Ich wünsche dem Film viele Zuschauer. Im TV. Als Begleitprogramm einer umfangreichen Robert-Altman-Retrospektive, gerne auch mit weiteren Dokus über Robert Altman und seine Filme, die dann in die Tiefe gehen. Denn „Altman“ von Ron Mann ist eine ziemlich oberflächlich geratene Dokumentation über den Regisseur Robert Altman (20. Februar 1925 – 20. November 2006), in der einfach chronologisch sein Leben abgehandelt wird.
Dabei ist der Blick auf seine unbekannten Anfangsjahre als Industriefilmer und TV-Serienregisseur (unter anderem „Alfred Hitchcock präsentiert“ und „Bonanza“) interessant, weil man vor allem seine Spielfilme kennt, die oft Ensemblefilme sind. Einige seiner Filme, wie „M. A. S. H.“, „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, „Nashville“, „Buffalo Bill und die Indianer“, „The Player“ und „Short Cuts“, wurden zu Klassikern, die auch in „Altman“ mit kurzen Ausschnitten gezeigt werden und einen anregen, sich die Filme wieder anzusehen.
Altman-Fans werden sich auch über die bislang unveröffentlichten Privataufnahmen und die Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen, die während verschiedener Dreharbeiten entstanden, freuen.
Auch die vielen O-Töne von Robert Altman sind erfreulich. Sie entstanden bei TV-Sendungen, Publikumsgesprächen und Preisverleihungen, wie seine Rede als er 2006 den Ehrenoscar für sein Lebenswerk erhielt. Sie dürften weitgehend unbekannt sein.
Die vielen bekannten Schauspieler, die mit Robert Altman zusammenarbeiteten und in den Credits von „Altman“ genannt werden, haben im Film nur Kürzestauftritte, in denen sie mit einem Wort oder einem Satz „Altmanesque“ erklären. Das ist eine nette Spielerei, die vor allem eine vertanene Möglichkeit ist. Da hat man Größen wie Keith Carradine, Elliott Gould, Sally Kellerman und Lily Tomlin, die öfters mit Altman zusammen arbeiteten, und Stars wie James Caan und Robin Williams, die nur in einem seiner Filme mitspielten, vor der Kamera und lässt sich von ihnen nichts über ihre Erlebnisse mit Robert Altman erzählen.
Sowieso wagt „Altman“ nie einen kritischen Blick auf den Regisseur. Es kommen nur der Regisseur selbst in Auftritten vor einem Publikum, seine Familie und Mitarbeiter, die ihn bewundern, zu Wort. Aber nie wird Altmans Werk von Filmhistorikern eingeordnet. Ron Mann bildet auch keine thematische Schwerpunkte. Er beschränkt sich auf die nackte Chronologie und das Erwähnen der bekannten Filme.
Als ein Anschlag auf eine Drogenbaron in Bolivien grandios schiefgeht, wissen Clay und sein Team, dass ihr Auftraggeber, der geheimnisvolle Max, ein ganz hohes Tier im US-amerikanischen Geheimdienst und zuständig für die wirklich schmutzigen Aktionen, sie umbringen will. Sie beschließen, es ihm heimzuzahlen.
Das bessere A-Team und der bessere „A-Team“-Film, dank eines selbstironischen Tons, guter Schauspieler und ordentlicher Action.
Die Vorlage, der Comic von Andy Diggle und Jock, ist auch einen Blick wert.
mit Jeffrey Dean Morgan, Zoe Saldana, Chris Evans, Idris Elba, Columbus Short, Oscar Jaenada, Jason Patric
Servus TV, 20.15 Dr. T. and the Women (USA 2000, Regie: Robert Altman)
Drehbuch: Anne Rapp
Dallas, Texas: Dr. T (eigentlich Sullivan Travis) ist der Frauenarzt der Schönen und Reichen. Er liebt die Frauen – und Frauen lieben ihn. Dummerweise ist er verheiratet.
„Intelligente Gesellschaftskomödie, die ein genüssliches Kinoerlebnis ermöglicht.“ (Multimedia)
„Mit Leichtigkeit bringt er seine Zuschauer zu der Einsicht, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.“ (Markus Tschiedert, AZ)
Einer von Altmans letzten Filmen, der, nach den für Altman-Fans dürftigen achtziger Jahren ab „The Player“ (1992) mit einer Reihe grandioser Ensemblefilme verzückte.
Am Donnerstag läuft die Doku „Altman“ über den Regisseur in einigen Kinos an.
mit Richard Gere, Helen Hunt, Farrah Fawcett, Laura Dern, Shelly Long, Tara Reid, Kate Hudson, Liv Taylor, Robert Hays, Lee Grant Hinweise Rotten Tomatoes über „Dr. T. and the Women“
Wikipedia über „Dr. T. and the Women“ (deutsch,englisch) Robert Altman in der Kriminalakte
Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen (USA 2009, Regie: Werner Herzog)
Drehbuch: William Finkelstein (nach dem Drehbuch von Victor Argo, Paul Calderon, Zoë Lund und Abel Ferrara)
Werner Herzogs Comeback. Jedenfalls in Deutschland. Denn hier verschwand er nach seinen großen Erfolgen in den Siebzigern (Aguirre, der Zorn Gottes; Jeder für sich und Gott gegen alle; Herz aus Glas; Stroszek; Nosferatu; Woyzek) und frühen Achtzigern (Fitzcarraldo; Wo die grünen Ameisen träumen; Cobra Verde [sein Abschied vom Kino]) von der Bildfläche und man hörte nur noch, dass er jetzt vor allem Dokumentarfilme mache. Einige liefen auch auf den üblichen weltabgewandten Plätzen im TV.
Aber in den USA wurde er zu dem Mann. Einem der wenigen Deutschen, die auch in Hollywood anerkannt sind. Neben den vielen Dokus drehte er auch einige Spielfilme, die bei uns – falls überhaupt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit liefen.
Doch 2009, mit dem grandiosen Remake eines Genrefilms, das sich kaum an die Vorlage hält, und mit der Präsidentschaft der Berlinale-Jury kehrte er zurück in die deutschen Kinosäle.
Die Story, für alle die Abel Ferraras grandiosen „Bad Lieutenant“ (mit Harvey Keitel) nicht kennen: Nach dem Hurrikan Katrina muss ein drogensüchtiger Cop den Mord an einer schwarzen Familie aufklären.
Mit Nicholas Cage, Val Kilmer, Eva Mendes, Xzibit, Vondie Curtis Hall, Brad Dourif
Auf Liebe und Tod (Frankreich 1983, Regie: Francois Truffaut)
Drehbuch: Francois Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel
LV: Charles Williams: The long saturday night, 1962 (Die lange Samstagnacht, Auf Liebe und Tod)
Sekretärin Barbara versucht zu beweisen, dass ihr Chef nicht den Liebhaber seiner Frau und anschließend sie umgebracht hat. Aber die Beweise sprechen eine andere Sprache.
„Kriminalkomödie, die darüber hinaus formal und inhaltlich wie eine Anthologie eines Vierteljahrhunderts Truffaut wirkt, und das ohne Staubwolken und Nostalgie. ‘Auf Liebe und Tod’ ist ein frischer kleiner Spaß, den der Regisseur sich (um sich von ‘La femme d’à côte’ zu erholen) und den Samstagabendzuschauern gönnt, die sich unterhalten lassen sollen, ohne sich hinterher schämen zu müssen.“ (Fischer Film Almanach 1985)
„Auf Liebe und Tod“ „ist eine Rückbesinnung auf seine Kino-Vorlieben der Zeit, in der er mit dem Filmemachen begann, es ist eine Hommage an den ‘Film Noir’. Allerdings eine, die sich vor allem auf die ästhetischen Muster bezieht und weniger die Figuren und Geschichten umschließt.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
mit Fanny Ardant, Jean-Lous Trintignant, Philippe Laudenbach, Caroline Sihol, Philippe Morier-Genoud
Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.
„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
Die Banknoten mit dem Konterfei von Richard Nixon haben es leider nicht von Thomas Pynchons Roman „Natürliche Mängel“ in Paul Thomas Andersons Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ geschafft. Abgesehen von dieser Kleinigkeit folgt Anderson dem 480-seitigen Roman erstaunlich genau, verstärkt – vor allem am Anfang – etwas den erkennbaren Plot und suhlt sich ansonsten im Früh-Siebziger-Jahre-Feeling, während er Larry ‚Doc‘ Sportello (Joaquin Phoenix) als dauerbekifften Privatdetektiv durch einen labyrinthischen Plot schlurfen lässt, der nie auf eine irgendwie erkennbare Lösung angelegt ist.
Doc soll, beauftragt von einer Ex-Freundin Shasta, ihren Liebhaber, den spurlos verschwundenen Baumogul Mickey Wolfmann, der halb Los Angeles gentrifiziert, suchen. In Wolfmans Verschwinden sind auch seine Leibwächter und eine im Gefängnis entstandene Verbindung zwischen der Arischen Bruderschaft und der Black Guerilla Family, die im Gefängnis entdeckten, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, involviert.
Doc soll auch Coy Harlington, einen Saxophonisten einer Surf-Rock-Band, finden. Seine Frau glaubt nicht, dass er an einer Überdosis gestorben ist.
Und alle sind irgendwie mit der „Golden Fang“ verbunden.
Bei seinen zahlreichen Ermittlungen trifft Doc mehr als einmal auf LAPD-Detective Christian F. ‚Bigfoot‘ Bjornsen mit dem ihn eine wahre Haßliebe verbindet. Bigfoot ist ein überlebensgroßer Fünfziger-Jahre-Polizist, ein John-Wayne-Möchtegern und die archetypische Verkörperung des faschistoiden Polizisten, der auch im Fernsehen (Hey, wir sind in Hollywood!) nach Serienruhm giert und wenn er Doc besucht, normalerweise seine Tür eintritt.
Das klingt nicht nur, das ist im Buch und im Film, ein Megacut des bekannten Hardboiled- und Noir-Kanons: Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichten, James Ellroy, vor allem „L. A. Confidential“, die Verfilmungen dieser Romane, Roman Polanskis „Chinatown“, Joel und Ethan Coens „The Big Lebowski“ (aber nicht so witzig), gekreuzt mit der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Shea und Robert A. Wilson. Wobei gerade der erste Band „Illuminatus! – Das Auge in der Pyramide“ als absolut durchgeknallt Satire auf alle Verschwörungstheorien eigentlich das Ende aller Verschwörungstheorien ist.
Diese Vorbilder sind immer deutlich erkennbar. Im Buch noch mehr als im Film, der durch seine gute Besetzung und seine oft gewitzte Inszenierung punktet und die eben genannten Vorbilder in den Hintergrund rückt, während der Roman immer eine Pastiche bleibt, die vor allem die Filmbilder aus den bekannten Noirs heraufbeschwört. Auch weil Pynchon immer wieder filmische Vorbilder anspricht und Doc ein Fan des Schauspielers John Garfield ist.
Und beide Male ist die Geschichte viel zu lang geraten. Der Roman umfasst fast 480 Seiten. Der Film dauert gut 150 Minuten. Denn beide Male folgen wir einer weitgehend plotlosen Erzählung, die einfach so, wie ein Drogentraum, vor sich hin mäandert, bis Doc über die Lösungen seiner Fälle stolpert oder sich der Fall, in einem Nebensatz, in Luft auflöst. Und im Hintergrund gibt es eine große Verschwörung, die etwas mit der oder dem „Golden Fang“ zu tun hat und die alles und nichts sein kann. Also auch eine zufällige Namensgleichheit oder eine paranoide Hippie-Fantasie, die alles mit allem verknüpft.
Paul Thomas Anderson erzählt hier seine Geschichte Kaliforniens weiter. „There will be blood“ (über den Ölboom kurz nach der Jahrhundertwende) und „The Master“ (über einen Sektenführer in den Nachkriegsjahren) spielten vor und „Boogie Nights (über die Porno-Filmindustrie in den Siebzigern und Achtzigern) nach „Inherent Vice“. Jetzt geht es um die Flower-Power-Jahre und das damalige Geflecht von freier Liebe, Drogenexzessen, Kulten und der Wirtschaft. Das ist, auch dank der grandiosen Schauspieler, des Lokalkolorits, der pointierten Inszenierungen und archetypischer Bilder immer unterhaltsam und eine deutliche Einladung, sich noch einmal die Klassiker anzusehen.
Denn Anderson sagt hier nichts, was nicht schon Robert Altman in seiner grandiosen Raymond-Chandler-Verfilmung „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The long Goodbye, USA 1972) gesagt hat. Oder die Coens, einige Jahre später, in „The Big Lebowski“.
Inherent Vice – Natürliche Mängel(Inherent Vice, USA 2015)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
LV: Thomas Pynchon: Inherent Vice, 2009 (Natürliche Mängel)
mit Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro, Martin Short, Jena Malone, Joanna Newson, Eric Roberts, Hong Chau, Michael Kenneth Williams, Martin Donovan, Sasha Pieterse
Länge: 149 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Die Vorlage
BR, 20.15 Tatort: Alles Palermo (Deutschland 1993, Regie: Josef Rödl)
Drehbuch: Josef Rödl
Ein Gärtnereibesitzer wird ermordet und die Kommissare Batic und Leitmayr suchen in München den Mörder. Eine Spur führt sie ins Rotlichtmilieu, eine andere zum Geschäftspartner des Toten. Denn die Gärtnerei behindert die Erweiterung einer Mülldeponie.
Erster von drei „Tatorten“, die Josef Rödl („Albert – warum?“) inszenierte und die alle einen Blick wert sind. Vor allem seine beiden BR-Tatorte.
mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Jacques Breuer, Andreas Giebel, Friedrich von Thun, Ruth Drexel, Veronika Ferres, Hans Brenner Hinweise Tatort-Fundus über die Kommisare Batic und Leitmayr Wikipedia über „Tatort: Alles Palermo“
Ein neuer Film, für den William Goldman das Drehbuch schrieb, ist für Filmfans ein Jubelfest. Goldman schrieb, neben einigen Romanen, die teilweise verfilmt wurden, und seinen beiden äußerst kurzweiligen Hollywood-Erinnerungsbüchern „Das Hollywood Geschäft“ (Adventures in the Screen Trade, 1984) und „Wer hat hier gelogen?“ (Which lie did I tell?, 2000), die Drehbücher für „Ein Fall für Harper“, „Butch Cassidy und Sundance Kid“, „Die Unbestechlichen“, „Der Marathon-Mann“, „Die Braut des Prinzen“, „Misery“, „Absolute Power“, „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ und „Dreamcatcher“. Seitdem, also seit über zwölf Jahren, schrieb der 1931 geborene Autor kein verfilmtes Drehbuch mehr. Aber für Simon West, der bereits „Wehrlos – Die Tochter des Generals“ verfilmte, kehrte er aus seinem Ruhestand zurück und was auf den ersten Blick gut klingt, wird schon beim allerersten genaueren Hinsehen bedenklich. Denn „Wild Card“ ist ein Remake von „Heat – Nick, der Killer“ (Heat, USA 1986)“, einem Privatdetektiv-Krimi mit Burt Reynolds, dessen Produktionsgeschichte so chaotisch war, dass William Goldman ihn in „Wer hat hier gelogen?“ nur in einem Halbsatz erwähnt.
Auch abseits der chaotischen Produktion ist „Heat“ ein bestenfalls durchschnittlicher Privatdetektiv-Krimi, den niemand mehr kennt.
Aber für ein Remake ist das eigentlich nicht schlecht. Immerhin stehen die Chancen gut, dass alle das Remake als die bessere Fassung der Geschichte loben. Man kann als Autor alte Fehler beseitigen und, immerhin ist „Heat“ gut dreißig Jahre alt, die Geschichte in die Gegenwart verlagern. Man kann sogar eine mehr oder weniger neue Geschichte erzählen.
Aber „Wild Card“ nimmt keine dieser Möglichkeiten wahr. Stattdessen wirkt der Film, als ob William Goldman einfach sein altes Drehbuch aus dem Regal genommen hat, ein, zwei vollkommen unwichtige Details änderte (Heißa, es gibt Mobiltelefone!) und Simon West das Buch gab, der es dann verfilmte als müsse er eine Folge der immer noch vergnüglichen TV-Serie „Vegas“ (die in den späten Siebzigern/frühen Achtzigern in Las Vegas gedreht wurde) inszenieren. Das gewinnt der einfachen Geschichte keinen einzigen neuen Aspekt ab und Themen, die damals neu (naja, halbwegs neu) im Genre waren, sind heute hoffnungslos veraltet. Denn Nick Wild (damals Burt Reynolds, heute Jason Statham) ist ein Spieler. Ein Süchtiger. Ja, das war damals neu. Damals haderten der von Lawrence Block erfundene New-Yorker-Privatdetektiv-ohne-Lizenz Matt Scudder und der von James Lee Burke erfundene Privatdetektiv-Polizist Dave Robicheaux in grandiosen Privatdetektivkrimis mit ihrem Alkoholismus. Heute gehört eine gepflegte Suchtgeschichte zur Grundausstattung eines erfolgreichen Ermittlers.
Ansonsten ist Privatdetektiv und Bodyguard Nick Wild aus der bewährten Klischeekiste des Privatdetektiv-Genres geformt: harte Schale, weicher Kern, großes Ehrgefühl, allseits beliebt, auch bei den Frauen, die er alle ohne Ausnahme respektvoll behandelt und mit guten Freunden in der ganzen Stadt bei der Polizei, den Verbrechern und den Casinobesitzern. Wenn er eine feste Freundin hätte, könnte er fast Spenser sein.
Die Freundin, der Nick Wild hilft, ist eine Prostituierte, die von Danny DeMarco, dem Sohn eines Gangsterbosses, vergewaltigt wurde. Jetzt will sie sich für die Vergewaltigung rächen. Ja, damals war das noch halbwegs innovativ. Heute fällt vor allem auf, dass man eine Rachegeschichte so nicht mehr erzählen kann.
Die Story, ergänzt um einige Episödchen aus dem Privatdetektivleben, plätschert auf TV-Serienniveau vor sich hin (wobei mir „Vegas“ besser gefiel; „Simon & Simon“ und „Magnum“ waren auch besser) und bis auf ungefähr zwei Slow-Motion-Action-Szenen hätte auch alles so vor dreißig Jahren gedreht werden können. Denn das „Wild Card“-Las Vegas sieht nie so geleckt aus, wie wir es aus „Ocean’s Eleven“ oder „C. S. I.“ kennen, sondern, nun, wie das immer leicht schmuddelige Las Vegas aus „Vegas“.
Besonders störend bei dem schleppend erzähltem Krimi, der eine Charakterstudie sein will, aber dafür zu sehr an der Oberfläche bleibt, ist die seltsame Anlage der Hauptrolle von Jason Statham. Er spielt, ohne einen ersichtlichen Grund, den allseits beliebten Nick Wild immer so, als ob er auf Gott und die Welt wütend ist. Ein echter Stinkstiefel eben, mit dem man keine zwei Minuten verbringen möchte.
Da hat Burt Reynolds im Original einen viel lässigeren Charme versprüht. Oder Robert Urich („Spenser“) als Dan Tanna in – Sie ahnen es – „Vegas“.
The Hunter (Australien 2011, Regie: Daniel Nettheim)
Drehbuch: Alice Addison, Wain Fimeri (Original Adaptation)
LV: Julia Leigh: The Hunter, 1999 (Der Jäger)
Martin David (Willem Dafoe, grandios!) soll für einen Konzern den sagenumwobenen Tasmanischen Tiger finden und von ihm genetische Proben entnehmen. Allerdings jagen auch andere Menschen das Tier und David gerät in einen Konflikt zwischen Umweltschützern und Einheimischen.
3sat, 22.25 Robert Altman’s Last Radio Show (USA 2006, Regie: Robert Altman)
Drehbuch: Garrison Keillor
Heute Abend soll die Live-Radio-Show „A Prairie Home Companion“ zum letzten Mal ausgestrahlt werden. Während der langjährige Gastgeber Garrison Keillor (der sich selbst spielt) auf der Bühne steht, bereiten sich hinter den Kulissen die Künstler auf ihre Auftritte vor, schwelgen in Erinnerungen und singen Country-Songs.
Bittersüße Abschiedsvorstellung von Robert Altman (20. Februar 1925 – 20. November 2006), die ihn auf der Höhe seiner Kunst zeigt.
Am 19. Februar läuft Ron Manns braves Biopic „Altman“ an.
mit Meryl Streep, Lily Tomlin, Woody Harrelson, Tommy Lee Jones, Garrison Keillor, Kevin Kline, Lindsay Lohan, Virginia Madsen, John C. Reilly, Maya Rudolph, Robin Williams, L. Q. Jones Wiederholung: Mittwoch, 11. Februar, 02.30 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Robert Altman’s Last Radio Show“
Wikipedia über „Robert Altman’s Last Radio Show“ (deutsch,englisch) Robert Altman in der Kriminalakte
Das Cabinet des Dr. Caligari (Deutschland 1920, Regie: Robert Wiene)
Drehbuch: Hans Janowitz, Carl Mayer
Der wahnsinnige Dr. Caligari versetzt eine norddeutsche Kleinstadt in Angst und Schrecken.
Ein Stummfilmklassiker, ein Horrorfilmklassiker, ein Klassiker es expressionistischen Films und sicher noch einige „Klassiker“-Ernennungen mehr – und in jedem Fall in der heute präsentierten restaurierten Fassung, die auf dem Kameranegativ basiert, ein Augenschmaus. Und ein Ohrenschmaus: denn es wird die von John Zorn live während der Berlinale-Premiere auf der Karl-Schuke-Orgel der Berliner Philharmonie gespielte Musik den Ton angeben.
D. h.: Aufnahmebefehl!
mit Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover, Hans Heinrich von Twardowski, Rudolf Lettinger
ZDFneo, 20.15 Arlington Road (USA 1999, Regie: Mark Pellington)
Drehbuch: Ehren Kruger
Mein Nachbar, der Terrorist – oder doch nicht?
Feiner Paranoia-Thriller mit einem bombigen Ende.
mit Jeff Bridges, Tim Robbins, Joan Cusack, Hope Davis, Robert Gossett Hinweise Rotten Tomatoes über „Arlington Road“
Wikipedia über „Arlington Road“ (deutsch,englisch)
Mit „Foxcatcher“ kommt der nächste, für mehrere Oscars nominierte Film in unsere Kinos. Fünf insgesamt. Bennett Miller, der als bester Regisseur nominiert ist, inszenierte vorher das grandiose Biopic „Capote“ (über Truman Capote und seine Recherche zu „In Cold Blood“) und das Baseball-Biopic „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“. Auch bei seinem neuen Film „Foxcatcher“ bleibt er in der Welt des Sports. Dieses Mal ist es Ringen und auch ein True-Crime-Drama, das reichlich frei die Vorgeschichte zu einen in den USA bekanntem und spektakulärem Mordfall erzählt. Denn „Foxcatcher“ erzählt – ich folge jetzt der Filmgeschichte – die Geschichte der Wrestling-Brüder Mark (Channing Tatum) und Dave Schultz (Mark Ruffalo, nominiert als bester Nebendarsteller), die 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles jeweils Gold erhielten, und ihrer Beziehung zu John du Pont (Steve Carell, nominiert als bester Hauptdarsteller). Er gehört zur Du-Pont-Dynastie, die ihr Vermögen mit Sprengstoff für das Militär machten und eine der reichsten Familien der USA ist. Von normalen Sorgen enthobener Geldadel eben. Seine Zeit investiert John du Pont in exzentrische Hobbys, die Pflege seines Images und er kämpft um die Achtung seiner Mutter (Vanessa Redgrave); was vergebliche Liebesmüh ist, weil John du Pont nicht den Reitstall seiner Mutter übernehmen will und sie für seine Hobbys nur Verachtung übrig hat. Seine neueste Idee, die er mit manischer Begeisterung verfolgt, ist ein eigenes Wrestling-Team, das von Mark Schultz geleitet wird. Sein Ziel ist Gold bei der nächsten Olympiade.
Als das Training stockt, holt er Dave Schultz, den Bruder von Mark, auf sein Anwesen, auf dem die Ringer frei von finanziellen Sorgen trainieren können. Mark, der sich endlich von seinem Bruder emanzipieren will, ist damit nicht einverstanden. Dennoch raufen die beiden Brüder sich zusammen und das Team „Foxcatcher“ (so der ihm von du Pont gegebene Name) fährt 1988 zu den Olympischen Spielen nach Seoul.
Diese Geschichte endet – Das ist jetzt kein Spoiler. -, indem John du Pont Dave Schultz erschießt und für diese Tat auch zu einer langjährigen Haftstrafe (dreizehn bis dreißig Jahre) verurteilt wird. John du Pont starb im Dezember 2010 im Gefängnis, aber das sehen wir nicht mehr.
Der Film endet vor der Verhandlung und das könnte, immerhin ist die Atmosphäre in „Foxcatcher“ immer schön unangenehm, die klinische Studie eines geistig kranken Milliardärs sein. Oder halt die Geschichte von seinem neuesten Projekt, das sich zu einem Misserfolg entwickelt. Oder, immerhin wird Mark Schultz am Anfang als Protagonist eingeführt, die Geschichte einer versuchten Verführung, indem ihm Geld und Ruhm angeboten werden. Oder über die Beziehung der beiden Schultz-Brüder zueinander. Alles das spricht Regisseur Bennett Miller an, ohne dass er sich jemals für eine Geschichte entscheidet. Was in diesem Fall dazu führt, dass man eher mäßig interessiert die schleppend inszenierte Handlung verfolgt.
So verschwindet die Anfangs breit eingeführte Geschichte der beiden Brüder irgendwann aus der Filmgeschichte. Die olympischen Kämpfe, auf die Foxcatcher-Mannschaft so lange hin trainierte, werden so knapp und lieblos gezeigt, dass es vollkommen unklar ist, ob und welche Medaillien sie gewonnen haben.
In diesen Momenten wird dann du Pont wichtiger, aber der Mord an Dave Schultz am Ende des Films kommt dann ohne Vorwarnung als Affekttat. Eine Affekttat, die im Film so aussieht, als sei du Pont, nachdem das von ihm geförderte Team die Olympiade nicht gewann, die Person tötet, die dafür verantwortlich ist. Nämlich den Trainer der Mannschaft. Und als I-Tüpfelchen will Dave Schultz den Tag nicht mit ihm, sondern mit seiner Familie verbringen.
In Wirklichkeit lagen zwischen der Olympiade und der Tat acht Jahre. Und John du Pont war, laut medizinischer Diagnose, ein paranoider Schizophrener.
Dieser durchgehend laxe Umgang mit den Tatsachen verärgert. Denn Miller und die Drehbuchautoren E. Max Fry und Dan Futterman (ebenfalls Oscar-nominiert) behaupten hier Kausalitäten, Beziehungen und Konflikte, die es so nicht gab. „Foxcatcher“ ist nur von wahren Ereignissen inspiriert und schafft dabei einen interessanten, aber auch idiotischen Spagat: einerseits wurde sich bei Details viel Mühe gegeben, andererseits ist der zentrale Konflikt – die Dreiecksbeziehung zwischen den Schultz-Brüdern und du Pont – erfunden und, obwohl eindeutige Erklärungen vermieden werden (was kein Problem sein muss. Etwas Ambivalenz schadet nie.), legt die Anordnung des Materials wiederum Erklärungen nahe, die so einfach falsch sind. Und das ist dann, wenn man die Hintergründe kennt, ein großes Problem. Vor allem weil die Tatsachen mehr als genug Stoff für mehrere Filme hergeben.
Da helfen die guten Schauspieler und die Kamera nicht weiter. So ist Steve Carell hinter der Maske kaum erkennbar und er spielt weitab von seinen Komödienrollen einen beziehungsgestörten Egomanen, der sich nach Liebe sehnt und die Empathie eines Eisklotzes versprüht. Er ist kein Mensch, mit dem man länger als nötig in einem Raum sein möchte. Auch seine Mutter, Vanessa Redgrave in einer prägnanten Nebenrolle, ist in ihrem Snobismus ebenso unangenehm. Sie ist, abgesehen von seiner Schizophrenie, in jeder Beziehung das Vorbild für ihren Sohn.
Oder der erste Ringkampf zwischen den Brüdern Mark und Dave, der ohne Worte alles über ihre Beziehung verrät und der erst gegen Ende, wenn er sich von einem Training zu einem Kampf entwickelt, öfter geschnitten wurde. Das ist großes Kino.
„Foxcatcher“ hat noch einige solcher eindrucksvollen Szenen, aber er kann sich nicht entscheiden, welche Geschichte er erzählt und, ohne Vorwissen, fühlt man sich wie in einem Alptraum. Leider keinem besonders interessanten.
Wenn man sich allerdings in die historischen Hintergründe vertieft, fragt man sich, warum Miller sich nicht an die Tatsachen hielt, sondern eine ziemlich erfundene Geschichte erzählt, die er als Wahrheit verkauft.
Arte, 20.15 5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz‘ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy Hinweise
Wie zeige ich Computercodes, das Internet und den Cyberkrieg? Schwierig, aber in den vergangenen Jahren gab es ja einige interessante Ideen. Michael Mann, einer der stilprägenden und stilistisch überzeugendsten Regisseure der verganenen Jahrzehnte, stand in seinem neuen Thriller „Blackhat“ ebenfalls vor der Frage. Denn in dem Film geht es um den Cyberwar, einen skrupellosen Gangster und zwei Männern, die gegen ihn kämpfen.
Es beginnt mit Angriffen auf das Chai Wan Atomkraftwerk in Hong Kong und die Börse in Chicago. Den ersten Angriff zeigt Michael Mann in einer atemberaubenden Montage, in der die Kamera sich von China durch Datenleitungen und Computer zu einem weit entfernten Ort rast, wo die Kamera sich aus einem Computer heraus in das Zimmer bewegt, in dem der Verbrecher, mit einem Tastendruck seine Schadsoftware losschickt. Beim zweiten und dritten Verwenden dieser Montage fällt dann vor allem die bescheidene Animation auf. Die restliche Zeit lässt Mann, wenn er die Computerspezialisten bei der Arbeit beobachtet, dann Männer angestrengt auf Bildschirme blicken (langweilig!) und zeigt einen mit grünen Buchstaben, Zahlen und Ziffern gefüllten schwarzen Bildschirm. Das ist noch langweiliger (jaja, in der Wirklichkeit ist das so) und erinnert an die Uralt-Cybercrimethriller aus den Achtzigern und Neunzigern, die heute sogar durch die nostalgische Brille betrachtet, nur langweiliger Unfug sind. Und genau das ist „Blackhat“: langweiliger Unfug, der gerade so die Qualität eines passablen, aber verzichtbaren B-Pictures erreicht, das sich mit einer sattsam bekannten Story einfach an ein aktuelles Thema, wie Drogenhandel, Terrorismus oder halt Cybercrime, ranhängt. Da hilft es auch nichts, dass Computerexperten sich über die richtige Verwendung von Fachbegriffen und der richtigen Darstellung von Abläufen freuen.
Denn der Plan des extrem blassen und austauschbaren Bösewichts ist hirnrissig, sichert ihm aber die uneingeschränkte Aufmerksamkeit aller Sicherheitsbehörden von zwei normalerweise miteinander verfeindeter Weltmächte. Als erstes jagt er ein AKW in die Luft. Danach manipuliert er die Börse. Das waren die unauffälligen Testläufe seiner Software. Sein nächstes Ziel bleibt lange im Dunkeln, aber unsere tapferen Helden entdecken es mit einer Sherlock-Holmes-würdigen Deduktion.
Der Held, gespielt von Chris Hemsworth, ist der Super-Supermann: der beste Hacker der Galaxis, sportlich, an allen möglichen und unmöglichen Waffen ausgebildet, philosophisch bewandert und ein echter Frauenheld, der sich in die sexy Schwester von seinem Unifreund verliebt. Der Unifreund, ebenfalls ein begnadeter Hacker, Chinese und jetzt im Staatsdienst, will bei der Jagd nach dem unbekannten Saboteur unbedingt seinen alten Kumpel Nick Hathaway haben. Denn ein Teil der Schadsoftware wurde von Hathaway an der Uni, als kleine Entspannungsübung, geschrieben.
Dieses Dreieck von zwei miteinander befreundeten Männern und einer Frau erinnert an „Miami Vice“. Sowieso wirkt „Blackhat“ oft wie „Miami Vice 2“, der allerdings nie die hypnotische Qualität erreicht, die „Miami Vice“ in seinen besten Momenten hatte. „Miami Vice“ ist allerdings auch ein eher konfuses Remake der TV-Serie mit einem größeren Budget, aber ohne neue Erkenntnisse.
Auch all die anderen vertrauten Michael-Mann-Elemente sind da: die Männerfreundschaften, die dünne Grenze zwischen Gut und Böse, die Beziehungen der Charaktere zueinander, die tollen Bilder (allerdings viel zu wenige; meistens sind es eben Nahaufnahmen von Menschen, die in Räumen an Schreibtischen sitzen), die Musik. Aber immer wirkt es wie eine Pflichtübung.
Die Story ist eine Ansammlung von Klischees, die wir aus besseren Filmen kennen. Denn „Blackhat“ kann sich nie entscheiden, was in welchem Tonfall seine Geschichte erzählt werden soll. So schwankt der Film unentschlossen zwischen einem realistichen Hackerkrimi, einem eskapistischer James-Bond-Film, einem Neo-Noir, der dieses Mal vor exotischer Kulisse spielt, und, gegen Ende, einem Gangsterthriller.
Und diese Filmgeschichte ist – trotz des realen Hintergrundes und den stimmigen Details – unglaubwürdig. Eigentlich verharmlost sie in der Post Snowden-Ära die realen Gefahren des Cyberkriegs, indem die altbekannte Geschichte von dem Einzelgänger, der im Alleingang den Bösewicht (der als Handlanger einige Terroristen und Söldner hat) in einer ganz und gar irdischen Konfrontation besiegt. Sozusagen: Nick Hathaway gegen Doktor Mabuse.
Das ist nicht besonders beeindruckend.
Einige Spötter meinten, es sei eine vollkommen bescheuerte Idee von Warner Brothers gewesen, „Jupiter Ascending“ während des Sundance Festivals der Welt zu präsentieren. Naja, die Welt bei der Premiere war dann ein kleiner Kinosaal (knapp 300 Sitzplätze), der spartanisch gefüllt war und sich während der Vorführung leerte. Was keinen Außenstehenden ernsthaft verwunderte: ein Mainstreamfilm, ein Big-Budget-Science-Fiction-Abenteuer, das 175 Millionen Dollar gekostet haben soll, selbstverständlich in 3D gezeigt wird, und schon dessen Plot-Synopse eher ein jüngeres Publikum anpeilt, vor einem Arthaus-Publikum zu präsentieren, das vor allem Filme ohne Stars (oder Stars ohne Schminke), ohne Hollywood-Plot und ohne Budget liebt; das kann ja nur schief gehen.
Aber auf Festivals werden Filme ja oft ungerecht behandelt.
Das ändert allerdings nichts daran, dass, nach dem durchaus sehenswertem „Cloud Atlas“ der Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer, „Jupiter Ascending“ ein einziger Murks ist. Das beginnt schon mit dem konfusen und sinnfreien Plot. Jupiter Jones (Mila Kunis) ist eine junge, auf der Erde als Putzfrau lebende Schönheit. Sie erfährt, dass sie von königlichem Geblüt und designierte Thronfolgerin einer das gesamte Weltall beherrschenden Dynastie ist. Deshalb wollen irgendwelche Aliens sie töten. Ein anderer Alien, der wie Channing Tatum mit spitzen Ohren aussieht, rettet sie. Er hat supercoole Schuhe, die ihn, wenn er mit ihnen scheinbar schwerelos, einen langen Schweif hinter sich herziehend, durch die Nacht surft, zu einem Nachfolger von Silver Surfer machen. Er heißt Caine und er will die junge Majestät retten.
Nach einigen epischen Schlachten verlässt die Filmgeschichte endgültig die Erde und es gibt einen verwirrenden, aber auch komplett uninteressantes Intrigantenstadel über Jupiter und die Erde, die Teil von irgendwelchen königlichen Erbmassen ist. Dazwischen gibt es einige Kämpfe, die vor allem dazu dienen, die Qualitäten des edlen Ritters bei der Rettung der jungen Dame aus gefährlichen Situation, wie einer Heirat, zu zeigen.
Dieser Teil des Films spielt in Kulissen, die an die alten Sandalenfilme erinnern, die ja alle irgendwie bei den alten Ägyptern, Griechen und Römern spielten und die, wenn das Budget hoch genug war, von einer gediegenen und schon vor einem halben Jahrhundert muffigen Ernsthaftigkeit lebten. Auch die damaligen Palastintrigen waren nur mäßig interessant. Vor allem wenn endlos lange darüber geredet wurde. Und in „Jupiter Ascending“ wird endlos geredet. In wallenden Gewändern. Mit einer Hofgarde, die teils aus einem schlechten SM-Porno übernommen wurde, teils mutierte Dinosaurier aus dem CGI-Department sind.
In diesen Momenten fragte ich mich, warum uns in jeder Beziehung weit überlegene Rassen sich immer so mediterran anziehen müssen und sich architektonisch an längst untergegangenen Kulturen orientieren. Können Sie uns nicht neue Welten, die noch kein Mensch je gesehen hat, zeigen?
Zwischen dem Gequatsche gibt es dann nett anzusehende Action, die zu ungefähr hundert Prozent aus dem Computer kommt und die eher verwirrend als mitreisend geschnitten ist.
Und dann gibt es noch eine witzig gemeinte Szene, in der Jupiter Jones eine außerirdische Einwanderungsbürokratie über sich ergehen lassen muss. Das sieht wie ein Mix aus Kafka und „Brazil“ Terry Gilliam (der in dieser Szenen seinen Mini-Auftritt hat) aus, ist aber weder kafkaesk, noch satirisch, sondern nur absurd in der Fähigkeit, eine in den restlichen Film vollkommen unpassende Szene einzufügen. Witzig ist es auch nicht.
Es ist kaum zu glauben, dass Andy und Lana (früher Larry) Wachowski mit ihren ersten beiden Filmen „Bound“ und „Matrix“ spannende Genrevarianten lieferten und mit „Matrix“ sogar eine neue Welt schufen, die stilprägend war. Ihr neuester Film knüpft nur an die alten, ungleich gelungeneren und kurzweiligeren Science-Fiction-Space-Operas an. Also an „John Carter zwischen zwei Welten“ (die Romanvorlage wurde in den vergangenen hundert Jahren filmisch so weit geplündert, dass der Kinofilm wie ein Remake der anderen Filme aussah), „Flash Gordon“ (in jeder Inkarnation) und die Original-„Krieg der Sterne“-Filme. Geremixt mit den Monumentalfilmen, die wir aus dem Nachmittagsprogramm kennen. „Quo Vadis“, „Cleopatra“, „Land der Pharaonen“, „Die letzten Tage von Pompeji“, „Der Koloß von Rhodos“ und so Zeug, das man nicht unbedingt zweimal sehen will.
„Jupiter Ascending“ ist nur alter Wein in alten Schläuchen. Garniert mit besseren Spezialeffekten, aber gänzlich ohne Humor. Während des ganzen Films ist ein pathetischer Ernst am Werk, der höchst selten wenigstens die Dimension des unfreiwilligen Humors erreicht.
Dafür wird in dieser pubertären Fantasie ein bekanntes Klischee nach dem nächsten bedient. Es gibt nicht einmal eine Brechung oder einen überraschenden Moment, wie das lesbische Liebespaar in „Bound“. Schon das Wechseln der Geschlechter der Hauptcharaktere, ein homoerotischer oder lesbischer Kontext hätten dieser alten Geschichte Esprit verliehen. Aber noch nicht einmal dieses Quentchen Mut bringen die Wachowski-Geschwister im Moment auf.