DVD-Krititk: Das Ende von „Flashpoint – Das Spezialkommando“

September 2, 2013

Heute stirbt niemand“ ist das Motto von Sergeant Greg Parker und der von ihm in Toronto geleiteten Strategic Response Unit (SRU), dem kanadischen Äquivalent zu einem US-amerikanischem SWAT-Team oder einer deutschen SEK-Einheit. Es ist eine Gruppe von gut trainierten und ausgebildeten Polizisten, die als Team funktionieren und gerufen werden, wenn schnell reagiert werden muss. Meistens werden sie daher bei Geiselnahmen, bei Amokläufen oder auch Attentaten gerufen. Manchmal müssen sie Kollegen bei einer Razzia oder einer Überwachung unterstützen, einen Gefangenen begleiten, eine Veranstaltung oder eine wichtige Person beschützen.

Schon seit, in der deutschen Zählung, fünf Staffeln erzählt die von Mark Ellis und Stephanie Morgenstern erfundene, vielfach ausgezeichnete kanadische Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“ von der Arbeit des Teams um Greg Parker und Ed Lane. Dabei boten die einzelnen Folgen immer einen guten Einblick in die Polizeiarbeit. Die Fälle waren realistisch und am Ende versteht man den Täter oft viel zu gut. Denn die Polizisten versuchen immer, die Situation friedlich zu lösen. Dafür müssen sie in Verhandlungen mit ihm und Gesprächen mit Betroffenen herausfinden, warum es zu der Geiselnahme gekommen ist und einen emotionale Verbindung zu ihm knüpfen. Entsprechend unblutig enden die meisten der 75 „Flashpoint“-Episoden und, verglichen mit anderen Serien, in denen Beerdigungsinstitute Überstunden schieben müssen, ist das angenehm anders.

Auch dass bis zur letzten Folge der Polizeiserie das Team, die Arbeit und damit der aktuelle Einsatz im Mittelpunkt stehen, unterscheidet die Serie von anderen Krimi-Serien, in denen das Privatleben der Ermittler einen immer breiteren Raum einnimmt oder sie mehr Probleme mit sich herumtragen, als man einem einzelnen Menschen zumuten möchte. Trotzdem gibt es, vor allem bei den späteren Episoden, immer wieder Episoden, in denen wir mehr über einzelne Teammitglieder erfahren.

Die kürzlich erschienene sechste Staffel unterscheidet sich kaum von den vorherigen Staffeln. Aber in der jetzt erschienenen siebten und letzten Staffel der Serie kommt nie das bekannte „Flashpoint“-Feeling auf, das einem von der ersten Sekunde an vermittelt, dass man in den Händen von Profis ist, die wissen, was sie tun und die brenzlige Situation friedlich entschärfen können. Die Auftaktepisode „Zerstörter Frieden“ endet mit einem Schock: Ed Lane muss die Tochter eines Geiselnehmers, der sie und ihre Mutter stalkte, erschießen. Nur so konnte er verhindern, dass sie ihren Vater erschoss. Nach den Regeln eine eindeutige Situation, die allerdings im Konflikt mit dem normalen moralischen Empfinden steht und Ed Lane belastet. Immerhin musste er dieses Mal einen Teenager erschießen.

Von dieser Episode, die eher holprig auf ihr Ende zusteuert, erholte sich die Serie nicht mehr und in fast allen Episoden, bis zum zweiteiligen Staffelfinale, in dem mehrere Bomben in Toronto gezündet werden, wirkt die SRU immer von den Ereignissen getrieben. Meistens hetzt sie, wie bei einer Schnitzeljagd, atemlos dem Täter von einem Ort zum nächsten hinterher. Nie hat sie das Heft des Handelns in der Hand. Anstatt zu agieren und das Geschehen zu bestimmen, reagieren sie immer nur. Das ist dann, auch weil jetzt öfter geschossen wird und damit die Folgen mit einem oder mehreren Toten enden, enttäuschend. Auch werden die Fälle auf dem Papier spektakulärer. Eine einfach Geiselnahme reicht nicht mehr. Damit wird „Flashpoint“ auch unrealistischer; auch weil in den späteren Fällen der Serie öfter auf normaler Thrillerspannung gebaut wird. Dann taucht hinter dem ursprünglichen Täter noch ein Hintermann oder sogar ein zweiter Hintermann auf, der den ursprünglichen Täter zu seinen Verbrechen erpresste. Das kennen wir aber aus zahlreichen anderen Krimiserien, mal mit mehr Action, mal mit mehr Humor und auch mal mit viel Forensik-Zauber.

Davon abgesehen ist „Flashpoint – Das Spezialkommando“ über die gesamte Strecke von 75 Episoden eine sehenswerte Serie, die – abgesehen von der schwachen letzten Staffel – auf konstant hohem Niveau unterhält.

Die Staffeln…

Zum Abschluss noch ein Wort zur Staffelnummerierung: „Flashpoint“ lief zuerst erfolgreich im kanadischen TV, danach in den USA. Ebenfalls erfolgreich. Allein schon die Liste von 20 gewonnenen Preisen und 57 Nominierungen, laut IMDB, ist beeindruckend und verrät einiges über die Qualität der Serie. In den USA wurden die Folgen zwar auch chronologisch gezeigt, aber die Staffeln hatten eine andere Länge. Koch Media folgt bei der deutschen Veröffentlichung der kanadischen Staffeleinteilung, vergibt aber für jede DVD-Box eine eigene Nummer. Danach sieht die Einteilung so aus:

Deutsche Staffel 1 entspricht der ersten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 1 bis 13.

Deutsche Staffel 2 entspricht der ersten Hälfte der zweiten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 14 bis 22.

Deutsche Staffel 3 entspricht der zweiten Hälfte der zweiten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 23 bis 31.

Deutsche Staffel 4 entspricht der dritten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 32 bis 44.

Deutsche Staffel 5 entspricht der ersten Hälfte der vierten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 45 bis 54, aber ohne Folge 52 (Tödliche Zwischenlandung).

Deutsche Staffel 6 entspricht der zweiten Hälfte der vierten kanadischen Staffel und enthält die Episoden 55 bis 62, inclusive der fehlenden Episode 52.

Deutsche Staffel 7 entspricht der fünften kanadischen Staffel und enthält die letzten dreizehn Episoden, also die Episoden 63 bis 75.

Flashpoint – Das Spezialkommando (Kanada, 2011/2012)

Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‘Jules’ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‘Wordy’ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Olunike Adeliyi (Leah Kerns) Clé Bennett (Rafik “Raf” Rousseau)

Flashpoint - Staffel 6

Flashpoint – Das Spezialkommando – Staffel 6

Koch Media

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 361 Minuten (9 Episoden auf 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Einsätze des Spezialkommandos in der sechsten Staffel

Alles auf eine Karte (Wild Card)

Regie: Brett Sullivan

Drehbuch: Karen Walton

Ein neues Leben (A new life)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Adam Barken

Tödliche Zwischenlandung (Grounded)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Karen Walton

China Town (A call to Arms)

Regie: Erik Canuel

Drehbuch: Alex Levine

Teamplayer (Team Player)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Michael MacLennan

Tag der Abrechnung (Day Game)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Aubrey Nealon

Ein Profi im Netz (Blue on Blue)

Regie: Stefan Pleszczynski

Drehbuch: Adam Barken

Tödlicher Impfstoff (Priority of Life)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern, Alex Levine

Feuerteufel (Slow Burn)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Flashpoint - Staffel 7

Flashpoint – Das Spezialkommando – Staffel 7

Koch Media

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Abschiedsspecial „Ein letzter Salut“ (22 Minuten)

Länge: 530 Minuten (13 Episoden auf 4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Einsätze des Spezialkommandos in der letzten Staffel

Zerstörter Frieden (Broken Peace)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Keine Art zu leben (No Kind of Life)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Aubrey Nealon

Sterne in der Wüste (Run to me)

Regie: Stefan Pleszczynski

Drehbuch: Adam Barken

Fremde Augen (Eyes in)

Regie:David Frazee

Drehbuch: Aubrey Nealon

Söhne des Vaters (Sons of the Father)

Regie: Stefan Pleszczynski

Drehbuch:Larry Bambrick

Unter Wasser (Below the Surface)

Regie: Brett Sullivan

Drehbuch: Daniel Godwin

Die perfekte Waffe (Forget Oblivion)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Ein sicheres Haus (We take care of our own)

Regie: Stefan Pleszczynski

Drehbuch: Larry Bambrick

Männer des Gesetzes (Lawmen)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Alex Levine, Aubrey Nealon (nach einer Geschichte von Aubrey Nealon)

In einer besseren Welt (A World of their own)

Regie: Stefan Pleszczynski

Drehbuch: Alex Levine

Die schwarzen Löcher der Seele (Fit for Duty

Regie: David Frazee

Drehbuch: Adam Barken

Den Frieden bewahren (Teil 1) (Keep the Peace – Part 1)

Regie: Kelly Makin

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Den Frieden bewahren (Teil 2) (Keep the Peace – Part 2)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Hinweise

CTV über die Serie

Wikipedia über „Flashpoint“ (deutsch, englisch) und die ETF

Polizei von Toronto über die ETF

Running with my eyes closed: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (Oktober 2008, Teil 1, Teil 2)

Complications Ensue: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (21. Juli 2009)

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 1“

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 2“

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 3“

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 4“

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 5“


TV-Tipp für den 2. September: R. I. F. – Ich werde dich finden

September 2, 2013

ZDF, 22.15

R. I. F. – Ich werde dich finden! (Frankreich 2011, R.: Franck Mancuso)

Drehbuch: Franck Mancuso, Herve Albertazzi

Während ihrer Fahrt in den Urlaub verschwindet die Frau des Polizisten Stéphane Monnerau spurlos. Er sucht sie – und gerät auch in Verdacht, sie ermordet zu haben.

Spannender, düsterer Thriller aus Frankreich

mit Yvan Attal, Pascal Elbé, Armelle Deutsch, Valentina Cervi, Eric Ruf

Wiederholung: Mittwoch, 4. September, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Allocine.fr über den Film

Meine Besprechung von Franck Mancusos „Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt“ (Hey, es ist eine Lawrence-Block-Verfilmung!)

Meine Besprechung Franck Mancusos „R. I. F. – Ich werde dich finden!“ (R. I. F. [Recherche dans l’Intérêt des Familles], Frankreich 2011)


DVD-Kritik: Diesen „Sightseers“ will man im wahren Leben nicht begegnen

September 1, 2013

 

Tina, eine verhuschte Mittdreißigerin, die immer noch bei ihrer herrischen Mutter lebt, will jetzt endlich einmal eine Woche für sich haben. Mit ihrem Freund Chris, den ihre Mutter abgrundtief hasst, obwohl er wie ein gemütlicher Brummbär wirkt, will sie mit einem Wohnwagen eine Woche durch die nordenglische Landschaft fahren und die auf der Route liegenden Sehenswürdigkeiten besuchen. Geplant wurde die Fahrt bis ins letzte Detail von Chris nach seinen Interessen.

So weit, so undramatisch, bis dann im Straßenbahnmuseum ein Mann die Verpackung von seinem Eis fallen lässt, sie nicht aufhebt und Chris den Mittelfinger zeigt. Die Quittung für dieses frevelhafte Benehmen: Auf dem Parkplatz überfährt Chris ihn beim Ausparken vollkommen zufällig.

Aber schon bei dem nächsten Toten, einem schnöseligen Upper-Class-Reiseschriftsteller, ist kein Zweifel mehr möglich. Working-Class-Camper und Möchtegernschriftsteller Chris stößt ihn von einem Felsvorsprung und nimmt dessen Fotoapparat mit. Der niedliche Hund des Schriftstellers wird auch gleich adoptiert – und Tina eifert dem von ihr hemmungslos bewunderten Chris nach.

Auch sie beginnt Menschen umzubringen, die es aus ihrer Sicht verdient haben zu sterben oder dummerweise beim Ranfahren an den Straßenrand im Weg stehen. Dummerweise hat sie bei ihren Morden eine Punk-Attitüde, während er der umsichtige Planer ist und seine Morde immer wie Unfälle aussehen lässt.

Tina und Chris, erfunden von den Komikern Alice Lowe und Steve Oram, zuerst für einen Bühnensketch, später für eine nie realisierte TV-Serie und jetzt für den Film „Sightseers“ sind zwei auf den ersten Blick harmlos-nette Psychopathen, die man auch aus den Eckkneipen kennt. Nur dass sie es in der schwarzen Komödie nicht beim Reden, Blockwartgehabe und, manchmal auch, Zuschlagen lassen, sondern die Störenfriede, Nervsägen und Umweltverschmutzer gleich umbringen. Lowe und Oram verkörpern diese dumpfen Charaktere grandios und machen sie sogar, in einem gewissen Rahmen, sympathisch.

Sighseers“ ist ein schwarzes Roadmovie, eine Liebes- und eine Erweckungsgeschichte mit tödlichem Ausgang. Für einige. Und es zeigt uns ein schrecklich normales England zwischen seltsamen Museen, wie einem Bleistiftmuseum, und der majestätischen, menschenleeren nordenglischen Landschaft, die auch eine Metapher für das Innenleben von Tina und Chris ist.

Ben Wheatleys etwas zu lang geratene, episodische Charakterstudie ist very britsh und very funny.

Das Bonusmaterial besteht aus Interviews mit Regisseur Ben Wheatley und den beiden Hauptdarsteller Alice Lowe und Steve Oram, die interessante Hintergründe zu den Charakteren, der Entstehung, der Geschichte und dem Dreh verraten. Die Interviews mit Anke Engelke und „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel, den Synchronstimmen der Protagonisten, sind banal, die Synchro-B-Roll zeigt, wie synchronisiert wird. Nicht uninteressant, wenn man es sich einmal ansieht.

Sightseers - DVD-Cover

Sightseers (Sightseers, Großbritannien 2012)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Alice Lowe, Steve Oram

mit Alice Lowe, Steve Oram, Eileen Davis, Monica Dolan, Jonathan Aris, Kenneth Hadley, Stephanie Jacob, Richard Glover

DVD

MFA/Ascot Elite

Bild: 16:9 (2.35:1)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit Alice Lowe, Steve Oram, Ben Wheatley, Anke Engelke und Bjarne Mädel, Synchro B-Roll, Trailer

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Sightseers - Plakat - 4

Hinweise

Englische Facebookseite zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sightseers“

Moviepilot über „Sightseers“

Metacritic über „Sightseers“

Rotten Tomaotes über „Sightseers“

Wikipedia über „Sightseers“

 

 


TV-Tipp für den 1. September: Die Spezialisten

September 1, 2013

RBB, 23.00

Die Spezialisten (F 1984, R.: Patrice Leconte)

Drehbuch: Bruno Tardon, Patrick Dewolf, Patrice Leconte, Michel Blanc

Zwei flüchtige Verbrecher wollen ein Kasino ausrauben.

Damals gefiel mir im Kino der französische Kassenhit, der auch in Deuschland im Kino von fast 350.000 Leuten gesehen wurde (Platz 48 der 1985er Besucherstatistik).

Heute immer noch? Ich denke schon, denn: „Ein originelles Drehbuch, flotte Regie und gute Darsteller heben diesen Film über das Mittelmaß der meisten Actionstreifen hinaus.“ (Fischer Film Almanach 1986)

Leconte drehte später die Georges-Simenon-Verfilmung „Die Verlobung des Monsieur Hire“, „Der Mann der Friseuse“, „Die Frau auf der Brücke“ und „Die Witwe von Saint-Pierre“.

mit Bernard Giradeau, Gérard Lanvin, Christiane Jean, Maurice Barrier, Bertie Cortez

Hinweise

Wikipedia über „Die Spezialisten“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 31. August: Ein Köder für die Bestie

August 31, 2013

ZDF, 00.30

Ein Köder für die Bestie (USA 1962, R.: J. Lee Thompson)

Drehbuch: James R. Webb

LV: John D. MacDonald: The executioners, 1957 (eine gekürzte deutsche Ausgabe erschien unter „Ein Köder für die Bestie“, ungekürzt – 1992 im Heyne Verlag – unter „Kap der Angst“)

Nach seinem Knastaufenthalt beginnt Max Cady Sam Bowden und dessen Familie zu terrorisieren. Immerhin brachte dessen Aussage ihn ins Gefängnis.

Spannender Psychoschocker

Mit Gregory Peck, Robert Mitchum, Martin Balsam, Telly Savalas

Hinweise

Wikipedia über John D. MacDonald (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über John D. MacDonald

Krimi-Couch über John D. MacDonald

Umfangreiche amerikanische John D. MacDonald-Fanseite


DVD-Kritik: Peter Robinsons „Inspector Banks – Mord in Yorkshire“ ermittelt auch im Film

August 30, 2013

Es dauerte weit über zwanzig Jahre, bis mit „Aftermath“ ein Roman von Peter Robinson verfilmt wurde. Dabei gehören die in Yorkshire spielenden, vielfach nominierten und ausgezeichneten Polizeiromane mit DCI Alan Banks schon lange zu den bei Krimilesern beliebten Serien. Inzwischen hat Robinson 21 Banks-Romane veröffentlicht und damit haben die Macher der TV-Serie „Inspector Banks – Mord in Yorkshire“ (DCI Banks) theoretisch mehr als genug Vorlagen für die kommenden Jahre. Denn „Aftermath“, in England als Zweiteiler ausgestrahlt (mit Werbung wurden aus dem Neunzigminüter zwei einstündige Sendungen), war überraschend erfolgreich und der TV-Sender ITV produzierte mit Left Bank Pictures weitere „Inspector Banks“-Filme. In England wurden bis jetzt sieben Filme ausgestrahlt; in Deutschland, hauptsächlich im ZDF, die vier, die es jetzt auf der DVD „Inspector Banks – Mord in Yorkshire: Die komplette erste Staffel“ gibt. Weitere drei Filme, die wieder als Zweiteiler gezeigt werden sollen, werden derzeit gedreht und sollen Anfang 2014 in England ausgestrahlt werden. Für Nachschub ist also gesorgt.

Weil die Romane teilweise schon älter sind – der erste Banks-Roman „Falle für Peeping Tom“/“Augen im Dunkeln“ (Gallows View) erschien 1987 – und die Polizeiarbeit sich seitdem rapide änderte, wurden die Geschichten an die Gegenwart angepasst und, weil die TV-Macher sich nicht an die Chronologie der Romane halten, wurden bei den vernachlässigbaren privaten Subplots ebenfalls die nötigen Anpassungen vorgenommen.

Doch das dürfte höchstens Fans der Romane, die eine buchstabengetreue Umsetzung wollen, stören. Denn im Mittelpunkt der „Inspector Banks“-Filme steht der Fall.

In „Aftermath“ werden im Keller eines Wohnhauses vier Mädchenleichen entdeckt. Dabei stirbt ein Polizist und der mutmaßliche Täter landet im Koma. Außerdem ist ein weiteres Mädchen verschwunden. Lucy Payne,die Frau des Mörders, zu der Banks eine besondere Beziehung aufbaut, schweigt und Banks muss sich mit DI Annie Cabbot, einer neuen, überaus ambitionierten Kollegin, herumschlagen.

Nach der spektakulären Pilotfolge steuern die nächsten drei „Inspector Banks“-Filme ruhigere Gewässer an. Banks und Cabbot arbeiten gut zusammen. Obwohl ihre Ambitionen und der damit einhergehende immer wieder fehlenden Teamgeist bei Banks auf wenig Gegenliebe stoßen und die Fälle immer schwierige moralische und emotionale Prüfungen für Banks und Cabbot enthalten.

In „Kein Rauch ohne Feuer“ sterben bei einem Schiffsbrand zwei Menschen. Ihre erste Spur führt in das Milieu von Kunstfälschern. Aber auch die Familie des zweiten Opfers hat etwas zu verbergen.

In „Wenn die Dämmerung naht“ wird auf einem Kliff eine schwer behinderte Frau ermordet. Es war Lucy Payne, die wir aus „Aftermath“ kennen. Während bei den Verfilmungen der Abstand von nur einem Jahr zwischen den beiden Fällen unglaubwürdig kurz geraten ist, erschienen die gleichnamigen Romane 2001 und 2007, in denen Payne verurteilt, schwer verletzt wurde und eine neue Identität erhielt.

Während Cabbot Paynes Mörder sucht, sucht Banks den Mörder des Teenagers Hayley Daniels, die nach einem feuchtfröhlichem Abend in einer Gasse der Altstadt ermordet wurde. Letztendlich haben beide Fälle dann doch etwas miteinander zu tun und die Mörderin von Payne ist, im Gegensatz zum Roman, von Anfang an bekannt. Weil sie im Film eine prominentere Rolle hat, wird aus einer banalen Tätersuche ein Psychoduell, in dem es um die Frage geht, wie Täter bestraft werden sollen.

In „Kalt wie das Grab“ ermitteln Banks und Cabbot wieder in zwei verschiedenen Fällen, die dann doch miteinander verknüpft sind. Nach einem missglückten Raubüberfall wird ein Täter in seinem Wohnwagen erschlagen. Cabbot sucht den Mörder, während Banks von seinem Vorgesetzten gebeten wird, in London seine von zu Hause abgehauene Tochter zu suchen.

Die vier jeweils neunzigminütigen Fälle sind gute britische Polizeikrimis, in denen immer wieder gezeigt wird, dass Polizeiarbeit Teamarbeit ist und dass an einem Fall viele Polizisten arbeiten. Das ist traditionsbewusste Krimikost, die sich auf das gute Erzählen ihrer Geschichten konzentriert. Dabei stehen die Fälle im Mittelpunkt. Über das Privatleben von Banks und Cabbot erfahren wir fast nichts und das ist gut so.

Inspector Banks“ ist zwar nicht so innovativ wie „Sherlock“ oder „Luther“, aber flott erzählte Krimiunterhaltung mit einem düsteren Unterton ist es allemal.

Die deutschen Ausgaben der Banks-Romane erschienen im Ullstein Verlag. Derzeit sind keine weiteren Übersetzungen geplant.

Inspector Banks - DVD-Cover - 4

Inspector Banks – Mord in Yorkshire: Die komplette erste Staffel (DCI Banks, GB 2010/2011)

LV: Romane von Peter Robinson

mit Stephen Tompkinson (DCI Alan Banks),Andrea Lowe (DS Annie Cabbot), Lorraine Burroughs (DS Winsome Jackman), Jack Deam (DC Ken Blackstone), Colin Tierney (Chief Supt Gerry Rydell)

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 360 Minuten (4 Folgen à 90 Minuten, 2 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten verfilmten Fälle von DCI Banks

Robinson - Aftermath - 2Robinson - Wenn die Dunkelheit fällt - 2

Aftermath (Aftermath, GB 2010)

Regie: James Hawes

Drehbuch: Robert Murphy

LV: Peter Robinson: Aftermath, 2001 (Wenn die Dunkelheit fällt)

TV-Erstausstrahlung als „Banks – Der Solist“

Kein Rauch ohne Feuer (Playing with Fire, GB 2011)

Regie: Paul Whittington

Drehbuch: Robert Murphy

LV: Peter Robinson: Playing with Fire, 2004 (Kein Rauch ohne Feuer)

Robinson - Wenn die Dämmerung nahtRobinson - Kalt wie das Grab

Wenn die Dämmerung naht (Friend of the Devil, GB 2011)

Regie: Bill Anderson

Drehbuch: Laurence Davey

LV: Peter Robinson: Friend of the Devil, 2007 (Wenn die Dämmerung naht)

Kalt wie das Grab (Cold is the Grave, GB 2011)

Regie: Marek Losey

Drehbuch: Robert Murphy

LV: Peter Robinson: Cold is the Grave, 2000 (Kalt wie das Grab)

Hinweise

BBC Germany über „Inspector Banks“

Homepage von Peter Robinson

Krimi-Couch über Peter Robinson

Wikipedia über Peter Robinson (deutsch, englisch) und „Inspector Banks“ 


TV-Tipp für den 30. August: Lili Marleen

August 30, 2013

3sat, 22.35

Lili Marleen (D 1980, R.: Rainer Werner Fassbinder)

Drehbuch: Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder, Joshua Sinclair (Mitarbeit)

LV: Lale Andersen: Der Himmel hat viele Farben

Fassbinders Version von Lale Andersens Leben. Gedreht im UFA-Look, aber mit genug Haken und Ösen, um jede blinde Identifikation zu verhindern.

Mit Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Karl-Heinz von Hassel, Christine Kaufmann, Hark Bohm, Karin Baal, Udo Kier, Erik Schumann, Gottfried John, Elisabeth Volkmann, Barbara Valentin, Adrian Hoven, Willy Harlander, Franz Buchrieser, Rainer Werner Fassbinder, Brigitte Mira, Irm Hermann, Harry Baer, Milan Boor, Volker Spengler

Hinweise

Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation

Wikipedia über Rainer Werner Fassbinder (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Kuba-Pauschalreise „¡Hasta La Vista, Sister!“

August 29, 2013

Unsere Großeltern besuchten Kuba, bevor Fidel Castro Máximo Líder wurde, wegen des sonnigen Klimas und der Casinos. Die Mafia soll da auch ihre Hände drin gehabt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Unsere Eltern besuchten Kuba, um Fidel Castro beim Aufbau der kommunistischen Gesellschaft und als Bollwerk gegen die imperialistischen USA zu helfen. In den Sommerferien war, für die gute Sache, Schwitzen in der Sonne angesagt. Wer hat gesagt, dass Revolution einfach sei?

Wir müssen Kuba überhaupt nicht mehr besuchen, weil wir ja die wunderschönen CDs des Buena Vista Social Clubs haben und uns Wim Wenders‘ Film über die alten Musiker ansehen können.

Aber wer dieses Jahr seine Kuba-Dosis ohne den Buena Vista Social Club haben will, sollte sich „¡Hasta La Vista, Sister!“ ansehen. Denn das von John Roberts (Regie) und Eirene Housten (Drehbuch) im Film präsentierte Kuba erfüllt alle Wünsche des Kuba-Pauschaltouristen mit Musik, Herzschmerz und ansehnlichen Kubanern. Kubanerinnen gibt es nicht, weil die Protagonisten des Films zwei Frauen sind: die schottischen Schwestern Ailie und Rosa. Sie sind, streng nach Drehbuchschule, sehr gegensätzlich. Ailie ist ein strammer Modejunkie, die in jeder Situation auf ihr gepflegtes Äußeres achtet. Rosa, benannt nach Rosa Luxemburg, macht ihrem Namen als politische Aktivistin alle Ehre.

Als ihr Vater Roddy stirbt und seine zweite Ehefrau aus Roddys Asche, weil Golf sein Leben war, eine Golf-Trophäe anfertigen will, klaut Rosa die Asche. Sie will sie nach Kuba bringen. Dort hatte er mit ihrer Mutter, die er während eines revolutionären Arbeitsaufenthaltes kennenlernte und die dort beerdigt ist, seine beste Zeit gehabt und dort soll er deshalb auch beerdigt werden.

Gegen ihren Willen wird Rosa von Ailie, die standesgemäß viele Koffer dabei hat und für Kuba im schicken Fünfziger-Jahre-Retro-Stil, der sich für den Strand- und Casinobesuch gleichermaßen eignet, gekleidet ist, und Conway, ihrem von ihr angeschwärmten Genossen und Freund, der stolz seinen Schottenrock trägt, begleitet.

Auf Kuba – nun, wenn ich jetzt sage, dass dort fast jedes Kuba-Klischee bedient wird, inclusive einem heißen Abend in einem kubanischen Club und den freundlichen, überaus hilfsbereiten und unverschämt gutaussehenden kubanischen Männern (Hach, welche Revolutionärin vergisst da nicht mal kurz die Revolution? Welche Fashionista vergisst da nicht mal kurz den Kleiderwechsel?) und auch die Konflikte zwischen den Schwestern in den erwartbaren Bahnen in Richtung Harmonie verlaufen und sie einiges über den Kuba-Aufenthalt ihres Vaters erfahren, das er ihnen nicht erzählte, verrate ich schon fast zu viel.

¡Hasta La Vista, Sister!“ ist halt klassisches Feelgood-Kino mit einer humoristischen Note, das kein Kuba-Klischee auslässt und nicht besonders tiefgründig ist. Es ist letztendlich britisches Qualitätskino, das man allerdings auch schnell wieder vergisst, weil alles doch zu harmlos und zu konventionell ist.

Das vor kurzem gestartete Roadmovie „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter“ machte mehr aus einer ähnlichen Schwesternkonstellation. Denn Americana-Klischees, inclusive der Landschaft, sind doch etwas rauer. Die biestige Mutter Jackie taugt wahrlich nicht zur Verklärung und sie war auch nur die Samenspenderin für den Kinderwunsch schwuler Vorzeigeeltern. Das ist dann doch eine viel unkonventionellere Ausgangslage. 

Hasta la Vista Sister - Plakat

¡Hasta La Vista, Sister! (Day of the Flowers, Großbritannien 2012)

Regie: John Roberts

Drehbuch: Eirene Housten

mit Eva Birthistle, Charity Wakefield, Carlos Acosta, Bryan Dick, Christopher Simpson

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage über „¡Hasta La Vista, Sister!“

Deutsche Homepage über „¡Hasta La Vista, Sister!“

Film-Zeit über „¡Hasta La Vista, Sister!“

Moviepilot über „¡Hasta La Vista, Sister!“

Rotten Tomatoes über „¡Hasta La Vista, Sister!“


TV-Tipp für den 29. August: Die Prinzessin von Montpensier

August 29, 2013

WDR, 23.25

Die Prinzessin von Montpensier (Frankreich 2010, R.: Bertrand Tavernier)

Drehbuch: Jean Cosmos, Francois-Olivier Rousseau, Bertrand Tavernier

LV: Madame de la Fayette: La Princesse de Montpensier,1662

Während des Glaubenskriegs in Frankreich zwischen Katholiken und Hugenotten wird Marie aus politischen Gründen mit dem Prinzen von Montpensier verheiratet. Aber sie liebt ihren Cousin.

Prächtiger Historienfilm von Bertrand Tavernier, der zu einer unwürdig späten Uhrzeit seine TV-Premiere hat.

Diese Geschichte ist für Tavernier der dramaturgische Faden um ein episches Bild der damaligen Zeit zu zeichnen. Er zeigt, immer wieder, wie damals Politik mit Heiraten gemacht wurde, der ersten Nacht mit der Braut, von dem Zwiespalt zwischen Aberglaube, Religion und den Naturwissenschaften, welche Konventionen das Leben bestimmten und wie das Leben am Hof, auf dem Land war und auf dem Schlachtfeld war. Dabei erscheint das in dem Film gezeichnete Bild der Vergangenheit realistisch – und gleichzeitig ist es doch, dank der Inszenierung und der Musik von Philippe Sarde, ein sehr zeitgenössischer Film. Außerdem sind die in dem Film angesprochenen Themen heute teils immer noch, teils wieder aktuell. 

mit Mélanie Thierry, Lambert Wilson, Grégoire Leprince-Ringuet, Gaspard Ulliel, Raphael Personnaz

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Prinzessin von Montpensier“

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul“

Meine Besprechung von Bertrant Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)


TV-Tipp für den 28. August: Do the Right Thing

August 28, 2013

Arte, 21.35

Do the Right Thing (USA 1989, R.: Spike Lee)

Drehbuch: Spike Lee

Eine schwüle Sommernacht in Brooklyn – und alle Treffen sich in Sal’s Pizzeria.

Spike Lees dritter Spielfilm und inzwischen ein Klassiker.

Lee macht im Grunde etwas sehr Mutiges. Er hält seinen eigenen Leuten ihren eigenen Rassismus vor. Erst wenn sie dies erkennen, sind sie in der Lage, anders mit dem Rassismus der Weißen umzugehen, als es das Ende des Films zeigt.“ (Fischer Film Almanach 1990)

Das Richtige getan hat Lee, indem er einen Film gedreht hat, der seine Dringlichkeit in keinem Augenblick vermeint, ohne deshalb Lösungen mit auf den Weg geben zu wollen. Statt die eine richtige Position zu behaupten, orchestriert Lee virtuos eine Vielzahl von Positionen.“ (Cristina Nord, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

mit Danny Aiello, Ossie Davis, Ruby Dee, Richard Edson, Spike Lee, Giancarlo Esposito, Bill Nunn, John Turturro, John Savage, Samuel L. Jackson, Rosie Perez, Martin Lawrence

Hinweise

Homepage von “40 Acres and a Mule Filmworks” (Firma von Spike Lee)

Drehbuch “Do the Right Thing” von Spike Lee

Rotten Tomatoes über „Do the Right Thing“

Wikipedia über „Do the Right Thing“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Do the Right Thing”

New York Magazine: Interview mit Spike Lee über “Do the Right Thing” (7. April 2008)

Los Angeles Times: Jason Matloff über “Do the Right Thing” zwanzig Jahre nach der Premiere” (24. Mai 2009)

NPR: Diskussion über “Do the Right Thing” zwanzig Jahre nach der Premiere  (24. Juni 2009)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/I 2008)


DVD-Kritik: Don Coscarelli kehrt mit „John dies at the End“ zurück

August 27, 2013

 

Zehn Jahre nach dem grandiosen „Bubba Ho-Tep“, in denen Regisseur Don Coscarelli nur einen TV-Film inszenierte, ist er mit „John dies at the End“ zurück und die Horrorkomödie ist eine geschmacksicher geschmacklose Angelegenheit, die sich deshalb natürlich primär an ein Horrorfilmpublikum richtet, das schon Coscarellis frühere Flme, wie „Das Böse“ und die drei Fortsetzungen, goutierte.

Dieses Mal geht es, mit viel Schwarzem Humor, um zwei College-Abbrecher, John und Dave, die außer ihrem TV- und Drogenkonsum wenig auf die Reihe bekommen und auch gar nicht mehr auf die Reihe bekommen wollen, denn bedröhnt vor der Glotze abhängen ist doch okay. Aber sie sind quasi auserwählt gegen eine die Menschheit bedrohende Droge zu kämpfen, die ihren Verstand angreift, an der Realität zweifeln lässt und zu irrationalen Taten animiert. Manchmal mit tödlichen Folgen. Der Straßenname dieser gefährlichen Droge ist „Sojasauce“.

Dass „John dies at the End“ (so ein richtiger Spoiler ist der Titel nicht) nicht bierernst genommen werden sollte, dürfte allein schon der Name der Droge verraten.

Dass Don Coscarelli das drogeninduzierte Driften durch Raum und Zeit und das Verwischen der verschiedenen Welten und Wahrnehmungsebenen (so sind die Menschen nicht immer das, was sie zu sein scheinen) und die Rahmenhandlung in der Dave in einem Diner einem Journalisten seine Geschichte erzählt, als Entschuldigung nimmt, um – aus Sicht der klassischen Hollywood-Dramaturgie – ziemliches chaotisch mehr oder weniger gelungene Witze aneinanderreiht, ist nachvollziehbar. Aber gleichzeitig fehlt im so jeder erzählerische Stringenz, die den Film außerhalb des Hardcore-Fankreises von nicht jugendfreien Horrorkomödien und Trashperlen goutierbar machen würde.

Das ändert nichts daran, dass die handgemachten Tricks, wie das Monster aus gefrorenen Fleischstücken, in Zeiten von überbordenden CGI-Exzessen, Spaß machen und der Film in einem Midnight-Screening oder, mit einer ordentlichen Portion Alkohol und einigen guten Kumpels, auf der heimischen Couch ziemlich genial ist. Vor allem bei dem zweiten oder dritten Ansehen. Mit oder ohne Sojasauce.

John dies at the End - DVD-Cover

John dies at the End (John dies at the End, USA 2012)

Regie: Don Coscarelli

Drehbuch: Don Coscarelli

LV: David Wong: John dies at the End, 2001 (als Webserial; danach verschiedene Printausgaben mit mehr oder weniger vielen Ergänzungen)

mit Chase Williamson, Rob Mayes, Paul Giamatti, Clancy Brown, Glynn Turman, Doug Jones

DVD

Pandastorm

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Film ist auch als Mediabook mit Bonusmaterial erhältlich.

John dies at the End - Mediabook

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Metacritic über „John dies at the End“

Rotten Tomatoes über „John dies at the End“

Wikipedia über „John dies at the End“

Movieline unterhält sich mit Don Coscarelli und Paul Giamatti über „John dies at the End“ (25. Januar 2013)

„Fanboy Planet“-Interview mit Don Coscarelli über „John dies at the End“

„Shock till you drop“-Interview mit Don Coscarelli über „John dies at the End“ (8. April 2013)

Homepage von David Wong

Diese Anti-Piraterie-Spots werden auch immer blutiger

 

 


TV-Tipp für den 27. August: Der Mackintosh-Mann

August 26, 2013

WDR, 23.25

Der Mackintosh-Mann (USA 1973, R.: John Huston)

Drehbuch: Walter Hill, William Fairchild (ungenannt)

LV: Desmond Bagley: The freedom trap, 1971 (Lebenslänglich mit Rückfahrkarte)

Geheimagent Rearden soll sich im Knast mit einem Sowjetagenten anfreunden. Sie werden von Freunden des Sowjetagenten befreit. Auf ihrer Flucht dämmert Rearden, dass er nur eine Marionette in einem viel größeren Spiel ist.

Spannender Agententhriller (wobei die Agenten-Sache eher nebensächlich ist)

mit Paul Newman, James Mason, Dominique Sanda, Ian Bannen

Hinweise

Wikipedia über „Der Mackintosh-Mann“

New York Times: Vincent Canby bespricht „The Mackintosh Man“ (26. Juli 1973)

Sun Times: Roger Ebert bespricht „The Mackintosh Man“ (15. August 1973, 1,5 Sterne)

Ain’t it cool: Quint über „The Mackintosh Man“ (30. Juni 2009)

Things that don’t suck: Bryce Wilson über „The Mackintosh Man“ (13. Januar 2010, ebenfalls positiv)

Wikipedia über Desmond Bagley (deutsch, englisch)

Kirjasto über Desmond Bagley

Desmond-Bagley-Fanseite


TV-Tipp für den 26. August: Der letzte Tycoon

August 26, 2013

 

Arte, 20.15

Der letzte Tycoon (USA 1976, R.: Elia Kazan)

Drehbuch: Harold Pinter

LV: F. Scott Fitzgerald: The last Tycoon, 1941 (Manuskript, posthum veröffentlicht)

Biopic über Monroe Stahr, eine mächtigen Hollywood-Studiochef in den dreißiger Jahren, seine Arbeit und sein Leben.

Das Vorbild für Monroe Stahr war Irving Thalberg, der mit 20 Jahren MGM-Studiomanager wurde, Filme wie „Meuterei auf der Bounty“ (das Original von 1935) produzierte und 1936 mit 37 Jahren starb.

Elia Kazans letzter Spielfilm war ein Kassenflop und wurde zuletzt vor einer halben Ewigkeit im Fernsehen gezeigt.

Trotz sehr guter Besetzung, aufwendiger Ausstattung und handwerklichem Können fehlt der letzte Biss, und der Film bleibt in einer Aneinanderreihung von Episoden stecken.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Robert De Niro, Tony Curtis, Robert Mitchum, Jeanne Moreau, Jack Nicholson, Donald Pleasence, Ray Milland, Dana Andrews, Ingrid Boulting, Peter Strauss, Theresa Russell, John Carradine, Jeff Corey, Seymour Cassel, Angelica Huston

Wiederholung: Freitag, 30. August, 13.55 Uhr

Hinweise

Arte über „Der letzte Tycoon“

Rotten Tomatoes über „Der letzte Tycoon“

Wikipedia über „Der letzte Tycoon“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 25. August: Das Blaue Palais: Der Gigant

August 25, 2013

ZDFkultur, 22.00 Uhr

Das Blaue Palais: Der Gigant (Deutschland 1976)

Letzter Film einer fünfteiligen Miniserie (so heißt das ja heute) über ein unabhängiges Forschungsinstitut. In „Der Gigant“ geht es um die Entwicklung eines neuen Werkstoffs, für den ein Konzern sich interessiert. Aber der Leiter des Instituts weist nachdrücklich auf die mit der Herstellung verbundenen Umweltschäden hin.

Auch in den anderen „Das blaue Palais“-Filmen geht es immer, im Rahmen von spannenden Geschichten, um wissenschaftliche Entdeckungen und den damit verbundenen philosophischen Fragen .

mit Dieter Laser, Jean-Pierre Zola, Ben Zeller, Helga Anders, Eva Renzi, Peter Fricke

Wiederholung: Montag, 26. August, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Rainer Erler

Wikipedia über Rainer Erler und „Das Blaue Palais“


TV-Tipp für den 24. August: Super 8

August 24, 2013

 

Sat.1, 20.15

Super 8 (USA 2011, R.: J. J. Abrams)

Drehbuch: J. J. Abrams

Ohio, 1979: Als eine filmverrückte Gruppe Jugendlicher nachts auf einer Bahnstation eine Filmszene für ihren Zombiefilm drehen wollen, beobachten sie ein Zugunglück. Am nächsten Tag besetzt das Militär die Stadt.

Spannender Science-Fiction-Film, der durchaus als zeitgemäßes Update von „E. T.“ gesehen werden kann.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kyle Chandler, Elle Fanning, Joel Courtney, Gabriel Basso, Noah Emmerich, Ron Eldard, Riley Griffiths, Ryan Lee, Zach Mills

Wiederholung: Sonntag, 25. August, 00.55 Uhr (Taggenau!)

 

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film und noch eine Seite zum Film

Film-Zeit über „Super 8“

Wikipedia über „Super 8“ (deutsch, englisch)

Time: Interview mit J. J. Abrams über “Super 8″ (6. Juni 2011)

Go into the Story: Emotionale und rationale Logik am Beispiel von „Super 8“


Rainer Erler, Rainer Erler, Rainer Erler

August 23, 2013

 

Demnächst laufen einige Filme von Rainer Erler im TV.

Rainer who?“ werden jetzt die Jüngeren fragen. Denn der letzte Film von Rainer Erler, „Die Kaltenbach-Papiere“, ist von 1991.

Davor, vor allem in den siebziger und achtziger Jahren, war er in Deutschland der Regisseur für spannende, teils prophetische Filme, die gesellschaftlich wichtige Fragen aufgriffen. Er drehte – für das Fernsehen! – Science-Fiction-Filme, die sich nicht vor Hollywood-Produktionen verstecken mussten und müssen, weil sie zum Nachdenken anregen. Denn das Behandeln philosophischer Fragen ist in einem Science-Fiction-Film letztendlich wichtiger als epische Weltraumschlachten.

Normalerweise schrieb er auch das Drehbuch und von etlichen seiner Filme schrieb er auch Romanfassungen.

Gezeigt werden:

Samstag, 24. August

ZDF, 01.30 Uhr (Taggenau!; also eigentlich irgendwie noch heute )

Fleisch (Deutschland 1979)

Während ihrer Flitterwochen in den USA gerät ein deutsche Ehepaar in die Hände von Organhändlern.

Salopp gesagt: die deutsche Version von „Coma“ – und fast zeitgleich mit dem Hollywood-Film entstanden. Der Film wurde nach seiner TV-Premiere sogar im Kino gezeigt.

Mit Jutta Speidel, Herbert Herrmann, Wolf Roth, Charlotte Kerr

Sonntag, 25. August

ZDFkultur, 22.00 Uhr

Das blaue Palais: Der Gigant (Deutschland 1976)

Letzter Film einer fünfteiligen Miniserie (so heißt das ja heute) über ein unabhängiges Forschungsinstitut. In „Der Gigant“ geht es um die Entwicklung eines neuen Werkstoffs, für den ein Konzern sich interessiert. Aber der Leiter des Instituts weist nachdrücklich auf die mit der Herstellung verbundenen Umweltschäden hin.

Auch in den anderen „Das blaue Palais“-Filmen geht es immer, im Rahmen von spannenden Geschichten, um wissenschaftliche Entdeckungen und den damit verbundenen philosophischen Fragen .

mit Dieter Laser, Jean-Pierre Zola, Ben Zeller, Helga Anders, Eva Renzi, Peter Fricke

Wiederholung: Montag, 26. August, 01.00 Uhr (Taggenau!)

BR, 23.15 Uhr

Die Quelle (Deutschland 1978)

Während seines Inselurlaubs gerät der Tourist Wolf zwischen die Fronten eines Wasserkrieges.

Heute aktueller den je.

mit Herbert Herrmann, Josefa Guerra Sinsolo, Siegfried Wischnewski, Wolf Harnisch, Werner Kreindl

Montag, 26. August

WDR, 23.25 Uhr

Seelenwanderung (Deutschland 1962)

Drehbuch: Karl Wittlinger

Bum und Axel sind Freunde, bis Bum seine Seele verkauft, Geld und Erfolg, aber eben keine Seele mehr hat – und das ist nach dem Tod eine verdammt dumme Sache.

Mit dem Ernst-Lubitsch-Preis ausgezeichnete Parabel über die Wirtschaftswunderzeit, die später ein Programmkinohit wurde.

mit Hanns Lothar, Wolfgang Reichmann, Karin Schlemmer, Robert Meyn

Der Grund? Nun, ganz einfach: Der 1933 in München geborene Regisseur feiert am 26. August einen runden Geburtstag.

 

 

 


TV-Tipp für den 23. August: Auf der Flucht

August 23, 2013

RTL II, 20.15

Auf der Flucht (USA 1993, R.: Andrew Davis)

Drehbuch: Stuart Twohy, Jeb Stuart

LV: TV-Serie von Roy Huggins

Dr. Richard Kimble wird verdächtigt, seine Frau ermordet zu haben. Er flüchtet. US Marshal Sam Gerard verfolgt ihn.

Die Kinoversion der erfolgreichen TV-Serie von Roy Huggins. Dr. Richard Kimble, gespielt von David Jansen, war vier Jahre in 120 Folgen auf der Flucht und die Welt schaute gebannt zu. Harrison Ford beweist in zwei spannenden Kinostunden seine Unschuld.

„Die Inszenierung setzt, perfekt und effizient, auf Thrill und Action. Was sie über gleichartige Produkte hinaushebt, ist ihre gelungene Bemühung um Atmosphäre und Lokalkolorit, der Verzicht auf den üblichen Waffenfetischismus und auf das gewohnte Eskalieren spektakulärer Gewalttätigkeit sowie das gepflegte Handwerk bis hin zu den Kleinigkeiten.“ (Fischer Film Almanach 1994)

Der Film war ein Kassenknüller und erhielt für einen Thriller ungewöhnlich viele Preise und Nominierungen. Das Drehbuch war für einen Edgar nominiert. Tommy Lee Jones erhielt einen Oscar als bester Nebendarsteller.

Fünf Jahre später spielte Tommy Lee Jones in „Auf der Jagd“ (U. S. Marshals) wieder den unerbittlichen Jäger Sam Gerard.

mit Harrison Ford, Tommy Lee Jones, Sela Ward, Joe Pantoliano, Julianne Moore, Jeroen Krabbé

Wiederholung: Samstag, 24. August, 15.40 Uhr

Hinweise

Wikipedia über “The Fugitive” (TV-Serie und die Folgen)

Thrilling Detective über Roy Huggins

Harrison-Ford-Fanseite

Mein Geburtstagsgruß an Harrison Ford (mit weiteren Links)

Harrison Ford in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Pain & Gain“ erzählt von blöden Verbrechern

August 22, 2013

 

Du kannst alles erreichen, wenn du es willst. Auch Daniel Lugo (Mark Wahlberg) glaubt an das Versprechen des amerikanischen Traums und der Personal Trainer in dem Fitness-Studio „Sun Gym“ in Miami tut alles dafür. Er arbeitet hart. Er bildet sich fort. Er ist allerdings auch nicht besonders intelligent. Also beschließt er mit seinem Arbeitskollegen Adrian Doorbal (Anthony Mackie) und dem Ex-Knacki Paul Doyle (Dwayne Johnson), der im Gefängnis zum Christentum konvertierte und ehrlich bleiben will, einen seiner Kunden, den großkotzigen Selbstmade-Millionär Victor Kershaw (Tony Shalhoub), der während des Trainings mit seinem illegalen Vermögen und seiner Intelligenz prahlt, zu entführen.

Schon die Entführung gestaltet sich schwieriger als erwartet. Danach ist das Opfer widerspenstiger als erwartet. Aber nach einer wochenlangen Folter überschreibt er sein Vermögen. Die Ermordung ist dann wieder schwieriger als erwartet – und als die drei Trottel das geklaute Geld mit vollen Händen ausgeben, liegt Kershaw hasserfüllt im Krankenhaus und engagiert den Privatdetektiv Ed Du Bois (Ed Harris).

Das klingt doch nach einer zünftigen Gangstergeschichte aus dem Sunshine State in der Tradition von Elmore Leonard und Carl Hiaasen, um nur zwei bekannte Florida-Krimiautoren zu nennen, und der auf wahren Ereignisse aus den neunziger Jahren basierende Film „Pain & Gain“ hat in seinen besten Momenten auch ein gewisses Elmore-Leonard-Feeling.

Aber der Regisseur heißt Michael Bay und, auch wenn seine ersten Filme „Bad Boys“ und „The Rock“ knackige Action-Thriller waren (wobei „The Rock“ eine erschreckend hirnrissige Story hat), ist er inzwischen vor allem für seine drei „Transformers“-Filme bekannt. Der vierte „Transformes“-Film soll in Deutschland am 17. Juli 2014 starten.

Dazwischen drehte er „Bad Boys II“, eine geschmacklose, laute, lärmige, zu lang geratene Actionplotte mit tiefergelegtem Buddy-Humor – und „Pain & Gain“ ist dann auch mehr „Bad Boys II“ als „Bad Boys“, mit einer ordentlichen Portion Tony Scott in seiner „Man on Fire“/“Domino“-Phase, in der er seine Filme so zerschnitt, dass sie zuverlässig Kopfschmerzen verursachten. Auch in „Pain & Gain“ nervt die aufdringliche Kamera und der ebenso aufdringliche Schnitt immer wieder.

Darüber könnte man hinwegsehen, wenn Michael Bay sich entscheiden könnte, ob er die drei Verbrecher als etwas glücklose Jäger des amerikanischen Traums verherrlichen oder als gefährlich-skrupellose Trottel, deren viel Ego größer als ihre beeindruckenden Muskelpakete ist, demaskieren will. Er versucht beides, oft gleichzeitig, und so ergibt sich ein seltsamer Mix, bei dem die Inszenierung immer wieder die Geschichte und die Leistungen der Schauspieler sabotiert.

Denn die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely, die bereits das Buch für den grandiosen Gangsterfilm „You kill me“ schrieben, haben eine kleine Gangstergeschichte geschrieben, die in den richtigen Händen zu einem lakonischen kleinen Noir und einer brillanten Abrechnung mit dem Amerikanischen Traum hätte werden können.

Auch die Leistungen der Schauspieler sind tadellos. Herausragend ist Tony Shalhoub, der in den vergangenen Jahren so sehr mit seiner Rolle als neurotischer Detektiv Adrian Monk in der TV-Serie „Monk“ verschmolz, dass man ihn sich kaum in einer anderen Rolle vorstellen kann. In „Pain & Gain“ spielt er so glaubhaft einen vollkommen gegensätzlichen Charakter, dass schon bei seinem ersten Auftritt (falls man ihn sofort erkennt) jede Erinnerung an Monk verblasst. Oder Dwayne Johnson, der unkaputtbare Action-Star, der hier überzeugend einen geistig minderbemittelten, leicht beeinflussbaren Gangster spielt. Ed Harris, der bereits in „The Rock“ mit Michael Bay zusammenarbeitete, ist als lakonischer Privatdetektiv gewohnt überzeugend. Mark Wahlberg gefällt als muskelbepackter, glückloser Jäger des amerikanischen Traums, der sich in Motivationskursen und Filmen das nötige Wissen für seine kriminellen Aktionen aneignet.

Doch gegen einen Michael Bay im „Bad Boys II“-Modus, der schwarzen Humor und Groteske immer wieder mit Geschmacklosigkeit und Maßlosigkeit verwechselt, hilft es nicht. Aus einer Satire wird ein Testosteron-Spektakel.

Leider.

Pain and Gain - Plakat

Pain & Gain (Pain & Gain, USA 2013)

Regie: Michael Bay

Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely

LV: Pete Collins: Pain & Gain (Reportage, Miami New Times, 23. Dezember 1999)

mit Mark Wahlberg, Dwayne Johnson, Ed Harris, Anthony Mackie, Tony Shalhoub, Bar Paly, Rebel Wilson, Ken Jeong, Rob Corddry, Peter Stormare (ein erweitertes Cameo)

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Pain & Gain“

Moviepilot über „Pain & Gain“

Metacritic über „Pain & Gain“

Rotten Tomatoes über „Pain & Gain“

Wikipedia über „Pain & Gain“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe

 

 

 

 

 


Neu Kino/Buch- und Filmkritik: Bäh, „Feuchtgebiete“ gibt es jetzt auch im Kino

August 22, 2013

Als „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche vor fünf Jahren erschien, sich wie geschnitten Brot verkaufte und im Feuilleton eifrig diskutiert wurde, interessierte es mich weniger als der sprichwörtlich in China umfallende Sack Reis. Ein Skandalbuch über eine junge Frau, Masturbation und ihrem Verhältnis zu Flüssigkeiten und Ausscheidungen, garniert mit Spekulationen darüber, wie sehr die Ich-Erzählerin im Roman identisch mit der Autorin ist.

Gähn!

2,5 Millionen im deutschsprachigen Raum verkaufte Exemplare später ist jetzt die Verfilmung dieses Frauenbuches im Kino und beim Studieren der Credits fällt die starke männliche Beteiligung auf. Scheint also auch etwas für Männer zu sein. Peter Rommel produzierte. Er produzierte auch „Wolke 9“, „Sommer vorm Balkon“ und „Nachtgestalten“. Gute Filme. Claus Falkenberg und David Wnendt schrieben das Drehbuch. David Wnendt übernahm auch die Regie und, wie schon in seinem überschätzten Debüt „Kriegerin“, steht wieder eine Frau im Mittelpunkt. Vom Buch wurde das grobe Handlungsgerüst übernommen, etliche Szenen wurden stark erweitert oder innerhalb der Geschichte verschoben und es gibt auch viele neue Szenen. Weil in Roches Roman die Erzählerin, die 18-jährige Helen, nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus liegt und sich wild durch ihr Leben fantasiert und ihre banalen Ansichten über Gott, die Welt, ihre Hämorrhoiden und ihre Muschi assoziativ ausbreitet, ist das nicht schlimm und das Buch und der Film haben ihre Stärken und Schwächen.

Wobei die Schwächen beide Male eindeutig überwiegen. So ist „Feuchtgebiete“ bestenfalls funktional in einem lockeren Plauderton irgendwo zwischen naseweis und nervig geschrieben. Erotisch oder lustvoll ist da nichts. Skandalös auch nicht. Tabubrechend – naja. Und warum dieses langweilige Buch – außer der Banalbegründung „Sex sells“ – ein Bestseller wurde, ist mir schleierhaft.

Aber immerhin ist eine Story – Scheidungskind Helen möchte, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen und versucht das mit einem möglichst langen Krankenhausaufenthalt zu erreichen – erkennbar und wenn sie dann am Ende, ziemlich überraschend, mit ihrem Krankenpfleger Robin zusammen zieht, kann sogar ein Entwicklungsroman erkannt werden. Immerhin emanzipierte Helen sich im Krankenhaus, als sie über ihr bisheriges Leben nachdachte, von ihren Eltern. Aber das ist vielleicht auch eine Überinterpretation und Helen will einfach nur etwas Sex haben.

Im Film wird dagegen explizit mit dem Skandal gespielt. David Wnendt geht dabei – der Film ist freigegeben ab 16 Jahre – immer an die Grenzen des auch noch für Jugendliche zeigbaren und er bleibt immer geschmackvoll. Und David Wnendt hat viele Szenen dazu erfunden oder erweitert, die im Buch nur einige Zeilen lang sind. Wir erfahren, unter anderem, mehr über ihre Eltern, die beide vollkommen unfähig sind, Kinder zu erziehen, es gibt einen langen Drogentrip von Helen und ihrer Freundin Corinna, nachdem ihr Dealer eine Dose mit Drogen bei ihnen vergisst, es gibt die längere Version von Helens vulgärer Pizzageschichte und, ganz am Anfang als „Trainspotting“-Hommage, einen Besuch von Helen auf Berlins schmutzigster Toilette.

Aber die Episoden bleiben eine Ansammlung von Szenen, bei denen meistens unklar ist, ob sie wahr oder erfunden oder von Helen in ihrer Fantasie überspitzt wurden. Das schon in der Vorlage rudimentäre Handlungsgerüst wurde noch weiter entkernt. Die Versuche, ihre Eltern zusammenzuführen sind kaum vorhanden und dass sie das unbedingt will, wird im Film nicht erkennbar. Sowieso: warum wollen Scheidungskinder unbedingt, dass ihre Eltern wieder zusammen sind und, obwohl sie sich nicht mehr lieben, auf heile Familie machen? Die Liebesgeschichte zwischen Helen und ihrem Pfleger ist höchstens als Schwärmerei eines Teenagers erahnbar, aber meistens geht es einfach um Helen, die ihren Spaß haben will und daher auch Robin ab und zu etwas neckt. Er scheint sowieso der einzige Pfleger auf dieser ziemlich menschenleeren Station zu sein. So kommt dann das gemeinsame Ende mit ihm vollkommen überraschend. Aber vielleicht fährt er sie, als er sie allein vor dem Krankenhaus im Regen stehen sieht, nur zur nächsten U-Bahn-Station.

Sogar die große Enthüllung am Ende des Films (sie hat als Achtjährige gesehen, wie ihre Mutter sich und ihren jüngeren Bruder vergasen wollte), die in einem konventionell erzähltem Film dazu dienen würde, ihre ach so verkorkste Psyche zu erklären und sie geläutert in eine bessere Zukunft entlassen würde, bleibt folgenlos. Im Buch wird dieses große Familiengeheimnis bereits auf Seite 61 (also am Anfang des zweiten Romanviertels) nebenbei enthüllt.

Zusammengehalten werden diese Episoden von der Erzählerin Helen, die fast während des gesamten Films erzählt, was wir gerade sehen oder auch nicht sehen können, weil sie gerade über – Na, Sie wissen schon – sinniert.

Aber die Szenen und das Voice-Over fügen sich nicht zu einem kohärentem Ganzen zusammen. Im Gegenteil. Sie widersprechen sich ständig gegenseitig. So sollen wir, zum Beispiel, glauben, dass Helen freiwillig bei ihrer Mutter bleibt, die sie sadistisch quält (so lässt sie sie auf den Betonboden fallen oder schneidet ihr im Schlaf die Wimpern ab), von einem Guru zum nächsten läuft und anscheinend als hygieneversessene Hausfrau und zweifache Mutter ziemlich sorgenfrei lebt. Helens Vater, der einerseits ein durchaus liebevoller, vermögender Vater mit unklarem Beruf, aber viel Freizeit und wechselnden Freundinnen ist, ist andererseits grotesk geistesabwesend. So schlägt er die Kofferraumtür seines Autos zu, klemmt dabei Helens Hand ein und reagiert überhaupt nicht auf ihre Schreie. Oder er cremt sie am Strand so nachlässig ein, dass sie danach den Sonnenbrand ihres Lebens hat. Sandburgbauen ist halt wichtiger. Billige Lacher ebenso.

Karikaturen sind diese Eltern, wie eigentlich alle Charaktere in „Feuchtgebiete“, sowieso, wobei man sich darüber unterhalten kann, ob sie Karikaturen aus Helens Sicht oder der Filmemacher sind und so kommen wir zu einem großen Problem des Films, der die Vorlage nicht blind-bieder bebildert: er hat keine erkennbare Haltung zur Geschichte. Er ordnet sein Material beliebig an und weil die einzelnen Erlebnisse und Fantasien von Helen folgenlos bleiben, könnten sie auch in irgendeiner anderen Reihenfolge als assoziativer Bilderbogen erzählt werden.

Das ist dann für einen zweistündigen Film, trotz großartiger Schauspieler und guter Inszenierung, zu wenig.

Feuchtgebiete - Plakat 4

Feuchtgebiete (Deutschland 2013)

Regie: David Wnendt

Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wnendt

LV: Charlotte Roche: Feuchtgebiete, 2008

mit Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse, Peri Baumeister, Edgar Selge, Harry Baer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (in der schönen Filmausgabe mit 27 Bildern und einem 22-seitigen Interview mit Charlotte Roche, David Wnendt und Peter Rommel)

Roche - Feuchtgebiete

Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Dumont, 2013

240 Seiten

12 Euro

Erstausgabe

Dumont, 2008

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Feuchtgebiete“

Moviepilot über „Feuchtgebiete“

Wikipedia über „Feuchtgebiete“ (Roman, Film)

Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (D 2011)

Perlentaucher über „Feuchtgebiete“


TV-Tipp für den 22. August: Die Bourne-Verschwörung

August 22, 2013

Vox, 20.15

Die Bourne-Verschwörung (USA/D 2004, R.: Paul Greengrass)

Drehbuch: Tony Gilroy

LV: Robert Ludlum: The Bourne Supremacy, 1986 (Die Borowski-Herrschaft, Das Bourne Imperium)

Jason Bourne ist in Goa untergetaucht. Als ein Anschlag auf ihn verübt wird und er in Berlin ein Attentat verübt haben soll, beginnt Bourne den wirklichen Täter zu jagen.

Überaus erfolgreiche und auch bei der Kritik beliebte Fortsetzung von “Die Bourne-Identität”. Wieder, bis auf die Regie, mit dem bewährten Team und einigen halsbrecherischen Autoverfolungsjagden. Die Story ist ein Aufguss von „Die Bourne Identität“ (Am Anfang kämpft Bourne mit seiner Amnesie. In der Mitte erinnert er sich an seine Vergangenheit. Am Ende kämpft er gegen einen anderen Profikiller. Oh, und etliche Autos werden geschrottet.). Die vielen Berlin-Bilder sind dagegen für Berlin-Freunde ein Fest.

Gilroys Drehbuch war für den Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert.

Im Anschluss, um 22.20 Uhr (Wiederholung um 02.35 Uhr), läuft der Thriller „Green Zone“, ebenfalls von Paul Greengrass, wieder mit Matt Damon und selbstverständlich sehenswert

Mit Matt Damon, Franka Potente, Brian Cox, Julia Stiles, Karl Urban, Joan Allen, Michelle Monaghan

Wiederholung: Freitag, 23. August, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Die Bourne-Verschwörung“

Rotten Tomatoes über „Die Bourne-Verschwörung“

Wikipedia über “Die Bourne-Verschwörung” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tony Gilroys „Das Bourne-Vermächtnis“ (The Bourne Legacy, USA 2012)