Drehbuch: Leon Uris (nach dem Zeitschriftenartikel von George Scullin)
Zum heutigen 100. Geburtstag von Kirk Douglas zeigt 3sat diesen immer wieder gern gesehenen Westernklassiker über US-Marshal Wyatt Earp (Burt Lancaster), Doc Holliday (Kirk Douglas) und die legendäre Schießerei am O. K. Corral.
Um 12.30 Uhr zeigt der MDR das selten gezeigte Westernabenteuer „Snowy River“ (Australien 1982) und die ARD, nach Mitternacht, um 01.15 Uhr den packenden Western „Mit stahlharter Faust“ (USA 1955); beide mit Kirk Douglas.
mit Burt Lancaster, Kirk Douglas, Rhonda Fleming, Jo Van Fleet, John Ireland, Frank Faylen, George Matthews, Earl Holliman, Dennis Hopper, DeForest Kelley, Lee Van Cleef
Jetzt ist wieder die Zeit für Weihnachtsfilme, mehr oder weniger feierlich, meistens weniger gelungen, oft schon an Silvester vergessen. „Office Christmas Party“, der neue Film von Josh Gordon und Will Speck (den Regisseuren von „Die Eisprinzen“ und „Umständlich verliebt“), gehört zu den weniger gelungenen. Trotz sympathischer Schauspieler, dem (ausgehend von der Erwartungshaltung) weitgehenden Verzicht auf Zoten und, für die Architekturjunkies, einem Büro-Set, das nach alten Plänen von Ludwig Mies van der Rohe gebaut und im Film großflächig zerstört wird.
In ihrer „Komödie“ (in der ich nicht einmal lachen musste) erzählen sie von der Weihnachtsfeier in der in Chicago ansässigen IT-Firma Zanotek. Clay Vanstone (T. J. Miller), der gute Filialleiter, richtet sie gegen den Willen seiner biestigen Schwester Carol (Jennifer Aniston), die Firmenchefin, aus, weil er es jedes Jahr tut, weil sie die Zweigstelle schließen will und weil er während der Feier einen potentiellen Großkunden überzeugen will, ihm einen großen Auftrag zu geben. Damit wäre dann die Schließung der Zweigstelle abgewendet und er hätte einen Grund, die Feier auszurichten, gegen den seine Schwester nichts sagen kann.
Selbstverständlich läuft die als Dekadenzfest ausgelegte Feier schnell aus dem Ruder. Allerdings nicht besonders witzig und auch ohne tiefere Erkenntnis oder Überraschungen. Die meiste Zeit hüpfen die Schauspieler quietschvergnügt durch das Bild und brüllen in Variationen „Party“ und „Sex“, während der frisch geschiedene, grundvernünftige, grundsympathische Josh Parker (Jason Bateman) endlich seine Liebe zu seiner ebenso sympathischen Untergebenen Tracey Hughes (Olivia Munn) erkennt. Sie programmiert auch gerade irgendein superrevolutionäres, firmenrettendes WLAN.
Bateman und Munn werden bei der Besetzungsliste an erster Stelle genannt, was sie damit zu den Hauptdarstellern und den Protagonisten des Films macht. Außerdem begleiten wir in den ersten Filmminuten Josh Parker vom Scheidungsanwalt zur Arbeit. Wenn „Office Christmas Party“ halbwegs stringent eine Story entwickelt hätte, würde sich der gesamte Film um sie drehen. So sind sie grundsympathische Charaktere, die man ohne große Probleme aus dem Film herausschreiben könnte. Miller böte sich als Partyveranstalter, der seine Firma retten will, da schon eher als Protagonist an. Aber im entscheidenden Moment liegt er im Krankenhaus. Und wenn dann IT-Spezialistin Hughes am Ende, wenn es in ganz Chicago kein Internet gibt, ihr WLAN-Programm schwuppdiwupp zum Laufen bringt, fragte ich mich, ob es wirklich nichts wichtigeres als ein ständig funktionierendes Internet geben soll.
Während sie immer wieder für längere Zeit die Party verlassen, läuft die Party, auch ohne sie, weiter und ein, zwei weitere Pärchen, meist gespielt von bekannten US-Comedy-Gesichtern, finden im Lauf der Weihnachtsfeier zueinander. Die wird natürlich mit reichlich Drogen (fest und flüssig) aufgepeppt. Aber das haben wir in „The Wolf of Wall Street“ pointierter, exzessiver und erkenntnisreicher gesehen.
Im Gegensatz zu einer echten Party hat die „Office Christmas Party“ zwei unbestreitbare Vorteile: nach der Party hat man keine Kopfschmerzen (außer man hat sich vorher mit alkoholischen Getränken versorgt) und schon während des Abspanns verblasst die Erinnerung an das Gesehene. „Office Christmas Party“ ist halt nur eine weitere zotige US-Komödie.
Office Christmas Party(Office Christmas Party, USA 2016)
Regie: Josh Gordon, Will Speck
Drehbuch: Laura Solon, Dan Mazer
mit Jason Bateman, Olivia Munn, T. J. Miller, Jennifer Aniston, Kate McKinnon, Courtney B. Vance, Jillian Bell, Rob Corddry, Vanessa Bayer, Randall Park, Jamie Chung, Karan Soni
Nachtschicht: Blutige Stadt (Deutschland 2009, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
In ihrem sechsten Einsatz jagt das Team des KDD (Kriminaldauerdienst, oder die Nachtschicht der Hamburger Polizei) einen Killer, der sich „Q“ nennt und als erstes einen türkischen Reiseunternehmer hinrichtet. Die Spur führt zum Revierleiter Neumann.
„Nachtschicht“ ist eine der wenigen Serien, für die sich die TV-Gebühren lohnen.
Mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Uwe Kockisch, Maja Maranow, Sibel Kekilli, Pierre Semmler, Simon Schwarz
Catch me if you can (USA 2002, Regie: Steven Spielberg)
Drehbuch: Jeff Nathanson
LV: Frank Abagnale (mit Stan Redding): Catch me if you can: The Amazing True Story of the Youngest and Most Daring Con Man in the History of Fun and Profit, 1980 (Mein Leben auf der Flucht, Catch me if you can)
Spielberg erzählt kurzweilig die wahre Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale. Der Film „ist eine swingende, schwerelose Krimikomödie, die durch Tempo, Charme und Verspieltheit überzeugt.“ (Berliner Zeitung, 30. Januar 2003)
Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, James Brolin, Jennifer Garner
Am 18. Dezember wird Steven Spielberg siebzig Jahre. Für die TV-Sender ist das natürlich ein hochwillkommener Anlass, wieder einmal, eine Auswahl seiner bekannten Filme zu zeigen, wie „A. I. – Künstliche Intelligenz“ (Kabel 1, 8. Dezember, 20.15 Uhr), „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ (Kabel 1, 12. Dezember, 20.15 Uhr), „Der Soldat James Ryan“ (Kabel 1, 12. Dezember, 22.35 Uhr), „Minority Report“ (Kabel 1, 14. Dezember, 20.15 Uhr), „Die Farbe Lila“ (Kabel 1, 15. Dezember, 20.15 Uhr), „Sugarland Express“ (ZDF, 18. Dezember, 01.45 Uhr) und „Terminal“ (Kabel 1, 21. Dezember, 20.15 Uhr).
Den Filmgenuss kann und sollte man mit Georg Seeßlens „Steven Spielberg und seine Filme“ vervollständigen. In der brandaktuellen Neuauflage seines Buches beschäftigt er sich, gewohnt wortgewaltig, gewohnt kundig, auf gut dreihundert, mit einigen Fotos illustrierten, engbedruckten Seiten mit all seinen Filmen von den Anfängen beim Fernsehen bis hin zum „Big Friendly Giant“. Er ordnet sie ein, stellt Querverbindungen her und lädt zum wiederholten Sehen der Filme ein.
1952 wurde die Irin Philomena Lee als Jugendliche ungewollt schwanger. Sie ging zur Besserung in ein Kloster. Ihr Kind wurde, ohne sie zu fragen, von den barmherzigen Schwestern fortgegeben. Jetzt, fünfzig Jahre später, möchte sie ihren Sohn wiedersehen. Aber die katholische Kirche mauert. Nur der Journalist Martin Sixsmith hilft ihr.
Feines, auf einer wahren Geschichte basierendes Drama.
Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones(A Walk among the Tombstones, USA 2014)
Regie: Scott Frank
Drehbuch: Scott Frank
LV: Lawrence Block: A Walk among the Tombstones, 1992 (Endstation Friedhof, Ruhet in Frieden)
Matt Scudder, Ex-Polizist, Ex-Alkoholiker und Privatdetektiv ohne Lizenz, soll für den Dealer Kenne Kristo die Mörder seiner Frau suchen. Dass Kristo sie umbringen will, stört ihn nicht sonderlich.
Feine Verfilmung eines gewohnt feinen Matt-Scudder-Romans.
Inzwischen ist der zweite Scudder-Roman „Drei am Haken“ wieder auf Deutsch erhältlich.
In dem Roman will Scudder herausfinden, wer den kleine Gauner und Polizeispitzel Jake ‚Spnner‘ Jablon tötete.
Die ersten drei Scudder-Romane schrieb Lawrence Block innerhalb weniger Monate und sie haben noch nicht die Qualität der späteren Scudder-Romane. Lesenswerte PI-Krimis sind sie trotzdem.
Drehbuch: Christopher McQuarrie, Jez Butterworth, John-Henry Butterworth
LV: Hiroshi Sakurazaka: All you need is Kill, 2004
Nachdem Major Bill Cage (Tom Cruise) von den außerirdischen, scheinbar unbesiegbaren Mimics ermordet wird, hat er danach ein Erlebnis der besonderen Art. Er erlebt seine letzten Stunden vor dem Tod noch einmal – und mit der bekannten Kämpferin Rita Vrataski (Emily Blunt), die ihn zu einem Kämpfer ausbildetet, nehmen sie den Kampf auf.
Unglaublich flotter, dicht erzählter Action-Science-Fiction-Thriller mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors und einem klugen Umgang mit den Paradoxien der Zeitreise (was hier eigentlich nur eine kleine Zeitschleife ist), der etwas zu unpolitisch geraten ist.
Gut versteckte TV-Premiere von Kathryn Bigelows nicht unproblematischen Film über die Jagd auf Osama Bin Laden, erzählt aus der Sicht der Geheimdienste mit einer CIA-Analytikerin als Protagonistin.
Zum Kinostart schrieb ich unter anderem: „Nach dem gelungenen „The Hurt Locker“, der ersten Zusammenarbeit von Mark Boal und Kathryn Bigelow, ist „Zero Dark Thirty“ eine ziemlich herbe Enttäuschung, die unter einem unfokussiertem Drehbuch und der Absicht, den Menschen im Schatten, die Osama bin Laden jagten und töteten ein Denkmal zu setzen, leidet. Für ein solches Heldenporträt muss man nicht gleich den gesamten Film ausschließlich und ohne jegliche Distanz aus der Perspektive der CIA-Agenten und Soldaten erzählen.“
mit Jessica Chastain, Jason Clarke, Jennifer Ehle, Fares Fares, James Gandolfini, Kyle Chandler, Harold Perrineau, Reda Kateb, Mark Strong, Edgar Ramirez, Frank Grillo, Mark Valley
Kein Sterbenswort (Frankreich 2006, Regie: Guillaume Canet)
Drehbuch: Guillaume Canet, Philippe Lefebvre
LV: Harlan Coben: Tell no one, 2001 (Kein Sterbenswort)
Acht Jahre nach dem Tod seiner Frau erhält der Arzt Alexandre Beck eine Nachricht von ihr. Er will herausfinden, ob sie noch lebt. Dabei gerät er in eine Intrige und unter Mordverdacht.
Spannender, wendungsreicher Thriller, der überall abgefeiert wurde und die deutsche Premiere auf DVD erlebte.
Das Drehbuch war für den Edgar nominiert. Der Film war für neun Césars nominiert und erhielt vier. Unter anderem für die beste Regie und beste Hauptrolle.
mit Francois Cluzet, Kristin Scott Thomas, André Dussolier, Nathalie Baye, Jean Rochefort, Harlan Coben (Cameo als Mann auf dem Bahnhof)
Während Woody Allen jedes Jahr einen neuen Woody-Allen-Film dreht, der sich nicht sonderlich von seinen vorherigen Filmen unterscheidet, und Ken Loach das Genre des Ken-Loach-Films erfunden hat, überrascht ihr ähnlich produktiver, einige Jahre älterer Altersgenosse Clint Eastwood mit jedem neuen Film, weil es nicht den Clint-Eastwood-Film gibt. Es gibt Themen und Charaktertypen, zu denen er immer wieder zurückkehrt. Nachdem er zuletzt in dem Kriegsfilm „American Sniper“ einen Heckenschützen idealisierte, mit „Jersey Boys“ ein Quasi-Musical ablieferte, in „J. Edgar“ ein Jahrzehnte umspannendes Biopic über FBI-Chef J. Edgar Hoover drehte und sich in „Hereafter – Das Leben danach“ in mehreren Episoden mit dem Tod beschäftigte, drehte er jetzt mit „Sully“ einen kurzen Film über den erfahrenen Captain Chesley ‚Sully‘ Sullenberger, der am 15. Januar 2009 einige Minuten nach dem Start vom New Yorker Flughafen LaGuardia auf dem Hudson River notlanden musste, weil durch einen Vogelschwarm beide Triebwerke ausgefallen waren.
Die Bilder von der Airbus A320 auf dem Hudson gingen um die Welt. Bei der Notlandung, die nach dem Lehrbuch fast unmöglich ist und in keinem Training gelehrt wird, überlebten alle 155 Menschen, 150 Passagiere und 5 Crew-Mitglieder, die an Bord waren. Einige wurden leicht verletzt.
Nach dieser Landung gab es selbstverständlich eine Untersuchung des National Transportation Safety Board (NTSB), auf die sich Todd Komarnickis Drehbuch und Clint Eastwoods Film konzentriert. Sie legen sie zeitlich näher an die Notlandung, als die Gespräche und die Anhörung in Wirklichkeit waren und sie spitzen den Konflikt zu, indem sie die NTSB-Ermittler zu den Bösewichtern machen, die herausfinden wollen, warum Sullenberger ein so teures Flugzeug zerstörte und sie wollen ihn dafür bezahlen lassen. Das ist aus dramaturgischer Perspektive nachvollziehbar, ist aber auch in seiner Schwarz-Weiß-Zeichnung die große Schwäche des Films. Dieser Konflikt entbehrt, wenn man nachrecherchiert, in dieser Zuspitzung jeder Grundlage. Deshalb sind die NTSB-Ermittler auch alle fiktionale Charaktere, während der restliche Film nah bei den Fakten bleibt und bei der Rettungsaktion auf dem Hudson viele der damaligen Helfer sich selbst spielten.
Mit diesem gehyptem Konflikt wird auch eine seltsam verquere Weltsicht mitgeliefert, die sich kritische Nachfragen an einem Helden verbittet und die letztendlich Selbstgerechtigkeit fördert. Dabei ist eine gründliche Untersuchung notwendiger Teil einer funktionierenden Fehlerkultur. Sie ist die Grundlage für jeden individuellen und kollektiven Lernprozess. In „Sully“ wird ihr zugunsten einer blinden Heldenverehrung eine Absage erteilt.
Das wird am Ende, wenn Sullenberger von allen Vorwürfen vollständig freigesprochen wird, überdeutlich. Da ist er ein reinerer, größerer und fehlerfreierer Held als Jesus. Ein alles überstrahlender Held, von dem wir nichts lernen, den wir nur blind bewundern können.
Zum Glück ist das nur der äußere Konflikt. „Sully“ funktioniert aber über den inneren Konflikt von Sullenberger. Seine Selbstzweifel sind das emotionale Band zwischen Sullenberger, die ihn zu einem Menschen machen, und dem Zuschauer.
Tom Hanks spielt Sullenberger als einen erfahrenen Flugkapitän, der während der Untersuchung von Alpträumen geplagt wird. Er fragt sich, ob er wirklich das richtige getan hat. Oder hätte er zum Flughafen LaGuardia zurückfliegen und dort wesentlich gefahrloser landen können? In seinen Alpträumen wird er von schlecht getricksten Katastrophen gequält, in denen er nicht rechtzeitig landen kann und, einige Jahre nach 9/11, mitten in Manhattan in Wolkenkratzer fliegt.
Aaron Eckhart spielt die undankbare Rolle des stichwortgebenden Co-Piloten Jeff Skiles mit herrlichem Understatement; als habe er gerade die Cowboykluft gegen die Pilotenuniform getauscht. Auch wenn es so wirkt, als würden Sullenberger und Skiles sich schon seit Ewigkeiten kennen, kannten sie sich erst seit wenigen Tagen. Im Cockpit arbeiteten sie dann perfekt zusammen.
Und Clint Eastwood inszeniert diese Heldengeschichte, die auch die Wunde von 9/11 schließen soll, mit seinem Stammkameramann Tom Stern gewohnt unprätentiös die üblichen Kitsch- und Pathosfallen vermeidend. Das macht „Sully“, trotz bekannter Geschichte, sehenswert.
Sully(Sully, USA 2016)
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Todd Komarnicki
LV: Chesley Sullenberger/Jeffrey Zaslow: Highest Duty, 2009 (Man muss kein Held sein; Sully: Das Wunder vom Hudson)
mit Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, Mike O’Malley, Jamey Sheridan, Anna Gunn, Holt McCallany, Chris Bauer, Jane Gabbert, Ann Cusack, Molly Hagan, Patch Darragh, Michael Rapaport
Zum Filmstart erschien Chesley B. Sullenbergers Biographie mit einem neuen Titel und neuem Cover in dem in Deutschland neuen Penguin-Verlag (Es wird noch einige Zeit dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe, dass das bekannte Verlagslogo auch auf deutschen Büchern ist).
Chesley B. Sullenberger/Jeffrey Zaslow: Sully – Das Wunder vom Hudson
(übersetzt von Michael Bayer, Norbert Juraschitz und Henning Dedekind)
Penguin Verlag, 2016
352 Seiten
10 Euro
–
Deutsche Erstausgabe als „Man muss kein Held sein – Auf welche Werte es im Leben ankommt“.
Beginnen wir mit dem großen Unterschied zwischen „Underworld: Blood Wars“ und den vorherigen „Underworld“-Filmen. Der 3D-Film wurde erstmals von einer Frau inszeniert. Das ändert aber nichts daran, dass Kate Beckinsale mehr als einmal schwungvoll durch die Landschaft gegen harte Gegenstände geschleudert wird, ehe sie einige Männer ins Jenseits schickt. Weil sie die Vampirin Selene spielt, trägt sie keine dauerhaften Verletzungen davon. Sie ist auch immer noch das Hauptargument für die Filmreihe:
Ein zweites ist der Bösewicht des Films:
Dabei ist Semira (Lara Pulver, die als Irene Adler schon „Sherlock“ ganz närrisch machte), die Lack und Leder in einer etwas spartanischeren Version als Selene bevorzugt, nur der Vampir-Bösewicht. Es gibt auch noch einen zweiten Hauptbösewicht: Marius (Tobias Menzies). Er ist ein Lykaner (das sind Menschen, die sich in Werwölfe verwandeln können), der zum Anführer der Lykaner wurde und mit anderen Lykanern eine gut gesicherte Vampirfestung stürmen will. Diese liegt, wie gewohnt, in einem osteuropäisch aussehendem Steampunk-Fantasieland mit leichter Weltkrieg-II-Ästhetik; was natürlich an den unterirdischen Gewölben, dem verlassenem Güterbahnhof, den fotogenen Mänteln und dem Dreh in und um Prag liegen kann. Selene, inzwischen ein allein herumziehender Ronin, soll bei der Verteidigung der Burg helfen. Sie soll vor allem die anderen Vampire zu Kämpfern ausbilden.
Bis zu dieser Schlacht in der dann doch überraschend schlecht gesicherten Festung kommt, vergeht viel Filmzeit. Im Gegensatz zu den vorherigen „Underworld“-Filmen „Underworld (2002, dem besten Film der Reihe), „Underworld: Evolution“ (USA 2006), „Underworld: Aufstand der Lykaner“ (USA 2009, ein Prequel ohne Kate Beckinsale) und „Underworld: Awakening“ (USA 2011, ebenfalls in 3D), die einfach Trash mit viel Action, einem Minimum an Dialog und einer stylischen Optik waren, wird in „Underworld: Blood Wars“ langatmig, aber höchst irdisch am Vampirhof intrigiert, Pläne geschmiedet und viel geredet. So als würde man sich wirklich für irgendwelche austauschbaren Hofintrigen interessieren.
Gleichzeitig wollen die Bösewichter, wenn sie schon nicht das Hybrid-Blut von Selenes spurlos verschwundener Tochter Eve (sieh „Awakening“) bekommen können, Selenes Blut. Selene erhielt in den letzten Filmen durch verschiedene Ereignisse besondere Fähigkeiten, wie einer Unempfindlichkeit gegen Sonnenlicht. Warum die verschiedenen Bösewichter nicht einfach nur ein, zwei Liter von ihrem Blut abzapfen und dann vervielfältigen, sondern sie vollständig auspumpen wollen, wissen die Drehbuchgötter, die für diesen „Underworld“-Film ein arg schwaches Drehbuch schrieben, das sich in den verschiedenen Motivationen und Komplotten verirrt. „The Last Witch Hunter“-Drehbuchautor Cory Goodman hätte besser, wie bei den vorherigen, von anderen Autoren geschriebenen „Underworld“-Filmen eine einfache Geschichte mit einer eindeutigen Motivation und Ziel für die verschiedene Hauptcharaktere erfunden. Ein banales ‚Selene will die Vampirburg vor dem Angriff der Lykaner beschützen‘ (aka „Underworld: Die sieben Samurai“) oder ‚Selene will ihre Tochter vor den Bösewichtern beschützen‘ (aka „Underworld: Die Hard“ oder „Underworld: Taken“) hätte genügt, um die vor allem bei den Lykanern mit viel CGI aufgepimpte Action zu rechtfertigen.
Die ist in der aus den vorherigen „Underworld“-Filmen vertrauten Mischung aus Zeitlupe und Zeitraffer inszeniert, die immer wieder die genauen Abläufe und auch die Handlungen von Selene verbirgt. Wenn sie nicht gerade beidhändig schießt.
Die konsequent dunkle Optik der vorherigen Filme wurde beibehalten. Anscheinend haben Vampire nicht nur etwas gegen Sonnenlicht, sondern auch gegen jede andere Art moderner Beleuchtung. Dafür sieht es, wenn sie in ihrer Fetischkluft durch die mittelalterlichen Gemäuer schreiten, hübsch stylisch aus.
Insgesamt unterscheidet sich „Blood Wars“, abgesehen von dem überkonstruiertem Plot und weniger Actionszenen, kaum von den vorherigen „Underworld“-Filmen.
Ob das jetzt ‚gut‘ oder ’schlecht‘ ist, liegt daran, ob man Kate Beckinsale in Lack und Leder sehen will und akzeptiert, dass sie nicht allzu oft im Bild ist und entsprechend wenig kämpfen darf.
Underworld: Blood Wars (Underworld: Blood Wars, USA 2016)
Regie: Anna J. Foerster
Drehbuch: Cory Goodman (nach einer Geschichte von Kyle Ward und Cory Goodman, basierend auf Charakteren von Kevin Grevioux, Len Wiseman und Danny McBride)
mit Kate Beckinsale, Theo James, Lara Pulver, Tobias Menzies, Bradley James, James Faulkner, Charles Dance, Clementine Nicholson
Als der zehnjährige Jack nicht von seiner Mutter aus dem Heim abgeholt wird, haut er ab. In Berlin wartet allerdings niemand auf ihn. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder beginnt Jack seine, mal wieder, spurlos verschwundene Mutter zu suchen.
Mitreisendes, mehrfach ausgezeichnetes Sozial- und Jugenddrama, das immer auf Jacks Augenhöhe bleibt, während er durch die große Stadt läuft.
Nachdem seine letzten beiden Filme „Life during wartime“ (2009) und „Dark Horse“ (2011) bei uns überhaupt nicht gezeigt wurden und auch Todd Solondz‘ ältere Filme selten bis nie im Fernsehen laufen und auch auf DVD nicht wirklich erhältlich sind, dürfte „Wiener Dog“ für einige Zuschauer eine echte Entdeckung und für einige ältere Cineasten eine willkommene Wiederentdeckung des Regisseurs von „Willkommen im Tollhaus“ (1995) und „Happiness“ (1998) sein. Sie werden dann auch vielleicht bemerken, dass Dawn Wiener, die jetzt von Greta Gerwig gespielte Protagonistin der zweiten Geschichte von „Wiener Dog“, auch die Protagonistin von „Willkommen im Tollhaus“ war.
Dawn arbeitet jetzt in einer Tierklinik, wo sie ihr Herz an den Dackel, der eingeschläfert werden soll, verliert. Sie rettet ihn davor. Kurz darauf trifft sie in einem Supermarkt auf ihren ehemaligen Schulkameraden Brandon McCarthy (Kieran Culkin), der jetzt drogensüchtig ist und sie auf eine Reise nach Ohio einlädt. Dort gibt es Crystal Meth.
Dawn, die genug von ihrem tristen und eintönig-hoffnungslosem Leben hat, ist einverstanden. Auf ihrer Reise begegnen sie einer Mariachi-Band und Brandons Bruder, der Trisomie 21 hat, und glücklich mit einer ebenfalls behinderten Frau zusammen lebt. Dawn schenkt ihnen ihren Dackel, der danach noch zwei weitere Besitzer hat. Aber wie er zu dem Hochschullehrer Schmerz (Danny DeVito) und danach zu Nana (Ellen Burstyn) kommt, erfahren wir nicht. Es ist auch egal, weil der Dackel einfach nur ein fast beliebig austauschbares Bindeglied zwischen den vier unabhängigen Geschichten über in den Vorstädten lebende Menschen ist. Deren Leben, ihre Tristesse und ihre Lügen schildert Todd Solondz mit bitterbösem Humor, der unerbittlich jede Scheinheiligkeit und Selbsttäuschung für uns entlarvt bis die Suburbs mit ihren austauschbaren Häusern zu einer Vorhölle werden, in der es nur noch Stillstand gibt. Die porträtierten Charaktere haben sich in ihrem Leben schon lange eingerichtet.
So hat in der ersten Geschichte Dina (Julie Delpy) kein erkennbar schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Sohn Remi (Keaton Nigel Cooke), der gerade eine Krebserkrankung überstanden hat, über den Dackel und seine Gefühle belügt. Denn Remis einziger Freund muss erzogen, sterilisiert und später, weil er einfach zu viel Arbeit verursacht, eingeschläfert werden. Aber Dina beruhigt ihren Sohn: „Es ist traurig, aber wahr. Wir sind der einzige Freund des Hundes.“
In der dritten Geschichte begegnet der Dackel in New York dem Filmprofessor Schmerz, der früher ein erfolgreicher Drehbuchautor war, seit Ewigkeiten kein Buch mehr verkauft hat, den Studenten seit Jahren die gleichen Ratschläge gibt und notorisch schlecht gelaunt ist, weil er kein Buch verkauft und unterrichten muss. Entsprechend unbeliebt ist er bei seinen Studenten und Kollegen.
In der vierten Geschichte wird die Großmutter Nana (Ellen Burstyn) nur dann von ihrer Enkelin Zoe (Zosia Mamet) besucht, wenn sie Geld braucht. Zum Beispiel für ihren gerade aktuellen Freund Fantasy (Michael Shaw; auch dieser Name ist nicht zufällig ausgewählt), der sich schon als großer Künstler sieht und eine Ausstellung plant. Auch Nana hat vor Jahrzehnten Kunst studiert.
Die Geschichten sind eher Zustandsbeschreibungen und dank der präzisen Beobachtung, der punktgenauen Zuspitzung und dem jeden Satz und jedes Bild durchziehenden schwarzen Humor unglaublich unterhaltsam und witzig; ohne jeden Fremdschäm-Reflex und mit einer tiefschwarzen Weltsicht, in der es keinen Gott gibt, aber die Welt nicht gottlos ist. Denn Solondz liebt seine Charaktere und er zeigt die Welt, die er kennt. Der US-Gesellschaft hält er so einen Spiegel vor; für uns ist es sie ein Blick in eine vertraut-fremde Welt, gespickt mit vielen Anspielungen, Verweisen, Doppelungen und Spiegelungen, die man analysieren oder einfach nur genießen kann.
In den in jeder Beziehung sehr unterschiedlichen Geschichten und in der Struktur des Films. So gibt es, immerhin erzählt „Wiener Dog“ vier Geschichten, eine „Intermission“, die im Film mit Pausenschild und Pausenprogramm gefüllt wird. Dabei ist Solondz‘ Film mit knapp neunzig Minuten kürzer als die üblichen Hollywood-Blockbuster, die schon lange notorisch die Zwei-Stunden-Grenze überschreiten. Die Geschichte von Schmerz ist auch eine Lektion im Geschichtenerzählen, garniert mit Hollywood-Weisheiten, einem „What. If.“-Running-Gag und eine Abrechnung mit Hollywood, die dann doch wieder eben dieser Formel bis zum explosiven Ende folgt. Dagegen fallen dann Nanas Begegnungen mit ihren jüngeren Ichs als Flucht in surreale Fantasy-Gefilde schwach aus. Bis dahin hat Ellen Burstyn vielsagend geschwiegen und mit wenigen Sätzen ihre Nichte aus ihrer Komfortzone geholt. Genau wie Todd Solondz uns aus unserer Komfortzone holt.
Dieses Mal ohne Vergewaltigungen, Masturbationen, Kindesmissbrauch, Abtreibungen und andere Tabuthemen, mit denen man das Publikum schnell verstören kann. Vor allem, wenn man plötzlich Verständnis und Sympathie für diese Charaktere entwickelt. In dem sehr zugänglichem Tierfilm „Wiener Dog“ muss man diese Angst nicht haben. Trotzdem ist es kein Feelgood-Film.
„Ich liebe Hunde und hätte selber gerne einen. Das einzige Problem ist, dass ich nicht Gassi mit ihnen gehen will und sie nicht gerne füttere oder sie wasche oder wegen ihnen zu Hause bleiben will.“ (Todd Solondz)
Das Bonusmaterial ist mit zwei Trailern nicht existent. Wie bei Woody-Allen-DVDs..
Wiener Dog(Wiener Dog, USA 2016)
Regie: Todd Solondz
Drehbuch: Todd Solondz
mit Keaton Nigel Cooke, Tracy Letts, Julie Delpy, Greta Gerwig, Kieran Culkin, Danny DeVito, Ellen Burstyn, Zosia Mamet, Michael Shaw
–
DVD
Prokino
Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel Deutsch, Englisch (ausblendbar)
Bonusmaterial: Deutscher Kinotrailer, Original-Kinotrailer
Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.
Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman
Erinnern Sie sich an „Independence Day: Wiederkehr“? Oder irgendeinen anderen Invasions- oder Marvelfilm, in dem die Erde am Filmende regelmäßig wie ein Kinderzimmer nach einer Geburtstagsfeier aussieht? Gut.
Und jetzt stellen Sie sich das Gegenteil davon vor.
Das ungefähr ist „Arrival“. In seinem neuen Meisterwerk erzählt Denis Villeneuve, wie eine Begegnung zwischen Menschen und Außerirdischen stattfinden könnte, in der nicht von der ersten bis zur letzten Minute alles zerstört wird, sondern in dem eine Verständigung zwischen Menschheit und Aliens versucht wird. Sein Film basiert auf der mit dem Nebula Award und dem Sturgeon Award ausgezeichneten Kurzgeschichte „Geschichte deines Lebens“ (Story of your Life) von Ted Chiang.
Als Autor ist Ted Chiang nicht sonderlich produktiv. Fünfzehn Erzählungen seit 1990. Keine Romane. Dafür sammelt er Preise, wie Freiberufler Quittungen für die nächste Steuererklärung sammeln. Für die fünf Geschichten, die der Golkonda Verlag in dem Sammelband „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“, in dem auch „Geschichte deines Lebens“ enthalten ist, zusammenstellte, erhielt Chiang zehn renommierte Science-Fiction-Preise. Für Science-Fiction-Fans ist das Empfehlung genug.
In Buch und Film tauchen an zwölf verschiedenen Orten rund um den Globus außerirdische Raumschiffe auf, die nichts tun. Sie schweben einfach wenige Meter über der Erde. Während die Menschen mehr oder weniger in Panik ausbrechen, sichert das Militär die Gegend um die Raumschiffe ab. Alle fragen sich, was die Aliens wollen. Und wie die Menschen mit den schweigsamen Aliens in Kontakt treten können. Dafür fragt Colonel Weber (Forest Whitaker) im Auftrag der US-Regierung die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) an. Ihr zur Seite steht Ian Donnelly (Jeremy Renner), ein Physiker und Mathematiker. Denn Verständigung beruht, neben der Sprache, auf den universell gültigen Regeln der Mathematik (und Physik) beruht.
Und wirklich: Banks kann sich im Raumschiff in einem von der Welt abgeschlossenem Raum, mehr ein quadratisch-brutalistischer Höhlenraum als irgendetwas, was wir aus SF-Filmen als Raumschiff kennen, mit den Heptapoden, die sie Abbott und Costello nennt, verständigen, indem die beiden Heptapoden kreisförmige Zeichen malen. Dabei erfährt sie, dass deren Sprache zyklisch aufgebaut ist. Sie also immer am Anfang eines Satzes (oder Kreises) schon das Ende des Satzes (oder Kreises) kennen. Diese Art der Sprache, jedenfalls wenn man, wie die Sapir-Whorf-Hypothese annimmt, dass Sprache Denken bestimmt, verändert auch Banks‘ Denken und ihre Sicht auf die Welt.
Unklar ist allerdings immer noch, was die Aliens wollen. Also, warum sie die Erde besuchen.
Im Mittelpunkt von „Arrival“ steht der Prozess der Verständigung mit den Aliens und damit der Prozess, der in der Realität viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Die ähnlich gelagerte, sehr sehenswerte, im Kino hoffnungslos untergegangene „Dokumentation“ „The Visit – Eine außerirdische Begegnung“ (ab dem 17. Februar 2017 auf DVD) zeigt, anhand von Interviews mit verschiedenen Fachleuten und Verantwortlichen, die bei einem solchen Ereignis die Verhandlungen führen würden, wie das in der Realität geschehen könnte. Insofern ist „Arrival“ die Spielfilmversion von „The Visit“ oder, umgekehrt, „The Visit“ die dokumentarische Ergänzung zu „Arrival“. In jedem Fall wäre genau dieser Prozess, des gegenseitigen Erlernens der Sprache, der Kommunikation miteinander und dem Versuch, herauszufinden, was die Außerirdischen auf der Erde wollen, spannend, weil wir nichts über ihre Absichten wissen. Und Missverständnisse ungeahnte Folgen haben können.
Warum Abbott und Costello zur Erde gekommen sind, wird im dritten Akt von „Arrival“ dann, notgedrungen, etwas hastig mit einigen überraschenden Drehungen und Wendungen abgehandelt, die einen zunächst etwas ratlos zurücklassen. In dem Moment empfiehlt sich die Lektüre von Ted Chiangs „Geschichte deines Lebens“, der sich ausführlich auf die Frage, wie Sprache und Denken miteinander zusammenhängen, konzentrieren kann.
Über das Ende sprechen wir am Besten beim Erscheinen der DVD des sehr sehenswerten Science-Fiction-Films, der Fragen stellt, über die man nach dem Kinobesuch noch lange diskutieren und nachdenken kann.
Arrival (Arrival, USA 2016)
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Eric Heisserer
LV: Ted Chiang: Story of your Life, 1998 (Geschichte deines Lebens, in „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“)
mit Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg, Mark O’Brien
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage
„Geschichte deines Lebens“ ist mit fast sechzig Seiten die längste Geschichte des speziell für Deutschland zusammengestellte Sammelbandes „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ und jede einzelne Geschichte ist sehr lesenswert und regt zum Nachdenken an. Denn die Erzählungen von Ted Chiang sind mehr philosophische Essays als traditionelle, nach dem Lehrbuch aufgebaute Geschichten (wobei Chiang der Lehrbuchstruktur schon folgt).
Nur die Fans von epischen Raumschlachten werden enttäuscht sein.
Der Sammelband enthält folgende Geschichten:
– Der Turmbau zu Babel (Tower of Babylon, Erstveröffentlichung: Omni, November 1990)
– Geschichte deines Lebens (Story of Your Life, Erstveröffentlichung: Starlight 2, 1998)
– Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes (Hell is the Absence of God, Erstveröffentlichung: Starlight 3, 2001)
– Der Kaufmann am Portal des Alchemisten (The Merchant and the Alchemist’s Gate, Erstveröffentlichung: Fantasy and SF, September 2007)
In einem zweiten Sammelband, „Das wahre Wesen der Dinge“, veröffentlichte Golkonda dann die restlichen von Ted Chiang bis dahin veröffentlichten Geschichten.
Sollte man sich zu Weihnachten wünschen; falls man die Geschichten nicht vorher, beim Warten auf den Weihnachtsmann, lesen will.
Die EU von innen (Schweiz 2016, Regie: Hansjürg Zumstein)
Drehbuch: Hansjürg Zumstein
Fünfzigminütige Doku von Hansjürg Zumstein über die EU-Parlamentarier Ingeborg Grässle und Markus Pieper, die die Ausgaben der EU-Kommission kontrollieren, Skandale aufdecken – und trotzdem an die EU glauben.Er begleitete die beiden deutschen Parlamentarier über ein Jahr bei ihrer Arbeit.
Deepwater Horizon – war der Name der Bohrinsel, die am 20. April 2010 die nach einem Blowout in Flammen aufging, kurz darauf sank und zu einer Umweltverschmutzung gigantischen Ausmaßes im Golf von Mexiko, keine hundert Kilometer vor der Küste Louisianas, führte. British Petroleum war für die Ölbohrungen verantwortlich. Bis heute kostete diese Katastrophe, nach eigenen Angaben, den Konzern über vierzig Milliarden Dollar. Im September 2014 nannte ein Zivilgericht das Handeln von BP „grob fahrlässig“. Mitte 2015 einigte sich BP mit der US-Regierung auf Schadensersatzzahlungen in Höhe von 18,7 Milliarden Dollar, was der höchste Wert in der US-Geschichte ist.
Aber die Umweltkatastrophe und die ganzen damit zusammenhängenden Prozesse stehen nicht im Mittelpunkt von Peter Bergs hochspannendem Katastrophenthriller „Deepwater Horizon“. Er erzählt die Geschichte des Unfalls im Macondo-Ölfeld, das 84 Kilometer südöstlich von Venice, Louisiana liegt, und wie die Bohrarbeiter von der brennenden Bohrinsel gerettet wurden.
Der Film beginnt wenige Stunden vor der Katastrophe. Die neue Bohrmannschaft, angeführt von den Veteranen Jimmy Harrell (Kurt Russell mit Walrossbart), dem Offshore Installation Manager (vulgo Chef der Arbeiter), und Chef-Techniker Mike Williams (Mark Wahlberg), trifft ein. Sie wollen vor den richtigen Bohrungen weitere Tests durchführen. Aber Donald Vidrine (John Malkovich), der Beauftragte von BP, die die Bohranlage von dem Besitzer Transocean mietete (Yeah, Outsourcing!), will möglichst schnell bohren. Immerhin sind sie schon weit hinter dem Zeitplan und jeder Tag kostet den Konzern über eine halbe Million Dollar. Er setzt die Arbeiter unter Druck – und bei der Bohrung kommt es zu dem Blowout. Öl und Gas schießen aus dem Bohrloch hoch. Es kommt zu Explosionen und Bränden. Die Mannschaft beginnt um ihr Überleben zu kämpfen. Auch wenn die Chancen denkbar schlecht stehen.
Am Ende der Nacht waren elf Arbeiter tot, 115 überlebten. Die Bohrplattform versank nach zwei Tagen.
Die Fakten sind bekannt. In den USA sicher mehr als bei uns. Auch weil nach dem Sinken der Deepwater Horizons über drei Monate Tage weltweit die Bilder von den erfolglosen Versuchen, das Öl-Leck zu verschließen, übertragen wurden. In dieser Zeit flossen täglich 50.000 Barrel Öl ins Meer. BP verursachte damit eine der größten Ölkatastrophe der Menschheit. Möglicherweise sogar die größte.
Der Film informiert darüber im Abspann. Davon abgesehen folgt er den Fakten und der sattsam bekannten Dramaturgie des Katastrophenfilms, aber Peter Berg inszenierte die Geschichte straff mit der richtigen Mischung aus viel Action und wenig Sentiment. Dabei gelingt es ihm, uns in wenigen Szenen mit der Welt der Ölarbeiter und den verschiedenen Charakteren vertraut zu machen, indem Williams in den ersten Minuten die Insel inspiziert, sich die für seine Arbeit nötigen Informationen beschafft, mit den Leuten redet und uns mit den Problemen vertraut macht, die zur Katastrophe führen. Die Gier von BP ist dabei der treibende Faktor. Und John Malkovich gibt einen grandiosen Bösewicht ab. Auch wenn er nur auf die Zahlen schaut und das Beste für BP will. Da ist dann kein Platz für die kostspieligen Bedenken der Besatzung der Deepwater Horizon.
Über dreistündiges Drama über einen herrischen und verhärmten türkischen Ex-Schauspieler und Hotelbesitzer, der im Winter in seinem Hotel in den anatolischen Bergen in eine Lebens- und Sinnkrise gerät.
In Cannes erhielt das von der Kritik gefeierte Werk die Goldene Palme.
Damals meinte das Lexikon des internationalen Films: „Dabei lässt sich der winterliche Mikrokosmos als gallige Metapher der aktuellen gesellschaftlichen Situation in der Türkei lesen.“ Heute immer noch?
mit Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag, Ayberk Pekcan
Florence Foster Jenkins ist eine begeisterte Sängerin, die glaubt eine große Sängerin zu sein. Heute würde man sie vielleicht zu „Deutschland sucht den Superstar“ schicken und nach zwei Minuten, nachdem die Jury etwas über ihr mangelndes Gesangstalent ätzte, wäre der Traum der Sangeskarriere wie eine Seifenblase zerplatzt.
Vielleicht würde man ihr auch raten, eine Punk-Band zu gründen. Die müssen ja nicht unbedingt singen können.
Aber Florence Foster Jenkins lebte in der ersten Hälfte des letzten Jahrhundert an der Ostküste der USA und eine Karriere als Sängerin bedeutete, dass sie Opernarien singt und in der Carnegie Hall auftreten will. Weil sie reich ist und ihr Mann St. Clair Bayfield, ein englischer Schauspieler von Adel (aber ohne Geld), sie (oder ihr Geld) abgöttisch liebt, sorgt er dafür, dass sie in ihrer Scheinwelt leben kann. Vor allem im exquisiten, von ihr gegründeten Verdi Club, in dem sich die New Yorker High Society trifft und St. Clair Bayfield als Schauspieler und leicht öliger Ansager brillieren kann, während er seine Frau bei ihren Auftritten unterstützt und anpreist. Wenn sie in der Öffentlichkeit auftritt, besorgt er auch das richtige Publikum aus wahren „Musikliebhabern“, die dann brav applaudieren. Denn Florence kann überhaupt nicht singen – und Meryl Streep, die letztes Jahr in „Ricki – Wie Familie so ist“ als Rockröhre eine gute Figur machte (sie sang auch), trifft hier zielsicher bei den während des Drehs live aufgenommenen Musikstücken keinen einzigen Ton. Was ihren neuen Pianisten Cosmé McMoon (Simon Helberg), nachdem ihm von St. Clair wahre Elogen über ihr Talent erzählt wurden, erst einmal fassungslos zurücklässt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen Welten. Angesichts der fürstlichen Bezahlung beteiligt er sich an der Charade.
Dummerweise will Florence in der Carnegie Hall vor tausend Weltkrieg-II-Kriegsveteranen, die dafür Freikarten bekommen, singen. Das öffentliche Konzert soll ihr Beitrag zum zur Landesverteidigung sein.
St. Clair fragt sich, wie er die absehbare Katastrophe für seine geliebte und verletzliche Frau verhindern kann. Cosmé fragt sich, ob er als ernsthafter Pianist auf das Engagement verzichten soll oder ob er mit ihr auftreten soll. Denn wann wird er jemals wieder in der Carnegie Hall spielen können?
Florence Foster Jenkins gab es wirklich und ihr Konzert in der Carnegie Hall ist eine der gefragtesten Darbietungen aus dem Archiv des Konzertsaals. Ihre Aufnahmen für Melotone, die sie vor dem Konzert einspielte, waren der größte Verkaufshit der Firma; und dabei bekommen wir immer erzählt, dass erst mit Punk der Dilettantismus in die Musik einzog.
Florence Foster Jenkins wurde 1868 in Pennsylvania als Tochter eines vermögenden Anwalts und Bankiers geboren. Als Kind trat sie als Pianistin auf. Das von ihr gewünschte Gesangsstudium finanzierte ihr ihr Vater nicht. Als er 1909 starb vererbte er ihr ein beträchtliches Vermögen, das es ihr ermöglichte, ihre künstlerischen Ambitionen in jeder Beziehung zu frönen. 1909 lernte sie auch St. Clair Bayfield, den unehelichen Enkel eines englischen Grafen und erfolglosen Schauspieler, kennen. Sie blieben bis zu ihrem Tod am 26. November 1944 zusammen.
Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ ist der vorläufige (?) Höhepunkt einer kleine Wiederentdeckung der schlechtesten Opernsängerin der Welt. Letztes Jahr war sie die Inspiration für Xavier Giannolis Spielfilm „Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne“. Er verlegte die Geschichte in das Paris der 1920er Jahre. Vor zwei Wochen lief Ralf Pflegers „Die Florence Foster Jenkins Story“ an. In einer Mischung aus Spielszenen und Experteninterviews nähert er sich der Sängerin.
Frears verfilmte die Geschichte als herrlich altmodisches Schauspielerkino, in dem allen Charakteren bis zum Ende eine gewisse Doppelbödigkeit bewahren. So ist nie ganz klar, ob St. Clair Bayfield seine Frau oder ihr Geld abgöttisch liebt. Hugh Grant hatte jedenfalls schon lange nicht mehr so viel Spaß an einer Rolle. Bei Florence Foster Jenkins ist unklar, wie sehr sie sich selbst täuscht. Also wie sehr sie ihr Talent grotesk falsch einschätzt, oder aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation, wie ein kleines Kind, ihren Traum bewahren will. Sie hat auch das Geld, um komfortabel in ihrer Seifenblase zu leben. Jedenfalls geht sie für ihren Traum auf die Bühne und sie, eine durch und durch gutherzige Person, will den Menschen etwas geben. Und ob sie die Affäre ihres Mannes, auch als sie – einer der vielen komödiantischen Höhepunkte des Films – in St. Clairs Junggesellenbude vor ihr steht, ignoriert oder überhaupt nicht wahrnimmt, weil sie in ihrer eigenen Welt lebt, bleibt dem Urteil des Zuschauers überlassen.
Der witzige Feelgood-Film „Florene Foster Jenkins““ überzeugt, wie Peter Bergs „Deepwater Horizon“ und, ab nächstem Donnerstag, Clint Eastwoods „Sully“ (über Chesley B. Sullenberger und seine Notlandung einer Passagiermaschine auf dem Hudson River), bei allen Unterschieden zwischen den drei Filmen, trotz bekannter Geschichte und bekanntem Ende, weil wir neue Hintergründe erfahren, die Drehbücher gut geschrieben sind und Schauspieler und Regie engagiert bei der Sache sind. Bei „Florence Foster Jenkins“, diesem nostalgischen Rückblick in eine andere Zeit, kann auch öfter herzlich gelacht werden.
In Cannes erhielt Ken Loach für seinen neuesten Film „Ich, Daniel Blake“ die Goldene Palme und – auch wenn ich die Konkurrenz nicht vollständig kenne („Julieta“, „Paterson“, „Toni Erdman“, „Elle“, „The Neon Demon“ und „American Honey“ liefen ebenfalls im Wettbewerb), hat er den Preis weniger für diesen Film gewonnen, sondern implizit für sein Lebenswerk (auch wenn er schon für seinen vorherigen Film „Jimmy’s Hall“, der sein letzter sein sollte, eine Goldene Palme erhielt) und seine hehre Botschaft erhalten. Nicht, dass „Ich, Daniel Blake“ ein schlechter Film ist. Es ist ein gutes, packendes, aber auch konventionell erzähltes und gefilmtes Sozialdrama über den titelgebenden Schreiner Daniel Blake.
Der Endfünfziger hat sein ganzes Leben in Newcastle gearbeitet. Aber jetzt, nach einem Herzinfarkt bei der Arbeit, bei dem beinahe von einem Gerüst gefallen wäre, benötigt der Witwer staatliche Unterstützung. Er hat Anspruch auf Arbeitslosen- und Sozialhilfe.
Er gerät in den Moloch der Sozialverwaltung mit ihren teils abstrusen Vorschriften, die auf alles achten. Außer auf die Würde des Menschen. Für Ken Loach war die Wut über die absichtliche Ineffizienz der Bürokratie das Motiv, „Ich, Daniel Blake“, wieder nach einem Drehbuch von seinem Stammautor Paul Laverty, zu drehen. So soll Blake Arbeit suchen, um eine Unterstützung zu erhalten. Obwohl ihm sein Arzt genau das Verboten hat. So kann er erst, nachdem er eine telefonische Benachrichtigung erhalten hat, einen Einspruch gegen den Bescheid, den er schon erhalten hat, erheben. Wann er diesen Anruf erhält, kann ihm allerdings niemand sagen. Bis dahin wird allerdings kein Geld auf sein Konto überwiesen. Es ist zum Verzweifeln. Aber Daniel Blake versucht tapfer, humorvoll und immer seine Würde bewahrend, die Regeln einzuhalten, während die Regeln gerade darauf angelegt sind, ihm das alles zu nehmen.
Eines Tages trifft er auf dem Amt die siebenundzwanzigjährige Katie, die nicht zu ihrem Termin vorgelassen wird, weil die alleinerziehende Mutter sich als gerade aus London Zugezogene um einige Minuten verspätete. Für den Regelverstoß wird sie selbstverständlich sanktioniert. Blake beginnt ihr und ihren beiden Kindern (sieben und zehn Jahre alt) zu helfen. Schließlich brauchen sie etwas zu Essen und die vom Amt gestellte Wohnung hat zwar vier Wände, aber sonst nichts.
„Ich, Daniel Blake“ ist ein typischer Ken-Loach-Film, der immer noch für die Arbeiterklasse, das Proletariat, die Abgehängten, die Chancenlosen kämpft und der an eine bessere Gesellschaft glaubt. Dabei verpackt er seine Sozialkritik in packendes Kino, das aufgrund seiner genauen Beobachtung, auch durch zahlreiche improvisierte Szenen und Laiendarsteller, und der realistischen Erzählweise überzeugt.
Das ist unbedingt sehenswert. Im Kino oder im Puschenkino.
Ich, Daniel Blake (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
mit Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan, Briana Shann, Kate Rutter, Sharon Percy, Kema Sikazwe