Neu im Kino/Filmkritik: Heute ist „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ über diese Aliens

Juni 10, 2026

Disclosure Day…allein die Erklärung des Titels ist ein Spoiler. Das Ansehen der beiden ziemlich irreführenden Trailer ist ein weiterer Spoiler – und eine Erklärung, was an den Trailer Spoiler aus der zweiten Hälfte des Films sind, wären weitere Spoiler.

Deshalb empfehle ich allen, die nichts über Steven Spielbergs neuesten Science-Fiction-Film, inszeniert nach einem Drehbuch von David Koepp („Jurassic Park“), wissen wollen, halbherzig den Kinobesuch.

Warum erkläre ich nach den Trailern:

Gut. Jetzt können wir weiterreden. Für US-amerikanische UAP-Gläubige ist der Disclosure Day der Tag, an dem die US-Regierung alle in den vergangenen Jahrzehnten angefertigten Akten über UFOs, seltsame Sichtungen und Aliens veröffentlicht. Dann, so hoffen sie, würden alle ihre Theorien über Alien-Begegnungen für wahr erklärt werden. UAP steht für ‚Unidentified Anomalous Phenomena‘ bzw. ‚unidentifizierte anomale Phänomene‘ und ist der aktuelle Sammelbegriff für alles, was mit Außerirdischen zusammenhängen könnte.

Um diesen Tag geht es auch in Spielbergs neuem Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“. Es geht auch um die Frage, was eine Begegnung mit Außerirdischen und die damit verbundene Entdeckung, dass wir nicht allein im Weltall sind, für die Menschheit bedeuten könnte. In „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) und in „E. T. – Der Außerirdische“ (1982) war die Begegnung mit den Aliens friedlich. In seiner deutlich von der Stimmung nach 9/11 beeinflussten Dystopie „Krieg der Welten“ (2005) verläuft die Begegnung für die Menschheit ziemlich katastrophal. In seinem neuesten Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ treffen wieder Menschen und Aliens aufeinander. Wie in „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ beginnt die Geschichte mit unheimlichen, seltsamen und rätselhaften Ereignissen.

Nachdem sie sich bereits den ganzen Tag seltsam verhielt und Dinge wusste, die sie nicht wissen konnte, gibt die in Kansas City lebende TV-Wetteransagerin Margaret Fairchild (Emily Blunt) in einer TV-Sendung plötzlich seltsame Laute von sich. Nur Dr. Daniel Kellner (Josh O’Connor) kann sie sofort verstehen. Der hochbegabte Ex-Hacker arbeitete als Cybersicherheitsexperte bei der geheimen, niemand rechenschaftspflichtigen, über anscheinend unendliche Mittel verfügende und mächtige Mehr-oder-weniger-irgendwie-Regierungsorganisation WARDEX. WARDEX sammelt alle Informationen über UFOs und Aliens und verbirgt sie vor der Menschheit. Kellner hat sich mit einer im Untergrund agierenden, aber anscheinend gut vernetzten und finanziell gut ausgestatteten Gruppe zusammengetan, die diese streng geheimen Informationen veröffentlichen will. Kellner hat sie auf etliche Datenträger kopiert. Er will sie ihnen in einigen Stunden übergeben. Auch wenn der Film ein großes Geheimnis um den Inhalt dieser geheimen Dateien macht, ist sehr schnell klar, dass es sich um Informationen über UFO- und Alien-Sichtungen handelt.

Irgendwann bemerken Kellner und Fairchild, die sich nicht kennen und die sich an verschiedenen Orten in den USA aufhalten, dass sie miteinander verbunden sind. Sie finden zueinander und wissen plötzlich, an welchen Ort in den USA sie fahren müssen, um die Daten der Disclosure-Day-Gruppe zu übergeben und sie anschließend, wie Wikileaks, der globalen Öffentlichkeit zu präsentieren.

Währenddessen werden sie von Noah Scanlon (Colin Firth), dem Chef von WARDEX, verfolgt. Er will unter allen Umständen verhindern, dass die Dateien veröffentlicht werden. Er glaubt, dass die Menschheit nicht bereit sei, diese Informationen zu akzeptieren. Er befürchtet, dass eine Veröffentlichung zu chaotischen Zuständen führen würde. Diese Hatz quer durch die USA führt zu einigen gelungenen Action-Set-Pieces und überraschenden Situationen und Dialogen. Und einer sehr begrüßenswerten humanistischen Botschaft über den Wert von Mitgefühl.

Diese Botschaft ist dann auch der originellste Teil des Films, der in puncto UFO-Verschwörungstheorien die bekannten Ereignisse und Theorien wiederholt. Die Story bewegt sich mit einem großen Ensemble recht flott und unterhaltsam auf das Finale zu.

Und trotzdem ist dieser Film, der nach einer von Spielberg erfundenen Geschichte entstand, einer seiner enttäuschendsten Filme. Die Disclosure-Day-Enthüllung am Filmende enttäuschen. Alles davor ist, wie in „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“, Exposition.

Während des gesamten Films fragte ich mich, welchen gelungeneren Film Roland Emmerich aus der Idee, dass alle Geschichten, die uns über Außerirdische erzählt wurden, wahr sind, gemacht hätte. Unbestritten ist Emmerich der schlechtere Regisseur. Aber er hätte aus dieser Idee den interessanteren Film gemacht. Mit „Moonfall“ (2022) hat er das in einem gewissen Rahmen auch schon gemacht.

Während Spielberg mit angezogener Handbremse ein fast ausschließlich weißes Ensemble, das die 50er-Jahre-Kernfamilie bejaht, durch eine vorhersehbare Geschichte mit bekannten Verschwörungstheorien schickt, hätte Emmerich all das hemmungsloser erzählt und bei den Figuren andere Akzente gesetzt. Sein Cast wäre diverser. Schwarze, Frauen, Schwule und Randgruppen (wozu ich in diesem Fall auch die Äbtissin, die einen wundervollen Satz sagen darf, zähle) hätten wichtige Rollen. Bei Spielberg kämpfen, bis auf die Wetteransagerin Fairchild, die unwissend in die Geschichte hineinstolpert, weiße Männer gegen weiße Männer. Der Schwarze ist nicht mehr als der aus alten Hollywood-Filmen bekannte Alibi-Schwarze. Die Frage des Glaubens und welche Bedeutung die Begegnung zwischen der Menschheit und den Aliens für die Menschen hätte, würde im Mittelpunkt des Films stehen. Spielberg streift sie höchstens, wenn darüber diskutiert wird, ob die Akte veröffentlicht werden sollen. Weil der Film mit der Veröffentlichung endet, zeigt er nicht, was danach passiert. Die Alien-Gläubigen hätten bei Emmerich ebenfalls eine wichtigere Rolle. Spielberg ignoriert sie. Und vielleicht hätten die Aliens auch etwas gesagt oder in die Geschichte eingegriffen.

So ist „Disclosure Day“ ein SF-Film, der sich erzählerisch am 70er-Jahre-Polit-Thriller mit seinen teils naiven Helden, die eine große Verschwörung aufdecken, orientiert. Teils konnte der Protagonist sein Wissen am Filmende publizieren, teils wurde er vorher von den Bösewichtern ermordet. Immer war der Film von einem aufklärerischem Impetus gegen verbrecherische Regierungen, Behörden und Firmen getragen. Der Paranoia-Thriller sollte über die dunklen Machenschaften der US-Regierung aufklären. Auch „Disclosure Day“ endet mit der titelgebenden Veröffentlichung der Daten. Als Zuschauer ist man in dem Moment ratlos. Die Informationen über Ufos und Aliens sind fast ausschließlich die schon seit Jahrzehnten bekannten Informationen über nicht zusammenhängende Sichtungen von Ufos und Begegnungen mit Aliens. Was soll sich durch die Veröffentlichung ändern? Die Empathie-Botschaft des Films ist absolut begrüßenswert, aber sie hängt wie ein Kalenderspruch im luftleeren Raum.

All das macht Spielbergs neuesten Film, eine Neuerzählung von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ als 70er-Jahre-Paranoia-Thriller, zu einem seiner schwächsten Werke.

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (Disclosure Day, USA 2026)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: David Koepp (nach einer Idee von Steven Spielberg)

mit Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo, Wyatt Russell, Henry Lloyd-Hughes, Courtney Grace, Jeremy Shamos, Elizabeth Marvel

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“

Metacritic über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“

Wikipedia über „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (The Fabelmans, USA 2022)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. Juni: BlackBerry – Klick einer Generation

Juni 9, 2026

Arte, 20.15

BlackBerry – Klick einer Generation (BlackBerry, Kanada 2023)

Regie: Matt Johnson

Drehbuch: Matt Johnson, Matthew Miller

LV: Jacquie McNish/Sean Silcoff: Losing the Signal: The Untold Story Behind the Extraordinary Rise and Spectacular Fall of BlackBerry, 2015

TV-Premiere. Sich Freiheiten nehmendes satirisches Biopic über das Blackberry, das vor dem Smartphone den Handymarkt dominierte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jay Baruchel, Glenn Howerton, Matt Johnson, Cary Elwes, Saul Rubinek, Michael Ironside, Rich Sommer, Sungwon Cho, Martin Donovan

Hinweise

Moviepilot über „BlackBerry“

Metacritic über „BlackBerry“

Rotten Tomatoes über „BlackBerry“

Wikipedia über „BlackBerry“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über den Film (der viel Fiktion enthält)

Meine Besprechung von Matt Johnshons „Operation Avalanche“ (Operation Avalnche, USA/Kanada 2016)

Meine Besprechung von Matt Johnsons „BlackBerry – Klick einer Generation“ (BlackBerry, Kanada 2023)


TV-Tipp für den 9. Juni: Monobloc

Juni 8, 2026

NDR, 00.00

Monobloc (Deutschland 2021)

Regie: Hauke Wendler

Drehbuch: Hauke Wendler

Spielfilmlange informative Doku über den allseits benutzten Plastikstuhl. Anfangs mehr Design- und Industriegeschichte, später vor allem ein Blick auf die Verwendung des Stuhls.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Monobloc“

Moviepilot über „Monobloc“

Wikipedia über den Monobloc-Stuhl

Design-Museum über den Monobloc

Meine Besprechung von Hauke Wendlers „Monobloc“ (Deutschland 2021)


TV-Tipp für den 8. Juni: Nope

Juni 7, 2026

Pro7, 22.45

Nope (Nope, USA 2022)

Regie: Jordan Peele

Drehbuch: Jordan Peele

Auf einer Pferderanch in der Nähe von Hollywood geschehen unheimliche Dinge, die etwas mit einer sich nicht bewegenden Wolke zu tun haben könnten.

TV-Premiere. Bei der Kritik und dem Publikum kam die Alien-Invasionsgeschichte gut an. Für mich war es – vielleicht auch wegen meiner hohen Erwartungen – nur ein bildgewaltiger lahmer Schocker, der ein Manifest der Hybris des Regisseurs ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Keke Palmer, Daniel Kaluuya, Brandon Perea, Steven Yeun, Michael Wincott, Devon Graye, Keith David, Eddie Jemison, Osgood Perkins, Wrenn Schmidt

Hinweise

Moviepilot über „Nope“

Metacritic über „Nope“

Rotten Tomatoes über „Nope“

Wikipedia über „Nope“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jorda Peeles „Get out“ (Get out, USA 2017)

Meine Besprechung von Jordan Peeles „Wir“ (Us, USA 2019)

Meine Besprechung von Jordan Peeles „Nope“ (Nope, USA 2022)


TV-Tipp für den 7. Juni: Steven Spielberg, Hollywoods ewiges Wunderkind

Juni 6, 2026

Als Vorbereitung für Steven Spielbergs neuen, am Mittwoch startenden Science-Fiction-Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ empfehle ich

Arte, 23.15

Steven Spielberg, Hollywoods ewiges Wunderkind (Frankreich 2024)

Regie: Michaël Prazan

Drehbuch: Michaël Prazan

Fünfundfünfzigminütige Doku, bestehend aus bislang unveröffentlichtem Archivmaterial, Filmausschnitten, Making-ofs und Interviewauszügen, die ein Porträt des Regisseurs ergeben.

Hinweise

Arte über die Doku

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (The Fabelmans, USA 2022)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 6. Juni: Open Range – Weites Land

Juni 5, 2026

RBB, 23.30

Open Range – Weites Land (Open Range, USA 2003)

Regie.: Kevin Costner

Drehbuch: Craig Storper

LV: Lauran Paine: The Open Range Man, 1990 (später auch „Open Range“)

Als der tyrannische Rancher Baxter die Herde der beiden seit Ewigkeiten zusammen reitenden Cowboys Spearman und Waite stehlen will, hat er sich mit den falschen angelegt.

Schöner Western, der angenehm altmodisch auf jeglichen modernen Schnickschnack verzichtet und ruhig seine Geschichte erzählt.

mit Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Gambon, Michael Jeter, Diego Luna, James Russo, Kim Coates

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Open Range”

Wikipedia über „Open Range“ (deutschenglisch)

Fantastic Ficton über Lauran Paine

David Whitehead über Lauran Paine

Meine Besprechung von Kevin Costners „Horizon – Eine amerikanische Saga“ (Horizon – An American Saga Chapter 1, USA 2024)

 


TV-Tipp für den 5. Juni: 30 Dinge, die Moabit besonders machen

Juni 4, 2026

RBB, 20.15

30 Dinge, die Moabit besonders machen (Deutschland 2026)

90 Minuten über den Kiez, in dem ich wohne.

Hinweise

RBB über die Doku

Wikipedia über Moabit


Neu im Kino/Filmkritik: „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“ und einbrechen, um eine Million zurückzubringen

Juni 4, 2026

Als Bauingenieur Stan (Rayane Bensetti) erfährt, dass nicht er sondern sein aasiger Erzkonkurrent befördert werden soll, reicht es ihm. Jahrelang hat er für diese Beförderung klaglos Überstunden abgeleistet, seinem Chef jeden Wunsch erfüllt und immer wieder seine Beziehung riskiert. Spontan klaut er eine Tasche mit einer Million Euro Schmiergeld. Den Schlüssel zum Safe wirft er in einen Mülleimer.

Kurz darauf erfährt er, dass Richard doch ihn befördern will. Also muss das Geld innerhalb der nächsten Stunden und bevor seine Kollegen nach Sonnenaufgang den Firmensitz betreten, zurück in den Safe.

Weil Stan kein Einbrecher ist, benötigt er die Hilfe von jemand, der verschlossene Türen öffnen kann. So einer ist Hippolyte (Christian Clavier). Der Chef eines von ihm geführten Schlüsseldienstes ist ein echter Schlawiner. Seinen Kunden bietet der Unternehmer offensiv seine Dienste ohne Rechnung an. Dann könne er auf die Steuern verzichten. Was Stan in dem Moment nicht weiß, ist dass Hippolyte auch ein Safeknacker ist, der deswegen im Gefängnis saß. Gegen eine erkleckliche Summe lässt der hochverschuldete Hippolyte sich überzeugen, dieses Mal Schlösser zu öffnen, um etwas zurückzubringen. Ohne dass sie dabei entdeckt werden.

Zwei vollkommen gegensätzliche Hauptfiguren, eine absurde Ausgangssituation, comichaft übertriebene Nebenfiguren, eine sich daraus ergebende Kaskade von irrwitzigen Problemen und fertig ist die Boulevardkomödie. In seinem zweiten Spielfilm als Regisseur präsentiert Grégoire Vigneron seine Version einer typischen überdrehten und vollkommen sinnfreien französischen Komödie aus den sechziger und siebziger Jahren. Das Erzähltempo soll über die jede Logik und Wahrscheinlichkeit ignorierende Story hinwegtäuschen. Der Humor bewegt sich auf der Ebene von Klamauk und Slapstick. Jede Figur hat ein, höflich ausgedrückt, flexibles Moralsystem.

Das Ergebnis ist solala und ziemlich altmodisch. Auch weil die Figuren, deren Verhalten und die Welt, in der sie sich bewegen, mehr an die Welt der siebziger Jahre als an die Gegenwart erinnert.

In den vergangenen Jahren schrieb Grégoire Vigneron zahlreiche Drehbücher, unter anderem für die von Laurent Tirard inszenierten Komödien „Der kleine Nick“, „Der kleine Nick macht Ferien“, „Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät“ und „Mein ziemlich kleiner Freund“.

Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris (Le Million, Frankreich 2025)

Regie: Grégoire Vigneron

Drehbuch: Grégoire Vigneron, Isabelle Jaquet, Julie Ponsonnet

mit Rayane Bensetti, Christian Clavier, Gilles Cohen, Claire Chust, Julie Ferrier, Jean-Luc Couchard

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“

Moviepilot über „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“

Wikipedia über „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“

Meine Besprechung von Grégoire Vignerons „Spurlos“ (Sans laisser de traces, Frankreich 2010)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Jan Komasas „Good Boy – Wir wollen nur ein Bestes“

Juni 4, 2026

Tommy tobt mal wieder durch die Nacht. Der Neunzehnjährige betrinkt sich hemmungslos, uriniert in die Landschaft, pöbelt – und dokumentiert für ein weltweites Publikum mit seinem Smartphone sein gesamtes schlechtes Benehmen. Die Frage bei der Sauttour ist nicht ob, sondern wann der Filmriss kommt.

Als er wach wird, befindet er sich angekettet in einem Keller. Sein ‚Vater‘ erklärt ihm, dass er ihn zu einem besseren Menschen machen werde. Wenn er sich gut benimmt, wird er belohnt werden. Wenn er sich schlecht benimmt, wird er bestraft werden. In den folgenden Tagen besuchen ihn die anderen, von dieser Erziehungsmaßnahme vollkommen unbeeindruckten Familienmitglieder im Keller. Auch die neue Haushaltshilfe, eine illegal Eingewanderte, ruft nicht die Polizei, sondern akzeptiert den im Keller anketteten Mann als Teil der Familie.

Dass Tommy von dieser Erziehungsmaßnahme nicht begeistert ist, ist nachvollziehbar. Aber wie kann er sich dagegen wehren? Und kann er flüchten?

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ ist der neue Film von Jan Komasa. Zu seinen vorherigen hochgelobten Filmen gehören „Corpus Christi“ und „The Change“. Sie regten zum Nachdenken und Diskutieren an. Das gilt auch für „Good Boy“. Die in wenigen Zimmern in einem einsam gelegenem Haus spielende satirische, tiefschwarze Versuchsanordnung über echte und falsche Familien, Zugehörigkeit, Erziehung, Zwang und Freiheit versprüht schnell Michael-Haneke-Vibes. Sozusagen „Funny Games“ andersrum.

Komasa erzählt Tommys Umprogrammierung mit dem distanziert-kühlem Blick eines Verhaltensforschers. Er sieht zu, wie ‚Vater‘ Chris versucht, Tommy vom jugendlichen Rabauken zu einem braven Jungen und wertvollem Mitglied der Gesellschaft umzuerziehen. Das erinnert an Stanley Kubrick „Uhrwerk Orange“ (A Clockwork Orange, 1971). Auch wenn dort die Umprogrammierung anders verlief. In „Good Boy“ versuchen Chris und seine Familie eine Beziehung zu Tommy aufzubauen. Sie bleiben immer höflich. Widerspruch überhören sie, während sie alles nötige tun, um Tommy zu einem wertvollen Mitglied der Familie zu machen. Sie wollen ihn bei sich aufnehmen und sie wollen, dass er freiwillig bei ihnen bleibt.

Im Rahmen dieses satirischen Planspiels definieren sich alle Figuren nur über ihre Handlungen. Entsprechend wenig erfährt man aus Tommys früherem Leben und dem Leben seiner Entführer. Diese bewusst gelassenen Lücken führen im dritten Akt, wenn es zu einigen überraschenden, teils Fragen aufwerfenden Wendungen kommt, zu leichten Problemen.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (Good Boy, Polen/Großbritannien 2025)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Bartek Bartosik, Naqqash Khalid

mit Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen, Monika Frajczyk, Savannah Steyn, Mila Jankowska, Callum Booth-Ford

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

alternativer englischer Titel: Heel

Hinweise

Moviepilot über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Metacritic über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Rotten Tomatoes über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Wikipedia über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jan Komasas „Corpus Christi“ (Boże Ciało, Polen 2019)

Meine Besprechung von Jan Komasas „The Change“ (Anniversary, USA 2025)


TV-Tipp für den 4. Juni: Masters of the Universe (1987)

Juni 3, 2026

Tele 5, 20.20

Masters of the Universe (Masters of the Universe, USA 1987)

Regie: Gary Goddard

Drehbuch: David Odell (basierend auf „Masters of the Universe” von Mattel)

Der tapfere blonde Muskelprotz He-Man (Dolph Lundgren) muss den bösen Skeletor (Frank Langella), der zum Herrscher des Universums werden will, besiegen. Sie bekämpfen sich nicht in ihrer Heimat Eternia, sondern auf der guten alten Erde.

Überwältigend billig aussehender Fantasy-Trash, der auch in der SchleFaZ-Bearbeitung nicht besser wird.

Der neue, heute startende „Masters of the Universe“-Film ist in jeder nur denkbaren Beziehung viel, viel besser.

mit Dolph Lundgren, Frank Langella, Meg Foster, Billy Barty, Courteney Cox, Robert Duncan McNeill, Jon Cypher, Chelsea Field

Wiederholung: Freitag, 5. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Masters of the Universe“

Wikipedia über „Masters of the Universe“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die 2026er Version von „Masters of the Universe“

Juni 3, 2026

Zuerst war das Spielzeug da. Dann wurde im Haus Mattel überlegt, wie man den Verkauf weiter ankurbeln könne. Comics und eine Zeichentrickfilmserie hatte man schon. Jemand schlug einen Spielfilm vor. Gesagt, getan. 1987 kam „Masters of the Universe“ in die Kinos. Der Film erzählt die Geschichte von He-Man (Dolph Lundgren, spärlichst bekleidet) und seinem Kampf gegen Skeletor (Frank Langella; unter der Maske nicht erkennbar). Der Kampf findet auf ihrem Heimatplaneten Eternia und der Erde statt. Vor allem auf der Erde in einem Diner, einer Schulaula und unbeleuchteten Gassen; – also kostengünstigen Drehorten.

Trotzdem soll der durchgängig wie ein billiges B-Picture aussehende Fantasy-Film 20 Millionen US-Dollar gekostet haben. Wer das jetzt angesichts aktueller Budgets für gar nicht so hoch hält, sollte einen Blick auf die Budgets einiger fast zeitgleich entstandener Kinohits werfen. Der dritte „Krieg der Sterne“-Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983) soll zwischen 32 und 42 Millionen US-Dollar gekostet haben. „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) und „Conan der Barbar“ (1982) sollen jeweils 20 Millionen US-Dollar gekostet haben. „Platoon“, 1987 mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnet, kostete 6 Millionen US-Dollar.

In allen diesen Filmen ist das ausgegebene Geld auf der Leinwand sichtbar. Nicht so in „Masters of the Universe“, der eher wie die Restverwertung eines italienischen Sandalenfilms aus den sechziger Jahren wirkt, den man mit vielen in der Gegenwart spielenden Szenen auf Spielfilmlänge streckte. Gary Goddards Film war ein allumfassender Flop, der in den vergangenen Jahren einen gewissen Kultstatus erhielt. Und wenn man ihn damals als Teenager im Kino oder im eigenen Zimmer gesehen hat, war man wohl empfänglicher für diesen Fantasy-Film, den man mit den Mattel-Figuren nachspielen konnte. Vor allem wenn man Arnold Schwarzenegger als „Conan der Barbar“ noch nicht sehen durfte.

Pläne für einen neuen „Masters of the Universe“-Kinofilm gab es schon länger. Als Regisseure waren in den vergangenen zwei Jahrzehnten John Woo, Jon M. Chu, Rian Johnson, Andrés Muschietti, Chris Sanders, Phil Lord/Christopher Miller, David S. Goyer und Aaron Nee/Adam Nee (die jetzt zu den vier genannten Drehbuchautoren gehören) im Gespräch. Drehbuchautoren schrieben mehr oder weniger detaillierte Entwürfe und selbstverständlich wurden über die Jahre verschiedene Schauspieler genannt, die die Hauptrolle spielen sollten.

Am Ende übernahm „Bumblebee“-Regisseur Travis Knight die Regie. Weil er den guten „Transformers“-Film inszenierte, könnte ihm auch diese Spielzeug-Verfilmung gelingen. Dass sein Film schlechter als der 1987er Film werden könnte, war fast ausgeschlossen. Nicholas Galitzine (zuletzt in „Glennkill“ als Journalist Elliot Matthews) spielt den teils spärlich bekleideten, edlen Helden. Wieder muss er gegen Skeletor kämpfen.

Was damals in einem Totaldesaster endete, ist jetzt eine ziemlich erfreuliche, zu lang geratene, selbstironische, überaus bunte und farbenprächtige Liebeserklärung an alte Fantasy-Filme. Den Ton setzt Travis Knight schon in den ersten Minuten, wenn Prinz Adam von seinem Leben auf seinem Heimatplaneten Eternia erzählt, wie er zum Kämpfer ausgebildet werden sollte, kläglich versagte, Skeletor (Jared Leto) sie überfiel, seine Familie und Freunde ermordete, er in letzter Sekunde mit einem magischen Schwert durch ein Portal auf die Erde geschickt wurde, dort in einem See landete und das Schwert verlor. Das erzählt Adam in einem Diner einer Verabredung, die danach fluchtartig die Gaststätte verlässt. Mit diesem Irren will sie nicht länger als nötig zusammen sein.

Kurz darauf, fünfzehn Jahre nach seiner Landung in dem See, findet er das Schwert in einem Merchandise-Geschäft. In dem Geschäft macht er sich, als er das magische Schwert in seinen Besitz bringen will, zum Vollhorst. Mit dem Schwert, das ihm offensichtlich keine magischen Kräfte verleiht, flüchtet er aus dem Geschäft. Wenige Minuten später wird er auf auf der Straße von einem Monster angegriffen. Teela (Camila Mendes), seine Liebe aus Kindheitstagen in Eternia, taucht plötzlich auf und rettet ihn. Kurz darauf sind sie zurück in Eternia. Dort muss er gegen den mächtigen Bösewicht Skeletor kämpfen. Der möchte das Schwert haben und so allmächtig werden.

Knight und seine Drehbuchautoren Chris Butler, Aaron Nee, Adam Nee und Dave Callaham zitieren lustvoll die bekannten Fantasy-Klischee und B-Picture-Klischees, brechen sie und ziehen alle Figuren durch den Kakao. Da lacht der Bösewicht sein teuflisches Lachen deutlich über die Peinlichkeitsschwelle. Seine Untertanen schauen sich betreten an. Er erklärt ihnen, dass die Szene eigentlich während seines teuflischen Lachens abbrechen sollte. Später erklärt er, dass er der Bösewicht des Films sei, er böses tue und dass das als Motivation vollkommen ausreiche.

Musikalisch unterlegt wird dies mit gut abgehangenem Hardrock, der perfekt in die Fantasy-Welt des Films passt. Die Songs sind auch immer wieder gut für einen spektakulären Auftritt, der dann in sich zusammenfällt. Und bei den für den Film von Daniel Pemberton geschriebenen Stücken ertönt öfter eine von „Queen“-Gitarrist Brian May gespielte Gitarre.

Die Spezialeffekt haben genau das richtige Maß an Schlechtigkeit um zu überzeugen. Sie sind gut, aber nie so gut, dass sie eine perfekte Illusion erzeugen.

Die Story – eigentlich sind es eine Coming-of-Age-Story und der Kampf des Helden gegen den Bösewicht – variiert gekonnt die bekannten Elemente. Dabei werden Männer durchgängig als ziemliche Waschlappen und Trottel gezeichnet. Sie überschätzen sich. Sie verhalten sich unvernünftig. Sie reagieren komplett falsch auf bestimmte Situationen. Sie interessieren sich mehr für die Pose als für das Ausfüllen dieser Pose. Und das sorgt immer wieder für Lacher.

Die Frauen neben Prinz Adam und Skeletor sind dagegen eher die treibenden und im Hintergrund agierenden Kräfte, die die Männer in die richtige Richtung – auch wenn es bei Skeletor die falsche Richtung ist – schieben. Dabei bleiben sie immer, den seit Ewigkeiten etablierten Regeln des Genres gehorchend, gut aussehende Nebenfiguren. Wobei Adam wenn er zu vom von allen herumgestoßenem sanftem und etwas trotteligem Nerd zum muskelbepacktem blonden Krieger He-Man wird, auch sehr ansehnlich ist.

Masters of the Universe“ ist das filmische Äquivalent zu einer Nostalgia-Band, die, nach jahrelanger Trennung auf einer Reunion-Tour, mit viel Energie und Selbstironie die alten Hits noch einmal spielt, während alle im Saal in Erinnerungen baden. Die Zeiten, als sie ihre Eltern mit bestimmten LP-Covers und satanischen Beschwörungen schockieren konnten, sind vorbei. Jetzt sind sie Eltern, teils Großeltern.

Aber wenn das so gut präsentiert wird, wie jetzt in „Masters of the Universe“ kann diese Nostalgieveranstaltung ein großer Kassenhit werden. Im Abspann teasern die Macher in mehreren Mid- und einer Post-Credit-Szene mögliche weitere Filme an.

Dann gerne in unter zwei Stunden. Denn so ein Film sollte nicht über 140 Minuten dauern.

Masters of the Universe (Masters of the Universe, USA 2026)

Regie: Travis Knight

Drehbuch: Chris Butler, Aaron Nee, Adam Nee, Dave Callaham (nach einer Geschichte von Aaron Nee, Adam Nee, Alex Litvak und Michael Finch; basierend auf „Masters of the Universe” von Mattel)

mit (teilweise nur die Stimme im Original) Nicholas Galitzine, Camila Mendes, Alison Brie, James Purefoy, Morena Baccarin, Jóhannes Haukur Jóhannesson, Charlotte Riley, Sasheer Zamata, Jon Xue Zhang, Christian Vunipola, Kristen Wiig, Jared Leto, Idris Elba, Artie Wilkinson Hunt, Eire Farrell, Dolph Lundgren

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 4. Juni 2026

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Masters of the Universe“

Metacritic über „Masters of the Universe“

Rotten Tomateos über „Masters of the Universe“

Wikipedia über „Masters of the Universe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Travis Knights „Bumblebee“ (Bumblebee, USA 2018)


TV-Tipp für den 3. Juni: Wie wilde Tiere

Juni 2, 2026

Arte, 21.45

Wie wilde Tiere (As Bestas, Spanien 2022)

Regie: Rodrigo Sorogoyen

Drehbuch: Isabel Peña, Rodrigo Sorogoyen

Ein französisches Paar will in der spanischen Provinz als Bio-Bauern und Restauratoren alter Häuser ein neues Leben beginnen. Den Einheimischen gefällt das nicht. Der Konflikt eskaliert, als die Zugezogenen den Bau von Windrädern ablehnen.

TV-Premiere. Langsam erzählter Noir-Thriller mit einem extrem schwachen letzten Drittel.

Anschließend, um 00.00 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere die 50-minütige Doku „Es war einmal…Wie wilde Tiere“ (Frankreich 2025) über den Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Denis Ménochet, Marina Foïs, Luis Zahera, Diego Anido, Marie Colomb

Hinweise

Moviepilot über „Wie wilde Tiere“

Metacritic über „Wie wilde Tiere“

Rotten Tomatoes über „Wie wilde Tiere“

Wikipedia über „Wie wilde Tiere“ (deutsch, englisch, spanisch)

Meine Besprechung von Rodrigo Sorogoyens „Wie wilde Tiere“ (As Bestas, Spanien 2022)


TV-Tipp für den 2. Juni: Die Anstalt

Juni 1, 2026

ZDF, 22.15

Die Anstalt (Deutschland 2026)

Ist das witzig – oder gehört das in Die Anstalt?

Hinweis

ZDF über „Die Anstalt“


TV-Tipp für den 1. Juni: Todesmelodie

Mai 31, 2026

Arte, 20.15

Todesmelodie (Giù la testa, Italien 1971)

Regie: Sergio Leone

Drehbuch: Luciano Vincenzoni, Sergio Donati, Sergio Leone

Mexiko, 1913: Zwei Verbrecher, einer davon ist ein Sprengstoffexperte, werden während des Bürgerkriegs zu Helden wider Willen und jagen einiges in die Luft.

Der weitgehend unbeachtete (und ungeliebte) Mittelteil von Leones Amerika-Trilogie, die mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ beginnt und mit „Es war einmal in Amerika“ endet, bietet in erster Linie rauhe Unterhaltung mit einem starken Schuss Comedy.

mit Rod Steiger, James Coburn, Romolo Valli, Maria Monti, Rik Battaglia

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Todesmelodie“

Wikipedia über „Todesmelodie“ (deutschenglisch)


TV-Tipp für den 31. Mai: Good bye, Lenin!

Mai 30, 2026

3sat, 21.45

Good bye, Lenin! (Deutschland 2003)

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Bernd Lichtenberg, Wolfgang Becker

Als Mutter Kerner ins Koma fällt, gibt es die DDR noch. Als sie wieder wach wird, gibt es sie nicht mehr. Aber weil sie eine ultrastramme Kommunistin ist und ihr Arzt meint, auch die kleinste Aufregung könne sie töten, lässt ihr Sohn Alex die DDR wieder aufleben. Das entwickelt sich schnell zu einer Herkulesaufgabe.

Die süffige, warmherzige DDR-Komödie war vor zwanzig Jahren (der Kinostart war, wenige Tage nach der Berlinale-Premiere, am 13. Februar) ein unglaublicher Kassenerfolg. In Deutschland wurden 6,4 Millionen Kinotickets verkauft. Der erfolgreichste Kinofilm des Jahres war, mit 7,7 Millionen Zuschauern, „Findet Nemo“. Auf dem zweiten Platz folgte „Der Herr der Ringe 3“ und auf dem dritten Platz „Good bye, Lenin!“.

mit Daniel Brühl, Katrin Sass, Florian Lukas, Chulpan Khamatova, Maria Simon, Alexander Beyer, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek

Hinweise

Filmportal über „Good bye, Lenin!“

Rotten Tomatoes über „Good bye, Lenin!“

Wikipedia über „Good bye, Lenin!“ (deutschenglisch)

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (Deutschland/Belgien 2015)

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Maxim-Leo-Verfilmung „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (Deutschland 2025)


TV-Tipp für den 30. Mai: Shoplifters

Mai 29, 2026

One, 20.15

Shoplifters – Familienbande (Manbiki Kazoku, Japan 2018)

Regie: Hirokazu Kore-eda

Drehbuch: Hirokazu Kore-eda

Die Familie Shibata hält sich mit kleinen Ladendiebstählen über Wasser. Aber sie sind auch eine herzensgute Familie, die spontan die kleine Yuri, die allein auf einem Balkon spielt, bei sich aufnehmen.

Gewohnt feinfühliger Film von Hirokazu Kore-eda über echte und falsche Familien, der verdient in Cannes die Goldene Palme erhielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lily Franky, Sakura Ando, Mayu Matsuoka, Kilin Kiki, Kairi Jyo, Miyu Sasaki

Wiederholung: 31. Mai, 23.20 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Shoplifters“

Metacritic über „Shoplifters“

Rotten Tomatoes über „Shoplifters“

Wikipedia über „Shoplifters“ (deutschenglisch)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Like Father, like Son“ (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Unsere kleine Schwester“ (Umimachi Diary, Japan 2015)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Shoplifters – Familienbande“ (Manbiki Kazoku, Japan 2018)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „La Vérité – Leben und lügen lassen“ (La Vérité, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Broker – Familie gesucht“ (Beurokeo, Südkorea 2022) und der DVD

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Die Unschuld“ (怪物 [Kaibutsu], Japan 2023)


Neu auf Blu-ray/Filmkritik: Der Jobsuchende hat immer noch „No other Choice“

Mai 29, 2026

Zum Kinostart schrieb ich:

Über ein Jahr ist Man-su schon arbeitslos. Die finanziellen Ressourcen schwinden unaufhaltsam. Jetzt teilen er und seine Frau sich ein Auto. Außerdem arbeitet sie. Die Kinder müssen auf beliebte Streamingangebote verzichten. Ob sie ihr wunderschönes Haus mit Garten weiterhin behalten können oder in eine Mietwohnung umziehen müssen, ist noch unklar. Dennoch will er seine Familie zusammenhalten, den erreichten Lebensstandard aufrechterhalten und den Schein wahren.

Man-su wurde gleichzeitig mit vielen weiteren verdienten Kollegen aufgrund von Umstrukturierungen entlassen. Bis dahin war der passionierte Freizeitgärtner, liebevolle Familienvater und gesetztestreue Bürger Man-su fünfundzwanzig Jahre in ein und derselben Papierfabrik in leitender Position angestellt. Papier ist sein Leben. Er will auch unbedingt wieder in einer Papierfabrik arbeiten.

Dummerweise ist die Konkurrenz um die wenigen offenen Stellen groß. Wenn ein Mitbewerber nur etwas besser qualifiziert ist oder etwas umgänglicher ist, bekommt er den Job. Aber, so überlegt Man-su sich, wenn dieser Mitbewerber sich nicht auf die Stelle bewerben kann, steigen seine Chancen. Er könnte bei einem Unfall sterben. Man-su muss nur wissen, wer diese besser qualifizierten Mitbewerber sind und sie dann töten. Weil er ein exzellenter Bewerber ist, ist die Konkurrenz überschaubar.

Der grandiose Krimiautor Donald E. Westlake (er erfand auch den Profidieb Parker und den vom Pech verfolgten Einbrecher John Dortmunder) ersann diese rabenschwarze Kapitalismussatire 1997. In seinem Roman „The Ax“ erzählt er sie in tödlich präziser Konsequenz. Wie ein nur selten manchmal etwas aus dem Takt geratendes Uhrwerk arbeitet Burke Devore (so heißt der Mörder bei Westlake) die Liste seiner Mitbewerber ab. Costa-Gavras verlegte die Geschichte 2005 in seiner Verfilmung „Die Axt“ (alternativer Titel „Jobkiller“) nach Frankreich. Park Chan-wook verlegte sie jetzt nach Südkorea und widmete den Film Costa-Gavras.

Park, der zuerst Westlakes Roman und erst später Costa-Gavras Verfilmung kannte, wollte den Roman schon seit Ewigkeiten verfilmen. 2009 wurde das Projekt erstmals auf dem Busan International Film Festival angekündigt. Seitdem sagte er, wenn er danach gefragt wurde, er arbeite immer noch daran.

Fünfzehn Jahre später begannen die Dreharbeiten. Ende August 2025 hatte seine Westlake-Verfilmung bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere. Und jetzt läuft sie hier in Deutschland im Kino an.

Wer den Roman, die erste und jetzt die aktuelle Verfilmung kennt, wird viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede erkennen. Jede Version setzt ihre eigenen Akzente, lässt aber die absolut überzeugende und stabile Grundstruktur der von Westlake erfundenen Geschichte intakt. Die Unterschiede beschränken sich vor allem auf Anpassungen an den Handlungsort und die Zeit. So gab es 1997 noch keine Smartphones. Für die Geschichte ist das letztendlich egal. Die Kultur und die Sozialsysteme unterscheiden sich in den einzelnen Ländern. Sie verleihen jeder Version ihre besondere Duftnote.

No other Choice“ hat nicht die gnadenlos präzise satirische Wucht von Costa-Gavras zweistündiger Version. Das kann einerseits daran liegen, dass uns die europäische Gesellschaft vertrauter als die koreanische Gesellschaft ist und wir deshalb auch subtile Anspielungen besser verstehen, andererseits kann es einfach daran liegen, dass Park sich fast 140 Minuten Zeit nimmt, um die Geschichte zu erzählen, sie gegen Ende etwas konfus wird und er bei Man-sus Morden immer wieder die Comedy-Elemente betont. So ist Man-sus erster Mord keine eiskalt geplante und schnell durchgeführte Tat, sondern eine ausartende Slapstick-Nummer.

Außerdem verfolgt Park die von Man-su erstellte Mordliste nicht so konsequent wie Costa-Gavras und vor allem Westlake, der immer eindeutig sagte, wen Devore jetzt umbringen will. Er studiert die Bewerbungen, plant die Morde sorgfältig (jedenfalls für einen Amateur) und dann folgt ein Mord nach dem anderen. Man-su geht immer etwas trotteliger und spontaner vor.

Das sind allerdings alles nur graduelle Unterschiede, kleine Verschiebungen von Gewichten mal mehr in Richtung Noir, mal mehr in Richtung Kapitalismuskritik, mal mehr in Richtung Slapstick. Die Idee und der Plot der von Westlake ersonnenen Satire sind so stark, dass niemand sie in seiner Version grundlegend veränderte. Immer bleibt der Protagonist ein Serienmörder, dem wir die Daumen drücken. Auch wenn er bei der Wahl seines gut nachvollziebaren Ziels zu den falschen Mitteln greift und er mit seinen Taten das kapitalistische System, das ihn zum Mörder macht, festigt.

P. S.: Am 3. März 2026 läuft im Rahmen der Best-of-Cinema-Reihe Park Chan-wooks „Oldboy“ wieder im Kino.

Wer die bitterböse Satire im Kino verpasste, kann das jetzt auf dem heimischen Sofa nachholen.

Das Bonusmaterial, insgesamt etwas über zwanzig Minuten, besteht aus einigen kurzen, weitgehend oberflächlichen Werbeinterviews mit dem Regisseur, den beiden Hauptdarstellern und weiteren am Film Beteiligten und einem Clip, in dem die Arbeit an dem Filmplakat mit dem Bonsai-Baum und den in ihm versteckten Menschen gezeigt wird.

No other Choice (Eojjeolsuga eobsda, Südkorea 2025)

Regie: Park Chan-wook

Drehbuch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Don McKellar, Jahnye Lee

LV: Donald E. Westlake: The Ax, 1997 (Der Freisteller)

mit Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min, Yeom Hye-ran, Cha Seung-won

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

internationaler Titel: No other Choice

Blu-ray

Plaion Pictures

Bild: 2,39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Koreanisch (Sound SystemDTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Featurettes mit Regisseur und Schauspielern, Interviews

Der Film ist auch digital, auf DVD und als Mediabook erhältlich.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „No other Choice“

Metacritic über „No other Choice“

Rotten Tomatoes über „No other Choice“

Wikipedia über „No other Choice“ (deutschenglisch)

zu Park Chan-wook

Meine Besprechung von Park Chan-wooks “Stoker” (Stoker, USA 2012)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks „Die Taschendiebin“ (The Handmaiden, Südkorea 2016)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks „Die Frau im Nebel“ (Heojil Kyolshim, Decision to leave [internationaler Titel], Südkorea 2022)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks Donald-Westlake-Verfilmung „No other Choice“ (Eojjeolsuga eobsda, Südkorea 2025)

zu Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung „Parker“ (Parker, USA 2013)

 

 


TV-Tipp für den 29. Mai: Deutscher Filmpreis 2026 – Die Gala

Mai 28, 2026

ARD, 22.20

Deutscher Filmpreis 2026 – Die Gala

Zeitversetzte Ausstrahlung der Verleihung des Deutschen Filmpreis, liebevoll Lola genannt – und viel schöner als der Oscar. 

Nominiert sind


Neu im Kino/Filmkritik: Über den besonders unangenehmen „Passenger“

Mai 28, 2026

Notiz an mich nach „Passenger“: Keine Urlaube im Wohnmobil. Niemals!

Begründung für euch: Die enden tödlich.

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Das muss ich vielleicht erklären.

Also: Tyler Genocchio (Jacob Scopio) und Madi Brecker (Lou Llobell) sind schon seit drei Jahren zusammen und sie haben genug Geld, um sich in einem von ihre liebevoll ausgestattetem Mercedes Sprinter auf eine Reise durch die USA von unbekannter Dauer begeben können. Er denkt dabei so in die Richtung einer ewigen Reise im Stil von Jack Kerouacs „On the Road“. Sie will es ihm zuliebe ausprobieren.

Als sie im Hinterland mitten in der Nacht auf einer einsamen Landstraße ein verunglücktes Auto entdecken, versuchen sie dem schwer verletztem Fahrer zu helfen. Dabei nehmen sie einen „Passenger“ auf. Dieser Mitreisende ist ein Geist. Ein sehr böser Geist, der Reisende, die in der Dunkelheit unterwegs sind und anhalten, tötet. Er ist das Gegenteil von Christophorus, dem Schutzheiligen der Reisenden.

André Øvredal erzählt die Geschichte nach einem Drehbuch von Zachary Donohue und T. W. Burgess in unter neunzig Minuten mit vielen Suspense-Szene und in oft sehr langen Takes. Herausragend ist eine dreiminütige Sequenz auf einem nächtlichen Parkplatz. Madi fühlt sich von dem Dämon verfolgt, der sie umkreist, aber immer unsichtbar bleibt. Die Kamera wechselt dabei ständig die Perspektive und steigert das Gefühl von einer unsichtbaren Bedrohung. Wenn Madi kurz darauf im Van die Überwachungskameras überprüft, wird es filmisch konventioneller, aber nicht weniger spannend. Denn irgendeine Kamera sollte nicht nur den menschenleeren Parkplatz aufgenommen haben. Auch ein gemeinsamer Filmabend im Wald, der von dem unsichtbar bleibendem Dämon unterbrochen wird, gehört zu diesen langen und gelungenen Suspense-Szenen. Sie, der sardonische Humor und die atmosphärischen Bilder vom Nomadland lassen einen vergessen, dass die US-amerikanische Mythen zitierende Geschichte eher dünn ist. Ein Horrorschriftsteller hätte sie wahrscheinlich als Kurzgeschichte oder Novelle veröffentlicht.

P. S.: Sie konnten nicht darauf verzichten: zum Abspann gibt es „The Passenger“. In diesem Fall wird der Song nicht von Iggy Pop, sondern von Siouxsie and the Banshees gesungen. Dass es in dem Song um etwas anderes geht und dass Iggy Pop, so heißt es, während seiner Zeit in West-Berlin zu dem Text inspiriert wurde, als öfters in der S-Bahn durch die Stadt fuhr, muss uns in diesem Zusammenhang nicht weiter kümmern.

Passenger (Passenger, USA 2026)

Regie: André Øvredal

Drehbuch: Zachary Donohue, T.W. Burgess

mit Jacob Scipio, Lou Llobell, Melissa Leo, Joseph Lopez

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Passenger“

Metacritic über „Passenger“

Rotten Tomatoes über „Passenger“

Wikipedia über „Passenger“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von André Øvredals „Scary Stories to tell in the Dark“ (Scary Stories to tell in the Dark, USA 2019)

Meine Besprechung von André Øvredals „Die letzte Fahrt der Demeter“ (The last Voyage of the Demeter, USA/Deutschland 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: „Verflucht normal“, trotz Tourette

Mai 28, 2026

Als John Davidson (Robert Aramayo) 2019 von der damals schon hochbetagten und vom Volk frenetisch verehrten Queen den Orden des British Empire erhalten soll, ist er nervös. Das ist verständlich. Denn wer wäre nicht nervös, wenn er nicht in wenigen Minuten vor der Queen stehen wird?

Aber John Davidson ist aus einem anderen Grund nervös. Er hat Angst, dass er sie beleidigt und einen Skandal provoziert. Er leidet nämlich an dem Tourette-Syndrom und er soll für seinen Aktivismus ausgezeichnet werden. In den vergangenen Jahren engagierte sich der in Großbritannien bekannte John Davidson für Menschen, die das Tourette-Syndrom haben. Er gehört zu der Minderheit, die an ausgeprägter Koprolalie, also dem unkontrolliertem Ausrufen von Obszönitäten und Flüchen, leidet.

Dieser Aktivismus war dem 1971 in der schottischen Kleinstadt Galashiels geborenen Arbeiterkind nicht in die Wiege gelegt worden. Seine ersten Lebensjahre verlaufen normal. Die ersten Anzeichen hat er als Zwölfjähriger. Wahllos beleidigt er Klassenkameraden und Lehrer. Die anschließende Entschuldigung werden ihm immer weniger geglaubt. Die Bestrafungen von seinen Eltern, Lehrern und Mitschülern fallen immer drastischer aus. Um nicht zu Fluchen, versucht er, nichts zu sagen und verrenkt sich dabei komisch. Schnell wird er in seiner Schulklasse und auch der Gesellschaft zum Außenseiter.

In den frühen achtziger Jahren war das Tourette-Syndrom eine öffentlich kaum bekannte Krankheit. Das änderte sich erst in den vergangenen Jahren. Und, wenigstens in Großbritannien, ist das auch der Verdienst von John Davidson.

Lang lebe Ned Devine!“-Regisseur Kirk Jones erzählt jetzt in dem Biopic „Verflucht Normal“ Davidsons Geschichte vom Beginn der Krankheit bis zur Ehrung durch die Queen. In bester britischer Tradition wird aus Davidsons Leben ein realistisch geerdeter, in der Arbeiterklasse spielender, pointiert erzählter Feelgood-Film zwischen herzhaftem Lachen, absurden Szenen (wie Davidsons Vorstellungsgespräch im Gemeindezentrum als Hilfe für den Hausmeister Tommy Trotter [Peter Mullan]), herzlichen Szenen (wie Davidsons erste und für sein weiteres Leben entscheidende Begegnung mit Dottie Achenbach [Maxine Peake], der Mutter seines Schulfreundes Murray, die ihn ohne Vorurteile in ihre Familie aufnimmt), Szenen, die gleichzeitig beides sind (wie das erste von Davidson organisierte Treffen von Menschen mit Tourette) und Momenten, in denen es nicht genug Taschentücher in Reichweite geben kann.

Verflucht normal (I swear, Großbritannien 2025)

Regie: Kirk Jones

Drehbuch: Kirk Jones

mit Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan, Shirley Henderson, Scott Ellis Watson, Francesco Piacentini-Smith, Steven Cree

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Verflucht normal“

Metacritic über „Verflucht normal“

Rotten Tomatoes über „Verflucht normal“

Wikipedia über „Verflucht normal“ (deutsch, englisch)