Nicole Holofceners „Genug gesagt“ ist eigentlich ein richtiger Frauenfilm, aber nach dem frühen Tod von James Gandolfini fällt es mir schwer, nicht endlos über ihn zu schreiben. Denn Gandolfini hat nur eine Nebenrolle. Er ist der neue Freund von Eva (Julia Louis-Dreyfus), die als Masseuse seine Ex-Frau Marianne (Catherine Keener) als Kundin hat. Aus der beruflichen Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden Frauen auch eine Freundschaft. Marianne erzählt von ihren Gedichten und lästert hemmungslos über ihren Ex ab, der anscheinend ein chaotisches Rindvieh ist, das nicht aufräumt, mit den Fingern isst und vollkommen unsensibel ist. Irgendwann ahnt Eva, dass Mariannes unerträglicher Ex-Mann ihr netter neuer Freund ist. Weil sie jetzt aber weder Marianne noch Albert verrät, dass sie sich zufällig mit beiden angefreundet hat, stolpert sie in einen kleinen Gewissenskonflikt zwischen ihren beiden neuen Freunden. Denn sie fragt sich, was an Mariannes Lästereien dran ist.
Das hört sich jetzt nach einer x-beliebigen Romantic Comedy unter Über-Fünfzigjährigen an, aber eigentlich ist Holofceners sympathisch kleiner Film eine genaue Beobachtung der im Westside Bezirk in Hollywood lebenden Über-Vierzigjährigen, die ein normales Mittelklasseleben führen und nichts mit dem Filmgeschäft zu tun haben. Naja, bis auf Albert, der Filmarchivar ist und daher das TV-Programm der siebziger Jahre aus dem Eff-Eff kennt. Aber die Frauen sind berufstätig, die Kinder sind gerade auf dem Sprung an die Universität und man verbringt die Tage mit endlosem Gerede, das sich zunächst nach dem typisch US-amerikanisch höflich-belanglosem Geplapper anhört, bis dann doch irgendwann, verschüttet unter den Floskeln, die wahren Gefühle auftauchen und es auch um die Frage geht, mit wem man seine Freizeit verbringen will. Denn sie alle sind alt genug, um nicht mehr auf den Märchenprinzen zu warten.
Und weil „Genug gesagt“ der vorletzte Film von James Gandolfini ist („Animal Rescue“, nach einem Drehbuch von Dennis Lehane, soll 2014 in die Kinos kommen), rückt er, der hier einen normalen Mann, einen zu groß geratenen Teddybär, spielt, in den Mittelpunkt.
„Genug gesagt“ ist ein rundum gelungener, fein beobachteter, witziger Wohlfühlfilm für Erwachsene.
Genug gesagt (Enough said, USA 2013)
Regie: Nicole Holofcener
Drehbuch: Nicole Holofcener
mit Julia Louis-Dreyfus, James Gandolfini, Catherine Keener, Toni Colette, Ben Falcone, Tracy Fairaway, Eve Hewson, Tavi Gevinson
Als „Blau ist eine warme Farbe“ dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme erhielt, war es eine kleine Situation. Die von Steven Spielberg geleitete Jury zeichnete nicht nur Regisseur Abdellatif Kechiche, sondern – erstmals, die Regeln galant ignorierend – auch die beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux aus. Denn so Spielberg über die „großartige und wunderschöne Liebesgeschichte“ und die Juryentscheidung: „Ohne sie hätte der Regisseur seine genauen und sensiblen Beobachtungen nicht umsetzen können.“
In seinem dreistündigem Film erzählt Kechiche die Liebesgeschichte zwischen Adèle (Adèle Exarchopoulos) und Emma (Léa Seydoux [Mission: Impossible – Phantom Protokoll, Midnight in Paris, Inglourious Basterds]) von ihrer ersten Begegnung bis zu ihrem Ende.
Als wir Adèle zum ersten Mal treffen, ist sie eine siebzehnjährige, literaturbegeisterte Schülerin, die Lehrerin werden möchte. Und wie ihre Klassenkameradinnen sucht sie einen Freund. Aber der Schwarm der Mädchen ist dann doch nicht ihr Traumprinz. Im Gegensatz zu der etwas älteren Frau mit den struppigen blauen Haaren, die sie, Arm in Arm mit einer anderen Frau, auf dem Marktplatz sieht und von der sie sofort fasziniert ist. Später treffen sie sich mitten in der Nacht in einer Lesbenbar, in die Adèle ging, nachdem sie von ihren Klassenkameradinnen gelangweilt war. Der Funke springt über und die Liebesgeschichte zwischen Adèle und der bekennend lesbischen Kunststudentin Emma beginnt. Dass sie aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen kommen, dass das handfeste Arbeitermilieu und das Künstlermilieu zwei verschiedene Welten mit sehr verschiedenen Lebensentwürfen ist, stört sie anfangs nicht.
Später, nachdem sie zusammen gezogen sind und der Alltag ist in ihre Beziehung einkehrt, fallen diese Unterschiede auf. Während Adèle als Lehrerin arbeitet, hat Emma erste Erfolge als Malerin.
Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) erzählt diese Geschichte fast ausschließlich in Nahaufnahmen und längeren Szenen, die quasi-dokumentarisch wirken. Und, was auch ungefähr in jeder Besprechung erwähnt wird, mit einigen längeren expliziten Sexszenen, die mich, weil sie Teil der Geschichte sind, nicht störten. Denn sie verraten auch einiges über die Beziehung der beiden Frauen zueinander.
Auch wenn die einzelnen Szenen, dank des sehr improvisierten Drehs, betont ungekünstelt wirken, hat Kechiche die Adoleszenz-Geschichte beim Schnitt präzise komponiert, indem es auch um verschiedene Lebensentwürfe (Adèle arbeitet nach ihrer Schulabschluss mit Kindern), die Liebe zur Kunst (es wird schier endlos mit nimmermüder Begeisterung über die Literatur und die Malerei gesprochen), Machtstrukturen und Vorurteile (besonders deutlich in der Schule, wenn Adèle von ihren Freundinnen als Lesbe beschimpft wird, aber auch wenn sie Emma ihren Eltern als Freundin vorstellt, während Emmas Eltern von ihrer lesbischen Beziehung wissen) und dem sexuellen Erwachen, das hier halt mit einer anderen Frau stattfindet, die Adèle gleichzeitig in die Welt der Kunst und der Boheme entführt.
Im Original heißt „Blau ist eine warme Farbe“ „La vie d’Adèle, chapitres 1 & 2“ und, auch wenn sich Kechiche in den ersten beiden Kapitel auf die Liebesgeschichte und damit auf Adèle und Emma konzentriert, gibt es mit dem halb offenem Ende und den, eher spärlichen, Hinweisen auf ihr Leben, genug Möglichkeiten für weitere Kapitel, die Kechiche in den nächsten Jahren mit Adèle Exarchopoulos erzählen möchte, wenn es nicht gerade zwischen ihm, seinen beiden Hauptdarstellerinnen und der Autorin der Vorlage, die er sehr frei interpretierte, Streit gäbe.
Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle, chapitres 1 & 2, Frankreich 2013)
Regie: Abdellatif Kechiche
Drehbuch: Abdellatif Kechiche, Ghalya Lacroix
LV: Julie Maroh: Le bleu est une couleur chaude, 2010 (Blau ist eine warme Farbe)
mit Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos, Salim Kechiouche, Mona Walravens, Jérémie Laheurte, Alma Jodorowsky
TATORT: Dreimal schwarzer Kater (D 2003, R.: Buddy Giovinazzo)
Drehbuch: Stephan Cantz, Jan Hinter
In einem Heim stirbt die gelähmte Lisa. Kommisar Thiel und Pathologe Boerne beginnen zu ermitteln.
Nach zwei äußert unterhaltsamen Fällen inszenierte Buddy Giovinazzo den dritten Fall: New York in Münster? Das nicht, aber gewohnt respektlos und witzig.
Mit Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Großmann, Oliver Bokern, Claus D. Clausnitzer
mit Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike, Minnie Driver, Rachelle Lefevre, Scott Speedman, Bruce Greenwood, Jake Hoffman, Saul Rubinek, Paul Gross, David Cronenberg, Atom Egoyan, Ted Kotcheff, Denys Arcand, Richard J. Lewis (die fünf letztgenannten sind alles Regisseure und haben nur Cameos, zum Beispiel als Regisseur)
Zwischen all den lauten und extrem teuren Sommerblockbustern ist „Die Unfassbaren – Now you see me“ von Louis Leterrier eine willkommene Abwechslung, die in den USA auch überraschend erfolgreich war. Das lag sicher zu einem guten Teil an der Besetzung. Jesse Eisenberg, Woody Harrelson, Isla Fisher und Dave Franco spielen das Zauberer-Quartett „The Four Horsemen“, die mit ihren Tricks in ihren pompösen Shows die Massen verzücken. Dabei waren sie vor einem Jahr noch vier Individualisten, die sich mehr schlecht als recht mit ihren Shows, billigen Tricks und Taschendiebstählen durchschlugen, bis sie eine geheimnisvolle Einladung erhielten und von einem bis zum Schluss im Dunklen bleibendem Mastermind eingeladen wurden, gemeinsam bei einer großen Sache mitzumachen.
Ihr erster gemeinsamer Auftritt im Film ist in Las Vegas im MGM Grand vor 5000 Zuschauern. Sie wählen zufällig einen Mann aus, der Bankdirektor in Paris ist, und rauben mit seiner Hilfe in Paris die Bank aus, während sie in Las Vegas auf der Bühne stehen und die Beute vom Bankraub in den Saal regnen lassen.
Dieser unmögliche Bankraub, der aber dennoch stattgefunden hat, ist nur der Auftakt für weitere Zaubershows in New Orleans und New York. Finanziert werden sie dabei einem Milliardär (Michael Caine), der sich ein großes Geschäft mit den „Four Horsemen“ verspricht. Verfolgt werden sie von einem FBI-Agenten (Mark Ruffalo), einer französischen Polizisten (Mélanie Laurent) und einem Ex-Zauberer, der die Tricks von Zauberer enthüllt (Morgan Freeman).
Allein schon diese Besetzung, und dann noch in einer niveauvollen Heist-Komödie, ist die halbe Miete.
Die andere Hälfte ist das Drehbuch von Ed Solomon, Boaz Yakin und Edward Ricourt, das kunstvoll die falschen Fährten auslegt und dabei, wie eine Zaubershow, die Zuschauer immer wieder von der richtigen Fährte ablenkt, aber auch immer wieder Tricks enthüllt und so auch immer wieder Hinweise auf die weitere Handlung, den Hintermann und die Ablenkungen, die von etwas anderem ablenken sollen, gibt. Das ist ziemlich clever gemacht, aber wenn man das Prinzip der Tricks und Ablenkungen durchschaut hat, wirkt „Die Unfassbaren“ auch etwas vorhersehbar und, nach dem spektakulären Paris-Las-Vegas-Bankraub, sind die weiteren großen Zauberkunststücke der Zauberer weniger spektakulär. Dass die Charaktere, die Guten wie die Bösen (wobei während des Films unklar ist, wer am Ende die Guten und wer die Bösen sind), alle nur Figuren in einem Spiel sind, reflektiert dann wieder den Charakter des Films, der, wie eine Zaubershow, nur vergnügliche Abendunterhaltung sein will. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und als intelligente Unterhaltung im Stil von „Ocean’s Eleven“ oder „Topkapi“ (wenn die „Four Horsemen“ Bösewichter sind) oder von „Ihr Auftritt, Al Mundy“ (It takes a Thief) oder „Leverage“ (wenn die „Four Horsemen“ moderne Robin Hoods sind) ist „Die Unfassbaren“ ein kurzweiliger Spaß.
Jetzt habe ich mir, anlässlich der DVD-Veröffentlichung, den Film wieder angesehen. Dieses Mal im etwas längeren Extended-Cut. Große Veränderungen habe ich nicht gesehen, aber nach meinem Eindruck liegt der Fokus jetzt etwas stärker bei der Polizei und ich fand diese Version insgesamt etwas unrunder als die schlanke Kinoversion, was auch daran liegen kann, dass, wie dieser Fassungsvergleich zeigt, viele Szenen einfach etwas verlängert wurden und die wenigen neu eingefügten Szenen die Handlung eher verlangsamen.
Davon abgesehen ist „Die Unfassbaren – Now you see me“ ein locker-lässiger Popcorn-Film, ein vergnüglicher Comic-Crime-Caper, der Spaß macht, solange man nicht zu genau über die Geschichte nachdenkt und das nach einem fulminanten ersten Trick zunehmend konventioneller wird. Denn ein Las-Vegas-Paris-Bankraub ist viel eindrucksvoller, als ein Geldtransfer von einem Konto zu anderen Konten; auch wenn dies während einer Show geschieht und sich dabei – dank unsichtbarer Schrift – der Kontostand auf den Papieren der Anwesenden verändert.
Im Kino war der Film ein Überraschungserfolg. Deshalb soll es eine Fortsetzung geben und die in den Abspann hineingeschnittene Szene, in der die Four Horsemen einen einsam gelegenen, verlassenen Vergnügungspark betreten, könnte ein Witz oder ein Hinweis auf die Geschichte der überflüssigen Fortsetzung sein. Denn eigentlich ist die Geschichte der vier Zauberer und ihres, hm, Auftraggebers zu Ende erzählt.
Das Bonusmaterial
Auf der DVD und Blu-ray sind die Dokumentationen „Die Unfassbaren: Making of“ und „Eine kurze Einführung in die Welt der Magie“, präsentiert von David Kwong, einem Zauberer, der die Filmemacher beriet. Sie geben einen Einblick in den Film und die Zauberei, sind aber beide ziemlich atemlos geschnitten und liefern eher Oberfläche als Inhalt. Halt wie der Film.
Auf der Blu-ray, die beide Fassungen des Films enthält, gibt es – so wurde angekündigt – außerdem eine halbe Stunde „Geschnittene Szenen“ und einen Audiokommentar von Produzent Bobby Cohen und Regisseur Louis Leterrier.
Die Unfassbaren – Now you see me (Now you see me, USA 2013)
Regie: Louis Leterrier
Drehbuch: Ed Solomon, Boaz Yakin, Edward Ricourt
mit Jesse Eisenberg, Isla Fisher, Woody Harrelson, Dave Franco, Mark Ruffalo, Mélanie Laurent, Morgan Freeman, Michael Caine, Common, Michael J. Kelly
–
DVD (Extended Edition)
Concorde Home Entertainment
Bild: 2,40:1 (16:9)
Sprache: Deutsch (DTS, Deutsch Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Die Unfassbaren: Making-of, Eine kurze Einführung in die Welt der Magie, Easter Eggs, Wendecover
Nach seinem grandiosen „Carlos – Der Schakal“ bleibt Olivier Assayas auch mit seinem neuesten Film „Die wilde Zeit“, der im Original „Après Mai“ heißt und auf die Nachwirkungen des revolutionären Mai 1968 anspielt und bei uns ursprünglich als „Something in the Air“ (was auch ein treffender Titel gewesen wäre) anlaufen sollte, den Siebzigern treu und erzählt von einigen Jugendlichen, die zwischen Schulabschluss und Studienbeginn bei der Revolte mitmachen wollen. Sie wollen eine andere, eine bessere Gesellschaft und versuchen ihren eigenen Weg zwischen Liebe, Kunst und Politik zu finden.
„Die Jugend meiner Generation war ganz besonders entflammbar. Die heutige Jugend ist eher vernünftig. Jeder ist radikal, steht aber für nichts ein. In den 1970er wurden wir permanent gefordert, uns zu rechtfertigen: ‘Was hast du für die Arbeiterklasse getan?’ (…) Wir hassten Unternehmen jeglicher Form und näherten uns ihnen nur, um sie von innen zu sabotieren. Wir lebten in Kommunen, wir weigerten uns Familien zu gründen, hatten keine Altersvorsorge im Kopf (…) Die „Nach-Mai“-Generation wurde in das Chaos hineingeboren und wuchs im Chaos auf. Sie hatte keine anderen symbolischen Werte als die Ablehnung der Welt, die Marginalisierung, die Verpflichtung auf das Endergebnis. Ein sehr zerstörerisches Endergebnis, wie sich herausstellt. Diese Generation zahlt einen hohen Tribut.“ (Olivier Assayas)
Der Film beginnt unmittelbar nach der vom Polizeipräsidium verbotenen Demonstration vom 9. Februar 1971 in Paris. „Le Secours Rouge“, eine maostisch-kommunistische Organisation, rief zu einer Demonstration gegen die Inhaftierung einiger proletarischer Linker auf. Die neu gegründeten „Brigades Spéciales d’Intervention“ (Sondereinheiten für Interventionsmaßnahmen) wendeten hemmungslos Gewalt gegen die Demonstranten an. Ein Demonstrant, der 24-jährige Richard Deshayes, wird von einer Rauchgranate getroffen und verliert ein Auge, das andere wird schwer verletzt. Der unpolitische Gymnasiast Gilles Guiot wird auf seinem Heimweg verhaftet und zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe mit drei Monaten Bewährung wegen des nicht nachweisbaren Angriffs auf einen Offizier im Dienst verurteilt. Die Studentenbewegung schöpfte aus diesen Ereignissen neue Kraft.
Auch Gilles und seine linken Freunde in der Pariser Vorstadt beschäftigt dieses grundlos harte Durchgreifen der Staatsmacht, die wild um sich prügelt und, wie auch kurz darauf in „Die wilde Zeit“, mit Rauchgranaten und Schlagstöcken Demonstrationen auflöst und hemmungslos Jugendliche verfolgt, die einfach nur das Pech haben, in der Nähe der Demonstration zu sein. Sie wollen ein Zeichen setzen. Dabei werden ihre Aktionen, die juxhaft mit dem nächtlichen Bemalen der Schule beginnen, zunehmend gefährlicher. Auch weil das Gebäude von einigen Wachleuten bewacht wird.
Nachdem sie einen Wachmann schwer verletzen und der Sommer naht, begeben Gilles und seine Freunde, teils zusammen, teils getrennt, sich auf Reise. Nach England und Italien, zu Künstlern, Musikern und radikalen Filmemachern. Und sie müssen sich entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen: ob sie wirklich Terroristen werden wollen oder sich irgendwie mit dem System arrangieren, es versuchen von innen heraus zu verändern.
Das ist, wie der 1955 in Paris geborene Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas zugibt, autobiographisch gefärbt, aber auch ein Porträt einer Generation, die nach dem großen Aufbruch von 1968 ihren Weg suchte.
Assayas zeichnet diese Irrungen und Wirrungen feinfühlig und mit mehr als einem Augenzwinkern in Richtung Nouvelle Vague nach. Da fallen die darstellerischen Mängel der Jungschauspieler – Debütanten und Laienschauspieler – umso stärker auf. Denn zu oft sind sie nicht auf der Höhe des Buchs und der Regie.
Beim wiederholten Ansehen fällt auf, wie kurz einige der Szenen, die im Gedächtnis blieben, sind, und wie viel Stoff Assayas in zwei Stunden Filmzeit packte, ohne dass es jemals hektisch wird. Ein Peter Jackson im „Der Hobbit“-Modus hätte daraus wahrscheinlich ein zwanzigstündiges Werk gemacht. Mindestens.
Das Bonusmaterial
Das Bonusmaterial ist überschaubar. Im Wesentlichen besteht es aus einem viertelstündigem „Making of“, das aus Bildern vom Dreh und einigen Statements von Olivier Assayas zu seinem Film besteht.
Die wilde Zeit (Après Mai, Frankreich 2012)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Clément Métayer, Lola Créton, Félix Armand, Carole Combes, India Salvor Menuez, Hugo Conzelmann
–
DVD
EuroVideo
Bild: 1.85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Originalfassung (Französisch, Italienisch, Englisch; Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Lightshow für „Fille Qui Mosse“, Trailer
Den Mörder trifft man am Buffet (Frankreich 1979, R.: Bertrand Blier)
Drehbuch: Bertrand Blier
Alphonse hat Mordfantasien. Als ein Buchhalter mit seinem Messer erstochen wird, kann er sich nicht an die Tat erinnern. Ein Inspektor will den Mord nicht aufklären. Und da geschieht der nächste Mord.
„Ein kleines Meisterwerk des Nonsense, in dem weder Logik noch Zynismus, sondern allein das Absurde zählt, Alice im Wunderland der Mörder auftritt und Jack the Ripper in die Burlesken eines W. C. Fields gerät.“ (Fischer Film Almanach 1993)
Die deutsche Premiere war 1992 im ZDF und seitdem wurde der Film kaum wiederholt.
Blier erhielt für seinen Drehbuch einen César.
Bertrand Blier inszenierte unter anderem „Die Ausgeblufften“, „Frau zu verschenken“, „Abendanzug“, „Zu schön für Dich!“, „Mein Mann – Für deine Liebe mache ich alles“ und „Und wie sehr liebst du mich?“. Immer spielt er in seinen Komödien sehr gelungen mit den gesellschaftlich-bürgerlichen Konventionen, die er lustvoll negiert.
mit Gérard Depardieu, Jean Carmet, Bernard Blier, Geneviève Page, Michel Serrault, Carole Bouquet
Für mich ist diese „Tatort“-Wiederholung das vorgezogene Geburtstagsgeschenk des NDR an Frank Göhre, der am Montag seinen siebzigsten Geburtstag feiert. Aber wahrscheinlich hat im Sender nur jemand gemeint, der „Tatort“ sei mal wieder fällig.
NDR, 21.45
Tatort: Finale am Rothenbaum (D 1991, R.: Dieter Kehler)
Drehbuch: Frank Göhre
Gangster entführen einen Tennis-Champion. Damit das Spiel weitergehen kann, müssen Stoever und Brockmöller ihn befreien.
Spannender (jedenfalls aus der Erinnerung an die Erstausstrahlung) und eher selten gezeigter Stoever-Tatort. Bei dem Tennis-Champion Andi Behrens denken wir natürlich immer noch sofort an Boris Becker.
Mit Manfred Krug, Charles Brauer, Christina Plate, Knut Hinz, Manfred Lehmann
Der Staat schweigt (Frankreich 2012, R.: Frédéric Berthe)
Drehbuch: Raphaëlle Bacqué, Nicolas Kieffer
Im Élysée-Palast erschießt sich der Gesundheitsminister. Der Präsident engagiert eine Beraterin, die den Skandal begrenzen soll. Schnell ist sie mit widersprüchlichen Gerüchten über das Motiv des Suizids konfrontiert und ein Journalist vermutet sogar, dass der Minister ermordet wurde.
Alois Nebel ist der ältere, allein lebende Fahrdienstleiter an dem kleinen Bahnhof Bílý Potok im Nirgendwo der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, der seine Arbeit liebt, alte Fahrpläne sammelt und unbeeindruckt von den weltpolitischen Umbrüchen des Jahres 1989 ist. Wenn es neblig wird, erinnert er sich an die Vergangenheit: vor allem die Deportationen der Juden, die anschließende Vertreibung der Deutschen, die er als Kind miterlebte, und die sowjetische Besatzung. Während seine Alpträume immer schlimmer werden, er auch in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird, blüht der grenznahe Schmuggel von Waren und Menschen – und ein geheimnisvoller Mann, nur „Der Stumme“ genannt, taucht auf. Er will sich für die Nachkriegsgräuel rächen.
„Alois Nebel“ ist die mit einigen Preisen, wie dem Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm, ausgezeichnete Verfilmung mehrerer Comics von Autor Jaroslav Rudis und Zeichner Jaromir 99, in der in einem großen Bogen anhand einiger Charaktere die Geschichte des Sudetenlandes, von weltpolitischen Veränderungen, die sich im alltäglichen Leben spiegeln und von Schuld und Sühne erzählt wird. Aber was im Comic funktioniert, führt im Film schnell zu einem Übermaß an Exposition und einem erzählerischem Stillstand. So ziehen sich die knapp neunzig Minuten des Trickfilms schnell wie Kaugummi; auch weil die Geschichte, die eher eine essayistische Collage von mehreren miteinander verknüpften Episoden mit schweigsam-introvertierten Charakteren ist, sehr reizarm erzählt wird. So spiegelt sich, wenn gegen Ende die Handlung actionlastiger wird und auch ein blutiger Mord geschieht, die Bilder nicht im Ton wieder. Davor gibt es lange Aufnahmen, von vor sich hin brütenden Menschen.
Tomás Lunák drehte den Film im Rotoskopie-Verfahren, in dem Realbilder auf eine Mattglasscheibe projiziert und abgezeichnet werden. So schwanken die faszinierenden Schwarz-Weiß-Bilder auch immer wieder zwischen einer sehr realistischen und einer abstrakten Wiedergabe der Ereignisse. In Richard Linklaters Philip-K.-Dick-Verfilmung „A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm“ führte das Rotoskopie-Verfahren zu einem überzeugenden Ergebnis. In Christian Volckmans Science-Fiction-Noir „Renaissance“, der ebenfalls mit extrem stilisierten Schwarz-Weiß-Bildern (hier sogar unter dem Verzicht auf jegliche Grautöne) arbeitete, war das Ergebnis ein stilistisch beeindruckender, erzählerisch unbeeindruckendes Werk.
Auch „Alois Nebel“ beeindruckt nur als Stilübung, bei der die einzelnen Filmbilder und der Trailer interessanter als der Film sind.
Die Tolkien-, „Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Fans haben sicher schon ihre Kinokarte für „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ gelöst und nichts, was ich sage, wird sie von einem Besuch abhalten.
Die überzeugten Verächter von J. R. R. Tolkien, „Herr der Ringe“, „Der Hobbit“ und allem, wo „Fantasy“ draufsteht, werden sich auch den Mittelteil von Peter Jacksons dreiteiliger „Der Hobbit“-Verfilmung nicht ansehen.
Aber wie sieht es für die Anderen aus?
Nun, „Smaugs Einöde“ erzählt die Geschichte des ersten „Der Hobbit“-Films „Eine unerwartete Reise“ weiter und in einem Jahr gibt es mit „Hin und zurück“ den wieder gut dreistündigen Abschluss von Peter Jacksons episch langer Verfilmung eines ziemlich dünnen Buches. Eigentlich hat man das Kinderbuch schneller gelesen als gesehen.
Jedenfalls sind jetzt Bilbo Beutlin, Thorin Eichenschild, ihre zwölf Zwergenfreunde und der Zauberer Gandalf auf dem Weg. Sie wollen das Zwergenreich Erebor befreien. In „Smaugs Einöde“ müssen sie durch den Düsterwald, kämpfen gegen riesige Spinnen, werden von den Waldelben gefangen genommen, können dank Bilbo und des ihn unsichtbar machenden Rings flüchten, indem sie sich in Weinfässern durch einen reißenden Fluss treiben lassen, werden vom Fährmann Bard über den See nach Seestadt gefahren und gehen in den Einsamen Berg, um dort den Arkenstein zu holen. Dabei müssen sie gegen den titelgebenden Drachen Smaug, der in dem Berg in einer riesigen, gut gefüllten Schatzkammer lebt, kämpfen.
Das ist so ungefähr die den Tolkien-Fans bekannte Geschichte des gut dreistündigen Films, der im wesentlichen eine Abfolge von Action-Setpieces ist, die einerseits atemberaubend anzusehen sind, andererseits aber auch mit der Zeit langweilen. Denn sie dehnen sich endlos. Es gibt zuerst eine, dann zwei, dann eine gefühlte Hundertschaft riesiger Spinnen, die von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Es gibt dann noch eine und noch eine und noch eine weitere Flussmündung. Es tauchen Hundertschaften von Orks auf, die Bilbo und seine Freunde umbringen wollen und von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Gern auch mal enthauptet, aber immer unblutig. Und im Einsamen Berg dauert der Kampf zwischen Smaug und Bilbo verdammt lang. Dann kommen die anderen Zwerge hinzu und es dauert noch länger und der halbe Berg wird zerstört, ehe der Film mit einem Cliffhanger endet, der ganz klar auf ein Publikum zielt, das den ersten Teil kennt und den dritten Teil sehen will.
Denn als Einzelwerk ist „Smaugs Einöde“ nur ein Showcase für die Tricktechniker und für die Qualität von 3D, auch wenn der 3D-Effekt in den ersten Minuten, wenn Gandalf und Thorin Eichenschild sich in einer Gaststätte unterhalten, eher an einen Scherenschnitt erinnern. Aber später entfalten die Bilder auf der großen Leinwand ihre ganze Pracht und, auch wenn sie immer an bekannte Bildwelten anknüpfen, überwältigen sie.
Auch der im ersten Teil kritisierte Eindruck, dass der mit 48 Einzelbildern pro Sekunde aufgenommene Film immer wieder wie eine billige Nachmittags-TV-Sendung wirke, ist nicht vorhanden. Die echten und die am Computer entstandenen Sets wirken atemberaubend realistisch.
Die Schauspieler sind gut. Dafür sind die Dialoge eher lausig. Halt der übliche Schwurbel, den man aus Mittelalter- und Fantasy-Filmen kennt.
Und damit kommen wir zur Eingangsfrage zurück: Lohnt sich „Smaugs Einöde“ für Menschen, die einfach nur einen guten Film sehen wollen?
Nein, denn unter dem Actionfeuerwerk geht jede Charakterentwicklung zugrunde. Wir erfahren in den Actionszenen auch eigentlich nichts über die Charaktere (denn: Action ist Handlung! Handlungen enthüllen den Charakter!), ihre Motivation und was das Ziel der Reise ist. Hier gibt es nur bunt zusammengewürfelte Reiseerlebnisse.
Auch das große Finale im dritten „Der Hobbit“-Film wird nicht vorbereitet. So bleibt unklar, warum die Orks Bilbo und seine Gefährten so hartnäckig verfolgen; warum die beiden Elben sich als unbeteiligte Gruppe so sehr in den Kampf zwischen den Zwergen und den Orks einmischen; welche Rolle Bard im dritten „Der Hobbit“-Film haben könnte. Über ihn erfahren wir nur, dass er ein Seemann und Vater ist und Ärger mit dem Bürgermeister hat. Wir wissen auch nicht wo Gandalf, der Bilbo und seine Schar am Filmanfang für eine andere, wichtige Aufgabe verließ, gefangen gehalten wird und ob und wie seine Gefangenschaft die Ereignisse im dritten Teil beeinflussen könnte.
Das sind natürlich alles Fragen, auf die die „Hobbit“-Fans die Antwort kennen, aber in einem Film sollte die Vorlage filmgerecht aufbereitet werden und natürlich sollten auch Späteinsteiger die nötigen Informationen im Film erhalten (was leidlich funktioniert) und es sollten im zweiten Akt alle nötigen Informationen für den Höhepunkt gegeben werden. Denn die Aufgabe von „Smaugs Einöde“ ist nur, „Hin und zurück“ vorzubereiten.
„Der Hobbit – Smaugs Einöde“ ist ein Film für die zahlreichen „Der Hobbit“-/“Herr der Ringe“-Fans, die den ersten Film gesehen haben und den dritten Film sehen werden.
Der Hobbit – Smaugs Einöde (The Hobbit: The Desolation of Smaug, USA 2013)
Regie: Peter Jackson
Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro
LV: J. R. R. Tolkien: The Hobbit, 1937 (Kleiner Hobbit und der große Zauberer, Der kleine Hobbit, Der Hobbit oder Hin und zurück)
mit Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Benedict Cumberbatch, Evangeline Lilly, Lee Pace, Luke Evans, Ken Stott, James Nesbitt, Orlando Bloom, Stephen Fry, Mikael Perbrandt
Vor fast dreißig Jahren, als „Straßen in Flammen“, der neue Film von Walter Hill nach seinem Hit „Nur 48 Stunden“, in den Kinos anlief, war er kein großer Hit. Inzwischen ist „Straßen in Flammen“ ein in Japan schon immer geliebter Kultfilm, der bislang auf DVD praktisch ohne Bonusmaterial (naja, immerhin gab es den Trailer) und im falschen Bildformat (Vollbild statt 1,85:1) erhältlich war. Jetzt erschien Hills Film erstmals auf Blu-ray, es gibt gut zwei Stunden informatives und kurzweiliges Bonusmaterial und einen guten Grund, sich den Film wieder anzusehen.
Der Film
Die Story ist ein luftiges Nichts: Gang-Boss Raven Shaddock entführt während eines Konzertes die Sängerin Ellen Aim. Ihr Ex Tom Cody kommt zurück, rettet sie aus dem Club des Bösen, bringt sie zurück und trifft sich mit Raven zum abschließenden Kampf.
Aber die Story ist Walter Hill auch ziemlich egal. Ihm geht es in seiner Rockfantasie „Straßen in Flammen“ um die amerikanische Populärkultur: Neon, Rockmusik, Fünfziger-Jahre-Filme, Western, Gangsterfilme, Actionfilme und Comics. Denn „Straßen in Flammen“ spielt in einer zeitlosen Gegenwelt, in der alles nach den Fünfzigern, mit einem Schuss dreißiger und vierziger Jahre, aussieht, die Waffen und die Musik aber aus den Achtzigern sind. Ähnlich zeitlos sind die später entstandenen „Spiderman“-Filme von Sam Raimi oder die von Frank Miller ebenfalls später erfundene Noir-Stadt „Sin City“; – eigentlich könnte „Straßen in Flammen“ auch eine „Sin City“-Geschichte sein. In diesen Straßen einer nicht genannten Großstadt (Wer denkt bei den Brücken und Schluchten nicht an New York in einer seiner zahlreichen Inkarnationen?) wird noch einmal der Kampf zwischen Motorradgangs und Polizei inszeniert. Psychologisiert wird dabei nichts. Alles ist reine Oberfläche. Cody ist dabei natürlich der direkt aus einem Western entsprungene aus der Fremde kommende Heilsbringer. Als Ex-Soldat, der früher in dem Viertel wohnte, verdient er jetzt sein Geld als einsilbiger Söldner. Der Manager der Sängerin denkt nur an seine Investition. Die Frauen sind schmückendes Beiwerk. Der Bösewicht ist vor allem böse. Die Rocksongs wummern ordentlich. Ry Cooder füllt den Rest mit einem geschmackvollen Höllenritt durch die amerikanische Musikgeschichte. Andrew Laszlo fand die passenden, nach einer großen Leinwand schreienden Bilder. Die Szenenübergänge sind wie bei einem Comic gestaltet. Die Schauspieler präsentieren die Dialoge, die direkt aus einem Comic stammen könnten, mit dem nötigen Ernst. Dabei sind die Nebendarsteller glaubwürdiger, als der blasse Cody-Darsteller Michael Paré. Ein besonders Highlight ist Amy Madigan als Codys Kampfgefährtin McCoy. Sie ist – als Frau – der härteste Kerl auf den Straßen dieser Rock-City und sie nimmt, obwohl sie ihre Rolle in den Dialogen eher kumpelhaft anlegt und kaum Action-Szenen hat (immerhin ist sie nur der Sidekick), einige der starken Frauen der vergangenen Jahre vorweg.
Sowieso ist die Besetzung verdammt gut. Neben Michael Paré, der damals am Anfang seiner Filmkarriere stand, und Amy Madigan spielen Willem Dafoe als Bösewicht, Diane Lane als entführte Sängerin, Rick Moranis als ihr Manager und Bill Paxton, die heute in Hollywood immer noch gut beschäftigt sind, mit.
„Straßen in Flammen“ ist ein 80er-Jahre Actionfilm, der bemerkenswert gut gealtert ist. Damals war er als überlanger Videoclip seiner Zeit weit voraus. Heute ist der Genrehybrid auf der Höhe der Zeit, wenn auch, in Zeiten von Wackelkamera und Sekundenschnitten, angenehm altmodisch inszeniert. Damals war Walter Hill einer der heißesten und besten Regisseure von intelligenten Actionfilmen.
Zuletzt kehrte er, nach einer langen Kinopause, in der er hochgelobte TV-Western inszenierte, mit dem Sylvester-Stallone-Actionfilm „Shootout – Keine Gnade“ (Bullet to the Head, USA 2013) in die Kinos zurück mit einem souveränem und sympathisch anachronistischem Alterswerk, in dem Hill noch einmal seine bekannten Themen anspricht und einer neuen Betrachtung unterzieht. Die meisten Kritiker waren enttäuscht und auch das Publikum blieb aus.
Das Bonusmaterial
Wow! Nachdem es auf der DVD nur den Kinotrailer gab, wurde jetzt ordentlich investiert und auch im Archiv gegraben. Es gibt die brandneue, spielfilmlange, sehr informative Dokumentation „Rumble in the Lot“ von Robert Fischer. Er unterhielt sich unter anderem mit Walter Hill, Michael Paré und Amy Madigan. Außerdem gibt es ein zeitgenössisches „Making of“, das mit vielen Aufnahmen von den Dreharbeiten und einem herrlich altmodisch autoritativem Sprechertonfall entzückt, eine animierte zwölfminütige Bildergalerie, den deutschen und den Originaltrailer und die Musikvideos „Tonight is what it means to be young“ und „Nowhere Fast“ von Fire INC. und „I can dram about you“ von Dan Hartman. Das alte Bildmaterial liegt in einer ziemlich lausigen Qualität vor (wahrscheinlich ging es nicht besser, hat dafür aber etwas VHS-historisches), die neue Dokumentation wird zu hell und daher mit einem extrem milchigem Bild präsentiert.
Aber das Bild des Films ist schwer in Ordnung und, verglichen mit der alten DVD, um Lichtjahre besser. Endlich strahlt die Neonwelt des Films mit dem regennassen Asphalt in seiner ganzen Noir-Pracht.
Straßen in Flammen (Streets of Fire, USA 1984)
Regie: Walter Hill
Drehbuch: Walter Hill, Larry Gross
Mit Michael Paré, Diane Lane, Rick Moranis, Amy Madigan, Willem Dafoe, Deborah Van Valkenburgh, Richard Lawson, Rick Rossovich, Bill Paxton
Bonusmaterial: Making of, Rumble in the Lot (Dokumentation von Robert Fischer, 2013), selbstablaufende Bildergalerie, 3 Musikvideos, Deutscher und amerikanischer Kinotrailer, Wendecover
Die US-Kritiker waren mit dem Film so unzufrieden, dass Hauptdarsteller Johnny Depp, Regisseur Gore Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer in einem Interview die schlechten Kritiken und die negativen Meldungen, die es teilweise schon während der sich ewig hinziehenden Vorproduktion und der Dreharbeiten gab, für den finanziellen Misserfolg des Films verantwortlich machten. Das schmeichelte sicher dem Ego der US-Kritiker, aber wenn ich einen Blick auf andere, von der Kritik negativ besprochenen Filme und die Einspielergebnisse werfe, sehe ich keinen so einfachen Zusammenhang. Immerhin wurden Verbinskis zweiter und dritter „Piraten der Karibik“-Film auch nicht überwältigend besprochen und die kommerziell überaus erfolgreichen Blockbuster von Michael Bay werden regelmäßig verrissen.
Es kann daher auch sein, dass niemand den Film sehen will, weil er schlecht ist.
Die erstaunlich lieblose DVD-Veröffentlichung (Es sind nur zwei zusätzliche, weitgehend animierte Szenen und einige Pannen beim Dreh vorhanden. Sogar auf den Trailer wurde verzichtet.) bietet die Möglichkeit, das mit etwas Abstand zu überprüfen. Denn, immerhin meinte Bruckheimer, dass „Lone Ranger“ wie „Der Zauberer von Oz“ „Ist das Leben nicht schön?“, „2001: Odyssee im Weltraum“ und „Blade Runner“ mit der Zeit gewinnen und als Meisterwerk anerkannt werde.
Nun, das glaube ich nicht. Dafür ist „Lone Ranger“ einfach zu schlecht, aber es könnte einer dieser Feiertagsfilme werden, die man sich immer wieder, wenn auch nur bis zur nächsten Werbepause, ansieht, weil die gesamte Filmgeschichte zwar keinen Sinn macht, es aber einige eher müde Witze und, am Ende, eine ziemlich spektakuläre, slaptstickhafte Actionszene gibt, die deutlich von Stummfilmen, wie Buster Keatons „Der General“, inspiriert ist. Nur dass Verbinski die Action auf zwei Züge und mehr oder weniger nebeneinander verlaufenden Gleisen verlegte. Das ist dann so beeindruckend wie sinnfrei.
Davor gibt es eine chaotische Geschichte über einen Eisenbahnbauer, der im Indianergebiet illegal Gold abbauen will und der dafür, illegal und unbemerkt, gleich Gleise ins Indianergebiet verlegte. Seine skrupellosen Handlanger bringen in einem Hinterhalt John Reids Bruder und weitere Gesetzeshüter um. Nur John Reid (Armie Hammer), der sich jetzt „The Lone Ranger“ nennt, überlebt den Hinterhalt und gemeinsam mit dem Indianer Tonto (Johnny Depp) beginnen sie die Bösewichter zu jagen.
Dieses Chaos wird, in einer 1933 in San Francisco spielenden Rahmenhandlung, von Tonto erzählt und jede Unlogik kann natürlich damit erklärt werden, dass Tonto ein chronisch unzuverlässiger Erzähler ist, der sich immer wieder in den Mittelpunkt rückt. Denn in den ursprünglichen „Lone Ranger“-Geschichten ist Tonto nur der Gehilfe des edlen Lone Rangers.
Der Lone Ranger ist ein legendärer, von Fran Striker erfundener Charakter, der zuerst in den Dreißigern im Radio Bösewichter jagte. Bis September 1954 entstanden dreitausend „Lone Ranger“-Radioepisoden. Später trat der „Lone Ranger“ auch, ebenfalls äußerst erfolgreich, im Kino, im Fernsehen, in Romanen und in Comics auf. Die Geschichten waren für ein jugendliches Publikum geschrieben. Deshalb musste der „Lone Ranger“ sich auch immer gut benehmen, wie man aus den von Fran Striker und Radioproduzent George Trendle formulierten Statuten erfährt: „Der Ranger ist ein Mann, der allen Widrigkeiten trotzt und niemals aufhört zu kämpfen, sich aber auch die Zeit nimmt, einem Vogel mit einem verletzten Flügel zu helfen. (…) Der Ranger spricht immer klar und deutlich, ohne Dialekt- oder Slangbegriffe. (…) Der Ranger schießt nie, um zu töten. (…) Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gegenüber Kindern ist wichtig. Das Einhalten von Gesetzen und der Respekt gegenüber der Polizei ebenso.“
Tja, ein ziemlich naiver Held für ein sehr junges Publikum.
Mit dem originalen Lone Ranger hat diese viel zu teuer geratene Verfilmung, außer einigen Accessoires – die Maske des Lone Rangers, die Verkleidung des Lone Rangers, die Augenbinde des Lone Rangers – und einer extremen Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, nichts mehr zu tun. Auch der naive Charme der alten, für ein Taschengeld produzierten Serials fehlt.
Als Spielfilm setzt Verbinskis Werk sich, weil nie eine erzählerische Haltung erkennbar ist, als „Piraten der Karibik“-im-Wilden-Westen-Übung zwischen die Stühle. Einerseits soll die Klamauk-Ebene bedient werden, andererseits soll die Pracht des Wilden Westens wie in einem klassischen Western auf der Leinwand erstrahlen. Dabei durchkreuzt der eine erzählerische Ansatz immer wieder den anderen, nichts funktioniert und am Ende hat der „Lone Ranger“ höchstens die Faszination eines missglückten Experiments: die Zutaten stimmen, das Ergebnis nicht.
Dabei hat es nicht am Geld gelegen. Immerhin kostete der „Lone Ranger“ ungefähr 215 Millionen Dollar. „Django Unchained“ kostete 100 Millionen, „True Grit“ 38 Millionen, „Appaloosa“ 20 Millionen, „Todeszug nach Yuma“ 55 Millionen, „Open Range“ 22 Millionen und „Erbarmungslos“ 14,4 Millionen. Alle diese Western sind deutlich gelungener und sie fanden ihr Publikum, weil sie das hatten, was dem „Lone Ranger“ fehlt: eine Geschichte.
Lone Ranger (The Lone Ranger, USA 2013)
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rossio, Justin Haythe
mit Johnny Depp, Armie Hammer, Tom Wilkinson, Ruth Wilson, William Fichtner, Barry Pepper, James Badge Dale, Helena Bonham Carter
–
DVD
Disney
Bild: 2,40:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch, Türkisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Türkisch
Bonusmaterial: Zusätzliche Szenen, Pannen beim Dreh
Sightseers (Großbritannien 2012, R.: Ben Wheatley)
Drehbuch: Alice Lowe, Steve Oram
Tina und ihr Freund Chris machen sich auf dem Weg zu einem Trip zu den Sehenswürdigkeiten von Yorkshire – und Chris bringt alle um, die ihnen die Urlaubsfreude verderben könnten.
Sebastian Bergman ist ein richtiger Stinkstiefel, der gleich in den ersten Minuten von „Der Mann, der kein Mörder war“ in einem Hörsaal eine Reihe Polizisten und Polizeischüler kräftig beleidigt und die Lektüre seiner Bücher empfiehlt. Der angekündigte Vortrag entfällt.
Kurz darauf mischt er sich mit der Energie des Verzweifelten – er verlor während des Tsunamis 2004 in Thailand Frau und Kind – in polizeiliche Ermittlungen ein und bedrängt den ihm von früher bekannten Ermittlungsleiter Torkel Höglund, ihn als Profiler bei den Ermittlungen an einem Schülermord hinzuzuziehen. Denn – wir vermuten es schon nach dem Titel – der Tatverdächtige ist nicht der Mörder.
Sebastian Bergman ist eine Erfindung der Krimiautoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, die auch die Drehbücher für die Verfilmungen schrieben, die ungefähr zeitgleich mit den ersten beiden Romanen entstanden, die jetzt auf DVD vorliegen und bei deren Entwicklung Bergman-Darsteller Rolf Lassgård (auch bekannt als Kommissar Wallander) mithalf. Der dritte Bergman-Roman ist bereits verfilmt, der vierte wird gerade verfilmt und beide Verfilmungen sollen nächstes Jahr im ZDF gezeigt werden.
Die deutschen Ausgaben der dicken Romane „Der Mann, der kein Mörder war“, „Die Frauen, die er kannte“ und „Die Toten, die niemand vermisst“ erschienen bei Rowohlt Polaris.
Im zweiten Bergman-Krimi „Die Frauen, die er kannte“ steht Sebastian Bergmans Leben stärker im Mittelpunkt. Denn ein Frauenmörder kopiert die Morde von Edward, einem gut abgesichert in der Psychiatrie sitzendem Serienmörder, den Bergman überführte und über den er zwei Bestseller schrieb. Aber es kommt noch schlimmer: der Nachahmungstäter bringt Bergmans letztes Bettabenteuer um und auch bei den anderen Opfern gibt es Verbindungen zu den Frauen, die Bergman kannte. Bergman ist, wie Stieg Larssons Mikael Blomkvist, ein echter Womanizer, der mehr Affären als ein Playboy hat und der James Bond als ziemlichen Kostverächter erscheinen lässt. Und, weil der Mörder erstens viel über Bergman weiß und zweitens weitermorden wird, erstellt Bergman schon einmal eine Liste der möglichen Opfer, auf die auch seine beiden Arbeitskolleginnen gehören. Die eine, weil er mit ihr im Bett war. Die andere, weil sie – ohne es zu wissen – seine Tochter ist.
Beide TV-Filme sind okaye Krimiunterhaltung, ohne besonders eigenständig zu sein. Dafür ist Sebastian Bergman zu sehr eine „Cracker“-Kopie für Arme. Ein Vergleich, der sich schon bei seinem Auftritt in einem Hörsaal aufdrängt. Während Bergman wie ein Betrunkener vor sich hin faselt, schleudert Eddie ‚Fitz‘ Fitzgerald (Robbie Coltrane) die Werke von philosophische Größen durch die Luft. Das war und ist ein denkwürdiger erster Auftritt eines Filmcharakters. Dagegen ist Bergman nur ein langweiliger Misantroph aus dem Krimibaukasten für Antihelden.
Während „Der Mann, der kein Mörder war“ ein klassischer Rätselkrimi ist, geht „Die Frauen, die er kannte“ in Richtung Thriller und erinnert dabei immer wieder an die vielen Vorbilder. Vor allem natürlich Hannibal Lector.
Aber dafür ist der Film von Michael Hjorth ruhiger aufgenommen als „Der Mann, der kein Mörder war“. In dem Krimi lässt Daniel Espinosa, wie in seinem Hollywood-Debüt „Safe House“, die Kamera pseudodokumentarisch wackeln, als gäbe es kein Morgen und es wird geschnitten, als sollte eine Konfettiparade vorbereitet werden. Das lenkt dann ziemlich erfolgreich von der gar nicht so schlechten Geschichte ab.
Sebastian Bergman – Spuren des Todes I (Schweden/Deutschland 2010)
mit Rolf Lassgård (Sebastian Bergman), Gunnel Fred (Ursula Andersson), Tomas Laustiola (Torkel Höglund), Moa Silén (Vanja Lithner), Christopher Wagelin (Billy Rosén)
–
Die ersten Spurenanalysen
Der Mann, der kein Mörder war (Den fördömde 1)
Regie: Daniel Espinosa
Drehbuch: Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt
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Die Frauen, die er kannte (Den fördömde 2)
Regie: Michael Hjorth
Drehbuch: Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt
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DVD
Edel
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 175 Minuten (2 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
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Der dritte gewohnt seitenstarke Sebastian-Bergman-Fall erschien kürzlich
Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Die Toten, die niemand vermisst
Einer mit Herz (USA 1981, R.: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: Armyan Bernstein, Francis Ford Coppola (nach einer Geschichte von Armyan Bernstein)
Anscheinend lief Francis Ford Coppolas Totalflop, eine sehr banale, in Las Vegas spielende Liebesgeschichte, seit zwanzig Jahren nicht mehr im TV.
Nach den beiden „Der Pate“-Filmen und „Apocalypse Now“ war er der König der Welt. Er investierte sein Geld, mit hochfliegenden Plänen, in die Zoetrope Studios. „Einer mit Herz“ sollte der erste Film des Studios werden: eine kleine, günstig hergestellte Liebesgeschichte, die er vollständig im Studio drehte. Nun: es wurde viel teurer als geplant, die Kritiken waren verheerend, im Kino wollte den Film niemand sehen und Coppola konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf kleiner Projekte und Auftragsarbeiten.
Tom Waits schrieb die nicht sonderlich beeindruckende Musik.
mit Frederic Forrest, Teri Garr, Raul Julia, Nastassja Kinski, Harry Dean Stanton, Jeff Hamlin