Der schwarze Texas Ranger Darren Mathews muss wieder ran. In Marion County in Osttexas ist der neunjährige Levi King verschwunden. Er ist der Sohn eines inhaftierten führenden Mitglied der Arischen Bruderschaft, das so besorgt um das Wohlergehen seines Sohnes ist, dass er bereit ist, mit den Strafverfolgungsbehörden zu kooperieren. Für sie ist das eine gute Gelegenheit, der Arischen Bruderschaft einen empfindlichen Schlag zu verpassen. Wenn sie seinen Sohn Levi finden.
Zuletzt wurde Levi von Leroy Page gesehen. Er ist ein Schwarzer, der Ärger mit dem Jungen hatte und auch der Besitzer des Grundstücks ist, auf dem die Kings in einer White-Trash-Trailersiedlung leben.
Dieser Kriminalfall, in dem ein Ermittler in einer Kleinstadt ermittelt und allerhand schmutzige Wäsche entdeckt, würde bei einem anderen Autor locker für einen spannenden Krimi ausreichen. In Attica Lockes „Heaven, my home“ ist er allerdings ziemlich unwichtig und auch leicht durchschaubar. Wichtiger ist ihr Mathews‘ Privatleben, seine Gefühle für zwei verschiedene Frauen (mit einer ist er verheiratet), seine äußerst angespannte Beziehung zu seiner Mutter und die Folgen des Todes von Ronnie Malvo. Sein Tod war in Lockes erstem, mit dem Edgar Award und dem Ian Fleming Steel Dagger ausgezeichneten Darren-Mathews-Krimi „Bluebird, Bluebird“ eine Nebengeschichte. Damals half Mathews seinem alten Bekannten Rutherford ‚Mack‘ McMillan. Mack war angeklagt, den weißen Rassisten Ronnie Malvo erschossen zu haben. Die Tatwaffe, ein 38er, ist verschwunden. Später findet Mathews‘ Mutter sie und sie beginnt ihren Sohn damit zu erpressen.
In „Heaven, my home“ ist diese Geschichte fast schon die Hauptgeschichte. Weil Locke in ihrem neuen Roman die damaligen Ereignisse als bekannt voraussetzt, kümmert sie sich nicht um die Leser, die „Bluebird, Bluebird“ nicht gelesen oder die damaligen Ereignisse wieder vergessen haben. In „Heaven, my home“ erfahren wir mehr von den Ereignisse dieser Nacht, die dann wahrscheinlich im nächsten Mathews-Roman zu neuen Erkenntnissen und Entwicklungen führen.
Für Neueinsteiger sind das alles sich über Seiten hinziehende längliche Ablenkungen von dem ebenfalls nicht besonders spannenden Hauptfall.
Alles spielt sich vor dem eindrücklich beschriebenem Hintergrund des alltäglichen Rassismus in Texas ab. Deshalb hat Mathews, vor allem bei Gesprächen mit Weißen, seine Dienstwaffe immer in Reichweite. Der Roman spielt wenige Tage nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Attica Locke zeigt allerdings auf fast jeder Seite, dass die Rassisten diese Ermutigung überhaupt nicht gebraucht haben.
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Attica Locke: Heaven, my home
(übersetzt von Susanna Mende, mit einem Nachwort von Sonja Hartl)
James Bond wird nach Südfrankreich geschickt. Dort wurde sein Vorgänger, der ebenfalls die Codenummer 007 hatte, erschossen. Er sollte herausfinden, warum korsische Verbrecherbanden seit Monaten auf die lukrative Herstellung und den Verkauf von Rauschgift verzichten.
Bond, ein junger Weltkrieg-II-Veteran, reist an die Côte d’Azur. Dort trifft er, selbstverständlich unter seinem wahren Namen agierend, auf den korsischen Verbrecher Jean-Paul Scipio, ein Sadist, der wie die menschliche Inkarnation von Jabba the Hutt aussieht (und sich damit sofort als Bond-Bösewicht qualifiziert), die schöne Sixtine (aka Joanne Brochet aka Madame 16), die mit dem Handel von Informationen Geld verdient, beim Kartenspiel betrügt, zehn Jahre älter als Bond ist und damit für ihn mindestens fünfzehn Jahre zu alt ist (ja, die seligen fünfziger Jahre, als Bond nur jüngere Gespielinnen hatte) (oh, und, ja, die beiden landen im Bett) und den über siebzigjährigen US-Multimillionär Irwin Wolfe, der Sixtine heiraten will und der James Bond stolz durch sein über zweihundert Meter langes Luxuskreuzfahrtschiff ‚Mirabelle‘ führt, das fünfhundertfünfzig Kabinen und die neueste Technik hat. Auch wenn James Bond es in diesem Moment noch nicht ahnt – immerhin ist es seine erste Mission als 007 -, qualifiziert sich das Schiff allein schon durch seine Größe und Protzigkeit für eine Zerstörung am Ende der Geschichte. Nichts davon überrascht den James-Bond-Fan. Immerhin sind die Grundelemente einer James-Bond-Geschichte seit Jahrzehnten bekannt.
Anthony Horowitz richtet sie nur neu an. In seinem zweiten Bond-Roman „Ewig und ein Tag“ gelingt ihm das, nach „Trigger Mortis“, wieder einmal ausgezeichnet. Alle bekannten Bond-Elemente sind vorhanden. Die Geschichte, die vor Ian Flemings erstem James-Bond-Roman „Casino Royale“ (1953) spielt, liest sich wie ein Roman aus den Fünfzigern, inklusive dem damaligen Frauenbild, den Vorurteilen gegenüber anderen Rassen und dem Verhalten der Männer. So ist James Bond ein ziemlicher Snob mit einem arg altmodischem Frauenbild und einem ausgeprägtem Statusdenken. Gleichzeitig gibt es einige kleine Neuerungen, wie das Alter der Bondine. Auch das Motiv des Bösewichts ist, obwohl historisch und gewohnt gaga, heute immer noch aktuell.
Und es gibt viel Zeitkolorit. Immer wieder zeigt Horowitz, wie viel sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte. So verlangt Bond, nachdem er zum ersten Mal sein neues Büro betritt, einem Aschenbecher auf seinem Schreibtisch. Der heute undenkbare Wunsch wird ihm von seiner Sekretärin widerspruchslos erfüllt. Ein anderes Mal trinkt Bond vor einem Einsatz nur eine halbe Flasche Wein. Er will den darauf folgenden Mord nicht betrunken ausführen. Oder Bonds stolzer Hinweis, dass sein neues Auto, ein Jaguar XK 120, mit 120 Meilen pro Stunde der schnellste in Serie hergestellte Flitzer sei. Heute ist das keine atemberaubende Geschwindigkeit mehr. Und in Frankreich gibt es noch Esel auf der Straße.
Für den Bond- und Ian-Fleming-Fan hat Horowitz außerdem etliche Hinweise auf andere Bond-Geschichten und Ian Fleming versteckt.Auf einigen Seiten hat er auch Originalmaterial von Ian Fleming benutzt.
Damit schrieb Horowitz wieder einen Bond-Roman, der alles hat, was man von einer Bond-Geschichte erwartet. Und wenn sich am Ende alle Puzzleteile zusammenfügen, zieht man innerlich den Hut vor Horowitz großartiger Konstruktion der Geschichte. Während James Bond sich durch Südfrankreich kämpft, platziert Horowtiz unauffällig und nebenbei alle Hinweise für die Lösung. Ich meine damit nicht, dass Irwin Wolfe und Jean-Paul Scipio die Bösewichter sind, sondern was sie planen, wer wann wem etwas verraten hat und warum Bonds Vorgänger nicht vor seinem Mörder flüchtete.
Nach dem letzten Satz von „Ewig und ein Tag“ hat Horowitz sich die Lizenz zum dritten Bond-Roman erworben.
Anthony Horowitz: James Bond – Ewig und ein Tag
(übersetzt von Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2019
336 Seiten
16,99 Euro
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Originalausgabe
James Bond – Forever and a day
Jonathan Cape, 2018
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Zuletzt und demnächst von Anthony Horowitz im Insel-Verlag
Letztes Jahr erschien die Taschenbuchausgabe von „Die Morde von Pye Hall“ (Magpie Murders, 2016), einem Standalone in dem eine Lektorin zur Ermittlerin wird. Denn Bestsellerautor Alan Conway hat seinen letzten Kriminalroman nicht zu Ende geschrieben und er ist verschwunden. Ein merkwürdiger Brief legt nahe, dass Conway sich das Leben genommen hat. Oder wurde es ihm genommen? Susan Ryeland macht einen auf Miss Marple.
Für den 20. Juli ist die Taschenbuchausgabe von „Ein perfider Plan“ (The Word is Murder, 2017) angekündigt. Es handelt sich um den ersten Fall des Duos Hawthorne und Horowitz. Hawthorne ist ein Ex-Polizist, der inzwischen als Privatdetektiv arbeitet. Jetzt soll er herausfinden, wer die wohlhabende, alleinstehende Diana Cowper erdrosselte. Seltsam an dem Fall ist, dass sie wenige Stunden vorher ihre eigene Beerdigung arrangiert hat. Weil der Fall auch die Vorlage für ein Buch sein soll, begleitet Bestsellerautor Anthony Horowitz den brillanten Denker Hawthorne als seinen Dr. Watson.
Für Horowitz ist „Ein perfider Plan“ der Start einer längeren Serie. In einem Interview sagte er, dass er zehn Hawthorne-Bücher schreiben will.
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Anthony Horowitz: Die Morde von Pye Hall
(übersetzt von Lutz-W. Wolff)
Insel Verlag, 2019 (Taschenbuch-Ausgabe; die gebundene Ausgabe erschien 2018)
608 Seiten
12 Euro
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Anthony Horowitz: Ein perfider Plan – Hawthorne ermittelt
(übersetzt von Lutz-W. Wolff)
Insel Verlag, 2020
368 Seiten
11 Euro
(angekündigt für 20. Juli 2020, gebundene Ausgabe seit März 2019 für 22 Euro erhältlich)
Die Geschichte von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie von 6. Juli 1942 bis 4. August 1944 in Amsterdam in einem Hinterhaus vor den Nazis versteckte. Bis zu ihrer Entdeckung schrieb sie ein Tagebuch, das, neben weiteren Schriftstücken aus dem Archiv des Anne Frank Fonds, die Grundlage für das berührende Drama bildete.
Nach ihrer Entdeckung werden sie nach Auschwitz gebracht. Bis auf Anne Franks Vater Otto sterben sie in verschiedenen KZs. Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der erste deutsche Kinofilm, der die Geschichte von Anne Frank erzählt. Es ist ein sehr sehenswerter Film.
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
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Die Vorlage
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
– Hinweise Homepage zum Film Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“ Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch,englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch) Der Anne Frank Fonds
Die bekannte Geschichte der am 12. Juni 1929 geborenen Anne Frank, die sich in Amsterdam während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie in einem Hinterhaus versteckte, erzählt Raymond Ley primär aus der Sicht von Annes Vater Otto Frank, der den Krieg überlebte.
„Die künstlerisch ambitionierte Collage setzt sich eindrucksvoll aus Spielszenen und dokumentarischen Einsprengseln zusammen.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Mala Emde, Götz Schubert, Axel Milberg, Lion Wasczyk, Harald Schrott, André M. Hennicke
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
Der Blick des Cineasten fällt natürlich zuerst auf die Liste der Filme, die das Filmmagazin „Cinema“ in „Making of – Hinter den Kulissen der größten Filmklassiker aller Zeiten“ präsentiert:
Star Wars Episode IV – Eine neue Hoffnung
Casablanca
Taxi Driver
2001: Odyssee im Weltraum
Easy Rider
Die Vögel
Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt
Rambo
Rosemary’s Baby
Spiel mir das Lied vom Tod
Scarface (die Version von Brian De Palma)
Lawrence von Arabien
Der Elefantenmensch
Shining
James Bond – 007 jagt Dr. No
Das Schweigen der Lämmer
E. T. – Der Außerirdische
Giganten
Apocalypse Now
The Wild Bunch
Blade Runner
Ghostbusters (natürlich nicht das Frauen-Remake/Reboot)
Cleopatra (das Monumentalepos, in dem Elizabeth Taylor sich leinwandfüllend zu einem Mega-Budget räkelt)
Der Pate
Chinatown
Und dann die schon leicht beunruhigende Erkenntnis, alle in dem Buch vorgestellten Filme, schon zu kennen. Normalerweise hat man ja immer ein, zwei Filme nicht gesehen und kann so noch etwas neues entdecken, während man sich über die Auslassung von ein, zwei wirklichen Filmklassikern (Warum fehlt „Metropolis“?) aufregt.
Leider erklären die Macher nicht, wie sie ihre Filmklassiker auswählten. Sicher, alle diese Filme sind Klassiker. Sie sind inzwischen auch beim Publikum immer wieder gern gesehen und es gibt immer auch einiges über die Dreharbeiten zu berichten. Manchmal kann auch über die Bedeutung des Films für ein bestimmtes Genre und die Filmgeschichte geschrieben werden.
Gleichzeitig ist die Auswahl, was bei dem bunten Filmmagazin „Cinema“ nicht überrascht, sehr Hollywood- und Mainstreamlastig. Angesichts des Alters der Filme ist sie auch sehr männerlastig. Alle Filme wurden von Männern inszeniert. Und Männer, also weiße Männer, haben auch oft die Hauptrolle.
In den kurzen Texten über die Filme erfahren Cineasten wenig neues. Auch die Bilder sind weitgehend bekannt. Aber für Nicht-Cineasten, und an sie richtet sich der Bildband in erster Linie, ist „Making of“ ein schöner Einblick mit großformatigen Bildern und interessanten Hintergrundinformationen zu den Filmen. Auch wenn alles, notgedrungen, etwas oberflächlich bleibt.
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Cinema (Hrsg): Making of – Hinter den Kulissen der größten Filmklassiker aller Zeiten
Wenn im ersten Absatz von John le Carrés neuem Roman „Federball“ Ich-Erzähler Nat sagt, die Begegnung zwischen ihm und Edward ‚Ed‘ Stanley Shannon sei ein reiner Zufall gewesen, dann ahnt der Leser, dass diese Begegnung folgenreich sein wird und weil John le Carré Agentenromane schreibt, haben wir in diesem Moment auch schon eine grobe Ahnung, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird.
Aber bis diese zufällige Begegnung Auswirkungen auf Nats Arbeit hat, vergeht viel Lesezeit. Nat ist 46 Jahre, Geheimagent am Ende seiner Karriereleiter und, bevor er endgültig von Außeneinsätzen in irgendeine Form des Innendienstes (oder Pension) geschickt wird, hat er in London die Leitung der Nebenstelle Oase übernommen. Es handelt sich dabei um eine heruntergewirtschaftete Abteilung, die seit dem Ende des Kalten Kriegs nichts nennenswertes mehr leistete. Dort geht Nat seiner alltäglichen und sehr unglamourösen Arbeit nach. Er trifft sich mit Spitzeln. Er bereitet oder beteiligt sich an der Vorbereitung von austauschbaren Operationen. Sein Leben ist die Papier gewordene Empfehlung, einen Job nicht anzunehmen.
In seiner Freizeit trifft er sich mit dem Mittzwanziger Ed, spielt mit ihm Badmington und hört sich seine Tiraden über den Brexit, Donald Trump und die ganze unfähige Politikerkaste an. Ed sagt ihm, er arbeite in einer Werbeagentur.
Das ist, wie Nat erst viel später zufällig erfährt, eine Lüge. Ed arbeitet als Büroangestellter mit einer Sicherheitsfreigabe für die Geheimhaltungsstufe Top Secret und höher ebenfalls für den Geheimdienst. Nachdem Ed einige Dokumente, die er nur kopieren soll, auch liest, entwickelt er Skrupel. Jetzt will er, wie Nat erschrocken bei der Beobachtung einer russischen Spionageoperation sieht, diese Geheimnisse an den Feind weitergeben.
Weil Nat Ed kennt und sie sich in den vergangenen Wochen und Monaten oft getroffen haben, ist jetzt auch sein Job in Gefahr.
In diesem Moment sind wir schon weit in der zweiten Hälfte des Romans. Bis dahin passiert wenig und auch danach plätschert die Geschichte arg gemütlich vor sich hin.
John le Carré liefert auch einige Spitzen gegen den Brexit und Donald Trump. Dafür ist vor allem Ed zuständig, der sich nach seinen Badmington-Spielen mit Nat, beim gemeinsamen Getränk über die Tagespolitik aufregt. Für die Romangeschichte ist das nur wichtig, um Eds nobles Motiv für seinen Geheimnisverrat zu verstehen.
Als Spionagethriller ist „Federball“ ein Reinfall. Als etwas lang geratenes Porträt eines desillusionierten kleinen Beamten ist „Federball“ deutlich interessanter.
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John le Carré: Federball
(übersetzt von Peter Torberg)
Ullstein, 2019
352 Seiten
24 Euro
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Originalausgabe
Agent running in the Field
Viking, London 2019
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Pünktlich zur Veröffentlichung von John le Carrés neuestem Roman veröffentlichte der Ullstein-Verlag John le Carrés George-Smiley-Romane in einer neuen, einheitlichen Covergestaltung. Dazu gehören auch le Carrés fast unbekannte Frühwerke „Schatten von gestern“ und „Ein Mord erster Klasse“. Es sind nämlich auch die ersten beiden George-Smiley-Romane, der von Anfang an als Anti-James-Bond konzipiert war. In seinem Debüt „Schatten von gestern“ glaubt der Geheimagent Smiley, dass der Suizid eines Beamten des Außenministeriums, kein Suizid war. In „Ein Mord erster Klasse“ will George Smiley an einem Eliteinternat den Mord an einer Professorengattin aufklären. Das ist noch mehr als „Schatten von gestern“ ein bestenfalls durchwachsener Rätselkrimi. Beide Romane sind vor allem für die le-Carré-Gesamtleser wichtig.
Erst mit seinem nächsten Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ schrieb er einen reinrassigen Agententhriller. Der Roman wurde ein Bestseller und ist heute einer der Klassiker des Genres. Mit seinem dritten Roman hatte John le Carré sein Thema und seine erzählerische Welt gefunden, der er bis auf den stark kritisierten Liebesroman „Der wachsame Träumer“ (The naive and sentimental lover, 1971) treu blieb.
Neben „Der Spion, der aus der Kälte kam“ gehört, von seinen Smiley-Romanen, vor allem „Dame, König, As, Spion“ zum Kanon der wichtigen Spionageromane. Die unbekannteren Folgewerke „Eine Art Held“ und „Agent in eigener Sache“ können ebenfalls dazu gezählt werden. Schließlich bilden sie zusammen mit „Dame, König, As, Spion“ die Karla-Trilogie, in der le Carré den Kampf zwischen Smiley und seinem sowjetischen Gegenspieler Karla schildert.
Bereits Werner Herzog und Klaus Kinski setzten sich mit diesen Geschichten auseinander. Aber ihre sehenswerte Interpretation von „Woyzeck“ und „Dracula“, der bei ihnen aus stummfilmhistorischen Gründen Nosferatu heißt, hatten keinen Einfluss auf diese Comic-Interpretationen.
Bei Roy Thomas‘ und Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ basiert auf Francis Ford Coppolas Film. Der ist inzwischen auch schon gut dreißig Jahre alt und er ist die letzte nennenswerte Spielfilm-Interpretation von Bram Stokers Romanklassiker.
Parallel zum Film erschien damals dieser Comic als limitierte vierteilige Mini-Serie. Lange Jahre war er nicht mehr erhältlich, während im Second-Hand-Buchmarkt die Preise stiegen. 2018 veröffentlichte IDW in den USA eine nicht-kolorierte Neuauflage, die auch der Anlass für die deutsche Neuausgabe war. Die ist, zum Glück!, koloriert.
Anstatt weißer Flächen knallem einem satte Farben entgegen, die die Geschichte und den psychedelisch-albtraumhaften Effekt der Panels verstärken. Nach der Lektüre der kolorierten Fassung von „Bram Stoker’s Dracula“ kann man sich keine andere Fassung mehr vorstellen.
Danach wurde Mike Mignola mit der von ihm erfundenen Figur „Hellboy“ weltweit bekannt.
Bram Stokers Vampirgeschichte dürfte ja bekannt sein. Trotzdem für die vergesslichen Geister: 1897 reist der Makler Jonathan Harker in die Karpaten. Dort vermittelt er Graf Dracula ein Anwesen in London und wird, auf Draculas Geheiß, von drei weiblichen Vampiren angegriffen. Währenddessen nähert Dracula sich in London Harkers Verlobter Mina. Weil seine blutsaugenden Taten nicht unbemerkt bleiben, wird Dr. Van Helsing um Hilfe gerufen. Er weiß, wie man einen Vampir besiegen kann.
Die Geschichte von „Woyzeck“ dürfte auch bekannt sein. Immerhin ist Georg Büchners Stück ein auf deutschen Bühnen immer noch gespielter und immer wieder neu interpretierter Klassiker.
Woyzeck ist ein einfacher Soldat, der von seinem Vorgesetzten unterdrückt und von seiner Frau, mit der er ein uneheliches Kind hat, betrogen wird. Als er sie mit seinem Nebenbuhler sieht, glaubt er, eine Stimme zu hören, die ihm befiehlt, sie zu töten.
Andreas Eikenroth verlegt die Geschichte vom frühen 19. Jahrhundert in eine diffuse Weimarer Republik. Er verschiebt auch einige Szenen des Bühnenstücks, das nur als Fragment erhalten ist, zu einem ihm schlüssiger erscheinendem Handlungsablauf.
Das Besondere an Eikenroths Interpretation ist allerdings die Art, wie er die Geschichte als Comic erzählt. Bei ihm besteht jede Seite aus einem Bild, das quasi mehrere Panels zu einem Bild zusammenfügt. Seine Zeichnungen sind dabei, wie er selbst sagt, von damaligen Künstlern, wie George Grosz, Karl Arnold, Egon Schiele, Max Liebermann, Jeanne Mammen und Heinrich Zille, beeinflusst.
Zu Eikenroths früheren Werken gehören „Die Schönheit des Scheiterns“ und „Hummel mit Wodka“.
Die Comics „Bram Stoker’s Dracula“ und „Woyzeck“ sind zwei überzeugende Interpretationen klassischer Geschichten.
LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)
Der Neurophysiologe Dr. Robert Laing zieht in ein am Stadtrand von London liegendes modernes Hochhaus. Als er seine Mitbewohner kennenlernt, bemerkt er die Klassengesellschaft im Haus, die Konflikte zwischen den Stockwerken und ihre dekadente Vergnügungssucht.
TV-Premiere. Sehr düstere Satire auf die Gesellschaft und den Kapitalismus, toll besetzt, glänzend und sehr stilbewusst inszeniert von Ben Wheatley.
Als vor zwanzig Jahren Jonathan Lethems Noir-Krimi „Motherless Brooklyn“ erschien wurde gleich über eine Verfilmung gesprochen. Denn Lethems geradlinige Kriminalgeschichte voller liebgewonnener Klischees eignet sich vorzüglich dafür. Es dauerte dann doch zwanzig Jahre und der Film hat wenig mit der Vorlage zu tun. Norton verlegte die Geschichte von den späten Neunzigern in die fünfziger Jahre und er erfand einen vollkommen neuen Kriminalfall. Nur der Held und der Grund für seine Ermittlungen blieben gleich.
Wer jetzt aber denkt, dass Jonathan Lethem in Interviews Gift und Galle über die Verfälschung seines literarischen Meisterwerks speit, irrt sich. Er äußerte sich wohlwollend über den Film und er weist darauf hin, dass Buch und Film zwei verschiedene Sachen sind, die eigenen Regeln gehorchen.
Im Roman wird Lionel Essrogs Chef Frank Minna ermordet. Minna zog ihn und einige andere Waisenkinder groß, indem er sie immer wieder für sich arbeiten ließ. Zuletzt als „Privatdetektive“. Dabei waren ihre Aufträge meistens mehr, selten weniger halbseiden. Jetzt sollen sie Minna beschützen, während er sich in einem Apartmentzimmer mit einem Auftraggeber trifft. Das Treffen gerät aus dem Ruder. Minna wird angeschossen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Essrog und seine Kollegen haben keine Ahnung, wer der Täter ist.
Essrog beginnt den Täter zu suchen. Dabei versucht er aus seinen Beobachtungen und Frank Minnas rätselhaften letzten Worten eine Spur zum Täter zu finden.
Im Buch bewegen Essrog und die anderen Minna Men sich durch das heutige Brooklyn wie klassische Hardboiled-Dicks. Nur ist halt nicht mehr 1950 und sie sind alle keine Sam Spades und Philip Marlowes, sondern mäßig begabte Waisenkinder. Sie sind Handlanger, die in eine Geschichte hineinstolpern, die zu groß für ihre geistigen Fähigkeiten ist.
Außerdem leidet Ich-Erzähler Lionel Essrog am Tourette-Syndrom.
Edward Norton, der das Drehbuch schrieb, die Regie führte und die Hauptrolle übernahm, verlegt die Geschichte von der Gegenwart in die das New York der späten fünfziger Jahre und damit in die Zeit des klassischen Noirs. Damit erscheinen die Minna Men und ihr Verhalten nicht mehr anachronistisch.
Gleichzeitig erfand Norton einen Fall, der deutlich von Roman Polanskis „Chinatown“ beeinflusst ist. Nur dass es dieses Mal um einen Bauskandal aus New York geht.
Moses Randolph (Alec Baldwin) ist ein skrupelloser Baumogul und Teilzeitpolitiker, der mit seinem politischen Amt seine Bauprojekte fördert. Dazu gehört die Zerstörung von von armen, hauptsächlich Schwarzen bewohnten Wohnvierteln. Anschließend baut er dort moderne Mietwohnungen, die für Schwarze nicht bezahlbar sind. Oder er baut eine Schnellstraße. Er hat sich die Stadt zur Beute gemacht und verdient mächtig daran.
Baldwins Figur ist am deutlichsten von Robert Moses inspiriert. Der Stadtplaner entwarf das Gesicht des heutigen New Yorks.
Dieser sich tief in die Stadtgeschichte von New York hineingrabende Plot hat mit Lethems Plot nichts zu tun.
Mit gut zweieinhalb Stunden ist der Film deutlich zu lang geraten. Es ist eine Länge, die vor allem die Eitelkeit des Hauptdarstellers befriedigt, der mit seiner Performance überdeutlich auf einen Oscar zielt.
Für die anderen Schauspieler bleiben da nur noch Nebenrollen. Bruce Willis, der Essrogs Mentor Frank Minna spielt, verschwindet aus dem Film genauso schnell wie aus dem Buch. Nach ein paar Minuten Minuten ist er tot. Danach taucht er noch einige Male in Flashbacks und kurzen Traumszenen, in denen er Essrog kluge Ratschläge gibt, auf. Damit reiht sich diese Rolle vom Umfang her mühelos in Bruce Willis‘ Spätwerk ein. Immerhin tritt er dieses Mal in einem besseren Film auf.
Alec Baldwin, Willem Dafoe und Gugu Mbatha-Raw überzeugen in ihren wenigen, aber wichtigen Auftritten. Gerade Baldwins erster Auftritt ist sehr gelungen inszeniert.
Trotzdem ist „Motherless Brooklyn“ vor allem eine zu lang geratene Fleißarbeit. Noir-Motive werden zitiert, die bekannten Plot-Points mit den vertrauten Figuren abgehandelt. Nur der Protagonist, der Möchtegern-Privatdetektiv Lionel Essrog, fällt mit seiner Störung und den damit verbundenen Macken aus dem Rahmen. Norton präsentiert das überzeugend als ein Period-Piece.
So ist „Motherless Brooklyn“ ein Noir, der weniger Interesse am Krimiplot und dem überschaubar kompliziertem Mordkomplott, als am Ausstellen der schauspielerischen Fähigkeiten von Edward Norton hat.
Motherless Brooklyn (Motherless Brooklyn, USA 2019)
Regie: Edward Norton
Drehbuch: Edward Norton
LV: Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn, 1999 (Motherless Brooklyn)
mit Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Willem Dafoe, Bruce Willis, Ethan Suplee, Cherry Jones, Boby Cannavale, Dallas Roberts, Josh Pais, Radu Spinghel, Michael Kenneth Williams, Leslie Mann
Länge: 145 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
(lesenswert und ganz anders als die Verfilmung)
Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn
(übersetzt von Michael Zöllner)
Tropen Verlag, 2019
376 Seiten
9, 95 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Tropen Verlag, 2001
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Originalausgabe
Motherless Brooklyn
Doubleday, New York 1999
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Neu von Jonathan Lethem
Wenige Tage vor dem Kinostart von „Motherless Brooklyn“ erschien die deutsche Ausgabe von Jonathan Lethems Kurzgeschichtensammlung „Alan, der Glückspilz“. Die neun Geschichte richten sich dabei nicht an den Lethem-Neueinsteiger. Der sollte besser mit einem seiner Romane, wie „Motherless Brooklyn“, beginnen. Die Kurzgeschichten sind Stilübungen, Skizzen, Momentaufnahmen, Ideen und auch Was-zur-Hölle-hat-er-sich-dabei-gedacht?-Texte. Mal mehr, mal weniger absurd, mal mehr, mal weniger in unserer Wirklichkeit spielend.
Wenige Tage vor dem Kinostart von „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“, dem abschließenden Film der aktuellen „Star Wars“-Trilogie und auch, so wird gesagt, dem Abschluss der Skywalker-Geschichte, die 1977 mit „Krieg der Sterne“ begann, sollte man sich schnell auf den aktuellen Stand bringen. Zum Beispiel mit der Lektüre von Jason Frys Filmroman „Star Wars: Die letzten Jedi“, der an einigen Stellen über Rian Johnsons Film hinausgeht und auch einige kleine, sehr kleine, vielfältig interpretierbare Hinweise auf die Geschichte von „Der Aufstieg Skywalkers“ liefert.
Die Geschichte von „Die letzten Jedi“ dürfte inzwischen ja bekannt sein. Jedenfalls gehe ich davon aus.
Nach den Ereignissen von „Das Erwachen der Macht“ ist Rey, ein Waisenkind mit unbekannter Herkunft und einer ungewöhnlich starken Verbindung zur Macht, auf dem Planeten Ahch-To. Dort versucht sie den als Eremiten lebenden Luke Skywalker zu überreden, wieder für den Widerstand zu kämpfen.
Währenddessen kämpft der von Lukes Schwester Leia Organa angeführte Widerstand gegen das diktatorische Regime der Ersten Ordnung. Sie stehen kurz davor, endgültig vernichtet zu werden.
Deshalb werden Finn, ein Ex-Sturmtruppler, und Rose, eine herzensgute Wartungsarbeiterin, die im Roman noch mehr Raum einnimmt als im Film, nach Canto Bight geschickt. Sie sollen den Meister-Codeknacker DJ finden. Er kann ihnen helfen, ein Ortungsgerät, das sich auf einem Raumschiff der Ersten Ordnung befindet und das die Rebellenschiffe jederzeit orten kann, zu zerstören.
Irgendwann sind Rey, Kylo Ren und Snoke, der Oberste Anführer der Ersten Ordnung, gemeinsam in einem Raumschiff der Ersten Ordnung, wo sie sich duellieren. Kylo Ren tötet Snoke. Rey gelingt die Flucht.
Auf dem Planeten Crait kommt es dann zur großen Schlacht zwischen der Ersten Ordnung und dem Widerstand. Luke Skywalker erscheint Kraft seiner Gedanken als eine für alle sichtbare Vision im Schlachtgetümmel. Er verwickelt Kylo Ren in einen Lichtschwertkampf. Damit kann er die Bösewichter so lange ablenken, bis den Guten die Flucht gelingt.
Danach sehen wir, wie auf einem anderen Planeten Lukes Umhang in sich zusammenfällt und uns wird, auch im Roman, nahe gelegt, dass er gestorben sei.
Als Filmroman folgt Jason Fry notgedrungen der Filmgeschichte. Aber er kann immer wieder Szenen vertiefen, Erklärungen einfügen und auch einige Erweiterungen vornehmen, die auf Rian Johnsons verschiedenen Entwürfen beruhen und die selbstverständlich alle von Disney abgesegnet sind. Denn jedes Wort, das Fry schreibt, hat Auswirkungen auf den nächsten Film. Insofern ist er hier noch stärker an den Film gebunden als die Autoren anderer Filmromane, die sich, wenn sie eine Szene einfügen, über die Auswirkungen für künftige Filme keine Gedanken machen müssen. Umgekehrt kann hier davon ausgegangen werden, dass jedes Informationskrümmelchen eine Bedeutung hat.
Das ändert aber nichts an den großen Problemen der Geschichte von „Die letzten Jedi“ als Verbindungsstück zwischen dem ersten und letzten Teil einer Trilogie und an den Problemen, die die Trilogie selbst hat. In meiner Filmbesprechung schrieb ich, dass Rian Johnson viele Angebote und Ideen für den dritten Teil liefere, aber der Regisseur des dritten Teil nach Belieben jedes Angebot und jede Idee umstandslos verwerfen könne. Der Grund dafür ist die Jump-the-Shark-Szene, in der Prinzessin Leia Organa nach einem Torpedoangriff aus dem Raumschiff in den Weltraum geschleudert wird und diesen Raumausflug ohne Hilfsmittel überlebt. Erklärt wird das mit ihrer Beziehung zur Macht. Weil eben diese Beziehung bislang unwichtig war, überzeugt diese Erklärung nicht. Es ist ein billiger Taschenspielertrick, der in diesem Moment benutzt wird. Einmal. Denn auch als Leia Organa sich später wieder am Kampf gegen die Erste Ordnung beteiligt, hat sie keine nennenswerte Beziehung zur Macht. Sie hat nur die sattsam bekannte starke geistige Beziehung zu ihrem Bruder Luke Skywalker.
In dem Moment war mir klar, dass ab jetzt wirklich alles möglich ist. Die Autoren des dritten Teils können alles was vorher geschehen ist, nach eigenem Gutdünken benutzen. Daher gibt es auch keinen Grund, warum Luke Skywalker am Ende von „Die letzten Jedi“ gestorben sein soll.
Ein anderes großes Problem ist, dass auch am Ende des zweiten Teils der Trilogie immer noch unklar ist, was der Hauptkonflikt ist. Also wer der Protagonist und wer der Antagonist ist und worum sie kämpfen.
In der originalen Trilogie war das der Kampf zwischen Luke Skywalker und Darth Vader, seinem Vater.
In der aktuellen Trilogie ist das nicht so klar. Auch wenn immer gesagt wird, dass Rey und Kylo Ren im Mittelpunkt stehen. Immer noch ist unklar, in welcher Beziehung sie genau zueinander stehen und Kylo Ren ist ein wenig charismatischer Bösewicht. Er ist ein Bösewicht, der wenig Macht hat, der von ständigen Selbstzweifeln geplagt ist und der wie ein ungeliebtes, nach Liebe suchendes Kind durch die Raumstation wandelt. Furchterregend ist das nicht.
Aber dieses Dilemma eröffnet die Möglichkeit, wie man die Geschichte abschließen kann. Dann, auch wenn es in „Das Erwachen der Macht“ und „Die letzten Jedi“ nicht so aussieht, wäre Kylo Ren die Hauptfigur der Trilogie. Er hat, im Gegensatz zu Rey und fast allen anderen Figuren, einen Konflikt, der die gesamte Trilogie hätte tragen können, wenn die Macher von Anfang an nicht an einer Nacherzählung der originalen „Star Wars“-Trilogie interessiert gewesen wären. Jason Fry deutet diese Möglichkeit in seinem Filmroman mehrmals an.
Danach ginge es in der aktuellen Trilogie nicht um Rey, sondern um Kylo Ren, einen jungen Mann, der sich von seinen als übermächtig empfundenen Eltern – Prinzessin Leia Organa und Han Solo – und seinem Onkel – dem edlen Luke Skywalker – emanzipieren will. Daher versucht er in die Fußstapfen seines Großvater Darth Vader zu treten. Aber er hadert mit seinem Weg. Er fragt sich, ob er weiter den Weg des Bösen beschreiten soll. Er fragt sich, welcher Mann er sein will. Er versucht seinen eigenen Weg zwischen den übermächtigen Eltern und Großeltern zu wählen. „Der Aufstieg Skywalker“ würde dann die Frage beantworten, welchen Weg Kylo Ren einschlägt.
Wahrscheinlich wird Kylo Ren auch in einer Nebengeschichte geläutert, während Rey und ihre Verbündeten im Mittelpunkt stehen, den Kampf gegen die Erste Ordnung gewinnen, Rey zur Herrscherin über das Universum ausrufen und sie, weil sie viel lieber auf irgendwelchen Wüstenplaneten voller Weltraumschrott herumturnt, wird ihre Macht sofort an das Volk abgeben. Die ersten freien Wahlen erfolgen in der weit, weit entfernten Galaxis ein halbes Jahr nach dem Abspann.
Welche Version dann näher an der Wahrheit liegt, kann ich dann in meiner Filmbesprechung andeuten. Dann habe ich auch den Film gesehen.
Jason Fry: Star Wars: Die letzten Jedi
(übersetzt von Andreas Kasprzak)
Blanvalet, 2019
448 Seiten
9,99 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Penhaligon, 2018
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Originalausgabe
Star Wars: The Last Jedi
DelRey, 2018
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Die Vorlage
Star Wars: Die letzten Jedi(Star Wars: The last Jedi, USA 2017)
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
mit Mark Hamill, Carrie Fisher, Adam Driver, Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Lupita Nyong’o, Andy Serkis, Domhnall Gleeson, Anthony Daniels, Gwendoline Christie, Kelly Marie Tran, Laura Dern, Benicio Del Toro , Anthony Daniels, Jimmy Vee, Frank Oz
LV: Jeffery Deaver: The bone collector, 1997 (Die Assistentin, Der Knochenjäger)
Der fast vollständig gelähmte Superdetektiv Lincoln Rhyme sucht mit seinem Assistenten, der Streifenpolizistin Amelia Donaghy, einen Serienkiller.
Nach all den grandiosen Serienkiller-Filmen der neunziger Jahre ist der Whodunit „Der Knochenjäger“ ziemlich langweilige Kost. Der Roman ist eine andere Angelegenheit.
Mit Denzel Washington, Angelina Jolie, Ed O´Neill, Michael Rooker, Queen Latifah, Luis Guzman
„Der Todbringer“ heißt der gerade auf Deutsch erschienene vierzehnte Lincoln-Rhyme-Thriller. Dieses Mal suchen der immer noch bettlägerige Lincoln Rhyme und seine die Tatorte besichtigende Assistentin Amelia Sachs einen Killer, der Liebespaare in ihren glücklichsten Momenten ermordet. So schnitt der Killer einem jungen Liebespaar und einem Diamanthändler in seinem Geschäft die Kehlen durch. Die Diamanten ließ er am Tatort liegen.
Das klingt nach gewohnt spannender Unterhaltung von Deaver mit seinen beiden bekanntesten Figuren.
Außerdem wird es wieder eine Lincoln-Rhyme-Verfilmung geben. Beginnend mit „Der Knochenjäger“ verfilmt NBC mit Russell Hornsby und Arielle Kebbel Deavers Romane als TV-Serie. „Lincoln Rhyme: Hunt for the Bone Collector“ startet am Freitag, den 10. Januar 2020, im US-TV und wenn die Knochen eingesammelt sind, wissen wir auch, ob Lincoln Rhyme und Amelia Sachs im TV weiter ermitteln dürfen.
Ein Roman ist „Zyankali vom Weihnachtsmann“ nicht. Aber es ist ein neuer Fall für Nero Wolfe und wir haben bald Weihnachten; was heißt, dass es die jährliche Runde von Weihnachtskrimis gibt. Und egal was man von Weihnachtskrimis hält, sie sind in jedem Fall angenehmer als ein Besuch auf einem Weihnachtsmarkt zwischen billigem Glühwein, schlechtem Essen und gruseliger Musik.
Obwohl Archie Goodwin das nach der Weihnachtsfeier im Büro von Kurt Bottweill vielleicht etwas anders sieht. Goodwin ist, wie allgemein bekannt, ein echter Hardboiled-Privatdetektiv der Sam-Spade-Schule und der Gehilfe von Nero Wolfe. Wolfe ist ein übergewichtiger, in einem Backsteinhaus in der Fünfunddreißigsten Straße West in Manhattan, New York, lebender Privatdetektiv. Er ist ein wahres Genie, dass Fälle löst, an denen ein Hercule Poirot scheitern würde. Er ist auch ein Gourmet (für sein leibliches Wohl beschäftigt er einen Sterne-Koch) und Orchideenzüchter. Sein Haus verlässt er fast nie. Außer vielleicht um sich mit dem besten Orchideenzüchter Englands zu treffen.
Goodwin, der ihn zu dem Treffen hätte fahren sollen, lehnt ab. Er muss zur Weihnachtsfeier von Kurt Bottweill. Dort trifft er sich, so sagt er seinem Chef, mit seiner zukünftigen Frau Margot Dickey, die während der Feier den Gästen die Neuigkeit verraten will.
Schon vor dem ersten Umtrunk eröffnet Margot ihm, dass sie ihren Chef Bottweill heiraten werde. Der Zettel auf dem das Hochzeitsaufgebot von ihr und Goodwin angekündigt wird, liegt inzwischen zerrissen in einem Papierkorb in Bottweills Büro. Er hat seinen Zweck erfüllt, den heiratsunwilligen Bottweill endlich zur Heirat zu bewegen. Goodwin hatte sich aus Freundschaft zu Margot bereit erklärt, bei dem kleinen Schwindel mitzumachen.
Bei dem Umtrunk stirbt Bottweill an einer Zyankali-Vergiftung.
Weil Bottweill kurz vor dem allgemeinen Umtrunk aus der Flasche getrunken hat, muss einer der Gäste der Täter sein. Und wenn die Polizei von Goodwins fehlgeschlagenem Heiratsplan erfahren würde, würde er zum Hauptverdächtigen.
Als erstes will sie allerdings mit dem sofort nach dem Mord spurlos verschwundenem Weihnachtsmann reden. Er hatte die Flasche mit dem Zyankali in seiner Hand. Auch wenn sein Motiv unbekannt ist, hat er die Gelegenheit gehabt. Folgerichtig ist er der Hauptverdächtige.
Als Goodwin Wolfe von der Weihnachtsfeier erzählt, verrät Wolfe ihm, dass er der gesuchte Weihnachtsmann ist. Er hatte sich, ohne Goodwin etwas zu sagen, als Weihnachtsmann verkleidet. Nur so konnte er einen Blick auf Goodwins Braut werfen.
Wenn die Polizei das erfahren würde, wären Wolfe und Goodwin die Hauptverdächtigen, die Motiv und Gelegenheit hatten.
„Zyankali vom Weihnachtsmann“ ist eine längere Kurzgeschichte mit dem von Rex Stout erfundenem, legendären Detektiv-Duo. Sie erschien erstmals 1957, einige Tage nach Weihnachten, im Januar-Heft des Magazins „Collier’s“.
Für die aktuelle Veröffentlichung spendierte Klett-Cotta eine neue Übersetzung von Gunter Blank (die sich bei einer flüchtigen Überprüfung nicht so wahnsinnig von Barbara Röhls Übersetzung unterscheidet), ein 24-seitiges Nachwort von Franz Dobler und ein großzügiges Layout, das die Geschichte auf über hundert Seiten aufpimpt. So fällt Stouts Weihnachtsgeschichte im Buchregal neben den bereits bei Klett-Cotta erschienenen Nero-Wolfe-Romanen nicht negativ auf.
Die Geschichte selbst folgt zwar der Whodunit-Formel, aber weil es eine kurze Geschichte ist, gibt es wenige Verdächtige und nur ein überschaubar komplexes Rätsel.
Das macht „The Christmas-Party Murder“ zu einem schnellen Happen für Zwischendurch. Die nächste Hauptmahlzeit ist für den 14. März 2020 angekündigt. Dann veröffentlicht Klett-Cotta in seiner uneingeschränkt lobenswerten Nero-Wolfe-Neuausgabe „Die goldenen Spinnen“.
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Rex Stout: Zyankali vom Weihnachtsmann – Ein Fall für Nero Wolfe
(neu übersetzt von Gunter Blank, mit einem Nachwort von Franz Dobler)
Klett-Cotta, 2019
144 Seiten
12 Euro
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Originalausgabe
The Christmas-Party Murder (in Collier’s, Januar 1957)
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Erste Buchausgabe (Sammelband mit Kurzgeschichten)
And four to go
Viking Press, New York 1958
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Mehr Weihnachten
Die oben erwähnte Übersetzung von Barbara Röhl ist in dem von Otto Penzler herausgegebenen Sammelband „Eine Leiche zum Advent“ (ausführliche Besprechung) enthalten. Neben gut fünfzig weiteren Weihnachtsgeschichte von, u. a. Ellery Queen, Colin Dexter, Donald E. Westlake, Arthur Conan Doyle, John D. MacDonald, Peter Robinson, Ed McBain, Sara Paretsky, Mary Higgins Clark, G. K. Chesterton, H. R. F. Keating, Robert Louis Stevenson und Edgar Wallace.
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Otto Penzler (Herausgeber): Eine Leiche zum Advent – Das große Buch der Weihnachtskrimis
(übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher)
Wenn Polizei und Gerichte nicht für Gerechtigkeit sorgen können, beginnt die Arbeit der Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen. Inzwischen ist sie als „e. V.“ eingetragen und es werden in Berlin die für den Vereinsstatus nötigen Sitzungen und Prüfungen abgehalten. Ihre wahre Vereinstätigkeit ist allerdings im Graubereich zwischen ‚legal‘ und ‚illegal‘ angesiedelt.
In Berlin erpresst Mafiaboss Giulio Moretti italienische Restaurants, seinen billigen Wein zu überhöhten Preisen zu kaufen. Wer das Angebot ablehnt, steht am nächsten Tag vor der Brandruine seines Restaurants.
Nachdem das mit einer Pizzeria geschieht, weitere Wirte sich hinter vorgehaltener Hand über die Schutzgelderpresser beschweren, und auch Gesellschaftsmitglied Silvio Cromm, der zugleich Mitbesitzer mehrerer Restaurants ist, erpresst wird, beschließt die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen etwas gegen die Erpresser zu tun.
Als zweiten Fall nimmt sich die Gesellschaft den VW-Vorstandsvorsitzenden vor. Der Autokonzern will den Menschen, die ein mit einer manipulierten Software ausgestattetes Dieselfahrzeug gekauft haben, keine Entschädigung zahlen.
Michael Opoczynski hat sich diese Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen ausgedacht. Bevor er Krimiautor wurde, war er zwanzig Jahre lang Leiter und Moderator der ZDF-Verbrauchersendung „WISO“ und Sachbuchautor.
„Geiserfahrer“ ist nach „Schmerzensgeld“ sein zweiter Roman mit der Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen. Auf den ersten Blick ist sie eine deutsche Ausgabe des „Leverage“-Teams ist. Das war eine zwischen 2008 und 2012 produzierte US-TV-Serie über eine Gruppe von Verbrechern, die ihre Talente einsetzen, um Gerechtigkeit für ihre Klienten herzustellen. Dafür kämpfen sie gegen noch größeren Verbrecher und große Unternehmen, die ohne schlechtes Gewissen Gesetzeslücken ausnutzen und glauben, mit ihrem Geld eine Freifahrschein für Verbrechen zu haben. Die oft ziemlich groß angelegten Betrügereien des „Leverage“-Teams profitieren von den Talenten der Mitglieder, die unter anderem Trickbetrüger, Einbrecher, Computergenies und Nahkämpfer sind.
Die deutsche Ausgabe ist dagegen arg piefig geraten. Die Mitglieder sind durchgehend älter, teils sogar schon pensioniert. Auch die jüngeren Mitglieder wirken ziemlich alt. Ihre unkonventionellen Maßnahmen sind keine groß angelegten Betrugsmanöver, die sie selbst in Lebensgefahr und ins Gefängnis bringen könnten. Ihre Maßnahmen gegen die skrupellosen Verbrecher sind Streiche, wie man sie schon zu Heinz Erhardts Zeiten kannte. So lassen sie einmal eine Tankladung Billigwein in die Kanalisation fließen. Oder sie übernehmen die Steuerung bei einem selbstfahrendem Auto.
Damit bleiben sie immer sympathisch, aber auch arg harmlos im Kampf gegen ein System, das die Großen beschützt und die Kleinen im Regen stehen lässt.
Der Roman selbst profitiert von Opoczynskis Wissen als Redakteur eines Verbrauchermagazins. Die Fälle der Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen sind direkt aus den Schlagzeilen übernommen. Allerdings führt diese Aktualität und Betroffenheit in „Geisterfahrer“ immer wieder zu arg thesenhaften Dialogen und Absätzen, während die Handlung bestenfalls vor sich hin plätschert. Weil es keine direkte Konfrontation zwischen den Guten und den Bösen gibt, wird es für die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen nie gefährlich. Das gilt vor allem für die italienische Mafia, die hier schnell weniger bedrohlich als eine Gruppe betrunkener Skatbrüder ist.
So ist „Geisterfahrer“ letztendlich eine harmlose Schnurre.
P. S.: In Berlin ist seit 2007 der Verein „Mafia? Nein, Danke!“ aktiv. Seine Mitglieder wehrten sich damals, zusammen mit der Polizei, erfolgreich gegen Schutzgelderpresser.
Cassandra Darke ist eine ältere, übergewichtige, notorisch schlecht gelaunte, Menschen hassende Kunsthändlerin. In London wohnt sie im noblen Chelsea und danach scheinen die Geschäfte wirklich gut zu gehen. Scheinen. Denn als bekannt wird, dass sie Fälschungen verkauft, bekommt sie Probleme mit der Justiz.
Nachdem die 71-jährige zu einer Bewährungsstrafe und Sozialstunden verurteilt wurde, entdeckt sie in der Kellerwohnung ihres Hauses eine Pistole, die wahrscheinlich Nicki Boult gehörte.
Nicki ist eine mittellose Aktionskünstlerin, die einige Monate bei Cassandra lebte. Sie verliebte sich in einen Mann und geriet so in kriminelle Kreise. Dabei gelangte auch die Pistole, die ein Verbrechen beweisen könnte, in ihre Hände.
Jetzt überlegt Cassandra, was sie mit der Waffe tun soll – und ob sie Nicki helfen soll.
Posy Simmonds erzählt diese Geschichte als bebilderte Kurzgeschichte. Denn für einen Comic gibt es zu viele Fließtextteile. Und für eine Kurzgeschichte gibt es dann wiederum zu viele Zeichnungen, teils mit, teils ohne Sprechblasen. Teils das Geschriebene illustrierend, teils die Geschichte weiter erzählend. Diese ungewöhnliche Mischung funktioniert ausgezeichnet.
Die Geschichte selbst ist dann weniger eine Kriminalgeschichte, sondern mehr eine mit bösem Humor erzählte Charakterstudie mit Krimi-Beilage.
Keine Ahnung, wie es der Werbeabteilung gelang, den Verleih von dem Titel „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ zu überzeugen. Denn der Originaltitel ist, wie der Buchtitel „Doctor Sleep“ und unter diesem Titel erschien auch die deutsche Ausgabe von Stephen Kings Roman. An der Kinokasse wird wahrscheinlich immer nach „Doctor Sleep“ gefragt werden und so werde ich den Horrorfilm fortan nennen.
„Doctor Sleep“ ist die jetzt von Mike Flanagan verfilmte, 2013 erschienene Fortsetzung von „Shining“ und es hilft, sich vor dem Kinobesuch noch einmal Stephen Kings Roman und Stanley Kubricks Verfilmung ins Gedächtnis zu rufen. Der Roman bezieht sich, weil King Kubricks Verfilmung nicht gefällt, nur auf den Roman. Flanagans Verfilmung auf den Roman und auf Kubricks Film. Denn er bewundert den Roman und die Verfilmung und er will in seinem Film beide Visionen miteinander vereinigen und in seinen Film einfließen lassen.
In „Shining“ nimmt Jack Torrance über den Winter eine Stelle als Hausmeister des abgelegen in den Bergen liegenden Overlook Hotels an. In diesen Monaten sind nur er, seine Frau Wendy und sein fünfjähriger Sohn Danny im Hotel. Jack will in dieser Zeit ein Theaterstück schreiben. Kurz darauf verliert Jack, ein Alkoholiker, den Verstand in dem von Geistern bevölkerten Hotel. Er will seine Familie töten. Wendy und Danny gelingt die Flucht. Jack verbrennt im Hotel.
1980 verfilmte Stanley Kubrick Stephen Kings Roman. Der Film mit Jack Nicholson als schon von der ersten Minute an verrücktem Jack Torrance war ein Hit und gilt als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten. Stephen King war mit den von Kubrick vorgenommenen Änderungen und der Verfilmung allerdings immer unzufrieden. Vor allem gefiel ihm nicht, dass der Film-Jack-Torrance von Anfang an verrückt ist und er daher keine emotionale Entwicklung hat.
2013 veröffentlichte King „Doctor Sleep“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Dan ‚Danny‘ Torrance weiter und in all den Flashbacks und Erinnerungen, die Dan an seine Eltern und das Overlook Hotel hat, bezieht er sich auf die Ereignisse aus dem Roman. Flanagan auf die Ereignisse aus dem Roman und dem Film.
King und Flanagan erzählen in „Doctor Sleep“ zuerst in epischer Breite, was Dan Torrance (Ewan McGregor) in den Jahren nach den Ereignissen im Overlook Hotel zustieß, wie er Alkoholiker wurde und in der New-Hampshire-Kleinstadt Frazier eine Heimat fand. Dort arbeitet er in einem Hospiz und hilft den Menschen beim Sterben. Deshalb wird er auch ‚Doctor Sleep‘ genannt.
Zur gleichen Zeit fährt der „Wahre Knoten“ durch die USA. Sie sind, angeführt von Rose the Hat (Rebecca Ferguson, charismatisch), eine vampirähnliche Gruppe, die durch das Steam, was der letzte Atemzug von Menschen mit dem Shining ist, ewig leben können. Der Steam ist bei jungen Menschen besonders stark. Als sie den ‚Baseball-Jungen‘ töten, werden sie von der mehrere hundert Meilen entfernt lebenden Abra Stone (Kyliegh Curran) beobachtet. Abra verfügt über ein besonders starkes Shining und sie will nicht, dass der Wahre Knoten weitere Kinder tötet, foltert (das verstärkt den Steam) und ihren Steam einatmet. Sie trifft sich mit Dan. Mit ihm unterhielt sie sich bislang nur mental. Aber er ist der einzige Mensch, den sie kennt, der ihre Fähigkeiten versteht und der ihr helfen kann, damit umzugehen.
Gemeinsam beschließen sie und ein, zwei Freunde, gegen Rose the Hat und ihre Bande vorzugehen.
An diesem Punkt ist man ungefähr in der Mitte des siebenhundertseitigen Romans, der über viele Seiten Dan Torrances Lebensgeschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht, wie er zum Alkoholiker und Ex-Alkoholiker wird und über viele Jahre das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker absolviert. „Doctor Sleep“ ist vor allem die Geschichte eines Kampfes gegen die Sucht (was vor allem ein Kampf gegen verschiedene innere Dämonen ist) und vom Finden des Sinn des Lebens. Die Horrorgeschichte verdeckt das kaum. Für eine Verfilmung ist diese epische Struktur denkbar ungeeignet. Zu viele Episoden sind schon auf den ersten Blick für die Hauptgeschichte (den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat) vollkommen unwichtig. Die wenigen Informationen, die wirklich wichtig sind, um den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat und den Wahren Knoten zu verstehen, könnten auch mühelos in die Hauptgeschichte eingefügt werden.
Der Roman ist ein langes, sich langsam entwickelndes sinfonisches Werk, in dem bestimmte Motive immer wieder auftauchen und wichtiger werden. Dank Stephen Kings Schreibstil liest man das gerne, aber auch etwas desinteressiert auf der Suche nach dem schon im Klappentext angekündigtem Plot.
In seiner Verfilmung behielt Flanagan die Struktur des Romans bei. Auch wenn er einige Figuren strich und einige Ereignisse in der Chronologie etwas verschob. Einige Figuren und Orte, die im Roman wichtig sind, werden auch im Film groß eingeführt und dann nicht weiter beachtet. Das gilt für eine Drogensüchtige und ihr Kleinkind und, in Frazier, Dr. John Dalton (Bruce Greenwood) und Orte, wie die Teenytown Railway in Frazier. Einige Personen und mit ihnen verbundene Handlungsstränge, wie Abras Urgroßmutter, fehlen.
Das ändert aber nichts daran, dass die ersten 75 Minuten des 150-minütigen Films reichlich spannungsfrei vor sich hin plätschern. Wer den Roman nicht kennt, wird diese Hälfte vor allem als eine Abfolge aus weitgehend zusammenhanglos aufeinander folgenden Szenen wahrnehmen und sich fragen, wann endlich die Geschichte beginnt.
In der zweiten Hälfte wird es dann spannender und beim Finale setzt Flanagan dann eigene Akzente. Im Roman ist die finale Konfrontation in der Overlook Lodge. Im Film treffen sie im immer noch stehenden Overlook Hotel aufeinander. Das seit Jahrzehnten verlassene Hotel sieht noch genauso aus wie in Kubricks Film. Flanagan verbindet hier Kings Roman mit Kubricks Film zu einem eigenständigem Ende, das deutlich Kubricks Film zitiert. Dan stellt sich seinen Dämonen, tritt in die Fußstapfen seines Vaters (ohne nach der nächsten Schnapsflasche zu greifen) und versucht mit seinem Shining und den Dämonen, die er in den vergangenen Jahrzehnten in seinem Gehirn in Kassetten einschloss, und den im Hotel lebenden Geistern Rose the Hat zu besiegen.
Dieses Finale ist dann vielleicht nicht hundertprozentig gelungen und das Ende ist, nun, diskussionswürdig. Mir gefällt das aus meiner Sicht positivere Romanende besser. Aber immerhin hört Flanagan in diesen Minuten endlich auf, den Roman zu bebildern.
Von genau dieser Eigenständigkeit hätte ich mir während des gesamten Films mehr gewünscht. So ist der Film eine gekürzte Version des Romans, bei der immer unklar ist, worum es ihm eigentlich geht. Er findet nie die richtige Balance zwischen Alkoholikerdrama, Horrorgeschichte und Coming-of-Age-Geschichte.
Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen (Doctor Sleep, USA 2019)
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan
LV: Stephen King: Doctor Sleep, 2013 (Doctor Sleep)
mit Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Emily Alyn Lind, Selena Anduze, Robert Longstreet, Carl Lumbly, Bruce Greenwood, Jacob Tremblay, Henry Thomas
Länge: 152 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage, jetzt mit dem Filmcover
Stephen King: Doctor Sleep
(übersetzt Bernhard Kleinschmidt)
Heyne, 2019 (Filmausgabe)
720 Seiten
12,99 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2013
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Originalausgabe
Doctor Sleep
Scribner, New York, 2013
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Die Vorgeschichte, wieder erhältlich mit neuem Cover
Stephen King: Shining
(übersetzt von Harro Christensen)
Bastei-Lübbe, 2019
624 Seiten
11 Euro
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Deutsche Erstausgabe 1980, seitdem unzählige Neuauflagen.
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Originalausgabe
The Shining
Doubleday & Co, 1977
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Stephen Kings neuer Roman, geeignet für lange Herbst- und Winterabende am Kaminfeuer
Seit einigen Tagen käuflich erhältlich: In „Das Institut“ werden paranormal begabte Kinder in einem hermetisch abgeschirmten Institut in Maine (Wo sonst?) gefangen gehalten. Als der zwölfjährige Luke Ellis dorthin entführt wird, beginnt er seine Flucht zu planen. Das einzige Problem ist, dass das bislang noch niemandem gelungen ist.
Die ersten Kritiken über diesen Thriller sind weitgehend positiv, auch wenn Kirkus Reviews meint, „Das Institut“ sei nicht so furchteinflößend wie „Shining“ oder „Es“. Der Boston Globe schreibt, „Das Institut“ lese teilweise wie eine Neu-Interpretation von „Feuerkind“ für die Gegenwart.
Im Moment ist eine Verfilmung als TV-Miniserie geplant. Aber weil von ungefähr jedem King-Werk eine Verfilmung geplant ist, sagt das wenig.
Wyatt gehört zu einer kleinen Gruppe literarischer Serientäter. Polizisten, Privatdetektive und auch Geheimagenten ermitteln normalerweise in Krimiserien. Verbrecher selten. Sie sind ja die gegen Gesetze verstoßende Bösewichter, die am Ende der Geschichte geschnappt werden. Aber seitdem Richard Stark 1962 in „The Hunter“ (später, wegen der Verfilmungen „Point Blank“ und „Payback“, auf deutsch zuerst „Jetzt sind wir quitt“) Parker über die George-Washington-Brücke Richtung Manhattan gehen ließ, gibt es auch einige eiskalt Gewinn und Risiko abwägende Profiverbrecher, die stoisch ihrer Berufung folgen, bevorzugt allein arbeiten und immer wieder Ärger mit anderen Verbrechern und, selten, der Polizei haben. Moralische Bedenken haben sie nicht und am Ende der Geschichte können sie ziemlich oft mit der Beute entkommen.
Parkers bekannteste und erfolgreichsten Nachfolger sind Garry Dishers Wyatt, der 1991 in „Gier“ (Kickback) seinen ersten Diebstahl verübte, und Wallace Strobys Crissa Stone, die seit 2011 in nur vier Romanen auftrat. Wobei auch bei ihr eine Fortsetzung, wie ein Blick auf die Karrieren von Parker und Wyatt zeigt, nicht ausgeschlossen ist.
Am Anfang von „Hitze“, dem achten Wyatt-Abenteuer, braucht Wyatt wieder Geld. Mintos Angebot für einen Diebstahl, den Wyatt allein durchführen kann, kommt da gerade im richtigen Moment. Er soll ein Gemälde aus einer Wohnung an der Gold Coast, einem Touristen- und Rentnerparadies in Australien, stehlen. Verdienen würde er hunderttausend Dollar. Dass es sich bei dem von einem flämischen Maler im 17. Jahrhundert gemaltem Bild möglicherweise um Raubkunst handelt und es nach dem Diebstahl wieder in den Händen des rechtmäßigen Besitzers wäre, würde Wyatt nur dann interessieren, wenn er seine Diebstähle mit irgendwelchen moralischen Kriterien verbände. So ist es einfach nur sein nächster Diebstahl. Dieses Mal halt ein Auftragsdiebstahl mit einigen Mitwissern mehr als ihm gefällt. Denn die Auftraggeberin, eine in Brüssel lebende Jüdin, ist ebenfalls vor Ort. Mintos Nichte, die Immobilienmaklerin Leah Quarrell, hat das Haus ausspioniert und sie möchte gerne stärker in Wyatts Diebstahl involviert sein. Sie schmiedet auch schon einige Pläne, wie sie an das Gemälde kommen könnte.
Während Wyatt noch hofft, dass es trotz der vielen Mitwisser ein einfacher Diebstahl wird, braut sich über dem Diebstahl einiges an Unheil zusammen.
„Hitze“ ist ein weiterer gelungener Wyatt-Roman. Disher erzählt gewohnt schnörkellos. Er pendelt zwischen mehreren Erzählsträngen und hat immer noch genug Zeit für einige überraschende Wendungen, die aus einem einfachen Einbruch an einem sonnigen Nachmittag eine veritable Selbstmordmission machen. Denn in Wyatts Welt sind Gier, Verrat und Dummheit immer nur einen Schritt weit entfernt. Aber Wyatt ist clever und er könnte mit der Beute entkommen.
Zur Freude aller Wyatt-Fans erschien in Australien, Garry Dishers Heimat, bereits 2018 das neunte Wyatt-Abenteuer „Kill Shot“.
Charlotte Wiedemann reiste als Journalistin für „Geo“, „Die Zeit“, „Le Monde Diplomatique“ und die „taz“ um die halbe Welt, berichtete oft aus Asien und Afrika und erhielt 2017 von der Otto-Brenner-Stiftung den Spezial-Preis für ihr Lebenswerk.
In ihrem neuen Buch „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ geht es, wie der Titel verrät, um die Veränderungen in westlichen Gesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten. Denn die jahrhundertelang gepflegte Zeit der unumstrittenen Dominanz des Westens ist vorbei. Diese ‚weiße Dominanz‘ war und ist in erster Linie die Dominanz weißer Männer über Menschen anderer Hautfarbe und Geschlecht; in zweiter Linie die weißer Frauen über Menschen anderer Hautfarbe.
Wer an dem Ende der weißen Herrschaft und der damit verbundenen Dominanz des Westens zweifelt, muss nur einen Blick in ein x-beliebiges Büro oder die Straße einer westeuropäischen Großstadt werfen und das heutige Bild mit einem Bild aus den fünfziger Jahren vergleichen. Oder sich einige Statistiken mit globalen militärischen und ökonomischen Daten ansehen.
Mit Zahlen hat Wiedemann es dann nicht so sehr. Ihr geht es mehr um das mit Beispielen gesättigte Nachzeichnen von Entwicklungen, die sie selbst miterlebte. Besonders gut gelingt ihr das, wenn sie erzählt, wie die Bundesrepublik sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte. Als sie zur Schule ging, waren alle ihre Mitschülerinnen weiße Deutsche, die evangelisch oder katholisch waren. Und der Graben zwischen Evangelen und Katholen erschien unüberwindbar. Heute sehen Schulklassen ganz anders aus. Als sie im Sommer 1983 als Lokalreporterin erstmals die Wohnung einer Gastarbeiterfamilie betrat, war in deren Wohnung kein Zeichen ihrer Religion zu sehen. Stattdessen bemühten sie sich um größtmögliche Unauffälligkeit. Im öffentlichen Leben kamen die Gastarbeiter nicht vor. Sie hatten keine Stimme. Heute gehören die Kinder und Enkelkinder der Gastarbeiter fest zum Straßenbild und zur Öffentlichkeit. Dass sie mit italienischem (Pizza!) und türkischem (Döner!!) Essen die deutsche Esskultur (Saumagen) bereicherten, ist ebenso unstrittig.
Dieses Kapitel „Wie wir waren. Wie wir sein werden“ ist das stärkste Kapitel des Buches, weil Wiedemann hier persönliches Erleben mit der Geschichte Deutschlands verbindet und durchgehend ein größerer erzählerisch-argumentativer Zusammenhang erkennbar ist. In den folgenden Kapiteln fehlt er zugunsten einer eklektischen Zusammenstellung von kurzen, unabhängig nebeneinander stehenden Texten. Sie schreibt über Rassismus, Feminismus, den Islam, Kolonialismus, die vergessene deutsche Kolonialgeschichte und den weißen Blick auf freiwillige und unfreiwillige Mobilität und Gewalt. Dabei zeigt sie immer wieder, wie sehr die weiße Perspektive sich von anderen Perspektiven unterscheidet und wie sehr die weiße Perspektive Dinge ausblendet. Bei der ‚Asylflut‘ die Fluchtursachen; bei den ‚kriminellen dunkelhäutigen Verbrechern‘ die von Deutschen begangenen Verbrechen.
Das ist durchaus interessant und auch immer wieder erhellend. Aber sehr schnell wird Wiedemanns selbstgewählte Anspruch beim Lesen zum Stolperstein. Im Vorwort schreibt sie, ihr Buch sei „ein Mosaik von Gedanken, Erinnerungen und Begegnungen geworden. Die kurze Form der Texte lädt ein zum Innehalten und zum vernetzten Lesen“.
Es ist damit auch ein Buch, das man nicht unbedingt in einem Rutsch durchlesen sollte. Es ist eine Gedankensammlung irgendwo zwischen Notizen und Zeitungskommentaren, die nur sehr lose miteinander zusammenhängen. Daraus ergibt sich, notgedrungen, keine durchgehende Argumentation und auch keine tiefschürende Analyse. Alles bleibt letztendlich im Anekdotischen und Oberflächlichen stecken. Nicht etwa, weil Wiedemann nichts zu sagen hätte, sondern weil sie in den kurzen Texten nicht in die Tiefe gehen kann.
So schlecht „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“ als Buch funktioniert (jedenfalls, wenn man mehr als Gedankensplitter erwartet), so gut können die Texte bei einer Lesung als Einstieg in eine Diskussion funktionieren. Denn da kann nachgefragt, widersprochen, präzisiert und erklärt werden.
In Berlin kann das in den kommenden Tagen zweimal überprüft werden. Am Freitag, den 8. November, liest Wiedemann in Buchhandlung Leporello (Krokusstraße 91) ab 19.00 Uhr aus ihrem Buch. Die Lesung ist Teil der Reihe »Widerworte« der Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus.
Am Mittwoch, den 20. November, stellt Wiedemann ab 20.00 Uhr ihr Buch im Buchladen Schwarze Risse (Gneisenaustr. 2a) vor. Es handelt sich um eine Benefiz-Lesung für das Bürger*innen-Asyl Berlin.
Als Hit-Girl ein Schulmassaker abkürzt indem sie die beiden Täter enthauptet, entdeckt sie in der Schulbibliothek ein True-Crime-Buch über sich. Auf dem Cover steht, dass die Geschichte bald verfilmt werde. Also macht sie sich neugierig auf den Weg nach Hollywood. Auf dem Flug tötet sie einen Mann, der sie begrapscht. Am Ende des ersten Hefts der vierteiligen Geschichte „Hit-Girl in Hollywood“ von Autor Kevin Smith und Zeichnerin Pernille Ørum wird der erste Satz gesagt: „Ich sehe tote Menschen.“
Das sagt ‚Hit-Girl‘ Mindy McCready auf dem bekannten Hollywood-Schild sitzend – und jeder, der Mindy McCready aus den vorherigen „Hit-Girl“-Abenteuern oder den auch verfilmten „Kick-Ass“-Geschichten kennt, weiß, dass Mindy McCready von ihrem Vater zu einer…ach, seht euch einfach diesen eigentlich alles erklärenden Clip an:
Damit ist klar, dass Mindy tote Menschen nicht im „Sixth Sense“-Sinn versteht und in Hollywood demnächst einige Gräber geschaufelt werden.
Aber zuerst besucht Mindy das Set von „Bisher bei Hit-Girl“, trifft Juniper Florence, die sie spielt, und sieht, dass der Film ihr Leben verfälscht. Kurz darauf ist Lew Brothsteen, der den Film produziert und ein Harvey-Weinstein-würdiges Verhalten gegenüber jungen Frauen hat, entmannt. Und Mindy wird als Täterin gejagt.
Kevin Smith hat seine Geschichte mit Anspielungen auf Hollywood, überraschenden Wendungen und Witzen gespickt. So heißen die Mindy verfolgenden Polizisten Magnum und P. I., die sie verfolgenden FBI-Agenten Green und Orange und Florences Publicity Manager Gary Busey.
In diesem fröhlichen Treiben fehlen nur die Genoveses; die Mafiafamilie, die Hit-Girl in New York tötete. Die überlebenden Familienmitglieder machen sich, begleitet von einigen eiskalten Killern, rachedurstig auf den Weg nach Hollywood.
Auch das vierte nicht von Hit-Girl-Erfinder Mark Millar geschriebene „Hit-Girl“-Abenteuer ist ein großer Spaß, der nahtlos an Millars Werke anknüpft.
Kevin Smith ist ein bekennender Comic-Fan und Regisseur. Ich sage nur „Clerks“, „Mallrats“, „Jersey Girl“, „Chasing Amy“, und „Red State“.
Pernille Ørum ist eine dänische Illustratorin, Konzept- und Animationskünstlerin. „Hit-Girl in Hollywood“ ist ihr Comic-Debüt.
Der Titel „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ ist etwas irreführend. Jedenfalls wenn man einen durchgehenden Text mit einer einzigen These erwartet. Denn Tim Parks, Romanautor, Übersetzer, Essayist und Universitätsprofessor an der Universität Mailand, sammelte in dem Buch die Kolumnen, die er ab 2011 für die Webseite der New York Review of Books schrieb. In den 33 (im Original 37) kurzen Texten setzt er sich mit verschiedenen Aspekten des Literaturbetriebs, des Schreibens und des Lesens auseinander.
Es geht um lokale und globale Literatur, Literaturpreise und wie das beste Buch gefunden werden kann, um nicht fertig gelesene Bücher, das Übersetzen von Texten, die Arbeit des Schriftstellers, amerikanisches und englisches Englisch und als was er in verschiedenen Ländern wahrgenommen wird. Das ist das Schicksal eines Lebens zwischen Universitätsprofessor, Literaturkritiker, Übersetzer und Autor in verschiedenen Genres.
In jedem der durchgehend unterhaltsamen Essays gibt es mindestens einen nachdenkenswerten Gedanken. Als Sammlung von Aufsätzen beansprucht es auch überhaupt nicht die thematische Geschlossenheit, die der Titel erwarten lassen.
Daher ist „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ eine vergnügliche Nebenbei-Lektüre, die sich vor allem an Autoren und Menschen, die an Hintergründen zum Buchbetrieb interessiert sind, richtet. Auch wenn ich immer noch nicht weiß „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“.
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Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen
Staatssekretär Dr. Marcel Kamrath hat es fast geschafft. Die von ihm über Jahre verfolgte Initiative zur Legalisierung von Cannabis soll in wenigen Tagen im Bundestag verabschiedet werden.
Da taucht sein totgeglaubter Freund Sander van Haag in Berlin auf. 1983 lebte er mit ihm und Kiki Molenaar in Amsterdam in der Hausbesetzerszene. Geld verdienten sie mit dem Verkauf von Drogen. Als die jugoslawische Mafia ihr Revier übernehmen will, wollen sie sich bei ihnen einkaufen. Sander und Kiki gehen mit dem Geld zu einem Treffen. Einige Tage später liest Kamrath in einer Zeitung, dass die Leiche von Kiki gefunden wurde. Sander bleibt verschwunden. Und Kamrath, der sich vor Racheakten fürchtet, flüchtet nach Deutschland.
Jetzt ist Sander wieder da und er behauptet, dass zwischen ihnen alles in Ordnung sei. Nach einigen mit Freundlichkeiten, Drogen und seltsamen Ereignissen gefüllten Tagen, rückt Sander mit seinem für erfahrene Krimileser erwartbarem Anliegen heraus: er möchte, dass Kamrath seine Initiative zur Legalisierung von Drogen sofort stoppt. Die niederländische Drogenmafia fürchte um den lukrativen deutschen Absatzmarkt.
Kamrath, der weiß, dass innerhalb des parlamentarischen Betriebs seine Initiative kaum noch aufgehalten werden kann und dass Sander ihn, wenn er ihm diesen Wunsch erfüllt, immer weiter erpressen wird, beschließt gegen ihn zu kämpfen. Und zwar so, dass niemand davon erfährt.
Im ersten Moment erinnerte mich die Ausgangslage von dem neuen Krimi des seit Jahren zusammen schreibenden deutsch-niederländischen Autorenduos Hoeps & Toes an -kys spannenden Erpressungsthriller „Einer von uns beiden“. In dem Roman erpresst ein Student einen Professor, der eine amerikanische Arbeit als seine Doktorarbeit ausgab. Zwischen beiden beginnt im West-Berlin der frühen siebziger Jahre ein tödliches Duell. Wolfgang Petersen verfilmte den Roman.
Aber Hoeps & Toes erzählen mit einigen Ellipsen, Zeit- und Erzählperspektivenwechsel, im trockenen Hardboiled-Stil, schnell eine ganz andere Geschichte. So nehmen die Schilderungen parlamentarischer Abläufe und der alltäglichen Arbeit eines Berufspolitikers viel Raum ein. Es geht um notwendige Absprachen, öffentliche Auftritte, zeitraubende Gespräche mit potentiellen Spendern und die großen und kleinen Deals, die jeder Politiker machen muss, wenn er für seine Projekte Mehrheiten beschafft. In diesem Fall muss Kamrath jetzt so Mehrheiten gegen sein Herzensprojekt beschaffen, dass niemand ahnt, dass er es sabotiert. In diesen Momenten wird das direkte Duell zwischen Kamrath und Sander zur Nebensache.
Der Kampf zwischen dem skrupellosen Erpresser und dem ziemlich ehrbaren Profipolitiker eskaliert dann auch anders, als man es erwartet und es endet, so viel kann verraten werden, nicht in einem tödlichen Faustkampf zwischen den beiden Kontrahenten.
Eine spannende Lektüre.
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Am Dienstag und Mittwoch stellen Thomas Hoeps und Jac. Toes ihr neues Buch in Berlin vor.
Am Dienstag, den 22. Oktober, sind sie in einer „Closed Shop Lesung“ (was immer das bedeuten mag) um 19.00 Uhr in Kamraths Stammlokal, dem Café Anna Koschke (Krausnickstraße 11).
24 Stunden später, am Mittwoch, den 23. Oktober, um 19.30 Uhr stellen Hoeps & Toes ihren Roman im Hanf Museum (Mühlendamm 5) vor.