LV: Austin Wright: Tony & Susan, 1993 (Tony & Susan) (manchmal auch „Tony and Susan“ bzw. „Tony und Susan“, US-Neuausgabe unter „Nocturnal Animals“)
Die erfolgreiche Kunsthändlerin Susan erhält ein unveröffentlichtes Roman-Manuskript ihres Ex-Mannes Edward, zu dem sie seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hat. Sie beginnt den Roman zu lesen und, während der Film zwischen Susans Leben und dem Roman hin und her springt, ahnen wir, dass Edward in seinem Kriminalroman ihre Beziehung verarbeitete.
„Nocturnal Animals“ ist ein Manufactum-Film, bei dem der Stil, die richtige Geste, die richtige Ausleuchtung und der äußere Schein wichtiger als der Inhalt ist. Alles ist höchst elegant, gut besetzt und in jeder Beziehung gut inszeniert (was ihn unbedingt sehenswert macht), aber auch immer eine Spur zu offensichtlich und zu eindeutig, um wirklich zu verunsichern oder emotional zu bewegen.
mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Karl Glusman, Armie Hammer, Laura Linney, Andreas Riseborough, Michael Sheen
„Leander Haußmanns Stasikomödie“ nennt Leander Haußmann seinen neuen Film und er erklärt den Titel so: er habe mit der Nennung seines Namens im Titel darauf hinweisen wollen, dass es sich hier um seine ganz persönliche Sicht der DDR handele. Außerdem ist die „Stasikomödie“ (bleiben wir ab jetzt bei dem kurzen Titel) der Abschluss seiner DDR-Trilogie. Die ersten Filme waren „Sonnenallee“ (1999) und „NVA“ (2004). Beide Male war Thomas Brussig sein Co-Autor. Der ist dieses Mal nicht dabei.
In Haußmanns neuem Film steht Ludger Fuchs im Mittelpunkt. Ludger hat jetzt, auf Drängen seiner Familie, im Stasi-Unterlagenarchiv seine Stasiakte angefordert und erhalten. Zusammen mit seiner Familie und einigen Gästen blättert der inzwischen gefeierte Schriftsteller durch die dicke Akte und erinnert sich – etwas unzuverlässig, wie das mit Erinnerungen halt so ist – an seine Jugend als er in den Achtzigern von der Stasi angeworben wurde. Entscheidend war dafür sein Verhalten an einer Ampel in Ostberlin. Er blieb an der roten Ampel stehen, obwohl kein Auto und kein anderer Mensch zu sehen war. Stattdessen wartete er geduldig, ein Buch lesend, bis die Ampel vielleicht irgendwann umspringt. Sogar als eine Katze von einem Straßenreinigungsfahrzeug überfahren werden könnte, zögert er.
Führungsoffizier Siemens, der ihn heimlich beobachtet und die Ampel steuert, ist begeistert: einen obrigkeitshörigeren und regeltreueren Menschen wird er wohl nirgendwo finden. Er wird auch bei Feindkontakt von diesem nicht korrumpiert werden. Und diese Fähigkeit ist bei dem Auftrag, den er erhält, wichtig.
Ludger soll, mit anderen ebenfalls jungen Stasi-Agenten, die im Prenzlauer Berg wohnende Künstler-Bohème ausspionieren. Das ist, weil sie und ihre Vorgesetzten etwas vertrottelt sind und regelmäßig mit der Tücke des Objekts kämpfen müssen, leichter befohlen als getan.
Noch schwieriger wird Ludgers Auftrag, als er sich in eine Künstlerin verliebt und ihm das lockere, alle DDR-Regeln ignorierende Leben der Künstler und Freigeister gefällt.
Leander Haußmann inszenierte seine Komödie mit vielen bekannten Schauspielern, die schon in Haußmanns vorherigen Filmen mitspielten. Gemeinsam pfügen sie, mit spürbarer Lust am Aufspüren absurder und komischer Momente, durch diesen Teil der DDR-Geschichte. Dabei bevorzugt Haußmann, wenn er die Wahl zwischen Komödie und Klamauk hat, immer den Klamauk, gerne mit einer ordentlichen Portion Slapstick. Von Satire will man in diesem Zusammenhang nicht mehr sprechen.
In diesem Rahmen ist die „Stasikomödie“ witzig.
Leander Haußmanns Stasikomödie (Deutschland 2022)
Regie: Leander Haußmann
Drehbuch: Leander Haußmann
mit David Kross, Jörg Schüttauf, Antonia Bill, Margarita Broich, Deleila Piasko, Matthias Mosbach, Henry Hübchen, Eric Spiering, Uwe Dag Berllin, Bernd Stegemann, Detlev Buck, Alexander Scheer, Tom Schilling
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
alternativer Titel: Stasikomödie (halt die Kurzfassung)
Jackson Briggs (Channing Tatum) wurde mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung aus dem Militär als dienstuntauglich entlassen. Trotzdem will der ehemalige Army Ranger bei einem privaten Sicherheitsdienst in einer ähnlichen Position arbeiten. Dafür benötigt er unter anderem ein Empfehlungsschreiben von seinem ehemaligem kommandierendem Offizier. Dieser kann Briggs‘ Gesundheitszustand genau einschätzen und er lehnt deswegen Briggs‘ Bitte ab. Aber er hat einen Auftrag für ihn. Briggs soll die belgische Malinois-Hündin Lulu zur Beerdigung von ihrem verstorbenem Hundeführer Riley Rodriguez fahren. Und anschließend in eine Armeebasis zur Einschläferung bringen. Die Hündin verhält sich nach zahlreichen Einsätzen in Kriegsgebieten aggressiv und unberechenbar.
Briggs macht sich mit Lulu in seinem Ford Bronco auf den Weg. Ihre Reise beginnt im Norden der USA in Fort Lewis und führt sie entlang der Pazifikküste bis in die Nähe der mexikanischen Grenze.
In „Dog“ übernahm Channing Tatum, der gerade in anderen Kinos die „Lost City“ sucht, erstmals die Regie. Reid Carolin ist sein Co-Regisseur und Carolin ist auch einer der Drehbuchautoren. Tatum und Carolin sind seit Jahren miteinander befreundet und arbeiten öfters zusammen. So war Carolin bei den Tatum-Erfolgen „Magic Mike“ und „Magic Mike XXL“ Drehbuchautor und Produzent, bei „Logan Lucky“ Produzent. Für ihr Road-Movie setzen sie auf die bewährte Buddy-Movie-Dramaturgie, die erzählt, wie Briggs und Lulu sich näherkommen. Sie erleben gemeinsam Abenteuer. Treffen verschiedene Menschen. Durch diese Begegnungen entsteht auch ein Bild der heutigen USA und ihrer Probleme. Briggs und Lulu, die meistens nur ‚Hund‘ genannt wird, lernen sich besser kennen, befreunden sich und helfen sich gegenseitig.
Diese von der ersten Minute bis zur letzten Sekunde vorhersehbare Geschichte erzählen Tatum und Carolin durchaus flott, aber auch konsequent an all den möglichen Tiefen der Geschichte vorbei.
Dog (Dog, USA 2022)
Regie: Reid Carolin, Channing Tatum
Drehbuch: Reid Carolin, Brett Rodriguez
mit Channing Tatum, Luke Forbes, Ethan Suplee, Kevin Nash, Jane Adams, Q’Orianka Kilcher, Emmy Raver-Lampman, Junes Zahdi
The Company You Keep – Die Akte Grant (The Company you keep, USA 2013)
Regie: Robert Redford
Drehbuch: Lem Dobbs
LV: Neil Gordon: The Company you keep, 2003
Nachdem eine Weathermen-Kampfgefährtin verhaftet wird und ein neugieriger Jungspund-Journalist seine vierzig Jahre zurückliegende terroristische Vergangenheit enthüllt, taucht der angesehene Bürgerrechtsanwalt Jim Grant unter. Um, wie der Journalist vermutet, seine Unschuld zu beweisen.
Spannender, im positiven Sinn altmodischer, vor allem auf die Dialoge setzender Polit-Thriller, bei dem der Polit-Teil eher eine Beigabe ist. Die vielen bekannten Gesichter, denen Robert Redford (als Grant) auf seiner Flucht vor dem FBI begegnet, erfreuen zuerst das Auge des gestandenen Kinofans und sorgen dann für eine angenehme Verunsicherung. Denn bei diesem All-Star-Ensemble ist schnell vollkommen unklar, wer nur einen kurzen Gastauftritt hat und wer nicht.
mit Robert Redford, Shia LaBeouf, Julie Christie, Susan Sarandon, Nick Nolte, Terrence Howard, Anna Kendrick, Stanley Tucci, Chris Cooper, Richard Jenkins, Brendan Gleeson, Brit Marling, Sam Elliott, Stephen Root, Jackie Evancho
Sie sind nicht die ersten, die auf die Idee gekommen sind. Schließlich begann in den USA die Porno-Hysterie 1972 mit dem Film „Deep Throat“. Der Porno hatte so etwas wie eine Handlung. Vor den Kinos, in denen er gezeigt wurde, bildeten sich lange Schlangen. Bekannte Persönlichkeiten sahen sich das Werk an und sprachen danach darüber.
1979 war diese Hysterie vorbei. Aber sicher konnte man mit einem Porno noch etwas Geld machen. Vor allem wenn der Film ohne ein Budget auf einer abgelegenen Farm in Texas gedreht wird. Das ist jedenfalls die geniale Idee von Barbesitzer Wayne Gilroy, der hier seinen ersten Film produzieren will.
Das einzige was Wayne benötigt, um seine Idee umzusetzen, sind einige junge, knackige Schauspieler und ein ebenso junger, ambitionierter Regisseur, der den Film als sein Ticket nach Hollywood sieht. Dafür darf er gleichzeitig als Kameramann und Toningenieur arbeiten.
Schnell findet Wayne diese Menschen und den richtigen Drehort. Die Regie übernimmt RJ Nichols. Er ist ein Filmstudent, der natürlich einen künstlerisch wertvollen pornographischen Film drehen möchte. Sein Vorbild ist Jean-Luc Godard. Das mutet etwas seltsam an, weil Godards wichtigste Filme in den Sechzigern entstanden. 1979 hatte er schon seit über zehn Jahren keine Filme fürs Kino mehr gedreht. Stattdessen experimentierte er, abseits der internationalen Öffentlichkeit, mit der damals neuen Videotechnik. Aber in Texas gehen die Uhren halt langsamer.
Die weiblichen Rollen in dem geplanten Epos „The Farmer’s Daughter“ werden von den Stripperinnen Maxine Minx und Bobby-Lynne Parker, die männliche Rolle von dem Vietnamveteran Jackson Hole übernommen. Dass er ein Schwarzer ist, der, wie es dem Klischee entspricht, offensiv seine sexuelle Potenz präsentiert, stört hier niemand. Es ist ja auch ein Teil des geplanten Films.
Fünfte im Bund ist Lorraine Day, die Freundin von RJ. Sie soll ihm bei der Arbeit helfen.
Diese Gruppe will innerhalb weniger Stunden im Gästehaus einer abgelegenen Farm ihr künftiges Meisterwerk drehen. Dass ihr Vermieter Howard etwas seltsam ist und an Gedächtnisproblemen leidet, stört sie nicht. Letzendlich sollen er und seine Frau Pearl, die sie aus einem Fenster im ersten Stock des Farmhauses beobachtet, sie nur in Ruhe ihren Film drehen lassen.
Dass der Dreh sich für die fünf Städter zu einem Horrortrip entwickeln wird, wissen Filmfans in dem Moment schon lange. Denn Ti West spart in seinem neuen Film „X“ (was das angestrebte Rating von Waynes Films ist) nicht mit Anspielungen auf Tobe Hoopers Horrorfilmklassiker „The Texas Chainsaw Massacre“ von 1974.
Für den Genrefan entwickelt sich so schnell ein ziemlich intelligentes und beim Erraten der Vorbilder amüsantes Spiel zwischen verschiedenen Metaebenen, Vorbildern aus dem pornographischen (weniger) und dem Horrorfilm (mehr) und „X“. Das gilt auch für die Reihenfolge der Morde und die Art ihres Ablebens.
Bis zum ersten Mord vergeht allerdings über eine Stunde. Auch danach, immerhin gibt es auf der Farm nur eine überschaubare Zahl an potentiellen Opfern, lässt Ti West sich Zeit. Für den Gore-Fan sind die in der Nacht stattfindenden Morde ziemlich enttäusend. Sie geschehen schnell und es ist immer so dunkel, dass sie mehr erahnt als gesehen werden.
Auch ist die Horrorstimmung niemals auch nur im Ansatz so beängstigend wie in „The Texas Chainsaw Massacre“.
So ist „X“ für den Fan des Siebziger-Jahre-Horrorfilms ein schönes, liebevoll ausgestattetes, stilbewusstes Erinnerungsstück, das auch etliche Anspielungen auf den pornographischen Film enthält.
X (X, USA 2022)
Regie: Ti West
Drehbuch: Ti West
mit Mia Goth, Jenna Ortega, Brittany Snow, Scott Mescudi, Martin Henderson, Owen Campbell, Stephen Ure, James Gaylyn, Matthew Saville
LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)
Der Neurophysiologe Dr. Robert Laing zieht in ein am Stadtrand von London liegendes modernes Hochhaus. Als er seine Mitbewohner kennenlernt, bemerkt er die Klassengesellschaft im Haus, die Konflikte zwischen den Stockwerken und ihre dekadente Vergnügungssucht.
Sehr düstere Satire auf die Gesellschaft und den Kapitalismus, toll besetzt, glänzend und sehr stilbewusst inszeniert von Ben Wheatley.
Nach einem Uni-Initiationsritual entwickelt eine junge Studentin einen besorgniserrengenden Appetit auf Menschenfleich.
Spielfilmdebüt von Julia Ducournau, deren nächster Spielfilm „Titane“ ebenfalls ein Body-Horrorfilm ist. „Raw“ ist ein „Meisterstück der französischen harten Welle“ (Fantasy Filmfest), das bei allem Schrecken eine „suggestive Auseinandersetzung mit den Ängsten des Erwachsenenwerdens“ (Lexikon des internationalen Films) ist.
Mit Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella, Laurent Lucas, Joana Preiss
Wiederholung: Samstag, 21. Mai, 00.15 Uhr (Taggenau!)
Mitten in der Nacht wird in Hannover in einem Park eine lebenslustige, wohlhabende Witwe (das waren damals mindestens zwei Mordmotive) ermordet. Kommissar Heinz Brammer ermittelt.
Erster von vier Brammer-Krimis, der unabhängig von der Qualität des Falls als zeithistorisches Dokument interessant ist. Außerdem sehen wir Hobby-Musiker Brammer beim Besuch eines Udo-Lindenberg-Konzerts.
Die restliche Musik ist von Rolf Kühn.
mit Knut Hinz, Peter Kuiper, Rosemarie Fendel, Dieter Prochnow, Edda Pastor, Klaus Schwarzkopf, Udo Lindenberg & das Panikorchester
„Die Bettwurst“ erzählt die Liebesgeschichte von der Sekretärin Luzi und dem Hilfsarbeiter Dietmar. Dummerweise hat er eine kriminelle Vergangenheit, die ihn einholt. Gedreht wurde der Film im Sommer 1970 in zehn Tagen in Kiel, weitgehend improvisiert und mit Laien, die sich weitgehend selbst spielen. Luzi wurde von seiner Tante, Dietmar von seinem Freund gespielt. Ein ‚guter‘ Film ist „Die Bettwurst“ nicht, aber es ist unverkennbar ein Rosa-von-Praunheim-Film, der auch beim Publikum erfolgreich war. 1973 gab es mit der „Berliner Bettwurst“ deshalb die Fortsetzung.
„die kindischen Abenteuer- und Liebesszenen kommen über penetrant abgeschmackte Albernheiten nicht hinaus.“ (Lexikon des internationalen Films)
Aber: „’Die Bettwurst‘ bietet ein nicht nur für das Jahr 1970 radikales Nicht-Anpassungs-Konzept.“ (Dietrich Kuhlbrodt in Reihe Film: Rosa von Praunheim, 1984)
Nach mehreren Kurzfilmen ist „Die Bettwurst“ Rosa von Praunheims Spielfilmdebüt. Mit dem Film wurde er bei einem größerem Publikum bekannt. Sein Durchbruch war, kurz darauf, mit „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1970). Der auf der Berlinale im Internationalen Forum des jungen Films gezeigte Film löste eine breite Debatte aus. Die Bedeutung des Films für die Schwulenbewegung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Eine Großstadt in Südkorea, Gegenwart: Familie Kim lebt in einer verwanzten, auch mal überschwemmten, viel zu kleinen Kellerwohnung. Die ebenfalls vierköpfige Familie Park lebt in einem schicken Haus. Als der Sohn der Familie Kim bei den Parks einen Job als Nachhilfelehrer erhält, öffnet sich für die Kims die Tür zu einem besseren Leben, die sie skrupellos wahrnehmen.
„Parasite“ ist eine tiefschwarze, sehr präzise Gesellschaftssatire, bei der schnell unklar ist, wer die titelgebenden Parasiten sind. Nachdem der in jeder Beziehung überzeugende Thriller in Cannes abgefeiert wurde, erhielt er u. a. den Oscar als bester Film und den Oscar als bester ausländischer Film.
Nachträglich, Herr Polt, alles Gute zum Geburtstag! Der war ja schon am 7. Mai.
Servus TV, 20.15
Herr Ober! (Deutschland 1992)
Regie: Gerhard Polt, Fred Unger
Drehbuch: Gerhard Polt
Gerhard Polt spielt Ernst Held, einen verkannten bayerischen Heimatdichter, der von seiner Frau, einer wohlhabenden Hotelbesitzerin, nach einem platonischem Seitensprung achtkantig rausgeworfen wird. Held beginnt sich als Kellner eher erfolglos durchzuschlagen, bis sein Werk im Fernsehen abgefeiert wird.
Gerhard Polts letzter Film „…und Äktschn!“ ist ein veritables Desaster ist, das sein Frühwerk noch heller strahlen lässt. Auch wenn sein Regiedebüt „Herr Ober!“ nicht so gut wie „Kehraus“ und „Man spricht deutsch“ ist.
„Diese bierernste Nostalgie dominiert die bisweilen etwas einfallslos aneinandergereihten Elemente zeitgenössischer Gesellschaftssatire, bleibt dabei jedoch merkwürdig gegenstandslos. So ist Polts Regiedebüt weniger Komödie als vielmehr ein Heimatfilm ohne Heimat, dessen Ästhetik trotz aller Hiebe aufs Fernsehen von ebendiesem geprägt ist.“ (Fischer Film Almanach 1993)
„Bedächtig-behäbig inszenierte Komödie um einen liebenswert-aufrechten Toren, mit satirischen Spitzen gegen das Fernsehen und die Kultur-Schickeria.“ (Zoom)
Die Musik ist von den Biermösl Blosn.
mit Gerhard Polt, Christiane Hörbiger, Ulrike Kriener, Robert Meyer, Natalia Lapina, Eisi Gulp
Wiederholung: Sonntag, 15. Mai, 02.10 Uhr (Taggenau!)
LV: Delacorta (Pseudonym von Daniel Odier): Diva, 1979 (Diva)
Postbote Jules gerät in Teufels Küche nachdem er heimlich das Konzert einer Operndiva mitschneidet und an ein Tonband mit dem Geständnis eines Callgirls gerät. Denn einige Menschen sind bereit ihn umzubringen, um an die Bänder zu gelangen.
Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.
„Diva ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Richard Bohringer
Marx, Eisenstein, Vampire, die zwanziger Jahre, betont bühnenhaft agierende Schauspieler sind einige der Schlagworte mit denen Julian Radlmaiers neuer Film beschrieben werden kann. Mit „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (ausgezeichnet vom Verband der deutschen Filmkritik als Bestes Spielfilmdebüt) und seinen davor entstandenen kürzeren Filmen „Ein Gespenst geht um in Europa“ und „Ein proletarisches Wintermärchen“ wurde er bei der Kritik und dem eingefleischtem Arthaus- und Festival-Publikum bekannt. Und für sie ist „Blutsauger“ dann auch.
Im Mittelpunkt von „Blutsauger“ steht der Fabrikarbeiter Anton Inokentewitsch Petuschkin, der von allen Ljowuschka genannt wird. Er spielte in Sergei Eisensteins „Oktober“ den Revolutionshelden Leo Trotzki. Weil Trotzki vor der Premiere des Films in Ungnade gefallen war, wurde er aus dem Film entfernt. Und so verschwand Ljowuschkas in der großartigen Sowjetunion geplante Filmkarriere im Mülleimer des Schnittraums. Jetzt will Ljowuschka sein Glück im kapitalistischen Hollywood versuchen.
Auf dem Weg in die USA strandet er im August 1928 in einem noblen Ostseebad. In dem Kurort Bad Dämmerow trifft er die standesbewusste, hochnäsig-schnippische junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen und ihren servilen Diener Jakob. Sie ist von Ljowuschka, der sich als verfolgter, aus der Sowjetunion kommender Aristokrat ausgibt, fasziniert und lädt ihn zu sich ein. Schnell durchschaut sie seine Charade. Trotzdem darf er weiter bei ihr wohnen.
Sie verbringen einige Tage zusammen. Er erzählt ihr von seiner gescheiterten Filmkarriere. Das führt dazu, dass sie im strahlenden Sonnenschein gemeinsam einen Vampirfilm improvisieren. Bei all dem fröhlichen Treiben ahnt Ljowuschka nicht, dass Flambow-Jansen eine Vampirin ist.
Dieses historische Setting wird immer wieder bewusst durchbrochen. Cola-Dosen, Containerschiffe und Motorräder sind im Bild. Diese Anachronismen schlagen natürlich auch eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart – und sie zeigen, wie künstlich filmische Nachstellungen der Vergangenheit sind. Gleichzeitig taucht mehrmals ein Marx-Lesezirkel auf, der sich Texte von Karl Marx vorliest und versucht, darüber zu diskutieren. Das wirkt, auch wenn sie in den Dünen sitzen, wie ein studentisches Seminar aus den siebziger Jahren.
So ist alles fein säuberlich arrangiert für einen intellektuellen Spaß, der sich dann nicht einstellen will. Die Texte von Marx sind nicht zum Vorlesen gedacht. Die langsam vorgetragenen Dialoge werden wie in einem Theaterstück deklamiert. Entsprechend künstlich klingen sie. Die Schauspieler und Laien agieren immer betont manieriert. Die Story, eher eine Abfolge disparater Episoden, plätschert in teilweise enervierender Langsamkeit vor sich hin. Die Diskussionen des Marx-Lesekreises drehen sich ergebnislos im Kreis. Überraschungen gibt es nicht. Damit verstärkt sich das Gefühl, dass nichts passiert.
Das ist von Julian Radlmaier, der an der Freien Universität Berlin Filmwissenschaft und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) Regie studierte, so gewollt. Bei den Kritiken, die ich gelesen habe, kommt dieser Stil sehr gut an. Bei mir überwiegt allerdings die Enttäuschung darüber, wie wenig aus der vielversprechenden Idee einer marxistischen Vampirkomödie gemacht wird.
„Blutsauger“ knüpft an kapitalismuskritische Filme aus den Siebzigern an, den denen das richtige Bewusstsein unbestreitbar vorhandene erzählerische Defizite kaschiert. Auch in Radlmaiers Film kommt die Kapitalismuskritik mit dem Holzhammer – Kapitalisten als Blutsauger – und es wird mit der abendländischen Bildung geprotzt und etwas gespielt. Aber ohne überraschende Einsichten und ohne Humor. Schließlich wird auch im Proseminar nicht gelacht, sondern gegen den Schlaf gekämpft.
Blutsauger(Deutschland 2021)
Regie: Julian Radlmaier
Drehbuch: Julian Radlmaier
mit Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, Andreas Döhler, Daniel Hoesl, Mareike Beykirch, Kyung-Taek Lie, Darja Lewin Chalem
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Das Buch zum Film
Drehbücher werden selten veröffentlicht. Spontan fallen mir Chris Kraus‘ „Die Blumen von gestern“ (2017) und Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ (2018) ein. Schließlich sind Drehbücher in erster Linie Baupläne für diesen einen Film und wenn der Film fertig ist, ist das Drehbuch nur noch Altpapier. Das unterscheidet ein Drehbuch von einem Theaterstück, das nach seiner Premiere mit anderen Schauspielern auf anderen Bühnen gespielt werden kann. Einen eigenständigen literarischen Wert haben Drehbücher normalerweise auch nicht. Außerdem beschränkt sich das interessierte Publikum für diese Bücher auf einen sehr engen Kreis von Cineasten.
In diesen kleinen Kreis reiht sich jetzt Julian Radlmaiers „Blutsauger“ ein. In dem Buch sind, für den Druck leicht überarbeitet, das Drehbuch von Julian Radlmaier in der Fassung, die die Grundlage für die Dreharbeiten war, ein Essay von Sulgi Lie über den Film und über fünfzig Zeichnungen von Jan Bachmann enthalten. Zu Bachmanns früheren Werken gehört der Comic „Mühsam, Anarchisten in Anführungsstrichen“.
Für die Fans des Films ist das Buch eine gelungene Ergänzung.
Die hellseherisch begabte Annie hilft der Polizei erfolgreich bei der Suche nach einer vermissten jungen Frau. Der Besitzer des Grundstücks, auf dem ihre Leiche gefunden wurde, wird als Mörder verhaftet. Aber Annie glaubt, dass jemand anderes der Mörder ist.
Als nächstes drehte Raimi seine Spider-Man-Trilogie.
mit Cate Blanchett, Giovanni Ribisi, Keanu Reeves, Katie Holmes, Greg Kinnear, Hilary Swank, Kim Dickens, Gary Cole, Rosemary Harris, J.K. Simmons, John Beasley
Kleine Germanen – Eine Kindheit in der rechten Szene (Deutschland 2019)
Regie: Frank Geiger, Mohammad Farokhmanesh
Drehbuch: Frank Geiger, Mohammad Farokhmanesh, Armin Hofmann
Sehenswerter, zum Nachdenken anregender Dokumentarfilm über Kindheiten in der rechten Szene mit Trickszenen (die eine wahre Geschichte nacherzählen), Expertenstatements (u. a. von Bernd Wagner, Gudrun Heinrich und Michaela Köttig) und Gesprächen mit Rechten, wie Sigrid Schüßler und Götz Kubitschek, die darüber reden, wie ihre Kindheit war und wie sie ihre Kinder erziehen.
Eigentlich will Kommissar Moritz Eisner in Tirol nur einen zünftigen Wanderurlaub verbringen. Aber als der Jesus-Darsteller eines Passionsspiel ans Kreuz genagelt wird, lässt er – widerwillig – Urlaub Urlaub sein und sucht mit seiner Kollegin Aschenwald den Mörder.
Erster Eisner-Tatort von Felix Mitterer und gleich ein voller Erfolg. Denn lustvoller und treffender wurde sich selten im prallen Provinzleben gesuhlt.
mit Harald Krassnitzer, Sophie Rois, Dietmar Schönherr, Nina Proll, Simon Schwarz, Reinhard Simonischek
Seitdem Abel Ferrara wieder regelmäßig Spielfilme dreht, kümmert er sich noch weniger als früher um eine einfach nachvollziehbare Geschichte. Der New Yorker begann mit in New York spielenden harten Thrillern. Zu seinen bekanntesten Werken aus dieser Zeit gehören „King of New York“ und „Bad Lieutenant“. Danach versuchte Hollywood ihn einzukaufen. Erfolglos. Seit 2005 lebt er in Rom und die italienische Hauptstadt ist auch dieses Mal der leicht erkennbare Handlungsort. Gedreht wurde während der Coronavirus-Pandemie Ende 2020 in den menschenleeren Straßen der Stadt und in anonymen Innenräumen. Wahrscheinlich wurden die nächtlichen Außenaufnahmen auch ohne Drehgenehminung im Guerilla-Stil gedreht.
Kameramann Sean Price Williams („Good Times“) begleitet Ethan Hawke durch ein dystopisches Rom. Immer in klaustrophobisch dunklen, farbentsättigten und verwackelt-unscharfen Bildern, die selbstverständlich den Gemütszustand von JJ und wohl auch Abel Ferrara spiegelt. Denn seine letzten Filme – „Tommaso“ und „Siberia“, die bei uns sogar im Kino liefen – waren radikal persönliche Werke, die sich nicht darum kümmerten, ob sie irgendjemand versteht oder ob irgendjemand sie so versteht, wie Ferrara es sich vielleicht gedacht hat.
Die Story von „Zeros and Ones“ ist bestenfalls kryptisch. JJ arbeitet für eine Organisation. Er ist eine unklare Art Soldat/Söldner. Es soll einen Anschlag auf den Vatikan geben. Die oder eine andere Organisation hat JJs Zwillingsbruder Justin entführt und foltert ihn. Sie will bestimmte Informationen von ihm haben. JJ wird dazu erpresst, ein Attentat zu verüben. Es scheint auch noch eine andere Organisation zu geben, die ihn und seine Vertratuen jagt und tötet.
Ferrara liefert ab und an Bilder und Motive, die wir aus Polit- und Action-Thrillern kennen. Es sind Chiffren, die dazu dienen, eine rudimentäre Geschichte zu erahnen. Sie bieten eine Hilfe beim Entschlüsseln der Bilder, ohne dass Ferrara es darauf anlegt, nur eine kohärente Lesart zu ermöglichen. Dafür ist alles zu mysteriös, kryptisch und widersprüchlich.
Das erinnert von seiner Stimmung und der Optik (trotz erkannbarer Unterschiede) an seine William-Gibson-Verfilmung „New Rose Hotel“. Der Science-Fiction-Thriller beschäftigte sich auch mit Paranoia und der fundamentalen Verunsicherung des Protagonisten, der keinen Überblick mehr über die Welt hat, in der er lebt und in der die ihm bis dahin bekannten Ordnungsprinzipien nicht mehr gelten. Das gesamte Leben und die Regeln sind nur noch einzige Grauzone, in der die alten Gewissheiten irgendwie wahrscheinlich nicht mehr gelten.
Insofern ist der Cyperpunk-Noir „Zeros and Ones“, der seine Premiere im August 2021 auf dem Locarno Film Festival hatte, auch und vor allem Ferraras intuitive Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie. Mit einem Hoffnungsschimmer und einem kryptischem Schlusswort von Ethan Hawke am Ende.
Zeros and Ones (Zeros and Ones, Deutschland/Italien/Großbritannien/USA 2021)
Regie: Abel Ferrara
Drehbuch: Abel Ferrara
mit Ethan Hawke, Cristina Chiriac, Babak Karimi, Valerio Mastandrea, Stephen Gurewitz
Regie: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Rochus Gliese
Drehbuch: Billie Wilder (später Billy Wilder), Curt Siodmak, Robet Siodmak (ungenannt) (nach einer Reportage von Robert Siodmak)
Kamera: Eugen Schüfftan, Fred Zinnemann (Kamera-Assistenz)
„Siodmaks wahrscheinlich berühmtester Film steht als Solitär am Anfang einer langen internationalen Karriere. (…) ‚Menschen am Sonntag‘ erzählt von vier jungen, gewöhnlichen, von Laien verkörperten Menschen, die einen Sonntagsausflug ins Grüne, an den Wannsee unternehmen. Sie fahren mit dem Tretboot, gehen spazieren, necken und lieben sich, ehe sie wieder auseinandergehen. Eine Allerweltsgeschichte und doch unvergesslich.“ (Deutsches Historisches Museum Hrsg.: Robert Siodmak, 2015)
Gedreht wurde „Menschen am Sonntag“ wie ein Independent-Film mit wenig Geld, aber viel Enthusiasmus von einigen Männern, die danach aus Deutschland nach Hollywood flüchteten und dort Karriere machten.
Außerdem ist der Film wegen seiner Bilder von Berlin vor gut hundert Jahren sehenswert.
mit Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers
Bevor das Dream-Team Banderas/Cruz im ‚besten Film aller Zeiten‘ (so der deutsche Titel, der am 30. Juni startenden Komödie [Besprechung folgt]) auftreten, suhlen sie sich in
Arte, 20.15
Leid und Herrlichkeit(Dolor y gloria, Spanien 2019)
Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
In seiner Wohnung dämmert Salvador Mallo (Antonio Banderas) vor sich hin. Er leidet an zahlreichen Krankheiten, die ihn am Arbeiten hindern. Als der Regisseur einen seiner früheren Filmen, der inzwischen als Meisterwerk gilt, zusammen mit seinem damaligen Hauptdarsteller präsentieren soll, erinnert er sich an sein Leben und ihre gemeinsame Zeit. Dummerweise haben sie sich damals heillos zerstritten.
TV-Premiere. Wie wir es von Pedro Almodóvar gewohnt sind: ein grandioses Drama und ein großer Spaß.
Während der Revolution in Mexiko kämpfen ein Gringo, ein Banditenanführer und ein General mit- und gegeneinander um, nun, verschiedene Dinge.
Der Italowestern (und Politthriller) „Töte Amigo“ ist kraftvoll, kurzweilig, mit burlesken Übertreibungen, sehr unterhaltsam und brutal. Dass die Geschichte eher grob gestrickt ist, stört dabei kaum.