TV-Tipp für den 5. Mai: Neruda

Mai 4, 2022

Toller Film zu untoller Uhrzeit

RBB, 00.15

Neruda (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón

Chile, 1948: Pablo Neruda, geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator, muss aufgrund der politischen Lage untertauchen. Ein Polizist, der direkt aus einem Noir-Roman entsprungen ist, sucht ihn – und doch ist es nicht ganz so einfach.

Man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des „Anti-Biopics“ (Larrain).

mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Diego Munoz, Pablo Derqui, Michael Silva

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Neruda“

Metacritic über „Neruda“

Rotten Tomatoes über „Neruda“

Wikipedia über „Neruda“ und Pablo Neruda (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Neruda“ (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrins „Spencer“ (Spencer, Deutschland/Großbritannien 2021)


Neu im Kino/Filmkritik (+ Buchhinweis): ‚Meister des mystischen Mächte‘ Sam Raimi schickt „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Mai 4, 2022

Wie üblich ist auch bei dem neuesten Marvel-Film vorher nichts bekannt über den Plot und wer alles mitspielt. Neben dem Hauptcast – Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams und Neuzugang Xochitl Gomez -, der zu einem großen Teil aus dem ersten „Dr. Strange“-Film bekannt ist, soll es auch einige Überraschungen geben. Laut der Gerüchteküche soll Bruce Campbell dabei sein. Aber der ist in jedem guten Film von Sam Raimi dabei. Raimi hat, nach einer neunjährigen Spielfilmpause, die er mit einigen TV-Serienepisoden und vielen Tätigkeiten als Produzent füllte, endlich wieder die Regie bei einem Spielfilm übernommen. Ältere kennen Sam Raimi vom „Tanz der Teufel“, Jüngere als den Regisseur von drei „Spider-Man“-Filmen mit Tobey Maguire als Peter Parker.

In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ kann Raimi seine beiden Leidenschaften, nämlich „Horror“ und „Comic-Verfilmungen“ miteinander verbinden. Deshalb wird das Werk von Marvel auch schon als deren Horrorfilm angekündigt. Geworden ist es dann ein Marvel-Film mit einigen Horrorelementen.

Es geht um Doctor Strange, der – ähem, also die offizielle Synopse ist ziemlich irreführend, der Verleih bittet um spoilerfreie Besprechungen und die Story ist, nun, ähem, bestenfalls durchwachsen. In jedem Fall gibt es einen Bösewicht, der im Gedächtnis bleibt, ein sehr nachvollziehbares Motiv hat, das gleich am Anfang erklärt wird und ihre Handlungen antreibt. Außerdem hat sie ordentlich Screentime. Nachdem in den vorherigen Marvel-Filmen der Bösewicht oft die uninteressanteste Figur im ganzen Film war, ist das hier besser.

Davon abgesehen will Doctor Stephen Strange die junge America Chavez retten. Sie ist aus einem anderen Universum in sein Universum gestolpert, sagt ihm, dass es das Multiverse gibt (Hatten wir das nicht schon in „Spider-Man: No Way Home“ erfahren?) und um alles wieder in Ordnung zu bringen, müssen die beiden durch das Multiverse reisen. Das sind verschiedene Universen, die sich in Details unterscheiden. So ist Doctor Strange in einem Universum nett, in dem anderen weniger und im nächsten Universum kann er sogar ein Bösewicht sein. Für Benedict Cumberbatch, der hier wieder Doctor Strange spielt, ist das eine gute Gelegenheit, die Figur verschieden zu spielen.

Die Idee des Multiverse führt dann dazu, dass, wie in einem schlechten Fantasy-Film, plötzlich alles möglich ist. Es wird einfach in die nächste Welt gewechselt und schon geht’s. Und wenn in einem Film ein Fehler gemacht wurde, wird er im nächsten Film einfach in ein anderes Universum verbannt.

In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ wird durch verschiedene Universen gesprungen und in jedem gibt es etwas zu entdecken. Sam Raimi kann so gleichzeitig ungefähr ein halbes Dutzend Filme inszenieren. Einmal natürlich eine Fortführung des ersten „Doctor Strange“-Films, der jetzt auch schon sechs Jahre alt ist. Dazwischen trat Cumberbatch in mehreren Marvel-Filmen als Dr. Strange auf. Einmal ein quitschbuntes CGI-Psychelic-Abenteuer, in dem Dinge durch eine schwerelose (Alb)Traumwelt schweben. Einmal einen mittelalterlichen Abenteuerfilm, in dem tibetanische Mönche ihr Kloster, das Kamar-Taj, mit Zauberkräften gegen eine Hexe verteidigen. Und, im Finale, einen Horrorfilm, der auch die Tradition des Horrorfilms huldigt. Es gibt natürlich eine gute Portion Fanservice für die Raimi-Fans und, vor allem, für die MCU-Fans.

Das ist durchaus vergnüglich, aber nie so vergnüglich wie seine „Evil Dead“-Filme, und wird mit der Zeit, trotz seiner kurzen Laufzeit von zwei Stunden, sogar etwas langweilig. Es gibt einfach zu viel CGI. Es gibt zu viele banale Erklärdialoge. Viel zu oft ist Dr. Strange mit einem anderen Dr. Strange beschäftigt, während der Bösewicht und auch die Freunde von Dr. Strange sich vollkommen aus dem Film verabschieden. Dann spielt Cumberbatch mit sich in einem Raum. Das bringt die Story nicht voran. Denn die Welt(en) wie wir sie (nicht) kennen, will jemand anderes vernichten. Außerdem verlässt die Story sich zu sehr auf Zauberei und das Betreten von anderen Universen. So können unsere Helden immer wieder einer tödlichen Gefahr entkommen, indem sie die Tür zu einer anderen Welt öffnen und in Sicherheit sind.

„Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist nie so bahnbrechend wie Sam Raimis erster „Spider-Man“-Film oder so hemmungslos abgedreht wie seine „Evil Dead“-Filme. Als Marvel-Film, der auch gut ohne die Kenntnis der anderen Filme und Fernsehserien angesehen werden kann, ist er okay. Trotzdem will sich bei mir die Begeisterung, die ich bei den älteren MCU-Filmen empfunden hatte, auch dieses Mal nicht einstellen.

Im Abspann gibt es zwei Szenen. Die erste ist ein Ausblick auf möglicherweise kommende Ereignisse. Die zweite, ganz am Ende des Abspanns, ist mit Bruce Campbell, der im Film lediglich ein für den Film und das Marvel-Universum folgenloses, aber vergnügliches Cameo hat. So wie Stan Lee bis zu seinem Tod in den Marvel-Filmen kurze Auftritte hatte.

Doctor Strange in the Multiverse of Madness (Doctor Strange in the Multiverse of Madness, USA 2022)

Regie: Sam Raimi

Drehbuch: Michael Waldron (basierend auf Marvel-Figuren von Stan Lee und Steve Ditko)

mit Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Xochitl Gomez, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams, Patrick Stewart , Bruce Campbell, Julian Hilliard, Jett Klyne

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Metacritic über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Rotten Tomatoes über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Wikipedia über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Armee der Finsternis (Tanz der Teufel III)“ (Army of Darkness – Evil Dead 3, USA 1992)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Die fantastische Welt von Oz“ (Oz, the Great and Powerful, USA 2013)

Meine Besprechung von Scott Derricksons „Doctor Strange“ (Doctor Strange, USA 2016)

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Das war’s mit den bewegten Bildern. Werfen wir einen Blick auf die unbewegten Bilder und damit auf die Ursprünge von Doctor Strange. Der Panini Verlag hat pünktlich zum Filmstart eine dicke Anthologie über „Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte“ veröffentlicht.

Die „Doctor Strange“-Anthologie ist wie die anderen Anthologien, die zu bekannten Marvel- und DC-Figuren, wie Black Widow, Deadpool und Batman, erschienen sind, aufgebaut. Es gibt, geschrieben von Christian Endres, Thomas Witzler und Arnulf Woock, kurze Texte zu wichtigen Aspekten der Figur und seiner Welt und einführende Texte zu seinen wichtigsten Comic-Abenteuern. Diese werden, von seinem ersten Auftritt bis zur Gegenwart, chronologisch abgehandelt und nachgedruckt.

Wie die anderen Anthologien ist auch die Anthologie über den Obersten Zauberer des Marvel-Universum ein schwer in der Hand liegender informativer Lesegenuss, der auch zeigt, wie sehr sich die Comics in den vergangenen sechzig Jahren veränderten. Seinen ersten Auftritt hatte der Zauberer im Juli 1963 in Strange Tales als „Dr. Strange, Meister der Schwarzen Magie“. Die fünfseitige Geschichte war als Füller gedacht. Den Lesern gefiel der Comic und der Rest ist Geschichte.

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Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte – Die Doctor Strange-Anthologie

Panini, 2022

320 Seiten

29 Euro

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Zum Gratis-Comic-Tag, der dieses Jahr endlich wieder an seinem regulärem Termin, dem zweiten Samstag im Mai, stattfindet, gibt es ein „Doctor Strange“-Heft. In ihm sind drei Geschichten enthalten. In „Der Zauberlehrling“ (Mystic Apprentice, 2016) ist Stephen Strange noch ein Novize der mystischen Künste, dem die Astralformprojektion seines Körpers noch nicht gelingen will. „Der Tod von Doctor Strange, Kapitel 1“ (Death of Doctor Strange, 2021) enthält die ersten Seiten der Geschichte und endet mit einem Gast an seiner Haustür. In „Venom“ (Marvel Action: Origins, 2021) ist Doctor Strange nicht dabei. In dieser Geschichte erfahren wir, wie ein außerirdischer Symbiont zuerst Spider-Man Peter Parker und dann Eddie Brock als Wirt aussuchte.

Lohnenswert!

(Vor dem 14. Mai, dem Gratis-Comic-Tag gibt es einen längeren Text dazu.)


TV-Tipp für den 4. Mai: Fight Club

Mai 3, 2022

Nitro, 22.45

Fight Club (Fight Club, USA 1999)

Regie: David Fincher

Drehbuch: Jim Uhls

LV: Chuck Palahniuk: Fight Club, 1996 (Fight Club)

Yuppie Jack findet das Leben unglaublich öde. Kurzzeitige Kicks verschafft er sich mit dem Besuch von x-beliebigen Selbsthilfegruppen. Da trifft er Tyler Durden, der seinem Leben mit der Idee des „Fight Club“ (in dem Männer sich die Fresse polieren) den nötigen Kick verschafft. Bald nimmt der „Fight Club“ größere Dimensionen an.

Inzwischen ein Klassiker, der mir schon damals im Kino verdammt gut gefiel. Naja, das Ende fand ich etwas schwach. Aber die zwei Stunden davor: Wow!

In seinem Roman enthüllt Palahniuk die Pointe früher.

„Handwerklich lässt Fincher keine Wünsche offen: Er hält ein rasantes Tempo, setzt virtuos visuelle Effekte ein und schafft so einen atemberaubenden Alptraum der ausklingenden 90er. Gewiss kann über dieses bemerkenswerte Werk trefflich gestritten werden, doch eines muss ihm jeder attestieren: ‘Fight Club’ ist keine lauwarme Kommerzproduktion, sondern einer der mutigsten, irritierendsten, gleichzeitig aber auch interessantesten Filme der letzten Jahre.“ (W. O. P. Kistner, AZ, 11. November 1999)

Die andere Meinung: „Denn im Grunde ist diese manieristisch heruntergefilmte Möchtegern-Satire von Regisseur David Fincher (‘Sieben’) nicht mehr als grober Unfug: eine große, in die Länge gezogene Luftblase.“ (Albert Baer, Rheinische Post, 12. November 1999)

Mit Brad Pitt, Edward Norton, Helen Bonham Carter, Meat Loaf, Jared Leto, George Maguire

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fight Club“

Wikipedia über „Fight Club“ (deutsch, englisch)

Homepage von Chuck Palahniuk

Meine Besprechung von Chuck Palahniuks “Diva” (Tell-All, 2010)

Meine Besprechung von Clark Greggs Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Choke“ (Choke, USA 2008)

Meine Besprechung von David Finchers „Verblendung“ (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Mai: Diva

Mai 2, 2022

HR, 23.30

Diva (Diva, Frankreich 1981)

Regie: Jean-Jacques Beineix

Drehbuch: Jean-Jacques Beineix, Jean van Hamme

LV: Delacorta (Pseudonym von Daniel Odier): Diva, 1979 (Diva)

Postbote Jules gerät in Teufels Küche nachdem er heimlich das Konzert einer Operndiva mitschneidet und an ein Tonband mit dem Geständnis eines Callgirls gerät. Denn einige Menschen sind bereit ihn umzubringen, um an die Bänder zu gelangen.

Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.

„Diva ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Richard Bohringer

Hinweise

Homepage von Daniel Odier (aka Delacorta)

AlloCiné über „Diva“

Rotten Tomatoes über „Diva“

Wikipedia über „Diva“ (deutsch, englisch, französisch) und Daniel Odier (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 2. Mai: Carmen

Mai 1, 2022

Arte, 22.00

Carmen (Carmen, Spanien 1983)

Regie: Carlos Saura

Drehbuch: Carlos Saura, Antonio Gadès

Ein Choreograph will Georges Bizets Oper „Carmen“ als Ballett mit Flamenco-Musik inszenieren. Während der Proben vermischen sich die Geschichte des Stücks mit der Realität.

Damals war der Tanzfilm Teil einer kleinen „Carmen“-Wiederentdeckung im Kino und für Carlos Saura der internationale Durchbruch. Damals drehte der Spanier schon seit über zwanzig Jahren von der Kritik gelobte, vom Publikum weitgehend ignorierte Filme. „Carmen“ lief seit Ewigkeiten nicht mehr im TV.

Die Musik ist von Georges Bizet und Paco de Lucia.

mit Antonio Gadès, Laura Del Sol, Paco de Lucia, Christina Hoyos, Juan Antonio Jimenez

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Carmen“

Wikipedia über „Carmen“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Wolke unterm Dach“, Mama im Himmel, Papa traurig

Mai 1, 2022

„Wolke unterm Dach“ ist jetzt nicht der schlechteste Film der Welt. Er ist kompetent gemacht. Die Schauspieler sind auch okay. Und auf einer grundlegenden Ebene stimmt auch die Dramaturgie. Am Anfang lernen Paul (kein Nachname) und Julia (kein Nachname) sich kennen. Schnell folgen in einer austauschbar-belanglosen, aber beschwingten Werbeclip-Montage glückliche Momente zu zweit, die Heirat, der Einzug in ein uriges, auch nach Jahren kaum renoviertes Haus, ein schnuckeliges Kind und der plötzliche Tod von Julia.

Danach, und darum geht es in dem Film, müssen Paul und seine Tochter Lilly mit dem Tod zurechtkommen. Das wird, locker angelehnt an die bekannten Phasen der Trauer (die damit auch den Plot liefern), erzählt. Mit etwas Humor, etwas Traurigkeit und Stimmungsschwankungen.

Das könnte ein guter Film über ein jeden irgendwann betreffendes Thema sein. Am Ende ist „Wolke unter Dach“ ein typischer deutscher Wohlfühlfilm, der schnell aus den Kinos verschwindet und noch schneller vergessen ist.

Der Grund dafür liebt, mal wieder, am Drehbuch. So wollen Regisseur Alain Gsponer und sein Drehbuchautor Dirk Ahner sich nicht entscheiden, ob sie Pauls oder Lillys Geschichte erzählen. Also erzählen sie einfach beide Trauerbewältigungen gleichberechtigt. Während Lilly Bewältigung mit der titelgebenden Wolke auf dem Dachboden und der Mutter als imaginären Freundin wenigstens in sich schlüssig ist, ist das bei Pauls Geschichte nicht so. Ihm werden ziemlich wahllos alle möglichen Probleme angedichtet. So hat er massive finanzielle Probleme. Gleichzeitig hat er in einer Klinik als Stationsleiter eine Stelle mit einem festen Gehalt, das für die Finanzierung eines Hauses ausreichen sollte. Nachdem er ein Foto entdeckt, wird er eifersüchtig auf einen mutmaßlichen Liebhaber seiner Frau. Einmal betrinkt er sich besinnungslos. Einmal demoliert er die Wohnung. Mehrmals räumt er um und hängt mit seinem Arbeitskollegen und Freund Malik ab. Er kümmert sich um Lilly. Und selbstverständlich ist er von den Hausarbeiten vollkommen überfordert und unwillig, um Hilfe zu bitten. Das ist alles wahllos zusammengeklaubt aus dem Story-Baukasten. Nichts davon wird vertieft oder konsequent zu Ende erzählt. Für die Geschichte bleiben alle diese Episoden, Probleme und Marotten ohne Folgen. Am Ende des Films wissen wir über Paul nicht mehr als am Anfang. Er wird nie zu einer glaubwürdigen dreidimensionalen Figur mit für die Filmgeschichte nachvollziehbaren und wichtigen Problemen, Sehnsüchten und Zielen. In dieser Hinsicht erfahren wir mehr über seine tote Frau Julia. Oder Julias Mutter, die mal wieder Trost in der Kirche sucht.

Wolke unterm Dach (Deutschland 2022)

Regie: Alain Gsponer

Drehbuch: Dirk Ahner

mit Frederick Lau, Hannah Herzsprung, Romy Schroeder, Barbara Auer, Kida Khodr Ramadan, Nicolette Krebitz, Reinout Scholten van Aschat

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (mit Eltern ab 6 erlaubt; – und so dürfte Lilly sich den Film ansehen)

–

Hinweise

Filmportal über „Wolker unterm Dach“

Moviepilot über „Wolke unterm Dach“

Meine Besprechung von Alain Gsponers „Jugend ohne Gott“ (Deutschland 2017)


TV-Tipp für den 1. Mai: Two Lovers

April 30, 2022

Und gleich noch ein Film mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle

Servus TV, 20.15

Two Lovers (Two Lovers, USA 2008)

Regie: James Gray

Drehbuch: James Gray, Rick Menello

Nicht der Plot (eigentlich ein 08/15-Liebedrama: Leonard lebt, nach mehreren Selbstmordversuchen, wieder in seinem Jugendzimmer. Seine Eltern wollen ihn mit Sandra verkuppeln. Aber er ist in Michelle verliebt.), sondern die Machart ist entscheidend. Und die stimmt bei „Two Lovers“.

Denn „Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme „Little Odessa“, The Yards – Im Hinterhof der Macht“ und „Helden der Nacht“ hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Joaquin Phoenix, Gwyneth Paltrow, Vinessa Shaw, Moni Moshonov, Isabella Rossellini, Elias Koteas

Wiederholung: Montag, 2. Mai, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Two Lovers“

Wikipedia über “Two Lovers” (deutsch, englisch)

IFC: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Spout Blog: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Coming Soon: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

Collider: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

IndieWire: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

Meine Besprechung von James Grays „Two Lovers“ (Two Lovers, USA 2008)

Meine Besprechung von James Grays „Die versunkene Stadt Z“ (The lost City of Z, USA 2016)

Meine Besprechung von James Grays „Ad Astra: Zu den Sternen“ (Ad Astra, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Animationsfilm „Die Odyssee“

April 30, 2022

Als ein Nachbardorf überfallen wird, beginnt für die dreizehnjährige Kyona und ihren jüngeren Bruder Adriel die titelgebende Odyssee durch eine Welt voller Gefahren. Zuerst mit ihren Eltern, später allein stolpern sie durch ein dystopisches Europa. Die Bilder und die Erlebnisse der beiden Kinder erinnern dabei an die Katastrophen, Diktaturen und Migrationsbewegungen des vergangenen Jahrhunderts in Europa, Osteuropa und der Levante.

Florence Miailhes erzählt in ihrem Langfilmdebüt die Geschichte von Kyona und Adriel. Sehenswert ist der Film wegen seiner Geschichte und seiner Machart. Bekannt ist Miailhe als Regisseurin von animierten Kurzfilmen. „A Summer Night Rendez-Vous“ erhielt 2001 den César als bester Kurzfilm. „Conte de Quartier“ 2006 eine Lobende Erwähnung bei den Filmfestspielen von Cannes. 2015 wurde sie beim Animationsfilmfestival von Annecy für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.

In „Die Odyssee“ erzählt sie eine Geschichte, die von der Flucht ihrer Urgroßeltern aus der jetzt zur Ukrainie gehörenden Hafenstadt Odessa inspiriert ist. Wie viele andere verließen sie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wegen antisemitischen Pogromen ihre Heimat Odessa.

Sie könnte wegen ihrer Machart – „Die Odyssee“ ist ein Animationsfilm – fast überall und zu fast jeder Zeit spielen könnte. Denn alles, was auf ein bestimmtes Jahr oder Jahrzehnt deutet, wurde entfernt. Miailhe und ihre Co-Autorn Marie Desplechin ließen sich auch von Ereignissen und Bildern inspirieren, die später stattgefunden hatten. Gleichzeitig benutzten sie viele Märchenmotive. Sie abstrahierten also immer mehr von einem konkreten historischen Hintergrund zugunsten eines märchenhaften Tonfalls. Eines Horrormärchens, das die Welt aus der Sicht der durch mehrere Länder flüchtenden Geschwister betrachtet und in der sie von einem furchterregendem Erlebnis zum nächsten stolpern und sie Monstern, die wie Menschen aussehen, begegnen.

Und damit ist sie heute, während viele Ukrainer ihre Heimat mit unklarem Ziel verlassen müssen, wieder brennend aktuell.

Allerdings ist diese Aktualität ein Zufall. Denn Miailhe begann mit den Arbeiten für den Film schon vor Jahren. Ihre ersten Arbeiten an der Geschichte waren 2006. 2010 erhielten sie und Marie Desplechin den Drehbuchpreis auf dem Festival Premier Plans in Angers. Danach musste der Film noch finanziert werden. Die Produktion dauerte dann drei Jahre. Denn Miailhe erstellte auch ihr Langfilmdebüt mit der von ihr favorisierten Öl-auf-Glas-Technik: „Ich habe schon immer mit animierter Malerei direkt unter der Kamera gearbeitet. Diese Praxis erfordert präzises und intuitives Arbeiten. Ich habe sie im Laufe meiner filmischen Karriere immer weiter verfeinert. Die Animation wird Bild für Bild auf mehreren Glasschichten direkt unter der Kamera ausgeführt. Dieses System ist so aufgebaut, dass so weit wie möglich alles zur gleichen Zeit und von der gleichen Person gemacht wird: die Figuren, das Set, die Effekte, die Farbe. So kann das Bild jederzeit in seiner Gesamtheit konzipiert werden. Für Animator*innen fühlt es sich an, als würden sie ein Gemälde zum Leben erwecken. Es stimmt, dass animierte Malerei etwas länger dauert als andere Animationstechniken, aber vor allem, weil die Arbeit schwieriger zu teilen ist. Wir sind gezwungen, in einem kleinen Team zu arbeiten und die Produktion dauert deshalb viel länger. Abhängig von Aufnahmen und Animator*innen konnten pro Tag mal 6 Sekunden, dann wieder nur eine Sekunde Film entstehen.“

Die so entstehenden Bilder sehen prächtig aus und sie sind auch sehr farbenprächtig. Außerdem unterscheiden sie sich wohltuend von anderen Animationsfilmen, die sich doch sehr oft sehr ähneln.

Zu den eindrucksvollen Bildern kommt eine wirklich furchterregende und Gänsehaut erzeugende Tonspur, die hörbar macht, was in den Zeichnungen nicht zu sehen ist. Das macht „Die Odyssee“ zu einem Trickfilm, der kein Kinderfilm ist.

Die Odyssee (La Traversée, Frankreich/Deutschland/Tschechische Republik 2021)

Regie: Florence Miailhe

Drehbuch: Marie Desplechin, Florence Miailhe

mit Hanna Schygulla (Erzählerin)

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Odyssee“

Filmportal über „Die Odyssee“

Moviepilot über „Die Odyssee“

Rotten Tomatoes über „Die Odyssee“

Wikipedia über „Die Odyssee“


TV-Tipp für den 30. April: The Master

April 29, 2022

Servus TV, 20.15

The Master (The Master, USA 2012)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

USA, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Ex-Soldat Freddie Quell (Joaquin Phoenix) driftet ständig alkoholisiert durch die USA. Bis er auf Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) trifft. Dodd ist ein Guru, der eine Schar devoter Jünger und vermögender Spender um sich versammelt hat. Jetzt will er Quell zu einem Mitglied seiner Sekte machen.

TV-Premiere; – unglaublich, aber wahr: das Meisterwerk läuft erst über neun Jahre nach seinem deutschen Kinostart im TV.

Packendes, grandios inszeniertes Schauspielerduell, in dem Paul Thomas Anderson einem großen Auftritt von Hoffman oder Phoenix immer mehr Zeit einräumt als einer stringent entwickelten Geschichte. Dazu gibt es auch einige Einblicke in die Techniken, mit denen Gurus Menschen manipulieren.

mit Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Jesse Plemons, Laura Dern, Barlow Jacobs, Ambyr Childers, Rami Malek

Wiederholung: Sonntag, 1. Mai, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Master“

Wikipedia über „The Master“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Licorice Pizza“ (Licorice Pizza, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Gaspar Noés „Vortex“

April 29, 2022

Beginnen wir mit der Wohnung in der das ältere Ehepaar anscheinend schon seit Jahrzehnten lebt und die das Flair einer seit den sechziger Jahren nicht mehr renovierten Wohnung ausstrahlt. Sie ist groß, aber auch zu klein. Viel zu klein. Sie ist vollgestopft mit Büchern und Erinnerungen an ihr gemeinsames und berufliches Leben. Das sind unter anderem Videocassetten, Plakate und Requisiten (vulgo Staubfänger) von Filmen. Und viele Büchern. Also wirklich immens viele Bücher, die auch noch alle aussehen, als seine sie mehrmals gelesen worden. Sogar auf dem Klo stapeln die Bücher sich ohne eine erkennbare Ordnung. Das habe ich bei mir noch nicht geschafft.

Bewohnt wird diese bewohnbare Bücherkammer von zwei Menschen, die im Film nur Sie/Mutter und Er/Vater heißen. Sie wird gespielt von Françoise Lebrun. Bekannt wurde sie 1973 mit Jean Eustaches „Die Mama und die Hure“. Zu ihren jüngeren Filmen gehören „Schmetterling und Taucherglocke“, „Séraphine“, „Julie & Julia“, „Die Nonne“, „Die Entführung des Michel Houellebecq“ und „Porto“.

Er wird gespielt von Dario Argento in seiner ersten Hauptrolle. In seinen Filmen hatte er ab und an Cameos, einmal sah man seine Hände und er war auch öfters in der Originalfassung der Erzähler. Zu seinen Filmen gehören die Giallos „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (sein Regiedebüt), „Rosso – Die Farbe des Todes“ (Profondo Rosso), „Suspiria“, „Tenebre“ und „Terror in der Oper“ (Opera). Er war auch am Drehbuch von „Spiel mir das Lied vom Tod“ beteiligt und er erstellte den legendären Europa-Cut von George A. Romeros „Zombie“ (Dawn of the Dead). Davor war er Filmkritiker. Diesen Beruf übte er jetzt auch in „Vortex“ aus. Seine Frau war Psychoanalytikerin. Jetzt hat sie Alzheimer in einem fortgeschrittenem Stadium. Sie vergisst immer mehr Sachen. Damit ist auch klar, in welche Richtung sich der Film, der mit einem glücklichen Moment zwischen beiden beginnt, bewegen wird und wie er endet. Denn beide sind immer weniger im Besitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte.

Aber wie Gaspar Noé diese sich im Lebenstempo alter Menschen entfaltende Geschichte erzählt, ist dann doch ungewöhnlich. Gedreht wurde ohne ein Drehbuch. Es gab nur eine ungefähr fünfzehnseitige Skizze. Sie war die Basis für die Improvisationen von Lebrun, Argento, ihrem Filmsohn Alex Lutz und einigen weiteren Schauspielern in kleineren Rollen. Noé, der ursprünglich nur in einigen Szenen die Splitscreen-Technik anwenden wollte, änderte während des Drehs seine Meinung. Jetzt läuft der gesamte Film in meistens zwei getrennten Bildern ab, die jeweils die halbe Leinwand beanspruchen und durch einen schwarzen Balken deutlich voneinender getrennt sind. Es sind Bilder und eine Gestaltung, die sich der üblichen Schnittdramaturgie widersetzen. Oft beobachtet Noé sie und ihn in langen Szenen. Oft ohne, selten mit wenigen Schnitten, die in dem Moment ein kleiner Zeitsprung sind. Durch die Gleichzeitigkeit der Präsentation von Ereignissen entsteht eine eigentümliche Spannung. Normalerweise würde zwischen ihr, die sich in ihrer Demenz vom Hinterhof auf die Straße verirrt und einkaufen geht, und ihm, dem irgendwann in der Wohnung auffällt, dass sie schon länger weg ist und er sie sucht, hin und her geschnitten. Jetzt beobachten wir gleichzeitig auf der linken und rechten Bildhälfte, was sie und er tut.

Es sind auch Bilder, die eine große Ruhe ausstrahlen, wenn sie am Filmanfang gemeinsam im Bett liegen. Dann steht sie auf, macht ihre Morgentoilette und bereitet das Frühstück vor, während er langsam aufsteht. Am Frühstückstisch treffen sie sich wieder.

Diese Inszenierung zeigt eindrücklich, wie getrennt sie voneinander sind und wie sehr sie doch noch zusammen leben.

„Vortex“ ist kein einfacher Film. Das liegt an der formalen Gestaltung mit dem durchgehend geteiltem Bild und den langen Szenen, in denen oft wenig bis nichts passiert. Außer dem Warten auf den Tod. Das liegt auch an der Geschichte, die langsam und humorfrei auf das Ende zusteuert und dabei manchmal wie ein Horrorfilm wirkt. Auch weil wir nicht wissen, was die Mutter und der Vater im nächsten Moment tun und ob sie wissen, was sie tun. Noé sagt zu seinem neuesten Film: „Es ist einfach die Geschichte eines genetisch programmierten Zerfalls, bei dem das ganz Kartenhaus in sich zusammenfällt.“

Vortex (Vortex, Frankreich/Belgien 2021)

Regie: Gaspar Noé

Drehbuch: Gaspar Noé

mit Dario Argento, Françoise Lebrun, Alex Lutz, Kylian Dheret

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (aber kein Film für Zwölfjährige)

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Hinweise

AlloCiné über „Vortex“

Moviepilot über „Vortex“

Metacritic über „Vortex“

Rotten Tomatoes über „Vortex“

Wikipedia über „Vortex“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Gaspar Noés „Love 3D“ (Love, Frankreich/Belgien 2015)

Meine Besprechung von Gaspar Noés „Climax“ (Climax, Frankreich 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ weil ihr Sohn Murat in Guantanamo ist

April 29, 2022

Im Oktober 2001, also wenige Wochen nach dem 11. September 2001 und den die Welt erschütternden terroristischen Anschlägen von al-Qaida auf das World Trade Center und andere US-Gebäude, fliegt der neunzehnjährige Murat Kurnat von Frankfurt am Main nach Pakistan. Dort wird er verhaftet und kurz darauf nach Guantanamo gebracht. Er soll ein islamistischer Terrorist sein. Die Presse nennt ihn, nachdem sie von seiner Verhaftung erfährt, den ‚Bremer Taliban‘.

In Bremen erfährt seine Mutter Rabiye Kurnaz davon. Sie will ihren Sohn zurückhaben und beginnt dafür Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen. Ihr Helfer wird der Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke. Beide sind ein filmreifes Paar: hier die übergewichtige hochemotionale türkische Mutter, die mit ihren Gefühlen, Ansprüchen und auch ihrem übergriffigen Umsorgen alle erdrückt, dort der unterernährte, nordisch spröde, gebildete Schlacks, sympathisch links-alternativ und kundig in Rechtsfragen.

Sie beginnen einen jahrelangen Kampf um Murats Entlassung. Ihre Gegner sind die deutsche, türkische und amerikanische Regierung und der Sicherheitsapparat, der in jedem Muslim einen Terroristen vermutet. Vor allem wenn er in die Hochburg der Terroristen fliegt.

Andreas Dresen und seine Stammautorin Laila Stieler verfilmten jetzt diese Geschichte als ein Feelgood-Justizdrama. Das liegt an den beiden gegensätzlichen Hauptfiguren, die von Alexander Scheer und Meltem Kaptan nah an den realen Vorbildern gespielt werden. Scheer ist als wandlungsfähiger Schauspieler bekannt. So spielte er in Dresens „Gundermann“ den titelgebenden DDR-Liedermacher. Kaptan ist vor allem als Comedienne bekannt, die hier ihr Kinodebüt gibt. Auf der Berlinale wurde sie für diese Rolle als beste Darstellerin ausgezeichnet. Ihr Zusammenspiel und ihre Einzelauftritte sind immer gut für einen Lacher. Zum Beispiel wenn Rabiye als Autofahrerin mal wieder fröhlich alle Verkehrsregeln missachtet.

Der Fall selbst wird akkurat aufgedröselt. Die großen Skandale und damaligen Diskussionen über den Rechtsstaat und seine Grenzen im Kampf gegen den Terrorismus werden angesprochen, aber nicht vertieft. Dazu gehört auch der perfide Versuch, Murat Kurnaz seine Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen, weil er sich (in Guantanamo sitzend) nicht bei der Ausländerbehörde meldete. Die juristische Grundlage dafür lieferte Hans-Georg Maaßen, der damals Referatsleiter im Bundesinnenministerium war. Sein Name wird im Film nicht erwähnt. Dass Murat Kurnaz in Guantanamo gefoltert wird, wird im Film zwar erwähnt, aber das ist da nur Hörensagen. Kurnaz selbst schrieb über seine Haft in Guantanamo 2007 das Buch „Fünf Jahre meines Lebens“. Stefan Schaller verfilmte es 2013 gelungen als „5 Jahre Leben“.

Dresen und Stieler entschieden sich dafür, Rabiye Kurnaz in den Mittelpunkt zu stellen und all die politischen und juristischen Dimensionen des Falles herunterzukochen zu einem Hollywood-Drama, in dem eine Mutter darum kämpft, ihren Sohn wieder umarmen zu dürfen. Garnieren tun sie es mit einer ordentlichen Portion Humor.

Das führt dazu, dass am Ende alle Rabiye die Daumen drücken können und sich mit ihr freuen dürfen, wenn sie am 24. August 2006 ihren Sohn wieder umarmen und mit ihrer überschwänglichen mütterlichen Liebe wieder bemuttern kann.

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (Deutschland/Frankreich 2022)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Laila Stieler

mit Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, Nazmi Kirik, Sevda Polat, Abdullah Emre Öztürk

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Moviepilot über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Rotten Tomatoes über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Wikipedia über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Andres Dresens „Gundermann“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 29. April: Gegen die Zeit

April 28, 2022

Tele 5, 20.15

Gegen die Zeit (Nick of Time, USA 1995)

Regie: John Badham

Drehbuch: Patrick Sheane Duncan

Mr. Smith macht dem unscheinbarem Gene Watson ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: wenn er in wenigen Minuten bei Wahlkampfauftritt in einem Hotel die Gouverneurin erschießt, lassen sie seine kleine Tochter wieder frei. Aber Watson möchte nicht zum Mörder werden.

Spannender Echtzeit-Thriller, der bei uns nur auf Video (DVD gab es damals noch nicht) veröffentlicht wurde.

„intelligentes Katz-und-Maus-Spiel“ (Fischer Film Almanach 1997)

mit Johnny Depp, Christopher Walken, Peter Strauss, Courtney Chase, Charles S. Dutton, Gloria Reuben

Wiederholung: Freitag, 6. Mai, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Gegen die Zeit“

Wikipedia über „Gegen die Zeit“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Final Account“ – Zeitzeugengespräche mit SS-Mitgliedern

April 28, 2022

2008 führte Luke Holland das erste Interview für „Final Account“. In den folgenden zehn Jahren nahm er 250 Gespräche mit SS-Mitgliedern und Menschen auf, die anderweitig in die NS-Herrschaft involviert waren, aber nicht zu den wichtigen und bekannten Entscheidern gehörten.

Die Initialzündung für das Projekt lag in seiner Familiengeschichte. Seine Mutter war 1938 aus Wien nach England geflohen. Seine Großeltern mütterlicherseits wurden in einem Konzentrationslager ermordet. Er wurde 1948 in Ludlow, Großbritannien, geboren und wuchs in Paraguay in einer deutschsprachigen christlichen Gemeinschaft auf. Erst viel später erfuhr er, dass er Jude war. Anfang des Jahrhunderts wollte er mehr über seine Familiengeschichte erfahren. Dazu gehörten dann auch diese Interviews, in denen er herausfinden wollte, wer die Menschen waren, die seine Großeltern ermordeten. Zu dem Zeitpunkt arbeitete er als Regisseur und Produzent. Zu seinen Werken gehören die BBC-Serie „A Very English Village“, „Ich war Hitlers Sklave“ und „Good Morning, Mr. Hitler“.

Aus den Gesprächen, die insgesamt 500 Stunden umfassen, erstellte er den 94-minütigen Film „Final Account“. Es ist sein letzter Film. Er starb am 10. Juni 2020, drei Monate vor der Premiere des Films auf den Filmfestspielen von Venedig.

„Final Account“ ist eine mit historischen Aufnahmen angereicherte Collage von Zeitzeugengesprächen. Die im Film präsentierten Zeitzeugen kamen zwischen 1914 und 1927 auf die Welt; die meisten von ihnen in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre. Sie waren Mitglieder der NSDAP, der SS, auch der SS-Leibstandarte Adolf Hitler und des SS-Totenkopfverband, der Wehrmacht, beim Bund Deutscher Mädchen, Kindermädchen bei einer SS-Familie und Buchhalterin.

Holland lässt sie reden. Er fragt manchmal nach und er stellt das Gesagte auch in einen hier in Deutschland allgemein bekannten Kontext. In anderen Ländern ist das anders. Er konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm auf die Seite der Täter, wie sie die Zeit wahrgenommen haben und wie sie sie heute wahrnehmen. Also wie sich Neunzigjährige an ihre Pubertät und die ersten Jahre ihres Erwachsenenlebens erinnern und was sie von ihren damaligen Taten und Ansichten halten.

Für Nicht-Deutscher ist sicher erschreckend, wie sehr die SS-Mitglieder ihre Beteiligung kleinreden, wie stolz sie auf ihre Arbeit sind, wie wenig Reue sie zeigen und wie sehr sie die schlimmen Seiten der Nazi-Diktatur verdrängen.

Zwanzigjährige und jüngere Deutsche werden das vielleicht ähnlich sehen.

Für alle anderen, also für alle Deutschen, die über Dreißig sind, ist der Dokumentarfilm das filmische Äquivalent zur Familienfeier mit dem Nazi-Opa und der Nazi-Oma, die begeistert von den schönsten Jahren ihres Lebens erzählen.

Sie erfahren beim Ansehen des Films nichts neues. Stattdessen müssen sie neunzig Minuten zuhören, wie SS-Leute ihre Vergangenheit verklären. Dafür müssen sie nicht ins Kino gehen.

Final Account (Final Account, Großbritannien/USA 2020)

Regie: Luke Holland

Drehbuch: Luke Holland

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Final Account“

Metacritic über „Final Account“

Rotten Tomatoes über „Final Account“

Wikipedia über „Final Account“


TV-Tipp für den 28. April: Drei Tage und ein Leben

April 27, 2022

WDR, 23.45

Drei Tage und ein Leben (Trois jours et une vie, Frankreich 2019)

Regie: Nicolas Boukhrief

Drehbuch: Pierre Lemaitre, Perrine Margaine

LV: Pierre Lemaitre: Trois jours et une vie, 2016 (Drei Tage und ein Leben)

Kurz vor Weihnachten verschwindet in den belgischen Ardennen ein Kind. Die Suche verläuft ergebnislos. Auch weil der zwölfjährige Antoine, der weiß, was passiert ist, schweigt. Fünfzehn Jahre später kehrt er in das Dorf zurück.

TV-Premiere. Ruhiger Thriller, der an Claude Chabrols schwarzhumorige Abrechnungen mit dem französischen Bürgertum erinnert. Auch wenn die Geschichte in Belgien spielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sandrine Bonnaire, Pablo Pauly, Charles Berling, Philippe Torreton, Margot Bancilhon, Jeremy Senez, Dimitri Storoge, Arben Bajraktaraj

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Drei Tage und ein Leben“

Moviepilot über „Drei Tage und ein Leben“

Wikipedia über „Drei Tage und ein Leben“

Meine Besprechung von Nicolas Boukhriefs „Drei Tage und ein Leben“ (Trois jours et une vie, Frankreich 2019)


TV-Tipp für den 27. April: Das Fenster zum Hof

April 26, 2022

One, 21.55

Das Fenster zum Hof (Rear Window, USA 1954)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: John Michael Hayes

LV: Cornell Woolrich: Rear Window, 1942 (Das Fenster zum Hof, Kurzgeschichte)

Fotograf Jeffries liegt mit einem gebrochenen Bein in seinem Hinterhofzimmer und beobachtet gelangweilt seine Nachbarn. Eines Tages glaubt er, Mr. Thorwald habe seine Frau umgebracht. Aber wie kann er es beweisen?

Ein Meisterwerk. Ein perfekter Film über Männer und Frauen, über alle Facetten des Zusammenlebens (eigentlich der Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau) und über Voyeure – gedreht in einem einzigen Studio (der gesamte Hinterhof wurde dort „funktionsfähig“ nachgebildet) aus einer einzigen Perspektive (wir sind mit James Stewart in seinem Zimmer gefangen).

Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr

Wiederholung: Donnerstag, 28. April, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Fenster zum Hof“

Wikipedia über „Das Fenster zum Hof“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Wikipedia über Cornell Woolrich (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Cornell Woolrich

Mordlust über Cornell Woolrich

DetNovel (William Marling) über Cornell Woolrich

Meine Besprechung von Robert Siodmaks Cornell-Woolrich-Verfilmung „Zeuge gesucht“ (Phantom Lady, USA 1943)

Cornell Woolrich in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 26. April: Zeugin der Anklage

April 25, 2022

Hessen, 23.25

Zeugin der Anklage (Witness for the Prosecution, USA 1957)

Regie: Billy Wilder

Drehbuch: Larry Marcus, Billy Wilder, Harry Kurnitz

LV: Agatha Christie: The Witness for the Prosecution, 1925 (Kurzgeschichte, erschien ursprünglich als „Traitor’s Hands“ in Flynn’s, 31. Januar 1925, später unter dem heute bekannten Titel in der Kurzgeschichtensammlung „The Hound of Death and Other Stories, 1933; deutscher Titel: Zeugin der Anklage)

Hat Leonard Vole eine reiche Witwe erschlagen? Für Staranwalt Sir Wilfried hängt alles von der Aussage von Voles Frau Christine ab.

Prototyp aller Gerichtsfilme und immer noch weitaus spannender als die jüngeren Gerichtsthriller (obwohl die Pointe bekannt sein dürfte), mit – in glänzender Spiellaune – Marlene Dietrich, Charles Laughton, Tyrone Power

Das Drehbuch war für einen Edgar nominiert. „Die zwölf Geschworenen“ gewann ihn. Agatha Christie gefiel die Verfilmung sehr gut.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zeugin der Anklage“

Wikipedia über „Zeugin der Anklage“ (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von John Guillermins Agatha-Christie-Verfilmung “Tod auf dem Nil” (Death on the Nile, Großbritannien 1978)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)

Meine Besprechung von Kennetz Branaghs Agatha-Christei-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022) (und Buchbesprechung)


TV-Tipp für den 25. April: Über den Todespass

April 24, 2022

Arte, 20.15

Über den Todespass (The Far Country, USA 1954)

Regie: Anthony Mann

Drehbuch: Borden Chase

Alaska, 1899, während es Klondike-Goldrauschs: Jeff Websters Viehherde stört in Skagway eine Hinrichtung. Als Strafe behält der örtliche Gesetzeshüter die Tiere. Jeff will das nicht akzeptieren – und das ist der Beginn vieler Abenteuer.

Westernklassiker und Teil der erfolgreichen, sich über acht Filme erstreckenden Zusammenarbeit zwischen Anthony Mann und James Stewart.

mit James Stewart, Ruth Roman, Carinne Calvet, Walter Brennan, John McIntire, Jay C. Flippen

Wiederholung: Mittwoch, 27. April, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Über den Todespass“

Wikipedia über „Über den Todespass“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 24. April: Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen

April 23, 2022

Pro7, 22.55

Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen (Doctor Sleep, USA 2019)

Regie: Mike Flanagan

Drehbuch: Mike Flanagan

LV: Stephen King: Doctor Sleep, 2013 (Doctor Sleep)

TV-Premiere. Was geschah nach den Ereignissen von „Shining“ mit Danny Torrace, dem Jungen, der das Shining hat? 2013 erzählte Stephen King das in „Doctor Sleep“ und 2019 verfilmte Mike Flanagan das Buch und setzte Stanley Kubricks Film fort.

Okaye Stephen-King-Verfilmung, die durchgehend zu nah am Buch und der unfilmischen Struktur des Buches bleibt. Das ist beim Lesen, wegen Stephen Kings Schreibstil, kein Problem. Beim Film vergeht dann viel Zeit, bis die Story endlich beginnt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Emily Alyn Lind, Selena Anduze, Robert Longstreet, Carl Lumbly, Bruce Greenwood, Jacob Tremblay, Henry Thomas

–

Die Vorlage

Stephen King: Doctor Sleep

(übersetzt Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2019 (Filmausgabe)

720 Seiten

12,99 Euro

–

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2013

–

Originalausgabe

Doctor Sleep

Scribner, New York, 2013

–

Hinweise

Moviepilot über „Doctor Sleep“

Metacritic über „Doctor Sleep“

Rotten Tomatoes über „Doctor Sleep“

Wikipedia über „Doctor Sleep“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Meine Besprechung von Andy Muschietti Stephen-King-Verfilmung „Es Kapitel 2″ (It Chapter 2, USA 2019)

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ (Doctor Sleep, USA 2019) (wahrscheinlich einer der Filmtitel, die kein Mensch an der Kinokasse vollständig ausgesprochen hat)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Doctor Sleep“ (Doctor Sleep, 2013)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Später“ (Later, 2021)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour


TV-Tipp für den 23. April: Mr. Holmes

April 22, 2022

SWR, 23.50

Mr. Holmes (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Jeffrey Hatcher

LV: Mitch Cullin: A slight trick of the mind, 2005 (Neuausgabe als „Mr. Holmes“)

Sherlock Holmes, inzwischen ein alter Tattergreis, löst seinen letzten Fall.

Überzeugendes, auf mehreren Ebenen spielendes Schauspielerkino, das daran krankt, dass der Protagonist Sherlock Holmes sein soll und dass der Fall ziemlich durchschaubar ist. So durchschaubar, dass der echte Sherlock Holmes ihn innerhalb einer Mikrosekunde gelöst hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan, Patrick Kennedy, Nicholas Rowe

Hinweise

Moviepilot über „Mr. Holmes“

Metacritic über „Mr. Holmes“

Rotten Tomatoes über „Mr. Holmes“

Wikipedia über „Mr. Holmes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Condons „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Inside Wikileaks, USA 2013)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Bill Condons „Die Schöne und das Biest“ (Beauty and the Beast, USA 2016)

Meine Besprechung von Bill Condons „The good Liar – Das alte Böse“ (The good Liar, USA 2019)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden“ (Die Erzählungen I, Die Erzählungen II, Die Romane) (3 Bände im Schuber)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ (His last Bow, 1917)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“ (The Case-Book of Sherlock Holmes, 1927)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Die wundersame Welt des Louis Wain“ ist voller Katzen

April 22, 2022

Er malte Katzen und zwar so, dass H. G. Wells über ihn sagte: „Er erfand einen Stil für Katzen, eine Gesellschaft für Katzen, eine ganze Katzenwelt. Englische Katzen, die nicht so aussehen wie Katzen von Louis Wain, sollten sich was schämen.“

Dieser Louis Wain, der vom 5. August 1860 bis zum 4. Juli 1939 lebte, wird jetzt in einem Biopic von Benedict Cumberbatch gespielt. Für ihn ist das die Gelegenheit, seiner Kollektion außergewöhnlicher Figuren eine weitere mit vielen Marotten ausgestatteten Exzentriker hinzuzufügen. Schon in den ersten Minuten von „Die wundersame Welt des Louis Wain“ erscheint Louis Wan als ein höchst seltsamer Vogel. Nach dem Tod seines Vaters lebt der Zwanzigjährige in einem Haushalt mit seiner Mutter und seinen fünf Schwestern. Er muss sie, entsprechend den damaligen gesellschaftlichen Regeln, als Oberhaupt der Familie versorgen. Gleichzeitig ist er dafür vollkommen ungeeignet. Er kann keine Verantwortung übernehmen. Noch nicht einmal für sich selbst. Er ist schüchtern, schusselig und vollkommen verpeilt. Und er hat einen wahrlich atemberaubenden Zeichenstil. Er zeichnet, ohne auf das Papier zu gucken, gleichzeitig mit beiden Händen und hektischen Bewegungen seine Bilder. Diese sind, erstaunlicherweise, äußerst gelungen. Gerne zeichnet er Katzen, die er vermenschlicht. Anfangs verschenkt er die Bilder. Später wird er mit ihnen ein Vermögen machen. Obwohl ihn Geld absolut nicht interessiert. Und weil er sich nicht um die Rechte an seinen Bildern kümmert, ist das Geld auch schnell wieder weg.

Dazu kommen der frühe Tod seiner Frau Emily 1887 und seine über die Jahre zunehmenden psychischen Probleme. Er stellte Emily, auf das Drängen seiner Schwestern, als Gouvernante ein und verliebte sich sofort in sie. Wain litt an Schizophrenie und wohl noch einigen weiteren nicht diagnostizierten psychischen Krankheiten. Diese Probleme wurden so schlimm, dass er 1924 in die Armenstation im „Springfield Mental Hospital“ eingeliefert wurde. Dank prominenter Fürsprecher, wie H. G. Wells, wurde er später in eine bessere Anstalt verlegt.

Will Sharpe erzählt in seinem edel besetztem Biopic „Die wundersame Welt des Louis Wain“ das Leben dieses Mannes von seinen von seinen Anfängen als Illustrator für die „Illustrated London News“ (er zeichnete schneller als alle anderen) über seine große Popularität als Katzenzeichner bis zu seinem Tod. Das ist vor allem am Anfang, also wenn es um seinen Aufstieg als Zeichner (wobei er durchgängig vollkommen desinteressiert an Geld ist), seine große Liebe Emily, seine Beziehung zu seinen Schwestern und zu Katzen geht, sehr gelungen und auch witzig.

Mit zunehmender Laufzeit wird Will Sharpes Künstlerbiographie zu einer episodischen und damit auch langweiligen Abhandlung von Waines Leben. In schneller Folge werden neue Jahreszahlen eingeblendet und weitere Stationen in Wains Leben abgehandelt. Der klare Fokus der ersten Hälfte geht verloren zugunsten eines bebilderten Wikipedia-Artikels.

Die wundersame Welt des Louis Wain (The Electrical Life of Louis Wain, Großbritannien 2021)

Regie: Will Sharpe

Drehbuch: Simon Stephenson, Will Sharpe (basierend auf einer Geschichte von Simon Stephenson)

mit Benedict Cumberbatch, Claire Foy, Andrea Riseborough, Toby Jones, Sharon Rooney, Aimee Lou Wood, Hayley Squires, Stacy Martin, Phoebe Nicholls, Nick Cave, Taika Waititi, Richard Ayoade, Olivia Colman (Erzählerin)

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Die wundersame Welt des Louis Wain“

Metacritic über „Die wundersame Welt des Louis Wain“

Rotten Tomatoes über „Die wundersame Welt des Louis Wain“

Wikipedia über „Die wundersame Welt des Louis Wain“ (deutsch, englisch) und Louis Wain (deutsch, englisch)