HR, 21.40
Tatort: Oskar (Deutschland 2002, Regie: Niki Stein)
Drehbuch: Niki Stein
Erster Fall für die Frankfurter Kommissare Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki): sie suchen eine Mutter, die ihr Kind getötet hat und stolpern dabei durch triste Mietskasernen.
Nachdem Kommissar Brinkmann (Karl-Heinz von Hassel oder „der Mann mit der Fliege“) vorher in Frankfurt am Main mit meist höchst langweilig-absurden Fällen die Geduld des gutwilligen Zuschauers strapazierte, hatte ich von dem neuen Team aus der Finanzmetropole nichts erwartet und war positiv überrascht. Denn hier stimmte alles.
Nach acht Jahren und 18 Fällen beendete das Team Dellwo/Sänger 2010 seine Ermittlungsarbeit mit deutlich mehr guten als schlechten Fällen.
mit Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf, Peter Lerchbaumer, Christiane Schulz, Oliver Bootz, Edda Leesch
Hinweise
Tatort-Fundus über das Team Dellwo/Sänger
Meine Besprechung des Tatort-Romans „Bevor es dunkel wird“ von Uli Aechtner mit Dellwo/Sänger
TV-Tipp für den 26. November : Tatort: Oskar
November 26, 2016TV-Tipp für den 23. November: Fallada – Im Rausch des Schreibens
November 23, 2016Arte, 22.30
Fallada – Im Rausch des Schreibens (Deutschland 2016, Regie: Christoph Weinert)
Drehbuch: Christoph Weinert
Einstündiges Doku-Drama über Hans Fallada, in dem Michael Schenk Fallada spielt.
Eine ideale Ergänzung zur gerade angelaufenen Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“.
Anschließend, um 23.25, zeigt Arte wieder die Doku „Die vielen Gesichter der Emma Thompson“, die eine der Hauptrollen in der Fallada-Verfilmung spielt.
Hinweise
Arte über die Doku (dort auch in der Mediathek)
DVD-Kritik: Neu gesehen, mit viel Bonusmaterial: der Science-Fiction-Klassiker „Der Mann, der vom Himmel fiel“
November 22, 2016
Heute kann man sich niemand anderes als David Bowie als Thomas Jerome Newton, dem Mann, der vom Himmel fiel, vorstellen. Dabei war er schon damals, vor vierzig Jahren, in seinem Spielfilmdebüt die perfekte Besetzung: ein Sänger, der mit jeder neuen Platte gleich sein gesamtes Image wechselte, sich als Ziggy Stardust inszenierte und vom Life on Mars, Spiders from Mars und, später, Loving the Alien sang. Und der, im Gegensatz zum normalen Rampensaugehabe des echten Rock’n’Rollers sexuell ein nicht fassbares Zwitterwesen war und immer etwas außerirdisch-entrücktes ausstrahlte.
Wer könnte also besser geeignet sein, einen Außerirdischen zu spielen? Das dachte sich wohl auch Nicolas Roeg als er den Roman „The Man who fell to Earth“ von Walter Tevis (1928 – 1984, auch „The Hustler“ und „The Color of Money“) verfilmte und die Geschichte eines Außerirdischen erzählte, der auf der Erde eine neue Heimat für seine Familie und seine Spezies finden möchte. Mit seinen Erfindungen wird er dank Alien-Technologie schnell vermögend. Aber er verfällt dem dekadenten menschlichem Lebensstil und Forscher sehen in ihm, als sie von seiner Herkunft erfahren, nur ein Forschungsobjekt.
Der Roman, „a very disguised autobiography“ (Tevis) ist, wie die Verfilmung, ein Klassiker. Noir-Krimiautor James Sallis nannte die Vorlage „among the finest science fiction novels“. Science-Fiction-Autor Norman Spinrad meinte: „An utterly realistic novel about an alien human on Earth.“
Der Film ist ein herrlich abgedrehter Kultfilm, der für den Hugo nominiert war (in dem Jahr wurde kein Preis für den besten Film vergeben) und bei der damaligen deutschsprachigen Kritik nicht gut ankam: „mangelnden Tiefsinn durch Verhackstückerei von Handlungs- und Bildelementen vortäuscht“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films), „sinnentleerte Reizüberflutung“ (Filmbeobachter), „ein Werbefilm, der wie sein eigener, überlang-marktschreierischer Trailer aussieht“ (Medium).
Immerhin: „David Bowie lohnt den optischen Trip in die Welt eines enthemmten Kameramannes dennoch.“ (Der Spiegel)
Und im Lexikon des internationalen Films steht: „Eine bedenkenswerte Geschichte über die Chancenlosigkeit des Individuums in einer Gesellschaft des Konsums und der Konzerne.“
Heute geht der Tenor der Kritiken in die andere Richtung, wie ein Blick auf „Rotten Tomatoes“ zeigt. Dort erhält der Film einen Frischegrad von 85 Prozent. Zum Beispiel: „Der von Bowie verkörperte außergewöhnliche Charakter, Mayersbergs fragmenthaftes Drehbuch und Roegs mosaikhafte Regie kreieren einen extravaganten Film, dessen Handlungswindungen nur noch dazu beitragen, die verhängnisvolle Verwandlung von Bowie vom Außerirdischen in einen Menschen zu unterstreichen. (…) Ein stilsicherer Film voller hervorragender und komplexer Bilder, in dem Roeg Bowies Abstieg zum Menschen darstellt, der man sich nicht entziehen kann.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science-Fiction-Filmenzyklopädie)
Stimmte genau.
Und jetzt, nach mehreren früheren Veröffentlichungen (wobei anscheinend die MCP-DVD vollkommen indiskutabel ist und die anderen Veröffentlichungen wenig Bonusmaterial hatten), veröffentlicht Studiocanal/Arthaus zum vierzigjährigen Jubiläum des Films den Klassiker in einer mehr als würdigen Ausgabe. Der Film wurde restauriert. Kameramann Anthony Richmond nahm den 4K-Scan des Original-Negativs ab und das Bild sieht verdammt gut aus.
Dazu gibt es eine umfangreiche Bonus-DVD mit teils neuen Interviews mit Schauspielerin Candy Clark (27:47 Minuten), Drehbuchautor Paul Mayersberg (31:51 Minuten), Kameramann Anthony Richmond (21:48 Minuten), Regisseur Nicolas Roeg (33:28 Minuten), Kostümdesignerin May Routh (14:44 Minuten), Standfotograf David James (8:38 Minuten), Autorin, Regisseurin und Fan des Films Sam Taylor-Johnson („Nowhere Boy“, „Fifty Shades of Grey“, 11:20 Minuten), Produzent Michael Deeley (16:26 Minuten) und Hauptdarsteller David Bowie (ein französisches TV-Interview von 1977, 8:20 Minuten)
Es gibt außerdem zwei Dokumentationen: „The Lost Soundtracks“ (über die Filmmusik, 17:18 Minuten) und „Watching the Alien“ (David Gregorys Doku von 2002 über den Film, 24:28 Minuten).
Der Originaltrailer (2:21 Minuten) ist auch enthalten.
Insgesamt enthält die Bonus-DVD also gut 220 Minuten Informationen über den Film, die bis auf das Interview mit Nicolas Roeg (wenn meine Recherchen stimmen), noch nicht in Deutschland veröffentlicht wurden.

Der Mann, der vom Himmel fiel (The Man who fell to Earth, Großbritannien 1976)
Regie: Nicolas Roeg
Drehbuch: Paul Mayersberg
LV: Walter Tevis: The Man who fell to Earth, 1963 (Spion aus dem All; Der Mann, der vom Himmel fiel)
mit David Bowie, Rip Torn, Candy Clark, Buck Henry, Bernie Casey, Linda Hutton
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DVD
Bild: 2,35:1 (anamorph)
Ton: Deutsch (Mono DD), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial (Extra-DVD): Interviews mit Candy Clark, Paul Mayersberg, Anthony Richmond, Nicolas Roeg, May Routh, David James, Sam Taylor-Johnson, Michael Deeley und David Bowie, Featurette: The Lost Soundtracks, Dokumentation: Watching the Alien, Englischer Trailer
Länge: 133 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Der Film erschien auch auf Blu-ray (identisches Bonusmaterial) und, als DVD und Blu-ray, in einer Limited Soundtrack Edition (mit der Musik).
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Der Mann, der vom Himmel fiel“
Wikipedia über „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (deutsch, englisch)
Wired for Books: Interview mit Walter Tevis
TV-Tipp für den 22. November: Banklady
November 22, 2016
ARD, 22.45
Banklady (Deutschland 2013)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christoph Silber, Kai Hafemeister
Bonnie & Clyde in der deutschen Version.
Ein überraschend gelungener Gangsterfilm, der, mit viel Sixties-Flair, die vergessene Geschichte von Deutschlands erster Bankräuberin Gisela Werner erzählt.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Nadeshda Brennicke, Charly Hübner, Ken Duken, Andreas Schmidt, Hein Hoenig, Henny Reents, Niels Bruno Schmidt, Heinz Struck
Hinweise
Film-Zeit über „Banklady“
Moviepilot über „Banklady“
Wikipedia über die echte Banklady Gisela Werler
Meine Besprechung von Christian Alvarts „Banklady“ (Deutschland 2013)
Meine Besprechung von Christian Alvarts „Halbe Brüder“ (Deutschland 2015)
Buch- und DVD-Kritik: Ben Wheatleys J.-G.-Ballard-Verfilmung „High-Rise“
November 21, 2016
Die DVD-Veröffentlichung von „High-Rise“ ist eine gute Gelegenheit, sich den Film wieder anzusehen und mit der Vorlage, die zum Filmstart wieder veröffentlicht wurde, zu vergleichen.
Damals schrieb ich über den Film:
Wer sich „High-Rise“ ansieht, ohne irgendetwas über den Film zu wissen, wird glauben, das es sich um einen Film aus den Siebzigern handelt, der bislang von Filmenthusiasten schmählich ignoriert wurde. Denn Ben Wheatley hat seine J.-G.-Ballard-Verfilmung nicht nur, wie den Roman, 1975 angesiedelt, sondern auch die gesamte Optik, die Erzählweise und die Sozialkritik auf diese Zeit fokussiert.
Der Junggeselle Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) zieht in ein neues Apartmenthaus ein, in dem es für die Bewohner alles gibt, was sie zum Leben brauchen (Lebensmittelladen) und brauchen könnten (Schwimmbad). Es ist ein mitten im Nirgendwo liegender brutalistischer Betonklotz, den die anzugtragenden Bewohner im Gleichschritt verlassen und betreten. Zurückgezogen auf dem Dach des riesigen, autonomen Gebäudes lebt Royal (Jeremy Irons), der Architekt. Laing lernt einige Bewohner des Komplexes kennen und er wird von Royal in seinen Bekanntenkreis, die vermögenden Bewohner, eingeführt. Währenddessen verfällt die dekadente Hausgesellschaft, garniert mit Sex und Orgien jeglicher Couleur, immer mehr.
„High-Rise“ ist ein Sittengemälde einer dekadenten Gesellschaft, die sich selbst feiert. Niemand will die zunehmend aus dem Ruder laufende Party verlassen; auch wenn jeder der Bewohner jederzeit den Komplex verlassen könnte. Aber sie bleiben über Tage und Wochen, immer weiter degenerierend, in einem zunehmend funktionsunfähigem Haus, ohne dass es dafür im Film eine plausible Erklärung gibt. In David Cronenbergs 1975 entstandenem Horrorfilm „Shivers“ (Parasiten-Mörder; Shivers – Der Parasitenmörder), der ebenfalls in einem neuen, hochmodernem und autonomen Wohnkomplex spielt, gibt es eine Erklärung. Der Film spielt innerhalb einer Nacht und das Grauen verbreitet sich rapide. Auch andere grandiose Satiren aus den Siebzigern, wie „Das große Fressen“, „Die 120 Tage von Sodom“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und „Das Gespenst der Freiheit“, fallen ein. „Zardoz“, obwohl er als Science-Fiction-Film nicht ganz in diese Reihe passt, kann auch als lose Inspiration genannt werden. Immerhin ist Ben Wheatley ein Fan des Films und der im Film geschilderte Klassenkampf passt dann doch wieder zu dem gesellschaftskritischen Anliegen der vorher genannten Filme. Diese Filme beschreiben auch das Problem von „High-Rise“. Die alten Filme waren, trotz aller Übertreibungen, Fiktionalisierungen und Surrealismen, immer Porträts der Gegenwart. Ihr wurde ein Zerrspiegel vorgehalten. Sie waren Abrechnungen mit der Bourgeoisie, Standesdünkel und der Klassengesellschaft. Sie hatten einen konkreten Gegner. In „High-Rise“ ist dieser Gegner das Großbritannien von 1975, das es Heute nicht mehr gibt. Damit richtet sich Wheatleys Kritik, gerade weil er in jeder Beziehung auf Aktualisierungen verzichtet, an die Vergangenheit, obwohl die im Film angesprochenen Probleme heute nicht nur aktuell, sondern aktueller als damals sind. Genau dieser Punkt macht aus „High-Rise“ eine hoffnungslos veraltet wirkende Stilübung, die die damaligen Filme perfekt imitiert.
Deshalb ist „High-Rise“ eine durchaus in jedem Punkt gelungene, sehr stylische, aber seltsam überholt wirkende Satire auf den Kapitalismus und die Wohlstandsgesellschaft mit einer aus heutiger Sicht schnell erkennbaren und eher platten Botschaft, die 1975 vielleicht noch revolutionär war.
Da war David Cronenberg 1996 mit seiner J.-G.-Ballard-Verfilmung „Crash“ schon weiter.
Hm, vielleicht verkläre ich „Crash“ etwas zu sehr. Jedenfalls konnte James Graham Ballard die Verfilmung seines Romans „High-Rise“ nicht mehr sehen. Er starb bereits 2009. Aber wahrscheinlich hätte ihm gefallen, wie Buch und Film in einem seltsamen und produktivem Spannungsverhältnis stehen.
Der Roman ist eindeutig ein Kind seiner Zeit und dass das Hochhaus eine Metapher für die englische Klassengesellschaft ist, wird von Ballard so oft im Roman betont, dass auch der letzte Trottel es versteht. In dem Roman ignorieren die Hochhausbewohner von der ersten Seite an die Regeln der Zivilisation; fast so, als seien sie vom Haus in seinen Bann gezogen. Im Gegensatz zum Film gibt es daher im Roman keine wirkliche Verfallsgeschichte (auch wenn es auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht immer schlimmer wird), sondern primär eine Zustandsbeschreibung. Ballard erzählt die Romangeschichte zwar chronologisch, aber mehr wie eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten und Impressionen mit verschiedenen, wiederkehrenden Hauptcharaktere. Deshalb verschwinden der neu zugezogene Dr. Robert Laing, der Fernsehjournalist Richard Wilder und der Architekt Anthony Royal immer wieder für ganze Kapitel aus dem Roman. In dem Roman ist auch nachvollziehbarer als im Film, wo wir immer wieder sehen, dass die Bewohner einfach flüchten könnten, warum sie im Hochhaus bleiben. Einerseits, weil das Haus eine seltsame Faszination auf sie ausübt, weil es die Welt der Bewohner ist und weil das Hochhaus eine Metapher für die Klassengesellschaft ist, aus der man auch nicht flüchten kann. Aber die unteren Schichten können gegen die oberen Schichten (vulgo Stockwerke) revolutionieren. Insofern ist der Roman zeitloser als der Film, der, wegen seiner Bilder, immer wie ein Relikt aus der Vergangenheit, als man noch stilvoll dekadent sein konnte, wirkt.
Aber verdammt edel, suggestiv und sehr stilbewusst zelebriert Ben Wheatley den Verfall der Zivilisation.
Dabei kann man schnell vergessen, dass die Weltsicht, die Botschaft und die Gesellschaftsanalyse heute immer noch gültig sind.
Das Bonusmaterial ist mit einer Stunde zwar üppig ausgefallen. Aber in diesem Fall schlägt Quantität Qualität. Es gibt ein kurzes, angesichts der literarischen Bedeutung von Ballard und der Schwierigkeiten der Verfilmung ein erschreckend belangloses Featurette „Vom Roman zum Film“ (3:38 Minuten) und etliche während der Dreharbeiten für die Werbung erstellte Interviews mit Tom Hiddleston (9:32 Minuten), Jeremy Irons (9:54 Minuten, der etwas unkonzentriert wirkt), Luke Evans (10:05 Minuten, begeistert im Oliver-Reed-Look), Sienna Miller (4:33 Minuten), Elisabeth Moss (3:47 Minuten), Regisseur Ben Wheatley (13:05 Minuten, der etliche Hintergründe zur Produktion und zum Film erklärt) und Set-Designer Mark Tildesley (4:59 Minuten), die alle begeistert vom Drehbuch sind, Fans von Ben Wheatley sind und die tolle Stimmung am Set loben, nachdem sie den von ihnen gespielten Charakter vorgestellt haben.

High-Rise (High-Rise, Großbritannien 2015)
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Amy Jump
LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)
mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory
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DVD
DCM World
Bild: 2.40:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Vom Roman zum Film, Interviews mit Cast & Crew, Trailer, Wendecover
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage

J.G. Ballard: High-Rise
(aus dem Englischen von Michael Koseler)
Diaphanes, 2016
256 Seiten
17,95 Euro
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Es handelt sich um die revidierte Fassung der 1992 im Suhrkamp Verlag als „Hochhaus“ erschienenen Übersetzung.
Im Heyne Verlag erschien 1982 als „Der Block“ eine Übersetzung des Romans von Walter Brumm.
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Originalausgabe
High-Rise
Jonathan Cape, 1975
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „High-Rise“
Wikipedia über „High-Rise“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)
Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015)
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Im AOL Building stehen Tom Hiddleston, Sienna Miller, Luke Evans und Ben Wheatley Rede und Antwort
„Film Night“ Paul Jensen unterhält sich mit Ben Wheatley über sein neuestes Werk
TV-Tipp für den 21. November: Possession
November 21, 2016
Arte, 21.55
Possession (Frankreich/Deutschland 1980, Regie: Andrzej Zulawski)
Drehbuch: Andrzej Zulawski
Berlin: Marc kehrt nach einer längeren Abwesenheit zu seiner Frau Anna zurück. Sie behauptet, einen Liebhaber zu haben. Als der eifersüchtige Marc mehr herausfinden will, entdeckt er, dass sie sich mit einem krakenhaftem Monster vereint.
„Horrrovision einer zerbrochenen Beziehung und zerstörter Identitäten(…) Mit kaltem Licht, bizarren Kameraeinstellungen und Schockeffekten malt er [Zulawski] eine barocke Alptraumwelt aus Ekel und Hysterie.Wenn die Geschichte einen etwas kruden Freudianismus bemüht, so überzeugt die Umsetzung in Bilder und Farbe.“ (Fischer Film Almanach 1994; mit dem Hinweis „Verleih: offen“)
„Das im wahren Wortsinne aufopferungsvolle, an die physischen Grenzen gehende Spiel der beiden Hauptdarsteller, die unstete Kamera und die grotesken Spezialeffekte machen aus dem absurden Gewalttheater nachhaltig bewegendes Kunstkino.“ (Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2010, zur DVD-Ausgabe, die anscheinend auch gleichzeitig die Deutschlandpremiere des Skandalfilms war)
Isabelle Adjani erhielt in Cannes den Darstellerpreis.
„So hysterisch sie in mancher Szene scheint, so folgerichtig ist dies im Rahmen dieses exaltierten Films, der wie ein Schock wirkte und zahlreiche Kritiker nachhaltig abstieß oder zu Lobeshymnen veranlasste.“ (Meinolf Zurhorst: Isabelle Adjani, 1992)
Damals hatte der 124 minütigen Film (englische Originalfassung) gewaltige Probleme mit der Zensur. Für die US-Auswertung wurde er um 45 Minuten gekürzt, in England gehörte er zu den ‚video nasties‘ und in Deutschland kam er erst gar nicht in die Kinos. Heute ist er ein Kultfilm.
Inzwischen hat er ungekürzt eine FSK-16-Freigabe erhalten.
mit Isabelle Adjani, Sam Neill, Margit Carstensen, Heinz Bennent, Johanna Hofer, Shaun Lawton, Leslie Malton
Hinweise
Neu im Kino/Filmkritik: „Continuity“ – das neue Werk von Omer Fast
November 20, 2016
In seinem Spielfilmdebüt „Remainder“ war der Protagonist in einer Zeitschleife gefangen. In seinem zweiten Spielfilm „Continuity“, in dem Videokünstler Omer Fast seinen gleichnamigen 41-minütigen Kurzfilm von 2012 zu einem Spielfilm erweiterte, sind seine Protagonisten in einer anderen Schleife gefangen.
Schon in den ersten Minuten, wenn Torsten (André M. Hennicke) und Katja Fiedler (Iris Böhm) sich durch ihr austauschbares Einfamilienhaus bewegen, wird deutlich, dass etwas nicht stimmt. Auch die Fahrt zum Bahnhof und die Begegnung mit ihrem aus dem Afghanistan-Einsatz heimkehrendem Sohn am Bahnhof gestaltet sich gezwungen. Ebenso das Abendessen. Ohne dass wir wissen, warum sich alle so seltsam benehmen, was sie uns verschweigen und woher die seltsame sexuelle Spannung kommt.
Kurz darauf wiederholt sich das gleiche Spiel zweimal. Mit minimalen Variationen, aber immer mit einem anderen Daniel, den sie abholen und mit dem sie zu Abend essen.
Währenddessen zeigt Fast Szenen aus Afghanistan, in denen bekannte Gesichter wieder auftauchen, einen versuchten Mord in der örtlichen Bäckerei an Daniel (Fiedler?), die auch mit illegalen Drogen handelt und es gibt Bruchstücke von Erklärungen, die immer offen für Interpretationen bleiben. So sind einige (oder alle) Söhne Stricher, die von den Böhms bezahlt werden, ihren Sohn zu spielen. So hat sich ein Sohn (der echte?) bei der Bundeswehr für den Afghanistan-Einsatz beworben und in Afghanistan kam es zu sexuellen und gewalttätigen Handlungen. Oder fantasieren Daniels Eltern sich das nur herbei, aus den Erzählungen der Stricher, die dafür bezahlt werden ihren Sohn, der vielleicht tot ist, zu spielen?.
Das schöne an Omer Fasts zweitem Spielfilm „Continuity“ ist, neben der formalen Strenge, die an die Berliner Schule erinnert, dass er bis zur letzten Minute viele seiner Geheimnisse bewahrt und somit offen für Interpretationen bleibt, ohne jemals beliebig zu werden.
Wie bei seinem ersten Spielfilm „Remainder“ gibt es am Ende von „Continuity“ immer noch einige lose Fäden und nicht alles fügt sich zu einer widerspruchsfreien und plausiblen Erzählung zusammen. Wie in der Realität, in der auch nicht immer alles restlos aufgeklärt und eindeutig ist.
„Continity“ ist ein spannendes, vielschichtiges erzählerisches Experiment. Sehr, sehr sehenswert.

Continuity (Continuity, Deutschland 2016)
Regie: Omer Fast
Drehbuch: Omer Fast
mit André M. Hennicke, Iris Böhm, Constantin von Jascheroff, Bruno Alexander, Josef Mattes, Lukas Steltner, Niklas Kohrt, Anne Ratte-Polle
Länge: 85 Minuten
FSK: –
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Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film (mit den Kinos, die den Film zeigen)
Rotten Tomatoes über „Continuity“
Wikipedia über Omer Fast (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Omer Fasts „Remainder“ (Remainder, Großbritannien/Deutschland 2016)
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Bonushinweis
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Omer Fast spricht mit Sergio Fant bei der Art Basel im Juni 2016 über den Film (und verrät natürlich einiges)
TV-Tipp für den 19. November: Zielfahnder – Flucht in die Karpaten
November 19, 2016ARD, 20.15
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (Deutschland 2016, Regie: Dominik Graf)
Drehbuch: Rolf Basedow
Die beiden LKA-Zielfahnder Hanna Landauer und Sven Schröder verfolgen den flüchtigen Gewaltverbrecher Liviu Caramitru bis nach Rumänien.
Ein neuer Graf-Krimi, wieder nach einem Buch von Basedow und mit gut zwei Stunden auch das übliche 90-Minuten-Korsett sprengend. Muss ich noch mehr sagen?
mit Ulrike C. Tscharre, Ronald Zehrfeld, Arved Birnbaum, Axel Moustache, Dragos Bucur, Radu Binzaru, Anna Schäfer
Wiederholung: Sonntag, 20. November, 02.50 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“
Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“
Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)
Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“
November 18, 2016
Hans Falladas nach dem Kriegsende geschriebene Fiktionalisierung der Taten des Ehepaares Otto und Elise Hampel ist einer der Klassiker der deutschen Literatur. Das Ehepaar lebte in der Amsterdamer Straße 10 (Berlin-Wedding). Nach dem Tod ihres Bruders an der Westfront wurden die Hampels zu Regimegegner. Zwischen September 1940 und September 1942 verfassten sie über zweihundert Karten, in denen sie zum Widerstand und zur Sabotage aufriefen. Die Karten hinterlegten sie in Treppenhäusern. Am 8. April 1943 wurden sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Nach dem Kriegsende erhielt Hans Fallada vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ die Prozessakten. Im Oktober/November 1945 schrieb er in vier Wochen den Roman, der in der ersten Fassung 866 Typoskriptseiten umfasste, die vor der Veröffentlichung von Lektor Paul Wiegler überarbeitet wurden. 1947, kurz nach dem Tod von Hans Fallada, erschien im neugegründeten Aufbau-Verlag die Erstauflage von „Jeder stirbt für sich allein“, die seitdem unzählige Neuauflage erlebte. Übersetzungen gab es auch. Als der Roman 2009 in einer gekürzten Fassung erstmals ins Englische übersetzt wurde, wurde er sogar ein weltweiter Bestseller. In Deutschland erschien 2011 im Aufbau-Verlag eine ungekürzte Neuausgabe, die ebenfalls ein Bestseller wurde.
In dem Moment wollten Regisseur Vincent Pérez und der X-Filme-Produzent Stefan Arndt bereits den Roman wieder verfilmen. Es gibt bereits mehrere Verfilmungen, wobei die bekannteste die 1975er-Verfilmung von Alfred Vohrer ist. Arndt wollte das Buch als deutsche Produktion mit deutschen Schauspielern verfilmen. Aber er fand keine Geldgeber. Was angesichts der jetzt in den Kinos angelaufenen Verfilmung nicht nachvollziehbar ist. Als die damals erschienene englische Übersetzung sich zu einem Bestseller entwickelte, war die Idee geboren, den Film in Englisch für ein weltweites Publikum zu drehen. Und das taten sie dann auch.
Im Film stehen Anna (Emma Thompson) und Otto Quangel (Brendan Gleeson) im Mittelpunkt. Nach dem Tod ihres Sohnes im Krieg entschließen sie sich zum stillen Protest, indem sie in Berlin Postkarten auslegen. Ihnen auf der Spur ist Kommissar Escherich (Daniel Brühl).
Ergänzt wird dieser Krimiplot um zahlreiche Episoden aus dem Haus, die so ein Bild des Lebens in der Nazi-Diktatur entwerfen.
Man muss den gut siebenhundertseitigen Roman nicht kennen, um zu wissen, dass für den Film, der mit knapp hundert Minuten (ohne Abspann) eher kurz geraten ist, vieles aus dem Roman gestrichen wurde. Der Roman entfaltet ein breites Panorama der damaligen Zeit und der Bewohner des Mietshauses, in dem das Ehepaar Quangel lebt. Der Film erzählt dagegen vor allem eine Geschichte aus dem Haus. Außerdem endet der Film letztendlich mit der Verhaftung der Quangels, die im Roman in der aktuellen Ausgabe schon auf den Seiten 480 (er) und 491 (sie) ist. Der Roman endet in dieser Ausgabe auf Seite 668. Die Kürzungen fallen allerdings, solange man die Vorlage nicht kennt, nicht auf und allein schon das spricht für den Film und die Arbeit der Macher die eine Geschichte des stillen und gewaltlosen Widerstandes von zwei ganz normalen Leuten erzählen wollten.
Und das gelingt Pérez. Auch weil er sich auf Brendan Gleeson und Emma Thompson als Hauptdarsteller verlassen kann. Filmisch folgt „Jeder stirbt für sich allein“ dabei den Konventionen einer Romanverfilmung ohne eine wirklich eigene Handschrift. Es ist halt gediegenes Unterhaltungskino mit Anspruch und einer begrüßenswerten Botschaft.
Damit reiht sich „Jeder stirbt für sich allein“ in die von Fred Breinersdorfer geschriebene Widerstand-Trilogie ein, in der er mit „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, „Elser – Er hätte die Welt verändert“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ drei Schicksale junger Menschen aus der Nazi-Diktatur nah an der historischen Wahrheit erzählte (die von verschiedenen Regisseuren verfilmt wurden). Die Quangels sind dagegen schon älter. Alles ist deutlich gesetzter.
Weil die Verfilmung mit internationaler Besetzung für den internationalen Markt gemacht wurde, wird in der Originalfassung englisch gesprochen. Das führt, wie bei der le-Carré-Verfilmung „Marionetten“ (A most wanted man) für uns Deutsche zu der eher seltenen Situation, dass man die synchronisierte Version, in der auch etwas berlinert wird, bevorzugen sollte.
Falladas Roman kann man dann ja während der Weihnachtstage lesen.

Jeder stirbt für sich allein (Deutschland/Frankreich/Schweiz/Großbritannien 2016)
Regie: Vincent Pérez
Drehbuch: Achim von Borries, Vincent Pérez (in Zusammenarbeit mit Bettine von Borries)
LV: Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, 1947
mit Emma Thompson, Brendan Gleeson, Daniel Brühl, Mikael Persbrandt, Katrin Pollitt, Lars Rudolph, Uwe Preuss
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (mit Filmumschlag)

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein
(Ungekürzte Neuausgabe)
Aufbau Taschenbuch, 2016 (12. Auflage)
704 Seiten
12,99 Euro
–
Die ungekürzte Neuausgabe erschien erstmals 2011.
Die Erstausgabe erschien 1947 um Aufbau-Verlag.
–
Hinweise
Filmportal über „Jeder stirbt für sich allein“
Moviepilot über „Jeder stirbt für sich allein“
Rotten Tomatoes über „Jeder stirbt für sich allein“
Wikipedia über „Jeder stirbt für sich allein“ (deutsch, englisch) und Hans Fallada
Perlentaucher über „Jeder stirbt für sich allein“
Die Zeit: Johannes Groschupf über das Ehepaar Hampel und die historischen Hintergründe des Romans
Neu im Kino/Filmkritik: Jim Jarmusch und der Busfahrer „Paterson“
November 17, 2016
In seinem letzten Film „Only Lovers left alive“ standen Vampire im Mittelpunkt. In „Paterson“ schleichen die Charaktere wie Untote durch den Film, in dem letztendlich nichts geschieht.
Adam Driver spielt den Busfahrer Paterson, der jeden Tag mit stoischer Mine den Linienbus durch die Straßen von Paterson, New Jersey, lenkt. Dabei schreibt er Gedichte. Zu Hause wartet seine Frau Laura (Golshifteh Farahani), die täglich neue Projekte hat, die er stoisch erträgt, auf ihn. Und seine Englische Bulldogge Marvin (Nellie, ausgezeichnet in Cannes mit dem Palm Dog Award), den Paterson nach Feierabend eher widerwillig Gassi führt. Bei dem Spaziergang pausiert er für ein Bier in einer Kneipe. Ein Tag vergeht dabei, mit kleinen Variationen, wie der andere.
Jim Jarmusch meint zu seinem neuesten Film: „’Paterson‘ ist eine ruhige Geschichte, ihre zentralen Figuren haben keine wirklich dramatischen Konflikte. Die Struktur ist einfach und folgt lediglich sieben Tagen im Leben der Figuren. ‚Paterson‘ ist als Feier der Poesie von Details, Variationen und alltäglichen Begegnungen gedacht und als eine Art Gegenentwurf zu hochdramatischem oder Action-orientiertem Kino. Es ist ein Film, dem man es erlauben sollte, einfach an einem vorbeizuziehen – so wie Bilder, die man durchs Fenster eines Linienbusses wahrnimmt, der sich wie eine mechanische Gondel durch eine kleine, vergessene Stadt bewegt.“
Und das fasst den formvollendeten Film voller Jarmusch-Bilder (wenn auch meist beschränkt auf enge Räume und Zimmer) und Jarmusch-Manierismen wirklich gut zusammen. Entweder lässt man sich Zen-artig durch den Film treiben oder man verlässt spätestens am dritten Tag das Kino.
„Paterson“ ist eine Liebeserklärung an den kleinen Mann und das einfache Leben. Paterson ist auch Jarmuschs alltäglichster Held, der als Mann ohne Eigenschaften in einer durch und durch kleinbürgerlichen Arbeiterwelt lebt: ein Busfahrer, dessen einzige Flucht das Schreiben von Gedichten ist und der schon lange seinen Frieden mit der Welt geschlossen hat.

Paterson (Paterson, USA 2016)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
mit Adam Driver, Golshifteh Farahani, Nellie (Wuff!)
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Paterson“
Wikipedia über „Paterson“ (deutsch, englisch)
Jim Jarmusch in der Kriminalakte
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Outdoor: Jim Jarmusch, Golshifteh Farahani und Adam Driver in Cannes
Indoor: die Cannes-Pressekonferenz mit Jim Jarmusch, Golshifteh Farahani, Adam Driver, Josh Astrachan und Carter Logan
DVD-Kritik: Der sehenswerte spanische Thriller „Mörderland – La Isla Mínima“
November 16, 2016
Spanien, 1980, kurz nach dem Ende der Franco-Diktatur: die gegensätzliche Polizisten Pedro und Juan aus Madrid (Juan gehört noch zur alten Garde, Pedro nicht) sollen in einem Dorf im Marschland am Fluss Guadalquivir zwei spurlos verschwundene, minderjährige Schwestern suchen.
Schnell befürchten sie, dass die Teenager ermordet wurden und der Mörder schon mehrere Frauen tötete.
Gut, der Plot von „Mörderland – La Isla Mínima“ ist für Krimifans altbekannt und auf der reinen Handlungsebene folgt Alberto Rodriguez dem vertrauten Plot ohne große Überraschungen. Viel mehr interessiert ihn die Atmosphäre des Marschlandes, das gesellschaftliche Klima in der Zeit nach der jahrzehntelangen Franco-Diktatur und das Leben in einem abgelegenem ländlichen Teil des Landes. Einer Gegend, in der sich nach dem Ende der Diktatur wenig bis nichts änderte.
Rodriguez fängt das in atmosphärischen Bildern und Luftaufnahmen ein, die dem flachen Marschland eine gespenstische Stimmung verleihen und die Wege in jeder Beziehung kompliziert sind. Insofern spiegeln die Bilder auch die damalige gesellschaftliche Unsicherheit über den Umgang mit der Vergangenheit, die Zukunft der noch neuen Demokratie und die gegenwärtigen ökonomischen Unsicherheiten (damals und heute) wieder. Es ist eine Mischung aus Abschied und Aufbruch, die einen unwillkürlich an den berühmte Satz, alles müsse sich verändern, damit alles so bleibe wie es ist, aus „Der Leopard“ denken lässt.
Etliche Kritiker verglichen „Mörderland“ mit der ersten Staffel von „True Detective“. Aus kommerziellen Gründen und wegen der Bekanntheit der TV-Serie ist das nachvollziehbar, aber „Mörderland“ ist besser in seiner Beschränkung auf die Länge eines Spielfilms und der damit verbundenen konzentrierten Erzählweise.
Außerdem gibt es durch die Verlegung der Handlung in das Jahr 1980 ein bei der Ausstattung, der Kleidung und den Autos schönes Retro-Gefühl.
Das Bonusmaterial ist beim Durchsehen dann zwar nicht so umfangreich, wie es auf den ersten Blick ist, weil das mehrteilige „Behind the Scenes“ in großen Teilen ein Umschnitt des „Making of“ ist. Aber die über eine Stunde Material ist sehr informativ und geht, neben den üblichen Punkten (wie Hintergründe zur Geschichte und zum Drehbuch und den Schwierigkeiten bei dem achtwöchigen Dreh vor Ort) auch auf die über zweihundert Spezialeffekte, die auf den ersten Blick nicht auffallen, ein.
Und in den Outtakes sehen wir, wie schwer es ist, cool eine Zigarette anzuzünden.

Mörderland – La Isla Mínima (La Isla Mínima, Spanien 2014)
Regie: Alberto Rodriguez
Drehbuch: Rafael Cobos, Alberto Rodriguez
mit Javier Gutiérrez, Raúl Arévalo, María Varod, Perico Cervantes
–
DVD
Koch Media
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton Deutsch, spanisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Outtakes, Entfallene Szenen, Videotagebuch, Behind the Scenes, Spezialeffekte, Musik, Artwork, Storyboard, Drehbuch, Trailer
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
TV-Tipp für den 16. November: Capote
November 16, 2016Arte, 20.15
Capote (USA 2005, Regie: Bennett Miller)
Drehbuch: Dan Futterman
LV: Gerald Clarke: Capote: A Biography, 1988
Sehr sehenswertes Biopic über Truman Capote und seine Recherchen für “Kaltblütig”.
Philip Seymour Hoffman erhielt für seine Darstellung Capotes zahlreiche Preise, unter anderem den Oscar und Golden Globe als bester Darsteller.
Danach, um 22.00 Uhr, läuft die brandneue einstündige Doku „Truman Capote“.
Mit Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Clifton Collins jr., Chris Cooper, Bob Balaban, Bruce Greenwood, Mark Pellegrino, Amy Ryan
Wiederholung: Freitag, 18. November, 00.00 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Wikipedia über „Capote“ (deutsch, englisch) und Truman Capote (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Bennett Millers „Foxcatcher“ (Foxcatcher, USA 2014)
TV-Tipp für den 15. November: Das unsichtbare Mädchen
November 15, 20163sat, 20.15 (VPS 20.14)
Das unsichtbare Mädchen (Deutschland 2011, Regie: Dominik Graf)
Drehbuch: Friedrich Ani, Ina Jung
Vor elf Jahren verschwand die achtjährige Sina. Obwohl ihre Leiche nie gefunden wird, ist ihr Mörder, ein geistig behinderter junger Mann, schnell gefunden. Als Tanner bei aktuellen Ermittlungen über diesen alten Fall stolpert, zweifelt er immer mehr, ob damals wirklcih der richtige Mann verurteilt wurde.
Gewohnt guter Krimi von Dominik Graf, nach einem Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung, die für eine Doku über die 2001 spurlos in Oberfranken verschwundene Peggy recherchierte. Ihre Recherchen bildeten die Grundlage für „Das unsichtbare Mädchen“.
mit Elmar Wepper, Ulrich Noethen, Ronald Zehrfeld, Silke Bodenstein, Tim Bergmann
Wiederholung: Mittwoch, 16. November, 01.10 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Tagesspiegel, Spiegel Online über “Das unsichtbare Mädchen”
Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“
Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“
Dominik Graf in der Kriminalakte
Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)
Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)
Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)
Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)
Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)
Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)
Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und das heimliche Leben” (2012)
Meine Besprechung von Friedrich Anis “M” (2013)
Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der namenlose Tag“ (2015)
Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der einsame Engel“ (2016)
DVD-Kritik: Die Banddoku „Oasis: Supersonic“
November 14, 2016
Frühe Neunziger: Neben Grunge war Britpop der Sound der Stunde und die britischen Musikmagazine, die im Wochentakt eine neue Band hypten, inszenierten einen großen Kampf zwischen „Oasis“ und einer anderen britischen Band, deren Name mir jetzt nicht einfällt, wer mehr Singles verkaufen würde. Dazwischen, davor und danach berichteten sie über die Streitereien zwischen den Brüdern Noel und Liam Gallagher, die eine wahre Hassliebe aufeinander verband, und ihrer Exzesse. Sie waren Proleten aus der Gosse, die mit einem übergroßen Ego, das klassische Rockstar-Leben (Drogen, Hotelzimmer zertrümmern, schlecht benehmen) mit einer grundsympathischen Underdogattitüde lebten. Die anderen Bandmitglieder waren Staffage. Und die Live-Konzerte überzeugten wohl eher als Event. Hörte man. YouTube gab es ja noch nicht. Als Ersatz gab es, selbst erlebt, eine Oasis-Coverband, die mit einem Bandbus anreisten, den sich sonst nur Stars leisten, und einer ausverkauften Halle, die sonst nur bei bekannten Musikern halbwegs garantiert ist.
Nach Deutschland kamen die Berichte über die verbalen und nicht verbalen Ausfälle der Gallagher-Brüder in der Prä-Intenet-Zeit nur mit Verspätung, aber auch hier liefen überall die Song von ihrem Debüt „Definitely Maybe“ (1994), ihrem besten Album „(What’s the Story) Morning Glory?“ (1995) und, auch wenn es danach noch weitere CDs gab, ihrem pompösen Abschied „Be here now“ (1997). Es war auch das Ende des Britpop.
Aber der von Mat Whitecross (The Road to Guantanamo) zusammengestellte Dokumentarfilm „Oasis: Supersonic“ erzählt nicht die Geschichte des Britpop, sondern die von „Oasis“ von ihren Anfängen bis August 1996, als sie an zwei Tagen vor einer Viertel Million Fans in Knebworth auftraten. Es waren, so Mark Savage (BBC) in einem Artikel zu zwanzigjährigen Jubiläum des Doppelkonzerts, „Britpop’s biggest Gigs“. Erst ein Jahr später erschien „Be here now“.
Bei seiner Doku halfen ihm die Gallagher-Brüder, die auch mitproduzierten. Beide Brüder, die heute nicht mehr miteinander reden, ihre Mutter Peggie Gallagher, Paul ‚Bonehead‘ Arthurs und viele weitere Freunde und Bekannte der Gallaghers, die im Film seltener zu hören sind, sprechen ausführlich über den Aufstieg der Band. Whitecross, ein bekennender Fan der Band, sagt im Bonusmaterial in einem fast halbstündigem Gespräch, dass er in der ersten achtstündigen Schnittversion zwanzig Erzähler hatte (es gibt noch weitere Interviews), die ihm oft von Liam und Noel empfohlen wurden und die mit ihm ausführlich über diese Jahre sprachen. Die Gespräche schnitt er dann zu einem fiktiven Gespräch zusammen (im Bonusmaterial gibt es unter „Audiointerviews“ fünfzehn weitere Minuten „Oasis“-Geschichten). Dazu kommen, auf der visuellen Ebene, viele, oft unbekannte Fotos und Filme aus verschiedenen mehr oder weniger öffentlich zugänglichen Quellen, wie dem Management und Fotografen.
Bis auf wenige sekundenlangen Ausnahmen, komponierte Whitercross „Oasis: Supersonic“ dann wie in die Musikdoku „Amy“ (über Amy Winehouse), die damals noch nicht fertig gestellt war. Aber der künstlerische Ansatz, in dem historische Aufnahmen durchgehend von einem Voice-Over begleitet werden, gefiel ihm. Weil Whitecross immer den Namen des Sprechers einblendet, oft mit einem historischen Foto oder Filmschnipsel von ihm, kann man der Tonspur gut folgen. Die Bilder sind eine fast im Sekundentakt geschnittene Mischung aus Animationen, Fotos, Live-, Backstage- und Studio-Aufnahmen, die die damalige Zeit wieder aufleben lassen. Sie sind allerdings auch oft von einer erbärmlich schlechten Bildqualität und die Kamera wackelt heftiger als im „Blair Witch Project“. Die bekannten „Oasis“-Songs werden dabei nur kurz angespielt. Insgesamt entsteht so eine fast schon monotone Mischung aus hektischen Bildern und beruhigender Erzählung, die zu einem Bilderbuch, einer nostalgischen Rückschau wird, die sich vor allem an Fans der Band richtet und die keine Probleme damit haben, dass die Geschichte von „Oasis“ von Noel und Liam Gallagher erzählt wird. Entsprechend unkritisch gerät „Oasis: Supersonic“.
Unterhaltsam und informativ ist die zweistündige Dokumentation trotzdem.
P. S.: Ich empfehle die Originalversion, zur Not mit Untertiteln. In der deutschen Version sind die Interviewpartner synchronisiert, was nicht so toll ist.

Oasis: Supersonic (Oasis: Supersonic, Großbritannien 2016)
Regie: Mat Whitecross
Drehbuch: Mat Whitecross
mit Liam Gallagher, Noel Gallagher, Paul Gallagher, Peggie Gallagher, Paul Arthurs
Anmerkung: Manchmal auch nur als „Supersonic“ gelistet.
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DVD
Ascot Elite
Bild: 1.85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit Regisseur Mat Whitecross, Audiointerviews, Trailer, Wendecover
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Moviepilot über „Oasis: Supersonic“
Metacritic über „Oasis: Supersonic“
Rotten Tomatoes über „Oasis: Supersonic“
Wikipedia über „Oasis: Supersonic“ und Oasis (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Mat Whitecross‘ „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Großbritannien 2014)
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So war Knebworth
TV-Tipp für den 14. November: Die Sekte der Folterer
November 14, 2016ARD, 22.45
Die Sekte der Folterer (Deutschland 2016, Regie: Ulli Neuhoff, Klaus Weidmann)
Drehbuch: Ulli Neuhoff, Klaus Weidmann
Dank Florian Gallenbergers Polit-Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück“ (Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015) sind die von dem Deutschen Paul Schäfer in Chile geführte Sekte und ihre Verbrechen wieder bekannter.
Die Colonia Dignidad wurde 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet. In ihr sollte ein urchristliches Leben geführt werden sollte. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn abgöttisch. Seine guten Verbindungen zur Pinochet-Diktatur und zu wichtigen CDU- und vor allem CSU-Mitgliedern schützten ihn und die weitgehend autark lebende ‚Kolonie der Würde‘ vor staatlichen Eingriffen. Gleichzeitig wurde sie zu einem Foltergefängnis, in dem Regimekritiker illegal gefangen gehalten und ermordet wurden. Es gab Menschenversuche und Giftgas- und Waffengeschäfte. Schon seit den siebziger Jahren gab es zahlreiche Berichte und Bücher über die Sekte, ihre Verflechtungen mit dem Staat und ihrer absolut unchristlichen Umtriebe. Am 24. Mai 2006 wurde der am 24. April 2010 verstorbene Paul Schäfer wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Heute nennt sich die Colonia Dignidad „Villa Baviera“ (Dorf Bayern – kein Kommentar).
Die Doku beleuchtet das Verhalten deutscher Diplomaten und verfolgt die Spuren der Foltersekte bis in die Gegenwart.
Hinweise
Veröffentlicht von AxelB 