In den besten Händen (La Fracture, Frankreich 2021)
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini
Paris, Dezember 2018: Draußen protestieren die Gelbwesten. Drinnen herrscht in der Notaufnahme eines Krankenhaues das (künstlerisch enorm verdichtete) normale Chaos mit überfordertem Personal und hysterischen Patienten, die wir im Lauf der Nacht besser kennen lernen.
TV-Premiere. Hochenergetisch, mit viel Schwarzem Humor, durchaus plakativ und mit pseudokumentarischer Handkamera erzählter Einblick in das französische Gesundheitswesen. Dabei wird die Notaufnahme zu einem Mikrokosmos der französischen Gesellschaft, ihrer Probleme und Verwerfungen. Sehenswert!
A rainy Day in New York (A rainy Day in New York, USA 2019)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Während seine Freundin Ashleigh sich für die Studentenzeitung an einem verregneten Tag in New York mit dem von ihr bewunderten Arthaus-Regisseur Roland Pollard trifft, bummelt ihr wohlhabender Freund Gatsby durch die Stadt und trifft dabei einige alte Bekannte.
TV-Premiere. Typisches Alterswerk von Woody Allen.
Sein fünfzigster Film „Ein Glücksfall“ startet am 11. April in den deutschen Kinos.
mit Timothée Chalamet, Elle Fanning, Selena Gomez, Jude Law, Diego Luna, Liev Schreiber, Annaleigh Ashford, Rebecca Hall, Cherry Jones, Will Rogers, Kelly Rohrbach
Drehbuch: Paul Haggis (nach einer Geschichte von Mark Boal und Paul Haggis)
Ex-Militärpolizist und Vietnamveteran Hank Deerfield erfährt, dass sein Sohn Mike sich nach seiner Rückkehr aus dem Irak fahnenflüchtig ist. Kurz darauf wird seine verbrannte Leiche gefunden. Deerfield beginnt mit einer Polizistin Mikes Mörder zu suchen. Dabei werden sie vom Militär behindert.
Haggis benutzt in seinem feinen Thriller das Genre, um auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. Denn der auf einem wahren Fall basierende, hochgelobte Thriller beschäftigt sich mit den seelischen Kosten von Kriegseinsätzen für den Einzelnen und die Gesellschaft.
Der Titel spielt auf die David-und-Goliath-Geschichte in der Bibel an. Deren Kampf fand im Valley of Elah, bei uns je nach Bibelübersetzung bekannt als Eichgrund, Elberfelder oder Terebinthental, statt.
Mit Tommy Lee Jones, Charlize Theron, Susan Sarandon, Jason Patric, James Franco, Josh Brolin, Jonathan Tucker
Doch das Böse gibt es nicht (Sheytan vojud nadarad/There is no Evil, Deutschland/Tschechische Republik/Iran 2020)
Regie: Mohammad Rasoulof
Drehbuch: Mohammad Rasoulof
TV-Premiere. In vier voneinander unabhängigen, nacheinander erzählten, im heutigen Iran spielenden Geschichten beschäftigt Mohammad Rasoulof sich mit der Frage, was die Todesstrafe für eine Gesellschaft bedeutet. In den einzelnen Geschichten sind die Protagonisten auf die eine oder andere Art davon betroffen und sie müssen sich entscheiden, wie sie damit umgehen. Wozu auch der Vollzug der Todesstrafe als Henker gehört.
Der sperrige 152-minütige Film gewann 2020 auf der Berlinale den Goldenen Bären.
The Wicker Man(The Wicker Man, Großbritannien 1973)
Regie: Robin Hardy
Drehbuch: Anthony Shaffer
Wenige Tage vor dem 1. Mai 1973 fliegt Sergeant Neil Howie (Edward Woodward) nach Summerisle. Die Insel gehört dem Magier Lord Summerisle (Christopher Lee). Dort soll ein Mädchen verschwunden sein. Aber die inselbewohner sagen, dass sie Rowan Morrison nicht kennen. Das ist, wie Howie schnell herausfindet, eine Lüge. Aber was ist passiert? Während seiner Ermittlungen ist der strenggläubige Polizist (er will sogar als Jungfrau in den Stand der Ehe gehen) von den exzessiv ausgelebten Fruchtbarkeitsriten der Inselbewohner irritiert.
TV-Premiere. Stilprägender Folk-Horrorfilm, der nach einem schweren Start im Kino (die Produktionsfirma British Lion Films wechselte während des Dreh zu EMI und denen gefiel der Film nicht) inzwischen ein hochgeschätzter Kultfilm ist. In Deutschland lief „The Wicker Man“ nie im Kino. Seine deutsche Premiere hatte er, ohne eine deutsche Synchronisation, 2009 auf DVD. Die wurde erst 2020 erstellt.
Anscheinend wird heute die 84-minütige Kinofassung gezeigt. Sie wurde vor dem Kinostart von den Produzenten erstellt, weil sie den 99-minütigen Director’s Cut für zu lang hielten.
„The Wicker Man“ ist keiner dieser typischen damals populären Hammer-Horrorfilme, in denen Vampire in dunklen Gemäuern ihr Unwesen treiben. Hardys Film ist eine im Sonnenschein spielende Geschichte mit viel eindeutig zweideutigem Gesang (weshalb der Film auch manchmal, ironisch, als Musical gelabelt wird), heidnischen, in diesem Fall keltischen, Ritualen und viel Freizügigkeit. Ein ziemlicher Spaß mit einem höllischem Ende.
„Perfekt inszeniert, fehlerlos gespielt und mit brillanter Musik“ (James Marriott/Kim Newman: Horror, 2007)
Mit Edward Woodward, Christopher Lee, Britt Ekland, Ingrid Pitt, Diane Cilento
Stillwater – Gegen jeden Verdacht(Stillwater, USA 2021)
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy, Thomas Bidegain, Noé Debre
Bill Baker (Matt Damon) ist ein in Stillwater, Oklahoma, lebender gläubiger Bohrarbeiter, Ex-Alkoholiker und Witwer. Seine Tochter Allison (Abigail Breslin) sitzt seit fünf Jahren in Marseille im Gefängnis. Sie soll ihre Mitbewohnerin ermordet haben. Bei seinen Besuchen in Marseille versucht er, ihre Unschuld zu beweisen.
TV-Premiere. Überzeugende Charakterstudie im Gewand eines Kriminalfilms, die zum Kinostart unglücklich und falsch als Film über den Fall Amanda Knox beworben wurde.
Während des Ersten Weltkriegs müssen zwei britische Soldaten einem anderen Bataillon eine wichtige Botschaft über die Pläne der deutschen Armee überbringen. Der Weg führt durchs Feindgebiet.
Atemberaubend als Quasi-One-Take inszenierter Kriegsfilm.
mit George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong, Andrew Scott, Richard Madden, Claire Duburcy, Colin Firth, Benedict Cumberbatch, Daniel Mays, Colin Firth, Nabhaan Rizwan, Jamie Parker, Adrian Scarborough
1901 schickt der chilenische Landbesitzer José Menéndez einen kleinen Trupp los. Offiziell sollen der britische Lieutenant MacLennan, der US-amerikanische Söldner Bill und das einheimische Halbblut Segundo in Feuerland sein ihm von der Regierung zugewiesenes Land und Transportwege sichern. In Wirklichkeit sollen sie die dort lebende indigene Bevölkerung beseitigen. Die Mission wird zu einer ziemlich blutigen Angelegenheit, die nichts von dem Pioniergeist klassischer Westerngeschichten hat. Es ist ein sich in seinem gesamten inhumanen Umfang langsam entfaltender Alptraum in einem menschenleeren Land.
Felipe Gálvez erzählt in seinem Debütfilm „Colonos“ von einem vergessenen Teil der Vergangenheit Chiles, nämlich der blutigen Kolonisierung Feuerlands, als eine Mischung aus wenig Fiktion und viel historischer Wahrheit. So gab es den Landbesitzer Menéndez, MacLennan und den im Zentrum des Films stehenden Völkermord an den in Feuerland lebenden Selk’nam.
Gálvez sagt über seinen Western, er sei keine „true reconstruction of history. Rather it is a reflection on how fiction, and especially cinema, can modify and distort it, and even rewrite it.“ Dabei setzt er einiges an historischem Wissen über die Geschichte Chiles voraus.
Er erzählt seinen düsteren Western in langen, statischen Einstellungen und in zwei großen Erzählblöcken. Im ersten, knapp siebzig Minuten langen Teil erzählt er die Geschichte von MacLennan, Bill und Segundo. In der letzten halben Stunde, die sieben Jahre später spielt, untersucht Vicuna, ein Gesandter des chilenischen Präsidenten, die damaligen Ereignisse. Er unterhält sich, getrennt und in deren Häusern, mit Menéndez und Segundo.
„Colonos“ ist ein sperriger Arthaus-Western (mit der Betonung auf Arthaus) für ein begrenztes Publikum.
„Bob Marley: One Love“ gehört zu den Biopics, die nicht das gesamte Leben eines Menschen von der Wiege bis zur Bahre schildern, sondern die sich auf einen kurzen entscheidenden Abschnitt im Leben des Porträtierten konzentrieren. „Selma“ war so ein Biopic.
Reinaldo Marcus Green, der zuletzt das Biopic „King Richard“ (über Richard Williams und seine Töchter Venus und Serena Williams) inszenierte, beginnt sein Bob-Marley-Biopic Ende 1976. Jamaika versinkt im nachkolonialen Bürgerkriegschaos. Bob Marley, schon damals ein Star, möchte mit einem Friedenskonzert zur Versöhnung aufrufen. Politisch ist das selbstverständlich unglaublich naiv. Aber Bob Marley ist ein Künstler und ein gläubiger Rastafari. Am 3. Dezember 1976, zwei Tage vor dem Smile Jamaica Concert, wird in seinem Haus in Kingston ein Anschlag auf ihn verübt. Neben ihm werden seine Frau Rita, sein Manager Don Taylor und der Band-Assistent Louis Griffiths teils schwer verletzt. Wie durch ein Wunder überleben alle.
Nach dem Konzert verlässt Bob Marley die Insel. Der Druck ist zu groß. Seine Frau Rita und seine Kinder schickt er in die USA zu Verwandten (und ziemlich vollständig aus der Filmgeschichte). Er selbst fliegt mit seiner Band, den Wailers, nach London. Dort nimmt er seine nächste Platte auf. „Exodus“ wird am 3. Juni 1977 veröffentlicht und ein riesiger Erfolg. Bob Marley wird noch populärer.
Er tourt durch die Welt. Sein Wunsch, auch in Afrika zu spielen, verwirklicht sich in dem Moment noch nicht.
Am 22. April 1978 kehrt er zu einem weiteren Friedenskonzert, dem One Love Peace Concert, nach Jamaika zurück.
Diese beiden Konzerte bilden in Greens Film die erzählerische Klammer.
Dazwischen gibt es viele Episoden und Musik, aber es wird nie klar, was Green an genau diesem Teil aus Bob Marleys Leben interessiert. Alle damit zusammenhängenden potentiell interessanten Fragen werden vermieden. Es gibt auch keine Perspektive auf Marleys Leben, die das präsentierte Material irgendwie ordnen würde. Entsprechend ziellos plätschert das Biopic zwischen Episoden aus Marleys Familienleben, Proben und Abhängen mit seiner Band, Auftritten und Gesprächen mit Vertrauten und zusammenhanglos eingestreuten Rückblenden vor sich hin.
Dabei hätten diese anderthalb Jahre das Potential gehabt, eine interessante Geschichte zu erzählen. Green hätte erzählen können, wie es ist, wenn man aus seiner Heimat flüchten muss und wieder zurückkehren und Frieden stiften möchte. Oder wie es ist, wenn man plötzlich von einem weltweit bekannten Star, der schon damals in Jamaika gottgleich verehrt wurde, zu einem Superstar wird und man so zu einer einflussreichen Stimme wird. Oder wenn man von Freunden ausgenutzt und Vertrauen missbraucht wird. Oder wie ein Künstler, der in London auf Punk-Musiker trifft, sich mit seinem neuen Werk neu erfinden möchte. Oder über seine Beziehung zu seiner Frau. Das alles wird in „Bob Marley: One Love“ kurz angesprochen, aber nie konsequent vertieft.
Stattdessen rückt mit zunehmender Filmzeit die Rastafari-Religion immer mehr in den Mittelpunkt. Allerdings auf einem so plakativen und nervigem Niveau, das wir sonst nur aus unerträglichen christlichen Faith-based-Movies kennen.
Am Ende ist „Bob Marley: One Love“ nur, mit einigen Auslassungen, die Verfilmung einiger Zeilen aus dem Wikipedia-Artikel über Bob Marley. Garniert wird die Bilderbuch-Zusammenstellung nicht zusammenhängender Ereignisse mit vielen Bob-Marley-Songs, die im Film von Bob Marley gesungen werden.
Bob Marley: One Love(Bob Marley: One Love, USA 2024)
Regie: Reinaldo Marcus Green
Drehbuch: Terence Winter, Frank E. Flowers, Zach Baylin, Reinaldo Marcus Green (nach einer Geschichte von Terence Winter und Frank E. Flowers)
mit Kingsley Ben-Adir, Lashana Lynch, James Norton, Tosin Cole, Umi Myers, Anthony Welsh, Nia Ashi, Aston Barrett Jr., Anna-Sharé Blake, Gawaine „J-Summa” Campbell, Naomi Cowan, Alexx A-Game, Michael Gandolfini, Quan-Dajai Henriques, Hector Roots Lewis, Abijah „Naki Wailer” Livingston, Nadine Marshall, Sheldon Shepherd, Andrae Simpson, Stefan A.D Wade
Am Freitag, den 16. Februar, zeigt Arte um 21.45 Uhr die Doku „Marley“ (USA/Großbritannien 2012) und danach um 00.05 Uhr „Bob Marley: Uprising Live!“ (Deutschland 1980). Das Konzert wurde am 13. Juni 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle für den „Rockpalast“ aufgenommen.
Wahrscheinlich die bessere Wahl, die auch danach einige Tage in der Mediathek (Folge den Links) verfügbar ist.
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Bob Marley live 1977 in London im Rainbow Theatre.
Bob Marley live 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle
TV-Premiere. Für den Homosexuellen Hans Hoffmann ist 1945 die Befreiung aus dem KZ nicht der Tag der Befreiung, sondern der Weg ins nächste Gefängnis. In den kommenden 25 Jahren verbringt Hans, weil er seine Homosexualität im einvernehmlichen Sex mit anderen Männern ausleben will, mit Unterbrechungen, einen großen Teil seines Lebens im Gefängnis. Dabei entwickelt sich im Gefängnis eine Freundschaft mit dem lebenslänglich verurteiltem Mörder Viktor, der zuerst nichts mit dem 175er zu tun haben will.
Der Strafgesetzparagraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde in Westdeutschland 1969 entschärft und 1994 gestrichen.
Sehenswertes, top gespieltes kammerspielartiges Drama mit kleinen Schwächen.
Heute endet der kleine Lauf von neuen Filmen mit Sydney Sweeney. Nach der launigen RomCom „Wo die Lüge hinfällt“ und dem auf Fakten basierendem Drama „Reality“ spielt sie jetzt in einem Superheldenfilm mit. „Madame Web“ heißt das Werk. Es ist der neueste Film im Sony’s Spider-Man Universe und sie spielt Julia Cornwall. Eine Schülerin irgendwo im Teenageralter. Nach den beiden eben erwähnten Filmen, in denen sie, ihrem Alter entsprechend, Mitt-/Endzwanziger spielte, wird hier vom Zuschauer schon eine ordentliche Portion suspension of disbelief verlangt. Da helfen auch die betont unattraktive Schuluniform und die riesige Bücherwurm-Brille nur bedingt. Aber sie hat nur eine Nebenrolle.
Im Zentrum steht Cassandra ‚Cassie‘ Webb (Dakota Johnson), die titelgebende Madame Web. Am Filmanfang ist sie eine dreißigjährige Rettungssanitäterin, die 2003 mit Blaulicht durch Manhattan rast und Menschen rettet. Bei einem Einsatz stürzt sie in einem verunglückten Wagen in den Fluss und kann erst nach drei Minuten aus dem Wasser gerettet werden. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit überlebt sie, ist kurz darauf wieder mopsfidel und kann in die Zukunft sehen.
Der Bösewicht Ezekiel Sims (Tahar Rahim) kann ebenfalls in die Zukunft sehen. Er ermordete, weil er an eine seltene Spinnenart gelangen wollte, 1973 in Peru im Amazonas Cassies hochschwangere Mutter. Die eingeborenen, plötzlich aus den Bäumen kommenden Spinnenmenschen versuchen die Mutter und ihr noch ungeborenes Kind zu retten. Sie können allerdings nur Cassie retten.
Heute, also 2003, hat der in New York lebende Ezekiel einen wiederkehrenden Alptraum. Er sieht, wie er irgendwann in der Zukunft von drei maskierten Frauen getötet wird. Er will sie töten, bevor sie ihn töten. Dafür muss er sie zuerst finden. Benutzen tut er die damals moderne Überwachungstechnik, auf die er mit gestohlener NSA-Software zugreifen kann.
Als Cassie in einer ihrer Visionen sieht, wie Spinnenmann Ezekiel in einer U-Bahn die Teenager Julia Cornwall (Sydney Sweeney), Mattie Franklin (Celeste O’Connor) und Anya Corazon (Isabela Merced), umbringt, will sie sie retten. Erschwert wird ihre Mission dadurch, dass Ezekiel über Spinnen-Superkräfte verfügt, Julia, Mattie und Anya sind in dem Moment (und während des gesamten Films) nur normale Teenager ohne irgendwelche Superkräfte. Sie verfügen noch nicht einmal über die Teenager-Superkraft, alle Erwachsenen unglaublich zu nerven. Sie sind sehr ruhig, folgsam, einsichtig und halten sich fast immer an Cassies Anweisungen. Und Cassie verfügt nur über die manchmal vorhandene Gabe, in die Zukunft sehen zu können. Das erlaubt der erfahrenen TV-Regisseurin SJ Clarkson in ihrem Spielfilmdebüt, eine Szene mehrmals mit kleinen Variationen zu zeigen.
Diese weitgehende Abwesenheit von irgendwelchen Superkräften erspart uns langwierige Trainings-Montagen, in denen der Superheld seine Kräfte kennen lernt, und macht aus dem angekündigten Superheldenfilm einen eher gewöhnlichen Thriller, in dem der Bösewicht einige Menschen umbringen will und die Heldin das verhindern will.
Für eine Superhelden-Origin-Story ist das schon ein ungewöhnlicher Ansatz. Am Endergebnis ändert das nichts: „Madame Web“ ist ein erstaunlich anspruchsloser Film, der eher an einen TV-Film, bei dem alle nur wegen des Geldes dabei waren, erinnert. Die Schauspieler sind zwar anwesend, aber niemand hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Dialoge sind zweckdienliche Erklärdialoge, die dann für die Story unwichtig sind. Und die Filmstory wirkt immer so, als habe man nur Teile des Drehbuchs verfilmt. Da fehlen immer wieder Szenen, die die gezeigten Szenen wirkungsvoller machen würden. So sehen wir, zum Beispiel, nicht, wie Cassies Kollegen versuchen, sie aus dem Wasser zu retten. In dem einen Moment ist sie in dem in das Wasser fallendem Auto. Dann ist sie unter Wasser in einer Quasi-Traumsequenz und danach ist sie gerettet und reanimiert. In einer anderen Szene, ebenfalls vom Filmanfang, rast Cassie mit Blaulicht durch die Stadt. Aber warum sie sich so beeilt, wissen wir nicht. Denn wir wissen nichts über den Patienten, den sie befördert. Und ihr Kollege/Freund Ben Parker (Adam Scott; ja, wir können hier eine kleine Verbindung zu Spider-Man erahnen) agiert betont entspannt im hinteren Teil des Rettungswagen. Andere Szenen werden später nicht fortgeführt. Sie bleiben in der Luft hängen. Dafür benutzt Cassie, entgegen jeder Vernunft, während des gesamten Films ein von ihr geklautes und ramponiertes Taxi. Denn zu dem Zeitpunkt wird bereits nach ihr gefahndet und auch nach dem Taxi sollte gesucht werden. Die wenigen Actionszenen versumpfen im erwartbaren CGI-Overkill.
Und obwohl „Madame Web“ zum Sony’s Spider-Man Universe gehört, ist „Madame Web“ ein Einzelfilm ohne irgendwelche offensichtlichen Anspielungen oder Verbindungen zu den „Spider-Man“-Filmen. Diese waren wohl während der Produktion geplant, wurden aber vor dem Kinostart aus dem Film entfernt. Die wenigen jetzt noch vorhandenen Anspielungen auf Spider-Man, nämlich dass Ben Parker und die im Film hochschwangere Mary Parker (so heißt die Mutter von ‚Spider-Man‘ Peter Parker) mitspielen, sind dann so versteckt, dass unklar ist, ob es sich wirklich um eine Verbindung zum Spider-Man Universe oder nur um einen blöden Zufall handelt.
„Madame Web“ ist in seiner allumfassenden Anspruchslosigkeit, wenn man dies akzeptiert, ein durchaus sympathisch-harmloser, sich nicht weiter um Logik und Wahrscheinlichkeit kümmernder Film mit einer angenehm kurzen Laufzeit, der mehr Fernsehen als Kino ist. Als möglicher Start eines Franchises – wobei ich jetzt nicht sagen kann, welches Franchise mit welchen Figuren gestartet werden soll – hat der Film trotz seines niedrigen Budgets von 80 Millionen US-Dollar wohl höchst unklare Zukunftsaussichten.
Madame Web (Madame Web, USA 2024)
Regie: S. J. Clarkson (alternative Schreibweise SJ Clarkson)
Drehbuch: Matt Sazama, Burk Sharpless, Claire Parker, S. J. Clarkson
mit Dakota Johnson, Sydney Sweeney, Celeste O’Connor, Isabela Merced, Tahar Rahim, Adam Scott, Emma Roberts, Mike Epps, José María Yazpik, Zosia Mamet, Kerry Bishé
Monuments Men – Ungewöhnliche Helden(The Monuments Men, USA/Deutschland 2013)
Regie: George Clooney
Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov
LV: Robert M. Edsel/Bret Witter: The Monuments Men, 2010 (Monuments Men)
Während der letzten Kriegswochen versuchen einige anerkannte Kunstexperten im Auftrag der US-Army Kunstschätze, die sich in den Händen der Nazis befinden, vor ihrer Vernichtung zu retten.
Launiges Kriegsabenteuer mit Starbesetzung, etwas Action, Drama, Witz, pathetischen Ansprachen und einer kleinen Dosis Liebe. Das ist durchaus kurzweilig und unterhaltsam, aber nicht mehr.
mit George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban, Hugh Bonneville, Cate Blanchett, Dimitri Leonidas, Justus von Dohnányi, Michael Brandner, Alexandre Desplat, Serge Hazanavicius, Grant Heslov, Nick Clooney (Vater von George Clooney; er tritt in der letzten Szene auf)
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Die Vorlage
Robert M. Edsel (mit Bret Witter) Monuments Men – Die Jagd nach Hitlers Raubkunst
(übersetzt von Hans Freundl)
Heyne, 2014
560 Seiten
9,99 Euro (nur noch antiquarisch erhältlich)
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Deutsche Erstausgabe
Residenz Verlag, St. Pölten, 2013
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Originalausgabe
The Monuments Men – Allied Heroes, Nazi Thieves, and the greatest Treasure Hunt in History
Wilder Westen, 1870: der sechzehnjährige Schotte Jay Cavendish sucht seine aus Schottland geflüchtete große Liebe Rose Ross und eigentlich ist das Greenhorn zwischen Kopfgeldjägern, Indianern und allen anderen Wild-West-Gefahren zum Sterben verdammt. Wenn ihm nicht Silas Selleck, ein Revolverheld mit unklaren Absichten, helfen würde.
Schöner kleiner Western mit angenehm kurzer Laufzeit. Die Western Writers of America zeichneten den Film mit dem Spur Award als besten Western des Jahres aus.
mit Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike, Minnie Driver, Rachelle Lefevre, Scott Speedman, Bruce Greenwood, Jake Hoffman, Saul Rubinek, Paul Gross, David Cronenberg, Atom Egoyan, Ted Kotcheff, Denys Arcand, Richard J. Lewis (die fünf letztgenannten sind alles Regisseure und haben nur Cameos, zum Beispiel als Regisseur)
The Wolf of Wall Street (The Wolf of Wall Street, USA 2013)
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Terence Winter
LV: Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, 2007 (Der Wolf der Wall Street)
An seinem ersten Arbeitstag an der Wall Street crasht die Börse. Also zieht der nun arbeitslose, selbsternannte „Wolf of Wall Street“ Jordan Belfort 1987 eine Straße weiter und mit dem Verkauf von Pennystocks verdient er ein Vermögen.
Knapp gesagt: „GoodFellas“ und „Casino“ in der Finanzwelt, niemals langweilig und grandios von Martin Scorsese inszeniert.
Anschließend, um 00.50 Uhr zeigt Arte als TV-Premiere die knapp einstündige Doku „Martin Scorsese – Von Little Italy nach Hollywood“ (Frankreich 2023).
mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Jon Bernthal
Die Magnetischen (Les magnétiques, Frankreich/Deutschland 2021)
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona, Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon, Catherine Paillé
Frankreich, 1981: die ungleichen Brüder Jerôme und Philippe betreiben in der Provinz einen Piratensender. Als sich beide in Marianne verlieben und Philippe als Soldat nach West-Berlin muss, verändert sich auch ihr Verhältnis zueinander.
Wunderschöne, erstaunlich unpolitische Charakterstudie, die am besten als gelungenes Mixtape genossen wird. Bei Älteren wird sie wohlige Erinnerungen heraufbeschwören. Jüngeren gibt sie einen Einblick in eine noch gar nicht so lange zurück liegende, aber ganz andere Zeit.
Indiekino über „Die Magnetischen“ (Zeitzeuge Tom Dorow über den Film und wie politisch es damals zwischen Hausbesetzung, Straßenprotest und Clubbesuch in Berlin war)
Nach dem Roman, der den Pulitzer Preis und den National Book Award erhielt und inzwischen zum Kanon der US-Literatur gehört, Steven Spielbergs erfolgreicher Verfilmung 1985 und dem ebenfalls erfolgreichem Broadway-Musical, das 2005 seine Premiere hatte, dürfte die von Alice Walker in ihrem Briefroman „Die Farbe Lila“ aufgeschriebene Geschichte von Celie Harris Johnson und ihrer Schwester Nettie bekannt sein. Es ist eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und ein breites Panorama afroamerikanischen Lebens in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aus weiblicher Sicht entwirft. Und jetzt gibt es eine neue Verfilmung, die auf dem Musical von Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray und Marsha Norman basiert. Das und wie Regisseur Blitz Bazawule („The Burial of Kojo“, Co-Regie bei Beyonces „Black is King“) die bekannte Geschichte erzählt, macht seine Verfilmung von der ersten Minute an zu einem eigenständigen Werk.
Der Film beginnt 1909 an der Küste von Georgia mit der ersten Begegnung von Celie, Nettie und Mister. Der Musiker wird kurz darauf Celies Mann. Und Celie merkt schnell, dass sie von der einen gewalttätigen Beziehung in die nächste gewalttätige Beziehung gekommen ist. Mister schlägt und unterdrückt sie. Aber er kann auch, wie bei ihrer ersten Begegnung, charmant sein.
Ihre Schwester, die kurz bei ihnen unterkommt, wird nach einem Streit von Mister vom Hof gejagt. Danach trennen sich die Wege der beiden Schwestern und Celie hört über Jahrzehnte nichts mehr von ihr, weil Mister Netties Briefe vor ihr versteckt.
Dafür begegnet Celie der freigeistigen und erfolgreichen Jazz-Sängerin Shug Avery. Sie ist Misters große Liebe und als sie bei ihnen auftaucht, degradiert er Celie sofort zur Haushälterin. Aber Shug und Celie verlieben sich ineinander und sie wird zur zweiten wichtigen Frau in ihrem Leben.
Spielberg zeigte in seiner vor vierzig Jahren entstandenen Verfilmung, was damals im Rahmen eines Big-Budget-Mainstream-Films möglich war und was nicht.
Blitz Bazawule zeigt in seinem Film, was heute in einem Film mit fast ausschließlich schwarzen Schauspielern (so gibt es in einer kleinen Rolle eine böse weiße Frau) möglich ist. Dabei sind die Gesangsnummern das größte Problem des Films. Sie feiern die afroamerikanische Kultur. Sie sind mitreißend inszeniert. Sie sind äußerst lebendig, fröhlich und lebensbejahend. Sie sind genau die Gesangs- und Tanznummern, die wir in einem Broadway-Musical und einem Filmmusical erwarten. Dummerweise bestätigen sie in diesem Fall auch jedes Klischee, mit dem Schwarze seit Jahrhunderten zu kämpfen haben und die Spike Lee in seiner grandiosen Satire „It’s Showtime“ (Bamboozled, 2000) so treffend zeigte.
Zwischen den Gesangsnummern erzählt Bazawule kraftvoll und mit durchgehend lebensbejahend-optimistischem Grundton die sich über fast vierzig Jahre erstreckende Geschichte von Celie. Es sind Episoden aus dem Leben einer sich langsam von den Konventionen emanzipierenden Frau. Die wichtigste Konvention ist dabei, dass eine Frau einem Mann dienstbar zu sein hat und dass er unumschränkt über sie herrscht. Es geht auch um Rassenkonflikte, die Unterdrückung durch Weiße und wie sich schwarzes Leben in eigenen Gemeinschaften organisierte. Das tut Bazawule in ausgewählt schönen Bildern. Und weil er viel zu erzählen hat, wird es nie langweilig.
Die Farbe Lila(The Color Purple, USA 2023)
Regie: Blitz Bazawule
Drehbuch: Marcus Gardley
LV (Roman): Alice Walker: The Color Purple,1982 (Die Farbe Lila)
LV (Musical): Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray, Marsha Norman: The Color Purple, 2005
mit Fantasia Barrino, Taraji P. Henson, Halle Bailey, Elizabeth Marvel, Danielle Brooks, Aunjanue Ellis, Colman Domingo, Louis Gossett Jr., Corey Hawkins, Stephen Hill, Jon Batiste
TV-Premiere. Vierter Einsatz des ‚guten Bullen‘: Hauptkommissar Fredo Schulz (Armin Rohde) hat Krebs und, ohne Behandlung, nur noch drei Monate zu leben. Anstatt ins Krankenhaus zu gehen, stürzt er sich in seinen nächsten Fall. Ein Sicherheitsmann wurde vor einem Wohnblock erschossen. Bei seinen Ermittlungen trifft Fredo auf alte Bekannte und wird in einen Clankrieg verwickelt.
Wahrscheinlich (ich habe den Krimi noch nicht gesehen) gewohnt gute und kurzweilige Unterhaltung von Lars Becker.
mit Armin Rohde, Sabin Tambrea, Johann von Bülow, Nele Kiper, Sabrina Amali, Husam Chadat, Yasmina Djaballah, Mo Issa, Anica Dobra
Neue Stadt, neues Glück: die Wallers ziehen in ein Haus mit einem Swimmingpool. Eve hat eine Arbeit als Leiterin einer Sonderschule. Ihre Kinder, die 15-jährige Izzy und der zwölfjährige Elliott, freuen sich auf ihre neuen Klassenkameraden. Und Ehemann Ray kann sich erholen. Der ehemalige Baseballprofi musste sich vom Profisport zurückziehen. Er hat Multiple Sklerose im Anfangsstadium. Sein Arzt meint, schwimmen könne helfen.
Aber in dem Pool lauert etwas Böses, das eine nächtliche Runde im Pool zu einer furchteinflößenden, manchmal sogar tödlichen Angelegenheit macht.
Anstatt jetzt einen großen Bogen um das Schwimmbecken zu machen, gehen die Wallers tags und nachts in das Becken, planschen, schwimmen und ängstigen sich.
Die Wallers veranstalten auch eine zünftige Einstandsparty, bei der ihre Gäste selbstverständlich auch in das Becken steigen dürfen und gar schreckliches passiert.
Das passiert wohl, wenn man aus einem vierminütigem Kurzfilm (inclusiv einer Minute für den Abspann) einen Spielfilm macht. Bei dem gelungenem Kurzfilm genügt eine Situation: eine Frau schwimmt in der Nacht in einem beleuchteten Pool. Sie glaubt, jemand am Beckenrand zu sehen. Als sie das Gesicht des Fremden sieht, verschwindet sie spurlos im Wasser. Der Film beschränkt sich auf Suspense und Horror. Ohne auch nur den Ansatz einer Erklärung. Bei einem Spielfilm muss es dann eine Erklärung für das Monster im Pool geben. Diese erfolgt ziemlich spät im Film holterdipolter und wird anschließend noch nicht einmal schlüssig umgesetzt.
„Night Swim“ ist ein lahmer Horrorfilm ohne besondere Überraschungen. Immerhin sieht der in der Nacht beleuchtete Swimmingpool fast wie ein Edward-Hopper-Gemälde aus und die Suspense-Momente funktionieren. Solange man sie nur als isolierte Suspense-Momente betrachtet.
Am Ende fragte ich mich, warum Blumhouse nicht einfach einige gute Horror-Kurzfilme zusammenstellt und als Compilation ins Kino bringt. Sicher, das würde an der Kinokasse wahrscheinlich weniger Geld einspielen als der jetzt aus dem Kurzfilm entstandene Spielfilm. In den USA hat „Night Swim“ bis jetzt fast 30 Millionen und global fast 44 Millionen US-Dollar eingespielt. Bei einem Budget von 15 Millionen Dollar ist das ein gutes Geschäft. Allerdings würde die Kurzfilm-Compilation auch weniger kosten und die einzelnen Kurzfilme wären spannender als die Spielfilmversionen.
Night Swim (Night Swim, USA 2024)
Regie: Bryce McGuire
Drehbuch: Bryce McGuire (basierend auf dem gleichnamigem Kurzfilm von Rod Blackhurst und Bryce McGuire)
mit Wyatt Russell, Kerry Condon, Amélie Hoeferle, Gavin Warren, Nancy Lenehan, Jodi Long, Elijah R. Roberts
Es ist ziemlich schnell offensichtlich, wie die einzelnen Elemente der Geschichte zusammenhängen und es gibt eigentlich keine großen Geheimnisse oder Überraschungen in dem Film. Und es ist eigentlich nicht möglich, etwas über den Film zu schreiben, ohne einiges zu verraten: deshalb gibt es jetzt, auch wenn ich nicht das Ende verrate, eine Spoilerwarnung und den Hinweis, dass man sich Andrew Haighs Drama „All of us strangers“ unbedingt im Kino ansehen sollte. Es ist zwar ein Kammerspiel. Aber eines, bei dem gerade die kleinen Details in den Gesichtern der Schauspieler zählen.
„Ich wollte meine eigene Vergangenheit aufarbeiten, so wie es Adam im Film tut. Ich war daran interessiert, die Komplexität von familiärer und romantischer Liebe zu erforschen, aber auch die besonderen Erfahrungen einer bestimmten Generation von Schwulen, die in den 80er-Jahren aufgewachsen sind. Ich wollte mich von der traditionellen Geistergeschichte des Romans entfernen und etwas mehr Psychologisches, fast Metaphysisches herausarbeiten.“
Andrew Haigh (Regie, Drehbuch)
Der 45-jährige Adam (Andrew Scott) lebt alleine und einsam in London in einem verlassenen Hochhaus. Der einzige andere Mieter ist der 28-jährige offen schwule Harry (Paul Mescal). Sie kommen ins Gespräch und beginnen eine Beziehung. Zur gleichen Zeit streift Adam durch die Gegend, in der er aufwuchs. Diese Streifzüge sind ein Teil seines neuen Projekts. Er schreibt ein Drehbuch über seine Kindheit.
Bei einem seiner Streifzüge begegnet er seinen Eltern, die sich über seine anschließenden Besuche freuen. Dummerweise starben sie bei einem Autounfall vor über dreißig Jahren, bei ihnen sieht noch alles so aus wie in den achtziger Jahren und auch sehen immer noch genauso aus wie damals.
In diesem Moment ist klar, dass zumindest dieser Teil von Andrew Haighs neuem Film kein Teil der normalen Realität ist. Unklar ist, ob die Begegnung mit seinen Eltern (Claire Foy, Jamie Bell) der Beginn einer die Regeln der Physik ignorierenden Fantasy-Geschichte ist oder ob sich zumindest dieser Teil des Films in Adams Kopf abspielt als ein fiktives Gespräch mit seinen Eltern über seine Homosexualität, wie sich die Wahrnahme von Homosexualität und das öffentliche Auftreten von Homosexuellen seit den achtziger Jahren veränderte. Denn, seinen wir ehrlich, ein nur von zwei Mietern bewohntes Hochhaus mitten in London wirkt schon auf den ersten Blick sehr fantastisch.
Haigh und sein Kameramann Jamie D. Ramsay („Living – Einmal wirklich leben“) verstärken mit ihrer eleganten Bildsprache, in der in fast jedem Bild Spiegel zu sehen sind, diesen Schwebezustand zwischen den verschiedenen Realitäts- und Bewusstseinsebenen. Sehr ruhig, fast schon meditativ, entfalten sie die Geschichte, die elegant zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie changiert. Dabei entsteht, auch dank der guten Schauspieler (wobei Andrew Scott hier eine besondere Erwähnung verdient), ein vielschichtiges Porträt eines einsamen Mannes, der versucht, den schon lange zurückliegenden Verlust seiner Eltern zu verarbeiten. Es ist eine intime, feinfühlig Trauerarbeit mit ungewissem Ausgang.
All of us strangers (All of us strangers, USA/Großbritannien 2023)
Regie: Andrew Haigh
Drehbuch: Andrew Haigh
LV: Taichi Yamada: Ijintachi to no natsu, 1987 (Sommer mit Fremden)
mit Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy