TV-Tipp für den 21. November: J. Edgar

November 21, 2021

Arte, 20.15

J. Edgar (J. Edgar, USA 2011)

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Dustin Lance Black

TV-Premiere. Clint Eastwoods doch ziemlich zähes Biopic über J. Edgar Hoover (1895 – 1972), der ab 1924 bis zu seinem Tod Chef des Bureau of Investigation (BOI), das 1935 in Federal Bureau of Investigation (FBI) umbenannt wurde, war. Eastwood schildert das gesamte Berufs- und Privatleben dieser umstrittenen Persönlichkeit.

mit Leonardo DiCaprio, Armie Hammer, Naomi Watts, Damon Herriman, Jeffrey Donovan, Judi Dench, Josh Lucas, Adam Driver (sein Kinodebüt)

Wiederholung: Freitag, 26. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „J. Edgar“

Wikipedia über „J. Edgar“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „American Sniper“ (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „The Mule“ (The Mule, USA 2018)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Der Fall Richard Jewell“ (Richard Jewell, USA 2019)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Cry Macho“ (Cry Macho, USA 2021)

Meine Besprechung von Kai Blieseners „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“ (2020)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


Neu im Kino (und eine Woche später digital)/Filmkritik: „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“ endlich! Oder doch nicht?

November 20, 2021

Dreißig Jahre nach „JFK John F. Kennedy – Tatort Dallas“ (JFK, USA 1991), Oliver Stones Drei-Stunden-Verschwörungsthriller über die Ermordung von John F. Kennedy und einem tapferem Bezirsstaatsanwalt, der alles aufklärt, beschäftigt er sich wieder mit der Ermordung von John F. Kennedy. Dieses Mal heißt das Werk „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“. Es ist ein Dokumentarfilm, in dem Oliver Stone ein-, zweimal durchs Bild läuft, die alten Dreh- und Tatorte zeigt und uns jetzt beweisen will, wer am 22. November 1963 für die Ermordung des beliebten US-Präsidenten in Dallas verantwortlich war.

Als Basis dient ihm dabei neu freigegebenes Material, das aufgrund des „President John F. Kennedy Assassination Records Collection Act“ im Nationalarchiv gesammelt wurde. Daneben prüft das „Assasination Records Review Board“ (ARRB) die Freigabe von Akten im Zusammenhang mit der Ermordung von Kennedy. Interessierte können das Material studieren. Das taten sie auch. Einiges davon stellen sie auf einer jährlichen Konferenz zum Attentat vor. 2017 wurden weitere Akten freigegeben und Oliver Stone entschloss sich, einen Dokumentarfilm über das Attentat und die darüber verbreiteten Lügen zu drehen.

Nach einer furiosen Eröffnung, in der innerhalb weniger Minuten die Ermordung des Präsidenten rekapituliert wird, präsentiert Stone in den ersten neunzig Minuten verschiedene Fragen zu der offiziellen Version des Attentats und der damit verbundenen Einzeltäterthese. In diesem Teil geht es, unter anderem, um Lee Harvey Oswalds Leben, die Single-Bullet-Theorie (dass eine Kugel für alles verantwortlich war), die Autopsie von John F. Kennedy, um Zeuginnen, die Oswald nicht sahen, obwohl sie ihn hätten sehen müssen, und, im Allgemeinen und Besonderen, um Lücken und Fehler in der Beweismittelkette.

Stone hält sämtliche originalen Beweise für zweifelhaft. Er weist in seinem formal konventionell, aber vorzüglich gemachtem Dokumentarfilm auf Lücken und Widersprüche in der offiziellen Erklärung hin. Er stellt Fragen und zieht sich so immer wieder auf die Rolle des unschuldig Fragenden zurück. Diese Fragen und Fakten werden in ein Verschwörungsnarrativ eingeordnet, das vor allem deshalb überzeugend klingt und schnell ein Gefühl des Unwohlseins hinterlässt, weil man als Nicht-Fachmann nicht über die nötigen Informationen verfügt, um sofort etwaige Fehler, Auslassungen, Fehlinterpretationen und Verzerrungen zu bemerken. Für den Nicht-Fachmann ist auch unklar, wie vertrauenswürdig die befragten Experten sind. Erklärt werden die Widersprüche im Film dann damit, dass es eine riesige Verschwörung gab.

Alternative Erklärungen, Zufälle, Verkettungen unglücklicher Umstände und Schusseligkeiten, werden in diesem Plädoyer gegen die offizielle Version nicht beachtet. So konstruiert Stone einmal aus nicht zusammenpassenden Uhrzeiten eine Verschwörung. Dabei könnten die Uhren einfach auf verschiedene Zeitzonen eingestellt gewesen sein oder, – wir reden von 1963! – eine Uhr nach- oder vorgegangen sein.

Interessanter wird es in der letzten halben Stunde, die durch einen Ausschnitt aus Stones „JFK“ eingeleitet wird. Donald Sutherland (als Mr. X) sagt, auf einer Parkbank sitzend, dass diese Suche nach Widersprüchen nur von der Suche nach dem Motiv und den wahren Verantwortlichen ablenke. Stone präsentiert dann einige Institutionen, die aufgurnd von Kennedys Entscheidungen und Plänen ein Motiv gehabt hätten. „Es war eine sauber ausgeführte verdeckte Exekution, inklusive Vertuschung – alles direkt aus dem CIA-Handbuch für Geheimoperationen. Amerika war danach nicht mehr dasselbe Land,

denn hinter den Kulissen übernahmen die Geheimdienste und das Militär die Kontrolle über die Ausrichtung der US-Regierung in den Bereichen, in denen das große Geld involviert ist, wie nationale Sicherheit und Strategie. Und seit damals war kein Präsident in der Lage, diesen Kurs zu ändern. Jeder Präsident war eingeschränkt, was seine Möglichkeiten betraf, grundlegende Veränderungen in unseren militärischen Sektoren vorzunehmen“, so Stone im Presseheft. Denn es könne nicht sein, dass ein einzelner Mann am helllichten Tag auf offener Straße den Präsidenten der USA erschießt. Vor allem wenn dieser Mann eine Lichtgestalt, ein Hoffnungsträger und Idol für die Jugend war, der wirkliche Veränderungen durchsetzen wollte.

Fans von Verschwörungstheorien und Menschen, die sich schon seit längerem mit der Ermordung von John F. Kennedy beschäftigten, werden an dem Film ihre Freude haben und sich stundenlang über die verschiedenen präsentierten Widersprüche zur offiziellen Version austauschen können. Für alle anderen ist „JFK Revisited“ ein enttäuschendes Pamphlet, das nur „JFK“ aufwärmt.

JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy (JFK Revisited: Through the Looking Glass, USA 2021)

Regie: Oliver Stone

Drehbuch: James DiEugenio

mit Donald Sutherland (Erzähler im Original), Whoopi Goldberg (Erzählerin im Original), Oliver Stone

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“

Metacritic über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“

Rotten Tomatoes über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“

Wikipedia über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Oliver Stones „Snowden“ (Snowden, USA/Deutschland 2016)


TV-Tipp für den 20. November: Das Fenster zum Hof

November 19, 2021

NDR, 21.55

Das Fenster zum Hof (Rear Window, USA 1954)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: John Michael Hayes

LV: Cornell Woolrich: Rear Window, 1942 (Das Fenster zum Hof, Kurzgeschichte)

Fotograf Jeffries liegt mit einem gebrochenen Bein in seinem Hinterhofzimmer und beobachtet gelangweilt seine Nachbarn. Eines Tages glaubt er, Mr. Thorwald habe seine Frau umgebracht. Aber wie kann er es beweisen?

Ein Meisterwerk. Ein perfekter Film über Männer und Frauen, über alle Facetten des Zusammenlebens (eigentlich der Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau) und über Voyeure – gedreht in einem einzigen Studio (der gesamte Hinterhof wurde dort „funktionsfähig“ nachgebildet) aus einer einzigen Perspektive (wir sind mit James Stewart in seinem Zimmer gefangen).

Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Fenster zum Hof“

Wikipedia über „Das Fenster zum Hof“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Wikipedia über Cornell Woolrich (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Cornell Woolrich

Mordlust über Cornell Woolrich

DetNovel (William Marling) über Cornell Woolrich

Meine Besprechung von Robert Siodmaks Cornell-Woolrich-Verfilmung „Zeuge gesucht“ (Phantom Lady, USA 1943)

Cornell Woolrich in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über Kelly Reichardts „First Cow“

November 19, 2021

Auf Mubi gibt es Kelly Reichardts neuen Film schon seit Juli und so wirklich ist „First Cow“ für die riesengroße Leinwand nicht gemacht. Aber im kleinen Saal des Kinos kann ich mir diesen sehr intimen im 4:3-Format gedrehten Anti-Western sehr gut vorstellen.

Es beginnt in der Gegenwart, als eine junge Frau im Wald zwei nebeneinander liegende Skelette entdeckt. Dann springt Reichardt ungefähr zweihundert Jahre zurück und sie erzählt uns, wer dort liegt und wie es zum Tod dieser beiden Männer gekommen ist.

Otis ‚cookie‘ Figowitz, ein zurückhaltender Einzelgänger und Koch, reist um 1820 mit einer Gruppe primitiver Pelztierjäger durch das Oregon-Territorium. Im Wald trifft er King-Lu. Er ist auf der Flucht vor einer Gruppe Russen, die ihn umbringen wollen, weil er einen von ihnen getötet hat.

Cookie hilft ihm. Sie befreunden sich, trennen sich und treffen sich in einem Dorf wieder, das nur eine Ansammlung von Bretterbuden im Matsch ist.

Cookie zieht bei King-Lu ein. Und nachdem er für King-Lu köstlich schmeckende Kekse backt, schlägt King-Lu ihm vor, dass er mehr davon backen solle. Sie könnten sie verkaufen. Damit die Kekse richtig gut werden, benötigt Cookie Milch.

Diese Milch gibt es nur von einer Kuh und es gibt sogar in der Nähe eine Kuh. Sie ist, wie ihr Besitzer Chief Factor, ein großspuriger und machtbewusster Großgrundbesitzer, stolz verkündete, die erste Kuh in diesem Gebiet. Einige behaupten, er habe die Kuh nur deshalb hierher bringen gelassen, um Milch für seinen Tee zu haben.

Mitten in der Nacht schleichen Cookie und King-Lu auf sein Grundstück zur Kuh. Cookie melkt sie liebevoll. Mit dieser Milch backt er anschließend Kekse, die ihnen förmlich aus der Hand gerissen werden. Sie erinnern die Männer im Dorf an ihre alte Heimat und Kindheit. Die Bilder von den verzückt in die Kamera blickenden unrasierten und ungewaschenen Siedlern und Jägern gehören zu den schönsten Aufnahmen des Films.

Das Geschäft von Cookie und King-Lu floriert. Jedenfalls solange Chief Factor nicht erfährt, dass die beiden seine Kuh ungefragt melken.

Selbstverständlich erfährt er irgendwann von diesem Diebstahl und, ebenso selbstverständlich, ist der reichste Mann der Gegend darüber sehr verärgert. Damit skizziert „First Cow“, was in einem Western nicht ungewöhnlich ist, den Kapitalismus und übt auch Kapitalismuskritik. Immerhin sind die beiden kleinen Unternehmer grundsympathische Männer, die einfach über die Runden kommen wollen. Ihnen fehlt der Eroberungsinstinkt von Chief Factor oder das unziviliserte Benehmen der Männer, mit denen Cookie und King-Lu in das Oregon-Territorium reisten.

Diese sehr feinfühlig geschilderte Freundschaft zwischen Cookie und King-Lu steht im Mittelpunkt von Kelly Reichardts neuem Film. Sie sind zwei gegensätzliche Männer, die sehr schnell ein fast stummes gegenseitiges Verständnis füreinander entwickeln, sich vertrauen und gegenseitig helfen.

Erzählerisch und optisch ist „First Cow“ die Antithese zum klassischen Hollywoodwestern. Es gibt keine Breitbild-Landschaftsaufnahmen und keinen breitbeinig vorgetragenen Pioniermythos. Der Boden im Dorf ist matschig. Die Häuser sind Bretterbuden. Pferde gibt es nicht. Stattdessen bewegt man sich zu Fuß oder im Kanu fort. .

Und die Native Americans beobachten das Treiben der Weißen eher distanziert. Genau wie Kelly Reichardt. Genau dieser ruhige, voller Sympathie beobachtende Blick, der den Schauspielern Zeit gibt, ihre Figuren zu präsentieren, macht die Faszination von „First Cow“ aus.

First Cow (First Cow, USA 2019)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Kelly Reichardt, Jon Raymond (aka Jonathan Raymond)

LV: Jonathan Raymond: The Half-Life: A Novel, 2004 (inspiriert von)

mit John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, Ewen Bremner, Rene Auberjonois, Scott Shepherd, Gary Farmer, Lily Gladstone, Dylan Smith

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „First Cow“

Metacritic über „First Cow“

Rotten Tomatoes über „First Cow“

Wikipedia über „First Cow“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Certain Women“ (Certain Women, USA 2016)


TV-Tipp für den 19. November: Für ein paar Dollar mehr

November 19, 2021

3sat, 22.25

Für ein paar Dollar mehr (Per qualche dollari i piu,, Italien/Deutschland/Spanien 1965 [restaurierte Fassung 2003])

Regie: Sergio Leone

Drehbuch: Sergio Leone, Luciano Vincenzoni

Musik: Ennio Morricone

Zwei miteinander konkurrierende Kopfgeldjäger wollen das auf einen Bankräuber ausgesetzte Kopfgeld kassieren. Dafür infiltrieren sie seine Bande und ein ziemlich blutiges Spiel mit viel Betrug, Verrat und coolen Sprüchen beginnt.

Nach dem Erfolg von „Für eine Handvoll Dollar“ hatte Sergio Leone ein paar Dollar mehr zur Verfügung, die er für seinen nächsten stilbildenden Western-Klassiker investierte.

mit Clint Eastwood, Lee Van Cleef, Gian Maria Volonté, Klaus Kinski, Josef Egger, Kurt Zips, Rosemarie Dexter

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Für ein paar Dollar mehr“

Wikipedia über „Für ein paar Dollar mehr“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 18. November: Corpus Christi

November 17, 2021

WDR, 23.15

Corpus Christi (Boże Ciało, Polen 2019)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Mateusz Pacewicz

Nach der Verbüßung seiner Jugendstrafe würde Daniel gerne Priester werden. Aufgrund seiner Vorstrafen ist das unmöglich. Als er in einem Dorf für einen Geistlichen gehalten wird, nimmt er diese Rolle an und spaltet mit seiner unkonventionellen Art schnell die Dorfgemeinde

TV-Premiere. Jan Komasas auf einem wahren Fall beruhende Hochstapler-Geschichte war in Polen ein Kritiker- und Publikumserfolg, der sogar in den deutschen Kinos lief.

Corpus Christi“ ist ein sperriger, aber auch sehenswerter Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Bartosz Bielena, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Tomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Corpus Christi“

Metacritic über „Corpus Christi“

Rotten Tomatoes über „Corpus Christi“

Wikipedia über „Corpus Christi“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jan Komasas „Corpus Christi“ (Boże Ciało, Polen 2019)


DVD-Kritik: Guy Ritchie und Jason Statham steuern einen „Cash Truck“

November 17, 2021

A Film by Guy Ritchie“ heißt es am Anfang des Films. Zutreffender wäre: „ein Film von Guy Ritchie, der nichts von einem Guy-Ritchie-Film hat“. Denn bekannt ist er für seinen Humor und seine Actionszenen. Action gibt es auch in „Cash Truck“. Aber nicht von der artistischen Sorte, sondern von der Sorte, in dem zwei Züge ineinanderkrachen. Masse trifft auf Masse. Und zu Lachen gibt es auch nichts.

Erzählt wird die Geschichte eines Rachefeldzugs, bei dem der Rächer keine Gefangenen macht. Jason Statham spielt ihn konsequent unterkühlt emotionslos. Als Patrick Hill, „H“ genannt, heuert er in einer Sicherheitsfirma an. Diese Firma befördert in gut gepanzerten Transporten täglich mehrere Millionen Dollar durch Los Angeles und wird dabei ab und zu überfallen. Bei einem dieser Überfälle – das erfahren wir erst später – starb Hs Sohn. Er wurde schwer verletzt. Jetzt will er, nachdem seine bisherigen Versuche, die Täter unter den üblichen Verdächtigen zu finden, nur zu einem Berg Leichen führten, mit einer falschen Identität, in der Geldtransporterfirma den Mann entdecken, der mit den Dieben zusammenarbeitet.

Ungewöhnlich wird diese Rachegeschichte durch ihren Aufbau und die damit verbundenen Zeitsprünge, die konsequent durchgehalten werden. Im zweiten Kapitel erfahren wir mehr über H, im dritten über die Diebe, und im vierten treffen sie auf dem gut gesichertem Firmengeländer der Geldtransporterfirma aufeinander. Von dort wollen sie die immensen Geldmengen, die an einem Black Fridays zusammenkommen, stehlen. Sie betreten das Firmengelände in dem sicheren Wissen, dass einige von ihnen und eigentlich alle Firmenmitarbeiter sterben werden. Nicht gerechnet haben sie mit dem unkaputtbaren H.

Dieser Aufbau erinnert Krimifans an die grandiosen Parker-Krimis von Richard Stark (aka Donald E. Westlake). Parker ist ein eiskalter Profidieb, der keine menschlichen Bindungen hat (in den späteren Romanen änderte sich das etwas) und der nach einem reinem utilitaristischem Kosten-Nutzen-Kalkül agiert. Deshalb wäre ihm auch nie das passiert was ‚Patrick Hill‘ passiert: heiraten, einen Sohn bekommen (gut, das kann auch ohne Heirat passieren), sich um ihn kümmern und tiefere Gefühle für ihn entwickeln. Nein, das wäre Parker niemals passiert.

Seine Arbeit erledigt H dann genauso, genaugenommen noch emotionsloser als Parker. Schließlich geht es hier nicht um etwas Geld (wie in der klassischen Parker-Verfilmung „Point Blank“ bzw. der Vorlage „The Hunter“ [Jetzt sind wir quitt/Payback/The Hunter]), sondern um den sinnlosen und überflüssigen Tod eines Jugendlichen. Hs leichengesättigter und äußerst blutiger Feldzug ist dann kein Selbstjustiztrip, sondern ein von der Polizei wohlwollend beobachtetes Begleichen einer offenen Rechnung. Wie Mike Hammer in Mickey Spillanes „Ich, der Rächer“ (I, the Jury) ist er gleichzeitig Jäger, Richter und Vollstrecker.

Stilistisch orientiert Guy Ritchie sich in seinem Thriller am düsteren Siebziger-Jahre-Thriller und, ja, auch an John Boormans „Point Blank“.

Cash Truck“ ist ein konsequent düsterer Thriller, ohne irgendeinen Sympathieträger, ein Abstieg in die Hölle, in der es nichts mehr gibt. Noch nicht einmal Verzweiflung.

Die Inspiration für Ritchies Gangsterfilm war der französische Thriller „Cash Truck“ (Le convoyeur, 2004).

Das Bonusmaterial, ein viereinhalbminütiges Making-of, ist vernachlässigbar. Inzwischen scheint die Zeit vorbei zu sein, in der bei neuen Filmen für die DVD/Blu-ray-Veröffentlichung Bonusmaterial in einem nennenswertem Umfang produziert wird. Das war, zugegeben, oft rein werblich und mäßig interessant, aber es gab manchmal auch wertvolle Einblicke in bestimmte Aspekte der Geschichte und der Produktion.

Cash Truck (Wrath of Man, USA 2021)

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Guy Ritchie, Ivan Atkinson, Marn Davies (basierend auf „Le Convoyeur“ von Nicolas Boukhrief und Éric Besnard)

mit Jason Statham, Holt McCallany, Josh Hartnett, Jeffrey Donovan, Scott Eastwood, Andy Garcia, Laz Alonso, Niamh Algar, Eddie Marsan, Rocci Williams, Deobia Oparei, Raúl Castillo, Chris Reilly, Mark Arnold, Gerald Tyler, Darrell D’Silva

Blu-ray

Studiocanal

Bild: 2,40:1 1080/24p Full HD

Ton: Deutsch (7.1 DTS-HD MA), Englisch (5.1 DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Extended Featurette: Making of

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

DVD, 4K Ultra HD und Limited Steelbook Edition sind identisch. In der Digital-Version fehlt das Bonusmaterial.

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Cash Truck“

Metacritic über „Cash Truck“

Rotten Tomatoes über „Cash Truck“

Wikipedia über „Cash Truck“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „King Arthur: Legend of the Sword“ (King Arthur: Legend of the Sword, USA/Australien 2017)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Aladdin“ (Aladdin, USA 2019)

Meine Bepsrechung von Guy Ritchies „The Gentlemen“ (The Gentlemen, Großbritannien/USA 2019)

Meine Kurzbesprechung von Guy Ritchies „Cash Truck“ (Wrath of Man, USA 2021)


TV-Tipp für den 17. November: Hanna Schygulla

November 16, 2021

Arte, 21.55

Hanna Schygulla (Deutschland 2021)

Regie: André Schäfer

Brandneue gut einstündige Doku über die Fassbinder-Schauspielerin.

Arte über die Doku: „In ungewohnter Offenheit erzählt sie, was ihr im Leben wichtig war und ist. Der Film zeigt Schygulla ganz persönlich und porträtiert eine faszinierende Frau, die seit jeher unterschiedliche Menschen und Kulturen zusammenbringt – selbst in Zeiten der Pandemie.“

Hinweise

Arte über die Doku

Wikipedia über Hanny Schygulla (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 16. November: Wackersdorf

November 15, 2021

Bayern, 20.15

Wackersdorf (Deutschland 2018)

Regie: Oliver Haffner

Drehbuch: Gernot Krää, Oliver Haffner

1981 hat die in Bayern dauerregierende CSU die geniale Idee, in Wackersdorf eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) zu bauen. Die Bewohner der strukturschwachen Region sollen sich über die versprochenen Arbeitsplätze freuen und still sein. Nicht gerechnet haben sie mit dem Protest von Atomkraftgegnern und dem SPD-Landrat Hans Schuierer, der sich und seine Region nicht für dumm verkaufen lässt.

„Wackersdorf“ ist ein ruhig und nah an den Fakten erzähltes Drama in gedeckten Brauntönen über einen Landrat, der zum Widerstandskämpfer wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der gelungenen Geschichtsstunde..

mit Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner, Anna Maria Sturm, Andreas Bittl, Fabian Hinrichs, Johannes Herrschmann, Frederic Linkemann, Ines Honsel, Sigi Zimmerschied, August Zirner

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wackersdorf“

Moviepilot über „Wackersdorf“

Wikipedia über „Wackersdorf“

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Ein Geschenk der Götter“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Wackersdorf“ (Deutschland 2018)


DVD-Kritik: „Stowaway – Blinder Passagier“ verbraucht Luft

November 15, 2021

Kurz nach dem Start fällt Captain Marina Barnett buchstäblich ein Blinder Passagier vor die Füße. Aus unbekannten und nie geklärten Gründen wurde er vor dem Abflug nicht entdeckt und jetzt ist es zu spät, um die zweijährige Mission noch zu stoppen. Michael Adams, so heißt der Blinde Passagier, ein Techniker vom Bodenpersonal, muss mit zum Mars fliegen. Die Medizinerin Zoe Levenson und der Biologe David Kim nehmen ihn als viertes Mitglied in ihre Crew auf. Es wird zwar etwas enger sein, aber es wird schon gehen.

Dummerweise bemerken sie kurz darauf, dass in Michaels Versteck ein Versorgungssystem irreparabel geschädigt wurde. Die Luft reicht nicht, sie alle lebendig zum Mars zu befördern.

Stowaway – Blinder Passagier“ ist ein Hard-Science-Fiction-Film, wie „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ oder „Gravity“. Deshalb stehen die Bemühungen der Crew, aus ihrer misslichen Lage zu kommen und wie ihnen das auch in der Realität gelingen könnte, im Zentrum.

Außerdem sind die Astronauten normale Menschen, die auch in einer Extremsituation die Nerven behandeln und ihr Wissen zum Finden von Lösungen einsetzen. Es geht um Mathematik, Variablen, Wahrscheinlichkeiten, Unmöglichkeiten und darauf basierenden Improvisationen.

Joe Penna konzentriert sich in seinem Film auf diese vier Menschen im Raumschiff. Eine Welt außerhalb des Raumschiffs gibt es nicht. Bei Gesprächen mit der Zentrale, sehen wir diese nicht, hören nicht deren Antworten und erfahren nur durch Barnetts Statement, dass sie alles tun würden, um sie zu retten. Es ist, als habe man bei „Der Marsianer“ alle Szenen, die nicht Watney Überlebenskampf auf dem Mars zeigen, herausgeschnitten. Diese Heransgehensweise verstärkt die Isolation der Marsreisenden.

Einige Dinge habe ich allerdings nicht verstanden. Zum Beispiel, warum es nicht weitere Luftreinigungssysteme gibt und wie Michael in sein Versteck gekommen ist. Auch der Außenaufbau des Raumschiffs erschien mir etwas seltsam und, auch im Weltraum, unpraktisch. Er war allerdings wichtig für den Höhepunkt des Films.

Warum sie die Mission wenige Stunden nach dem Beginn nicht mehr abbrechen, wird im Film ebenfalls nicht genauer erklärt. Sie scheinen aber eine Technik anzuwenden, die auf dem von Astronaut Buzz Aldrin vorgeschlagenem Mars-Cycler-Konzept beruht. Die Idee ist, das Raumschiff, wie eine Kugel, zum Ziel zu schießen. Und wie eine Kugel, die den Lauf der Waffe verlassen hat, kann das sich auf dem Weg zum Mars befindende Schiff dann nicht mehr gestoppt werden.

Für diese und ähnliche Fragen wäre ein Audiokommentar von oder ein Gespräch mit einem Experten hilfreich gewesen. Im Film hätten solche Erklärdialoge, in denen ein Experte dem anderen Experten erklärt, was er weiß, genervt.

Insgesamt wirkt die Filmgeschichte äußerst realistisch und es ist auch angenehm, einfach Profis bei der Arbeit, die sie ruhig und kompetent verrichten, zu beobachten. Auch das ist spannend.

Regisseur Joe Penna und sein Co-Autor Ryan Morrison arbeiteten bereits bei Pennas Debütspielfilm „Arctic“, über den Überlebenskampf eines Mannes (Mads Mikkelsen) in der Arktis, zusammen.

Stowaway – Blinder Passagier (Stowaway, USA/Deutschland 2021)

Regie: Joe Penna

Drehbuch: Joe Penna, Ryan Morrison

mit Anna Kendrick, Toni Collette, Daniel Dae Kim, Shamier Anderson

DVD

EuroVideo

Bild:: 2,39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Untertitel für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Hörfilmfassung

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch.

Hinweise

Moviepilot über „Stowaway“

Metacritic über „Stowaway“

Rotten Tomatoes über „Stowaway“

Wikipedia über „Stowaway“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. November: Arabeske

November 14, 2021

Arte, 20.15

Arabeske (Arabesque, USA 1966)

Regie: Stanley Donen

Drehbuch: Julian Mitchell, Stanley Price, Pierre Marton (Pseudonym von Peter Stone)

LV: Alex Gordon (auch Gordon Cotler): The Cipher, 1961

Oxford-Professor Pollock soll eine hethitische Inschrift entziffern. Er weiß nicht, dass er danach umgebracht werden soll.

Schwungvolle Agenten-Komödie in einem verschwenderischen Dekor, z. B. trägt Sophia Loren nur Kleider von Dior. Ist einer der besten nicht von Hitchcock inszenierten Hitchcock-Filme – und eine prall gefüllte Wundertüte an Intrigen und Gegenintrigen.

Gordons Buch war 1962 als bestes Debüt für den Edgar nominiert.

Mit Gregory Peck, Sophia Loren, Alan Badel, Kieron Moore

Wiederholung: Donnerstag, 18. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Arabeske“

Wikipedia über „Arabeske“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. November: Der unsichtbare Dritte

November 13, 2021

Arte, 20.15

Der unsichtbare Dritte (North by Northwest, USA 1959)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Ernest Lehman

Ein immer wieder unterhaltsamer Hitchcock-Cocktail: Feindliche Agenten halten den lebenslustigen Werbekaufmann Roger Thornhill für einen US-Spion und die Polizei für einen Mörder. Um seine Unschuld geht die Jagd „North by Northwest“.

Anschließend, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Cary Grant – Der smarte Gentleman aus Hollywood“ (Frankreich 2015).

Mit Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Leo G. Carroll, Martin Landau

Wiederholung: Dienstag, 16. November, 14.20 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der unsichtbare Dritte“

Wikipedia über „Der unsichtbare Dritte“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Eine Handvoll Wasser“, ein Flüchtlingsmädchen, ein alter Zausel

November 13, 2021

Konrad ist ein allein lebender Stinkstiefel. Seine Frau ist gestorben. Seine Tochter ist lesbisch und will jetzt die Kinder ihrer Freundin adoptieren. Der 85-jährige findet beides schlimm. Auch die neugierige Nachbarin nervt ihn. Nur mit seinen im Keller des typisch deutschen Vorstadtreihenhauses im Aquarium lebenden Fischen versteht er sich.

Eines Tages entdeckt er am Haus Einbruchsspuren. Er legt sich auf die Lauer und erwischt den Einbrecher. Sofort schießt er mit einer Nagelschusspistole auf ihn. Der Getroffene ist allerdings kein Mann, sondern die elfjährige Thurba. Ihre Mutter soll in den Jemen abgeschoben werden. Die Abschiebung wird allerdings errst vollzogen, wenn die gesamte Familie abgeschoben werden kann. Langfristig möchte Thurba nach England zu Verwandten. Aber im Moment versteckt sie sich vor der Polizei und schlägt sich durch den Tag. Immer auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit und einem warmen Ort.

Als Konrad bemerkt, dass er ein Kind verletzt hat, verarztet er es. Und, anstatt die Polizei anzurufen (weil, dann gäbe es ja keinen Film), lässt er sie bei sich übernachten. Natürlich nur diese Nacht.

Man muss wirklich kein Genie sein, um sich auszurechnen, wie sich die Geschichte zwischen Konrad und Thurba weiterentwickelt. Denn natürlich bleibt es nicht bei einer Nacht.

Diese Vorhersehbarkeit ist, wenn die Geschichte gut erzählt wird, selbstverständlich kein Problem. Und Thurbas Wunsch, nach England zu fahren, könnte der Auftakt für ein vergnügliches Roadmovie über die Annäherung zweier gegensätzlicher Figuren und die Resozialisierung eines alten Zausels sein. Aber die Geschichte bleibt im Reihenhaus stecken. Da wird dann zwischen Keller und Schlafzimmer alles ausdiskutiert. Leider ziemlich vorhersehbar mit papiernen Dialogen, die die Schauspieler zu einem ähnlichen Spiel animieren. So wirkt Jakob Zapfs mit einem überschaubarem Budget gedrehtes Spielfilmdebüt nie – und hat es auch nie versucht – wie großes Kino, sondern immer wie ein bedeutungsschwerer TV-Film. Immerhin mit Jürgen Prochnow in der Hauptrolle.

P. S.: Im Film sind die Untertitel teilweise nicht vollständig lesbar. Das ist, wie uns nach der Pressevorführung gesagt wurde, so gewollt.

Eine Handvoll Wasser (Deutschland 2020)

Regie: Jakob Zapf

Drehbuch: Marcus Seibert, Ashu B.A., Jakob Zapf

mit Jürgen Prochnow, Milena Pribak, Pegah Ferydoni, Anja Schiffel, Anke Sevenich

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Eine Handvoll Wasser“

Moviepilot über „Eine Handvoll Wasser“

 


TV-Tipp für den 13. November: Columbo: Lösegeld für einen Toten

November 12, 2021

Sat.1 Gold, 20.15

Columbo: Lösegeld für einen Toten (Ransom for a dead man, USA 1971)

Regie: Richard Irving

Drehbuch: Dean Hargrove, Gene Thompson (ungenannt), Richard Levinson (Geschichte), William Link (Geschichte)

LV: Richard Levinson, William Link (Charakter)

Anwältin Leslie Williams entsorgt ihren Mann im Meer. Um nicht als Mörderin verdächtigt zu werden, inszeniert sie die Entführung ihres toten Gatten. Dummerweise wird Columbo mit den Ermittlungen betraut.

Der zweite Pilot-Film nach „Mord nach Rezept“ (dem verfilmten Theaterstück, das damals nur als Einzelstück geplant war) und vor dem offiziellen ersten Columbo-Film „Tödliche Trennung“ hat bereits alles, was wir an „Columbo“ lieben. Ein schöner Fall mit tollen Auftritten von Columbo. Allein schon die erste Szene – und wie er dann auf seine unbeholfene Art die schöne Staranwältin ins Visier nimmt. Großes Theater.

Heute wird der Lösegeld-Fall als Teil eines Columbo-Marathons gezeigt. Er beginnt um 18.30 Uhr mit „Mord nach Rezept“ (yep, der erste Fall), geht um 20.15 Uhr mit „Lösegeld für einen Toten“ weiter. Um 22.10 Uhr „Tödliche Trennung“ (inszeniert von einem gewissen Steven Spielberg), um 23.45 Uhr wieder „Mord nach Rezept“ und um 01.25 Uhr wieder „Lösegeld für einen Toten“.

Mit Peter Falk, Lee Grant, John Fink, Harold Gould

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Mein Nachruf auf Peter Falk


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Doku „Billie – Legende des Jazz“

November 12, 2021

Bevor ich mit dem Kritisieren beginne, muss ich eines sagen: „Billie – Legende des Jazz“ ist sehenswert. Für Jazzfans sowieso. Für Fans von Musikdokus ebenso. Und wer sich für amerikanische Sozialgeschichte interessiert, sollte sich die Doku über das Leben der Jazzsängerin Billie Holiday ebenfalls ansehen.

Die Grundlage für James Erskines Doku waren Tonbänder, die Linda Lipnick Kuehl in den Siebzigern aufnahm. Sie waren Teil ihrer jahrelangen Recherche für eine Biographie über die Jazzsängerin. Am 6. Februar 1978 starb Kuehl in Washington, D. C.. Für die Polizei war ihr Tod ein Suizid. Ihre Schwester Myra Luftman, die auch im Film auftritt, bezweifelt das.

Diese halbgare Mordgeschichte ist der vernachlässigbare Rahmen, in dem Erskine das Leben von Billie Holiday von ihrer Geburt 1915 bis zum Tod 1959 erzählt. Dafür wertete er die von Kuehl gemachten 125 Tonbänder mit 200 Stunden Interviews und ihr Buchmanuskript aus. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit Billie Holiday. Diese Toncollage wird mit zeitgenössischen Bildern unterlegt. Es gibt auch einige Ausschnitte aus älteren TV-Sendungen. Hier ist vor allem ein Talkshowauftritt von ihrem Entdecker John Hammond (einem Weißen) zu erwähnen. Und selbstverständlich gibt es Ausschnitte von ihren Auftritten. Diese Bilder wurden für den Film gelungen koloriert.

Kuehl interviewte zwischen 1971 und 1978 vor allem Mitmusiker, Freunde, Bekannte, Familienmitglieder und Vertraute von Billie Holiday. Sie sprach auch mit FBI-Agenten, die gegen sie wegen Drogenvergehen ermittelten, und einer Vollzugsbeamtin, die erzählt, wie Holiday sich im Gefängnis verhielt.

Als Zeitzeugen sind diese Menschen für eine Biographie wichtige Stimmen. Sie sprechen dann gemeinsamen Erlebnissen, besonderen Ereignissen und erzählen Anekdoten aus Holidays Leben. Mal geht es um die Musik, öfter aber um Holidays Privatleben, ihre sexuellen Beziehungen (sie war äußerst aktiv), ihre gewalttätigen Liebhaber und ihren überbordenden Drogenkonsum. Es geht auch um ihre problematische Persönlichkeit. Dabei wurde Kuehl mit widersprechenden Geschichten konfrontiert. Wenn sie ihre Interviewpartner darauf anspicht, reagieren diese rechthaberisch, unwirsch und feindselig. Sowieso ist, wie auch bei anderen Jazzmusikern, oft unklar, wie sehr die von ihnen erzählten Geschichten wahr oder nur gut erfundene Anekdoten sind.

Damit interessiert die Doku sich, wie die Presse zu Holidays Lebzeiten, mehr für Klatsch, Tratsch, Sensationen, Enthüllungen und viel weniger für ihre Musik und ihre Bedeutung für die Jazzgeschichte. Aber immerhin werden mehrere ihrer Songs präsentiert. Es wird ausführlicher auf „Strange Fruit“, ihren bekanntesten und wichtigsten Song, eingegangen. Und damit natürlich auch auf den Rassismus in den USA, die Rassentrennung, die Bürgerrechtsbewegung und Holidays Kampf gegen den Rassismus. Allein schon, wenn sie das Lied über die Lynchjustiz in den Südstaaten sang.

Das, ihre Prominenz und ihr Auftreten waren dann auch wahrscheinlich die Gründe, warum der Staat die Drogenkonsumentin wie eine Schwerverbrecherin verfolgte, anklagte und verurteilte.

Das ist interessant, informativ und auch gut präsentiert in seiner Mischung aus O-Tönen, Fotos und Konzertmitschnitten. Nur hätte ich, wie wahrscheinlich jeder Jazzfan, mir mehr Musiker- und weniger Drogengeschichten gewünscht.

Billie – Legende des Jazz (Billie, Großbritannien 2019)

Regie: James Erskine

Drehbuch: James Erskine

mit den Stimmen (manchmal auch im Bild) Billie Holiday, Charles Mingus, Tony Bennett, Count Basie, John Hammond, John Simmons, Roy Harte, Lester Young, Tallulah Bankhead, Sylvia Syms, Pigmeat Markham, Jimmy Rowles, James ‚Stump‘ Cross, Bobby Tucker, Carmen McRea, Marie Bryant, Melba Liston, Ray Ellis, Milt Hinton, John Fagan, Mary ‚Pony‘ Kane, Skinny Davenport, Myra Luftman, Detroit Red, Ruby Davis, Clarence Holiday, Sandy Williams, Irene Kitchings, Virginia McGlocken, Jean Allen, James Hamilton, Earl Zaidins

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Billie – Legende des Jazz“

Metacritic über „Billie – Legende des Jazz“

Rotten Tomatoes über „Billie – Legende des Jazz“

Wikipedia über „Billie – Legende des Jazz“ und Billie Holiday (deutsch, englisch)

AllMusic über Billie Holiday


Neu im Kino/Filmkritik: Albert „Speer goes to Hollywood“ – ähem, nee, doch nicht.

November 12, 2021

Der Architekt Albert Speer gehörte während des Nationalsozialismus zum engsten Führungskreis um Adolf Hitler. Nach dem Krieg entging er 1946 bei den Nürnberger Prozessen knapp der Todesstrafe. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. 1969 veröffentlichte er seine „Erinnerungen“. Sie wurden ein Bestseller und Hollywood interessierte sich dafür; so wie Hollywood sich für jeden Bestseller interessiert und ihn verfilmen möchte.

Speer war einverstanden mit einer Verfilmung. Er wollte allerdings daran beteiligt werden und so das öffentliche Bild von ihm weiter positiv beeinflussen. 1971 schickte Paramount Pictures Andrew Birkin nach Heidelberg zu Speer. Er sollte mit Speer an dem Drehbuch arbeiten.

Birkin stand damals noch ganz am Anfang seiner Karriere. Später schrieb er unter anderem die Drehbücher zu „Der Name der Rose“, „Johanna von Orleans“ und „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“.

Als Regisseur war in dem Moment vor allem Carol Reed („Der dritte Mann“, „Oliver“) im Gespräch. Der war allerdings wenig begeistert von Speers Versuchen, den Film in seinem Sinn zu beeinflussen. Reed lehnte dann auch, als Speers schönfärberisches Konzept immer deutlicher wurde, den Film entschieden ab. Das sagte er schon während Birkins Gesprächen mit Speer.

Diese Gespräche, in denen Speer von seinem Leben erzählt und auch Vorschläge für den Film macht, nahm Birkin auf. Er stellt Fragen und lässt Speer reden. Schließlich ist er kein investigativer Journalist, der Widersprüche und Lügen aufdecken möchte, sondern ein Rechercheur, der eine Auftragsarbeit erledigt. Die dabei entstandenen Tonbänder waren als Arbeitsnotizen und Hintergrundmaterial für das noch zu schreibende Drehbuch gedacht. Entsprechend wenig kümmerte Birkin sich um die Tonqualität. Für „Speer goes to Hollywood“ mussten ihre Gespräche von Schauspielern nachgesprochen werden.

Aus dem Biopic wurde, wie wir wissen, nichts. Die Aufnahmen verschwanden im Archiv.

Jetzt sind sie die Grundlage für Vanessa Lapas Dokumentarfilm „Speer goes to Hollywood“, der diese Begegnung zwischen dem Nazi und dem jungen Drehbuchautor dokumentiert und gleichzeitig Speers Leben nachzeichnet. Dieser Teil, also das Nacherzählen von Speers Leben, wie sehr er in die Nazi-Herrschaft involviert war und wie skrupellos er sich später davon distanzierte, ist der gelungene Teil des Films.

Ärgerlich – immerhin ist der Titel „Speer goes to Hollywood“ – ist dagegen der andere Teil. Denn für „Hollywood“ und die vielen damit verbundenen spannenden Fragen interessiert Lapa sich nicht weiter. Bei ihr entsteht der Eindruck, dass Paramount Pictures die Verfilmung fallen ließ, weil ein Regisseur die Richtung, in die Speer den Film entwickeln wollte, bedenklich fand. Weil es 1982 mit „Inside the Third Reich“ eine, von Lapa nicht erwähnte, freie TV-Verfilmung von Speers „Erinnerungen“ gab, dürften Reeds Bedenken nicht der entscheidende Grund gewesen sein. Wir erfahren auch nicht, welche Überlegungen in Hollywood dazu führten, das Leben dieser Nazigröße zu verfilmen und wie sie es tun wollten.

Als Dokumentarfilm über Speer, sein Leben und seine Bemühungen, sein Image zu polieren, ist „Speer goes to Hollywood“ informativ und auch gelungen, ohne sich von irgendeiner gut gemachten TV-Dokumentation zu unterscheiden. Nach hundert Minuten bleibt die Erkenntnis, dass Speer kein „guter Nazi“, sondern einfach nur ein „Nazi“ war.

Zu Vanessa Lapas früheren Arbeiten gehört die hochgelobte spielfilmlange Doku „Der Anständige“ über Heinrich Himmler.

Speer goes to Hollywood (Speer goes to Hollywood, Israel 2020)

Regie: Vanessa Lapa

Drehbuch: Vanessa Lapa, Joëlle Alexis

mit Albert Speer, Andrew Birkin

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Speer goes to Hollywood“

Rotten Tomatoes über „Speer goes to Hollywood“

Wikipedia über „Speer goes to Hollywood“ (deutsch, englisch) und Albert Speer (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 12. November: Für eine Handvoll Dollar

November 11, 2021

3sat, 22.25

Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari, Italien/Deutschland/Spanien 1964)

Regie: Sergio Leone

Drehbuch: Sergio Leone, Duccio Tessari

Musik: Ennio Morricone

Sergio Leones erster richtiger Film (davor übte er bei Monumental- und Sandalenfilmen) und gleich ein genreprägender Klassiker, der für einen TV-Schauspieler den Weg zum Weltstar ebnete.

Die Story: In einer mexikanischen Kleinstadt taucht ein Fremder ohne Namen (Clint Eastwood, der öfter als Joe angesprochen wird) auf und spielt kaltschnäuzig die das Dorf beherrschenden Gangsterbanden gegeneinander aus.

Die Story lieh Leone sich von Akira Kurosawas „Yojimbo“. Der könnte auch mal wieder gezeigt werden.

mit Clint Eastwood, Marianne Koch, Gian Maria Volonté, Sieghardt Rupp, Antonio Prieto, Wolfgang Luckschy

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Für eine Handvoll Dollar“

Wikipedia über „Für eine Handvoll Dollar“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Last Night in Soho“ geschah ein Mord

November 11, 2021

Es dauert einige Minuten, bis wir sicher wissen, dass Eloise heute lebt. Ihr Elternhaus ist zeitlos. Ihre Kleider und ihr Zimmer sind eine Liebeserklärung an die sechziger Jahre. Auch die Musik, die sie hört, spiegelt nicht die aktuelle, sondern die Hitparade der Sechziger wieder.

Es sind die letzten Minuten, die sie zu Hause im ländlichen Cornwall verbringt, bevor sie ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlägt. Sie wird Redruth verlassen und nach London ziehen. Dort hat sie einen Platz als Studentin am Londoner College of Fashion bekommen. Das war ihr großer Traum. In London im Studentinnenwohnheim angekommen fremdelt sie mit ihren schon länger in der Großstadt lebenden Mitstudentinnen, die sich überhaupt nicht für die Vergangenheit, sondern nur für die nächste Party interessieren. Also zieht Eloise aus und bei Miss Collins ein. Die Vermieterin ist schon so alt, dass sie die Sechziger als junge Frau miterlebt haben kann. Auch das Haus und Eloises Zimmer wurden seitdem höchstens mininal an die Gegenwart angepasst. Aber das Haus steht in Soho, dem Ort, der in den Sechzigern das Zentrum von allem war.

In der ersten Nacht träumt sie von damals. Den Straßen, der riesigen Werbung am Kino für den neuen James-Bond-Film „Thunderball“ (Feuerball), den Neonlichtern, den Clubs mit ihren riesigen Tanzflächen und dem aufregendem Nachtleben, in dem alles möglich ist. Es sind Bilder von einem Leben, das sie gerne führen würde. Und sie steckt dabei im Körper der gleich alten, deutlich selbstsicheren Nachtschwärmerin Sandie. Die will in London als Sängerin Karriere machen. Allerdings wird sie auch in einen ihr Leben bedrohenden Mordfall verwickelt.

Mit Eloise fragen wir uns, ob das ein Traum, eine Jungmädchenfantasie von damals, ein zunehmend Eloises Leben bedrohendes Wahngebilde oder ein Hilferuf aus der Vergangenheit ist. Also ob eine Tote zu Eloise spricht und sie den Mörder enttarnen soll. Denn über fünfzig Jahre später ist der Mord immer noch nicht gesühnt und der Mörder lebt wahrscheinlich immer noch in Soho lebt.

Viel mehr als diese Prämisse sollte über die Geschichte von „Last Night in Soho“ nicht verraten werden. Auch nicht das Genre; oder sagen wir es anders: Fans von psychologischen Kriminal- und Horrorfilmen dürften nicht enttäuscht sein.

Im folgenden verwirrt sich Eloises Geschichte immer mehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Traum und Realität. Als Zuschauer wird man immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass bei der in den Sechzigern spielenden Geschichte etwas nicht stimmt. Immer wieder wird, in einer Szene und ohne erkennbaren Schnitt Eloise (Thomasin McKenzie) zu Sandie (Anya Taylor-Joy) oder Sandie geht eine Treppe hinunter, während wir als ihr Spiegelbild Eloise sehen. Diese Szenen drehte Wright vor Ort mit praktischen Tricks und ohne CGI. Und die von Eloise erlebten Sechziger sind ein wahres Sechziger-Jahre-Wunderland, in dem alles so ist, wie wir die Swinging Sixties in Soho aus Filmen, Büchern, Schallplatten und Magazinen kennen. Nur dass Sean Connery und „Alfie“ Michael Caine nicht über die Straße schlendern. Dafür trifft Sandie auf einen anderen gutaussehenden Mädchenschwarm, der Frauen nicht immer gut behandelt, aber ihr als Sängerin bei den ersten Karriereschritten helfen möchte.

Das klingt jetzt nach einem rundum gelungenem Vergnügen für Thriller- und Sixties-Fans. Dummerweise verlangt die Lösung mehr als eine Portion Gutgläubigkeit. Sie funktioniert nämlich nur, weil, rückblickend, die einzelnen Figuren sich wie Idioten verhielten und nicht miteinander gesprochen haben. Ja, Eloise erkundigte sich bei der Wirtin noch nicht einmal, wer denn der seltsame Stammgast sei.

Last Night in Soho (Last Night in Soho, Großbritannien 2021)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Edgar Wright, Krysty Wilson-Cairns (nach einer Geschichte von Edgar Wright)

mit Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Joy, Matt Smith, Diana Rigg, Terence Stamp, Rita Tushingham, Synnøve Karlsen, Michael Ajao, Jessie Mei Li, Kassius Nelson, Rebecca Harrod

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Last Night in Soho“

Metacritic über „Last Night in Soho“

Rotten Tomatoes über „Last Night in Soho“

Wikipedia über „Last Night in Soho“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Baby Driver“ (Baby Driver, USA 2017)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The Sparks Brothers“ (The Sparks Brothers, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Lieber Thomas“ Brasch, das ist Dein Film

November 11, 2021

Eine auf Tatsachen fußende Fiktion eines realen Lebens“ nennt Regisseur Andreas Kleinert seinen Film über Thomas Brasch, diesen 1945 in Westow, North Yorkshire, geborenen Künstler. Kurz nach seiner Geburt ziehen Braschs Eltern in die DDR. Sein Vater ist überzeugter Kommunist und von 1966 bis 1969 sogar stellvertretender Minister für Kultur. Zu ihm hat er immer ein problematisches Verhältnis. Die Zeit in der Kadettenschule der Natioalen Volksarmee in Naunburg von 1956 bis 1960 ist für Thomas Brasch traumatisch. Während seines 1967 begonnenen Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg protestiert er mit Gleichgesinnten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Sein Vater verrät ihn danach an die Stasi. Brasch wird zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Später wird er auf Bewährung entlassen und arbeitet im Transformatornwerk Oberschöneweide.

Und er schreibt. Seinen ersten Kurzgeschichtenband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ will er in der DDR veröffentlichten. Das geht nicht. Er unterzeichnet die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Danach stellt er einen Ausreiseantrag und darf 1976 ausreisen.

In Westberlin wurde „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im Rotbuch Verlag veröffentlicht (inzwischen ist es bei Suhrkamp erhältlich). Die Kritik ist begeistert. Er ist ein Star der westdeutschen Literaturszene. Er schreibt Theaterstücke. Großen Erfolg hat er mit dem Stück „Lovely Rita“, das er in der DDR schrieb und das im Westen mit seiner Freundin Katharina Thalbach in der Hauptrolle seine Premiere hat. Und er inszeniert Filme. Sein erster Spielfilm, das in SW gedrehte Gangsterepos „Engel aus Eisen“ über die Gladow-Bande, feiert seine Premiere in Cannes. Zu dieser Zeit, die späten siebziger und achtziger Jahre, war Thomas Brasch eine Gruppe männlicher und weiblicher Bewunderer um sich gescharrt.

In den Neunzigern zieht er sich zurück um „Mädchenmörder Brunke oder Die Liebe und ihr Gegenteil“ zu schreiben. Das Manuskript hat über vierzehntausend Seiten. Zu Braschs Lebzeiten wird ein keine hundert Seiten umfassendes Fragment veröffentlicht.

Am 3. November 2001 stirbt er in der Berliner Charité an Herzversagen.

Thomas Brasch war ein widersprüchlicher Geist, der die DDR nie verlassen wollte, der in Westdeutschland nie heimisch wurde und dessen Leben, inclusive der schwierigen Beziehung zu seinem Vater, auch paradigmatisch für die Geschichte Deutschlands zwischen Kriegsende und Jahrtausendwende steht. Mit gewissen blinden Stellen. Und einem breitbeinigem Machotum, das mit seiner Selbstinszenierung, seiner offen zur Schau getragenen Sensibilität und der ebenso offenen Faszination für die Halbwelt, heute nicht mehr zeitgemäß ist.

Kleinert erzählt, wundervoll in farbenfrohem SW gedreht, dieses Leben in über hundertfünfzig Minuten von der frühen Kindheit bis zu Brachs Tod nach. Aber Dank des schon erwähnten Kunstgriffs, das Leben von Thomas Brasch als eine sich Freiheiten nehmende Fiktion zu begreifen, entgeht er in „Lieber Thomas“ den üblichen Biopic-Fallen. Auch wenn Brachs frühen Jahre, also die Kindheit, Jugend, Studienzeit und die ersten Jahre in Westberllin deutlich mitreisender sind als die späteren Jahre sind. Ungefähr mit der Premiere von „Engel aus Eisen“ in Cannes beginnt der Film zunehmend episodischer zu werden. Der klassische Biopic-Drang, jede irgendwie wichtige Episode im Leben des Porträtierten bis zu seinem Tod chronologisch abzuhandeln wird spürbar. Bis dahin gibt es zahlreich mitreisende Momente, satirisch zugespitzte, surrealistische und absurde Szenen. Auch die Cannes-Episode mit ihrer aus dem Ruder laufenden Vater-Sohn-Begegnung gehört dazu.

Albrecht Schuch, der aktuell ungefähr in jedem zweiten deutschen Film und in jedem sehenswertem deutschen Film (nicht jeder sehenswerte Film ist unbedingt ein guter Film) dabei ist, spielt Thomas Brasch und verleiht ihm dabei sehr aussagekräftige Konturen als schreibsüchtiger, sensibler Macker. Die anderen Schauspieler – immerhin auch Jella Haase, Jörg Schüttauf und Joel Basman (der, wie Schuch, durch die interessanten deutschen Filme tingelt) – verblassen dagegen. Aber das war wohl zu Braschs Lebzeiten so.

P. S.: Das Erste zeigt am Freitag, den 12. November, um 22.15 Uhr den von Andreas Kleinert inszenierten Münchner Tatort „Freies Land“ (Deutschland 2017)

Lieber Thomas (Deutschland 2021)

Regie: Andreas Kleinert

Drehbuch: Thomas Wendrich

mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer, Claudio Magno, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Joana Jacob, Emma Bading

Länge: 157 Minuten

FSK: ab 16 Jahre (hätte eher auf eine FSK-12 getippt)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Lieber Thomas“

Moviepilot über „Lieber Thomas“

Wikipedia über Thomas Brasch (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. November: Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor & Lula

November 10, 2021

Arte, 22.40

Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula (Wild at Heart, USA 1990)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

LV: Barry Gifford: Wild at Heart: The Story of Sailor and Lula, 1984 (Die Saga von Sailor und Lula)

Sailor und Lula flüchten vor einem Detektiv und einem Killer, die beide im Auftrag von Lulas durchgeknallter Mutter reinen Tisch machen sollen. Und dann treffen sie auf den Gangster Bobby Peru und dessen Komplizin Perdita Durango.

Lynchs wildes Roadmovie, ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, ist ein hemmungslos übertriebener Trip durch einen Alptraum namens Amerika. Ein Meisterwerk.

Barry Gifford schrieb später das Drehbuch für den Lynch-Film „Lost Highway”. Außerdem publizierte er neben seinen Romanen, wie „Perdita Durango“ (ebenfalls verfilmt), lesenswerte Sachbücher, wie „Out of the past“ über den Film Noir.

Mit Nicolas Cage, Laura Dern, Diane Ladd, Willem Dafoe, Isabella Rossellini, Harry Dean Stanton, Crispin Glover

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wild at Heart“

Wikipedia über „Wild at Heart“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (Dune, USA 1984) und der gleichnamigen Vorlage von Frank Herbert

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)