Köstliches Hommage an Sherlock Holmes und Doktor Watson. Damals ein ziemlicher Flop an der Kasse, heute ein Klassiker.
Billy Wilder zum Film: „In meinem Film habe ich mich bemüht, Holmes und Watson mit Respekt, aber ohne Ehrfurcht zu zeichnen. Die Geschichten enthalten viel Humorvolles, doch unsere tiefere Absicht war, die Beziehungen und die Freundschaft zwischen den beiden Männern in ihren früheren Jahren zu verdeutlichen…Holmes ist ein zivilisierter Mensch, ein Gentleman, der seine Fälle löst ohne solche fragwürdigen Methoden wie James Bond. Wenn Sie wollen, so mache ich hier einen ausgesprochenen Anti-Bond-Film.“
Mit Robert Stephens, Colin Blakely, Christopher Lee, Geneviève Page
Joel und Ethan Coen setzen ihre filmische Geschichtsstunde fort. Nach, zuletzt, dem Wilden Westen („True Grit“) und der Vorstadt-Provinz in den Sechzigern („A Serious Man“) verschlägt es sie jetzt in die frühen sechziger Jahre nach Greenwich Village, New York, in die dortige Folkszene, die durch Bob Dylan weltweit bekannt wurde. Und Llewyn Davis, der Protagonist von „Inside Llewyn Davis“, erinnert natürlich sofort an Bob Dylan. Nur dass er unbekannt und chronisch erfolglos ist.
Aber der naheliegende Bob-Dylan-Vergleich führt auf die falsche Fährte. Denn die Coens inszenierten nicht die Geschichte des erfolglosen Bruders von Dylan, wie Woody Allen es 1999 in „Sweet and Lowdown“ tat, als Sean Penn Emmet Ray, den besten Jazzgitarristen nach Django Reinhardt spielte und eine vergnügliche Chronik der dreißiger Jahre entwarf. „Inside Llewyn Davis“ ist eine sehr detailgetreue Chronik der Greenwich-Village-Folkszene, bevor sie zum Geschäft wurde und bevor Bob Dylan dort 1961 eintraf. Seine ersten Konzerte gab er erst nach dem Ende des Films. Damals bemühten die Folksänger sich, die Originale möglichst genau nachzuspielen. Sie waren eine verschworene Gemeinschaft, die den Kommerz verachtete und sich selbst genügte. Auch Llewyn Davis (Oscar Isaac) predigt die reine Lehre, ist chronisch pleite, schläft sich deswegen durch die Wohnungen seiner Freunde und Bekannten und ist trotzdem irgendwie zufrieden. Immerhin kann er die Musik spielen, die er liebt und er schlägt sich mehr schlecht als recht durch.
Am Filmanfang wird er im Winter 1961 nach einem Konzert in der Gasse hinter dem Gaslight Café von einem rauchendem Unbekannten, von dem wir nur die Silhouette erkennen, zusammengeschlagen und seine Odyssee, in der es für ihn immer schlimmer wird, beginnt. Zuerst entkommt die heißgeliebte Katze der Gorfeins, zwei schöngeistige Akademiker, bei denen er die Nacht auf der Couch verbrachte, aus deren Wohnung. Er findet sie zwar, muss sie aber den halben Film als unnützen Ballast mitnehmen. Sein Plattenproduzent schenkt ihm einen Karton mit seinen unverkäuflichen LPs. Mit Jim (Justin Timberlake) und Al (Adam Driver) kann er den Song „Please, Mr. Kennedy“ aufnehmen. Davis hält ihn zwar für einen kitschigen Polit-Song, aber das Publikum liebt ihn. Von dem Erfolg hat er allerdings nichts, weil er gleich nach der Aufnahme zugunsten eines festen Honorars auf eine Beteiligung an zukünftigen Tantiemen verzichtete. Seine Schwester und seine Freundin fordern ihn auf, sein Leben zu ändern. Also macht er sich auf den Weg nach Chicago zu dem einflussreichen Musikproduzenten Bud Grossman (F. Murray Abraham). Auf der Hinfahrt – er beteiligt sich an einer Fahrgemeinschaft – wird er von dem Autobesitzer Roland Turner (John Goodman) ohne Unterlass herabgesetzt. Denn für einen echten Jazzmusiker ist Folk keine Musik.
Formal ist „Inside Llewyn Davis“ wie ein Folksong strukturiert. Es gibt die erste Strophe, in den nächsten Strophen wird alles immer schlimmer für den Protagonisten und am Ende wird die erste Strophe wiederholt. So ist auch Davis am Filmende wieder im Gaslight Café, singt seine Lieder und wird in der Gasse wieder von dem unbekannten Mann, der uns natürlich an den Teufel (bzw. den Mann, mit dem Bluesmusiker Robert Johnson seinen legendären Pakt schloss) erinnert, vermöbelt. Den Film können wir jetzt als Alptraum von Llewyn Davis sehen. Oder als einen selbstironischen Song von ihm über sein Leben. In jedem Fall ist er ein sehr genaues Porträt der Greenwich-Village-Folkszene in der Prä-Bob-Dylan-Ära und eine Liebeserklärung an die Folkmusik. Denn die Coens lassen die Schauspieler, die die Songs auch alle sangen, die Songs vollständig spielen und sie zeigen immer die gesamte Performance des Liedes.
Am Ende, bevor Llewyn Davis dem Mann in der Gasse begegnet, zeichnet sich dann unscharf im Bildhintergrund die Zukunft ab, wenn ein Folksänger sich näselnd über seine Gitarre beugt und lossingt.
Kurz gesagt: „Inside Llewyn Davis“ ist das neue Meisterwerk der Coen-Brüder und eine Liebeserklärung an die Folk-Music. Ein herzerwärmender Film, auch wenn Llewyn Davis für den kalten New Yorker Winter viel zu dünn gekleidet ist.
Inside Llewyn Davis (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich 2013)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman, Garrett Hedlund, Justin Timberlake, Adam Driver, Max Casella, F. Murray Abraham
Schnelles Geld und schneller Sex beherrschen das triste und ziemlich verkorkste Leben von Victor. Da verliebt er sich in eine Ärztin…
Flotte, schwarzhumorige Groteske nach einem Roman von Chuck Palahniuk („Fight Club“) mit einem grandiosen Sam Rockwell über Abhängigkeiten und die Sucht danach, anderen Menschen zu gefallen. Denn hier spielt jeder Charakter den anderen etwas vor und alle Beziehungen sind gestört.
Sommerferien sind die Hölle. Vor allem wenn man, wie der 14-jährige Duncan (Liam James) schon auf dem Weg zum Ferienhaus von dem neuen Freund der Mutter verbal zusammengestaucht wird. Denn Trent (Steve Carell) fragt Duncan nach seiner Selbsteinschätzung auf einer Skala von eins bis zehn und korrigiert Duncans schon sehr vorsichtige Einschätzung gnadenlos nach unten. Seine Mutter Pam (Toni Colette) überhört es und auch im Ferienhaus wird es nicht besser. Denn anstatt sich um die Kinder zu kümmern, feiern die Erwachsenen in Cape Cod am Strand ihre Version des Spring Break: Sex, Trinken und Drogen bis zum Umfallen.
Die Kinder bleiben sich selbst überlassen und weil Duncan ein schüchterner Einzelgänger ist, beginnt er allein die Gegend zu erkunden. Dabei trifft er auf Owen (Sam Rockwell), einen lustig-lässigen, in den Tag hinein lebenden Sprücheklopfer, der ihn wie einen Erwachsenen behandelt.
Kurz darauf entdeckt er den Wasser-Freizeitpark „Water Wizz“, in dem Owen arbeitet und der ihn sofort einstellt. Duncan hat in dieser Ersatzfamilie seinen Spaß, während er nach Feierabend die Eskapaden seiner Mutter und ihrer Freunde beobachtet.
Mit ihrem Regiedebüt „Ganz weit hinten“ knüpfen Nat Faxon und Jim Rash, obwohl das jetzt verfilmte Drehbuch schon länger in Hollywood herumgereicht wurde und 2007 auf der Black List (einer Liste der besten nicht verfilmten Drehbücher) landete, an ihren vorherigen Erfolg „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ an. Ihr Buch wurde von Alexander Payne mit George Clooney verfilmt und erhielt den Oscar als bester Film und für das beste Drehbuch. Auch in „Ganz weit hinten“ geht es um Familienangelegenheiten und wieder entscheiden sie sich nicht für eine stringent nach Lehrbuch durcherzählte Geschichte, sondern für ein Kaleidoskop verschiedener Geschichten, die immer wieder Zeit lassen für Abwege, und einen humanistischen Tonfall. Denn auch wenn alle Charaktere ihre Probleme und schlechten Angewohnheiten haben, betrachten sie sie mit großer Sympathie.
Allerdings plätschert der Film so auch immer wieder vor sich hin und immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Nat Faxon und Jim Rash die Coming-of-Age-Geschichte von Duncan vernachlässigen zugunsten der höchstens mäßig interessanten Beziehungsprobleme der Erwachsenen. Auch sind die beiden Ersatzväter von Duncan, Trent und Owen, zu ähnlich angelegt. Beide sind auf den ersten Blick egozentrische Großmäuler, die sich für den Mittelpunkt des Geschehens halten. Nur traut Trent Duncan nichts zu und er putzt ihn deshalb immer wieder grundlos herunter. Owen traut ihm dagegen etwas zu, übergibt ihm Verantwortung (manchmal auch nur, um seinen Spaß zu haben) und behandelt ihn, wie er alle anderen Menschen behandelt.
„Ganz weit hinten“ ist ein Feelgood-Movie mit rauer Grundierung, das seine Charaktere, vor allem die Jugendlichen, ernst nimmt und unspektakulär die Geschichte eines Sommerurlaubs erzählt: er plätschert, wie ein Urlaub, entspannt vor sich hin, es gibt etwas Streit, ein absehbares Ende, in dem Duncan sich den Respekt seiner Eltern verdient, und in dem Moment fragt man sich, warum die Zeit, die vorher endlos erschien, so schnell vorbeiging.
Ganz weit hinten (The Way Way Back, USA 2013)
Regie: Nat Faxon, Jim Rash
Drehbuch: Nat Faxon, Jim Rash
mit Liam James, Steve Carell, Toni Colette, Allison Janney, Annasophia Robb, Sam Rockwell, Maya Rudolph, Rob Corddry, Amanda Peet, Nat Faxon, Jim Rash (beide gehören zum Personal von „Water Wizz“)
In dem Café, in dem Bepi und seine Bekannten sich seit Ewigkeiten treffen, hat sich ungefähr genausolange nichts geändert. Auch in Chioggia, einem vom Tourismus verschonten Fischerort in der Lagune von Venedig, änderte sich die letzten Jahrzehnte eigentlich nichts. Entsprechend erstaunt reagieren die Stammgäste auch, als ihr Café von Chinesen gekauft wird und Shun Li sie bedienen soll. Was sie nicht wissen, ist, dass Shun Li mit der Hilfe von Menschenschleppern aus China flüchtete, ihren Sohn zurücklassen musste und jetzt ihre Schulden abbezahlt. Zuerst in einer Näherei, jetzt in dem Café und der Kontakt mit den Einheimischen ist ihr strikt untersagt.
Die Stammgäste wenden sich schnell wieder ihren Gewohnheiten zu: trinken, spielen und reden. Nur Bepi, ein vor dreißig Jahren aus Jugoslawien geflüchteter Fischer und Dichter, redet mit ihr und eine fragile Freundschaft entwickelt sich, die von Bepis Freunden und den Menschenschmugglern misstrauisch beäugt wird.
Allerdings wird die Gefahr für Shun Li durch die Menschenschmuggler, die sie umstandslos nach China zurückschicken oder an die Polizei verraten könnten, zunehmend unwichtiger und Andrea Segres Spielfilmdebüt „Venezianische Freundschaft“ wird zu einer stillen Beobachtung von Migranten und Venedig abseits der Touristenpfade. Das gibt einige schöne Bilder und das Gefühl des Stillstands, auch weil fast alles in der Schwebe bleibt und die Geschichte zunehmend ziellos auf ihr Ende zusteuert. Denn in „Venezianische Freundschaft“ gibt es letztendlich nichts, was nicht mit Caffè-Corretto vergessen werden kann.
Venezianische Freundschaft (Io sono li, ItalienFrankreich 2011)
Regie: Andrea Segre
Buch: Marco Pettenello, Andrea Segre
mit Zhao Tao, Rade Sherbedgia, Marco Paolini, Roberto Citran, Giuseppe Battiston, Wang Yuan
Kein Mord bleibt ungesühnt (F 2006, R.: Franck Mancuso)
Drehbuch: Franck Mancuso
LV: Lawrence Block: Like a bone in the throat (Kurzgeschichte, abgedruckt in “Enough Rope”)
Ein Sexualstraftäter ermordet die neunjährige Tochter des Polizisten Malinowski. Der kurz darauf als Täter verurteilte Eckman beteuert in Briefen gegenüber Malinowski seine Unschuld. Als Malinowski deshalb auf eigene Faust mit Ermittlungen beginnt, beginnt er immer mehr an Eckmans Unschuld zu glauben.
Regiedebütant Mancuso schrieb vorher unter anderem das Drehbuch für den Noir-Polizeithriller „36 – Tödliche Rivalen“. „Kein Mord bleibt ungesühnt“ erhielt ebenfalls gute Kritiken und (erlebte) ebenfalls seine Deutschlandpremiere auf DVD. Das scheint inzwischen bei französischen Kriminalfilmen so üblich zu sein.
Denn „Kein Mord bleibt ungesühnt“ ist ein kleiner, feiner Krimi mit einem gelungenen Ende.
Mit Jean Dujardin, Laurent Lucas, Agnès Blanchot, Jean-Pierre Cassel
Auch bekannt als „Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt“
Und noch ein Remake von einem Klassiker, das allein schon deshalb besonders genau seziert wird. Und weil Kimberly Peirce die Geschichte von Carrie White wiedererzählt, muss sie gegen Stephen Kings Roman „Carrie“ und Brian de Palmas legendäre Verfilmung ankämpfen. Denn während unserer Pubertät lasen oder sahen wir erstmals diese Geschichte eines von allen unterdrückten Mädchens und sie jagte uns einen höllischen Schrecken ein. Denn Carrie ist die Außenseiterin an der Schule, die von allen verspottet wird. Vor allem, nachdem sie in der Schuldusche ihre erste Blutung und eine Panikattacke hat. Ihre religiös-fanatische Mutter drangsaliert sie mit Gebetsstunden, ständigen Warnungen vor der bösen Welt, hält sie für vom Teufel besessen und möchte sie am liebsten Tag und Nacht einsperren.
Nach dem Ereignis in der Schuldusche hat eine ihrer Mitschülerinnen Mitleid mit ihr. Sie überredet ihren Freund, Carrie auf den Schulball zu begleiten. Er tut es und mitten während der Feierlichkeiten wird ein Eimer mit Schweineblut über ihr ausgeschüttet. Carrie dreht durch und bringt mit ihren telekinetischen Fähigkeiten alle, die in der Schulaula sind, um. Danach macht sie sich auf den Heimweg – und wir hatten Angst, dass es auch in unserer Klasse eine Carrie gibt.
Diesen Eindruck, den damals De Palmas Film auf uns Teenager machte, macht Peirces Film nicht. Immerhin sind wir keine Teenager mehr. Dabei ist Peirces Film auch im direkten Vergleich gar nicht so schlecht.
Peirce hält sich an die aus Buch und Film bekannte Geschichte und auch an die Struktur von De Palmas Film. Es gibt zwar noch eine 2002er-TV-Verfilmung von David Carson, die der Pilotfilm für eine TV-Serie sein sollte. Aber weil die fast niemand kennt und man auch nichts Gutes über sie hört, können wir sie ignorieren. Julianne Moore als Fanatikerin und Carries Mutter ist grandios. Sie strahlt wirklich diese beängstigende Ruhe von religiös überzeugten Menschen aus, die sich durch nichts in ihrem Irrglauben beirren lassen und jede Bestrafung für angemessen halten. Chloë Grace Moretz ist zwar im richtigen Alter (Sissy Spacek war bereits 27 Jahre alt, als sie Carrie spielte), aber als Hit-Girl hinterließ sie in den beiden „Kick-Ass“-Filmen einen so starken Eindruck, dass ich nie daran zweifelte, dass sie ihren vergnügungssüchtigen Mitschülern kräftig in den Arsch treten wird.
Die Ausstattung, vor allem Carries Wohnhaus, ist zeitlos, hat oft sogar ein Siebziger-Jahre-Retro-Feeling, das den Film, auch weil er insgesamt kaum aktualisiert wurde, etwas aus der Zeit herausgefallen sein lässt. Computer und Handys kommen kaum vor.
Er ist aber deutlich prüder geraten: während bei De Palma in der legendären Duschszene nackte Mädchen durch das Bild laufen und Carrie, als sie von ihren Mitschülern mit Tampons beworfen wird, nackt in einer Ecke der Dusche kauert, verhüllt sie in dem Remake züchtig mit einem weißen Handtuch ihren Körper, während sie von einer Mitschülerin gefilmt und von den anderen mit Tampons beworfen wird.
„Carrie“ hat mich zwar nie wirklich gepackt oder in Angst und Schrecken versetzt. Dafür gab es dann doch zu viele Computereffekte bei Carries Zerstörungsorgie in der Kleinstadt und ich bin schon zu lange aus der Schule. Aber ich habe mich auch nicht, obwohl ich die Geschichte kenne, gelangweilt. Es ist ein ordentlicher, brav gefilmter Horrorfilm, der das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter weniger hysterisch gestaltet als Brian De Palma, aber es nicht wagte, die Geschichte konsequent in die Gegenwart zu übertragen.
Carrie (Carrie, USA 2013)
Regie: Kimberly Peirce
Drehbuch: Lawrence D. Cohen, Roberto Aguirre-Sacasa
LV: Stephen King: Carrie, 1974 (Carrie)
mit Chloë Grace Moretz, Julianne Moore, Gabriella Wilde, Portia Doubleday, Alex Russell, Zoë Belkin, Ansel Elgort, Samantha Weinstein, Karissa Strain, Judy Greer, Katie Strain, Barry Shabaka Henley
Als ich den Trailer sah, fragte auch ich mich, warum Hollywood ein Remake von „Oldboy“, Park Chan-wooks 2004 von der Kritik abgefeiertem Racheepos, macht. Zu sehr sahen die Bilder nach einem überflüssigem Eins-zu-eins-Remake eines Kultfilms aus.
Aber dass Spike Lee, der mit „Inside Man“ ja zeigte, dass er auch Thriller kann, die Regie übernahm, weckte dann schon mein Interesse. Immerhin war auch Martin Scorseses „Departed – Unter Feinden“ kein schlechtes Remake von „Internal Affairs“; – wobei die schwächsten Teile die mehr oder weniger direkten Übernahmen aus dem Original waren.
Nun also Spike Lees Version von „Oldboy“: Josh Brolin spielt Joe Doucett, einen drogensüchtigen, egozentrischen, sich auf dem absteigendem Ast befindendem Werbeprofi, der am 8. Oktober 1993 entführt wird. Er lebt zwanzig Jahre als Gefangener in einem hermetisch abgeschlossenem Hotelzimmer, verfolgt via TV das Weltgeschehen, dass seine Frau ermordet wird und er ihr Mörder sein soll. Er erfährt aber nicht, warum und von wem er gefangen gehalten wird. Eines Tages wird er freigelassen: er erwacht auf einer Wiese in einem Reisekoffer. Doucett will herausfinden wer ihm zwanzig Jahre seines Lebens und seine Existenz raubte – und er will sich dafür rächen.
Spike Lee inszenierte einen kleinen, schlanken Thriller mit einer stimmigeren Auflösung als Park Chan-wook und etlichen Unwahrscheinlichkeiten. So wird die Krankenschwester, der Doucett unmittelbar nach seiner Gefangenschaft begegnet und in die er sich verliebt, später in der Geschichte noch wichtig, weil sie für Doucetts Geiselnehmer eine besondere Bedeutung hat. Aber in diesem Moment baut der Geiselnehmer seinen komplizierten Racheplan auf ein Ereignis auf, das er nicht beeinflussen kann. Das sogar eher zufällig stattfindet. Das ist nicht besonders intelligent.
Später sucht Doucett den Ort, an dem er gefangen gehalten wurde. Seine einzige Spur sind die asiatischen Mahlzeiten, die er während seiner Gefangenschaft erhielt. Er isst sich also durch die Nudelküchen der anonymen Großstadt, wird fündig und verfolgt einen Mann, der mehrere Mahlzeiten abholt. Nur: woher weiß Doucett, dass er den richtigen Mann verfolgt? Spike Lee erklärt das nie, aber kurz darauf dürfen wir seine Version der legendären „Oldboy“-Szene sehen: bei Park Chan-wook fand der minutenlange, ungeschnittene Kampf zwischen Dae-su und seinen Angreifern in einem Gang statt, auf dem er sie tötete. Bei Spike Lee ist es ein über drei Etagen geführter dreieinhalbminütiger ungeschnittener Kampf, in dem Doucett seine Angreifer vernichtend schlägt. Beide Szenen sind beeindruckend, aber Spike Lees Version gefällt mir besser. Sie ist dynamischer und wirkt realistischer als der nur auf einem Gang stattfindende Kampf.
Auch die Lösung, also warum Doucett zwanzig Jahre gefangen gehalten wurde, ist in Spike Lees Version überzeugender gestaltet.
Während Park Chan-wooks „Oldboy“ ein südkoreanischer Thriller mit erkennbar intellektuellem Anspruch war, den ich okay, aber auch überbewertet fand, ist Spike Lees „Oldboy“ ein sehr amerikanischer, düsterer Thriller mit einem großartigem Josh Brolin, der mich nie wehmütig an das Original, das ich vor einigen Jahren sah, denken ließ. Und das ist viel mehr, als ich über etliche andere Remakes sagen kann.
Oldboy (Oldboy, USA 2013)
Regie: Spike Lee
Drehbuch: Mark Protosevich
mit Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Charlto Copley, Michael Imperioli, Linda Emond, James Ransome, Pom Klementieff, Samuel L. Jackson
Ali Samadi Ahadi, ein gebürtiger Iraner, der als Dreizehnjähriger nach Deutschland kam, zeigte schon mit „Salami Aleikum“, dass ein Culture Clash keine trübsinnige Angelegenheit sein muss. Damals ging die Reise des Iraners von Köln in die tiefste ostdeutsche Provinz.
In seinem neuesten Film „45 Minuten bis Ramallah“ spielen nur die ersten Minuten in Hamburg. Dort schuftet Rafik (Karim Saleh), ein Palästinenser aus Ostjerusalem, in einem letztklassigem Restaurant und er will unter keinen Umständen zurück nach Israel zu seiner Familie. Aber nach einem Blick auf sein Bankkonto und einem Streit mit seinem Chef, der ihn umstandslos feuert, klaut er einen gerade gelieferten Anzug und macht sich auf den Heimweg nach Jerusalem zur Hochzeit seines Bruders Jamal (Navid Akhavan). Schon während der Hochzeitsfeier giften die Brüder sich an. Als dann ihr Vater während der Feier plötzlich verstirbt, verspricht Rafik, dass sie den letzten Wunsch ihres Vaters erfüllen: sie werden ihn zur Beerdigung nach Ramallah, seine alte Heimat, bringen. Das ist 45 Minuten Fahrtzeit von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt. Also kein Problem, wenn sie nicht in Jerusalem wären, Ramallah auf der anderen Seite der Grenze in Palästina liegen würde und die beiden Brüder keine Palästinenser mit israelischem Pass wären.
Bislang haben sie sich erfolgreich aus dem Israel-Palästina-Konflikt herausgehalten, aber diesem Kurztrip geraten sie zwischen alle Fronten. Blauäugig und sich immer wieder streitend stolpern die Brüder durch das Kampfgebiet, inclusive Verbrechern, Polizisten, Soldaten, Revolutionären und religiösen Fanatikern. Sowieso scheinen Rafik und Jamal die einzigen normalen Menschen in diesem Irrenhaus zu sein.
Und so wird aus der kurzen Fahrt ein mehrtägiger Abenteuertrip, bei dem für die beiden Brüder und die Leiche ihres Vaters, die sie einfach zu seiner letzten Ruhestätte schmuggeln wollten, alles immer schlimmer wird.
Zugegeben: „45 Minuten bis Ramallah“ erfindet die schwarzhumorige Komödie nicht neu und seit Monty Pythons „Das Leben des Brian“ wurde eigentlich schon alles zu dem Thema gesagt. Aber Israelis und Palästinenser bekämpfen sich immer noch; an eine baldige friedliche Lösung glaubt niemand mehr. Dabei ist die Situation dort längst, wie man auch in vielen Filmen aus Israel sehen kann, ein absurder Stillstand, dem Ali Samadi Ahadi sich humoristisch nähert. Und eine schwarzhumorige Komödie, die einem die Klischees und echten und falschen Befindlichkeiten respektlos um die Ohren haut und vor allem die Fanatiker und gefühlten und echten Machthaber auf beiden Seiten bis zur Kenntlichkeit demaskiert, ist dabei nicht die schlechteste Wahl.
Und so ist „45 Minuten bis Ramallah“ eine kurzweilige Satire, die ihre Vorbilder im angloamerikanischen Raum sucht und erfrischend undeutsch kredenzt.
45 Minuten bis Ramallah (Deutschland 2013)
Regie: Ali Samadi Ahadi
Drehbuch: Gabriel Bornstein, Karl-Dietmar Möller-Naß
Der Mann, der vom Himmel fiel (Großbritannien 1976, R.: Nicolas Roeg)
Drehbuch: Paul Mayersberg
LV: Walter Tevis: The Man who fell to Earth, 1963 (Spion aus dem All; Der Mann, der vom Himmel fiel)
Ein Außerirdischer möchte auf der Erde eine neue Heimat für seine Familie und seine Spezies finden. Aber er verfällt dem menschlichem Lebensstil und Forscher sehen in ihm nur ein Forschungsobjekt.
„Der von Bowie verkörperte außergewöhnliche Charakter, Mayersbergs fragmenthaftes Drehbuch und Roegs mosaikhafte Regie kreieren einen extravaganten Film, dessen Handlungswindungen nur noch dazu beitragen, die verhängnisvolle Verwandlung von Bowie vom Außerirdischen in einen Menschen zu unterstreichen. (…) Ein stilsicherer Film voller hervorragender und komplexer Bilder, in dem Roeg Bowies Abstieg zum Menschen darstellt,der man sich nicht entziehen kann.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science-Fiction-Filmenzyklopädie)
Ein herrlich abgedrehter Kultfilm, der für den Hugo nominiert war und bei der damaligen deutschsprachigen Kritik nicht gut ankam: „mangelnden Tiefsinn durch Verhackstückerei von Handlungs- und Bildelementen vortäuscht“ (Ronald M. Hann/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films), „sinnentleerte Reizüberflutung“ (Filmbeobachter), „ein Werbefilm, der wie sein eigener, überlang-marktschreierischer Trailer aussieht“ (Medium).
Noir-Krimiautor James Sallis nannte die Vorlage „among the finest science fiction novels“.
mit David Bowie, Rip Torn, Candy Clark, Buck Henry, Bernie Casey, Linda Hutton
Morgen beginnt in Berlin die 13. Französische Filmwoche mit 35 Filmen aus Frankreich, der Schweiz und Quebec. Normalerweise werden die Filme in der Originalfassung mit Untertiteln, oft in Anwesenheit des Regisseurs und anderer an den Filmen beteiligter Künstler, gezeigt. Zwölf Filme sind Vorpremieren. Sieben haben noch keinen Verleih. Es gibt außerdem das Jugendfilmfestival „Cinéfête“, zuerst in Berlin und dann in ganz Deutschland, in dem vor allem für Schüler Filme gezeigt werden, die mit ihrem Alltag etwas zu tun haben. Die meisten Filme, wie „Tomboy“, „Krieg der Knöpfe“ (die Version von 2011) und „In ihrem Haus“, liefen bereits im Kino. Auch „Das Meer am Morgen“ von Volker Schlöndorff. Nämlich auf der Berlinale. Danach wurde der Film 2012 einmal im TV gezeigt und bei uns, im Gegensatz zu anderen Ländern, nicht auf DVD veröffentlicht. Schlöndorff, der mit „Die Blechtrommel“ den Oscar für den besten ausländischen Film gewann, erzählt in seinem neuesten Film von einer 1941 in Frankreich geplanten Erschießung von 150 französischen Geiseln, nachdem ein deutscher Offizier auf offener Straße erschossen wurde. Als Vorpremiere, gibt es Nicolas Vaniers „Belle und Sebastian“ über die Freundschaft zwischen einem Hund und einem Jungen in den Bergen.
Im Arsenal läuft eine gut ausgewählte „Hommage à Catherine Deneuve“, die am Freitag, den 6. Dezember, auch die Eröffnung, bei der „Ein Weihnachtsmärchen“ (Frankreich 2008, Regie: Arnaud Desplechin) gezeigt wird, besucht. Am 7. Dezember erhält sie, ebenfalls in Berlin, von der Europäischen Filmakademie den Preis für ihr Lebenswerk. Das dürften die Termine für die Autogrammjäger sein.
In der ihr gewidmeten Hommage werden außerdem „Die Regenschirme von Cherbourg“ (Frankreich/Deutschland 1964, Regie: Jacques Demy), „Ekel“ (Großbritannien 1965, Regie: Roman Polanski), „Die letzte Metro“ (Frankreich 1980, Regie: Francois Truffaut), „Dancer in the Dark“ (Dänemark/Deutschland/Niederlande/USA/Großbritannien/Schweden/Frankreich/Finnland/Norwegen 2000, Regie: Lars von Trier), „Changing Times“ (Frankreich 2004, Regie: André Techine), „Belle de jour“ (Frankreich 1967, Regie: Luis Bunuel), „I want to see“ (Libanon/Frankreich 2008, Regie: Joana Hadjithomas, Khalil Joreige) und „Die Mädchen von Rochefort“ (Frankreich 1967, Regie: Jacque Demy) gezeigt. Eine schöne Auswahl sehenswerter Filme.
Ergänzend läuft im Hauptprogramm ihr neuer Film „Madame empfiehlt sich“ (Regie: Emmanuelle Bercot), der auch schon auf der Berlinale lief.
Dort läuft auch „Blau ist eine warme Farbe“ von Abdellatif Kéchiche. Sein dreistündiges Zwei-Personenstück erhielt dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme. Ebenso Cédric Klapischs „Beziehungsweise New York“ mit Romain Duris und Audrey Tautou über einen Umzug von Frankreich nach Chinatown. Christian Duguays „Jappeloup“ ist ein Film für die Sport- und Pferdefilmfans. Er erzählt die Geschichte von Pierre Durand, der in den frühen Achtzigern vom Anwalt zum Springreiter umsattelt und es mit seinem Pferd Jappeloup bis zu den Olympischen Spielen in Los Angeles schafft. Luc Jacquet erkundet in seiner im tropischen Regenwald gedrehten Dokumentation „Das Geheimnis der Bäume“. Alain Ughettos für den Europäischen Filmpreis nominierter Animationsfilm „Jasmine“ erzählt von dem Leben in Teheran und Frankreich in den siebziger Jahren. Nicht gerade ein Kinderfilm.
Ein besonderes Vergnügen ist „Maman und ich“ (Les Garcons et Guillaume, à table!). Guillaume Galliennes Film startete gerade in Frankreich und eroberte mit 600.000 Besuchern den ersten Platz der Kinocharts. Der deutsche Kinostart ist für den 5. Juni 2014 geplant.
In dem Fast-Einpersonenstück – denn Gallienne spielt als Erzähler auf einer Theaterbühne so gut, dass alle anderen Schauspieler zu Statisten werden – erzählt Guillaume von seiner jahrelangen, unerwiderten Liebe zu seiner dominanten Mutter – und weil es ein französisches Stück ist, ist „Maman und ich“ tiefsinnig, witzig, lebensbejahend und voller grandios gebrochener Klischees. Denn die gesamte Geschichte wird ja ausschließlich aus Guillaumes Perspektive erzählt. Nicht auszudenken, was für ein deprimierender Film bei der Geschichte aus Deutschland gekommen wäre.
Die Brüder Terry und Ian haben Geldprobleme. Da bietet ihnen Onkel Howard einen Weg aus der finanziellen Misere an: sie müssen einen seiner Geschäftspartner umbringen. Das ist leichter geplant, als getan.
Nach „Match Point“ und „Scoop“ drehte Woody Allen mit „Cassandras Traum“ seinen dritten Film in England und wieder ist es eine Kriminalgeschichte, die dem Krimi-Fan gefällt.
Mit Ewan McGregor, Colin Farrell, Tom Wilkinson, Sally Hawkins, Hayley Atwell
Seit einigen Jahren ist Sir Ben Kingsley, der für „Ghandi“ einen Oscar als Bester Hauptdarsteller erhielt und später unter anderem in „Schindlers Liste“, „Der Tod und das Mädchen“, „Bugsy“, „Haus aus Sand und Nebel“, „Shutter Island“ und „Hugo Cabret“ überzeugte, baute seit 2000 mit „Sexy Beast“ als furchteinflössender Bösewicht einen Nebenstrang mit Anti-Ghandi-Rollen auf. Zuletzt, mit gewissen Abstrichen, in „Iron Man 3“ und „Ender’s Game“.
Auch „Das Gesetz in meiner Hand“ gehört zu diesen Anti-Ghandi-Rollen. Denn er spielt einen namenlosen Erpresser, der mit der Sprengung von fünf Bomben in Columbo, Sri Lanka, droht, wenn die Regierung nicht auf seine Forderung nach der Freilassung von vier zu Haftstrafen verurteilten Terroristen eingeht.
Chandran Rutnams Thriller ist ein Remake des bei uns nie gezeigten, hochgelobten Thrillers „A Wednesday“ (Indien 2008, Regie/Drehbuch: Neeraj Pandey) und dank der kurzen Laufzeit von 78 Minuten (ohne Abspann) und der Konzentration auf das Duell zwischen dem Erpresser (Ben Kingsley) und dem Polizeichef Morris da Silva (Ben Cross, der als am Schreibtisch sitzender Verhandlungsführer allerdings wenig zu tun hat) und den Ermittlungen der Polizei nicht langweilt und zwei hübsche Schlusspointen hat, die wahrscheinlich jetzt, wenn ich sie ankündige, keine mehr sind. Aber egal.
„Das Gesetz in meiner Hand“ ist ein hübscher kleiner Thriller für den Genrejunkie, der an einem exotischen Ort spielt und kurzweilig, mit einem Touch Hongkong-Kino, unterhält.
Das Gesetz in meiner Hand (A common man, Sri Lanka/USA 2012)
Regie: Chandran Rutnam
Drehbuch: Chandram Rutnam (nach dem Drehbuch „A Wednesday“ von Neeraj Pandey)
mit Ben Kingsley, Ben Cross, Patrick Rutnam, Frederick-James Lobato, Numaya Siriwardena, Jerome de Silva, Dushyanth Weeraman, Mohamed Adamaly, Kian O’Grady
–
DVD
Sunfilm/Tiberius Film
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Ganove H. I. McDunnogh und Polizistin Ed lernte sich auf der Polizeistation kennen, weil H. I. ein ziemlich glückloser Gewohnheitsverbrecher ist und entsprechend oft bei ihr im Gefängnis landet. Sie verlieben sich und wollen ein Kind. Aber sie ist unfruchtbar. H. I. hat einen genialen Plan: er entführt einfach einen von den Fünflingen des Möbelmoguls Nathan Arizona. Der Verlust wird ihm schon nicht auffallen. Denkt sich der Gauner. Aber Arizona versteht keinen Spaß. Ein gnadenloser Kopfgeldjäger verfolgt das junge Glück. Und dann sind da noch die Kumpels von H. I..
In dem Frühwerk nehmen die Coen-Brüder sich das US-Bild der heilen Familie vor und ertränken es in schwarzem Humor und absurdem Slapstick. Ein köstlicher Spaß.
mit Nicolas Cage, Holly Hunter, Trey Wilson, John Goodman, William Forsythe, Frances McDormand, M. Emmet Walsh
Bei der DVD-Veröffentlichung von Yousry Nasrallahs „Nach der Revolution“ habe ich ja auf ausführliches Bonusmaterial gehofft. Aber zuerst einmal meine sprachlich leicht korrigierte Besprechung zum Filmstart:
Was wissen wir von Ägypten? Außer Pyramiden, Nilstaudämme (aus dem Schulunterricht) und die Bilder von einer friedlichen Revolution 2011. Da versammelten sich Tausende auf dem Tahrir-Platz und demonstrierten gegen das Mubarak-Regime. Am 11. Februar 2011 trat Husni Mubarak nach einer fast dreißigjährigen Regentschaft zurück und es gab eine Abstimmung über eine neue Verfassung. Danach verschwand Ägypten wieder aus den Schlagzeilen und wir erinnern uns kaum noch an die damals gelesenen Artikel und wackeligen YouTube-Videos.
In genau diese Wahrnehmungslücke springt „Nach der Revolution“ von Yousry Nasrallah, der seine Premiere während des 2012er Cannes-Filmfestivals hatte und zwischen 2. Februar 2011, der „Schlacht der Kamele“ auf dem Tahrir-Platz, und dem 9. Oktober 2011, dem „Schwarzen Sonntag“, bei dem die Demonstrationen mit 34 Toten und mehreren Dutzend Verletzten endeten, spielt und während der Ereignisse gedreht wurde. Dabei wollte Yousry Nasrallah 2011 eigentlich einen anderen Film drehen. Alles war drehbereit als die Revolution begann und er beschloss, einen Film darüber zu drehen. Entsprechend improvisiert und spontan entstand das Drehbuch; – mit einer vernachlässigbaren Geschichte. Wenn man will, kann man sagen, dass „Nach der Revolution“ die unglückliche, weil letztendlich unerfüllte Liebesgeschichte von Reem, einer jungen, modernen Frau, zu Mahmoud, einem Beduinen, erzählt und würde die Qualitäten des Films um Galaxien verfehlen. Denn Reems Schwärmerei dient nur dazu, ein Bild von Ägypten vor zwei Jahren zu zeichnen. So ist Reem eine junge, engagierte, in der Werbung arbeitende Frau, die an die Revolution glaubt. Sie möchte Veränderungen. Je schneller, desto besser. Sie redet wie ein Wasserfall, ist ungeduldig und mischt sich – ungefragt – ein. Als sie mit ihrer Freundin Dina nach Nazleem El-Samman fährt, die dort streng rationiertes Futter an die Pferde der notleidenden Beduinen verteilt, sieht sie, wie Mahmoud kein Essen für sein Tier bekommt. Er gehörte zu den Beduinen, die am 2. Februar auf dem Tahrir-Platz waren und die dort die Demonstranten niederknüppelten. Die Bilder gingen via YouTube um die Welt. Jetzt wird er von den anderen Beduinen geschnitten, weil er von seinem Pferd fiel und weinte. Zwei Dinge, die gegen die Beduinenehre verstoßen.
Am Abend sieht sie Mahmoud wieder auf einem von Mubaraks lokalem Statthalter und Großgrundbesitzer ausgerichtetem Reiterfest, auf dem der beste Reiter prämiert wird. Mahmoud darf nicht auf seinem Pferd vortanzen. Er tut es allein auf dem Vorplatz, wird von Reem mit ihrer Kamera gefilmt, entdeckt sie und langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die dazu führt, dass Reem die ihr vollkommen fremde Welt der Bewohner von Nazleem El-Samman kennen lernt. Sie verdienten als folkloristische Touristenführer gutes Geld. 2002 wurde eine Mauer zwischen den Pyramiden von Gizeh und Nazlet El-Samman erbaut, um dort ein Tourismus-Zentrum zu erbauen. Seitdem verarmen sie zusehends. Gleichzeitig verklären sie ihre Vergangenheit als Beduinen.
Reem versucht Mahmouds Familie zu helfen.
Die Schnelligkeit des improvisierten Drehs und der Premiere in Cannes, wenige Wochen nach dem Ende der Dreharbeiten, lassen jede Kritik als kleinkrämerisch erscheinen. Denn gerade diese fast schon teilnehmende Beobachtung der Ereignisse ist die Stärke des Films. „Nach der Revolution“ punktet da, wo ein Dokumentarfilm versagen muss. Nämlich bei dem ungeschönten Blick in die Wirklichkeit, bei der Darstellung der Unterschiede zwischen den Schichten und Gruppen und der Machtstrukturen. Denn in Interviews stellt man sich immer im positiven Licht dar. Man sagt einiges nicht vor laufender Kamera. Man hätte gegen bestimmte Passagen Einwände. Aber in einem Hintergrundgespräch oder einer Diskussion für einen Film, auch wenn das Gespräch dann fast unverändert verwandt wird, ist das etwas anderes. Und bei den Dreharbeiten spielt man ja immer eine Rolle. Man ist zwar Reiter in Nazlet El-Samman, aber man ist nicht dieser Reiter in dem Film.
Yousry Nasrallah bedient sich der Fiktion, um die Wirklichkeit zu zeigen. Deshalb wird man wohl keinen besseren und genaueren Einblick in das Ägypten des Jahres 2011 bekommen. „Nach der Revolution“ zeigt die Utopien, wie die Menschen zusammen kamen und die Probleme in der ägyptischen Gesellschaft. Vor allem die riesigen ökonomischen Unterschiede, die strukturellen Machtstrukturen und wie sie sich in den Handlungen der Menschen widerspiegeln und die verschiedenen Wertvorstellungen zwischen einer aufgeklärten-städtischen und einer ländlich-archaischen Gesellschaft. Wobei Mahmouds Frau Fatma erstaunlich emanzipiert ist. Sie ist als zweifache Mutter fast schon emanzipierter als Reem, die nach einer unglücklichen Liebe auch einen neuen Freund sucht.
„Nach der Revolution“ endet am 9. Oktober 2011. Alle Charaktere haben sich etwas verändert – und wir verstehen nach den zwei Filmstunden die Ereignisse in Ägypten besser.
Jetzt, über ein halbes Jahr, nachdem ich den Film im Kino sah, habe ich dem nichts hinzufügen. Außer der wiederholten Empfehlung, sich unbedingt den dokumentarischen Film anzusehen.
Leider wurde bei der DVD auf jegliches Bonusmaterial verzichtet. Und dabei hätte es, auch ohne weitere Ausgaben, einiges gegeben: zum Beispiel das informative Presseheft oder eine der Pressekonferenzen zum Film.
Nach der Revolution (Baad el Mawkeaa/After the Battle, Frankreich/Ägypten 2012)
Regie: Yousry Nasrallah
Drehbuch: Yousry Nasrallah, Omar Shama
mit Menna Shalabi, Bassem Samra, Nahed El Sebaï, Salah Abdallah, Phaedra, Abdallah Medhat, Momen Medhat
Terry Noonan kehrt zurück in sein altes Viertel Hell’s Kitchen und trifft sich auch gleich wieder mit seinen alten Gangsterkumpels. Was diese nicht wissen: inzwischen ist Terry bei der Polizei.
Klasse Neo-Noir-Krimi, der damals etwas unterging und, optisch und schauspielerisch brillant, in bekannten Gewässern fischt.
Mit Sean Penn, Gary Oldman, Robin Wright, John Turturro, Burgess Meredith, John C. Reilly
Ein versoffener Sheriff, ein behinderter Gunfighter und ein junger Messerwerfer legen sich mit der Bande eines skrupellosen Viehbarons an. Ihre Chancen den Kampf zu überlegen tendieren gegen Null.
Als Howard Hawks „Rio Bravo“ drehte, hatten sie beim Dreh viele gute Ideen, die allerdings nicht in diesen Film passten. Mit Leigh Brackett schrieb er dann, mit diesen Ideen, „El Dorado“; einen weiteren Western-Klassiker. Der dieses Mal sogar sehr witzig ist.
„‘El Dorado’ ist ein Film gegen ‘Rio Bravo’, wie ‘Rio Bravo’ ein Film gegen ‘High Noon’ war. (…) [‚El Dorado‘ ist] die radikale Entglorifizierung des Westernhelden.“ (Enno Patalas, Filmkritik 10/1967)
mit John Wayne, Robert Mitchum, James Caan, Charlene Holt, Michele Carey, Arthur Hunnicutt, R. G. Armstrong, Edward Asner
Drehbuch: Darren Aronofsky (nach einer Geschichte von Darren Aronofsky, Sean Gullette und Eric Watson)
Maximilian Cohen ist ein begnadeter, aber auch seltsamer Mathematiker, der die Weltformel sucht und von kabbalistischen Mystikern und skrupellosen Börsenspekulanten bedroht wird.
Aronofskys Debütfilm, ein experimenteller SW-Paranoia-Thriller, war ein Erfolg bei der Kritik und auch an der Kasse; was natürlich bei dem Minibudget nicht so schwierig war.
„Nach der ersten quälenden halben Stunde entwickelt ‘Pi’ eine eigenartige Faszination – nicht nur für Anhänger der Chaostheorie und Liebhaber experimenteller Spielereien.“ (Margret Köhler, AZ, 8. April 1999)
Mit Sean Gullette, Mark Margolis, Ben Shenkman, Pamela Hart, Stephen Pearlman, Samia Shoaib
Ein Duell zwischen zwei Männern in der Wildnis mit Robert De Niro und John Travolta in den Hauptrollen. Das klingt doch ziemlich vielversprechend. Aber „Killing Season“ gehört dann doch eher in die Kategorie „auch für Genrejunkies verzichtbar“ und „nur für Komplettisten“. Denn auch die schönen Landschaftsaufnahmen, die in ihrer epischen Länge dem Werk wahrscheinlich eine tiefsinnige Bedeutung verleihen sollen, aber so tiefsinnig wie Kalenderbilder sind, strecken die dünne Geschichte um mehrere Minuten auf dreiundneunzig Minuten. Ohne Abspann.
John Travolta spielt Emil Kovac, einen Serben mit höchst seltsamer Bartrasur. Yeah, das erinnert an die seeligen Hollywood-Zeiten, als der Deutsche Peter Lorre einen Asiaten spielen musste.
Kovac will sich an Benjamin Ford (Robert De Niro) rächen. Der Soldat gehörte vor achtzehn Jahren zu einer Nato-Einheit, die nach irgendeinem Massaker mehrere ganz böse Serben erschoss. Kovac überlebte allerdings und jetzt, nachdem er weiß, wer ihn damals umbringen wollte, will er ihn umbringen.
Und dann kloppen und jagen die beiden sich durch die Appalachen, schießen mit Pfeil und Bogen und Gewehr aufeinander, benutzen Messer und Fäuste, zerstören auch ein Auto und forcieren ein Pseudo-Macho- und Krieg-ist-doof-Bild, das nie glaubhaft ist. Auch die Gegenüberstellung der beiden Charaktere, der eine hasserfüllt bis zum Gehtnichtmehr, der andere nach seinen Kriegserlebnissen friedfertig fotografierend im selbstgewählten Exil lebend, ist nur verquer. Ebenso die Botschaft des Films, die bestenfalls gut gemeint ist. Aber gut gemeint ist mal wieder das Gegenteil von gut gemacht.
Und dabei hätte „Killing Season“ – was sicher so geplant war – ein in der Gegenwart spielender Western werden können. Aber dafür hätte man ein besseres Drehbuch und einen besseren Regisseur gebraucht.
Sam Peckinpah, Walter Hill und William Friedkin (in dem ungleich gelungenerem „Die Stunde des Jägers“) haben ähnliche Geschichten inszeniert. Besser. Viel besser. Auch John McTiernan („Predator“, „Stirb langsam“, „Last Action Hero“), der ursprünglich als Regisseur im Gespräch war, wäre sogar im Wachkoma ein besserer Regisseur als Mark Steven Johnson gewesen. Seine bekanntesten Filme sind „Daredevil“ und „Ghost Rider“.
Killing Season (Killing Season, USA 2013)
Regie: Mark Steven Johnson
Drehbuch: Evan Daugherty
mit Robert De Niro, John Travolta, Milo Ventimiglia, Elizabeth Olin, Diana Lyubenova, Kalin Sarmenov
Das Gesetz der Begierde (Spanien 1986, R.: Pedro Almodóvar)
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Pablo liebt Juan. Antonio liebt Pablo und Pablos Schwester Tina, die früher ein Mann war. Und schon dreht sich das Liebes- und Eifersuchtskarussell.
„Der Showdown ist schlichtweg genial, und zwar gerade weil er unüberbietbar kitschig ist. (…) Der Rest stellt sich als banale Eifersuchtsgeschichte unter Schwulen dar“, urteilte der Fischer Film Almanach damals über Almodóvars Frühwerk, das auch international Kasse machte.
mit Eusebio Poncela, Carmen Maura, Antonio Banderas, Miguel Molina