Taylor Ogburn wächst überbehütet auf. Allerdings haben in seinem Fall die Eltern einen Grund für ihre Sorge: Taylor hat einen Herzfehler. Jede Aufregung könnte seinen Tod bedeuteten.
Dummerweise ist Taylor 18 Jahre und da steht auch in Georgia die erste große Liebe auf dem Fahrplan des Lebens. Taylor sucht sich dafür nicht eine Schulkameradin aus (was für seine Eltern schon schlimm genug wäre), sondern Krystal, eine zwanzig Jahre ältere Drogensüchtige, Alkoholikerin (immerhin AA geläutert), Ex-Prostituierte und Mutter eines querschnittgelähmten Jungen. Oh, und Krystals Ex-Freund ist ein gewalttätiger Gangster, der seine Besitzansprüche kompromisslos durchsetzt. Dass Krystal eine Afroamerikanerin ist, geht im Berg der anderen Probleme unter.
Kurz gesagt: In diesem Fall wären Taylors durchaus liberale ud gut situierten Eltern wohl erfreut, wenn er sich eine andere Maude ausgesucht hätte.
„Krystal“ ist der dritte Kinofilm von Schauspieler William H. Macy. Er spielt auch die eher kleine Rolle von Taylors Vater. Neben den beiden Hauptdarstellern – „Love, Simon“-Hauptdarsteller Nick Robinson als Taylor und Rosario Dawson als Krystal – ist auch die weitere Besetzung für einen kleinen Indie-Film beachtlich. Felicity Huffman spielt Taylors Mutter, „Flash“ Grant Gustin Taylors Bruder, Rapper Jacob Latimore Krystals Sohn, Rapper Tim ‚T. I.‘ Harris Krystals Ex, Ex-NBA-Basketballspieler Rick Fox einen Taylor beeindruckenden AA-Redner mit Outlaw-Attitüde, Kathy Bates eine mütterliche Galeriebetreiberin, William Fichtner einen drogenkonsumfreudigen Arzt in der oft frequentierten Notaufnahme der örtlichen Klinik und Satan ist auch dabei.
Der Film selbst schwankt zwischen allen möglichen Tonalitäten, Stilen und Genres. Bei vielen Kritikern kam das nicht gut an. Mir gefiel dieser stilistische Mash-Up, der sich überhaupt nicht bemüht, daraus irgendeine Fusion herzustellen. Das steht alles bunt nebeneinander und entwirft so auch ein Bild von Taylors Gefühlschaos.
Macys Film hat definitiv einen freigeistigen „Harold und Maude“-Vibe. Ob seine Coming-of-Age-Komödie jemals so populär wie Hal Ashbys Komödie wird, wird die Zukunft zeigen. Bis dahin ist es eine vergnügliche Offbeat-Komödie, in der alle ihren Spaß haben und sich, mehr oder weniger laut, mehr oder weniger engagiert, Konventionen ignorieren, sich gegen sie wehren und dabei glücklich sind.
Krystal(Krystal, USA 2017)
Regie: William H. Macy
Drehbuch: Will Aldis
mit Nick Robinson, Rosario Dawson, Jacob Latimore, Grant Gustin, Tim ‚ T. I.‘ Harris, Rick Fox, William H. Macy, Felicity Huffman, Kathy Bates, William Fichtner
LV: Mary Mapes: Truth and Duty: The Press, The President and The Privilege of Power, 2005
Im Sommer 2004 erfährt „60 Minutes II“-Produzenten Mary Mapes (Cate Blanchett), dass US-Präsident George Bush bei den Angaben zu seiner Militärzeit log. Sie und ihr Reporterteam recherchieren für eine TV-Reportage, die von Dan Rather (Robert Redford) präsentiert wird. Danach bricht, mitten im Wahlkampf, ein wahrer Shitstorm über sie herein.
TV-Premiere zur Prime-Time für Nachteulen, Vampire und Werwölfe: ein auf wahren Ereignissen basierendes, oft zu einseitig auf Mapes‘ Seite stehendes Journalistendrama. Letztendlich ist Vanderbilts von guten Absichten und guten Schauspielern getragenes Regiedebüt nur solala.
Gegen das wenige Monate vorher in den Kinos angelaufene, mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnete Drama „Spotlight“ sieht „Der Moment der Wahrheit“ reichlich blass aus.
Diese scheinbar harmlose Frage sorgt in der Komödie „Der Vorname“ für viel Ärger. Denn Thomas Böttcher, ein Immobilienmakler, antwortet auf die von seinem Schwager gestellte Frage: „Adolf.“
Und weil Stephan Berger, der Fragesteller, ein richtiger Bildungsbürger ist, ein Literaturprofessor, der Kraft seines Berufs immer Recht hat, erklärt er Böttcher in seinem schönsten Dozententonfall sofort, warum Adolf kein guter Name für ein Kind ist.
Böttcher antwortet und sofort sind Böttcher und Berger in einen Streit über den Namen verwickelt. Die anderen Gäste mischen sich ein und schnell geht es nicht nur um den Vornamen des Ungeborenen.
Nur Bergers Ehefrau, eine Gymnasiallehrerin, hält sich ziemlich aus der hitzigen Diskussion heraus. Sie ist vor allem mit dem Kochen und Servieren des Abendessens beschäftigt.
Die Vorlage für Sönke Wortmanns neuen Film „Der Vorname“ ist ein bereits 2012 als „Der Vorname“ (Le Prénom) von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte verfilmtes Boulevardstück. Ihr Theaterstück hatte 2010 in Paris seine Premiere.
Wortmann passte für seine Verfilmung das Stück an die deutsche Wirklichkeit an. Denn die feinen Unterschiede der Bourgeoisie sind in Deutschland, auch nach dem Genuss des Gesamtwerks von Claude Chabrol, ziemlich unbekannt. Für die Befindlichkeiten und feinen Unterschiede des deutschen Bildungsbürgertums gilt das nicht.
Für die Zuschauer ist die Schlacht der Argumente während eines Abendessens unter Verwandten und Freunden ein kurzweiliges boulevardeskes Fest. Die Schauspieler – Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi und Janina Uhse – sind gut aufgelegt. Die Pointen kommen schnell. Die Trefferquote ist hoch. Die Dialoge sind deutlich spritziger und pointierter, als man es im deutschen Film gewohnt ist. Ein Vergnügen.
Und: Augen auf bei der Namenswahl!
Der Vorname (Deutschland 2018)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Claudius Pläging, Alexander Dydyna (Drehbuchbearbeitung) (basierend auf „Le Prénom“ von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte)
mit Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben (körperlich abwesend beim Abendessen)
Kurz vor Dienstschluss erhält der in die Notrufzentrale strafversetzte Polizist Asger Holm einen Notruf. Die Anruferin behauptet, sie sitze in einem Auto neben ihrem Entführer und müsse so tun, als rede sie mit ihrer Tochter.
Holm versucht ihr zu helfen. Und ignoriert dabei seinen Feierabend und einige Vorschriften.
„The Guilty“ ist nach mehreren Kurzfilmen das Spielfilmdebüt von Gustav Möller. Es ist ein hochspannender, minimalistischer Echtzeit-Thriller, der sich auf einen Mann an einem Schreibtisch konzentriert.
Beim Sundance Filmfestival, wo der Film dieses Jahr seine Premiere hatte, gab es dafür den Publikumspreis.
The Guilty (Den skyldige, Dänemark 2018)
Regie: Gustav Möller
Drehbuch: Gustav Möller, Emil Nygaard Albertsen
mit Jakob Cedergen, Jessica Dinnage, Johan Olsen, Omar Shargawi
Tollkühne Flieger (The Great Waldo Pepper, USA 1975)
Regie: George Roy Hill
Drehbuch: William Goldman (nach einer Geschichte von George Roy Hill)
Sehr unterhaltsames Drama mit vielen witzigen Momenten und viel live gefilmter Fliegeraction über Waldo Pepper, der in den Zwanzigern mit seiner Doppeldecker-Flugshow durch die USA reist. Ständig begleitet von Abstürzen, Notlandungen, Toten und Knochenbrüchen.
mit Robert Redford, Bo Svenson, Bo Brundin, Susan Sarandon, Geoffrey Lewis, Edward Herrmann, Margot Kidder
Die Träumer (The Dreamers, Großbritannien/Italien/Frankreich 2002)
Regie: Bernardo Bertolucci
Drehbuch: Gilbert Adair
LV: Gilbert Adair: The holy innocents – A Romance, 1988 (später überarbeitet zu „The Dreamers“ und dann auf Deutsch als „Träumer“ erschienen)
Paris, Frühling 1968: Die Cinémathèque Francaise wird geschlossen. Drei Studenten, Matthew und die Zwillinge Isabelle und Theo, ziehen sich in die riesige Wohnung der Zwillinge zurück und spielen anfangs Filme nach. Später wird es immer mehr zu einem Spiel sexueller Obsessionen.
Bertoluccis Liebeserklärung an das Kino und sein bester Film seit langem. Adair meinte, so sein Agent in einem Gespräch, Bertolucci habe in dem Film das gesagt, was er in seinem Roman habe sagen wollen. Ein schöneres Kompliment hat wahrscheinlich noch kein Regisseur gehört.
Mit Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Anna Chancellor, Robin Renucci, Jean-Pierre Kalfon, Jean-Pierre Léaud
Nur wenige Tage vor einem wichtigen G12-Gipfel werden alle Außendienst-Agenten des MI7 enttarnt. Nur Johnny English („Mr. Bean“ Rowan Atkinson) kann jetzt noch das Königreich retten. Vor allem nachdem er durch seine Schusseligkeit die anderen pensionierten MI7-Agenten, die ihm bei dem Kampf gegen den Bösewicht hätten helfen können, tötete.
Also begibt English sich mit seinem altbekannten Kumpel Bough (Ben Miller) nach Südfrankreich. An der Riviera vermutet er den Bösewicht: den jungen, charmanten, unglaublich reichen Technologiegiganten Jason Volta (Jake Lacy).
Wer die vorherigen beiden „Johnny English“-Filme kennt (oder auch nicht kennt), weiß, was einen erwartet. „Johnny English – Man lebt nur dreimal“ ist eine liebevolle Parodie der klassischen James-Bond-Film der Sean-Connery-Ära mit viel Klamauk und Slapstick.
English ist ein von sich überzeugter Dummkopf, der mit seiner Dummheit und Sturheit zuverlässig seine viel smarteren Gegner überwältigt. Oft indem er unwissentlich eine Situation herbeiführt, die in all dem Chaos dazu führt, dass die Bösewichter sich gegenseitig außer Gefecht setzen und auch umbringen.
Mittendrin ist Emma Thompson als Premierministerin, die ein Auge auf Volta geworfen hat, von ihrem dummen Personal ständig genervt ist und nicht fassen kann, dass Johnny English das Beste ist, was ihr Geheimdienst ihr in der Stunde höchster Not bieten kann.
„Johnny English – Man lebt nur dreimal“ ist ein liebevoller Abschiedsgruß an eine einfachere Zeit, als Blödheit noch witzig war und am Ende zum Sieg der Guten führte. Aber waren das nicht auch schon die vorherigen Johnny-English-Komödien? Und brauchen wir wirklich noch eine Parodie des James Bonds der sechziger Jahre?
Johnny English – Man lebt nur dreimal (Johnny English strikes again, Großbritannien 2018)
Regie: David Kerr
Drehbuch: William Davies
mit Rowan Atkinson, Emma Thompson, Ben Miller, Olga Kurylenko, Jake Lacy, Adam James, Jules de Jongh, Matthew Beard, Irena Tyshyna, Charles Dance, Michael Gambon, Edward Fox
„Dogman“ steht auf dem altmodischen, ziemlich verblassten Ladenschild des kleinen Ladengeschäfts. Es ist in einem Betonbau an der Strandpromenade einer süditalienischen Küstenstadt, deren besten Jahre schon einige Jahrzehnte zurückliegen.
Das Geschäft gehört Marcello. Er ist geschieden und hat eine kleine Tochter, zu der er ein gutes Verhältnis hat. Er ist ein Hundefriseur, der sich liebevoll um seine tierische Kundschaft kümmert. Die Besitzer nimmt er, und damit die Kamera, kaum wahr. Nebenbei verkauft er in kleinen Mengen Drogen. Marcello ist ein sanftmütiger, guter Mensch, der nicht nein sagen kann. Das wissen wir schon nach seiner ersten Begegnung mit Simone.
Simone ist ein Ex-Boxer, der die Geschäftsleute am Strand terrorisiert und der, wie ein kleines Kind, zunehmend unberechenbar agiert. Vor allem, wenn die anderen nicht sofort tun, was er will.
„Dogman“ ist der neue Film von Matteo Garrone, dem Regisseur von „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ (dem Spielfilm) und „Das Märchen der Märchen“. Mit „Dogman“ kehrt er wieder in die Welt von „Gomorrha“ zurück. Allerdings konzentriert er sich dieses Mal auf einen Charakter, der in einem Gangsterfilm zwischen all den Gangstern und Polizisten höchstens eine Nebenfigur ist.
Diesen Charakter bettet er in ein in schönster neorealistischer Tradition gezeichnete Welt ein. Garrone beobachtet Marcello und sein Umfeld, das vor allem aus seiner Tochter und den anderen Geschäftsleuten am Strand besteht, genau. Oft gelingt es ihm, in einer Szene ganze Lebensgeschichten und Beziehungen zusammenzufassen. Zum Beispiel wenn wir Simone mit seiner Mutter sehen.
Dummerweise steht im Zentrum des handlungsarmen Noirs ein Mann, über den wir nach fünf Minuten schon alles wissen. Marcello ist ein guter Mann. Sein einziger Fehler ist, dass er nicht nein sagen kann. Und vielleicht, dass er zu sehr an das Gute im Menschen glaubt. Denn warum sollte die bedingungslose Zuneigung, mit der er die Hunde pflegt, nicht auch bei Menschen helfen?
Diese Situation, in der Marcello um etwas gebeten wird, es zuerst ablehnt und dann doch tut, wird uns, ohne große Variation, immer wieder und wieder gezeigt. Bis zur letzten Filmminute.
Diese vielen, schnell ermüdenden Wiederholungen in einer kaum vorhandenen Geschichte mit einem weitgehend passiven Protagonisten führen dazu, dass Garrones düstere, formal geschlossene Parabel trotz ihren kurzen Laufzeit von unter hundert Minuten deutlich länger wirkt.
Es ist nämlich keine Entwicklung vorhanden. Auch ein längerer Gefängnisaufenthalt, von dem wir nur sehen, wie Marcello das Gefängnis betritt und verlässt, hinterlässt bei Marcello keine Spuren. Nur seine Stellung in der Gemeinschaft der Geschäftsleute hat sich geändert. Danach wird er von ihnen geschnitten. Denn er hat Simone bei einem Einbruch geholfen und danach die gesamte Schuld auf sich genommen. Seltsamerweise kommen die Geschäftsleute nicht auf die Idee, dass Marcello von Simone zu dem Einbruch gezwungen wurde und nur mithalf, weil er nicht nein sagen konnte.
Das handlungsarme Noir-Drama „Dogman“ beschreit in jeder Beziehung einen Stillstand. Es gibt keine Veränderungen. Und wenn doch, dann zum Schlechteren.
Marceollo Fonte, der Marcello spielt, wurde in Cannes für seine Darstellung als bester Schauspieler ausgezeichnet.
Only Lovers left alive (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Jim Jarmuschs wundervoller, grandios besetzter Film über die Welt der Vampire.
Im Mittelpunkt des Films stehen die in Tanger lebende Eve (Tilda Swinton) und ihr in Detroit lebender Mann Adam (Tom Hiddleston), der mal wieder die Lust am Leben verloren hat. Eve will ihm helfen – und wir bekommen eine der schönsten Liebesgeschichten des Kinos, trockenen Humor und etliche popkulturelle Anspielungen. Einer von Jarmuschs schönsten Filmen.
Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, Frankreich 1970)
Regie: Jean-Pierre Melville
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.
Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.
Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino.
mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet
LV: Elmore Leonard: Out of sight, 1996 (Zuckerschnute, Out of sight)
Auf der Flucht verbringt Jack Foley im Kofferraum einige Zeit mit Debputy U. S. Marshal Karen Sisco. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Als Jack in Detroit seinen letzten Coup plant, erscheint auch Karen auf der Bildfläche.
Hochgelobte und uneingeschränkt empfehlenswerte Elmore-Leonard-Verfilmung mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman
Von Elmore Leonards Homepage: “Out of Sight, like Get Shorty, was a totally happy film experience for Elmore. The Get Shorty production team and writer: Danny DeVitos Jersey Films and screenwriter Scott Frank, once again collaborated on an Elmore Leonard project. Jersey signed Steven Soderbergh to direct and he cast George Clooney and Jennifer Lopez in the lead roles. (…) Clooney and Lopez added considerable sizzle to Out of Sight. Steve Zahn is hilarious as a stoner car thief; Ving Rhames, Don Cheadle and Isaiah Washington are all deadly and cool. Albert Brooks was a pleasant surprise. He makes the most out of the Ripley character. It was Scott Frank who took Ripley, off-stage in the book, and made him a key character. After Scott finished his screenplay, Elmore disagreed with the Ripley move and the ´happy´ movie ending, but admitted he was right after seeing the finished film. Out of Sight has a great look thanks to Steven Soderberghís masterful direction and Scott Frank’s savvy script. The film was a critical success but a box office so-so because of an unfortunate summer release date.”
In London fährt ein Auto mit seinen Fahrer in die Themse.
Das kann in der Welt von Peter Grant passieren. Er ist in London Polizist bei der Metropolitan Police. Aber Grant ist kein Streifenpolizist oder Mitglied einer normalen Polizeieinheit. Er gehört zur Folly. Diese Spezialeinheit kümmert sich um Geistererscheinungen, wie halt besessene Autos. Dummerweise ist es nicht das einzige besessene Fahrzeug, das mordend durch London fährt, und solange der Ursprung des Unheils unbekannt ist, haben Grant und seine Kollegen alle Hände voll zu tun.
Im Gegensatz zu Ben Aaronovitchs anderen Urban-Fantasy-Kriminalgeschichten mit Peter Grant ist „Autowahn“ kein Roman, sondern ein Comic. Und das ist in diesem Fall ein Problem. Aaronovitch erzählt seine „Die Flüsse von London“-Romane in der ersten Person aus der Sicht von Peter Grant. Er ist ein junger Polizist, der auch das Magierhandwerk erlernt. Was nicht immer ohne Kollateralschäden abgeht. Die Romane sind lakonisch schwarzhumorige Geschichten, in denen es Geister und übernatürliche Erscheinungen gibt. Wie Grant über sie, seine Arbeit, seine Kollegen und Verwandtschaft erzählt, ist ein großer Teil des Lesevergnügens.
Im Comic wird die Geschichte in Bilder übersetzt und nur an einigen Stellen blitzt Aaronovitchs Humor auf. Dafür sehen wir eine in jeder Hinsicht sehr bunte Polizeitruppe und gleitende Übergänge zwischen der allgemein bekannten Realität, Visionen und der Geisterwelt und zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Lee Sullivan, der auch etliche „Doctor Who“-Geschichten zeichnete, zeichnete die von den ebenfalls „Doctor Who“-erfahrenen Ben Aaronovitch und Andrew Cartmel erfundene Geschichte in präzisen, realistischen Strichen.
„Autowahn“ ist eine typische Peter-Grant-Geschichte, der allerdings genau das fehlt, was die Bücher so einzigartig macht. An dem Erfolg des Comics beim englischen Publikum änderte das nichts. Seitdem schrieb Aaronovitch weitere Comics, die in der Welt der „Die Flüsse von London“ spielen.
Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero: Die Flüsse von London: Autowahn
Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.
Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman
Los Angeles in den Siebzigern: Nach einem etwas ruppigen Start arbeiten Privatdetektiv Holland March (Ryan Gosling) und Schläger Jackson Healy (Russell Crowe) zusammen. Sie wollen herausfinden, was der Tod eines Pornostars mit einer vermissten jungen Frau und einem labyrinthischen politischen Ränkespielen zu tun haben.
Wundervoll-kurzweiliger Mix aus Buddymovie und Privatdetektivkrimi und eine witzige Liebeserklärung an das Genre.Kultig.
mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Margaret Qualley, Keith David, Yaya DaCosta, Beau Knapp, Kim Basinger, Lois Smith, Murielle Telio, Gil Gerard
LA-Cop John Berlin (Andy Garcia) wird in die Provinz versetzt und er stolpert gleich in eine Mordserie hinein. Acht blinde Frauen hat der Killer schon umgebracht. Sein nächstes Opfer könnte die blinde Cellistin Helena Robertson (Uma Thurman) sein.
Okayer Serienkillerthriller, in dem der Cop der Magnet für alle möglichen und unmöglichen Probleme ist.
mit Andy Garcia, Uma Thurman, John Malkovich, Lance Henriksen, Kathy Baker, Graham Beckel
Zuerst erhielt er in China viele Preise. Vor allem für den Galaxy Award, den chinesischen Science-Fiction-Preis, scheint er ein Dauerabo zu haben. Und die Leser lieben seine Geschichten.
Dann wurde sein mit dem Galaxy-Award ausgezeichneter SF-Roman „Die drei Sonnen“ ins Englische übersetzt. Das Buch, der Auftakt der Trisolaris-Trilogie, wurde abgefeiert. Als erster chinesischer (und asiatischer) Roman überhaupt erhielt er den Hugo Award. Für den Nebula Award, den Locus Award, den Prometheus Award und den John W. Campbell Memorial Award war das Werk nominiert. Und allein schon diese Nominierungen verraten SF-Fans einiges über die Qualität des Romans.
Danach wurde „Die drei Sonnen“ ins Deutsche übersetzt und auch hier wurde das Buch abgefeiert, gekauft und mit dem Kurt-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.
Inzwischen ist „Der dunkle Wald“, der zweite Band der Trilogie auf Deutsch erschienen. Der Abschluss „Jenseits der Zeit“ ist für den April 2019 angekündigt.
In der Trisolaris-Trilogie geht es um die Begegnung der Menschheit mit einer außerirdischen Rasse.
In „Die drei Sonnen“ läuft alles auf die erste Begegnung hinaus. Cixin Liu erzählt das leicht verschachtelt mit Rückblenden und der Teilnahme des Nanowissenschaftlers Wang Miao an einem Computerspiel. Wang Miao sieht plötzlich auf von ihm gemachten Fotos und vor seinen Augen einen Countdown, er lernt die geheimnisvolle Wissenschaftlervereinigung Frontiers of Science (deren Mitglieder gerade reihenweise Suizid begehen) kennen und er spielt zunehmend begeistert das Computerspiel „Three Body“. In dem Spiel, das doch kein Spiel ist, versucht, wie man langsam begreift, die trisolare Zivilisation das Dreikörperproblem, also wie drei gleichartige Körper (zum Beispiel Sonnen) sich untereinander bewegen und beeinflussen, zu lösen.
In den Rückblenden erzählt die Astrophysikerin Ye Wenji, wie sie auf einer einsam gelegenen Militärbasis Rotes Ufer an einem Projekt arbeitet, bei dem nach außerirdischem Leben gesucht wird und wie sie Kontakt zu den Trisolariern aufnahm. Jetzt ist sie die Chefin der Erde-Trisolaris-Organisation.
In „Der dunkle Wald“ versucht die Menschheit die Invasion der Trisolarier in vierhundert Jahren zu verhindern. Vier Menschen, drei bekannte Wissenschaftler und Politiker und ein Nobody, sollen im Rahmen des Abwehrprogramms „Wandschauer“ das Schlimmste verhindern.
Der Hunger nach weiteren Werken von Cixin Liu ist bei seinen deutschen Fans so groß, dass der Heyne Verlag seine Kurzgeschichten und Novellen ebenfalls auf Deutsch veröffentlicht. Allerdings nicht in einem Sammelband, sondern einzeln. Und weil so eine SF-Kurzgeschichte oder Novelle nicht besonders lang ist, wird der Text in einem großzügigem Layout präsentiert und es gibt Bonusmaterial. Wobei das Bonusmaterial in den bislang erschienenen Novellen „Spiegel“ (knapp hundert Seiten) und „Weltenzerstörer“ (etwas über sechzig Seiten) vor allem aus Auszügen aus den Cixin Lius Romanen besteht. Das ist Geldmacherei, aber auch die Möglichkeit, den Autor schnell kennen zu lernen. Denn nicht jeder will gleich mit einem über fünfhundertseitigem Wälzer beginnen, der seine Geschichte sehr langsam entfaltet.
In der mit dem Galaxy Award als beste Erzählung des Jahres ausgezeichneten Geschichte „Spiegel“ geht es um einen Mann, der einen Supercomputer besitzt, mit dem er alles weiß, was jemals geschah und damit auch, was geschehen wird. Es ist eine Welt ohne Geheimnisse. Aber was für eine Welt wäre das? Und was würde ein solcher Computer für seinen Besitzer und die Menschheit bedeuten?
In „Weltenzerstörer“ taucht ein Kristall aus dem Weltraum auf, der die Menschheit vor dem Weltenzerstörer warnt. Vor seiner Ankunft in einhundert Jahren hat die Menschheit Zeit, sich auf den Kampf vorzubereiten oder den Botschafter des Weltenzerstörers zu überzeugen, die Menschheit doch nicht zu vernichten.
In beiden Novellen fällt auf, wie viele philosophische Fragen und Probleme (verstanden in der breitest möglichen Auffassung) Cixin Liu anspricht. Damit bieten diese Geschichten viel Futter zum Nachdenken.
Das ist immer Hard-Science-Fiction, der zum Nachdenken anregt und seinen besonderen Reiz durch den Hintergrund der chinesischen Kultur und des aktuellen Lebens in China entfaltet. Denn gute Science-Fiction erzählt auch immer von der Gegenwart und der Welt, in der der Autor lebt.
Auffallend ist dabei, egal wie die Geschichten bei Cixin Liu enden, die optimistische Grundhaltung. Es sind keine Dystopien, in denen Menschen durch eine postapokalyptische Welt wandern und Zombies erschießen, oder Cypberpunk-Romane, in denen in einer Noir-Welt multinationale Konzerne die Welt beherrschen und der Cyperspace ein Alptraum ist.
Im Dezember erscheint von Cixin Liu der Sammelband „Die wandernde Erde“. In dem Buch sind zehn seiner Erzählungen, unter anderem „Weltenzerstörer“, enthalten.
Cixin Liu: Die drei Sonnen
(übersetzt von Marina Haase)
Heyne, 2017
592 Seiten
14,99 Euro
–
Originalausgabe
San Ti
Chongquing Publishing Group, 2008
(Erstausgabe 2006 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Science Fiction World“)
–
Cixin Liu: Der dunkle Wald
(übersetzt von Karin Betz)
Heyne, 2018
816 Seiten
16,99 Euro
–
Originalausgabe
Heian Senlin
Chongqing Publishing Group, 2008
–
Cixin Liu: Spiegel
(übersetzt von Marc Hermann)
Heyne, 2017
192 Seiten
9,99 Euro
–
Originalausgabe
Jingzi
2004
(enthalten in dem Sammelband „Shíjian yimin“)
–
Cixin Liu: Weltenzerstörer
(übersetzt von Marc Hermann)
Heyne, 2018
128 Seiten
8,99 Euro
–
Originalausgabe
Ren he tunshizhe
2012
–
Die Lesetour
Samstag, 13. Oktober 2018
Frankfurt am Main, Frankfurter Buchmesse
15.00 Uhr: Weltempfang, Halle 4.1
Diskussion mit Dietmar Dath
Moderation: Michael Kahn-Ackermann
–
17.00 Uhr: Pavilion, Agora
Moderation: Denis Scheck
Übersetzung: Karin Betz
–
Sonntag, 14. Oktober 2018
Essen, lit.RUHR
17.00 Uhr: Zeche Zollverein, Salzlager, Areal C (Kokerei)
Melissa P. – Mit geschlossenen Augen (Melissa P., Italien 2005)
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: Barbara Alberti, Christiana Farina, Luca Guadagnino
LV: Melissa P. (Pseudonym von Melissa Panarello): 100 colpi di spazzola prima di andare a dormire, 2003 (Mit geschlossenen Augen)
Die 15-jährige Sizilianerin Melissa P. entdeckt die Liebe. Mit verschiedenen Männern und auch bei Gangbangs und SM-Spielen.
TV-Premiere eines Frühwerks von Luca Guadagnino.
„Der auf einer authentischen Geschichte beruhende Film (…) setzt sich nicht uninteressant mit bigotten und überkommenen Strukturen auseinander.“ (Lexikon des internationalen Films)
Mit María Valverde, Fabrizia Sacchi, Geraldine Chaplin, Giulio Berruti
Das „El Royale“ steht am Lake Tahoe genau auf der Staatsgrenze zwischen Nevada und Kalifornien. Das Hotel hat schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Einrichtung verströmt die Patina der fünfziger Jahre. Nur die Musiksammlung in der Jukebox ist aktueller.
In einer Nacht in den frühen Siebzigern treffen sich dort sieben Menschen, die alle ein meist mit irgendwelchen Verbrechen zusammenhängendes Geheimnis haben.
Gespielt werden die Hotelgäste von Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Jon Hamm, Cailee Spainey, Dakota Johnson und Chris Hemsworth. Lewis Pullman spielt den Empfangschef des Hotels, der auch kein Unschuldsknabe ist.
Drew Goddard, der Regisseur der Horrorperle „The Cabin in the Woods“, der Erfinder der TV-Serie „Daredevil“ und der Drehbuchautor von „Der Marsianer“ und „World War Z“ und etlicher Episoden für TV-Serien wie „Lost“ und „Alias“, hat mit „Bad Times at the El Royale“ auf den ersten Blick ein Neo-Noir-Ensemblestück inszeniert, das deutlich von Quentin Tarantino inspiriert ist. Vor allem natürlich „Pulp Fiction“. Aber auch „The Hateful Eight“ kann genannt werden.
Was kann da schief gehen?
Nun, für den Anfang, dass früh im Film die falsche Person stirbt. Jedenfalls für mich als Zuschauer.
Es gibt die Theorie, dass man im Film einem Charakter sein Herz schenke und wenn er stirbt, ist der Film für einen emotional zu Ende. Normalerweise schenkt man sein Herz dem Protagonisten. Man fiebert, lacht und weint mit ihm. Okay, das gilt vor allem für schmalzige Liebesfilme.
Manchmal ist es auch ein anderer Charakter. In diesem Fall war es für mich Jon Hamm, der am Filmanfang die anderen Gäste – vor allem Jeff Bridges und Cynthia Erivo – in der riesigen Hotellobby begrüßt. In schönster, raumgreifender Vertretermanier erzählt er einiges über das Hotel und die Ausstattung und bietet ihnen Kaffee an. Währenddessen beäugen sie und die später die Lobby betretenden Menschen sich auffallend misstrauisch. Als er anschließend als Gast sein Zimmer bezieht, beginnt er sofort, es sorgfältig nach Wanzen abzusuchen. Er entdeckt auch, dass alle Hotelzimmern mit spanischen Spiegeln ausgestattet sind und einige Hotelgäste auch gefilmt werden.
Er wird, weil er durch den Einwegspiegel in einem Zimmer eine Geiselnahme sieht und die Geisel retten will, ziemlich früh im Film erschossen.
In dem Moment war mein Held tot – und der Film hatte ein Problem.
Dazu kommen noch einige weitere Probleme.
Formal variiert „Bad Times at the El Royale“ das Erzählprinzip von „Pulp Fiction“. „Bad Times at the El Royale“ ist ebenfalls ein Ensemblefilm. Die einzelnen Geschichten sind ebenfalls pulpige Gangstergeschichten, garniert mit etwas plakativ-politischem Zeitkolorit. Im Gegensatz zu „Pulp Fiction“ erzählt Goddard seine in Kapitel unterteilte Geschichte ziemlich chronologisch. Das ist jetzt nicht besonders gut oder schlecht, sondern eine Möglichkeit in einem Ensemblestück die Geschichten anzuordnen.
Bei den Endlosdialogen zeigt sich allerdings, wie gut die Dialoge von Tarantino sind. Sie sind witzige Kabinettstückchen. Sie charakterisieren den Sprechenden. Und es gibt in jedem seiner Filme etliche Tarantino-Sätze (okay, bei „Jackie Brown“ sind es Elmore-Leonard-Sätze), die man gerne in eines seiner nächsten Gespräche einflechtet. Bei Goddard fehlt Tarantinos Witz und damit das, was Tarantino-Dialoge so einzigartig macht. Bei Goddard stellt sich bei den sich endlos anfühlenden Monologen schnell eine gewisse Langeweile ein. Es wird einfach zu viel zu lange erklärt. Es gibt auch nicht den Satz oder den Dialog, den man gerne zitieren möchte.
Und die Story hat erstaunlich viele lose Enden. Vieles wird angedeutet. Wenig wird aufgeklärt.
Immerhin werden die Hintergründe der Entführung und warum am Filmanfang ein Mann in einem Hotelzimmer eine Tasche im Boden versteckt, aufgeklärt.
Am Ende ist „Bad Times at the El Royale ein stylish aussehender, hochkarätig besetzter Neo-Noir-Langweiler. Das ist, musikalisch soulig untermalt, Stil über Substanz.
Wer unbedingt mit einem neueren Neo-Noir zurück in die Siebziger will, sollte sich „Inherent Vice“ – Natürliche Mängel“ ansehen. Oder auf den nächsten Film von Quentin Tarantino warten.
Bad Times at the El Royale (Bad Times at the El Royale, USA 2018)
Regie: Drew Goddard
Drehbuch: Drew Goddard
mit Jeff Bridges, Dakota Johnson, Cynthia Erivo, Chris Hemsworth, Jon Hamm, Cailee Spainey, Lewis Pullman, Nick Offerman, Xavier Dolan, Shea Whigham
Die Thriller von Sebastian Fitzek sind echte Pageturner. Es sind Thriller, die man innerhalb weniger Stunden oder einer kurzen Nacht bis zum Morgengrauen durchliest.
Die bisherigen Fitzek-Verfilmungen „Das Kind“ und „Das Joshua-Profil“ waren nicht so gelungen.
„Abgeschnitten“ ist daher nicht nur die bislang beste Fitzek-Verfilmung, sondern auch ein ziemlich gelungener Thriller. Wenn man über einige Unwahrscheinlichkeiten und schlechte Dialoge hinwegsieht. Und über den zähen Anfang, in dem die Hauptpersonen in jeder Beziehung arg umständlich und ziemlich verkrampft vorgestellt und einige Plots angedeutet werden, die später vollkommen unwichtig sind. Hier hätte ruhig einiges abgeschnitten werden können.
Letztendlich beginnt die Geschichte in der Gerichtsmedizin in Berlin. Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) entdeckt in einer grausam zugerichteten Leiche in einer kleinen, gut im Körper versteckten Kapsel einen Zettel mit der Telefonnummer seiner Tochter. Durch einen Anruf bei ihr erfährt er, dass sie entführt wurde und er unter keinen Umständen mit der Polizei reden soll.
Er macht sich in sturmumtoster Nacht (mit wunderbar stabiler Handyverbindung) auf den Weg nach Helgoland, um dort eine in einer Leiche eine weitere Spur zur Rettung seiner Tochter zu finden. Weil er nicht schnell genug auf der Insel sein kann, überzeugt er die aus Berlin vor ihrem Stalker nach Helgoland geflohene Comic-Zeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer) die Leiche zu obduzieren. Unter seiner telefonischer Anleitung. Diese Szene, die im Buch und im Film durch ihre Detailgenauigkeit beeindruckt, ist im Kino dann auch ein schwarzhumorig-absurder Comic-Höhepunkt.
Für diese Detailgenauigkeit bei den gerichtsmedizinischen Details war im Roman Michael Tsokos zuständig. Er ist der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Die von ihm und Sebastian Fitzek dazu erfundene Geschichte ist dann eine ziemlich vorhersehbare Serienkiller-Geschichte, in der der durchgeknallte Killer den tapferen Helden auf eine Schnitzeljagd schickt. Das kennt man aus unzähligen US-Krimis und will es eigentlich seit Jahren nicht mehr lesen.
Im Film nimmt Christian Alvart sich dann zugunsten einer Thriller-Filmdramaturgie Freiheiten. Es gibt immer noch etliche irrwitzige Wendungen, aber alles erscheint organischer und nicht so formelhaft wie im Roman. Die Schauspieler harmonisieren und schnell entsteht eine ordentliche Thriller-Spannung, die man so in deutschen Filmen selten sieht. Aufgelockert wird sie durch etliche witzige Szenen. Wobei der Witz sich meistens aus der Situation ergibt. Denn die verschiedenen Charaktere müssen immer wieder Dinge tun, die sie unter keinen Umständen tun wollen. Zum Beispiel eine Leiche befördern oder sie aufschneiden.
Das ist spannend, wenn man die zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle hinnimmt. Ohne sie würde der Plan des Bösewichts nicht funktionieren. Allein schon, dass Herzfeld die erste Botschaft findet, dass er dann niemand von seinen zahlreichen Polizistenfreunden informiert und dass auf Helgoland jemand ein herrenlos bei einer Leiche herumliegendes Handy findet und gleich die Anrufwiederholung ausprobiert, sind Zufälle, die so unwahrscheinlich sind, dass in der Realität der grandios ausgetüftelte Plan des Bösewichts schon an der ersten Hürde gescheitert wäre. Denn damit sein Plan funktioniert, muss Herzfeld die Kapsel finden und das Telefon bedienen.
Auch die Dialoge, vor allem am Anfang, sind teils peinlich, teils reinstes Schriftdeutsch und die Charaktere sind arg eindimensionale Funktionsträger.
Das kann alles – zu Recht – gegen Christian Alvarts Thriller eingewandt werden. Aber das kann auch gegen die Romane von Sebastian Fitzek gesagt werden. Und die machen Spaß. Wie der Film.
Abgeschnitten (Deutschland 2018)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christian Alvart
LV: Sebastian Fitzek/Michael Tskokos: Abgeschnitten, 2012
mit Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger, Fahri Yardim, Enno Hesse, Christian Kuchenbuch, Urs Jucker, Barbara Prakopenka, Michael Tsokos, Sebastian Fitzek (beide, in verschiedenen Szenen, mit einem Cameo, ziemlich am Filmanfang)