Über Nathan Larsons Dewey-Decimal-Romane „2/14“, „Boogie Man“ und „Zero One Dewey“

September 17, 2016

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Als Diaphanes vor zwei Jahren in seiner kurzlebigen „Penser Pulp“-Reihe „2/14“ (The Dewey Decimal System, 2011) veröffentlichte, freuten sich die Krimifans über einen ungewöhnlichen Helden, der in einem dystopischen New York als; – ja als was eigentlich? – , arbeitete. Dewey Decimal war Soldat. Vor einiger Zeit, am Valentinstag (bzw. 2/14), gab es eine Katastrophe, die die Bevölkerung New Yorks ziemlich dezimierte und die Welt in irgendein Mittelalter zurückbombte. Seitdem sortiert Dewey Decimal in der New York Public Library die Bücher systematisch. Sein jetziger Name Dewey Decimal basiert auf diesem Sortiersystem. Außerdem desinfiziert er sich alle paar Sekunden die Hände, trägt meistens OP-Handschuhe und einen Mundschutz und wechselt ständig seine Anzüge.

In „2/14“ soll er im Auftrag des nicht gewählten District Attorney von New York, Daniel Rosenblatt, einen ukrainischen Mafiosi töten.

Das bewegte sich noch, auch weil eine Femme Fatale im Spiel ist, im vertrauten Hardboiled-Fahrwasser. In einer dystopischen Welt, über die man mehr erfahren will. Erzählt von einem Ich-Erzähler, dessen mehr oder weniger zuverlässigen Erinnerungen bruchstückhaft, lückenhaft und implantiert sind.

In „Boogie Man“, dem zweiten Band, der noch bei Diaphanes erschien, und „Zero One Dewey“, dem Abschluss der Trilogie, der jetzt bei polar erschien, erzählt Nathan Larson die Geschichte von Dewey Decimal weiter.

In „Boogie Man“ entdeckt Dewey im verwaisten Büro von DA Daniel Rosenblatt eine Akte in der es Beweise für die Involvierung des erzkonservativen, die traditionellen Familienwerte und die Bibel hochhaltenden US-Senators Clarence Howard an dem Mord an einer koreanischen Prostituierten vor zwanzig Jahren gibt. Schnell entwickelt sich eine wilde Hatz, weil mehrere Parteien die Akte über den alten Mordfall haben wollen.

In „Zero One Dewey“ soll Dewey im Auftrag von Senator Howard zwei junge Mitglieder des saudischen Königshauses, Bruder und Schwester, beschützen. Auch hier entwickelt sich schnell eine wilde Hatz. Dieses Mal unter besonderer Beachtung der Kanalisation der entvölkerten Millionenstadt.

Neben diesem Hauptplot erfahren wir auch einige Hintergründe über das Valentinstag-Katastrophe und über Deweys Beteiligung daran. Allerdings gibt es keine groß angelegte, detaillierte Aufklärung darüber, sondern nur Splitter und Teile einer Erklärung, die durch Deweys zunehmenden Gedächtnislücken noch rudimentärer geraten.

Auch der Hauptplot gestaltet sich in „Boogie Man“ und „Zero One Dewey“ zunehmend rudimentärer und auch flacher. Beide Male rennt Dewey durch die Stadt, wird gejagt, zusammengeschlagen und kämpft um sein Überleben, während Erklärungen immer spartanischer ausfallen. So erfahren wir nicht, warum in „Boogie Man“ die Akte über den zwanzig Jahre alten Mord so wichtig ist. In „Zero One Dewey“ warum die beiden Schutzbefohlenen sterben sollen. Daran ändern auch die eingestreuten Erklärungen, die ebenso kompliziert, wie halbherzig und nebulös sind, nichts.

Das mindert das Lesevergnügen ungemein. Am Ende ist die schwarzhumorige Dewey-Decimal-Trilogie eine Trilogie, die nach einem überzeugendem Anfang zunehmend schwächer wird. Das liegt auch an der Idee, die Geschichte von einer Person erzählen zu lassen, die zu einem zunehmend unzuverlässigem Erzähler wird, der niemals auch nur einen kleinen Teil des Spielbrettes und des Spiels, über das man mehr erfahren möchte, überblickt.

Nathan Larson: Zero One Dewey

(übersetzt von Andrea Stumpf)

Polar, 2016

308 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

The Immune System

Akashic Books, New York, 2015

Nathan Larson: Boogie Man

(übersetzt von Andrea Stumpf)

Diaphanes, 2014

288 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

The Nervous System

Akashic Books, New York, 2012

Hinweise

Homepage von Nathan Larson

Wikipedia über Nathan Larson (deutsch, englisch)

The Nervous Breakdown hat 21 Fragen an Nathan Larson, die er auch alle beantwortete (10. Juli 2012)

Meine Besprechung von Nathan Larsons „2/14“ (The Dewey Decimal System, 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: Mit „Tschick“ in die Walachei

September 16, 2016

Wo warst du in den Ferien?“

Der vierzehnjährige Maik Klingenberg hat seine Sommerferien nicht mit seinen Eltern verbracht. Seine Mutter, eine Alkoholikerin, war auf Entziehungskur und sein Vater mit seiner Assistentin auf Geschäftsreise. Maik hatte das ganze Haus in Marzahn für sich, aber sein neuer Klassenkamerad Andreij ‚Tschick‘ Tschichatschow, ein russischer Spätaussiedler mit extrem uncoolen Klamotten, kommt bei ihm mit einem ausgeliehenen Lada (jaja, geklaut) vorbei. Gemeinsam beschließen die beiden Outsider, die nicht zur Geburtstagsfeier der Klassenschönheit eingeladen wurden, Ostberlin in Richtung Walachei, wo auch immer das ist, zu verlassen.

Als vor sechs Jahren Wolfgang Herrndorfs Jugendbuch „Tschick“ erschien, war es ein Überraschungserfolg, der in Deutschland über 2,2 Millionen mal verkauft wurde, etliche Preise erhielt, in über 25 Ländern veröffentlicht wurde und die Grundlage für ein Theaterstück war. In der Theatersaison 2014/15 war es das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Da war, auch weil Herrndorf ein großer Filmfan war (er starb 2013) und „Tschick“ sehr filmisch geschrieben ist, eine Verfilmung nur eine Frage der Zeit.

Fatih Akin, der das Buch schon länger verfilmen wollte, übernahm kurzfristig, nachdem der ursprüngliche Regisseur David Wnendt absagen musste, die Regie. Mit Lars Hubrich, der mit Herrndorf befreundet war und dessen Wunschdrehbuchautor war, überarbeitete er Hubrichs ursprüngliche Fassung. Hark Bohm, der in den Siebzigern mit „Nordsee ist Mordsee“ und „Moritz, lieber Moritz“ zwei der unumstrittenen Klassiker des Jugendfilms inszenierte, wurde als Koautor hinzugezogen. Akin hatte sogar die Idee, dass Bohm den Film inszenieren sollte. Herrndorf erwähnte in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ öfter „Nordsee ist Mordsee“ und der Einfluss des heute viel zu unbekannten Films über zwei Hamburger Jungs, einer Deutscher, einer Asiate, die in Wilhelmsburg leben, ein kaum fahrtüchtiges Boot bauen und Richtung Nordsee fahren, ist schon im Roman offensichtlich.

Wobei bei „Tschick“ nicht die Vorbereitung der Fahrt, sondern die Erlebnisse von Maik und Tschick bei ihrer Fahrt durch Ostdeutschland im Mittelpunkt stehen.

Akin erzählt das dann auf Augenhöhe mit den jugendlichen Protagonisten, die beim Dreh dreizehn Jahre alt waren. Als Coming-of-Age-Film steht „Tschick“ dabei in der Tradition von realistischen Jugendfilmen, wie beispielsweise die Stephen-King-Verfilmung „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“. Es ist, obwohl er in der Gegenwart spielt, ein nostalgischer Film, der sich erkennbar auf diese älteren Filme bezieht und der nichts mit den derzeit erfolgreichen Young-Adult-Dystopien zu tun hat. Entsprechend zurückhaltend und auch konservativ, auf altmodische Erzähltugenden achtend, erzählt Akin die Geschichte.

Außerdem gelingt es Fatih Akin, Richard Claydermans ziemlich unerträgliche „Ballade pour Adeline“ im Film mehrmals, ausführlich so einzusetzen, dass sie nicht nur erträglich, sondern sogar passend und berührend ist.

Tschick“ ist allerdings auch ein Film, der immer wie der gut ausgeleuchtete, fein austarierte, pädagogisch wertvolle Fernsehfilm der Woche wirkt und nie das Gefühl des Aufbruchs, wie „Easy Rider“, oder der Flucht aus beengten Verhältnissen, wie „Nordsee ist Mordsee“, vermittelt. Maik und Tschick, über den wir fast nichts erfahren, sind zwei Mittelstandsjungs, die einfach einen längeren Ausflug unternehmen. Sie protestieren nicht gegen ihre Eltern oder die Gesellschaft. Sie finden sie eigentlich ziemlich in Ordnung. Sogar die Ungewissheiten der Pubertät, die Teenage Angst, die wir aus US-Filmen kennen, und Maiks unerwiderte Liebe in eine Klassenkameradin werden ohne große Gefühlsausbrüche behandelt. Ein Verharren in gut- und kleinbürgerlichen Verhältnissen, aus denen man nicht flüchten will, weil man sich eigentlich schon ganz gut in ihnen eingerichtet hat, bestimmt den Film. Insofern hat Akins Jugendfilm „Tschick“ schon etwas von einem Alterswerk, während sein „Gegen die Wand“ von jugendlicher Energie vibrierte.

Aber vielleicht sehen Jugendliche das anders. Vielleicht sind sie von „Tschick“ so begeistert, wie ich es als Jugendlicher von „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und „Easy Rider“ war.

P. S.: Trivia: Uwe Bohm, der in „Tschick“ den Vater von Maik spielt, war in „Nordsee ist Mordsee“ einer der beiden jugendlichen Ausreißer.

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Tschick (Deutschland 2016)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm (Koautor)

LV: Wolfgang Herrndorf: Tschick, 2010

mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

zum Filmstart mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.

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Wolfgang Herrndorf: Tschick

rororo, 2016

272 Seiten

9,99 Euro

Das Drehbuch

selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin

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Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch

Rowohlt E-Book

60 Seiten (Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)

2,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Tschick“

Moviepilot über „Tschick“

Wikipedia über „Tschick“

Perlentaucher über Wolfgang Herrndorf und „Tschick“

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)


John Scalzi schickt uns auf eine „Galaktische Mission“

September 9, 2016

Galaktische Mission von John Scalzi

Die Menschen haben ferne Planeten und fremde Welten besiedelt – unter den misstrauischen Augen der Aliens und unter dem Schutz der Kolonialen Union. Wenn diese nun wie geplant aufgelöst wird, wären die menschlichen Kolonien den feindlich gesinnten Aliens hilflos ausgeliefert. Ausgerechnet in dieser prekären Lage taucht ein neuer Feind auf, der Menschen und Aliens gegeneinander ausspielt. Für Lieutenant Harry Wilson beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn sollte er nicht herausfinden, wer hinter dem intergalaktischen Intrigenspiel steckt, sind Menschen und Aliens gleichermaßen dem Untergang geweiht …

Dieser Teasertext für John Scalzis neuestem Science-Fiction-Roman „Galaktische Mission“ ist einerseits hundertprozentig zutreffend, andererseits hundertprozentig irreführend.

Denn das Buch besteht aus vier Novellen, die in den USA zuerst einzeln innerhalb eines Monats erschienen und kurz darauf in „Galaktische Mission“ (The End of all Things) zusammengefasst wurden. Deshalb können die Novellen, obwohl sie aufeinander aufbauen, auch unabhängig voneinander gelesen werden. Das liegt daran, dass Scalzi jede Geschichte von einem anderen Ich-Erzähler erzählen lässt und sie, auch wenn sie chronologisch hintereinander spielen, vollkommen verschiedene Aspekte der titelgebenden „Galaktischen Mission“ betrachten und damit dem Roman einen sehr eigenen Touch geben.

In „Das Leben des Geistes“ erzählt Rafe Daquin wie er Pilot eines Handelsschiffes war, das mit Staatssekretär Ocampo als Passagier in die Hände der Rraey fiel. Die Rraey sind eine Alienrasse, die auch den leisesten Widerspruch mit einem Kopfschuss beantworten. Sie gehören zum Equilibrium. So nennt sich eine geheimnisvolle Organisation, die die Koloniale Union gegen die Erde und gegen die Konklave, einem Zusammenschluss hunderter Alienzivilisationen, ausspielen will. Dafür soll Rafe, der von den Rraey entleibt und zu einem Gehirn in einem Tank wurde, als Gehirn das Frachtschiff an einen unbekannten Ort fliegen. Rafe versucht das zu verhindern.

In „Das ausgehöhlte Bündnis“ erzählt Hafte Sorvalh, die engste Beraterin von General Tarsem Gau, dem Anführer der Konklave, von den Vorbereitungen für ein Treffen mit der Kolonialen Union und der Erde, in der über verschiedene Angriffe gegen sie gesprochen werden soll. Gleichzeitig versucht sie die Position von Gau zu festigen. Nach dem von ihm geleiteten Aufbau der Konklave ist jetzt seine Position gefährdet.

In „Was Bestand haben kann“ geht es auf ein Raumschiff der Kolonialen Verteidigungsarmee und Lieutenant Heather Lee erzählt von ihren gefährlichen Einsätzen, in denen sie nur noch verschiedene Formen von Aufstand gegen die Koloniale Union niederschlagen müssen.

In „Siegen oder Untergehen“ betritt dann endlich der schon auf dem Buchcover erwähnte Lieutenant Harry Wilson, der vorher ein-, zweimal durchs Bild huschte, die Bühne. Er versucht den drohenden Untergang der Kolonialen Union zu verhindern und er hat dabei einen Plan, für den die Koloniale Union, die Konklave und die Erde miteinander kooperieren müssen. Es gibt nur ein Problem: sie alle sind in herzliche Feindschaft und Misstrauen miteinander verbunden.

Am Ende von „Galaktische Mission“, und hier stimmt dann der inflationär gebrauchte Satz, dass am Ende der Geschichte nichts mehr ist, wie es vorher war, endlich einmal.

Stilistisch unterscheiden sich die vier Geschichten erheblich. Während in der zweiten und vierten Geschichte die Politik und damit Verhandlungen zwischen den verschiedenen Koalitionen und Gruppen im Mittelpunkt stehen, ist die Dritte eher klassische Military-SF und die Erste erzählt vor allem die tragische Geschichte eines Mann, der zu einem Gehirn im Tank wird. Sie ist die – und Scalzi ist für seinen Humor bekannt – witzigste Geschichte des Buches. Auch bei „Was Bestand haben kann“ kann gelacht werden, wenn die Soldaten sich über den Essensplan und Musik austauschen und ihre Missionen ausführen.

So ist „Galaktische Mission“ weniger ein Roman im klassischen Sinn, sondern vier Geschichten, die sich einem Ereignis aus verschiedenen Perspektiven nähern. Damit hat John Scalzi eine interessante Lösung für seine Geschichte gefunden.

Angehängt hat Scalzi eine frühere Version von „Das Leben des Geistes“, in der er die Geschichte traditioneller beginnt.

John Scalzi: Galaktische Mission

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2016

496 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The End of all Things

Tor, 2015

Mehr aus dieser Galaxie

Krieg der Klone - Die Trilogie von John Scalzi

Parallel zu „Galaktische Mission“ veröffentlichte Heyne John Scalzis erste drei Romane über die Koloniale Union in einem Sammelband und betitelte das gut tausendseitige Buch etwas unglücklich mit „Krieg der Klone – Die Trilogie“ (auf dem Buchrücken fehlt dann „Die Trilogie“). Der Sammelband enthält die auch einzeln erhältlichen Romane „Krieg der Klone“ (Old Man’s War, 2005), „Geisterbrigaden“ (The Ghost Brigades, 2006) und „Die letzte Kolonie“ (The last Colony, 2007).

Das Buch liegt zwar etwas schwer in der Hand und es passt auch nur in XXL-Hosentaschen, aber lesenswert ist es trotzdem.

John Scalzi: Krieg der Klone – Die Trilogie

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2016

976 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Homepage von John Scalzi

Blog von John Scalzi

Phantastik-Couch über John Scalzi

Wikipedia über John Scalzi (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Scalzis (Hrsg.) „Metatropolis“ (METAtropolis, 2009)


Kurzkritik: Max Annas: Die Mauer

August 31, 2016

Annas - Die Mauer

Mit 224 Seiten ist auch der zweite Thriller von Max Annas sympathisch kurz geraten. Wie schon seit Debüt „Die Farm“ spielt auch „Die Mauer“ in Südafrika.

An einem heißen Nachmittag verreckt das Auto des jungen Schwarzen Moses in der Nähe der Gated Community „The Pines“. Dort war der Student einmal bei einem Studienkollegen und jetzt hofft er, dass dieser ihm hilft. Allerdings findet Moses, weil alle Häuser gleich aussehen, das Haus nicht. Stattdessen wird er vom Sicherheitsdienst entdeckt. Moses, der keine Lust auf eine Tracht Prügel hat (wenn er Glück hat), flüchtet.

Zur gleichen Zeit brechen, ebenfalls in „The Pines“, Nozipho und Thembi in ein leeres Haus ein. Das schwarze Einbrecherpärchen entdeckt in einer Schublade einen Haufen Geld und in der Tiefkühltruhe die noch warme Leiche der Hausherrin. Gerne würden sie mit ihrer Beute möglichst schnell die Gated Community verlassen. Dummerweise stehen inzwischen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes vor dem Haus. Von dort koordinieren sie ihre Suche nach dem flüchtigen Moses.

Und dann kommen die Mörder der Hausherrin zurück.

Mit seinen vielen Szenenwechseln – das Buch hat 115 Kapitel – , der kargen Sprache und der kaum vorhandenen Psychologisierung der Charaktere (wir wissen eigentlich nur, was sie gerade tun) liest sich „Die Mauer“ wie ein „Roman zum Film“, bei dem der Autor ein Drehbuch mit wenigen ausschmückenden Sätzen zu einem Roman umformulierte. Das hat unbestritten Pageturner-Qualitäten. Denn die an einem Ort spielende Geschichte entwickelt sich, je nach Lesegeschwindigkeit, in Echtzeit.

Allerdings simulieren die vielen Szenenwechsel eine Dynamik, die in der Geschichte, wenn Moses über die nächste Mauer springt und wieder entdeckt wird, wenn Nozipho und Thembi sich im Schrank verstecken, nicht wirklich vorhanden ist. Insofern ist es auch etwas rätselhaft, warum „Die Mauer“ zweimal hintereinander auf dem ersten Platz der KrimiZeit-Bestenliste stand und in der mir im Moment noch unbekannten September-Liste wieder auf einem der vorderen Plätze stehen wird.

Max Annas gehört zu den wenigen deutschen Autoren, die längere Auslandserfahrung haben und diese literarisch verarbeiten. Der gebürtige Kölner lebt inzwischen in Berlin. Davor lebte er länger in Südafrika und er arbeitet immer noch an einem Forschungsprojekt der University of Fort Hare über die südafrikanische Jazzmusik. Da lernt man, auch wenn es in „Die Farm“ und „Die Mauer“ keine Anspielungen auf den Cape Jazz gibt, Land und Leute kennen.

Max Annas: Die Mauer

rororo, 2016

224 Seiten

12 Euro

Hinweise

Rowohlt über Max Annas

Krimi-Couch über Max Annas

Perlentaucher über Max Annas

Wikipedia über Max Annas

Meine Besprechung von Max Annas „Die Farm“ (2014)

Lesung

Max Annas liest am Freitag, den 9. September, um 20.00 Uhr, im Cafe Brel (Savignyplatz 1, Berlin) aus seinem Roman „Die Mauer“.

Die Lesung findet im Rahmen der „Crime Time“-Veranstaltungsreihe statt.


TV-Tipp für den 29. August: The Night Manager -Teil 1

August 29, 2016

ZDF, 22.15

The Night Manager – Teil 1 (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)

Regie: Susanne Bier

Drehbuch: David Farr

LV: John le Carré: The Night Manager, 1993 (Der Nachtmanager)

Nachtmanager Jonathan Pine will im Auftrag des britischen Geheimdienstes den skrupellosen Waffenhändler Richard Onslow Roper überführen. Dazu muss er erst einmal dessen Vertrauen erlangen.

Gut sechstündige BBC-Verfilmung, die das ZDF als Dreiteiler zeigt. An der Qualität der überaus sehenswerten und gelungenen, inzwischen aber auch etwas überbewerteten John-le-Carré-Verfilmung ändert sich dadurch nichts.

Das ZDF zeigt den zweiten und dritten Teil an den kommenden Montagen.

Mehr dazu in meiner Besprechung der gesamten Miniserie.

mit Tom Hiddleston (Jonathan Pine), Hugh Laurie (Richard Onslow Roper), Olivia Colman (Angela Burr), Tom Hollander (Corcoran), Elizabeth Debicki (Jed Marshall), Michael Nardone (Frisky), Alistair Petrie (Sandy Langbourne), Hovik Keuchkerian (Tabby), Neil Morrissey (Harry Palfrey)

Wiederholung: Mittwoch, 31. August, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Die DVD

The Night Manager - Plakat

The Night Manager (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)

Concorde Home Entertainment

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews, Featurette: Die Premiere in Berlin

Länge: 338 Minuten (3 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage in der aktuellen Ausgabe

Le Carre - Der Nachtmanager

John le Carré: Der Nachtmanager

(übersetzt von Werner Schmitz)

Ullstein 2016

576 Seiten

9,99 Euro

Die gebundene Ausgabe erschien bei Kiepenheuer & Witsch; Taschenbuchausgaben bei Heyne und List.

Hinweise

ZDF über „The Night Manager“

Amazon Prime über „The Night Manager“ (direkter Link zur Serie)

Deutsche Homepage zur Serie

Moviepilot über „The Night Manager“

Rotten Tomatoes über „The Night Manager“

Wikipedia über „The Night Manager“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Susanne Biers „Serena“ (Serena, USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Susanne Biers „Zweite Chance“ (Un chance til, Dänemark 2014)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

Bonushinweis

le Carre - Der Taubentunnel - 4

Am 9. September erscheint „Der Taubentunnel“, die Memoiren von John le Carré, der am 19. Oktober seinen 85. Geburtstag feiert

Über „Die Memoiren eines Jahrhundertautors“ schreibt der Verlag:

Was macht das Leben eines Schriftstellers aus? Mit dem Welterfolg „Der Spion, der aus der Kält kam“ gab es für John le Carré keinen Weg zurück. Er kündigte seine Stelle im diplomatischen Dienst, reiste zu Recherchezwecken um den halben Erdball – Afrika, Russland, Israel, USA, Deutschland –, traf die Mächtigen aus Politik- und Zeitgeschehen und ihre heimlichen Handlanger. John le Carré ist bis heute ein exzellenter und unabhängiger Beobachter, mit untrüglichem Gespür für Macht und Verrat. Aber auch für die komischen Seiten des weltpolitischen Spiels.

In seinen Memoiren blickt er zurück auf sein Leben und sein Schreiben.“

John le Carré: Der Taubentunnel

(aus dem Englischen von Peter Torberg)

Ullstein, 2016

384 Seiten

22,00 Euro


TV-Tipp für den 21. August: Ender’s Game

August 21, 2016

Pro 7, 20.15

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Enders Spiel)

Der junge Ender Wiggin soll zum Anführer im Kampf gegen die außerirdischen Formics ausgebildet werden. Dabei ist Ender noch ein Kind.

Durchaus gelungene Mainstream-Verfilmung eines Science-Fiction-Klassikers, die nicht die Komplexität der Vorlage erreicht.

Mehr in meiner Besprechung des Films und der Vorlage.

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight, Jessica Harthcock

Wiederholung: Montag, 22. August, 08.00 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Moviepilot über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Metacritic über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Rotten Tomatoes über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Wikipedia über „Ender’s Game – Das große Spiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferrys (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)“ (Ender’s Game: Battle School 1 – 5, 2009)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferry (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 2)“ (Ender’s Game: Command School 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Orson Scott Cards „Enders Spiel“ (Ender’s Game, 1985, 1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe) und Orson Scott Cards „Enders Schatten“ (Ender’s Shadow, 1999)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Ender’s Game – Das große Spiel“ (Ender’s Game, USA 2013)


Die Vorlage

Man kann die Romane unabhängig voneinander lesen und man muss „Enders Schatten“ nicht lesen, um „Enders Spiel“ zu verstehen, aber „Enders Schatten“ ist eine wirklich lesenswerter anderer Blick auf die Ausbildung von Ender Wiggins. Und daher empfehle ich beide Romane; in chronologischer Reihenfolge.

Card - Enders Spiel - 2Card - Enders Schatten - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Orson Scott Card: Enders Schatten

(übersetzt von Regina Winter)

Heyne, 2013

592 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Shadow

Tor, 1999

 


„Lady Killer“ – Hausfrau, Mutter und Profikillerin

August 19, 2016

Jones - Rich - Lady Killer - 4

Josie Schuller ist die perfekte Hausfrau. Sie schmeißt den Haushalt, erzieht die Kinder, erträgt klaglos die biestige Mutter von ihrem Gatten und, als I-Tüpfelchen in dieser perfekten Sechziger-Jahre-US-Vorstadtidylle, ist sie Avon-Vertreterin. Wobei; – – – das ist sie nur, um sich bei Mrs. Roman einzuschleichen und sie für ein erkleckliches Honorar umzubringen. Denn Josie ist auch eine Killerin.

Autor Jamie S. Rich und Zeichnerin Joëlle Jones, die schon „12 Gründe, dich zu lieben“ und „You have killed me“ gemeinsam erschufen, haben jetzt eine Killerin erfunden, die in einer Zeit arbeitet, als anständige Frauen als Hausfrauen für ihre Männer das Abendessen kochten und nicht an Emanzipation dachten. Es ist die heile Wirtschaftswunderwelt von „Bettgeflüster“ und „Ein Pyjama für zwei“. Es ist aber auch die Welt, in der Richard Starks Profigangster Parker seinen ersten Auftritt hatte und das National Crime Syndicate die kriminelle Welt bestens organisiert hatte. Rich und Jones verschmelzen in ihrem neuen Werk „Lady Killer“ beide Welten und garnieren sie, wenn Josie Schuller einen ihrer Aufträge ausführt, mit einer ordentlichen Portion Action, die eher an einen modernen Actionfilm irgendwo zwischen „Lara Croft: Tomb Raider“ und einem Auftritt von Black Widow in einem Marvel-Blockbuster erinnert. Denn zimperlich ist Josie Schuller nicht, wenn sich das Opfer wehrt und dann sieht eine Wohnung nach erledigter Arbeit auch einmal aus wie nach einer Umdekoration von „Kill Bill“-Braut Beatrix Kiddo.

Aus diesen Elementen entsteht in diesem Fall ein Lesevergnügen, das in jeder Beziehung wunderschön zwischen Heile-Welt-Kitsch und eiskaltem Gangsterdrama schwankt.

In dem jetzt erschienenem „Lady Killer“-Sammelband sind die ersten fünf Hefte des Comics enthalten, der den Broken Frontier Award 2015 als beste Miniserie des Jahres erhielt.

Nach dem Mord an Mrs. Roman erzählen Rich und Jones, wie Schuller sich gegen ihren Boss wehren muss, der glaubt, dass sie als Mutter nicht mehr in der Lage sei ihre Arbeit mit der nötigen Konsequenz auszuüben.

Diese Geschichte erzählen Rich und Jones, mit weiteren Mordaufträgen garniert, in „Lady Killer – Volume 1“ etwas unschön zwischen einer abgeschlossenen Geschichte, einer rein episodischen Erzählweise (so in Richtung „ein Auftrag pro Heft“) und dem Auftakt zu einer größeren, auf kein konkretes Ende hin angelegten Geschichte schwankend. Denn für eine abgeschlossene Geschichte gibt es zu viele lose Fäden, die bis jetzt noch nicht wieder aufgenommen wurden.

Jamie S. Rich kündigt zwar auf seiner Homepage für dieses Jahr eine Fortsetzung an. Aber ein genauerer Termin wird nicht genannt. Und dabei erschienen die fünf Hefte in den USA zwischen Januar und Mai 2015.

Jamie S. Rich/Joëlle Jones: Lady Killer – Volume 1

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Panini, 2016

140 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Lady Killer

Dark Horse, 2015

enthält

Lady Killer # 1 – 5

Dark Horse, Januar – Mai 2015

Hinweise

Homepage von Jamie S. Rich

Homepage von Joëlle Jones


Neu im Kino/Filmkritik: „Jason Bourne“ ist zurück

August 11, 2016

Wenn „Jason Bourne“ meine erste Begegnung mit Jason Bourne wäre, wäre ich begeistert.

Aber es ist die vierte. Und dann gab es noch „Das Bourne Vermächtnis“ mit Jeremy Renner als Bourne-Ersatz Aaron Cross.

Jetzt sind Matt Damon, der den CIA-Killer ohne Gedächtnis dreimal spielte, und Paul Greengrass, der Damon zweimal als Bourne inszenierte, zurück in der Welt von Jason Bourne. Fast zehn Jahre nach dem dritten Bourne-Film „Das Bourne Ultimatum“ kehren sie zu dem Agenten, der von seinem ehemaligen Arbeitgeber gejagt wird, zurück und letztendlich erzählen sie die gleiche Geschichte noch einmal. Mit viel Action, wenigen Dialogen, pulsierender Musik, nahtlosen Schnitten und einer Wackelkamera, die damals das Genre hin zu einem quasi-dokumentarischen Stil revolutionierte und eben für diese jede Filmschul-Regel missachtende Kameraarbeit kritisiert wurde. Das ändert nichts daran, dass Greengrass ein Meister dieses oft kopierten, in dieser Perfektion und Eleganz fast nie erreichten Stils ist.

In ihrem neuesten Film „Jason Bourne“ ist alles wie vor zehn Jahren und wenn „Jason Bourne“ 2009 (oder so) in die Kinos gekommen wäre, wäre er sicher als okaye bis grandiose Fortsetzung durchgegangen. Aber nach einer gut zehnjährigen Pause ist „Jason Bourne“ einfach nur eine Wiederholung des allseits bekannten, mit ein, zwei im Nichts verlaufenden Anpassungen an den Zeitgeist, die in der Post-Snowden-Zeit altbacken sind.

Anscheinend verbrachte Jason Bourne die letzten zwölf Jahre („Das Bourne Ultimatum“ spielt 2004) mit der Teilnahme an Undergrund-Faustkämpfen. Seine Gegner schlägt er umstandslos K. O..

In Athen trifft er Nicky Parsons (Julia Stiles). Sie hat aus dem CIA-Computer Daten über Geheimprojekte geklaut. Eines ist Treadstone, das CIA-Projekt, an dem Bourne teilnahm. Eines ist Iron Hand, ein brandneues, noch größeres, bedrohlicheres und geheimeres Projekt als Treadstone. In diesem Projekt geht es um eine Hintertür in einem populärem Computerprogramm (irgendetwas zwischen ganz vielen Apps, die miteinander verknüpft werden, und Facebook), das aber nur die Funktion eines MacGuffins hat und dazu dient, alle wichtigen Figuren nach Las Vegas zu bringen zu dem internationalen EXOCON-Kongress, auf dem sich Hacker, Überwachungs- und Cyber-Security-Industrie treffen.

Dabei beginnen die Probleme für Jason Bourne schon in Athen. Kaum hat er Nicky getroffen, will die CIA ihn schon umbringen. Dieses Mal wird die CIA von CIA-Chef Robert Dewey (Tommy Lee Jones) und der jungen, ehrgeizigen Computeranalystin Heather Lee (Alicia Vikander) verkörpert. Der eiskalte CIA-Killer Asset (Vincent Cassel) (Asset? Als CIA-Tarnname? Wirklich? Wie soll ich das übersetzen? Aktivposten? Spion?) soll Bourne und Nicky töten. In dem Getümmel zwischen Demonstranten und Polizisten kann er nur Nicky erschießen. Bourne kann am Ende dieser atemberaubenden Actionszene mit dem USB-Stick mit den Daten über die CIA-Geheimprojekte flüchten. Zuerst nach Berlin. Dann nach London und nach Las Vegas. Asset verfolgt ihn, Leichen stapeln sich (in London eine Handvoll Toter). Jede Plausibilität geht in einem Meer von Action unter. Denn das Chaos, das Asset und der CIA bei der Verfolgung von Jason Bourne anrichten, ist unglaublich. Jedenfalls wenn man unauffällig operieren möchte.

Bei dieser Hatz um den halben Globus erfährt Bourne, wie sein Vater in Treadstone involviert war und warum er sterben musste.

Und Heather Lee glaubt, nachdem sie ein psychologisches Gutachten über Bourne gelesen hat, dass Bourne eigentlich wieder zurück in den Schoß der CIA will. Das ist, immerhin ist Jason Bourne kein Jack Bauer, ein psychologisch durchgehend unplausibler Handlungsstrang. Denn warum sollte Bourne wieder zu dem Unternehmen zurückkehren, das ihn unter allen Umständen töten will?

Jason Bourne“ ist ein einziges Déjà Vu, das bei den bekannten Teilen oft langweilt (weil wir das alles in den vorherigen Bourne-Filmen schon besser und glaubwürdiger gesehen haben), bei den Aktualisierungen, wie dem neuen CIA-Projekt, hinter der Wirklichkeit zurückbleibt und in diesen Momenten politisch naiv von einem Geheimprojekt redet, während die CIA und die NSA aus ihrer Gier nach unseren Daten keinen Hehl machen. Das gilt, ihr müsst nur eine aktuelle Tageszeitung aufschlagen, auch für Sicherheitspolitiker und Geheimdienstchefs aus anderen Ländern. In der Post-Snowden-Ära sind diese Fakten über die globale Geheimdienstüberwachung in großen Teilen bekannt. Die Zusammenarbeit zwischen Firmen und Geheimdiensten auf mehr oder weniger gesetzlicher Grundlage ist auch bekannt. Die Sicherheitspolitiker und -behörden äußern offen ihre Überwachungswünsche und der Kampf dagegen wird ebenfalls in der Öffentlichkeit ausgetragen.

Aber diese Aktualisierung ist nur ein Seitenstrang in Jason Bournes mehr oder weniger stringent betriebener Suche nach dem Mörder seines Vaters, der – Überraschung! – in der CIA sitzt. Sowieso wird die CIA hier endgültig zu einer Organisation, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist (nicht unwahrscheinlich) und vor allem eigene Mitarbeiter tötet. Das ist dann in der Häufung von inzwischen fünf Filmen, die im Bourne-Universum spielen, doch arg unglaubwürdig.

Das gilt auch für die Action, die nach dem atemberaubenden Auftakt in Griechenland, eine gewisse Routine nicht verleugnen kann und sich im Lauf des Films zunehmend in überbordende Kollateralschäden flüchtet. Schon in London werden am helllichten Tag innerhalb weniger Minuten in einem Gebäudekomplex eine Handvoll Menschen, die wahrscheinlich alle einen US-Pass und teils wichtige Jobs hatten, ermordet – und niemand soll sich dafür interessieren? In Las Vegas wird das, als Teil eines längeren Action-Set-Pieces, mit einer Dutzende Autos und Gebäude zerstörender Autoverfolgungsjagd auf einer Hauptstraße überboten. Da wandelt Jason Bourne durchaus spektakulär auf den Spuren von James Bond. Aber was in der James-Bond-Welt in Ordnung ist, funktioniert in der Jason-Bourne-Welt, in der der Held und seine Gegner sich möglichst unauffällig durch die Welt bewegen, nicht.

Diese Rückkehr von Paul Greengrass und Matt Damon in die Welt von Jason Bourne ist – zugegeben – unterhaltsam, rasant und durchaus überraschend inszeniert; wenn man die anderen Bourne-Filme nicht kennt. Aber sie fügt den vorherigen Filmen nichts wesentliches bei und als Zeitdiagnose wirkt er schon heute hoffnungslos veraltet.

Jason Bourne - Plakat

Jason Bourne (Jason Bourne, USA 2016)

Regie: Paul Greengrass

Drehbuch: Paul Greengrass, Christopher Rouse (nach Charakteren von Robert Ludlum)

mit Matt Damon, Alicia Vikander, Tommy Lee Jones, Riz Ahmed, Vincent Cassel, Ato Essandoh, Bill Camp, Julia Stiles, Stephan Kunken, Gregg Henry

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Jason Bourne“

Metacritic über „Jason Bourne“

Rotten Tomatoes über „Jason Bourne“

Wikipedia über „Jason Bourne“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tony Gilroys “Das Bourne-Vermächtnis” (The Bourne Legacy, USA 2012)

Meine Besprechung von Paul Greengrass’ “Captain Phillips” (Captain Phillips, USA 2013)

Jason Bourne besucht das AOL-Gebäude

Matt Damon und Paul Greengrass besuchen die BBC

Nachtrag (20. August 2016)

Die Bourne Herrschaft von Robert Ludlum

Jason Bourne trat erstmals 1980 in dem Roman „Die Bourne-Identität“ von Robert Ludlum auf. Er schrieb zu Lebzeiten noch zwei weitere Romane mit Jason Bourne, der bei ihm ein Vietnam-Veteran war. Für die Filme mit Matt Damon als Jason Bourne wurde das geändert. Neben vielen anderen Details.

Seit 2004 schrieb Eric Van Lustbader zehn weitere Jason-Bourne-Romane, die, auch wenn auf dem aktuellen Buchcover Jason Bourne Matt Damon ähnelt, unabhängig von den Filmen sind.

Mit „Die Bourne-Herrschaft“ ist jetzt sein neunter Bourne-Roman auf Deutsch erschienen. In dem Thriller wird Jason Bourne, der als Doppelgänger eines syrischen Ministers bei einem Gipfeltreffen teilnahm, von dem Terroristen El Ghadan enttarnt und erpresst, den Präsidenten der USA innerhalb der nächsten sieben Tage umzubringen. Wenn Bourne das nicht gelingt, wird El Ghadan Bournes Freundin und deren kleine Tochter töten.

Klingt nach einem Pageturner für die nächste lange Zugfahrt oder den Strandkorb.

Eric Van Lustbader/Robert Ludlum: Die Bourne-Herrschaft

(übersetzt von Norbert Jakober)

Heyne, 2016

528 Seiten

9,99 Euro

Originaltitel

The Bourne Ascendancy

Grand Central Publishing, 2014

Hinweise

Homepage von Eric Van Lustbader

Homepage von Robert Ludlum

Heyne über Robert Ludlum

Wikipedia über Robert Ludlum (deutsch, englisch) und Eric Van Lustbader (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Julieta“ – Pedro Almodóvars Hommage an Alice Munro

August 4, 2016

Nachdem „Fliegende Liebende“ eine Entspannungsübung war, ist Pedro Almodóvar mit seinem zwanzigsten Spielfilm wieder zurück in gewohnt dramatischen Gefilden und die Welt der Kritiker ist wieder in Ordnung. Außerdem stellt Almodóvar, wie schon der Titel „Julieta“ verrät, wieder eine Frau in den Mittelpunkt seines gewohnt stilvoll erzählten Dramas.

Im heutigen Madrid trifft die fünfzigjährige Julieta (Emma Suárez) zufällig Beatriz, eine alte Freundin ihrer Tochter. Beatriz erzählt ihr, dass sie Antia mit ihren drei Kindern vor kurzem am Comer See gesehen habe.

Für Julieta ist diese Begegnung der Grund, ihre Umzugspläne mit ihrem neuen Freund nach Portugal über den Haufen zu werfen. Denn vor zwölf Jahren hat Antia sie ohne ein Abschiedswort verlassen. Seitdem hat Julieta nichts mehr von ihr gehört.

Julieta zieht wieder zurück in die Wohnung, in der sie zuletzt mit ihrer Tochter lebte und beginnt einen langen Brief an sie zu schreiben. Ein Brief, in dem sie ihre Sicht der Dinge erklären will. Auch wenn ihre Tochter den Brief vielleicht niemals lesen wird.

Ihr Brief beginnt Mitte der Achtziger. Während einer Zugfahrt begegnet die Aushilfslehrerin für Klassische Literatur (jetzt gespielt von Adriana Ugarte) Xoan (Daniel Grao), einem Fischer aus Galizien, dessen Frau im Koma liegt. Sie haben Sex, verlieben sich ineinander und Antia ist ihre Tochter.

Diese Beichte, die auf den Erzählungen „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“ von Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro basiert, ist dann eine Mischung aus Selbstrechtfertigung und Selbstanklage, die genau deshalb kunstvoll die Balance zwischen Leichtigkeit und Düsternis hält. Denn Julietas Leben ist auf der einen Seite eine von Toten geprägte Verlustgeschichte einer Mutter, der es noch nicht einmal gelingt, Kontakt zu ihrer Tochter zu halten. Im Gegenteil: ihre Tochter, die wir als Erwachsene nie sehen, will so wenig von ihr wissen, dass sie ihrer Mutter noch nicht einmal sagt, wo sie jetzt lebt. Was muss eine Mutter getan haben, um so eine Reaktion zu provozieren?

Auf der anderen Seite ist es die Selbstbehauptungsgeschichte einer passiven, introvertierten Frau, der es gelingt, im katholischen Spanien mit seinen engen Familienbindungen ihr Leben zu leben und, weil es die klassische Biographie nicht mehr gibt, immer wieder, teilweise radikal neu anzufangen. Wobei ein Neuanfang immer auch einen Ortswechsel bedeutet.

Zwischen diesen beiden Polen, sein Leben zu betrachten (immerhin sehen wir die Vergangenheit aus Julietas Sicht), fragt Almodóvars Film, ob Julieta die richtigen Entscheidungen getroffen hat oder ob ihr Leben, wenn sie sich an einem Punkt anders entschieden hätte, nicht ganz anders verlaufen wäre. Almodóvar formuliert diese Frage so, dass sie vollkommen in der Geschichte aufgeht, die gerade durch ihre südländische Reichhaltigkeit und die elegant zurückgenommene Inszenierung beeindruckt. Er liefert in jeder Beziehung und durchgehend stärkere Bilder als Alice Munro in ihren drei Erzählungen, die die Vorlage für „Julieta“ sind. Dabei folgt Almodóvar erstaunlich genau den Vorlagen. Eigentlich brachte er im Drehbuch nur die Ereignisse in eine chronologische Reihenfolge und verlegte die Geschichte nach Spanien.

Bei Munro spricht die Frage, ob man ein anderes Leben hätte leben können, eher den Intellekt an. Ihre Charaktere sind skizzierte Figuren auf einem Spielbrett, das nie seine Konstruktion verleugnen kann. Das liegt auch daran, dass Munro ihre Figuren nicht näher beschreibt. Ein Name, eine dürftige Ortsangabe (manchmal auch nicht), eine ebenso dürftige Zeitangabe (falls überhaupt) müssen genügen, bevor sie in ihren Erzählungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt. Dabei, jedenfalls in den acht Erzählungen von „Tricks“, in denen auch die lose miteinander verbundenen „Julieta“-Geschichten sind, wechselt sie oft auch die grammatische Zeit. Das behindert den Lesefluss und hält einen so zusätzlich auf Distanz zu den Figuren.

Diese Distanz ist bei Almodóvar, der „Julieta“ bescheiden eine Hommage an Munro nennt, nicht vorhanden. Seine Julieta ist eine Frau in einer klar erkennbaren Welt mit Freunden und Bekannten, die ebenso klare Eigenschaften haben.

Und er hat, wieder einmal, Rossy de Palma, die als Xoans strenge Haushälterin wirklich furchteinflößend sein kann.

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Julieta (Julieta, Spanien 2016)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

LV: Alice Munro: Runaway, 2004 (Tricks)

mit Emma Suárez, Adriana Ugarte, Daniel Grao, Inma Cuesta, Darío Grandinetti, Rossy de Palma, Michelle Jenner, Pilar Castro

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

Munro - Tricks - Taschenbuch

Alice Munro: Tricks – Acht Erzählungen

(übersetzt von Heidi Zerning)

Fischer Taschenbuch Verlag

384 Seiten

9,95 Euro (Taschenbuch)

21,99 Euro (gebundene Ausgabe)

Deutsche Erstausgabe

Fischer, 2006

Originalausgabe

Runaway

Alfred A. Knopf, 2004

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Spanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Julieta“

Metacritic über „Julieta“

Rotten Tomatoes über „Julieta“

Wikipedia über „Julieta“ (englisch, spanisch) und Alice Munro (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte

Die Cannes-Pressekonferenz (die englische Fassung, weil die Originalfassung für die meisten wohl kaum verständlich sein wird)

 


„Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ arbeitet im Bordell

August 3, 2016

Hubert - Kerascoet - Fräulein Rühr-mich-nicht-an - Cover 2

Paris, frühe dreißiger Jahre: junge Frauen suchen bei Tanzveranstaltungen Männer für eine Nacht oder für das Leben. Auch Agathe lässt keinen Abend in einem Tanzlokal aus. Ihre Schwester Blanche ist dagegen der ruhige Typ, der sich aus so profanen Vergnügen nichts macht. Außerdem beunruhigt sie eine Mordserie an jungen Frauen, vor allem Prostituierten.

Als ihre Schwester nach einem ähnlichen Modus Operandi ermordet wird, beschließt sie, ihren Mörder zu suchen. Ihre Spur führt sie in das Nobelbordell Pompadour, wo sie als junge Frau gleich eine Stelle erhält. Weil sie als Jungfrau vehement jeden Geschlechtsverkehr ablehnt, wird sie zum titelgebenden „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“, die mit einer Peitsche gegen gutes Geld die Kundschaft erzieht. Wenn sie nicht gerade als peitschenschwingende Furie arbeitet, versucht sie herauszufinden, wer der Frauenmörder ist. Und sie schlägt sich mit ihren Arbeitskolleginnen, die, wie sie, im Bordell schlafen, herum. Das erinnert dann, auch mit ihren Zickigkeiten und den strengen Aufseherinnen, an ein Mädcheninternat.

Die jetzt erschienene „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“-Gesamtausgabe besteht aus den vier Comicalben, die in Frankreich zwischen 2006 und 2009 und danach auch bei uns als Einzelbände erschienen, und einem 14-seitigem Anhang mit Skizzen. Dabei gibt es zwischen den ersten beiden Comics „Die Jungfrau im Freudenhaus“ und „Blut an den Händen“ und den letzten Beiden, „Der Märchenprinz“ und „Bis dass der Tod uns scheidet“, keinen größeren Zusammenhang und das Ende der Geschichte ist so offen, dass eine weitere Geschichte mit Blanche nicht ausgeschlossen, sondern erwünscht ist. Bis jetzt haben Hubert (Szenario) und Kerrascoët (Zeichnungen), von denen auch die Geschichte „Schönheit“ (ebenfalls bei Reprodukt erschienen) ist, sie noch nicht erzählt.

Nachdem nach der Hälfte des Sammelbandes Agathes Mörder und das Mordkomplott arg hastig aufgeklärt sind, beginnt mit „Der Märchenprinz“ eine neue Geschichte, in der die vorherigen Ereignisse seltsamerweise nicht erwähnt werden.

Blanche, die immer noch Jungfrau ist, trifft bei ihrer Arbeit auf Antoine. Ihr neuer Kunde ist ein seltsamer Vogel. Denn im Gegensatz zu allen anderen Männern will er sich nicht auspeitschen lassen, sondern nur mit ihr reden. Blanche findet ihn sympathisch, geht mit ihm aus und lernt auch seine Mutter kennen. Nur: welches Geheimnis hat ihr vermögender Märchenprinz?

Bei der Geschichte von „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ gefällt vor allem der schräge Humor, der spitze Blick auf das Leben im Paris der dreißiger Jahre und das daraus entstehende reichhaltige Sittengemälde. Dabei geht es in den ersten beiden Bänden, die auch spannender sind, in Richtung Kriminalgeschichte und in den letzten beiden Bänden in Richtung Liebesgeschichte.

Hubert/Kerascoët: Fräulein Rühr-mich-nicht-an

(übersetzt von Kai Wilksen)

Reprodukt, 2016

216 Seiten

39 Euro

Originalausgabe

Miss Pas Touche – L’intégrale

Dargaud, 2015

Hinweise

Reprodukt über „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“

 

Homepage von Kerascoët

Wikipedia über Hubert und Kerascoët


Alter Scheiß? Eric Ambler schreibt einen „Nachruf auf einen Spion“

August 2, 2016

Ambler - Nachruf auf einen Spion - 2

Mit „Nachruf auf einen Spion“ geht die Reihe der uneingeschränkt lobenswerten Eric-Ambler-Wiederveröffentlichungen bei Atlantik weiter. „Nachruf auf einen Spion“ ist ein weiteres Werk aus seiner ersten Schreibphase, als er in den Dreißigern mehrere Polit-Thriller, heute allesamt Klassiker, schrieb, die als Zeitdiagnose und als Thriller funktionieren und in denen die Ambler-Formel von dem unschuldigen Normalbürger, der sich plötzlich als Spielball in einer ihm fremden Welt wiederfindet, mustergültig ausgeführt wird.

Josef Vadassy, der zweiundreißigjährige Ich-Erzähler von „Nachruf auf einen Spion“, wird von der Polizei verhaftet, weil er in Südfrankreich Bilder von geheimen Militäranlagen und Waffen machte; – und hier muss ich wohl für die Jüngeren eine kleine Erklärung einschieben. Früher wurden Bilder mit Fotoapparaten auf einen Film gemacht. Dieser Rollfilm ist in der Kamera, lichtempfindlich und kann nicht manipuliert werden. Ein Bild folgt auf das nächste. Wie die Glieder einer Kette. Weil Vadassy vor der Polizei zugibt, dass er die sich auf dem Film befindlichen Fotos von Eidechsen gemacht hat, muss er auch die anderen Bilder gemacht haben.

Ein klarer Fall, wenn Kommissar Beghin nicht bemerkt hätte, dass Vadassys Kamera vertauscht wurde. Der echte Spion muss also noch in dem Hotel sein und er hat die gleiche Kamera.

Beghin erpresst den staatenlosen Sprachlehrer, zurück in das an der Riviera liegende Hotel de la Réserve zu gehen und den Besitzer der anderen Kamera zu finden. Aber wie soll ein Normalbürger einen Spion überführen?

Nachruf auf einen Spion“ folgt formal der Struktur eines Rätselkrimis, was jetzt nicht so thrillend ist. Und Vadassy stellt sich als Amateurdetektiv oft nicht besonders geschickt an, was ihn sympathisch macht. Denn auch wenn wir in unserer Fantasie gerne James Bond wären, sind wir es in der Realität nicht.

Die von Eric Ambler gewählten Hotelgäste aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, England und Amerika bieten einen schönen Überblick über damalige Schicksale, inclusive dem aus Nazi-Deutschland geflüchtetem Widerstandskämpfer, der all Dinge erzählt, die die anderen Deutsche jahrzehntelang nicht wissen wollten. Auch die anderen Gäste haben einige Geheimnisse.

Insgesamt ist „Nachruf auf einen Spion“ ein gelungener Roman, der überraschend wenig Patina angesetzt hat, und eine viertel Geschichtsstunde über die „gute alte Zeit“ zwischen den beiden Weltkriegen ist.

Eric Ambler: Nachruf auf einen Spion

(übersetzt von Matthias Fienbork)

Atlantik, 2016

336 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Die Stunde des Spions

(übersetzt von Peter Fischer)

Fischer Verlag, 1963

1979 publizierte Diogenes den Roman als „Nachruf auf einen Spion“.

Dort erschient auch 2002 die Neuübersetzung von Matthias Fienbork.

Originalausgabe

Epitaph for a Spy

Hodder & Stoughton, London, 1938

Verfilmung

Hotel Reserve (USA/Großbritannien 1944)

Regie: Lance Comfort, Max Greene (eigentlich Mutz Greenbaum), Victor Hanbury

Drehbuch: John Davenport

mit James Mason, Lucie Mannheim, Raymond Lovell, Julien Mitchell, Herbert Lom, Martin Miller, Clare Hamilton, Frederick Valk, Patricia Medina

1953 und 1963 entstanden TV-Mehrteiler, die als verschollen gelten.

Hinweise

Wikipedia über Eric Ambler (deutsch, englisch)

Kirjasto über Eric Ambler

Krimi-Couch über Eric Ambler

Kaliber .38: Thomas Wörtche über Eric Ambler

California Literary Review: Brett F. Woods: Beyond the Balkans – Eric Ambler and the British Espionage Novel, 1936 – 1940 (26. März 2007)

Meine Besprechung von Eric Amblers „Ungewöhnliche Gefahr“ (Uncommon Danger; Background to Danger, 1937)

Meine Besprechung von Eric Amblers „Die Maske des Dimitrios“ (The Mask of Dimitrios; A Coffin for Dimitrios, 1939)


Neu im Kino/Filmkritik: Die „Legend of Tarzan“ kehrt zurück

Juli 28, 2016

Tarzan, der Herrscher des Urwalds ist zurück – und „Legend of Tarzan“ ist viel besser als der letzte Tarzan-Film „Tarzan 3D“, bei dem nur die computergenerierten Bilder als Leistungsschau der Hersteller überzeugten. Manchmal.

Davor gab es in den letzten Jahrzehnten einige Tarzan-Filme, die sich – auch wenn „Greystoke – Die Legende von Tarzan“ (Großbritannien 1984, von Hugh Hudson) und „Tarzan – Herr des Urwalds“ (USA 1981, von John Derek mit Bo Derek als sexy Dame in ständig feuchter Bekleidung) die Grenzen zwischen Kunst und Trash markierten – bei weiten nicht so in das kollektive Gedächtnis einbrannten wie die legendären Tarzan-Filme mit Johnny Weissmuller.

Legend of Tarzan“, der kein naiver Abenteuerfilm sein will, wird das gleiche Schicksal des schnellen Vergessens ereilen. Daran ändert auch die lange Entwicklungsgeschichte des Films (wobei das 2006er Tarzan-Projekt von Guillermo del Toro mit diesem Film sicher nichts mehr zu tun hat) und das exorbitante Budget von offiziell 180 Millionen US-Dollar nichts.

Dieses Mal lebt Tarzan (Alexander Skarsgård) schon seit längerem unter seinem bürgerlichem Namen John Clayton III, fünfter Lord Greystoke, auf seinem Landsitz und er erledigt klaglos seine Pflichten als Lord und Hausherr. Da wird er vom Parlament gebeten, als Sonderbotschafter für Handelsfragen in den Kongo zu reisen.

Auf seiner Fahrt in seine alte Heimat begleiten ihn seine Freundin Jane (Margot Robbie), die ebenfalls alte Bekanntschaften auffrischen will, und der US-Amerikaner George Washington Williams (Samuel L. Jackson als doofer, alle Klischees bestätigender Sidekick), der Beweise für einen florierenden Sklavenhandel finden will.

In Afrika werden, kurz nach ihrer Ankunft in seinem Heimatdorf, Jane und etliche Dorfbewohner bei einem nächtlichen Überfall entführt und das Dorf verwüstet.

Verantwortlich dafür ist der Belgier Leon Rom (Christoph Waltz). Der Händler und Bösewicht des Films wollte in der Nacht eigentlich den legendären Tarzan entführen.

Lord Greystoke, der entkommen konnte, reißt sich seine Kleider vom Leib und beginnt als Tarzan Rom und seine Bande quer durch den Dschungel und die Steppe und Steinwüsten und Gewässer und Seen zu jagen, weil in Afrika alle Landschaften in Lianenentfernung sind.

Es gibt in „Legend of Tarzan“ zwischen all den CGI-Effekten (so sehen wir nur CGI-Tiere, die auch fast immer so aussehen) einige Momente, die schmerzlich zeigen, was für ein grandioser Film aus dem Stoff hätte werden können. So in Richtung Sam Peckinpahs Spätwestern „The Wild Bunch“. Allerdings n Afrika spielend und den Kolonialismus, die Zerstörung von Menschen, Tieren und Natur, der Ausbeutung eines Kontinents und der Grundsteinlegung von noch heute virulenten Konflikte ansprechend. In dem Wissen, dass der von Tarzan und Jane und seinen afrikanischen Freunden, in trauter Einheit mit den Tieren, gelebte glückliche Naturzustand (der natürlich auch immer nur eine Fiktion war) schon damals nicht mehr existierte. Es hätte also ein bildgewaltiger Abenteuerfilm mit einer ernsten Grundierung werden können.

Entstanden ist ein von einem Komitee gemachter Film. Nichts fügt sich sinnvoll zusammen, weil jeder eine Idee in den Film einbringen durfte. Es gibt immer wieder haarsträubende erzählerische Mängel und inszenatorische Schwächen. So erfahren wir wichtige Teile von Roms Plan erst viel zu spät, teilweise erst am Ende. Auch den Grund für den Konflikt zwischen Tarzan und Häuptling Mbonga (Djimon Hounsou) erfahren wir viel zu spät. Wenn man das alles (ja, Spoilervermeidung) am Anfang weitgehend verraten hätte, hätte man in diesem Moment den Grundstein für eine kraftvolle Geschichte gelegt. Denn in diesem Moment wäre der Grundkonflikt zwischen Tarzan, Rom und Mbonga etabliert gewesen und man hätte ausgehend von dieser Prämisse ein Netz von Konflikten und Beziehungen zwischen den Charakteren aufgespannt. So plätschert der Film vor sich hin, während er erzählt, wie Tarzan seine Frau retten will.

Die zahlreichen Rückblenden, die David Yates wild über den Film verteilt, sind bestenfalls manieristisch, schlimmstenfalls nervig. Der Geschichte hätten sie mehr gedient, wenn sie an den wenigen Punkten in der Geschichte, in der sie erzählerisch Sinn machen, präsentiert worden wären. Also wenn Tarzan von Vertretern des Parlaments gebeten wird, nach Afrika zurückzukehren, hätte man eine große Rückblende mit seiner Geschichte, wie seine Eltern sterben, er von Affen großgezogen wird, Jane kennen lernt und nach England zurückkehrt, einfügen können. Denn in diesem Moment steht John Clayton vor der Frage, ob er wieder in seine Vergangenheit zurückkehren will. Yates verteilt diese Hintergrundgeschichte auf mehrere Rückblenden, die dann nur unnötig die Haupthandlung verlangsamen. Denn letztendlich kenne wir doch alle die Geschichte von Tarzan.

Und dann etabliert „Harry Potter“-Regisseur mehrmals Ort so ungeschickt und auch unlogisch, dass man glaubt, gerade habe man eine Szene verpasst zu haben. So scheint, um nur ein Beispiel zu nenne, das Dorf, in dem Tarzan seine alten Freunde nach einem langen Fußmarsch durch trockenes Grasland, mitten in einer wasserlosen Gegend zu liegen. In der Nacht werden sie von Roms Männern überfallen und Jane wird auf einen Dampfer entführt, der anscheinend wenige Meter neben dem Dorf anlegte.

Wo „Legend of Tarzan“ schon auf der erzählerischen Ebene Schiffbruch erleidet, bringen die überall eingesetzten CGI-Effekte das Schiff dann endgültig zum Sinken. Und im Finale wird dann, während eine Horde CGI-Tiere eine Hafenstadt verwüstetet, auch munter Schiffe versenken gespielt. Das ist visuell selten überzeugend, meistens spektakulär langweilig und wenig beeindruckend.

Legend of Tarzan“ ist wohl der Tarzan-Film mit den meisten verpassten Chancen.

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Legend of Tarzan (The Legend of Tarzan, USA 2016)

Regie: David Yates

Drehbuch: Adam Cozad, Craig Brewer (nach einer Geschichte von Craig Brewer und Adam Cozad, basierend auf den „Tarzan“-Geschichten von Edgar Rice Burroughs)

mit Alexander Skarsgård, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson, Margot Robbie, Djimon Hounsou, Sidney Ralitsoele, Osy Ikhile, Mens-Sana Tamakloe, Rory J. Saper, Christian Stevens, Jim Broadbent, Ben Chaplin

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Lesetipp

Die Johnny-Weismuller-“Tarzan“-Filme laufen ja immer wieder und für mich sind sie die klassischen und definitiven „Tarzan“-Filme. Immerhin sah ich sie als Kind.

Aber man kann die jetzige Verfilmung auch als Gelegenheit nehmen, einen Blick in die Vorlage, die „Tarzan“-Romane von Edgar Rice Burroughs zu werfen. Denn der Heyne-Verlag bietet, mit einem kundigen Nachwort von Georg Seeßlen, einen Sammelband mit drei „Tarzan“-Romanen an. Enthalten sind die Ursprungsgeschichte „Tarzan bei den Affen“ (Tarzan of the Apes, 1912) und die beiden deutlich kürzeren „Tarzan“-Romane „Tarzan und die Schiffbrüchigen“ (Tarzan and the Castaways, 1940/1941/1964) und „Tarzan und der Verrückte“ (Tarzan and the Madman, 1964) und die ersten Seiten lesen sich verdammt gut.

Burroughs - Tarzan - 4

Edgar Rice Burroughs: Tarzan – Drei Romane in einem Band

Heyne, 2013

688 Seiten

11,99 Euro

Taschenbuch-Ausgabe entspricht der Ausgabe von Walde & Graf, Zürich 2012.

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Legend of Tarzan“

Metacritic über „Legend of Tarzan“

Rotten Tomatoes über „Legend of Tarzan“

Wikipedia über „Legend of Tarzan“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Steven Spielbergs Roald-Dahl-Verfilmung „BFG – Big Friendly Giant“

Juli 22, 2016

Ab und an, erstaunlich selten für seinen Ruf, dreht Steven Spielberg einen richtigen Kinderfilm; wie jetzt in seinem erstem Walt-Disney-Film. „BFG – Big Friendly Giant“ über die Freundschaft zwischen einem Waisenmädchen und einem Riesen. Einem freundlichem Riesen, der in einer seltsamen Sprache spricht und Träume sammelt und verteilt.

Der Film basiert auf dem Kinderbuch „Sophiechen und der Riese“ von Roald Dahl, das 1985 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Es war – Dahl starb 1990 – seine Lieblingsgeschichte und bevor er sie aufschrieb, erzählte er sie seinen Kindern und Enkeln. Es ist eine kurze, schlichte Geschichte in der ein Mädchen von einem Riesen entführt wird, nachdem es ihn in der Nacht gesehen hat. Schnell befreundet sich Sophiechen mit ihm und erfährt, dass es noch andere Riesen gibt, die vor allem Kinder fressen und die sich wie Schulhofhalbstarke benehmen. Mit dem BFG (Big Friendly Giant) oder, in der deutschen Übersetzung, dem GuRie (Der gute Riese) will sie alle Kinder vor den Menschenfressern retten. Dafür benötigt sie die Hilfe der Queen – und das Frühstück von Sophie und dem Riesen bei der Queen ist im Roman und im Film ein humoristischer Höhepunkt. „Sophiechen und der Riese“ ist auch ein sehr dialoglastiges Buch mit sehr wenigen Beschreibungen. Das meiste wird der Fantasie der jungen Leseratten überlassen.

Für einen Spielfilm ist Dahls Buch, eher eine kurzweilige Ansammlung von Episoden und oft sehr witzigen Dialogen und Wortspielen, allerdings zu kurz geraten. Einige der Dialoge, etwa wenn der BFG sich über die Essgewohnheiten der anderen Riesen auslässt sind für einen Kinderfilm nicht so geeignet.

Die 2015 verstorbene Melissa Mathison, die für Spielberg bereits „E. T. – Der Außerirdische“ (USA 1982) schrieb, musste den Roman zu einem Spielfilm aufpeppen und der Vorlage treu bleiben. So folgt die Verfilmung der Vorlage, baut sie allerdings immer wieder aus, was Steven Spielberg die Gelegenheit gibt, in Bildern und Actionszenen zu schwelgen. Das beginnt schon in den ersten Minuten, wenn Sophie (Sophiechen in der deutschen Übersetzung) von dem Riesen entführt wird und sie sich kurz darauf in der Höhle des Riesen zuerst vor ihm verstecken will (Indiana Jones wäre stolz auf sie) und anschließend vor den bösen Riesen, die durch die Wohnung des BFG randalieren, verstecken muss. Sie tut es in einer Kotzgurke. Die schmecken, in den Worten des BFG, „nach Hurgelgurgel und Würgelrülps“.

Schon in diesen Minuten fällt auf, wie gut das Zusammenspiel von Mark Rylance, der den guten Riesen spielt, und Ruby Barnhill, die die zehnjährige Sophie spielt, ist und wie nahtlos die Verbindung zwischen realen und digital bearbeiteten Bildern ist. Fast nie hat man den Eindruck, dass hier Bilder zusammengefügt wurden. Denn selbstverständlich ist Rylance keine sieben Meter groß und die Schauspieler der anderen, noch größeren Riesen sind auch keine zwölf bis sechzehn Meter groß. Aber die gezeigte Welt ist bis ins letzte Detail stimmig.

Das gefällt, auch wenn die Filmgeschichte immer noch sehr episodisch ist und es eigentlich keinen Konflikt und damit keine Spannung gibt. Denn die Idee, wie die Riesen besiegt werden können, kommt aus heiterem Himmel, die Queen ist sofort überzeugt und der Kampf gegen die Menschenfresser-Riesen ist schnell vorbei.

Es ist auch ein Film, der sich gezielt an Kinder richtet. Die dürften verzaubert sein. Jugendliche und Erwachsene werden sich da, im Gegensatz zu „E. T.“, konsequent unterfordert fühlen.

BFG - Big Friendly Giant - Plakat

BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Melissa Mathison

LV: Roald Dahl: The BFG, 1982 (Sophiechen und der Riese; BFG – Big Friendly Giant)

mit Mark Rylance, Ruby Barnhill, Penelope Wilton, Jermaine Clement, Rebecca Hall, Rafe Spall, Bill Hader

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

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Zum Filmstart erschien Roald Dahls „Sophiechen und der Riese“ unter dem Filmtitel, mit dem Teaser-Filmplakat als Titelbild und einigen Filmfotos, die nichts von der Bildgewalt des Films verraten.

Lesenswert!

Roald Dahl: BFG – Big Friendly Giant

(übersetzt von Adam Quidam, mit Zeichnungen von Quentin Blake)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2016

256 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Sophiechen und der Riese

Rowohlt Verlag, 1984

Originalausgabe

The BFG

Jonathan Cape, London, 1982

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „BFG – Big Friendly Giant“

Metacritic über „BFG – Big Friendly Giant“

Rotten Tomatoes über „BFG – Big Friendly Giant“

Wikipedia über „BFG – Big Friendly Giant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Homepage von Roald Dahl

Wikipedia über Roald Dahl (deutsch, englisch)

„Behind the Scenes“-Interview mit Steven Spielberg

Die Cannes-Pressekonferenz


Wieder erhältlich: James Lee Burkes erster Dave-Robicheaux-Krimi „Neonregen“

Juli 20, 2016

Burke - Neonregen - Pendragon 2016 - 2

Als 1987 „Neonregen“ in den USA erschien, war James Lee Burke schon lange kein Jungspund mehr und seine literarische Karriere war, nach durchaus erfolgversprechenden Anfängen in den Sechzigern, von Absagen gepflastert. Egal in welchem Genre er sich versuchte. Sein Freund Charles Willeford, selbst ein gefeierter Noir-Autor, riet ihm, es doch einmal mit einem Kriminalroman zu versuchen und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Gleich drei New Yorker Verlage wollten „Neonregen“ veröffentlichen. Der Krimi war in den USA bei Kritik und Publikum ein Erfolg. Burke war mit diesem und den folgenden Dave-Robicheaux-Romanen einer der Erneuerer des Hardboiled-Romans und er erhielt, teilweise mehrmals, alle wichtigen Krimipreise. Sein Held Dave Robicheaux wurde zu einem der beliebtesten Charaktere des Genres. Seitdem veröffentlichte der 1936 geborene James Lee Burke, neben mehreren anderen Romanen, zwanzig Robicheaux-Krimis.

In „Neonregen“ ist Dave Robicheaux noch Lieutenant beim New Orleans Police Department, Trinker und, so sagt ihm ein Mafia-Killer kurz vor seiner Hinrichtung, er soll ermordet werden. Die Kolumbianer wollen ihn umbringen, weil er sie bei ihren kriminellen Geschäften störte.

Robicheaux hat keine Ahnung, welche Geschäfte er von wem störte. Aber er vermutet, dass der Mordauftrag etwas mit der Farbigen zu tun haben könnte, deren Leiche er vor zwei Wochen bei einem Angelausflug im Wasser entdeckte.

Mit der mehr als überfälligen Neuveröffentlichung von dem lange nicht mehr erhältlichen Kriminalroman „Neonregen“ können jetzt, nachdem die über zehnjährige Übersetzungspause vor knapp zwei Jahren beendet wurde, auch all die seitdem neu hinzugekommenen James-Lee-Burke-Fans den enorm kraftvollen Auftakt der Robicheaux-Serie lesen. Er ist eines seiner besten Bücher.

Robicheaux ist nämlich ein interessanter Protagonist, der in diesem und den nächsten Romanen versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen. „Neonregen“ erzählt eine spannende Geschichte mit politischen Anspielungen an einem unverbrauchtem Handlungsort in einer Sprache, die einen förmlich die schwüle Louisianas spüren lässt.

In den kommenden Jahren will der Pendragon-Verlag weitere Robicheaux-Romane veröffentlichen und das ist für den Krimifan eine gute Nachricht. Denn gerade die ersten Robicheaux-Romane gehören zum Besten, was es im Genre gibt und die neueren Robicheaux-Romane sind, bis auf „Sturm über New Orleans“, noch nicht übersetzt.

James Lee Burke: Neonregen

(überarbeitete Neuausgabe)

(mit einem Vorwort von James Lee Burke und einem Nachwort von Alf Mayer)

(übersetzt von Hans H. Harbort)

Pendragon, 2016

432 Seiten

17 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 1990

Originalausgabe

The Neon Rain

Henry Holt & Co., New York, 1987

Hinweise

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)


Kommissar Nettelbeck trifft „Stumme Hechte“

Juli 18, 2016

Wittkamp - Stumme Hechte - 2

Auf einem Campingplatz am Krossinsee am südöstlichen Ortsrand von Berlin wird ein Mann tot aufgefunden. Während Kommissar Martin Nettelbeck noch rätselt, ob es ein Mord oder, immerhin wurde der Revolver neben dem Toten gefunden, ein Suizid war, wissen wir, dass René Walcha ermordet wurde. Er war mit seinen drei Freunden unterwegs, die ebenfalls hochrangige Polizisten sind. Vor zwanzig Jahren studierten sie gemeinsam an der Polizeiakademie. Jetzt arbeiten sie über ganz Deutschland verstreut und treffen sich immer noch zweimal im Jahr. Dieses Mal war ihr halbjährliches Treffen eine mehrtägige Radtour.

Aufgrund ihrer Position sollen die Ermittlungen schnell abgeschlossen werden und sie müssen fehlerfrei durchgeführt werden. Immerhin will das LKA sich nicht vor den Kollegen blamieren. Da hilft es nicht, dass Nettelbeck schnell einige Geheimnisse und Widersprüche aufdeckt, die ihn weiter im Leben der Kollegen herumschnüffeln lassen.

Nachdem der dritte Nettelbeck-Krimi „Frettchenland“ von Rainer Wittkamp ein waschechter Polit-Thriller mit mehr als einem Touch Ross Thomas war, ist der vierte Nettelbeck-Krimi „Stumme Hechte“ ein eher konventioneller Ermittlerkrimi, der durch das Opfer und seine Verstrickungen (es geht auch um Wirtschaftskriminalität, Korruptionsvorwürfe und Seitensprünge) an Spannung gewinnt. Allerdings sind Nettelbecks Ermittlungen, weil unklar ist, ob es sich um einen Mord oder einen Suizid handelt, lange ein Stochern im Nebel. Dazu kommt, fast schon nach Lehrbuch, etwas Privatleben und ein zweiter Fall, in dem Nettelbecks Tochter Efua Marie von der gerade aus der Haft entlassenen Nadine Lemmnitz entführt wird. Sie will sich an ihm rächen.

Weil Wittkamp die Geschichte wieder einmal auf etwas über zweihundert Seiten erzählt, kommt keine Langeweile auf und für die Berliner gibt es genug Lokalkolorit, um die Handlungsorte zu erkennen, ohne dass der Roman zu einem Reiseführer mit Krimibeilage wird.

Rainer Wittkamp: Stumme Hechte

grafit, 2016

224 Seiten

11 Euro

Hinweise

Homepage von Rainer Wittkamp

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Schneckenkönig“ (2013)

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Frettchenland“ (2015)


Das Finale von George A. Romeros „Empire of the Dead – Dritter Akt“

Juli 13, 2016

Romero - Empire of the Dead - Dritter Akt - 2

Jetzt liegt das Finale von George A. Romeros Zombie-Comic „Empire of the Dead“ vor. Jetzt werden all die Konflikte, die er in den vorherigen beiden Akten (die aus jeweils fünf Heften bestanden, die dann in Bücher zusammengefasst wurden) etablierte, zu Ende erzählt. Wieder besteht der Akt aus fünf Heften und weil „Empire of the Dead“ von Anfang an auf fünfzehn Hefte geplant war, konnte George A. Romero, wie bei einem Spielfilm, alles auf ein von Anfang an geplantes Finale hin schreiben. Da gab es während des Schreibens keine Überraschungen mit einem frühzeitigem Ende (wegen mangelndem Publikum) oder einem hinausgeschobenem Ende (wegen nicht mangelndem Publikum).

Und Konflikte, die auf eine Lösung warten, gibt es genug in dieser Zombie-Welt.

In New York leben Menschen in einer schwer bewachten Festung. Bürgermeister Chandrake befindet sich gerade im Wahlkampf. Er und seine Vertrauten sind Vampire, was die Menschen nicht wissen und auch nicht wissen sollen.

Die Wissenschaftlerin Penny Jones sucht weiter nach Anzeichen von Intelligenz bei den Zombies. Der ehemalige Polizistin Xavier zeigt dabei als Zombie erstaunlich viele menschliche Regungen. Xavier will ihre menschliche Freundin Jo finden, die am Ende des zweiten Akts entführt wurde.

Das Mädchen Jo wird auf einer von Chandrake betriebenen Farm gefangenen gehalten. Jo soll, wie die anderen Kinder, als Nahrung für die Vampire dienen.

Währenddessen nähern sich, was die New Yorker nicht wissen, aus den Südstaaten Rebellen, die die Stadt angreifen wollen.

Das sind die wichtigsten Erzählstränge der ersten beiden „Empire of the Dead“-Sammelbänden, die jetzt zu einem Ende kommen müssen. Und, immerhin sind auch Romeros Zombie-Filme nichts für zartbesaitete Gemüter, es dürfte blutig werden. So wie in seinem Film „Land of the Dead“ (USA 2005), der, bis auf die Vampire, ein ähnliches Setting hatte.

Trotzdem hat man bei „Empire of the Dead – Dritter Akt“ nie das Gefühl, dass die Geschichte demnächst endet. Wie schon im „Zweiten Akt“, den man als Vorbereitung für das Finale las, plätschern die verschiedenen Plots vor sich hin bis zum enttäuschenden Finale, das eigentlich kein Ende ist. Höchstens, wie wir es aus inzwischen fast jeder TV-Serie kennen, ein Staffelfinale, das uns zum Einschalten der nächsten Staffel animieren soll.

George A. Romero/Andrea Mutti: Empire of the Dead – Dritter Akt

(übersetzt von Joachim Körber)

Panini, 2016

116 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Empire of the Dead – Act Three # 1 – 5

Marvel, Juni 2015 – November 2015

Hinweise

Marvel über „Empire of the Dead“

Wikipedia über „Empire of the Dead“ und George A. Romero (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über George A. Romero (von Brian Wilson, November 2006)

Arte über George A. Romero (mit bewegten Bildern zum Start von “Diary of the Dead”)

tip: Jörg Buttgereit unterhält sich mit George A. Romero (5. Mai 2010)

Shock till you drop interviewt George A. Romero (12. Mai 2010)

Homepage of the Dead (eine lebendige Fanseite)

Dead Source (noch eine Fanseite; schon etwas untot)

Internet Archive: “The Night of the Living Dead” (Yep, der komplette Film mit dem alles begann)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“(2010)

Meine Besprechung von George A. Romero/Alex Maleevs „Empire of the Dead – Erster Akt“ (Empire of the Dead – Act One, 2014)

Meine Besprechung von George A. Romero/Dalibor Talajics „Empire of the Dead – Zweiter Akt“ (Empire of the Dead: Act Two, 2014/2015)

George A. Romero in der Kriminalakte

 


Batman besucht Europa – solange es noch steht

Juli 11, 2016

Azzarello - Batman Europa 1 - 2Azzarello - Batman Europa 2 - 2

Das nennt man wohl einen Arbeitsbesuch. Denn zum Vergnügen fährt Bruce Wayne nicht nach Europa. Als Batman kämpft er gegen einen Virus, das ihn innerhalb einer Woche tötet. Bis dahin nehmen seine Kräfte ab und seine Sinne schwinden. Sein Intimfeind, der Joker, der Clown des Verbrechens, wurde ebenfalls infiziert und nur wenn die Beiden zusammen arbeiten, können sie überleben. Die erste Spur führt nach Berlin. Dann geht es weiter nach Prag, Paris und Rom in dieser vierteiligen Geschichte von Brian Azzarello und Matteo Casali geschriebenen Geschichte, die eine zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

Auf der einen Seite ist die gelungene Prämisse. Auf der anderen Seite das Städte-Hopping, in dem Berlin, Prag, Paris und Rom nur die austauschbare Kulisse für jeweils eine Konfrontation sind, die dann die beiden todsterbenskranken Notverbündeten in die nächste Stadt schickt. Die europäischen Städte haben in „Batman: Europa“ keinen erzählerischen und auch keinen wirklich visuellen Mehrwert. Die Geschichte könnte genausogut in Gotham City, Batmans vertrautem Schlachtfeld, spielen.

Die Geschichte selbst und vor allem die zeichnerische Umsetzung, vor allem wenn die Panels (Layouts: Giuseppe Camuncoli, Zeichnungen: Diego Latorre [Paris], Gerald Parel [Rom]) in dem zweiten Heft zunehmend unscharf, abstrakt und experimentell werden, spiegeln kongenial die zunehmend getrübte Wahrnehmung von Batman, der immer weniger zwischen Fieberwahn und Realität unterscheiden kann. Auch die Geschichte ähnelt in diesen Momenten mehr einem Fiebertraum.

Am Ende der erstmals 2004 angekündigten Miniserie bleibt die Erkenntnis, dass ein Bösewicht Batman einen längeren Europa-Aufenthalt spendieren sollte.

Brian Azzarello/Matteo Casali: Batman: Europa – 1 (von 2)

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2016

68 Seiten

5,99 Euro

enthält

Batman: Europa 1 – Berlin (DC Comics, Januar 2016)

Batman: Europa 2 – Prague (DC Comics, Februar 2016)

Brian Azzarello/Matteo Casali: Batman: Europa – 2 (von 2)

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2016

68 Seiten

5,99 Euro

enthält

Batman: Europa 3 – Paris (DC Comics, Februar 2016)

Batman: Europa 4 – Rome (DC Comics, April 2016)

Hinweise

DC Comics über Batman

Wikipedia über Batman (deutsch, englisch) und über Brian Azzarello (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die gelungene John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“

Juli 8, 2016

Ein Bestsellerautor, ein unantastbarer Säulenheiliger und Doyen des Spionageromans ist John le Carré schon seit Jahrzehnten, aber bis vor einigen Jahren war die Zahl der Verfilmungen seiner Agententhriller überschaubar. Bis zur Jahrtausendwende gab es für das Kino eigentlich nur „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Das Russland-Haus“. In den letzten fünfzehn Jahren, vor allem in den letzten fünf Jahren, gab es dann mehrere le-Carré-Verfilmungen, die alle gelungen waren: „Der Schneider von Panama“, „Der ewige Gärtner“, „Dame, König, As, Spion“, „A most wanted man“, „The Night Gardener“ (für das Fernsehen) und jetzt „Verräter wie wir“, inszeniert von Susanna White („Eine zauberhafte Nanny“,„Parade’s End“), nach einem Drehbuch von Hossein Amini („Drive“, „Die zwei Gesichter des Januars“ [auch Regie]), der sich anstandslos in die Reihe der gelungenen le-Carré-Verfilmungen einreiht.

In Marrakesch lernt Perry (Ewan McGregor), ein harmloser Oxford-Dozent für Poesie, Dima (Stellan Skarsgård), einen russischen Lebemann mit riesigem Hofstaat, kennen. Dima mag den Engländer und seine Frau Gail (Naomie Harris), einer Anwältin, die beide erkennbar aus einer vollkommen anderen Welt stammen. Er spielt mit Perry Tennis, lädt ihn zu einer Party ein und bittet ihn um einen Gefallen. Denn Dima ist auch Geldwäscher für die russische Mafia. Er befürchtet, dass er demnächst im Auftrag des Kopfs der Vory umgebracht werden soll. Der britische Geheimdienst soll ihn und seine Familie beschützen. Deshalb möchte er, dass Perry dem englischem Geheimdienst einen USB-Stick mit Daten über von ihm getätigte Transaktionen, die auch britische Banken und Politiker belasten, übergibt.

Perry ist einverstanden. Es ist ja nur ein kleiner Gefallen für den potentiellen Überläufer und er tut doch offensichtlich ein gutes Werk. Aber es ist auch der erste Schritt, der ihn in die Welt der Geheimdienste führt.

Hossein Amini folgt zwar mit wenigen Abweichungen John le Carrés Geschichte, aber während le Carré die Geschichte bis weit über die Hälfte des Romans mit einer enervierenden Langsamkeit erzählt, hat Amini hier all die Fehler der Vorlage beseitigt. Die uninteressanten Stellen kürzte er ordentlich. Die Plot Points verschieben sich an die richtigen Stellen. Die Spannungskurve steigt stärker. Die wirkliche Geschichte, die ja erst beginnt, als Perry dem MI6-Agenten Hector Meredith (Damian Lewis) den USB-Stick übergibt, entwickelt sich schneller. Perry und seine Frau Gail geraten mit ihren Entscheidungen, die als einzelne Entscheidung ohne große Folgen, vernünftig und harmlos sind (Warum soll man nicht die Einladung zu einer Party annehmen? Warum soll man nicht dem Geheimdienst einen USB-Stick geben und so einer Urlaubsbekanntschaft helfen?), schnell in die von Misstrauen und Verrat geprägte Welt der Geheimdienste und des Großverbrechens, in der ein Menschenleben nicht mehr zählt als ein Bauer in einem Schachspiel. Dabei ist fraglich, ob Perry überhaupt so wichtig wie ein Bauer ist oder ob Dima der Bauer ist.

Kameramann Anthony Dod Mantle („28 Days Later“, „Slumdog Millionär“, „Rush – Alles für den Sieg“) inszeniert diese Welt als eine elegante Welt der Schatten und Spiegelungen, was der Geschichte eine latente Atmosphäre der Ungewissheit verleiht. Auch wenn wir Zuschauer genauer als Perry wissen, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird.

Verräter wie wir“ lebt nämlich nicht von der pulstreibenden Spannung eines Action-Thrillers mit überraschenden Wendungen, sondern von der mahlstromartigen Spannung einer sich fatal entwickelnden Geschichte, aus der es für die Protagonisten kein Entkommen gibt.

Eines der Themen von le Carrés Arbeit ist, dass Großbritannien als Weltmacht zwar beinahe alles verloren hat, aber immer noch die klassischen britischen Werte hat, die aus einer Zeit stammen, als Großbritannien an der Spitze der Welt stand und eine moralische Verpflichtung hatte. Während die Macht langsam verschwand, hat sich die dazugehörige Moral eher in eine Art Kompromiss verwandelt. John le Carré ist sehr interessiert an dem Einfluss, den der Abstieg der britischen Macht auf das moralische System hat. Das ist der Kern unseres Films. Es gibt jene, die es riskieren, die russische Autoritäten zu verärgern, um Dima zur Flucht zu verhelfen, und es gibt jene, die sich dem entgegen stellen und möglicherweise mit den Russen zusammenarbeiten, all das innerhalb des britischen Systems.“ (Hossein Amini)

Verräter wie wir - Plakat

Verräter wie wir (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Regie: Susanna White

Drehbuch: Hossein Amini

LV: John le Carré: Our Kind of Traitor, 2010 (Verräter wie wir)

mit Ewan McGregor, Stellan Skarsgård, Damian Lewis, Naomie Harris, Jeremy Northam, Khalid Abdallah, Mark Gatiss, Saskia Reeves, Alicia von Rittberg, John le Carré (sein Genehmigungs-Cameo)

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage, jetzt mit Filmcover

le Carre - Verräter wie wir - Movie-Tie-In 4

John le Carré: Verräter wie wir

(übersetzt von Sabine Roth)

Ullstein, 2016 (für die Filmausgabe)

416 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 2010

Originalausgabe

Our Kind of Traitor

Viking, London, 2010

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Verräter wie wir“

Metacritic über „Verräter wie wir“

Rotten Tomatoes über „Verräter wie wir“

Wikipedia über „Verräter wie wir“ (englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Susanne Biers „Serena“ (Serena, USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Susanne Biers „Zweite Chance“ (Un chance til, Dänemark 2014)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der ganzen Serie


„Die Hand Gottes“, ein toter Fußballer, eine tote Prostituierte und Scott Manson ist wieder auf Mördersuche

Juli 6, 2016

Scott Manson ist zurück und mit ihm der spannende Fußballkrimi, der auch Nicht-Fußball-Fans gefällt. Dieses Mal muss der Cheftrainer von London City den Mord an Bekim Develi aufklären. Der Stürmer brach während eines Champions-League-Spiels auf dem Spielfeld zusammen. Bis zur Obduktion dauert es, streikbedingt, allerdings noch einige Tage, in denen Scott Manson und seine Mannschaft in Griechenland festsitzen. Denn auch wenn Bekim einen Herzanfall gehabt haben könnte, wurde kurz nach dem Spiel im Wasser der Marina Zea in der Nähe von Piräus die Leiche einer unbekannten Schönheit gefunden, die den Stürmer am Abend vor dem Spiel in der abgeschiedenen Hotelanlage besuchte. Und dass sie ermordet wurde, daran zweifelt Chefinspektor Varouxis nicht. Ihr Mörder könnte ein Mitglied aus Scotts Mannschaft sein.

Deshalb darf Scott Manson wieder seine detektivischen Fähigkeiten einsetzen.

Dieses Mal in einem Land, in dem alles an die Dritte Welt (oder noch schlimmere Gegenden) erinnert, Fußballfans eine pöbelnde Horde sind, die im Stadion einen Bürgerkrieg inszenieren und die aus London kommende Fußballmannschaft (deren Spieler von dem ukrainischen Besitzer aus der halben Welt zusammengekauft wurden), trotz einiger interner Probleme (wie Homophobie, Rassismus, pubertärem Testosterongehabe, Aberglaube und religiösem Fanatismus), wie ein Hort der Anständigkeit wirkt.

Jedenfalls wenn man „Die Hand Gottes“ kurz nach dem Brexit-Referendum liest und die teils abstrusen Äußerungen von hochrangigen britischen Politikern über den Brexit, die glorreiche Zukunft des Landes und die Verhandlungen mit der Europäischen Union die Lektüre begleiten.

Vor diesen realen Ereignissen bekommen die zahlreichen abfälligen Bemerkungen der verschiedenen Charaktere und auch teilweise des Ich-Erzählers Scott Mason über die gegnerische Mannschaft, die Griechen und Griechenland einen unangenehm imperialistisch-chauvinistischen Beigeschmack. Die Lästereien der Engländer im Roman sind dann nicht mehr nur harmlose Lästereien und Aufputschreden an die Mannschaft, sondern mentale Überbleibsel einer Kolonialmacht, die immer noch an die Größe ihres schon lange vergangenen Reiches glaubt.

Ohne den Brexit – zu dem ich keine Äußerung von Philip Kerr fand, aber als Schotte war er 2014 bei dem Schottland-Referendum gegen die Unabhängigkeit Schottlands – als aktuellen und vom Autor nicht und nie geplantem Subtext seines im Original 2015 erschienenen Romans ist „Die Hand Gottes“ ein würdiger Nachfolger für „Der Wintertransfer“, der zu den wenigen, sehr wenigen gelungenen Fußballkrimis gehört. Der Mord, der Täter und die Lösung sind untrennbar mit der Welt des Fußballs verbunden und Philip Kerr wirft mit Informationen darüber um sich; dieses Mal vor allem über die ökonomischen Hintergründe der zahllosen Spielertransfers.

Scott Mason, der ja eigentlich ein Fußballtrainer ist, macht als Amateurdetektiv wieder eine gute Figur. Auch dank seines gut gefüllten Geldbeutels gestaltet sich seine Ermittlung hier so professionell, dass man schon glaubt, er strebe eine Karriere als Privatdetektiv an.

Die Hand Gottes“ ist ein gut konstruierter Rätselkrimi mit einer überschaubaren Zahl Verdächtiger, bei dem der schwarzhumorig-lakonische Hardboiled-Tonfall und die gut in die Handlung eingewobenen, satirisch überspitzten Informationen über Fußball und Griechenland gefallen.

Ende Oktober erscheint „Die falsche Neun“, der dritte Scott-Mason-Roman. Dann sucht er einen verschwundenen Fußballspieler.

Im November besucht Philip Kerr Österreich und Deutschland.

Kerr - Die Hand Gottes - 2

Philip Kerr: Die Hand Gottes

(übersetzt von Hannes Meyer)

Tropen, 2016

400 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Hand of God

Head of Zeus, London, 2015

Hinweise
Homepage von Philip Kerr
Krimi-Couch über Philip Kerr
Wikipedia über Philip Kerr (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Philip Kerrs „Der Wintertransfer“ (January Window, 2014)


Agenten nach dem Ende des Spionageromans: Über Olen Steinhauers „Der Anruf“

Juni 27, 2016

Der Anruf von Olen Steinhauer

Für den Spionageroman war der Kalte Krieg das Goldene Zeitalter. Danach hat man sogar kurz überlegt Geheimdienste abzuschaffen. Das wurde nicht getan. Schließlich gab und gibt es ja noch genug andere Feinde, die ausspioniert werden müssen und der Spionageroman erzählt darüber Geschichten, die spannender als die Realität sind. Spätestens seit 9/11 gibt es einen neuen, für Thriller äußerst dankbaren Gegner und Russland, das alte Reich des Bösen, ist seit einigen Jahren als Gegner ja ebenfalls wieder gut im Rennen.

Beide spielen in „Der Anruf“, dem neuen Roman von Olen Steinhauer, eine Rolle.

2012 trifft sich CIA-Agent Henry Pelham in Carmel-by-the-Sea mit seiner früheren Kollegin und Geliebten Celia Favreau, die inzwischen eine glücklich verheiratete Mutter ist. Pelham will sich mit ihr über eine Flugzeugentführung unterhalten, die 2006 in Wien katastrophal endete. Die Maschine war von der islamistischen Terrorgruppe Aslim Taslam entführt worden. 120 Menschen befanden sich an Bord.

Vor seinem Einsatz in Wien war Pelham in Moskau stationiert und er war über die Beendigung der Geiselnahme im Dubrowka-Theater, bei der die fünfzig Geiselnehmer, militante tschetschenische Islamisten, und die 129 Geisel vergiftet wurden, verärgert. Damals musste er auf Befehl von Washington seinen Informanten Ilyas Shishani an den russischen Geheimdienst verraten.

Shishani, der danach zum Terroristen wurde und spurlos verschwand, soll auch in die Flugzeugentführung involviert sein.

In Wien, und das ist der Grund des jetzigen Gesprächs zwischen Pelham und Favreau, gab es im CIA-Personal auch einen Verräter, der die Geiselnehmer über Ahmed Najjar informierte. Der CIA-Informanten war zufällig im Flugzeug und informierte die CIA über die aktuelle Lage in ihm.

Pelham will jetzt mit Favreau über die damaligen Ereignisse reden – und, auch wenn Olen Steinhauer die ersten Seiten aus Pelhams Perspektive erzählt, gibt es im Rahmen der Thrillerkonventionen nur zwei mögliche Täter: Pelham, was ihn zu einem der derzeit beliebten unzuverlässigen Erzähler machen würde, und Favreau.

Diese Beschränkung, auch wenn Steinhauer später Teile aus Favreaus Sicht erzählt, auf zwei Personen und, im Prinzip, einem Handlungsort, raubt dem Agenten-Thriller einiges von seiner potentiellen Spannung. Da helfen dann auch nicht die unterschiedlich in die Handlung eingeflochtenen Rückblenden auf die Ereignisse in Wien 2006.

Steinhauer lässt Pelham und Favreau in der Gegenwart und der Vergangenheit im von mir ungeliebten Präsens reden und beide Ich-Erzähler klingen gleich.

So lässt mich Olen Steinhauers neuer Roman „Der Anruf“ trotz spannender Prämisse, interessanter Konstruktion und einer durchaus gelungenen Schlusspointe ziemlich unbegeistert zurück.

Olen Steinhauer: Der Anruf

(übersetzt von Friedrich Mader)

Blessing, 2016

272 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

All the old knives

Minotaur Books, New York, 2015

Hinweise

Homepage von Olen Steinhauer

Blessing über Olen Steinhauer

Krimi-Couch über Olen Steinhauer

Perlentaucher über Olen Steinhauer

Wikipedia über Olen Steinhauer (deutsch, englisch)