Zeuge einer Verschwörung(The Parallax View, USA 1973)
Regie: Alan J. Pakula
Drehbuch: David Giler, Lorenzo Semple jr.
LV: Loren Singer: The Parallax View, 1970
Journalist Joe Frady (Warren Beatty) will herausfinden, warum drei Jahre nach einem Attentat auf einen US-Senator Zeugen der Tat sterben. Zufall oder eine Verschwörung?
Polit-Thriller und Klassiker des Genres
mit Warren Beatty, Paula Prentiss, William Daniels, Walter McGinn, Hume Cronyn, Jim Davis
Als Baz Luhrmann für sein Biopic „Elvis“ in den Archiven von Warner Bros. recherchierte, entdeckten er und seine Mitarbeiter in Kansas in als Lagerort für Filmmaterial fungierenden Salzminen 69 Kisten mit Filmnegativen. Diese Kisten enthielten 59 Stunden Filmaufnahmen von Elvis Presley, die noch nie öffentlich gezeigt wurden. Jedenfalls nicht in dieser Qualität. Einige kurze Ausschnitte zirkulierten unter Elvis-Fans in Bootleg-Qualität. Später erhielt Luhrmann aus den Graceland-Archiven ebenso unbekannte Super-8-Filme.
Bei den Aufnahmen handelt es sich um Backstage-Aufnahmen, Interviews, Aufnahmen von den Proben und mehrere Konzertaufnahmen. Der Großteil der Konzertaufnahmen entstand 1970 in Las Vegas und 1972 in Las Vegas und auf seiner Tournee durch die USA. Aus diesen Aufnahmen sollten damals ein Dokumentarfilm und ein Konzertfilm entstehen. Die Pläne zerschlugen sich. Das Material wurde in dem Bergwerk gelagert und vergessen. Für Elvis-Fans wurden die Aufnahmen ein Mythos.
Luhrmann wollte das gefundene Material der Öffentlichkeit in einer angemessenen Form präsentieren. Dafür wurden die Film- und Tonaufnahmen aufwendig restauriert. Am Ende verfügte Luhrmann über 59 Stunden unveröffentlichtes Filmmaterial, aus dem er seinen, uh, Dokumentarfilm zusammenfügte.
„EPiC – Elvis Presley in Concert“ ist vor allem ein Film für die Elvis-Fans, bar jeder Analyse und sich nicht sonderlich um die Chronologie kümmernd. Munter mischt Luhrmann Aufnahmen von verschiedenen Auftritten, teils sogar verschiedenen Jahrzehnten, mit Aufnahmen von den Proben zu einem einzigen Elvis-Presley-Medley. Insgesamt werden in dem 97-minütigem Film 45 Songs angespielt. Einige Stücke sind aus verschiedenen Auftritten zusammengeschnitten. Da bleibt meist nur die Zeit, die Elvis zum Singen des Refrains benötigt.
Für Fans ist dieses gigantische Elvis-Mash-Up dennoch ein Genuss. Einmal, weil die Songs sehr gut klingen. Denn neben den Bildern wurde selbstverständlich auch der Ton restauriert. Einmal weil er sein Idol nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter und neben der Bühne und bei den Proben erleben kann und es einige Ausschnitte aus Interviews mit Elvis Presley gibt.
Wer dagegen auch nur im Ansatz eine Analyse oder eine Dokumentation über Elvis Presley erwartet, wird den Film für furchtbar unwichtig halten.
Und es handelt sich um keinen Konzertfilm. Ein Konzertfilm dokumentiert ein Konzert. Luhrman mixt in seinem Film munter, auch innerhalb eines Songs, Bildern von zu verschiedenen Zeiten entstandenen Konzertaufnahmen und Probenaufnahmen.
Das Ergebnis ist als fantasiertes Best-of-Concert überwältigend. Während man die bekannten Refrains mitsummt, kann man darüber nachdenken, wie sehr sich Elvis Presley in den wenigen Jahren zwischen seinem Durchbruch und den frühen siebziger Jahren veränderte und wie alt und unbeweglich er damals oft wirkte.
Elvis Presley starb mit 42 Jahren am 16. August 1977.
EPiC – Elvis Presley in Concert (EPiC – Elvis Presley in Concert, USA 2025)
Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.
Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.
Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon, Ricky Jay
Dänemark, im 16. Jahrhundert: zuerst bringt König Claudius den rechtmäßigen und guten König Amleth um. Später tötet er Amleths Tochter, Prinzessin Scarlet, die sich nicht seinen Wünschen beugen möchte.
Scarlet landet nach ihrem Tod nicht im Himmel oder in der Hölle, sondern in der Anderswelt, einem bedrohlichem Zwischenzustand jenseits von Raum und Zeit, mit Drache und Monstern und vielen Gefahren und einem unklaren Verhältnis zum Tod. So ist Hijiri, ein etwas später in der Anderswelt eintreffender junger Mann überzeugt, nicht tot zu sein. Er war als Notfallsanitäter doch gerade in der Gegenwart (also dem 21. Jahrhundert) in Tokio in einem Einsatz.
Scarlet und Hijiri bilden in Mamoru Hosadas neuem Fantasy-Anime „Scarlet“ das gegensätzliche Paar. Sie ist die vom Hass auf den Mörder ihres Vaters und ihren Mörder besessene Kriegerin, die keinem Kampf ausweicht und skrupellos tötet. Jetzt sucht sie in der Anderswelt König Claudius. Sie will ihn endgültig töten und in die Hölle schicken.
Hijiri ist das komplette Gegenteil von Scarlet. Er ist aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Welt und Kultur. Er ist mitfühlend, glaubt an das Gute, rettet und heilt jeden, der seine Hilfe benötigt, und er ist grundsätzlich optimistisch.
In „Scarlet“ präsentiert Mamour Hosoda seine sich viele Freiheiten nehmende Version von William Shakespeares Rachetragödie „Hamlet“. Zu Hosodas früheren Werken gehören „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ (2018), nominiert für den Oscar als bester Animationsfilm, und „Belle“ (2021), das in Cannes seine Premiere hatte. „Belle“ ist an der Kinokasse sein bislang erfolgreichster Film.
„Scarlet“ hatte bei den Filmfestspielen in Venedig letztes Jahr seine Premiere und er kam bei der Kritik gut an. Denn obwohl Hosoda seine Geschichte primär für ein junges weibliches Publikum erzählt, ist sein Anime keine banale Liebesgeschichte für Teenager.
Er erzählt eine spannende und zum Nachdenken anregende Geschichte. Im Mittelpunkt stehen dabei eine starke Heldin, die wirklich keinen Mann benötigt, um sie aus gefährlichen Situationen zu retten, und ihr sehr sympathisches Love-Interest. Der kann dann, auch dank seinem gut gefülltem Notfallrucksack, ihre Wunden heilen. Zuerst die körperlichen, später auch die seelischen.
Hosoda erzählt Scarlets Geschichte bildgewaltig und sich sehr komplex zwischen verschiedenen Zeiten und Welten bewegend.
Verkäuferin Ansa und Arbeiter Holappa sind zwei einsame Menschen. Sie verlieben sich ineinander und müssen viele Hindernisse überwinden, bevor sie zueinander finden.
TV-Premiere. Gewohnt lakonisches Drama von Aki Kaurismäki, der hier einen Nachschlag zu seiner „Proletarischen Trilogie“ liefert.
LV: Janet Evanovich: One for the Money, 1994 (Einmal ist keinmal)
Stephanie Plum braucht Geld. Und was liegt da näher, als sich als Kopfgeldjägerin ihre alte Liebe, den untergetauchten Cop Joe Morelli zu suchen?
Die Verfilmung des dreißig Jahre alten Krimis steckt tief in den achtziger Jahre und bietet ziemlich kurzweilig-nette Unterhaltung für Zwischendurch, die nie behauptet mehr zu sein als eine kleine Actionkomödie mit einem vernachlässigbaren Krimiplot voller Unwahrscheinlichkeiten und viel Romantic. Also genau das Richtige für einen lauschigen Abend.
Possession (Frankreich/Deutschland 1980, Regie: Andrzej Zulawski)
Drehbuch: Andrzej Zulawski
Berlin: Marc kehrt nach einer längeren Abwesenheit zu seiner Frau Anna zurück. Sie behauptet, einen Liebhaber zu haben. Als der eifersüchtige Marc mehr herausfinden will, entdeckt er, dass sie sich mit einem krakenhaftem Monster vereint.
„Horrrovision einer zerbrochenen Beziehung und zerstörter Identitäten(…) Mit kaltem Licht, bizarren Kameraeinstellungen und Schockeffekten malt er [Zulawski] eine barocke Alptraumwelt aus Ekel und Hysterie. Wenn die Geschichte einen etwas kruden Freudianismus bemüht, so überzeugt die Umsetzung in Bilder und Farbe.“ (Fischer Film Almanach 1994; mit dem Hinweis „Verleih: offen“)
„Das im wahren Wortsinne aufopferungsvolle, an die physischen Grenzen gehende Spiel der beiden Hauptdarsteller, die unstete Kamera und die grotesken Spezialeffekte machen aus dem absurden Gewalttheater nachhaltig bewegendes Kunstkino.“ (Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2010, zur DVD-Ausgabe, die anscheinend auch gleichzeitig die Deutschlandpremiere des Skandalfilms war)
Isabelle Adjani erhielt in Cannes den Darstellerpreis.
„So hysterisch sie in mancher Szene scheint, so folgerichtig ist dies im Rahmen dieses exaltierten Films, der wie ein Schock wirkte und zahlreiche Kritiker nachhaltig abstieß oder zu Lobeshymnen veranlasste.“ (Meinolf Zurhorst: Isabelle Adjani, 1992)
Damals hatte der 124 minütigen Film (englische Originalfassung) gewaltige Probleme mit der Zensur. Für die US-Auswertung wurde er um 45 Minuten gekürzt, in England gehörte er zu den ‚video nasties‘ und in Deutschland kam er erst gar nicht in die Kinos. Heute ist er ein Kultfilm.
Inzwischen hat er ungekürzt eine FSK-16-Freigabe erhalten.
Auch nach über vierzig Jahren immer noch ein verstörender, herausfordernder Horrorfilm.
mit Isabelle Adjani, Sam Neill, Margit Carstensen, Heinz Bennent, Johanna Hofer, Shaun Lawton, Leslie Malton
LV: Daphne du Maurier: The birds, 1952 (Die Vögel)
In Bodega Bay attackieren Vögel Menschen.
Nicht direkt ein Krimi, aber ein Klassiker.
„‘The Birds’ war ein Avantgarde-Hitchcock, haarsträubend und voll verschlagenem Witz. Der Held krümmt sich, und das Publikum kreischt.“ (Robert A. Harris/Michael S. Lasky: Alfred Hitchcock und seine Filme)
Alfred Hitchcock verwandte von du Mauriers Kurzgeschichte nur den Grundgedanken (rätselhafte Attacken von Vögel auf Menschen). Evan Hunter kennen wir auch als Ed McBain (87. Polizeirevier).
Anschließend, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die knapp einstündige Doku „Tippi Hedren und die wilden Tiere“ (Deutschland 2021)
Mit Rod Taylor, Tippi Hedren, Jessica Tandy, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw, Ruth McDevitt
Sie gehören zum Bild der Großstädte: Fahrradkuriere, die bei Wind und Wetter Essen ausliefern. Souleyman ist einer von ihnen. Er fährt, immer unter Zeitdruck, durch Paris, trifft viele Menschen, teils Bekannte, teils Arbeitskollegen, teils Menschen, die ihm mehr oder weniger eigennützig helfen, und er bereitet sich auf eine Anhörung bei der Asylbehörde vor. Diese Anhörung ist dann auch der Schwachpunkt von Boris Lojkines Drama „Souleymans Geschichte“. Souleyman lässt sich vor der Anhörung von einem anderen Ausländer, der daraus ein Geschäft gemacht hat, beraten. Er empfiehlt allen die gleiche Geschichte, die sie auswendig lernen und bei der Anhörung erzählen sollen. Souleyman kommt, während er die Geschichte auswendig lernt, nie auf den Gedanken, dass die Beamten der Asylbehörde diese auswendig gelernte Geschichte schon hundertmal genauso gehört haben.
Davon abgesehen taucht Lojkine tief in Souleymans Leben ein. Er verfolgt ihn bei der Arbeit, zeigt ihn in seinem Umfeld und in der Asylbewerberunterkunft. Es ist ein Leben ganz unten im Kapitalismus.
Der Rhythmus ist schnell. Ständig unter Zeitdruck hetzt Souleyman von einem Kunden zum nächsten – und versucht dazwischen seine persönlichen Angelegenheiten zu klären. Die Monotonie des immer gleichen in dem Hamsterrad, in dem Souleyman sich befindet, ebenso.
Lojkines Film steht in der Tradition von Ken Loach und des sozialkritischen Kinos. Allerdings verzichtet er auf den bei Loach immer vorhandenen erzählerischen und analytischen Überbau. Wie ein Reporter beobachtet Lojkine Souleyman und zeigt einfach, was an zwei ziemlich normalen Tagen passiert.
Danach wird man die Essensauslieferer mit anderen Augen sehen.
Seine Premiere hatte „Souleymans Geschichte“ 2024 in Cannes in der Reihe Un Certain Regard. Dort erhielt er den Preis der Jury und den Fipresci-Preis. 2025 erhielt „Souleymans Geschichte“ vier Césars für das Drehbuch, den Schnitt, die beste Nebendarstellerin und den besten Nachwuchsdarsteller. Abou Sangeré, der Souleyman spielt, wurde auch in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet.
Souleymans Geschichte (L’Histoire de Souleymane, Frankreich 2024)
Als literarischer Autor ärgert Thelonious „Monk“ Ellison (Jeffrey Wright) sich über den Erfolg von literarisch flachen, eindimensionalen, vor Klischees strotzenden Romanen über die afroamerikanische Community. Unter Pseudonym schreibt er einen Trash-Roman über das angeblich authentische Leben eines armen, ungebildeten Schwarzen – und landet einen Bestseller. Jetzt soll er Interviews über sein Leben als Schwerverbrecher im Ghetto geben.
TV-Premiere, Gelungene Tragikomödie und Satire über den US-amerikanischen Kulturbetrieb und seine identitätspolitischen Volten.
mit Jeffrey Wright, Tracee Ellis Ross, Issa Rae, Sterling K. Brown, John Ortiz, Erika Alexander, Leslie Uggams, Adam Brody
Aurora (Sophie Sloan) hat Angst vor dem Monster unter ihrem Bett. Und weil sie zehn Jahre alt ist, ist das nicht so ungewöhnlich. Schließlich haben viele Kinder, so heißt es, Angst vor einem sich unter dem Bett versteckendem Monster. Diese Angst wird in zahlreichen Horrorgeschichten gepflegt.
In Auroras Fall existiert dieses Monster allerdings wirklich und – soviel kann verraten werden – es wächst zu wahrlich bedrohlichen Dimensionen an.
Zum Glück ist Aurora nicht auf den Kopf gefallen und sie hat ihren Nachbarn (Mads Mikkelsen) beobachtet, wie er bei einem nächtlichen Ausflug in Chinatown einen Drachen massakrierte. Wenn dieser in 5B wohnende Mann einen Drachen besiegen kann, dürfte er auch das unter ihrem Bett lebende Staubmonster besiegen können.
In dem Moment lebt Aurora bereits allein in der riesigen Mietwohnung. Denn das Monster hat ihre Eltern – es handelte sich um ihre dritte Pflegefamilie – bereits verschlungen.
Zur Bezahlung des Killers klaut Aurora die Kollekte der Kirche. Dieser namenlose Killer, den wir fortan 5B nennen, ist zwar nicht überzeugt von Auroras Monstergeschichte. Er glaubt eher, dass Killer, die ihn umbringen wollten, Auroras Pflegefamilie tötete.
Eine ziemlich schräge Idee hatte Bryan Fuller für sein Spielfilmdebüt, die er mit spürbarer Lust am Überschreiten von Genregrenzen und -konventionen und schrägem schwarzen Humor erzählt. Zu Fullers früheren Werken gehören, als Erfinder, die TV-Serien „Pushing Daisies“ und „Hannibal“ (ebenfalls mit Mads Mikkelsen) und, als Showrunner, „American Gods“ und „Star Trek: Discovery“.
„Dust Bunny“ ist ein dunkles Märchen, das in einer Fantasiewelt irgendwo zwischen Fantasy und Actionthriller spielt. Fuller inszeniert das sehr stilbewusst in Richtung Neo-Noir, aber auch sehr reduziert auf wenige Locations. Fast der gesamte Film spielt in Auroras Wohnung und im davor liegendem Flur des alten Mietshauses. Dass eine solche Reduzierung auf einen Handlungsort nicht unbedingt nachteilig sein muss, haben schon viele Filme gezeigt. So spielte, um nur drei aktuelle sehenswerte Beispiele zu nennen, „Die Stimme von Hind Rajab“ in einer Notrufzentrale, „Send help“ auf einer Insel und „Cold Storage“ in einem Self-Storage-Lagerkomplex.
Bei Fuller geht diese Reduzierung auf einen Handlungsort auch mit einer Reduzierung der Erzählgeschwindigkeit und der Emotionen einher. Der Nachbar, der als Killer seinen Lebensunterhalt verdient haben, muss natürlich seine Gefühle verbergen. Die Killer, die ihn oder Aurora umbringen wollen, ebenso. Gleiches gilt für die Polizisten. Keiner verzieht eine Miene.
Sie belauern sich oder warten regungslos auf das aus dem Fußboden auftauchende Monster.
Die Dialoge tragen zu diesem Eindruck des Stillstands bei. Sie drehen sich in schlechter Quentin-Tarantino- oder Sergio-Leone-Manier im Kreis und sind oft arg redundant. Sie sind nicht cool, sondern pseudo-cool und nervig. Das gilt auch für den Running Gag, dass 5B Auroras Namen fast immer falsch ausspricht.
Die Bilder schwanken zwischen neonbuntem Neo-Noir, der auch in „Blade Runner“ nicht negativ auffallen würde, und den poppigen Farben aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Das sieht gut aus. Die Sets sind liebevoll gestaltet, aber halt auch in erster Linie Sets, die als Zeichnung gut aussehen, in einem Film aber nie ihre Künstlichkeit verbergen können.
Die Story selbst ist, mit vielen erzählerischen Auslassungen (so erfahren wir kaum, wer warum Aurora und 5B verfolgen und wer wer ist), „Léon – Der Profi“ meets „Die fabelhafte Welt der Amélie“ irgendwo im Niemandsland zwischen Fantasy und Realismus. Auf dem Papier liest sich das dann interessanter als der Film ist. Viel zu oft ist „Dust Bunny“ eine stilbewusste Übung im Stillstand.
Das gilt auch für die Actionszenen.
Dust Bunny (Dust Bunny, USA 2025)
Regie: Bryan Fuller
Drehbuch: Bryan Fuller
mit Mads Mikkelsen, Sophie Sloan, Sigourney Weaver, David Dastmalchian, Rebecca Henderson, Sheila Atim
Teacake (Joe Keery) und Naomi (Georgina Campbell) sind die Nachtschicht in einem abgelegen in der US-amerikanischen Provinz in den Bergen liegendem Self-Storage-Lagerkomplex. Einheimische lagern in den Garageneinheiten ihr Gerümpel. Manchmal wird auch heiße Ware zwischengelagert. Geklaute Fernseher, beispielsweise.
Die Nachtschicht ist die Friedhofsschicht, in der nichts Aufregendes passiert. Außer dass Teacake sich schon seit Tagen überlegt, wie er die gut aussehende Naomi, die einen anderen Teil des riesigen Komplexes überwacht, ansprechen kann. In dieser Nacht will er außerdem eine alte Ausgabe von Jack Finneys „The Body Snatchers“ lesen. Das ist der Plan.
Aber ihn stört ein klopfendes Geräusch. Es kommt aus den nicht benutzten und unzugänglichen Teilen des unterirdischen Gebäudes. Zusammen mit Naomi will er den Grund für das Geräusch herausfinden. Sie reißen eine Wand ein, beginnen die noch nicht erkundete Gänge in dem riesigen Komplex zu erkunden und die Nacht nimmt einen in jeder Beziehung unvorhergesehenen Verlauf.
Denn der Self-Storage-Laden wurde in einer stillgelegten militärischen Anlage errichtet. Weite Teile der Anlage wurden einfach abgesperrt und vergessen. Dazu gehört auch eine unterhalb des Self-Storage-Ladens befindende Mischung aus Labor und Lager. Dort wurde ein extrem gefährlicher, sich extrem schnell verbreitender Pilz-Parasit gelagert und vergessen. In dieser Nacht mutiert dieses Überbleibsel eines Experiments auf der Suche nach Lebewesen durch die Anlage.
Und schon kämpfen die beiden Nobodys gegen ein gesichts- und gefühlloses Monster, das sie und die gesamte Menschheit innerhalb kürzester Zeit vernichten kann.
David Koepp hat sich diese Geschichte ausgedacht. Er schrieb auch die Drehbücher für „Jurassic Park“, „Panic Room“, „Mission: Impossible“, „Spider-Man“, „Premium Rush“ und jüngst „Black Bag“. Aber in diesem Fall schrieb er die Geschichte nicht als Drehbuch, sondern zuerst als Roman. 2019 war „Cold Storage – Es tötet“ (so der deutsche Romantitel) sein überzeugendes Debüt als Thrillerautor. Der Horrorthriller ist ein echter Pageturner, der sich – je nach Perspektive – wie eine grandiose Vorlage für einen Spielfilm oder ein überzeugender Filmroman liest. In jedem Fall liest sich der Thriller wie die verschriftlichte Fassung eines spannenden Horrorfilms, der seine Geschichte mit einer ordentlichen Portion selbstbewussten Humors erzählt. Denn alle wissen, in welcher Geschichte sie sind. Teacake und Naomi wissen, warum sie bestimmte Türen nicht öffnen sollen. Die rettende Kavallerie – ein im Film von Liam Neeson zupackend verkörpertes Ein-Mann-Rettungsteam – kommt immerhin früh genug, um noch einzugreifen. Koepp schrieb auch das Drehbuch, das im Großen und Ganzen der Romangeschichte folgt.
Regisseur Jonny Campbell (u. a. Folgen für die TV-Serien „Dracula“, „Westworld“, „Doctor Who“, „Ashes to Ashes“ und „Spooks“) erzählt diese sich auf einen Handlungsort konzentrierende Mischung aus „Jurassic Park“ und „Panic Room“ (um zwei Koepp-Werke zu nennen) äußerst flott und mit der richtigen Mischung aus Deadpan-Humor, Thrill und Splatter.
Das macht „Cold Storage“ zu einer äußerst vergnüglichen und kurzweiligen Angelegenheit für die Fans eines sich gleichzeitig nicht allzu ernst nehmenden und selbstbewussten B-Horrorthrillers, der einfach nur in neunzig Minuten eine spannende Geschichte erzählen will.
Cold Storage (Cold Storage, Großbritannien 2026)
Regie: Jonny Campbell
Drehbuch: David Koepp
LV: David Koepp: Cold Storage, 2019 (Cold Storage – Es tötet)
mit Joe Kerry, Georgina Campbell, Liam Neeson, Vanessa Redgrave, Sosie Bacon, Lesley Manville, Aaron Heffernan, Ellora Torchia, Gavin Spokes
Vor elf Jahren verschwand die achtjährige Sina. Obwohl ihre Leiche nie gefunden wird, ist ihr Mörder, ein geistig behinderter junger Mann, schnell gefunden. Als Tanner bei aktuellen Ermittlungen über diesen alten Fall stolpert, zweifelt er immer mehr, ob damals wirklich der richtige Mann verurteilt wurde.
Gewohnt guter Krimi von Dominik Graf, nach einem Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung. Sie recherchierte für eine Doku über die 2001 spurlos in Oberfranken verschwundene Peggy Knobloch. Diese Recherchen bildeten die Grundlage für „Das unsichtbare Mädchen“.
mit Elmar Wepper, Ulrich Noethen, Ronald Zehrfeld, Silke Bodenstein, Tim Bergmann
Heute will die in Minnesota lebende Barb (Emma Thompson im Actionheldinnenmodus) den letzten Wunsch ihres verstorbenen Mannes erfüllen. Sie fährt zu einem einsamen, im Norden des Landes gelegenem See. Beide verbinden mit Lake Hilda Erinnerungen an glückliche Stunden. Der Höhepunkt des Tagesausflugs wird das Verstreuen der Asche ihres Mannes sein. Ihre Trauerarbeit wird unterbrochen, als sie in der winterlichen Einsamkeit eine junge Frau entdeckt, die offensichtlich entführt wurde. Barb will sie retten – und nun beginnt ein Abenteuer, das als im Schnee spielender Thriller spannend unterhält. Bis man beginnt, über die Story nachzudenken und sich fragt, warum nicht wenigstens die gröbsten Logiklöcher behoben wurden.
So spielt die Geschichte im Schnee in einer menschenleeren Gegend. Aber es scheint überhaupt keinerlei verräterische Spuren im Schnee zu geben. Egal wie oft die vier Menschen durch den Schnee stampfen, sie hinterlassen keine Spuren.
Die ziemlich durchgeknallte Entführerin ist eine begnadete Scharfschützin. Wenn es passt.
Denn Barb kann im hellen Licht des Tages und ohne irgendeinen Schutz vor neugierigen Blicken eine auf dem vereisten See stehende Hütte zu einer Todesfalle umbauen. Auch der damit verbundene Lärm lockt die Bösewichter – ein Paar, das aus der schon erwähnen skrupellosen Scharfschützin und ihrem leicht depperten Mann besteht – nicht an. Weil Regisseur Brian Kirk („21 Bridges“, „Game of Thrones“) nicht zeigt, wie Barb die Falle errichtet, sorgt ihr Zuschnappen im Film für einen vollkommen unglaubwürdigen Überraschungsmoment.
Ein weiterer Schwachpunkt ist das Motiv der Entführer. Es wird erst am Filmende enthüllt. Es ist durchaus nachvollziehbar, aber die Entführer wählen die umständlichste und ungeschickteste Methode, um an ihr Ziel zu gelangen. Sogar die dusseligen Bösewichter der Coen-Brüder machen bessere Pläne.
Dead of Winter – Eisige Stille (Dead of Winter, USA/Deutschland/Kanada 2025)
Regie: Brian Kirk
Drehbuch: Nicholas Jacobson-Larson, Dalton Leeb
mit Emma Thompson, Gaia Wise, Judy Greer, Laurel Marsden, Marc Menchaca, Cúán Hosty-Blaney
Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (Deutschland/Frankreich 2022)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Wenige Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 wird in Pakistan der neunzehnjährige Murat Kurnat verhaftet und nach Guantanamo gebracht. Die Presse nennt ihn „Bremer Taliban“.
Seine Mutter Rabiye Kurnaz will ihren Jungen aus der Gefangenschaft befreien. Zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke setzt sie Himmel und Hölle in Bewegung.
Sehr gelungenes, unterhaltsames, nah an den Fakten entlang erzähltes Drama, mit einer ordentlichen Portion Humor.
Die Waffenhändlerin Rayna Boyanov (Rose Byrne) will eine Mini-Atombombe verkaufen. Und weil sie die Identitäten von allen CIA-Feldagenten kennt, kann nur Susan Cooper (Melissa McCarthy) das Geschäft verhindern. Denn bislang ist die CIA-Agentin, die noch keinen einzigen Außeneinsatz hinter sich hat, ein unbeschriebenes Blatt. Mit einer falschen Identität nähert sie sich in Paris Boyanov, die dort gerade die Atombombe verkaufen will.
Köstliche Agentenfilm-Parodie und Liebeserklärung an die James-Bond-Filme.
mit Melissa McCarthy, Jason Statham, Jude Law, Rose Byrne, Miranda Hart, Bobby Cannavale, Allison Janney, Peter Serafinowicz, Morena Baccarin, 50 Cent, Ben Falcone
Zwei Freundinnen (Les Biches, Frankreich/Italien 1968)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
In Paris trifft die reiche Müßiggängerin Frédérique (Stéphane Audran) auf die Pflastermalerin Why (Jacqueline Sassard). Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine erotische Liaison. Als der Heterosexuelle Paul (Jean-Louis Trintignant) auf Frédériques Landsitz auftaucht, entsteht eine instabile Dreiecksbeziehung.
Lawrence von Arabien (Lawrence of Arabia, Großbritannien 1962)
Regie: David Lean
Drehbuch: Robert Bolt, Michael Wilson (ursprünglich ungenannt, 1978 von der WGA wieder hergestellt)
Klassiker. 210-minütiger Monumentalfilm über den britischen Offizier T. E. Lawrence, der während des Ersten Weltkriegs die arabischen Stämme im Kampf gegen die Türkei eint und anführt.
„kein Geschichtsbild, vielmehr eine höchst subjektive Zusammenfassung der historischen Ereignisse“ (Lexikon des internationalen Films)
Dem Erfolg bei der Kritik und an der Kasse tat das keinen Abbruch.
Maurice Jarre schrieb die Musik.
mit Peter O’Toole, Alec Guinness, Anthony Quinn, Jack Hawkins, Omar Sharif, José Ferrer, Anthony Quayle, Claude Rains, Arthur Kennedy
Gaza, 2007: Osama, Inhaber eines Falafel-Geschäfts und Drogenhändler, Yahya, ein bei ihm angestellter Student, und Abou Sami, ein korrupter Polizist, treffen aufeinander und eine eher zufällige Abfolge von Ereignissen entwickelt sich, die zu Osamas Tod, weiteren Toten und der Mitarbeit Yahyas in einem patriotischem, palästinensischem No-Budget-Actionfilm als Hauptdarsteller führen. Anfangs lassen einige atmosphärische Nachtaufnahmen auf einen Noir-Gangsterfilm hoffen.
Diese Hoffnungen erfüllen sich nicht. Formal zerfällt das von den Zwillingsbrüdern Tarzan und Arab Nasser unglaublich dröge erzählte Drama „Once upon a time in Gaza“ in zwei fast vollständig voneinander unabhängige Kurzfilme mit viel Füllmaterial und noch mehr verpassten Gelegenheiten.
Once upon a time in Gaza (Once upon a time in Gaza, Frankreich/Palästina/Deutschland/Portugal/Katar/Jordanien 2025)
Regie: Tarzan Nasser, Arab Nasser
Drehbuch: Tarzan Nasser, Arab Nasser, Amer Nasser, Marie Legrand