TV-Tipp für den 7. November: Becoming Nawalny – Putins Staatsfeind Nr. 1

November 6, 2024

HR, 23.45

Becoming Nawalny – Putins Staatsfeind Nr. 1 (Deutschland 2024)

Regie: Igor Sadreev, Aleksandr Urzhanov

Drehbuch: Igor Sadreev, Aleksandr Urzhanov

Spielfilmlange Doku über Alexei Nawalny, der am 16. Februar 2024 in einem sibirischen Straflager starb.

Igor Sadreev und Aleksandr Urzhanov unterhielten sich für ihre Doku über Nawalnys Leben mit Weggefährte, Freunden und Kritikern des Mannes, der zum weltweit bekanntesten russischen Oppositionellen und erbitterten Gegner Putins wurde.

Hinweise

Wikipedia über Alexei Nawalny (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Daniel Rohers Dokumentarfilm „Nawalny“ (Nawalny, USA 2022) (u. a. ausgezeichnet mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm)


Neu im Kino/Filmkritik: „Caligula – The Ultimate Cut“ des Skandalfilm

November 6, 2024

Gedreht wurde „Caligula“ 1976. Als Tinto Brass‘ Werk, der nicht als Regisseur genannt werden wollte, 1979 in die Kinos kam, waren die damaligen Kritiken vernichtend: „gesellschaftsfähig gemachter harter Porno mit Weltstar-Beteiligung und einem immensen Aufwand an Menschen, Maschinen, Kostümen und Dekorationsmaterial (…) eine unablässige voyeuristische Abfolge von Sex, Sadismus, Masochismus und Inzest in kulinarisch ausgebreiteten Prunkbildern.“ (Fischer Film Almanach 1981)

Der Skandalfilm, der in jedem Land unterschiedlich gekürzt wurde, wurde ein Kassenhit und seitdem so etwas wie ein Kultfilm.

Jetzt kommt das legendäre Werk wieder in die Kinos. In einer so noch nicht gesehenen Fassung. Denn hinter dem Titel „Caligula – The Ultimate Cut“ verbirgt sich keiner dieser Extended-Cuts, in die der Regisseur noch einige Szenen, die er vorher herausgeschnitten hat, eingefügt wurden. Es handelt sich auch nicht um einen Cut, in den einfach verschollen geglaubte, in einem Archiv entdeckte Aufnahmen wieder eingefügt wurden. Es handelt sich um einen vollkommen neuen Cut.

Den Anfang nahm diese Version 2016, als im Lager des Erotikmagazins „Penthouse“, das den Film damals produzierte und dem die Aufnahmen gehören, das archivierte und danach vergessene Originalmaterial wiederentdeckt wurde. Autor und Archivar Thomas Negovan erhielt den Auftrag, aus diesen bis jetzt weitgehend unbekannten Aufnahmen, dem ursprünglichen Drehbuch, das von Gore Vidal geschrieben wurde, und den Aufnahmen, bei denen das Drehbuch stark verändert wurde, eine Fassung des Films zu erstellen, die wohl den ursprünglichen Absichten relativ nahe kommt. Und die nichts mehr mit den bislang bekannten Fassungen zu tun hat.

Für den „Ultimate Cut“ wurden alle Bilder und Tonaufnahmen restauriert. Über neunzig Stunden Originalnegative wurden in 4k gescannt. Für den Cut wurden andere Darstellungen und Kamerawinkel ausgewählt. Die während der Dreharbeiten teilweise unvollständigen Kulissen wurden mittels VFX-Technik vervollständigt.

Damals, 1976, versanken die 24-wöchigen Dreharbeiten in einem einzigen Chaos aus unterschiedlichen Vorstellungen über den endgültigen Film und explodierenden Kosten. Männliche Komparsen wurden anhand ihrer Penisgröße engagiert. Bei Sexszenen demonstrierte Tinto Brass präzise unter persönlichem Einsatz, wie er sich die Szene vorstellte. Es gab Unfälle. Die Crew wurde nicht oder unpünktlich bezahlt. Während des Schnitts wurde Regisseur Tinto Brass gefeuert. Produzent und „Penthouse“-Gründer Bob Guccione erstellte eine Fassung, in der er willkürlich explizite pornographischie Szenen einfügte. Je nach Land und den dortigen Empfindllichkeiten wurden dann verschiedene weitere Fassungen erstellt. Der Film wurde als Hardcore-Porno mit Stars beworben. Unter anderem spielen Malcolm McDowell, Helen Mirren, John Gielgud und Peter O’Toole mit. Von der 1979 veröffentlichten Fassung distanzierten sie sich teilweise sehr deutlich. Der Film wurde, weil jeder den Skandal-Porno sehen wollte, ein Kassenerfolg.

Seitdem gab es auf Video, DVD und Blu-ray weitere Fassungen und weitere Zensurbemühungen. In all den Jahren behauptete niemand, dass es sich bei „Caligula“ um einen guten oder im traditionellen Sinn sehenswerten Film handelt.

Das kann auch jetzt von Thomas Negovans Fassung nicht behauptet werden. Auch wenn es sich wahrscheinlich um die erzählerisch kohärenteste Fassung handelt, ist „Caligula – The Ultimate Cut“ immer noch ein schlechter Film. So etwas wie eine Geschichte und schauspielerische Leistungen sind jetzt rudimentär erkennbar. Die Story – es handelt sich um ein Biopic über den römischen Kaiser Caligula und seine Zeit als Herrscher – wird in drei ungefähr einstündigen Akten mit atemberaubend schlechten, ziellosen Texten in meistens viel zu langen Szenen erzählt. Gewalt und pornographische Szenen gibt es immer noch. Aber es gibt nur noch wenige pornographische Szenen. Oder sie sind kürzer als in früheren Fassungen. Auch die Hauptdarsteller sind, während sie sich lange unterhalten, oft nur spärlich bekleidet. Inszeniert wurde die Geschichte wie ein abgefilmtes Theaterstück mit statischer Kamera, die auch die im Hintergrund nackt oder fast nackt herumstehenden und sitzenden Statisten ausführlich, auch beim selbstversunkenem Onanieren, zeigt.

Caligula – The Ultimate Cut“ ist als Skandal-Kuriosum der Kinogeschichte eher von historischem Interesse. Als Vorbereitung für den am 14. November startenden „Gladiator II“ ist er von großem Interesse. „Caligula“ zeigt, was in „Gladiator II“ noch nicht einmal im Ansatz gezeigt wird.

Thomas Negovan zu seiner Fassung:

Es ist wie ein Zeitportal, dass dir die Chance gibt, drei Stunden zu sehen, die du noch nie zuvor gesehen hast. Denn kein einziges Bild wurde jemals gezeigt. Manchmal nutzen wir ähnliche Kamerawinkel oder denselben Winkel aus einem anderen Take. Zum Großteil ist es jedoch ein komplett neuer Film. Was man vorher aus der Nähe gesehen hat, befindet sich nun vielleicht weit weg. Was 1980 eine Minute lang war, ist jetzt vielleicht sieben Minuten lang. (…) Da wir uns auf die Schauspieler konzentriert haben, gibt die neue Fassung ihnen ihre Würde zurück.

(…) ich tat einfach so als wäre es 1976. Als wäre ich ein Zeitreisender, der mit allen gesprochen und alle getroffen hat und Bob davon abhalten konnte, Tinto zu feuern, um pornografische Szenen zu drehen.

(…) Als der Cutter die besten Aufnahmen raussuchte, sagte ich zu ihm: „Gehen wir alles durch und jeder sucht sich die Aufnahmen raus, die er gerne darin sehen möchte. Falls wir Teile aus der 1980er-Version brauchen, scannen wir einfach die 35mm-Filme ab.“ Irgendwann hatten wir rund 85% fertiggestellt und wir mussten bisher zu keinem Zeitpunkt auf Material aus dem Original zurückgreifen. Meist gab es Takes, die einfach viel besser waren. Irgendwann wurde ich nervös: „Es wäre schon echt cool, wenn wir gar kein Material von 1980 benutzen würden…“ Dann standen wir bei 90%, dann bei 95%, ich verbiss mich regelrecht in meinen Schreibtisch und dachte: „Was ist hier los?“ Es wurde so viel Material gedreht, wir haben so vieles hinzugefügt, was im Original nicht zu sehen war, dass es einfach funktionierte. Wir mussten nie auf das alte Material zurückgreifen. Auch hatten wir die Negative von damals nicht. 96 Stunden wurden gedreht, und wir hatten 93 Stunden aterial. Ein Dutzend Szenen wurde erweitert und ich glaube, wir haben sieben Szenen, die es in keiner anderen Fassung gibt. Es sind Szenen, die mir sehr wichtig waren, wie das Herunterschlagen und Wiederaufsetzen der Statuenköpfe. Es war also keine Absicht, doch am Ende ergab es sich so.“

Caligula – The Ultimate Cut (Caligula – The Ultimate Cut, USA 2023)

Regie („Dreharbeiten“): Tinto Brass

Drehbuch („Originaldrehbuch von“): Gore Vidal

Rekonstruktion: Thomas Negovan

mit Malcolm McDowell, Helen Mirren, John Gielgud, Peter O’Toole, Teresa Ann Savoy, John Steiner, Paolo Bonacelli, Osidire Pevarello, Adrianna Asti, Bruno Brive

Länge: 178 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Caligula“

Metacritic über „Caligula – The Ultimate Cut“

Rotten Tomatoes über „Caligula – The Ultimate Cut“

Wikipedia über „Caligula – The Ultimate Cut“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. November: Kong: Skull Island

November 5, 2024

Kabel 1, 20.15

Kong: Skull Island (Kong: Skull Island, USA 2017)

Regie: Jordan Vogt-Roberts

Drehbuch: Dan Gilroy, Max Borenstein, Derek Connolly (nach einer Geschichte von John Gatins)

1973 wird ein von Militärs begleitetes Forschungsteam auf die bislang unentdeckte Südpazifik-Insel Skull Island geschickt. Dort treffen sie auf den Riesenaffen Kong (aka King Kong).

Rückblickend betrachtet ist „Kong: Skull Island“ der beste der neuen King-Kong-Filme. Dabei ist das starbesetzte blöde Kriegsspektakel nur ein „Apocalypse Now“-Monsterfilm-Mashup mit Zitaten aus den allerersten King-Kong-Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Hiddleston, Samuel L. Jackson, John Goodman, Brie Larson, John C. Reilly, Jing Tian, Toby Kebbell, John Ortiz, Corey Hawkins, Jason Mitchell, Shea Whigham, Thomas Mann, Terry Notary, Marc Evan Jackson, Eugene Cordero

Wiederholung: Donnerstag, 7. November, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Kong: Skull Island“

Metacritic über „Kong: Skull Island“

Rotten Tomatoes über „Kong: Skull Island“

Wikipedia über „Kong: Skull Island“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gareth Edwards‘ „Godzilla“ (Godzilla, USA 2014)

Meine Besprechung von Jordan Vogt-Roberts‘ „Kong: Skull Island“ (Kong: Skull Island, USA 2017)

Meine Besprechung von Michael Doughertys „Godzilla II: King of the Monsters“ (Godzilla II: King of Monsters, USA 2019) (inzwischen auch: Godzilla: King of the Monsters)

Meine Besprechung von Adam Wingards „Godzilla vs. Kong“ (Godzilla vs. Kong, USA 2021)

Meine Besprechung von Adam Wingards „Godzilla x Kong: The New Empire“ (Godzilla x Kong: The New Empire, USA 2024)

 


TV-Tipp für den 5. November: Harris gegen Trump: US-Wahl

November 4, 2024

ARD, 01.00

Harris gegen Trump: US-Wahl

In den USA wird ein neuer Präsident gewählt und ich hoffe, dass sie gewinnt. Die ersten Zahlen wird es nach Mitternacht geben. Weil das US-Wahlsystem grotesk und dringend reformbedürftig ist, wird es einige Zeit dauern, bis es zuverlässigere Zahlen gibt. Möglicherweise Tage. Und dann wird geklagt werden.

Der notorische Lügner, verurteilte Straftäter, mehrfache Vergewaltiger, mehrfache Bankrotteur und vieles mehr, was zu einer ausufernden Aufzählung von Strafverfahren, Zivilklagen und offensichtlichen Inkompetenzen führen würde, Donald Trump wird unabhängig von den Klagen und unabhängig von den wahren Zahlen schon kurz nach Mitternacht trompeten, er habe gewonnen.

Mit etwas Glück hat er, der bislang nie die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhielt, bald viel Zeit, sich um die gegen ihn anhängigen Verfahren zu kümmern. Eigentlich hätten sie schon vor langer Zeit vor Gericht verhandelt werden sollen.

ZDF, 3sat, Phoenix, Tagesschau 24,RTL, Sat.1 und Pro7 berichten ebenfalls live aus den (wenig bis nicht) Vereinigten Staaten von Amerika.

Bereits um 20.15 Uhr gibt es im ZDF ein „ZDF spezial“ und um 21.00 Uhr eine Doku zum Wahlkampf und der Lage in den USA.


TV-Tipp für den 4. November: Brutale Stadt

November 3, 2024

Arte, 22.05

Brutale Stadt (Città violenta, Italien/Frankreich 1970)

Regie: Sergio Sollima

Drehbuch: Sauro Scavolini, Gianfranco Callegarich, Lina Wertmuller, Sergio Sollima

Nachdem Profikiller Jeff Heston (Charles Bronson) für seinen Boss zwei Jahre im Gefängnis saß und dieser ihm währenddessen seine Freundin ausspannte, will Jeff sich rächen.

TV-Premiere eines bis 2008 indizierten Thrillers, der danach eine FSK-16 erhielt und Kultstatus erlangte. So nannte Regisseur Nicolas Winding Refn „Brutale Stadt“ seinen liebsten italienischen Film. Die Action, vor allem die Autoverfolgungsjagd am Filmanfang werden allgemein gelobt und positiv mit denen in „Bullit“ und „The French Connection“ verglichen.

darstellerisch beachtlicher Gangsterfilm, der (…) an seiner brutalen Action scheitert.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Charles Bronson, Telly Savalas, Jill Ireland, Umberto Orsini, Michel Constantin, George Savalas

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Brutale Stadt“

Wikipedia über „Brutale Stadt“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 3. November: Faustrecht der Prärie

November 2, 2024

Arte, 20.15

Faustrecht der Prärie (My Darling Clementine, USA 1946)

Regie: John Ford

Drehbuch: Samuel G. Engel, Winston Miller (nach einer Geschichte von Sam Hellman)

John Fords legendäre Interpretation der Schießerei am O. K. Corral zwischen Wyatt Earp und Doc Holliday und dem verbrecherischen Clanton-Clan.

Das einzige, was Fords Film ‚My Darling Clementine‘ und die historische Figur des Wyatt Earp verbindet, ist, dass Earp der größte Mythenmacher des Westens war und ‚My Darling Clementine‘ der größte mythopoetische Western ist.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon, 1995)

Anschließend, um 21.50 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere die knapp einstündige Doku „Henry Fonda – Der Präsident der Namenlosen“ (Deutschland 2022).

mit Henry Fonda, Linda Darnell, Victor Mature, Cathy Downs, Walter Brennan, Tim Holt, Ward Bond, John Ireland

auch bekannt als „Tombstone“ und „Mein Liebling Clementine“

Wiederholung: Dienstag, 12. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Faustrecht der Prärie“

Wikipedia über „Faustrecht der Prärie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Österreichisches Filmmuseum/Viennale (herausgegeben von Astrid Johanna Ofner und Hans Hurch) „John Ford“ (2014)


TV-Tipp für den 2. November: Nomadland

November 1, 2024

3sat, 23.05 Uhr

Nomadland (Nomadland, USA 2020)

Regie: Chloé Zhao

Drehbuch: Chloé Zhao

LV: Jessica Bruder: Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century, 2017 (Nomaden der Arbeit, Sachbuch)

Intensives, überwiegend mit Laien besetztes Roadmovie über eine moderne Nomadin, die in ihrem Wohnwagen durch die USA von schlecht bezahlter Arbeit zu mies bezahlter Arbeit fährt und, trotz allem, kein anderes Leben möchte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie, Bob Wells

Hinweise

Moviepilot über „Nomadland“

Metacritic über „Nomadland“

Rotten Tomatoes über „Nomadland“

Wikipedia über „Nomadland“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chloé Zhaos „Nomadland“ (Nomadland, USA 2020)

Meine Besprechung von Chloé Zhaos „Eternals“ (Eternals, USA 2021) (ein Marvel-Film)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Cannes-Gewinner 2024: „Anora“

November 1, 2024

Aschenputtel-Geschichten haben im Film, siehe „Pretty Woman“, eine gute Chance auf ein glückliches Ende. Aber auch da gibt es Grenzen, die bei Sean Bakers neuem Film „Anora“ von Eltern gezogen werden. Die lernt Anora Mikheevazwar erst nach ihrer Hochzeit mit dem Oligarchenzögling Ivan Zakharov kennen. Schon vorher lernt sie deren Handlanger kennen, die eine für einen Film sehr amüsante Mischung aus Dummheit und Gehorsam sind.

Anora arbeitet in einem Club als Stripperin und sie verdient auch als Sexarbeiterin Geld. Sie ist jung, taff und nicht dumm. Evan lernt sie als einen Kunden kennen, der sich in sie verliebt, weil sie etwas russisch spricht. Die gemeinsam verbrachte und von ihm bezahlte Zeit gefällt ihr. Aber als er ihr vorschlägt, sie zu heiraten, reagiert sie reserviert. Schließlich gibt es solche Ehen nur im Märchen und ihr Leben ist kein Märchen.

Ivan lebt im Moment allein in dem riesigen Anwesen seiner Eltern und er hat absolut keine Geldsorgen. Er ist auch impulsiv und dumm. Halt ein verwöhntes Kleinkind, das inzwischen alt genug ist, um in Nachtclubs zu gehen, Alkohol zu trinken und Auto zu fahren.

Nach längerem Zögern willigt Anora ein. Während eines Trips nach Las Vegas heiraten sie. Zurück in New York beginnt der zweite, längste und beste Akt von Sean Bakers neuem Film „Anora“, der dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme erhielt.

Toros, der Vertraute von Ivans Eltern, erfährt von der Heirat und dass sie schon auf dem Weg in die USA sind. Er weiß, dass Ivans Eltern ihn für diese Dummheit ihres Sohnes verantwortlich machen werden. Schließlich sollte er aufpassen, dass Ivan keine Dummheiten macht. Und eine Hochzeit mit einer Prostituierten ist eine Riesendummheit. Also schickt er zwei seiner Handlanger los. Igor und Garnick sollen mit dem jungen Paar reden. Der Gesprächsversuch läuft schnell vollkommen aus dem Ruder. Ivan flüchtet panisch in Richtung Manhattan. Anora beginnt sofort die beiden Schläger zu verprügeln. Sogar nachdem sie sie gefesselt haben, ist sie immer noch ein mehr als ebenbürtiger Gegner.

Toros kann sie zu einer halbwegs tragfähigen Zusammenarbeit bewegen. Gemeinsam suchen sie am Abend und in der Nacht Ivan in den Kneipen, Bars und Nachtclubs von Brighton Beach, Coney Island und Manhattan.

Anora“ zerfällt in drei unterschiedlich lange und stilistisch unterschiedliche Akte. Der erste Akt, das gemeinsame Abhängen von Anora und Ivan im Haus seiner Eltern und die Hochzeit in Las Vegas, sind etwas zäh. Es passiert wenig und was passiert, ist vorhersehbar und wenig interessant. Der zweite Teil, die Suche nach dem untergetauchten Ivan, ist eine pointiert erzählte Suche nach einer flüchtigen Person im nächtlichen New York. Diese Odysee ist stilistisch deutlich vom New-Hollywood-Kino beeinflusst. Von mir aus hätte dieser Teil doppelt so lang sein dürfen.

Im dritten Akt geht es dann um die Scheidungsverhandlung. Auch dieser Teil ist witzig als Feuerwerk von Pointen, die auch in einer hochtourigen Sitcom gut funktionieren würden. Das hat dann nicht mehr den erzählerischen Drive der vorherigen Suche nach dem flüchtigen Ivan. Während im zweiten Teil auch Raum für Improvisationen, Vor-Ort-Drehs und Atmosphäre war, geht es im dritten Teil nur noch um das möglichst schnelle Abfeuern von Sätzen. Es ist eine Verhandlung, in der Anora das Beste für sich herausholen will. Immerhin handelt es sich um eine legale Las-Vegas-Hochzeit zwischen zwei erwachsenen Menschen.

Insgesamt ist „Anora“ eine wundervoll spaßige und kurzweilige Unterhaltung. Eine Boulevard-Komödie, die in dem Milieu spielt, das man auch aus Bakers früheren Filmen kennt, wie „Tangerine L. A.“. In der ebenfalls quasi-dokumentarisch vor Ort und undercover gedrehten Komödie sucht im sonnigen Los Angeles eine extrem verärgerte Prostituierte ihren Zuhälter, der mit einer anderen Frau eine Affäre hatte.

Anora (Anora, USA 2024)

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker

mit Mikey Madison, Mark Eydelshteyn, Yura Borisov, Karren Karagulian, Vache Tovmasyan

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 16 Minuten

Hinweise

Moviepilot über „Anora“

Metacritic über „Anora“

Rotten Tomatoes über „Anora“

Wikipedia über „Anora“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sean Bakers „Tangerine L. A.“ (Tangerine, USA 2015)

Meine Besprechung von Sean Bakers „The Florida Project“ (The Florida Project, USA 2017)

Meine Besprechung von Sean Bakers „Red Rocket“ (Red Rocket, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Alter weißer Mann“ will niemand verletzen

November 1, 2024

Eine flotte Komödie, die aktuelle Diskurse problematisiert und uns den Spiegel vorhält, könnte die Stimmung im Land mit einem kollektivem Lachen im dunklen Kinosaal aufheitern. Den Franzosen gelingt so etwas ja öfter. Ich sage nur „Willkommen bei den Sch’tis“ und, wenn auch deutlich unappetitlicher und politisch fehlgeleiteter, „Monsieur Claude und seine Töchter“. Eine Satire ist weniger geeignet für ein solches therapeutisches Programm. Da ist zu viel Selbstgewissheit und erhobener Zeigefinger dabei.

Simon Verhoeven könnte sogar der richtige Mann für den Job sein. Seine Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ war vor acht Jahren bei Kritik und Publikum erfolgreich. Fast vier Millionen Kino-Besucher sprechen eine eindeutige Sprache.

Jetzt hat er, nach seinem Drehbuch und prominent besetzt mit Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Friedrich von Thun, Elyas M’Barek und Meltem Kaptan, den „unterhaltsamen Gesellschaftsfilm“ (Presseheft) „Alter weißer Mann“ inszeniert.

Es gibt, wie man nach dem Titel vermuten kann, um aktuelle Diskurse zwischen älteren und jüngeren Menschen über dies und das und um die Frage, was man noch sagen darf. Schließlich hat sich früher auch niemand darüber beschwert, wenn man bestimmte Worte benutzte oder sich auf eine bestimmte Art und Weise verhielt.

Aufhängen tut Simon Verhoeven sein Thema an einem Plot, der funktionieren könnte. Heinz Hellmich arbeitet seit 28 Jahren bei dem Telekommunikationsunternehmen Fernfunk AG im Vertrieb. Jan-Josef Liefers spielt ihn als eine nett-verpeilte Mischung aus Heinz Rühmann und Heinz Erhardt. Während er versucht, Fettnäpfchen zu vermeiden, tritt er in andere Fettnäpfchen. Manchmal sorgt das für weitere Vewicklungen, meistens ist es noch nicht einmal wirklich peinlich, sondern einfach nur schusselig, weil Hellmich niemanden verletzen und von allen gemocht werden möchte.

Jetzt stehen bei Fernfunk Umstrukturierungen, Entlassungen und einige wenige Beförderungen an. Hellmich spekuliert auf eine Beförderung. Wenn da nicht Kaffeetassen mit dummen Sprüchen und im Team ein kollegialer Umgangston wären. Beides und vielleicht noch einige weitere Dinge könnten nämlich von der von der Firmenleitung beauftragten Beratungsfirma und deren Diversity-Beauftragter missfallen. Und dann würde ein Kollege befördert werden.

Um die Diversity-Beauftragte von seinen Qualitäten zu überzeugen, lädt er sie und einige ausgewählte Personen, wozu seine Frau und seine Kinder, aber nicht sein Vater gehören, zu einem Abendessen in seinem kleinbürgerlichem Haus ein.

Wenige Tage vor dem geplanten Abendessen, das der Höhepunkt des Films ist, verschwindet er, ohne seinen Chef und seine Frau zu informieren, nach Berlin. Der Besuch bei seiner Tochter wird zu einem mehrtägigem Drogentrip. Mit Ach und Krach schafft er es dann doch zu dem Abendessen, das über seine Karriere entscheiden soll und das in vorhersehbaren Bahnen und mit erwartbaren Pointen aus dem Ruder läuft.

Dabei hat Hellmich mit seinem Berlin-Ausflug den perfekten Anlass für eine Entlassung gegeben.

Es ist unglaublich, wie der Film sein gesamtes Potential verschenkt. Das beginnt mit der nicht vorhandenen Story. „Alter weißer Mann“ ist das filmische Äquivalent zu einer von der aktuellen Zeitungslektüre inspirierten Ideensammlung, in der einfach alles, was einem spontan zu „Woke“ einfällt, aufgeschrieben wurde. Es werden die gängigen Witze und Diskussionspunkte ohne nennenswerte Variation wiederholt. Ein schon tausendmal erzählter Witz wird, ohne dass ihm irgendetwas Neues hinzugefügt wurde, nochmal erzählt. Aus so einem Notizzettel ergibt sich allerdings keine Abfolge von aufeinander aufbauenden Szenen, in denen ein präzise formulierter Konflikt behandelt wird. Es bleibt beim oberflächlichen Patchwork.

Simon Verhovens harmlos-biedere Komödie wirkt wie ein schlampig entstaubtes Relikt aus den fünfziger Jahren. Waren wir da nicht schon einmal weiter?

Alter weißer Mann (Deutschland 2024)

Regie: Simon Verhoeven

Drehbuch: Simon Verhoeven

mit Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Friedrich von Thun, Michael Maertens, Meltem Kaptan, Elyas M’Barek, Momo Beier, Juri Winkler, Yun Huang, Sarah Mahita, Denise M’Baye

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Alter weißer Mann“

Moviepilot über „Alter weißer Mann“

Wikipedia über „Alter weißer Mann“

Meine Besprechung von Simon Verhoevens „Unfriend“ (Deutschland 2015)


TV-Tipp für den 1. November: Psycho

Oktober 31, 2024

Sat.1 Gold, 20.15

Psycho (Psycho, USA 1960)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Joseph Stefano

LV: Robert Bloch: Psycho, 1959 (Psycho)

Ein immer wieder gern gesehener Schocker von Alfred Hitchcock und das beste Argument gegen Duschen.

Anschließend zeigt Sat.1 Gold zwei weitere Filme von Alfred Hitchcock. „Marnie“ um 22.30 Uhr und „Frenzy“ um 00.50 Uhr.

Mit Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles, John Gavin

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Psycho“

Wikipedia über „Psycho“ (deutsch, englisch) und über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock” (2010)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)


Neu im Kino/Filmkritik: „Terrifier 3“, 2, 1 – und das Blut spritzt

Oktober 31, 2024

Art the Clown ist zurück – und er hat eine mörderisch gute Zeit. Dieses Mal ist er, der Jahreszeit angemessen, ein wenig, als Nikolaus verkleidet. In einer Shopping-Mal verteilt er auch an Kinder Geschenke und er freut sich mächtig über seine kleinen Späßchen, die meistens in einem Blutbad enden.

Terrifier 3“ schließt nahtlos nahtlos an seinen Vorgänger an. D. h., wem solche brutalen Slasher-Filme gefallen und wem die vorherigen „Terrifier“-Filme gefielen, dem dürfte auch dieser Film gefallen.

Fünf Jahre nach den Ereignissen aus „Terrifier 2“ sind Sienna Shaw und ihr Bruder Jonathan immer noch traumatisiert von den damaligen Ereignissen. Da taucht Art the Clown wieder in Miles County auf und er tut, was er schon in den vorherigen Filmen tat. Menschen blutig töten und sich dabei köstlich amüsieren. Ihm gefällt, was er tut.

Die Story ist nur das Füllmaterial, die Verschnaufpause, zwischen den blutigen Morden. Trotzdem nimmt Regisseur, Drehbuchautor und Art-the-Clown-Erfinder Damien Leone sich in seinem neuesten Film erstaunlich viel Zeit für die Traumata der Shaw-Geschwister. Leone erzählt auch ein wenig aus der Vergangenheit von Art the Clown. Diese Rückblicke dienen Leone primär dazu, mehr eklige Szenen zu präsentieren.

Und damit wären wir beim Kern der „Terrifier“-Filme, die einfach nur gut gemachte Retro-Slasher sind, deren Ambitionen sich auf die möglichst ausführliche und wahre Blutfontänen spritzende Präsentation der Morde konzentrieren.

Wer mehr von „Terrifier 3“ erwartet, wird enttäuscht werden. Oder sehr schnell, entsetzt, den Kinosaal verlassen. Objektiv betrachtet ist „Terrifier 3“ kein guter Film. Die Grenzen des guten Geschmacks werden konsequent ignoriert. Die Schauspieler sind Schlachtvieh. Kurz vor ihrem Ableben werden sie minimal eingeführt. Die Dialoge sind bestenfalls funktional. Der Bösewichts sagt überhaupt nichts. Und das Drehbuch beschränkt sich darauf, etwas für die Zeit zwischen den Morden anzubieten. Entsprechend vernachlässigbar ist die Story. Das war in den achtziger Jahren nicht anders.

Terrifier 3“ ist ein schwarzhumoriges Slasher-Fest, das genau das liefert, was die Fans nach den ersten beiden Filmen erwarten und was Plakat und Trailer versprechen: blutig-brutale Morde, die ohne CGI in Handarbeit hergestellt wurden. Es ist ein spaßiger Film – für Menschen mit einem stabilen Magen und einem etwas abseitigem Humor.

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg der Filme hat der Phantomime David Howard Thornton. Er spielt Art the Clown. Er lässt ihn sprechen und er verleiht seinen Auftritten eine kindliche Naivität. Art begreift nicht, während er sich über seine Taten freut, dass er gerade Menschen quält, foltert und bestialisch ermordet. Leone zeigt das ausführlich.

Dabei verzichtet er immer noch auf ein elaboriertes World-Building. Bei ihm gibt es nur einen ultrabösen unsterblichen Clown und Menschen, die normalerweise die Begegnung mit ihm nicht überleben.

Dass Art sich am Ende von „Terrifier 3“ auf den Weg zu seinen nächsten Taten macht, dürfte niemand überraschen. Das kennen wir auch aus anderen Horrorfilmen.

Außerdem sind die Filme finanziell unglaublich erfolgreich. „Terrifier“ war ein No-Budget-Slasher. 35.000 US-Dollar soll er gekostet haben. Der zweite hatte ein deutliches höheres Budget. Nämlich 250.000 US-Dollar. Der dritte Teil soll 2 Millionen US-Dollar gekostet haben. Und er hat jetzt, Stand 31. Oktober 2024, schon ein US-Einspiel von über 45 Millionen US-Dollar. Weltweit sind es bereits gut 60 Millionen US-Dollar. Bei den Zahlen hat Art the Clown noch ein langes Leben vor sich.

Terrifier 3 (Terrifier 3, USA 2024)

Regie: Damien Leone

Drehbuch: Damien Leone

mit Lauen LaVera, David Howard Thornton, Elliott Fullam, Samantha Scaffidi, Antonella Rose

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Terrifier 3“

Metacritic über „Terrifier 3“

Rotten Tomatoes über „Terrifier 3“

Wikipedia über „Terrifier 3“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Damien Leones „Terrifier 2“ (Terrifier 2, USA 2022)


TV-Tipp für den 31. Oktober: The Commuter

Oktober 30, 2024

Vox, 20.15

The Commuter (The Commuter, USA/Großbritannien 2017)

Regie: Jaume Collet-Serra

Drehbuch: Byron Willinger, Philip de Blasi

Auf der Heimfahrt wird der gerade entlassene Versicherungsvertreter, Ex-Cop und Berufspendler Michael MacCauley von einer schönen, ihm unbekannten Frau angesprochen. Sie bietet ihm eine Menge Geld, wenn er im Zug eine Person aufspürt. Nachdem MacCauley eine Anzahlung eingesteckt hat, bemerkt er, dass er in eine Falle getappt ist. Denn wenn er jetzt nicht seinen Teil des Deals erfüllt, sterben Menschen.

Die vierte Zusammenarbeit von Jaume Collet-Serra und Liam Neeson (nach „Unknown Identity“, „Non-Stop“ und „Run all Night“) bietet gewohnt gut abgehangenes Thriller-Entertainment mit einer ordentlichen Portion Action, einer vertrauten Geschichte, die mit etlichen überraschenden Twists hochenergetisch präsentiert wird und einem beachtlichen, spielfreudigem Ensemble.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Liam Neeson, Vera Farmiga, Patrick Wilson, Sam Neill, Elizabeth McGovern, Jonathan Banks, Florence Pugh, Andy Nyman, Killian Scott, Shazad Latif, Roland Moller, Kobna Holdbrook-Smith, Colin McFarlane

Wiederholung: Freitag, 1. November, 22.15 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „The Commuter“

Metacritic über „The Commuter“

Rotten Tomatoes über „The Commuter“

Wikipedia über „The Commuter“

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „Non-Stop“ (Non-Stop, USA 2013; ebenfalls mit Liam Neeson)

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „Run all Night“ (Run all Night, USA 2015; dito)

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „The Shallows – Gefahr aus der Tiefe“ (The Shallows, USA 2016)

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „The Commuter“ (The Commuter, USA/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Jaume Collet-Serras „Jungle Cruise“ (Jungle Cruise, USA 2021)


TV-Tipp für den 30. Oktober: Ein Prophet

Oktober 29, 2024

ZDFneo, 23.15

Ein Prophet (Un Prophète, Frankreich/Italien 2009)

Regie: Jacques Audiard

Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain

Ein Bildungsroman der anderen Art: der 19-jährige Malik kommt in den Knast und lernt dort alles, was er für das Leben braucht. Dummerweise macht ihn nichts davon zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft.

In Cannes erhielt „Ein Prophet“ den Großen Preis der Jury, bei den Cesars und den Étoiles d’Or (dem Preis der französischen Filmjournalisten) räumte er ab, er war den Oscar und Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert, die Kritiker feiern den Film ab, Knackis (von denen etliche bei der Produktion beteiligt waren) loben die Authentizität des Films, es wurde über den Zustand und die Lebensbedingungen in den Knästen diskutiert und über 1,5 Millionen Franzosen lösten ein Kinoticket. In Deutschland war das Knastdrama nicht so erfolgreich.

mit Tahra Rahim, Nils Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb

Hinweise

Moviepilot über „Ein Prophet“

Metacritic über „Ein Prophet“

Rotten Tomatoes über „Ein Prophet“

Wikipedia über „Ein Prophet“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jacques Audiards „The Sisters Brothers“ (The Sisters Brothers, Frankreich/Spanien/Rumänien/USA/Belgien 2018)

Meine Besprechung von Jacques Audiards „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ (Les Olympiades, Frankreich 2021)


TV-Tipp für den 29. Oktober: From Dusk till Dawn

Oktober 28, 2024

Nitro, 22.00

From Dusk till Dawn (From Dusk till Dawn, USA 1996)

Regie: Robert Rodriguez

Drehbuch: Quentin Tarantino

Die Bankräuber Seth und Richard nehmen auf ihrer Flucht vor der Polizei eine Pfarrersfamilie als Geisel. Als sie in der abgewrackt-ranzigen Truckerkneipe „Titty Twister“ als Mahlzeit für die Stammgäste dienen sollen, verbünden sie sich gegen die Vampire.

Zwei Filme zum Preis von einem: die erste Hälfte ist ein Road-Movie-Geiseldrama, die zweite Hälfte ein extrem blutiger und saukomischer Horrorfilm, der heute wohl wieder in einer gekürzten Fassung gezeigt wird.

mit Harvey Keitel, George Clooney, Quentin Tarantino, Juliette Lewis, Cheech Marin, Fred Williamson, Salma Hayek, Marc Lawrence, Michael Parks, Tom Savini, John Saxon, Danny Trejo, John Hawkes und die Titty Twisters House Band (aka Tito & Tarantula)

Wiederholung: Mittwoch, 30. Oktober, 23.55 Uhr (Dann sollte der FSK-18-Film in der ungekürzten Fassung gezeigt werden.)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „From Dusk Till Dawn“

Wikipedia über „From Dusk Till Dawn“ (deutsch, englisch)

zu Robert Rodriguez

Meine Besprechung von Frank Miller/Robert Rodriguez‘ „Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)

Meine Besprechung von Robert Rodriguez‘ „Alita: Battle Angel“ (Alita: Battle Angel, USA 2019)

Meine Besprechung von Robert Rodriguez‘ „Hypnotic“ (Hypnotic, USA 2023) 

Robert Rodriguez in der Kriminalakte

zu Quentin Tarantino

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder,Pressekonferenz und Comic)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in…Hollywood“ (Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)

 Quentin Tarantino in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 28. Oktober: Die Brücke

Oktober 27, 2024

Ältester Film des Tages

NDR, 23.15

Die Brücke (Deutschland 1959)

Regie: Bernhard Wicki

Drehbuch: Michael Mansfeld, Karl-Wilhelm Vivier (d. i. Heinz Pauck), Bernhard Wicki

LV: Manfred Gregor: Die Brücke, 1958

In den letzten Kriegstagen erhalten sieben Oberschüler ihre Einberufung. Sie sollen eine militärisch unwichtige Brücke in ihrer Heimat verteidigen.

Klassiker und brutaler Antikriegsfilm

„Heldentum ist nur etwas wert, wenn es für die richtige Sache geschieht. Und für mich, aus meinem persönlichen Schicksal heraus, war die Verteidigung der Brücke nicht erst 1959, sondern auch schon während des Krieges die falsche Sache.

Ich habe in den Jahren sei der ‚Brücke‘ Tausende von Briefen von jungen Männern bekommen, die mir schrieben, dass sie auch aufgrund meines Films den Kriegsdienst verweigert haben. Das zählt zu den wenigen Dingen in meinem Leben, auf die ich wirklich stolz bin.“ (Bernhard Wicki in Robert Fischer: Bernhard Wicki – Regisseur und Schauspieler, 1994)

mit Folker Bohnet, Fritz Wepper, Michael Hinz, Frank Glaubrecht, Karl Michael Balzer, Volker Lechtenbrink, Günther Hoffmann, Cordula Trantow, Wolfgang Stumpf, Günter Pfitzmann, Heinz Spitzner, Siegfried Schürenberg, Loriot (Was für eine Besetzung!)

Hinweise

Filmportal über „Die Brücke“

Rotten Tomatoes über „Die Brücke“

Wikipedia über „Die Brücke“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 27. Oktober: Der Clou

Oktober 26, 2024

Der älteste Film des Abends (und ohne „Dick und Doof als Rekruten“ [One, 15.50 Uhr] wäre er sogar der älteste Film des Tages)

Arte, 20.15

Der Clou (The Sting, USA 1973)

Regie: George Roy Hill

Drehbuch: David S. Ward

Chicago, 1936: die kleinen Betrüger Johnny Hooker (Robert Redford) und Henry Gondorff (Paul Newman) wollen den New Yorker Mafiosi Doyle Lonnegan (Robert Shaw) bei einem fingiertem Pferderennen um eine große Geldsumme betrügen.

Zweite Zusammenarbeit von George Roy Hill, Robert Redford und Paul Newman und wie in dem Western „Zwei Banditen“ (Butch Cassidy and the Sundance Kid) wieder ein gigantischer Erfolg an der Kinokasse.

Ich konnte mit der Gaunerkomödie beim ersten Sehen wenig anfangen. Das war mir alles zu verkopft. Aber vielleicht ändere ich bei einer wiederholten Sichtung meine Meinung. Denn der Konsens über die unter anderem mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnete Komödie ist: „brillante Kino-Unterhaltung“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)

Anschließend, um 22.20 Uhr, zeigt Arte die Doku „Robert Redford“ (Frankreich 2019) und um 23.15 Uhr „Paul Newman – Der unwiderstehliche Typ“ (Frankreich 2022).

mit Robert Redford, Paul Newman, Robertg Shaw, Charles Durning, Ray Walston, Harold Gould, Robert Earl Jones, Eileen Brennan, Jack Kehoe, Dana Elcar

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Clou“

Wikipedia über „Der Clou“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Roy Hills „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (Butch Cassidy and Sundance Kid, USA 1969)


Neu im Kino/Filmkritik: Beziehungsgedöns beim Liebespaar „Münter & Kandinsky“

Oktober 26, 2024

Gabriele Münter, Malerin, die lange Zeit vor allem als Geliebte von Wassily Kandinsky wahrgenommen wurde. Erst in den vergangenen dreißig Jahren änderte sich die Rezeption ihres Werkes.

Wassily Kandinsky, Maler, führender Vertreter des Expressionismus und 1911 Mitinitiator der Gruppe „Der blaue Reiter“.

Als er in München Zeichenkurse gab, nahm Münter 1901 an einem seiner Kurse in der Malschule „Phalanx“ teil. Im Gegensatz zu staatlichen Akademien, die Frauen fast keine Chance für eine Ausbildung gab, nahm diese private Malschule auch Frauen auf. Münter und Kandinsky verliebten sich ineinander.

In seinem neuen Film „Münter & Kandinsky“ erzählt Marcus C. Rosenmüller, nach einem Drehbuch von Produzentin Alice Brauner, vor allem die Liebesgeschichte zwischen den beiden Künstlern. Erst spät erfährt Münter, dass Kandinsky verheiratet ist. Danach muss sie langsam begreifen, dass er seine Frau niemals für sie verlassen wird und sie niemals heiraten wird. Stattdessen heiratet er eine andere Frau. Für Kandinsky ist sie nur eine Geliebte. Warum sie trotzdem bei ihm bleibt und während der Nazi-Diktatur seine Bilder unter Lebensgefahr in ihrem Haus versteckt, ist nur mit den Mysterien der Liebe erklärbar.

Es ist auch unklar, woraus ihre, Kandinskys und der anderen Mitglieder der 1909 gegründeten Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) und der daraus entstandenen Gruppe „Der blaue Reiter“ künstlerische Leistungen bestanden. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte sich die entsprechenden Wikipedia-Artikel lesen, einen Dokumentarfilm ansehen oder einen informativen Bildband kaufen.

Im Film geht es, mit arg steifen Dialogen, um die toxische Liebesbeziehung des titelgebenden Paares. Ihre Beziehung wird nah an den Fakten entlang erzählt. Die Dialoge sind, wie bei einigen anderen aktuellen in der Vergangenheit spielenden Filmen, Zitate aus historischen Dokumenten. Das funktioniert mal sehr gut, mal überhaupt nicht. Denn nach langem Nachdenken und aus der Erinnerung niedergeschriebene Sätze sind keine spontan gesprochenen Sätze. In „Münter & Kandinsky“ funktioniert das Spiel mit den Originalzitaten nicht. Es sind hölzerne Dialoge irgndwo zwischen erster Fassung und schlechtem Nachmittagsfernsehen.

Dem verzichtbaren Film gelingt es nie, ihre künstlerische Leistung verständlich zu machen oder, aus dem Film heraus, Interesse für ihr Werk zu wecken. Am Ende des Doppel-Biopics bleibt über Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und die Bewegung, zu der sie gehören, nur im Gedächtnis, dass sie Landschaften malten und darüber theoretisierten.

Münter & Kandinsky“ ist ein braver Film über revolutionäre Künstler und eine Bewegung, die gegen Konventionen rebellierte und Grenzen einreißen wollte.

Marcus O. Rosenmüller (nicht zu verwechseln mit „Sommer in Orange“-Regisseur Marcus H. Rosenmüller) inszenierte die Kinofilme „Der tote Taucher im Wald“ (2000) und „Wunderkinder“ (2011) und zahlreiche TV-Filme, wie „Der Taunuskrimi“ und „Ostfriesenfeuer“.

Münter & Kandinsky (Deutschland 2024)

Regie: Marcus O. Rosenmüller

Drehbuch: Alice Brauner

mit Vanessa Loibl, Vladimir Burlakov, Julian Koechlin, Felix Klare, Alexey Ekimov, Monika Gossmann, Lena Kalisch, Marianne Sägebrecht

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Münter & Kandinsky“

Moviepilot über „Münter & Kandinsky“

Wikipedia über „Münter & Kandinsky“, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky


TV-Tipp für den 26. Oktober: Das Märchen der Märchen

Oktober 25, 2024

Tele 5, 20.15

Das Märchen der Märchen (Tale of Tales/Il racconto dei racconti, Italien/Frankreich/Großbritannien 2015)

Regie: Matteo Garrone

Drehbuch: Matteo Garrone, Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Massimo Gaudioso

LV: Giambattista Basile: Il Racconto dei Racconti, 1634/1636 (Das Märchen der Märchen; Das Pentameron)

Ein Märchenfilm, der kein Märchenfilm für Kinder ist. Auch weil Märchen ursprünglich nicht für Kinder waren.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones, Shirley Henderson, Hayley Carmichachel, Stacy Martin, Bebe Cave, Christian Lees, Jonah Lees, Alba Rohrwacher, Massimo Ceccherini, Guillaume Delaunay

Wiederholung: Sonntag, 27. Oktober, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Das Märchen der Märchen“

Metacritic über „Das Märchen der Märchen“

Rotten Tomatoes über „Das Märchen der Märchen“

Wikipedia über „Das Märchen der Märchen“ (englisch, italienisch) und „Das Pentagramm“

„Das Pentagramm“ im Projekt Gutenberg (bei Amazon gibt es ebenfalls eine kostenlose Kindle-Version)

Meine Besprechung von Matteo Garrones „Das Märchen der Märchen“ (Tale of Tales/Il racconto dei racconti, Italien/Frankreich/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Matteo Garrones „Dogman“ (Dogman, Italien/Frankreich 2018)

Meine Besprechung von Matteo Garrones „Ich Capitano“ (Io capitano, Italien/Belgien 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Kida Khodi Ramadans „Haltlos“

Oktober 25, 2024

Das ist jetzt wieder einer der Filme, bei denen ich über das Ende schreiben muss, um zu erklären, warum ich mich so über den Film ärgerte. Dabei fand schon den Weg dahin sehr ärgerlich.

In „Haltlos“, dem zweiten Spielfilm von Kida Khodr Ramadan geht es um Martha. Sie ist im fünften Monat schwanger. Der Vater denkt nicht daran, seine Familie für eine Affäre zu verlassen. Sie will ihr Baby nach der Geburt zur Adoption freigeben. Da sie erkennbar von ihrem Leben überfordert ist, scheint das eine weise Entscheidung zu sein. Kurz darauf zweifelt sie wieder daran. Und so geht es munter und je nachdem, was sie gerade gesehen oder gehört hat, hin und her zwischen ihrer Entschediung für eine Adoption und dagegen. Eine inhaltliche Auseinandersetzund mit dem Thema Adoption, also was für und gegen die Freigabe eines Kindes zur Adoption spricht, findet nicht statt. Darüber ging es vor Jahren in der Komödie „Juno“.

Ramadan inszeniert seinen Film immer nah an der Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg, die hier eine wahre Tour de Force abliefert. Wer also sehen will, welche emotionalen Zustände sie glaubhaft spielen kann, sollte sich „Haltlos“ ansehen.

Alle anderen nicht so sehr. Beim ersten Sehen wirkt „Haltlos“ wie ein weiteres dieser deutschen sozialkritischen Problemdramen, in denen alles sehr künstlich, falsch und übertrieben ist. Keine Figur wirkt in ihrem Verhalten auch nur im Ansatz glaubwürdig oder fähig, sich normal und vernünftig, vulgo ‚erwachsen‘ zu verhalten. Sie sind Parodien, die ihren Charakter von der einen zur nächsten Szene abrupt um 180 Grad verändern. Die einzige Konstante ist, dass sie Martha nicht helfen.

Am Ende entpuppt sich „Haltlos“ als ein Horrorfilm, der durchgehend aus Marthas Perspektive erzählt wurde. Er zeigt, wie eine schon am Filmanfang sprunghafte, zutiefst unsichere und verunsicherte Frau zunehmend ihren kaum vorhandenen Kontakt zur Realität verliert und wahnsinnig wird. Dieser Übergang erfolgt ungefähr kurz nach der Geburt. Auch rückblickend ist der genaue Zeitpunkt nur erahnbar. In jedem Fall erfolgt er ungefähr in dem Moment, in dem sie nur noch im Jogging-Anzug durch Berlin irrt und sich zunehmend noch erratischer als vor der Geburt verhält. Gleichzeitig verhalten sich die anderen Figuren plötzlich vollkommen anders als in früheren Szenen. So kümmert der ruppige Mann vom Adoptionsamt sich plötzlich rührend um Martha und versucht ihr bei der Erfüllung ihres Wunsches, die Adoption rückgängig zu machen, zu helfen. Obwohl er in dem Moment mindestens ein Dutzend guter Gründe anführen könnte, genau das nicht zu tun. Aber er tut das, was Martha will, weil das alles nur in ihrer Fantasie stattfindet und sie eben möchte, dass er ihre Wünsche sofort und ohne Widerworte erfüllt.

Erst im letzten Bild enthüllt Ramadan, dass Martha schon lang vollkommen verrückt ist. Er zeigt, wie Martha in einem Park ein nicht vorhandenes Baby im Arm hält. In dem Moment ist klar, dass sie sich auch vorher um ihr nicht vorhandenes Baby kümmerte. Die Bilder, in denen sie sich um ihr Baby kümmerte, waren nur in ihrem Kopf real. Die Reaktionen ihres Umfelds waren mal reale Reaktion auf ihr verrücktes Verhalten, mal reine Phantasiereaktion.

Einhergehend mit dieser Schlusspointe ergibt sich die Aussage des Films, die ungefähr so lautet: „Ein Kind muss bei seiner Mutter bleiben. Auch wenn diese Mutter schon auf den ersten Blick erkennbar überfordert ist von dieser Aufgabe und ihr weder Familie noch Freunde helfen werden. Eine Adoption ist unter allen Umständen abzulehnen.“ Denn weil Martha ihr Kind weggeben hat, wurde sie wahnsinnig. Über eine Abtreibung wurde nie gesprochen.

Das ist konservative Familienpolitik auf Steroiden und absoluter Unfug, der im Rahmen des Films nicht diskutiert wird.

Haltlos (Deutschland 2024)

Regie: Kida Khodr Ramadan

Drehbuch: Antje Schall

mit Lilith Stangenberg, Samuel Schneider, Jeanette Hain, Susana Abdul Majid, Zsá Zsá Inci Bürkle, uwe Preuss, Sönke Möhring, Stipe Erceg, Jasmin Tabatabai

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Haltlos“

Moviepilot über „Haltlos“

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Pedro Almodóvars Sterbehilfedrama „The Room next Door“

Oktober 25, 2024

Als Ingrid (Julianne Moore) bei der Präsentation ihres neuen Buches erfährt, dass Martha (Tilda Swinton) schwer erkrankt im Krankenhaus liegt, besucht sie sie. Früher waren sie gute und sehr intime Freundinnen. Dann verloren sie sich aus den Augen. Ingrid wurde Romanautorin. Martha Kriegsreporterin. Jetzt kommen sie sich in langen Gesprächen im Krankenhaus und in Marthas Apartment wieder näher.

Eines Tages bittet Martha Ingrid um einen Gefallen: sie soll sie beim Sterben begleiten. Sie hat keine Lust mehr auf weitere nichts bringende Behandlungen gegen den Krebs. Sie will genauso selbstbestimmt sterben wie sie gelebt hat. Die Todespille hat sie sich auch schon besorgt. Nur ihre letzten Tage möchte sie nicht allein verbringen.

Von New York aus fahren sie in eine in der Nähe liegende malerische Kleinstadt. Dort hat Martha ein Haus gemietet. Gemeinsam schwelgen sie weiter in Erinnerungen und sehen sich Filme an. Und Ingrid blickt jeden Tag bang auf Marthas Schlafzimmertür. Wenn die Tür zu ist, hat sie die Todespille genommen.

The Room next Door“ ist Pedro Almodóvars erster englischsprachiger Spielfilm. Mit Julianne Moore und Tilda Swinton hat er zwei Stars und Weltklasseschauspielerinnen engagiert und sie entsprechend ihremTyp und ihrer öffentlichen Person besetzt. Der Film selbst ist ein Quasi-Zwei-Personenstück und exquisites Schauspielerkino, das beim Filmfestival von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.

Und trotzdem ist „The Room next Door“ ein etwas enttäuschendes Werk. Zu überraschungsarm und konventionell beschreitet Almodóvar die bekannten Pfade des Sterbehilfedramas. Alles ist für ein Almodóvar-Werk erstaunlich offensichtlich, eindeutig und ohne doppelten Boden. Sogar seine leichtgewichtige Sommerkomödie „Fliegende Liebende“ war komplexer, vergnüglicher und mehr zum Nachdenken anregend.

In „The Room next Door“ verlaufen Marthas letzte Tage zu harmonisch und problemfrei. Sie wirken wie ein langes Wochenende, an dem zwei Freundinnen einige Tage zwischen langen Gesprächen, Fernsehabenden und langen Waldspaziergängen verbringen. Aber meistens unterhalten die beiden Frauen, von denen eine todkrank und entsprechend schnell erschöpft ist, sich im Sitzen.

Ein gegen Ende des Films wichtig werdender Krimiplot – Ingrid droht wegen ihrer Zeit mit Martha vor ihrem Suizid eine Haftstrafe – wirkt wie ein billiger, von der Realität nicht gedeckter Spannungsmoment. Und die Schlusspointe wäre nicht nötig gewesen.

Wahrscheinlich wird „The Room next Door“ als der Almodóvar-Film, den man am schnellsten vergisst, in sein Œuvre eingehen.

The Room next Door (The Room next Door/La habitación de al lado, Spanien 2024)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

LV: Sigrid Nunez: What Are you Going Through, 2020 (Was fehlt dir)

mit Julianne Moore, Tilda Swinton, John Turturro, Alex Høgh Andersen, Esther McGregor, Victoria Luengo

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Room next Door“

Metacritic über „The Room next Door“

Rotten Tomatoes über „The Room next Door“

Wikipedia über „The Room next Door“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Parallele Mütter“ (Madres paralelas, Spanien 2021)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte