ARD, 20.15 Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat(Deutschland 2013, Regie: Daniel Harrich)
Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich
Oktoberfest 1980: Bei einem Anschlag sterben 13 Menschen. 211 werden verletzt. Als Einzeltäter wird Gundolf Köhler, der bei dem Attentat starb, identifiziert. Dass der Student auch Mitglied der Wiking-Jugend und der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann war, ist egal. Aber Radioreporter Ulrich Chaussy stellt Fragen.
Das passiert selten: dem durchwachsenen Politthriller gelang es, das Oktoberfestattentat wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen und auch neue Ermittlungen zu initiieren. Denn die Einzeltäterthese war schon immer umstritten.
Im Anschluß, um 21.45 Uhr, läuft die spielfilmlange Doku „Attentäter – Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat“ von Daniel Harrich. In ihr erzählt er, was nach der Premiere des Films geschah und welche neuen Fakten seitdem bekannt wurden. Denn der Film stieß neue Ermittlungen über das Oktoberfestattentat durch den Generalbundesanwalt an.
ZDFneo, 00.10 Low Winter Sun: 24 lange Stunden (USA 2013, Regie: Ernest Dickerson)
Drehbuch: Chris Mundy (basierend auf „Low Winter Sun“ von Simon Donald)
Detroit: Frank Agnew (Mark Strong) und Joe Geddes (Lennie James) bringen ihren korrupten, alkohlsüchtigen Kollegen Brendan McCann, der Agnews Freundin ermordet haben soll, um und lassen es wie einen Suizid erscheinen. Als in McCanns Auto eine verstümmelte Leiche gefunden wird, soll Agnew die beiden Morde aufklären. Dabei war der Verstümmelte ein Informant für den internen Ermittler Simon Boyd (David Costabile), der gegen McCann ermittelte. Und Agnew fragt sich, wie sehr er Geddes, der seit vier Jahren der Partner von McCann war, trauen kann.
„Low Winter Sun“ ist das Remake des gleichnamigen englischen TV-Films von 2006, in dem Mark Strong ebenfalls die Hauptrolle spielte. Aber aus dem Zweistünder wurde jetzt eine zehnteilige TV-Serie, die sich viel Zeit für ihre Charaktere und ihre Verwicklungen nehmen kann. Denn hier hat jeder mindestens einen Grund, seinen Partnern zu misstrauen. Die ersten beiden Folgen machen jedenfalls neugierig.
ZDFneo zeigt die düstere Serie zu einer unchristlichen Zeit, aber dafür immer nur eine Folge.
Mit Mark Strong, Lennie James, James Ransone, Sprague Grayden, Athena Karkanis, Ruben Santiago-Hudson, David Costabile, Billy Lush Hinweise ZDFneo über „Low Winter Sun“ Rotten Tomatoes über „Low Winter Sun“
Wikipedia über „Low Winter Sun“ (deutsch, englisch) Crime Time Preview über „Low Winter Sun“
ZDF, 22.15 Savages – Im Auge des Kartells (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
Chon und Ben stellen Super-Heroin her und mit Ophelia leben sie in Laguna Beach in einer offenen Dreierbeziehung. Alles ist in bester Ordnung, bis ein mexikanisches Drogenkartell (angeführt von einer Frau) bei Chon und Ben einsteigen möchte und die beiden Jungs das Angebot nicht annehmen, sondern aus dem Drogengeschäft aussteigen wollen.
Don-Winslow-Verfilmung, die nicht als Ersatz, sondern als Anreiz zur Romanlektüre dienen sollte. Denn „Savages“ ist zwar kein wirklich schlechter Film, aber eine letztendlich enttäuschende Don-Winslow-Verfilmung. Warum habe ich hier ausführlicher begründet (und dort gibt es auch noch einige Clips).
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile Hirsch
Wiederholung: Mittwoch, 4. Februar, 00.20 Uhr (Taggenau!)
Arte, 20.15 Hafen im Nebel (Frankreich 1938, Regie: Marcel Carné)
Drehbuch: Jacques Prévert
LV: Pierre Mac Orlan (geboren als Pierre Dumarchais): Quai des brumes, 1938 (Hafen im Nebel)
In Le Havre wartet der Deserteur auf sein Schiff in die Freiheit. Da verliebt er sich in die schöne Nelly, die allerdings auch von einem Gauner und ihrem Vormund begehrt wird.
Ein auch heute noch absolut sehenwerter Filmklassiker, ein Welterfolg des „poetischen Realismus“ und manchmal wird „Hafen im Nebel“ auch in den Noir-Kanon aufgenommen. Ratet mal warum.
Mit Jean Gabin, Michèle Morgan, Michel Simon, Pierre Brasseur Wiederholungen
Donnerstag, 5. Februar, 14.05 Uhr
Mittwoch, 11. Februar, 14.10 Uhr
Montag, 16. Februar, 13.55 Uhr Hinweise Arte über „Hafen im Nebel“ Rotten Tomatoes über „Hafen im Nebel“
Wikipedia über „Hafen im Nebel“ (deutsch,englisch)
A History of Violence (USA/Kanada 2005, Regie: David Cronenberg)
Drehbuch: Josh Olson
LV: John Wagner/Vince Locke: A History of Violence, 1997 (Graphic Novel)
Tom Stall ist ein gewöhnlicher Schnellrestaurantbesitzer irgendwo in Indiana. Als zwei Killer sein Restaurant ausrauben wollen, tötet er sie im Affekt. Danach ist er der Held des Tages und zwei Mafiosi aus Philadelphia tauchen auf. Sie behaupten, Tom von früher zu kennen. Damals war er ein Mafiakiller und der Philly-Mob habe noch eine Rechnung mit ihm offen.
Ein eiskaltes, klar strukturiertes Noir-Drama von Cronenberg, der hier eine altbekannte Genregeschichte und gleichzeitig viel mehr erzählt.
Das Drehbuch von Josh Olson war für den Edgar-Allan-Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert. „Syriana“ erhielt die Trophäe.
David Cronenbergs neuester Film „Maps to the Stars“ erscheint am 23. Februar (Verleih) und am 3. März (Kauf) auf DVD und Blu-ray mit, unter anderem, etlichen Interviews mit den Hauptdarstellern, Autor Bruce Wagner und David Cronenberg .
Mit Viggo Mortensen, Maria Bello, Ed Harris, William Hurt
Zuerst einige Fakten:
„Los Ángeles“ ist das Spielfilmdebüt des in Boulder, Colorado, geborenen Damian John Harper. Vorher drehte er einige Dokumentar- und Kurzfilme. Vor seinem Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF) studierte er Anthropologie. Nach seinem Studienabschluss im Jahr 2000 ging er als Ethnologe für ein Jahr nach Santa Ana Del Valle, einem Dorf in der Provinz Oaxaca im Süden Mexikos. Für „Los Ángeles“ kehrte er nach Santa Ana Del Valle zurück und drehte, mit Dorfbewohnern, einen Film, dessen Geschichte mit dem Ort und seinen Bewohnern verwurzelt ist.
„Los Ángeles“ wurde vom ZDF Das kleine Fernsehspiel coproduziert. Auch die anderen Geldgeber haben deutsche Anschriften. Das erklärt, warum ein Film eines US-Amerikaners, der in Mexiko gedreht wurde und in dem Spanisch und Zapotekisch, der Dorfdialekt, gesprochen werden, als deutsche Produktion firmiert. Und wenn sie demnächst im Fernsehen gezeigt wird, wird sie im Rahmen des Kleinen Fernsehspiels ausgestrahlt werden. Also an einem Montagabend nach Mitternacht.
„Los Ángeles“ erzählt die Geschichte des siebzehnjährigen Mateo, der aus seinem Dorf nach Los Angeles, der Chiffre für ein besseres Leben, aufbrechen will. Von dort aus will er seine Familie unterstützen. Der Weg dorthin ist gefährlich und lang und in Los Angeles kann man nur als Mitglied einer Gang überleben.
Der Film erzählt nicht die Geschichte der Reise, sondern was vor der Reise geschieht. Und diese Geschichte wurde schon oft erzählt. Oft auch besser. Denn um in Los Angeles überleben zu können, muss Mateo sich schon im Dorf einer Verbrecherbande anschließen, die ihn dann in der Großstadt beschützen kann. Um ein vollwertiges Mitglied der Bande zu werden, muss er drei Mutproben absolvieren. Die erste ist noch einfach. Als er ein Mitglied einer gegnerischen Bande töten soll, zweifelt Mateo.
Diese Initiationsgeschichte mit den sich betont wie US-Ghettogangster gebenden mexikanischen Verbrechern ist nie glaubwürdig. Die Kleinstadtgangster wirken immer wie eine Gruppe großmäuliger Raudis. Dass Mateo schon im Dorf ein Mitglied dieser Verbrecherbande werden muss, um in Los Angeles überleben zu können, wirkt immer wie eine Drehbuchanweisung, um die angedachte Migrationsgeschichte (immerhin spielt der gesamte Film in dem Dorf) und Gangsterdrama zusammenzufügen. Vor allem angesichts der letzten Minuten wird diese Konstruktion noch offensichtlicher. Und natürlich stellt sich von der ersten Minute an die Frage, was das für ein Paradies ist, in dem man nur als Gangmitglied überleben kann.
Diese Geschichte stört auch immer wieder den quasi dokumentarischen Blick auf die Bewohner und die Sozialstrukturen in Santa Ana Del Valle, einem noch stark den Traditionen verhaftetes Dorf mit ärmlich lebenden Bewohnern. Aber sie werden immer wieder in eine Geschichte gepresst, die eher Genreanforderungen genügt, die Harper dann doch nicht erfüllen will.
So ist „Los Ángeles“ ein Zwitter, der Erwartungen weckt, die er dann nicht erfüllt. Für einen Genrefilm ist Mateos Geschichte zu langatmig und zu klischeetriefend. Für einen Arthouse-Film schielt Regisseur Harper zu sehr in Richtung Gangsterfilm. Für eine ethnographische Studie eines Dorfes ist der Film dann zu sehr auf fehlgeleitete Thrills bedacht.
Wobei ich auch kein Freund dieser Geschichten bin, in denen der Protagonist während des gesamten Film in seinem Heimatort darüber räsoniert, dass er das Dorf unbedingt verlassen muss und es am Ende, nach einem zufälligem Ereignis (meist ein Unfall), dann auch tut. Wenn er nicht bei diesem Unfall stirbt.
Man stecke ein gutes Dutzend Männer in ein U-Boot, lege einen Goldschatz zwischen sie – und man hat die Ausgangslage für einen spannenden Abenteuerfilm in der Tradition von „Der Schatz der Sierra Madre“.
Auch in Kevin Macdonalds „Black Sea“ treibt die Gier die Männer zu mörderischen Taten und wir können uns, im trockenen Kinosaal, über einen spannenden Abenteuerfilm freuen. Jude Law, das berühmteste Besatzungsmitglied, spielt Robinson. Der U-Boot-Kapitän wurde kürzlich mit einer Minimalabfindung entlassen. Seine Frau und sein Kind haben ihn schon vor Längerem wegen seiner Arbeit verlassen. Jetzt steht er vor dem Nichts. Denn so gut er fast dreißig Jahre als Seemann war, so lebensunfähig ist er auf dem Land. Und seine Fähigkeiten als U-Boot-Kapitän sind ebenso überflüssig.
Da erfährt er von einem Nazi-Goldschatz, der in einem U-Boot im Schwarzen Meer vor der georgischen Küste liegen soll. Die Lage des Nazi-U-Bootes ist bekannt, aber wegen Grenzstreitigkeiten mit Russland wird der Schatz in absehbarer Zukunft nicht gehoben werden. Wenn er, so denkt er sich, mit einigen anderen Seeleuten, die auf dem dysfunktionale Trinker sind, ein U-Boot findet, könnten sie unter Wasser zu dem gesunkenen U-Boot fahren, das Gold bergen und wieder verschwinden. Eine einfache Sache, vor allem nachdem sie einen Finanzier gefunden haben und ein altes sowjetisches U-Boot gekauft haben. Die britisch-russische Besatzung macht sich, begleitet von einem Aufpasser ihres Geldgebers, auf den Weg – und natürlich gibt es schnell Ärger an Bord. Die Engländer und die Russen, die sich nicht miteinander verständigen könne, hassen sich immer noch so abgrundtief wie zu den Zeiten des Kalten Krieges. Und wenn einige Besatzungsmitglieder die Fahrt nicht überleben, bekommen die anderen mehr von dem Gold.
Der hochgelobte und Oscar-geehrte Dokumentarfilmer und Spielfilm-Regisseur Kevin Macdonald („Der letzte König von Schottland“, „State of Play – Stand der Dinge“) bedient sich auch in „Black Sea“ einem dokumentarischem Ansatz, wozu auch der britisch-russische Cast gehört, um über die Folgen von Gier und Dummheit zu erzählen. Denn die Männer im U-Boot sind oft ihr eigener schlimmster Feind. Macdonald erzählt das sehr straff, mit einigen überraschenden Wendungen und ein, zwei fraglichen Drehbuchentscheidungen, die aber die Spannung nicht beeinträchtigen und die Qualität des Unterwasser-Thrillers nicht mindern.
Und natürlich erinnert „Black Sea“, positiv gemeint, an ältere Filme, die mehr oder weniger das gleiche Thema behandelten, wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“, „Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft auch alle als Inspiration genannt werden) und auch „Alien“. Denn es ist wirklich einerlei, ob man im Weltraum oder im Wasser gegen ein scheinbar unbesiegbares Monster kämpft. Fraglich ist nur, ob Robinson oder Ripley gegen das schlimmere Monster kämpft.
„Black Sea“ ist ein sehenswerter Unterwasser-Abenteuerthriller mit einem für heutige Verhältnisse pessimistischem Ende.
3Sat, 22.35 Bound – Gefesselt(USA 1996, Regie: Larry Wachowski, Andy Wachowski)
Drehbuch: Larry Wachowski, Andy Wachowski
Violet ist die Geliebte des Mafiakillers Caesar. Corky ist frisch aus dem Knast entlassen, arbeitet als Handwerkerin und hat immer noch exzellent funktionierende kriminelle Reflexe. Dennoch (oder gerade deswegen) funkt es gewaltig zwischen Corky und Violet. Sie beschließen Caesar, der auf zwei Millionen Dollar aufpassen soll, zu bestehlen.
Das Debüt der Wachowski-Brüder ist ein toller Noir voller Spannung, Erotik und Witz. Mit einigen überraschenden Wendungen.
Danach drehten die Wachowskis „Matrix“ und der Rest ist Geschichte. Wenn auch keine ungebrochene Erfolgsgeschichte. Immerhin war „Cloud Atlas“ interessant. Ihr neuester Film „Jupiter Ascending“ startet, nachdem er im Sommer kurzfristig verschoben wurde, am 5. Februar.
mit Jennifer Tilly, Gina Gershon, Joe Pantoliano, John P. Ryan, Christopher Meloni, Richard C. Sarafian Wiederholung: 1.Februar, 02.55 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Bound – Gefesselt“
Wikipedia über „Bound – Gefesselt“ (deutsch, englisch)
Ich glaube, bei „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ kann ich es kurz machen.
Obwohl – als ich das das letzte Mal sagte, hatte ich danach eine Seite geschrieben und hatte noch lange nicht alles gesagt.
Aber wer die vergangenen Monate nicht nur mit dem Ansehen von Marvel-Trailern verbrachte, hat von „Birdman“ gehört. Seit einigen Wochen sammelt die Komödie verdient einen Preis nach dem nächsten ein. Denn Alejandro González Iñárritu gelingt ein wunderschön schwereloser Film, der ernst und witzig und philosophisch ist und einen Einblick in das Film- und Theatergeschäft liefert, der gerade durch die hochkarätige Besetzung an Würze gewinnt.
Dabei ist der Hauptplot denkbar einfach: Riggan Thomson, ein alternder Hollywood-Star, will mit einem ambitionertem Broadway-Theaterstück, das auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „What we talk about, when we talk about love“ basiert, seine darbende Karriere wieder auf die richtige Spur setzen. Iñárritus zweistündige Tour de Force ist eine Chronik der letzten Tage und Stunden vor der Aufführung, wenn die Emotionen hochkochen und die Zweifel groß sind.
Riggan war in Hollywood ein Star, als er vor Jahrzehnten Birdman spielte. Birdman ist ein erfundener Superheld. Noch heute wird Riggan für diese kindische Rolle von seinen Fans verehrt. Und Birdman ist Riggans Alter Ego, das ihm immer wieder, ungefragt, die Leviten liest und die Regieambitionen von Riggan am St. James Theater für ausgemachten Blödsinn hält.
Batman ist dagegen im filmischen Kosmos ein höchst realer Superheld und Riggan-Darsteller Michael Keaton war 1989 und 1992 in den beiden „Batman“-Filmen von Tim Burton als Batman-Darsteller ganz oben in Hollywood. Seitdem konnte er an diese Erfolge nicht mehr anknüpfen. Zuletzt trat er in prägnanten Nebenrollen auf, die den Film bereichterten, aber in der Werbung nicht groß angekündigt wurden und wegen Keaton ging niemand in „RoboCop“ oder „Need for Speed“. Da kann man schon darüber nachdenken, wieviel die Filmrolle mit dem echten Michael Keaton zu tun hat.
Als Hauptdarsteller hat Riggan den als extrem schwierig geltenden Mike Shiner engagiert, der es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hat, als Diva das gesamte Universum um sich herum kreisen zu lassen und dem Regisseur und den Geldgebern mindestens einen Nervenzusammenbruch zu bescheren. Nicht pro Produktion, sondern an jedem Tag. Aber beim Publikum ist er beliebt. Er kann eine Produktion zum Erfolg machen. Beim Publikum und bei der Kritik.
Gespielt wird Mike von Edward Norton, der unbestritten einer der besten Schauspieler seiner Generation ist und der in Hollywood als extrem schwierig gilt. Einige seiner Streitereien mit Produzenten und Regisseuren sind allgemein bekannt. Ich sage nur „American History X“ und „Der unglaubliche Hulk“.
Die anderen Schauspieler, obgleich prominent, sind nicht so sehr auf ein bestimmtes Image und Rolle festgelegt.
Und dann, wenn man es nicht weiß, fällt es einem erst ziemlich spät auf: Alejandro Iñárritu erzählt den Film ohne einen sichtbaren Schnitt. Wenn eine längere Zeitspanne vergeht, gibt es Zeitrafferaufnahmen vom Himmel, aber ansonsten bewegt sich die Kamera scheinbar schwerelos durch den Raum, ohne dass jemals ein Found-Footage-Gefühl entsteht oder die Wackelkamera nervt. Emmanuel Lubezki, unter anderem die Alfonso-Cuarón-Filme „Gravity“ und „Children of Men“ (wo er schon extrem lange, ungeschnittene Action-Szenen drehte) und die Terrence-Malick-Filme „To the Wonder“, „Tree of Life“ und „The new World“, gebührt hier die Ehre, etwas scheinbar unmögliches möglich gemacht zu haben.
Nachdem ich jetzt schon das Drehbuch, die Schauspieler, die Kamera und die Regie abgefeiert habe, muss ich auch etwas zur Musik sagen, die zu den besten Filmmusiken der vergangenen zwölf Monate gehört. Normalerweise soll die Filmmusik ja nur die Handlung unterstützen und sie nicht stören. Die Musik ist von Antonio Sanchez, einem Mitglied verschiedener Gruppen von Jazzgitarrist Pat Metheny. Er spielte am Schlagzeug eine Filmmusik ein, die banal gesagt wie eine Mischung aus der Übungsstunde eines Jazz-Drummers und freien Improvisationen klingt. Sie drängt sich immer wieder in der Vordergrund; vor allem wenn im Kopf von Riggan mal wieder alles drunter und drüber geht. In diesen Momenten verdeutlich das entfesselte, atonale Free-Jazz-Drumming akustisch, was Riggan fühlt: Chaos mit einer darunterliegenden Ordnung. Und, weil Sanchez seine Improvisationen bereits vor dem Dreh einspielte, verwandte Iñárritu sie beim Dreh, um den Schauspielern den Rhythmus der Szene zu verdeutlichen.
Sanchez‘ Soundtrack ist inzwischen für zehn Filmpreise nominiert (unter anderem den Golden Globe) und zehn Preise hat er schon erhalten.
„Birdman“ ist für neun Oscars nominiert (bester Film, bester Hauptdarsteller, bester Nebendarsteller, beste Nebendarstellerin, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, bester Ton und bester Tonschnitt). Für 149 weitere Preise ist er momentan nominiert und bis jetzt erhielt die wundervoll kurzweilige, vor kindlicher Entdeckerfreue und Experimentierfreude sprudelnde Komödie schon 129 Preise.
John Wick ist ein Rentner. Er lebt in einem großen Haus, hat einen Hund und trauert.
Er war verheiratet – und ein Killer. Nicht im Auftrag einer Regierung, sondern für die andere Seite.
Als Iosef Tarasov, der nichtsnutzige Sproß eines russischen Oligarchen, Johns 1969er Boss Mustang klaut und Johns Beagle Daisy, ein Geschenk seiner verstorbenen Frau, tötet, hat der junge Tarasov die Büchse der Pandora geöffnet. Denn John Wick wird seinen Hund rächen und dabei keine Gefangenen machen, weshalb die Mordrate in New York ungeahnte Höhen erreicht.
Das klingt jetzt nach dem nächsten, billig heruntergekurbeltem B-Actionfilm mit einer sattsam bekannten Rachegeschichte nach Schema F und so ganz falsch ist dieser Verdacht auch nicht. Denn letztendlich ist „John Wick“ ein wortkarger Actionfilm, der nie mehr als ein schlanker Actionfilm sein will. Nach hundert Minuten hat das Morden ein Ende. Allerdings ist der Film mit Keanu Reeves als John Wick und Michael Nyqvist, Willem Dafoe, John Leguizamo, Ian McShane, Adrianne Palicki und Bridget Moynahan verdammt gut besetzt und von Regiedebütant Chad Stahelski stilbewusst inszeniert.
Dabei ist Stahelski schon lange im Geschäft. Mit David Leitch, der auch mitproduzierte und der der nicht genannte Co-Regisseur ist (halt wie bei den Coen-Brüdern), gründete er die Stuntmen-Firma 87Eleven und sie übernahmen Stunts und die Second-Unit-Regie bei Filmen wie „Safe – Todsicher“, „Escape Plan“, „Das Bourne Vermächtnis“, „Wolverine: Weg des Kriegers“, „Teenage Mutant Ninja Turtles“ und den „Expendables“-Filmen. Mit Keanu Reeves arbeitete Stahelski, oft auch als sein Stunt-Double, unter anderem bei den „Matrix“-Filmen, „Constantine“ und Reeves‘ Regiedebüt „Man of Tai Chi“ zusammen.
Da wundert es nicht, dass die Macher sich vor allem auf die Stunts und Actionszenen konzentrierten. Es ist eine Leistungsschau der Stuntmänner, die sie endlich wieder einmal so bei der Arbeit zeigt, dass man die Actionszenen wirklich nachverfolgen kann und man einen Eindruck von den körperlichen Leistungen der Stuntmänner erhält. Deshalb wird bei den zahlreichen Stunts angenehm selten geschnitten wird. Das war auch möglich, weil Keanu Reeves die meisten Stunts selbst ausführte.
Der Film selbst spielt in einer überhöhten „Sin City“-Welt, die stilistisch deutlich vom Film Noir und modernen Noir-Graphic-Novels beeinflusst ist, was zu einer eleganten, wenn auch etwas monochromen Optik beiträgt und gut für einige mythologische Überhöhungen und Einzeiler ist. So ist das Hotel Continental, eine Nobelherberge, in der Killer in Manhattan absteigen und sich nicht gegenseitig umbringen (naja, normalerweise), eine reine Comic-Fantasie, die aber durch das allwissende und immer zurückhaltende Hotelpersonal eine besondere humoristische Note erhält.
„John Wick“ ist ein feiner Actionfilm für den Genrejunkie, der sich seiner Stärken und Schwächen bewusst ist und der als Leistungsschau der Stuntmänner rundum überzeugt.
Kabel 1, 22.20 The Sixth Sense (USA 1999, Regie: M. Night Shyamalan)
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Ein Psychologe will einem Kind, das tote Menschen sieht, helfen.
Ein gewaltiger Publikumserfolg, inzwischen schon ein Klassiker und M. Night Shyamalans bester Film. Mit „The Sixth Sense“ erlebten wir ein grandioses Twist-Ende (mit schönen Grüßen von der „Twilight Zone“), das seitdem unzählige, schlechtere Nachahmer inspirierte.
Davor, um 20.15 Uhr, und danach läuft „Unbreakable – Unzerbrechlich“, die zweite, deutlich schlechtere Zusammenarbeit von M. Night Shyamalan und Bruce Willis.
mit Bruce Willis, Toni Collette, Oliva Williams, Haley Joel Osment, Donnie Wahlberg, Mischa Barton
auch bekannt als „Der sechste Sinn“ (Kinotitel, an den sich inzwischen wohl niemand mehr erinnert) Wiederholung: Freitag, 30. Januar, 02.35 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „The Sixth Sense“
Wikipedia über „The Sixth Sense“ (deutsch, englisch) Meine Besprechung von M. Night Shyamalans „After Earth“ (After Earth, USA 2013)
Arte, 20.15 Eine dunkle Begierde (A dangereous method, Deutschland/Kanada/Großbritannien/Schweiz 2011)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Christopher Hampton (nach dem Roman „A dangerous method“ von John Kerr und dem Theaterstück „The talking cure“ von Christopher Hampton)
Auf Tatsachen basierender Film über die Beziehung zwischen C. G. Jung, seiner Patientin Sabina Spielrein (die später eine geachtete Psychologin wird) und Sigmund Freud. Ein toller Schauspielerfilm, der aber mehr wie eine besonders gute Arte-Produktion und weniger wie ein David-Cronenberg-Film wirkt.
Sein neuester Film „Maps to the Stars“ erscheint am 23. Februar (Verleih) und am 3. März (Verkauf) auf Blu-ray und DVD. Als Bonusmaterial sind Interviews mit David Cronenberg, Julianne Moore, Mia Wasikowska, John Cusack, Robert Pattinson, Olivia Williams, Evan Bird, Bruce Wagner, Martin Katz; B-Roll; Trailer; Audiodeskription und Untertitel für Hörgeschädigte angekündigt.
mit Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender, Vincent Cassel, Sarah Gadon, André Hennicke, Arndt Schwerin-Sohnrey, Anna Thalbach Wiederholung: Freitag, 30. Januar, 00.15 Uhr (Taggenau!)
Als mörderische Einstimmung für die, ähem, tollen Tage
SWR, 20.15
TATORT: Bienzle und das Narrenspiel (Deutschland 1994, Regie: Hartmut Griesmayr)
Drehbuch: Felix Huby
LV: Felix Huby: Bienzle und das Narrenspiel, 1988
Bienzle möchte seiner Hannelore die Ravensburger Fastnacht zeigen. Als ein Mord geschieht und der nach Bienzles Meinung unschuldige Behle inhaftiert wird, muss er den wahren Täter suchen.
Der dritte Bienzle-Tatort ist ein, mit viel Lokalkolorit gewürzter, spannender Fall. Ein großer Teil der Dreharbeiten fand in Ravensburg während der Fastnachts-Tage statt.
Mit Dietz Werner Steck, Rita Russek, Robert Atzorn, Ulrich Matschoss
Der Teufel mit der weißen Weste (Frankreich 1962, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
LV: Pierre Lesou: Le Doulos, 1958
Regieassistenz: Volker Schlöndorff
Nach einem missglückten Einbruch wird Maurice verhaftet. Er glaubt, dass Silien ihn verraten hat und er beauftragt einen Verbrecher, Silien umzubringen. Gleichzeitig tut Silien alles, um Maurice aus dem Gefängnis zu befreien.
Düsterer Gangsterfilmklassiker, mit Jean-Paul Belmondo, Michel Piccoli, Serge Reggiani
Hans Gerhold in „Jean-Pierre Melville“ (Hanser Verlag, Reihe Film 27): „Aus einem durchschnittlichen Série Noire-Stoff wurde ein „Melville“. Tatsächlich macht die komplizierte Konstruktion des Drehbuchs mit unvorhersehbaren Volten und Rückblenden (in den Erzählungen der Personen und in visuellen flash-backs) LE DOULOS zu dem spannendsten und undurchschaubarsten Film Melvilles. Denn LE DOULOS ist eine Anti-Tragödie und auf dem Prinzip der Lüge aufgebaut, die jede Äußerung und jedes Bild sofort wieder relativiert.“
The Limits of Control – Der geheimnisvolle Killer (USA/Spanien 2009, Regie: Jim Jarmusch)
Drehbuch: Jim Jarmusch
In Spanien soll ein schweigsamer Mann einen Auftrag ausführen. Auf seiner Reise trifft er mehrere Personen, die ihm weitere Hinweise über seinen Auftrag verraten.
“The Limits of Control“ ist sicher nicht der beste Film von Jim Jarmusch und definitiv ist er keine Wiederholung von seinem vorherigen Film „Broken Flowers“, aber der “Actionfilm ohne Action” (Jarmusch) ist natürlich sehenswert.
SWR, 22.30 Tatort: Saarbrücken an einem Montag… (Deutschland 1970, Regie: Karl-Heinz Bieber)
Drehbuch: Johannes Niem
Die Kommissare Liersdahl und Schäfermann suchen die verschwundene Datenverarbeiterin eines Stahlwerks.
Das „Taxi nach Leipzig“, den ersten „Tatort“ kennt jeder, aber „Saarbrücken an einem Montag…“, der zweite „Tatort“ ist dagegen fast unbekannt, weil er fast nie gezeigt wird. Dennoch ist er einen Blick wert.
mit Dieter Eppler, Manfred Heidmann, Eva-Maria Meineke, Horst Naumann, Eva Christian, Erik Schumann Hinweise Filmportal über „Saarbrücken an einem Montag…“ Wikipedia über „Saarbrücken an einem Montag…“ Tatort-Fundus über Kommissar Liersdahl
WDR, 00.05 Tatort: Blutwurstwalzer (Deutschland 1991, Regie: Wolfgang Becker)
Drehbuch: Horst Sczerba
Markowitz (Günter Lamprecht) versucht den Mord an einem Jugendlichen aufzuklären und Alex (Jürgen Vogel), der seinen toten Freund rächen will, von der Tat abzuhalten. Im Zentrum seiner Ermittlungen steht dabei ein Lokal, in dem ehemalige Fremdenlegionäre sich umfassend um erlebnishungrige Jugendliche kümmern.
Dritter, gewohnt überzeugender Auftritt von Kommissar Franz Markowitz, der in den Neunzigern in Berlin ermittelte und dabei auch die Veränderungen Berlins nach der Wiedervereinigung nachzeichnete. Dieses Mal durfte er sogar – heute undenkbar – zwei Stunden ermitteln.
Wolfgang Becker inszenierte auch „Kinderspiele“, „Das Leben ist eine Baustelle“ und „Good Bye Lenin!“.
mit Günter Lamprecht, Hans Nitschke, Jürgen Vogel, Harald Kempe, Ralf Richter, Iris Disse, Heinz Hoenig Hinweise Filmportal über „Blutwurstwalzer“ Tatort-Fundus über Kommissar Markowitz
Alles koscher! (Großbritannien 2010, Regie: Josh Appignanesi)
Drehbuch: David Baddiel
Der in London lebende Mahmud ist ein voll integrierter Feiertagsmoslem. Als sein Sohn die Tochter eines Hasspredigers heiraten will, muss er allerdings den tiefgläubigen Moslem spielen. Dummerweise erfährt er jetzt auch, dass er adoptiert wurde und kein Moslem, sondern Jude ist.
Ist „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ wirklich so gut? Das Biopic wurde für acht Oscars, unter anderem in den Kategorien bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller und beste Nebendarstellerin (wobei Keira Knightley in dem Film die einzige nennenswerte Frauenrolle hat und eigentlich die Hauptdarstellerin ist) nominiert. Insgesamt wurde, laut IMDB, der Film bis jetzt für über einhundert Preise nominiert und er erhielt schon 39 Preise. Diese immense Menge an Preisen und Nominierungen sagt inzwischen eigentlich mehr über die Inflation von Filmpreisen als über die Qualität des Films aus.
Dabei ist „The Imitation Game“ natürlich kein schlechter Film, sondern gutes, altmodisches Erzählkino, das zuerst mit seiner komplizierten, aber letztendlich sehr schlüssigen und sehr gelungenen Rückblendenstruktur irritiert.
1951 trifft ein Polizist, nachdem ein Einbruch gemeldet wurde, auf einen sehr seltsamen Mann in einer zugemüllten Wohnung. Der Polizist fragt sich, wer dieser Alan Turing (Benedict Cumberbatch) ist und was er ihm verschweigt. Dabei erfährt er schnell, dass Turings Arbeit während des Zweiten Weltkriegs streng geheim ist (was sie bis in die siebziger Jahre blieb) und höhere Stellen keine genaue Untersuchung des Einbruchs wünschen.
Turing (23. Juni 1912 – 7. Juni 1954) war ein herausragender Mathematiker, der heute als einer der einflussreichsten Theoretiker der frühen Computerentwicklung und Informatik gilt. Der unter Informatikern prestigeträchtige Turing Award trägt seinen Namen.
Dieses mathematische Talent, vulgo das abstrakte logische Denken, führte dazu, dass er, nachdem er behauptet, die unknackbare deutsche Codemaschine Enigma knacken zu können, vom britischen Geheimdienst eingestellt wird und in Bletchley Park mit anderen Männern Enigma knacken soll. Turing, ein teamunfähiger, von sich überzeugter Eigenbrötler, nähert sich dem Problem streng logisch und, wie inzwischen allgemein bekannt ist, kann er den Code knacken. Eine große Hilfe war ihm dabei die ebenfalls mathematisch extrem begabte Joan Clarke (Keira Knightley), der er auch einen Heiratsantrag machte.
Eigentlich stand ihm nach dem Krieg eine große wissenschaftliche Karriere offen. 1948 trat er eine Stelle an der Universität von Manchester an. Er entwickelte den Turing Test, der die Grundlage für die Definition von künstlicher Intelligenz wurde.
Aber dann wurde er 1952 wegen Homosexualität, was damals eine Straftat war, angeklagt. Um eine Haftstrafe zu vermeiden, unterzog er sich einer Hormontherapie, die auch sein seelisches Befinden störte und 1954 zu seinem Suizid durch Cyanid führte.
Erst am 10. September 2009 entschuldigte sich der britische Premierminister Gordon Brown im Namen der Regierung für die Verfolgung Turings aufgrund seiner Homosexualität. Am 24. Dezember 2013 sprach Königin Elisabeth II. ein „Royal Pardon“ (Königliche Begnadigung) aus.
Diese Daten sind das Grundgerüst für „The Imitation Game“, der vor allem die Entschlüsselung von Enigma und der Stimmung in Bletchley Park erzählt. Es ist eine Gruppe intelligenter Männer, die in der Heimat auf einem noblen Anwesen ihren Teil zum Sieg beitragen wollen, die nicht über ihre Arbeit reden dürfen und die einen Spion in den eigenen Reihen haben.
Morten Tyldum („Headhunters“) inszenierte diese Geschichte als traditionelles Schauspielerkino, bei dem die Story im Mittelpunkt steht und das Drehbuch ein schier endloses Spiegelkabinett zwischen Schein und Sein, Lüge und Wahrheit, entwirft: die genialen Wissenschaftler, die nicht über ihre Arbeit reden dürfen. Nicht während und auch nicht viele Jahre nach dem Krieg. Inzwischen sagen Historiker, dass die Entschlüsselung des Enigma-Codes den Krieg um zwei bis vier Jahre vekürzte. Alan Turing, der seine Beziehung zu Joan Clarke gegenüber seinen Kollegen und Vorgesetzten verschweigt. Joan Clarke, die als Sekretärin in Bletchley Park arbeitet (was historisch nicht ganz korrekt ist) und in ihrer Freizeit mit Turing versucht, den Code zu knacken, was ein Bruch der Geheimvereinbarungen ist. Ihre Scheinbeziehung, die eine Scheinehe hätte werden sollen. Ihre Lügen gegenüber Joan Clarkes den Konventionen verhafteten Eltern. Der Spion in Bletchley Park, der schon lange enttarnt ist. Und natürlich der Enigma-Code, der entschlüsselt ist, aber vom britischen Militär zunächst nicht benutzt wird.
Dabei sind viele dieser Geheimnisse überhaupt keine Geheimnisse, aber das Wissen wird strategisch eingesetzt.
So erscheint „The Imitation Game“, der über weite Strecken ein Spionagethriller ist, in jeder Szene wie ein Turing Test, bei dem die Charaktere versuchen herauszufinden, wer ihr Gegenüber ist – und natürlich Gefühle, also die Dinge, die Menschen von Computern unterscheidet, immer wieder das strikte logische Denken stören.
Inzwischen ist „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ vielleicht etwas überbewertet, aber in jedem Fall ist das Biopic ein guter und ein sehenswerter Film mit klugen Dialogen und grandiosen Schauspielern.
Vor Jahren habe ich Kyril Bonfigliolis Roman „Nimm das Ding da weg!“ gelesen und, auch wenn ich mich nicht mehr an die Geschichte erinnere, hat mir der Roman nicht gefallen. Ich konnte mit dem Humor nichts anfangen und wahrscheinlich fand ich auch den Protagonisten Mortdecai unsympathisch. Dabei gefallen mir eigentlich Gangsterromane und Gaunerkomödien. Mortdecai, ein Dandy, Kunsthändler und Betrüger, passt da eigentlich rein. Auch dass der Schlawiner ein unverbesserlicher Snob ist. Der Roman spielte, unüberlesbar, in den frühen Siebzigern, als die britische Klassengesellschaft noch in voller Blüte war und nichts gegen einen guten Kunstschwindel gesagt werden konnte.
Und, obwohl ich das Buch jetzt nicht noch einmal gelesen habe (auch weil ich keine Ahnung habe, wo es liegt), vermutete ich schon beim klamaukigen Trailer, dass der Film mit dem vor über vierzig Jahren erschienenem Roman nicht allzuviel zu tun hat; was ja grundsätzlich kein Problem ist. Jedenfalls gehöre ich nicht zu der Fraktion, die „Verrat“ brüllt, wenn der Film sich von der Vorlage entfernt.
Dieser Eindruck eines werkfernen Retro-Klamauks bestätigte sich beim Ansehen des Films, der sich erfolgreich bemüht durchgehend altmodisch zu sein. Die fast schon wohltuenden Ignoranz gegenüber der modernen Technik, also Computer, Handys und so Zeug, sagt deutlich, dass der Film zwar in der Gegenwart spielt, aber eigentlich in die Vergangenheit gehört, als Filme wie „Der rosarote Panther“ das Publikum erfreuten.
Charlie Mortdecai ist auch im Film ein mehr als halbseidener, auf großem Fuß lebender Kunsthändler und Schwindler, der mehr als einmal von seiner rechten Hand, dem dummen, aber Mortdecai treu ergebenen Schläger Jock Strapp, aus gefährlichen Situationen gerettet wird. Seine Frau Johanna ist ihm treu ergeben, aber mit seinem neuen Schnurrbart kann sie nichts anfangen. Sie findet ihn zum übergeben; – und das ist, angesichts neuer Komödien, wie „A Million Ways to Die in the West“ und „Kill the Boss 2“, ein positiver Aspekt: der Humor bleibt immer oberhalb der Gürtellinie und er hinterlässt nie den Eindruck des spontan Vor-sich-hin-Improvisierens. Die Gags scheinen wirklich alle so im Drehbuch zu stehen. Dummerweise sind die Gags fast nie visuell und gerade Johnny Depp als Charlie Mortdecai gefällt sich in seinem typischen „Pirates of the Carribean“/“Lone Ranger“-Chargieren, das nicht zu der Rolle passt. Jedenfalls wenn man in Mortdecai mehr als das plumbe Abziehbild eines Klischees sehen möchte. Außerdem nervt es.
Die anderen Schauspieler – Gwyneth Paltrow als verliebte Ehefrau ist Iron Mans Pepper Potts in einer anderen Umgebung, Paul Bettany als Jock und Ewan McGregor als Geheimagent bemühen sich um Coolness – nerven weniger, aber gegen das klamaukige Drehbuch, das vor allem verbale Gags aneinanderreiht, kommen sie nicht an.
Die Geschichte selbst ist da nur die Entschuldigung für die eher altmodischen Witzeleien, die heute oft auch jeglicher gesellschaftlichen Relevanz entbehren. Vor vierzig, fünfzig Jahren war das vielleicht anders. Aber auch Mortdecai ist mit seinen Ansichten ungefähr 1970 stehen geblieben.
Er soll, im Auftrag von MI5-Agent Alistair Martland, ein verschwundenes Goya-Gemälde suchen. Dieses wertvolle Gemälde will auch Emil Strago. Der Terrorist (geformt nach dem Bild von ikonischen Sechziger-Jahre-Revolutionären mit südländischem Charme und Womanizer-Bart) würde das Geld wahrscheinlich für unzählige Terror-Anschläge verwenden. Ein russischer Oligarch und ein amerikanischer Milliardär wollen ebenfalls das Bild. Deshalb wird Mortdecai nach Moskau entführt und muss auch einen Trip „in die Kolonien“ (Mortdecai) unternehmen.
„Mortdecai – Der Teilzeitgauner“ ist ein hoffnungslos altmodischer und verstaubter Klamauk, der sich eher an den bei mir nicht besonders beliebten „Der rosarote Panther“-Filmen als an, sagen wir mal „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ (It takes a Thief) oder „Über den Dächern von Nizza“ (To catch a Thief) orientiert und als Kopie einer Kopie noch nicht einmal im Schatten dieser ungleich besseren und heute immer noch ungleich frischeren Filme steht. Selbstverständlich werden neuere, stilbewusste Gaunerkomödien, wie „Ocean’s Eleven“ oder „Hustle“, ignoriert.