berg (Regisseur von „Hancock“), Bruce McGill, Javier Bardem, Jason Statham (Miniauftritt auf dem Flughafen)

Wiederholung: Donnerstag, 13. Juni, 00.55  Uhr (Taggenau!)

Hinweise

IndieLondon: Interview mit Michael Mann

Sight & Sound: Interview mit Michael Mann

The Dialogue: Stuart Beattie: Tricks of the Trade (Teil eines Interview)

Wikipidia (englisch) über „Collateral“

Drehbuch „Collateral“ von Stuart Beattie, bearbeitet von Frank Darabont (12. September 2000) (und bereits teilweise von Michael Mann, Stand: 10. Juli 2003 – Änderung des Handlungsortes von New York nach Los Angeles)

Drehbuch „Collateral“ von Stuart Beattie, bearbeitet von Frank Darabont und Michael Mann  (24. August 2003)

Meine Besprechung der von Michael Mann erfundenen Krimiserie „Vega$ – Staffel 1“ (Vega$, USA 1978/1979)

Michael Mann in der Kriminalakte


Cover der Woche: Iain-Banks-Tag

Juni 11, 2013

Banks - Die Wespenfabrik

Banks - Barfuss über Glass

Banks - Die Brücke

Banks - Straße der Krähen

wegen


TV-Tipp für den 11. Juni: Die Reise zum Mond

Juni 11, 2013

Arte, 23.45

 

Die Reise zum Mond (F 1902, R.: Georges Méliès)

 

Drehbuch: Georges Méliès

 

LV (Inspiration): Jules Verne: De la terre à la lune, 1865 (Von der Erde zum Mond/Die Reise zum Mond); H. G. Wells: The First Men in the Moon, 1901 (Die ersten Menschen im Mond)

 

Professor Barbenfoullis will den Mond erkunden. Nach dem Okay des Astronomischen Clubs baut er eine Rakete, fliegt zum Mond und erlebt dort einige Abenteuer.

 

„Das erste Epos der Science-Fiction und das Meisterwerk des Kinos bis zu diesem Zeitpunkt. Schon die epische Länge von 21 Minuten in einer Zeit, da ein Film selten länger als ein oder zwei Minuten dauerte, hätte es zu einem Meisterstück gemacht, selbst dann, wenn man den phantastischen Inhalt nicht berücksichtigen würde.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)

 

„Es ist leicht, über Méliès Tanzhallenschilderung der Weltraumfahrt zu lachen, aber ‘Die Reise zum Mond’ unterscheidet sich nur wenig von den aufgemotzten Produkten der heutigen SF-Film-Macher.“ (John Baxter: Science Fiction in the Cinema, zitiert nach Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films, 1997)

 

Aber „Die Reise zum Mond“ ist kürzer als „Transformers: Die Rache“.

 

Méliès war auch für die Ausstattung zuständig, fertigte Kostüme an und spielte die Hauptrolle. Oh, und vermarktet hat er der enorm produktive Theatermann Méliès seine Werke auch noch selbst.

 

Der Film kann zwar an verschiedenen Orten im Internet kostenlos angesehen werde, aber bei Arte dürfte die vollständigste und optisch perfekteste Version (nämlich die restaurierte und 2011 in Cannes erstmals gezeigte Fassung) laufen; – obwohl die obige Version mit der Musik von Stephan König auch sehr schön ist.

Im Anschluss läuft um 00.00 Uhr (VPS 23.55 Uhr) die einstündige Doku „Georges Méliès‘ ‚Reise zum Mond'“ (Frankreich 2012, Regie: Serge Bromberg, Eric Lange).

Hinweise

 

Arte zu „Die Reise zum Mond“

 

Wikipedia über Georges Mèliès

 

Wikipedia über „Die Reise zum Mond“(deutsch, englisch)

 

Internet Archive: „Die Reise zum Mond“ (11.48 Minuten, Englisch overdubbed)


R. i. P. Iain Banks

Juni 10, 2013

R. i. P. Iain Banks (16. Februar 1954 in Dunfermline, Fife, Schottland, – 9. Juni 2013)

 

So ganz überraschend kommt der Tod von Iain Menzies Banks, der als Iain Banks Thriller und als Iain M. Banks Science-Fiction-Romane veröffentlichte, nicht. Am 3. April 2013 schrieb er auf seiner Homepage, dass er Gallenblasenkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe und bald sterben werde. Davor heiratete er noch seine Lebensgefährtin Adele Hartley und schrieb seinen letzten Roman „The Quarry“ (erscheint am 20. Juni) fertig.

Sein erster Roman „Die Wespenfabrik“ (The Wasp Factory) erschien 1984 (deutsche Ausgabe 1991) und war ein Bestseller. Seitdem waren in England die Bücher des enorm produktiven Schotten ständig auf den Bestsellerlisten. Die „New York Times“ nannte ihn „den bedeutendsten Science-Fiction-Autor“ der Gegenwart. Die „Times“ zählte ihn 2008 zu den „größten britischen Schriftsteller seit 1945“. Seine Romane waren für den Hugo, den Arthur-C.-Clarke-Award und viele andere Preise nominiert und einige, wie den Kurt-Laßwitz-Preis, der deutsche Science-Fiction-Preis, für „Die Wespenfabrik“, erhielt er. 

In Deutschland wurde er weitgehend als Science-Fiction-Autor ignoriert. Denn sein Stammverlag Heyne veröffentlichte auch seine Nicht-Science-Fiction-Romane in der Science-Fiction-Reihe und Goldmann veröffentlichte in den Neunzigern nur drei seiner Mainstream-Romane („Straße der Krähen“ [The Crow Road, 1992], „Verschworen“ [Complicity, 1993], „Die Auserwählte“ [Whit, 1995]), die mich allerdings zu einem Banks-Fan machten. Mit seinen Science-Fiction-Romanen, vor allem dem Kultur-Zyklus, wurde ich dagegen nie so richtig warm; was aber auch an den Übersetzungen gelegen haben kann.

Weitere Informationen über Iain Banks gibt es auf seiner Homepage, Wikipedia (deutsch, englisch) und Banksophilia: Friends of Iain Banks (für 

Nachrufe gibt es bei Spiegel Online, Los Angeles Times, The Telegraph, BBC, Daily Mail, The Guardian (Nachruf, Statements von Freunden, u. a. Ian Rankin) und Tor.


TV-Tipp für den 10. Juni: Cocktail für eine Leiche

Juni 10, 2013

Nach dem Hitcock-Cocktail „Der Mann, der zuviel wusste“ (USA 1956, mit James Stewart und Doris Day) um 20.15 Uhr geht es spannend weiter

Arte, 22.10

Cocktail für eine Leiche (USA 1948, R.: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Arthur Laurents, Hume Cronyn

LV: Patrick Hamilton: The Rope, Rope’s End, 1929 (Theaterstück)

Zwei Studenten bringen, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren, einen Mitstudenten um und feiern eine Party – mit dem Toten in einer für alle sichtbaren Truhe.

Hamiltons Stück basiert locker auf dem Fall Leopold/Loeb, bei dem 1924 zwei Studenten grundlos einen Mitstudenten umbrachten. Hitchcock faszinierte neben der moralischen Frage bei „Cocktail für eine Leiche“ ein technischer Aspekt: er drehte den Film in Echtzeit (von 19.30 Uhr bis 21.15 Uhr; beim Essen wird etwas geschummelt) ohne einen sichtbaren Schnitt. Das gelang Hitchcock, indem er immer am Ende einer Filmspule auf einen Gegenstand (wie die Truhe oder ein Jackett) fuhr und bei der nächsten Spule genau dort fortfuhr. In den dazwischen liegenden zehn Minuten gibt es nie einen Schnitt. Die Schauspieler mussten ihre Texte genau kennen, die Kamera bewegte sich durch den Raum und Gegenstände wurden hin und her bewegt. Und im Hintergrund verdunkelte sich die Skyline.

Damals wurde das Experiment verrissen und auch Hitchcock sagte später, die Idee sei idiotisch und gegen alle seine Prinzipien. Heute genießen wir den Film einfach als verdammt gute Verfilmung eines Theaterstücks mit guten Schauspielern, die gute Dialoge sprechen dürfen.

Mit James Stewart, John Dall, Farley Granger, Sir Cedric Hardwicke

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


TV-Tipp für den 9. Juni: Die Vögel

Juni 9, 2013

 

Arte, 20.15

 

Die Vögel (USA 1963, Regie: Alfred Hitchcock)

 

Drehbuch: Evan Hunter

 

LV: Daphne du Maurier: The birds, 1952 (Die Vögel)

 

In Bodega Bay attackieren Vögel Menschen.

 

Nicht direkt ein Krimi, aber ein Klassiker, der heute als Auftakt einer kleinen Hitchcock-Reihe mit den allseits bekannten und beliebten Hitchcock-Filmen fungiert. Das ist nicht schlecht, aber ich würde auch gerne mal wieder seine anderen, seltener gezeigten Filme wieder sehen.

 

„‚The Birds‘ war ein Avantgarde-Hitchcock, haarsträubend und voll verschlagenem Witz. Der Held krümmt sich, und das Publikum kreischt.“ (Robert A. Harris/Michael S. Lasky: Alfred Hitchcock und seine Filme)

 

Alfred Hitchcock verwandte von du Mauriers Kurzgeschichte nur den Grundgedanken (rätselhafte Attacken von Vögel auf Menschen). Evan Hunter kennen wir auch als Ed McBain (87. Polizeirevier).

 

Mit Rod Taylor, Tippi Hedren, Jessica Tandy, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw, Ruth McDevitt

 

Wiederholung: Mittwoch, 12. Juni, 01.05 Uhr (Taggenau!)

 

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

 

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

 

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

 

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

 

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

 

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic „Hitchcock“ (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Daphne du Mauriers „Der Apfelbaum“ (The Appletree, 1952)

Homepage von Ed McBain

 

Meine ausführliche Besprechung des von Ed McBain herausgegebenen Buches „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions)

 

Meine Besprechung von Ed McBains „Die Gosse und das Grab“ (The Gutter and the Grave, 2005, Originalausgabe: Curt Cannon: I’m Cannon – For Hire, 1958)

 

 


Sprachlos…

Juni 8, 2013

Das Interview mit Clemens Arzt zum Polizekessel in Frankfurt/Main während der Blockupy-Demo ist lesenswert, aber die „Frankfurter Rundschau“ tut alles, um vom Text abzulenken:

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Und wenn man das „Fenster schließen“ will, poppt ein neues Fenster auf. – – – Liebe FR, besser kann man wirklich nicht für Werbeblocker werben.


TV-Tipp für den 8. Juni: Fritz Bauer – Tod auf Raten

Juni 8, 2013

 

Phoenix, 22.30

Fritz Bauer – Tod auf Raten (D 2010, R.: Ilona Ziok)

Drehbuch: Ilona Ziok

Sehr gelungene Doku über Fritz Bauer, sein Leben, seine Ansichten und seine Taten. Der Jurist, Freidenker und Humanist engagierte sich nach dem zweiten Weltkrieg für den Aufbau der Demokratie und für die Aufklärung der NS-Verbrechen. Als Generalstaatsanwalt initiierte er die Auschwitzprozesse, verfolgte Euthanasie-Täter und trug zur Ergreifung von Adolf Eichmann bei. Am 1. Juli 1968 starb er unter rätselhaften Umständen.

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über Fritz Bauer

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Snitch – Ein riskanter Deal“ ist eine bitterböse Anklage gegen die US-Drogenpolitik

Juni 7, 2013

 

Wer in „Snitch – Ein riskanter Deal“ das prototypische Dwayne-Johnson-Actionvehikel mit viel Testosteron und wenig Hirn erwartet, sollte sein Geld lieber in einen zweiten Besuch von „“Fast & Furious 6“ stecken stecken. Denn „Snitch“ ist ein gelungener 70er-Jahre-Crime-Thriller mit etwas Action, vor allem am Ende, und Charakteren, die aufgrund der Umstände vor schwierigen Entscheidungen stehen.

So muss sich der Bauunternehmer John Matthews (Dwayne Johnson) fragen, was er für seinen achtzehnjährigen Sohn Jason (Rafi Gavron) tun wird. Jason wurde mit einem Päckchen Ecstasy-Pillen geschnappt. Er hat das Päckchen für einen Freund angenommen. Angeklagt ist er jetzt als Drogenhändler.

Jason erhält jetzt das Angebot, seine Strafe, die sich auch bei Ersttätern ausschließlich nach der Menge der konfiszierten Drogen bemisst, von zehn Jahren zu reduzieren, wenn er der Polizei einen anderen Drogenhändler nennt. Eine andere Möglichkeit, die Strafe zu reduzieren, gibt es nicht. Dummerweise kennt Jason keine Drogenhändler und er will auch nicht irgendeinen x-beliebigen Klassenkameraden verpetzen.

Als John sieht, wie es seinem Sohn im Gefängnis zunehmend schlechter geht, verfällt der anständige Bürger auf eine wahnwitzige Idee: wenn er der konservativen republikanischen Staatsanwältin Joanne Keeghan (Susan Sarandon) einen Drogenhändler liefert, könne das doch strafmildernd auf die Haft seines Sohnes angewandt werden.

Aber auch John kennt keine Drogenhändler. Er versucht den bei ihm angestellten Ex-Häftling Daniel James (Jon Bernthal), der als bereits zweimal verurteilter Familienvater ein ehrliches Leben führen will, zu überzeugen, seine guten Vorsätze aufzugeben.

Diesen Weg ins Verderben zeichnet Ric Roman Waugh („Felon“) für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich ruhig nach und Dwayne Johnson, der unbesiegbare Muskelprotz darf hier, sehr reduziert, einen Normalbürger spielen, der sein Gehirn einsetzen muss. Denn seine Muskeln helfen ihm nicht gegenüber den Drogenhändlern und gegenüber der Staatsanwältin Keeghan, die ihre Menschenverachtung nur mühsam hinter Paragraphen verbirgt und Matthews kalt lächelnd als potentielles Bauernopfer in immer größere Gefahr bringt. Und das kann sie tun, weil es in den letzten Jahren im US-amerikanischen Justizsystem eine groteske Fehlentwicklung gab: im Kampf gegen die Drogenkriminalität wurden die Mindeststrafen auch für Ersttäter immer weiter angehoben. Nach den „Mandatory Drug Sentencing Laws“ gibt es für zehn Gramm LSD zehn Jahre Haft und der Täter kann seine Strafe für Drogenbesitz, die bis zu dreißig Jahren betragen kann, nur verringern, indem er einen anderen Drogenhändler verpfeift. So wollte man an die großen Bosse kommen. In der Realität sitzen Jungs wie Jason im Gefängnis.

Die Inspiration für „Snitch“ war die PBS-“Frontline“-Sendung „Snitch“ und dieser Fall:

„Another case profiled is that of 18- year-old Joey Settembrino, a first time offender who received a 10-year prison sentence after being caught in a drug sting instigated by a friend who was facing federal prosecution. After Joey was busted, federal agents enlisted his father to try to set up others in a drug sting. If the father delivered, his son would be spared a lengthy prison term. The effort failed. Joey is serving a mandatory 10 years without parole.“

„Snitch“ ist sicher nicht das typische Blockbuster-Futter, aber es ist ein angenehm altmodischer Thriller, in dem die Schauspieler im Vordergrund stehen und auch eine Botschaft transportiert wird. Denn natürlich fragt man sich, ob es wirklich richtig ist, wenn ein unbescholtener Einser-Schüler aufgrund der Gesetze zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wird und sein ebenfalls unbescholtener Vater zum Verbrecher werden muss, um seinem Sohn helfen zu können. „Snitch“ zeigt im Rahmen einer spannenden, aber auch vorhersehbaren Genre-Geschichte, wie sehr in den USA Gesetz und Gerechtigkeitsempfinden im Kampf gegen die Drogenkriminalität auseinanderklaffen.

Snitch - Plakat

Snitch – Ein riskanter Deal (Snitch, USA 2013)

Regie: Ric Roman Waugh

Drehbuch: Justin Haythe, Ric Roman Waugh

mit Dwayne Johnson, Barry Pepper, Jon Bernthal, Susan Sarandon, Michael K. Williams, Rafi Gavron, Melina Kanakaredes, Velazquez Maria, Benjamin Bratt, Lela Loren, JD Pardo, David Harbour

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Metacritic über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Rotten Tomatoes über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Wikipedia über „Snitch – Ein riskanter Deal“

PBS: Frontline-Sendung „Snitch“, die den Spielfilm inspirierte

 


Die KrimiZeit-Bestenliste Juni 2013

Juni 7, 2013

Voilà, die KrimiZeit-Bestenliste für den Sommermonat Juni:

1 (-) Patrícia Melo: Leichendieb

2 (3) Robert Hültner: Am Ende des Tages

3 (4) Olen Steinhauer: Die Spinne

4 (7) Daniel Suarez: Kill Decision

5 (1) Sara Gran: Das Ende der Welt

6 (2) Giancarlo de Cataldo: Der König von Rom

7 (-) Giampaolo Simi: Vater. Mörder. Kind.

8 (5) Matthias Wittekindt: Marmormänner

9 (-) Mark Peterson: Flesh & Blood

10 (9) Cathi Unsworth: Opfer

–

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

–

Na, dann: fröhliches Lesen. Einiges liegt ja auch – immer noch – auf meinem Zu-Lesen-Stapel.