Kein Weihnachtskrawall, kein Weihnachtskitsch, sondern
Arte, 20.15
Der Schneeleopard (La Panthère des Neiges, Frankreich 2021)
Reige: Marie Amiguet, Vincent Munier
Drehbuch: Marie Amiguet, Vincent Munier
TV-Premiere. Tierfotograf Vincent Munier will einen der letzten Schneeleoparden in der freien Natur fotografieren. Das Tier gehört zu den gefährdeten Arten und das Gebiet, in dem Munier nach ihm sucht, das tibetische Hochland, ist riesig, karg und menschenleer. Dieses Mal wird er von der Reiseschriftstellerin Sylvain Tesson (die ein Buch über diese Reise schrieb) und einem kleinen Kamerateam begleitet. Entstanden ist, auch dank der Musik von Nick Cave und Warren Ellis, eine meditative Doku.
Die Überschrift stimmt. Auch der zwölfte Film der verdienstvollen monatlichen „Zeitlos“-Reise von Rapyid Eye Movies, in der sie mehr oder weniger obskure, meist aus Asien kommende Filme, die bei uns oft zu wenig oder überhaupt nicht beachtet wurden, ist eine Kino-Premiere. Dabei ist „A Touch of Zen“, auch bekannt unter dem TV-Titel „Ein Hauch von Zen“, ein breit anerkannter und bekannter Klassiker des Wuxia-Films und des asiatischen Kinos. Obskur ist hier höchstens, dass King Hus Film, nachdem er 1975 erfolgreich in Cannes und 1979 auf der Berlinale in der Informationsschau in einer ausvekauften Vorstellung lief, seine reguläre Deutschlandpremiere erst am 1. Mai 1982 im ZDF hatte. Schon damals schrieb der Fischer Film Almanach über „dieses Meisterwerk des Actionfilms“, „dass der Bildschirm lediglich eine Vorstellung der Handlung und des Stils vermitteln kann, die Schönheit der farbigen Scopebilder und der aus ihnen erwachsenden Emotionen beim Zuschauen kann das Fernsehen nun einmal nicht transportieren“.
Das kann jetzt – auch wenn in den meisten Wohnungen die TV-Bildschirme inzwischen viel größer als vor vierzig Jahren sind – nachgeholt werden.
„A Touch of Zen“ ist deswegen eine Entdeckung für die Kinoleinwand – und King Hu inszenierte den Film mit seinen oft (alp)traumhaften Bildern auch für die große Leinwand.
Die Geschichte ist denkbar einfach, wird aber verschachtelt erzählt und beschränkt sich nicht auf die reine, mit Action aufgeplusterten Geschichte einer blutigen Intrige.
Während der Ming-Dynastie versteckt Yang sich in der Provinz in einem verlassenem Herrenhaus. Ihr Vater, ein ehrenhafter Offizier, wurde von dem mächtigen Eunuchen Wei ermordet. Wei will auch sie töten. Der junge, etwas naive Gelehrte und Maler Gu, der sich in Yang verliebt, wird in den Kampf hineingezogen.
Die Schilderung des Dorflebens und der sich entwickelnden Beziehung zwischen Gu, der meist der humoristische Sidekick ist, und Yang, der begnadeten Kämpferin, nimmt fast die gesamte erste Stunde des Films ein. Erst danach kommt es zu dem ersten Kampf. Etwas später, ungefähr in der Filmmitte, folgt dann die heute immer noch legendäre Kampfszene im Bambuswald. Die darauf folgenden Kampfszenen sind nicht weniger spektakulär in ihrer Verneinung der Gesetze der Schwerkraft. Und, das wird immer wieder gerne vergessen, damals musste alles direkt vor der Kamera gemacht werden. Die heute vorhandenen Möglichkeiten einer nachträglichen Bearbeitung von Bildern gab es noch nicht.
King Hu inszenierte vor diesem dreistündigem Epos den ebenfalls für die Entwicklung des Wuxia-Films wichtigen Film „Dragon inn“. Der lief letzte Monat in der „Zeitlos“-Reihe. Und kann immer noch in einigen Kinos genossen werden.
A Touch of Zen(Hsia Nu, Taiwan 1971)
Regie: King Hu
Drehbuch: King Hu
LV: Pu Songling: Xianü (Kurzgeschichte, enthalten in ‚Seltsame Geschichten aus einem Gelehrtenzimmer‘, 1679/1707 [eine Sammlung von 431 Erzählungen)
Gangs of New York (Gangs of New York, USA/Deutschland/Italien/Großbritannien/Niedeland 2002)
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Jay Cocks, Kenneth Lonergan, Steven Zaillian
LV: Herbert Asbury: The Gangs of New York, 1928 (Die Gangs von New York – Eine Geschichte der Unterwelt)
Amsterdam Vallon will den Mörder seines Vaters, den Gangsterboss William Cutting (Bill, the Butcher), töten.
Ausgehend von dieser dürftigen Geschichte entfaltet Martin Scorsese ein atemberaubendes Porträt vom Überlebenskampf, der Verflechtung zwischen Politik und Verbrechen, den Bandenkriegen und den Kämpfen zwischen den verschiedenen Ethnien in Five Points, den Slums von New York, in den Jahren zwischen 1846 bis 1863.
„Gangs of New York ist ein solches Drama der Endzeit einer Herrschaft, in der sich eine gesellschaftliche und familiäre Ordnung durch ihre eigenen Gesetze zerstört, und durch eine Rebellion der Methoden. Eine große Tragödie also, oder eine melancholische Farce; aber wieder projiziert sie Scorsese auf ein eher materialistisch dokumentiertes Stück Zeitgeschichte, mehrere Erzählweisen begegnen einander und werden umso deutlicher, je mehr sie sich zu widersprechen beginnen…Wie die meisten der (auch vom Aufwand her) großen Filme von Martin Scorsese erzählt auch Gangs of New York zunächst eine überaus einfache Geschichte, deren Bedeutung, deren eigentliches Leben sich erst in den Bildern offenbart…Gangs of New York ist auch ein großer Film übers Film-Erzählen.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)
Mit Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Liam Neeson, Brendan Gleeson
Auch wer nicht weiß, dass Zack Snyder ursprünglich die Idee für seinen neuen Film Lucasfilm als neuen „Star Wars“-Film vorschlug, denkt schon in den ersten Minuten von „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“ an „Krieg der Sterne“. Es gibt zwar keinen Lauftext (das wäre dann doch zu viel Kopie), sondern – im Original – einen Erzähler, der mit majestätisch-pompöser Stimme die Ereignisse, die vor dem Beginn des Films in dieser weit, weit entfernten Galaxie stattfanden, deklamiert. Es geht um eine Diktatur, Rebellen und eine Kriegerin, die auf dem Mond Veldt am Rand der Galaxie untergetaucht ist. Dort führt Kora (Sofia Boutella) ein unauffälliges Leben. Sie knüpft freundschaftliche Beziehungen zu den Einheimischen, die Viehzucht und Ackerbau noch wie im Mittelalter betreiben. Eines Tages besucht Admiral Atticus Noble (Ed Skrein) sie. Er verlangt für die von ihm repräsentierte Mutterwelt einen großen Teil ihrer Ernte.
Als einige seiner Männer eine Einheimische vergewaltigen wollen, mischt Kora sich ein. Danach sind die Soldaten tot – und Kora muss verschwinden. Denn Nobles Männer werden sie töten wollen und sich danach an den auf Veldt lebenden Bauern rächen. Sie muss den Kampf gegen Noble, seine Soldaten und die gesamte Mutterwelt beginnen. Weil sie allein keine Chance hat, den Kampf zu gewinnen, braucht sie einige tapfere Kampfgefährten. Die Bauern sind dafür nicht geeignet. Vom Kämpfen und Töten haben sie keine Ahnung.
Zusammen mit Gunnar (Michiel Huisman), einem friedfertigen Veldt-Bauern, will sie eine kleine Gruppe auf verschiedenen Planeten lebender desertierter Krieger, die über besondere Fähigkeiten verfügen, zusammenstellen. Diese sieben Samurai – nein, falscher Film. Denn auf ’sieben‘ kommt Kora nie. Mal sind es mehr, mal weniger, aber letztendlich bedient Zack Snyder sich hier schamlos an Akira Kurosawas Klassiker und verpflanzt ihn in eine „Krieg der Sterne“-Welt. Das tut er auf die denkbar einfachste Art und Weise. Jeder neue Gefährte von Kora erhält seinen Auftritt und schließt sich ohne weitere Diskussion Koras Truppe an.
Am Ende gibt es eine große Schlacht mit dem Bösewicht, die dem Film einen Abschluss verschafft. Damit hat man, auch wenn man sich in einem halben Jahr den zweiten Teil nicht ansieht, immerhin einen Film mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende gesehen. Einen Cliffhanger für den nächsten „Rebel Moon“-Film gibt es selbstverständlich auch. Schließlich steht schon im Titel, dass es sich hier um einen ersten Teil handelt. Der zweite Teil heißt „Die Narbenmacherin“ (The Scargiver). In den USA soll er am 12. April 2024, in Deutschland am 19. April 2024 veröffentlicht werden. In Interviews hat Zack Snyder schon zwei bis vier weitere Teile angekündigt. Der Mann hat also wieder einmal große Pläne.
Ob er sie ausführen darf, liegt an Netflix und der Qualität des zweiten Teils. Der müsste allerdings, falls Netflix sich bei seinen Entscheidungen von irgendwelchen künstlerischen Erwägungen leiten lässt, erheblich besser sein. Der Auftakt ist nämlich bestenfalls ein zu lang geratener, äußerst teurer Pilotfilm für eine altmodische TV-Science-Fiction-Serie. Nur dass Zack Snyder mit gut 170 Millionen US-Dollar für die beiden ersten „Rebel Moon“-Filme ein deutlich höheres Budget hatte.
Die Inszenierung ist so, wie wir sie aus früheren Zack-Snyder-Filmen kennen. Wer also mit den Bildern von „300“, „Sucker Punch“ „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Justice League“ etwas anfangen konnte, wird „Rebel Moon“ mögen.
Die Spezialeffekte sind für den kleinen Bildschirm sicher okay. Für einen Kinoeinsatz, den der Science-Fiction-Abenteuerfilm aktuell in den USA für einige Tage hat (auch ich konnte den Film im Kino auf einer großen Leinwand sehen), sind sie dann doch zu schlampig gemacht. Die Kampfszenen sind so hektisch geschnitten, dass die Abläufe nur noch erahnbar sind. Es kracht und rummst und am Ende hat der Held alle anderen auf mythische Weise besiegt.
Für die Schauspieler gibt es wenig zu tun. Sofia Boutella, die titelgebende Heldin, verschwindet gerade am Anfang für längere Zeit aus dem Film. Wenn sie später auf verschiedenen Planeten ihre Samurai zusammensucht, steht sie auch eher tatenlos herum. Schließlich wird in dem Moment ja der nächste Kampfgefährte vorgestellt. Vielleicht gewinnt sie im zweiten Teil mehr Profil. Djimon Hounsou, der im Abspann an zweiter Stelle genannt wird, hat hier nur eine Minirolle, die ein besserer Cameo ist. Das ändert sich vielleicht im zweiten Teil. Die anderen von Koras Kampfgefährten gewinnen, auch wenn es sich um bekannte Schauspieler handelt, ebenfalls wenig Profil. Das Drehbuch gibt ihnen einfach nicht genug Material. Immerhin hatte Ed Skrein, der den Bösewicht Noble spielt, seinen Spaß als böser Klischeebösewicht, der in Nazi-Uniform sofort als Bösewicht erkennbar ist. Gleiches gilt für seine Männer. In der Originalfassung reden sie manchmal, wenn sie besonders gemeine Dinge tun, Afrikaans; die Sprache der Buren, der weißen Südafrikaner, die in Südafrika einen Apartheidsstaat einrichteten. Das ist ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl. Noble, seine primitiven Soldaten und die Mutterwelt sind das ultimative Böse. Space Nazis eben.
Die gesamte Story bewegt sich humorfrei auf diesem plakativ einfachen Niveau, das auch Zehnjährige niemals überfordert, wenn der Reihe nach Personen vorgestellt werden und sie ihren Auftritt haben.
„Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“ wirkt immer wie ein überlanger Pilotfilm für eine altmodische Science-Fiction-TV-Serie. Deshalb hat er auf Netflix eine passende Heimat gefunden. Da kann man sich den Film angucken und nebenbei mit seinen Kumpels darüber ablästern oder über andere Dinge, wie die erhaltenen Weihnachtsgeschenke, reden.
Trotzdem fand ich das billige „Krieg der Sterne“-Rip-Off, mit reduzierten Erwartungen, als sehr einfach gestrickte, aus der Zeit gefallene Space-Opera, die sattsam bekannte Versatzstücke ohne einen Funken Originalität wiederverwendet, unterhaltsam. Immerhin passiert ständig etwas und die Bilder sehen gut, aber auch seelenlos aus.
Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (Rebel Moon – Part One: A Child of Fire, USA 2023)
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: Kurt Johnstad, Zack Snyder, Shay Hatten (nach einer Idee von Zack Snyder)
mit Sofia Boutella, Djimon Hounsou, Ed Skrein, Michiel Huisman, Doona Bae, Ray Fisher, Charlie Hunnam, Anthony Hopkins (nur Stimme im Original), Staz Nair, Fra Fee, Cary Elwes, Corey Stoll
Länge: 135 Minuten (der Abspann ist verdammt lang)
SchleFaZ: Hard Ticket to Hawaii(Hard Ticket to Hawaii, USA 1987)
Regie: Andy Sidaris
Drehbuch: Andy Sidaris
Nachdem Tele 5 vor einigen Wochen überraschend das Ende von SchleFaZ (Die schlechtesten Filme aller Zeiten), der erfolgreichen Lästershow von Oliver Kalkofe und Peter Rütten über schlechte Filme, verkündete, gibt es heute bei Tele 5 die letzte SchleFaZ-Sendung. Im Frühling gehen Kalkofe und Rütten auf Tour und vielleicht findet sich auch ein anderer Sender. Denn die Quoten und die Bekanntheit des Formats waren gut, aber der Sender hat inzwischen eine andere Ausrichtung.
Zum Finale ist „Hard Ticket to Hawaii“, anscheinend eine TV-Premiere, auf der Schlachtbank. In dem Film sollen zwei Geheimagentinnen ein Drogenkartell zerschlagen. Das Hauptquartier des Drogengangster Seth Romero ist auf einer Insel.
Die damalige Kritik urteilte: „Eine mit zahlreichen Brutalitäten und Sexeinlagen garnierte, konfuse Agentenstory.“ (Fischer Film Almanach 1988)
„primitiven Agentenfilms (…) der sich in der Ausbreitung aller möglichen und unmöglichen Tötungsarten gefällt. – Wir raten ab.“ (Lexikon des internationalen Films)
Das klingt doch nach einer unbedingten Empfehlung für das Format.
Unter Trash-Fans genießt „Hard Ticket to Hawaii“ inzwischen Kultstatus. Warum erzählen die Gastgeber vor, während und nach dem Werk. Aber der Trailer gibt schon einige bombige Hinweise.
Es kann sein, dass Tele 5 eine gekürzte Fassung des Films zeigt. Der ehemalige Index-Film (von 1988 bis 2013) hat aktuell eine FSK-18-Freigabe.
mit Ronn Moss, Dona Speir, Hope Marie Carlton, Harold Diamond
Es begann mit einem Brief, in dem er gefragt wurde, ob er in Tokio etwas zu einem sozialen und architektonischem Projekt machen wolle. Bekannte Architekten hatten in der Großstadt ein gutes Dutzend prächtig aussehender, in Parks stehender öffentlicher Toiletten gebaut. Ihm wurde vollkommene künstlerische Freiheit und beste Arbeitsbedigungen zugesichert.
Mit dem Angebot rannte Krreativdirektor Takuma Takasaki, der jetzt auch Co-Autor von „Perfect Days“ ist, bei dem bekennenden Japan-Fan Wenders offene Türen ein.
Wenders verliebte sich in den spätern Siebzigern in Tokio und Japan. Seitdem hielt er seine Liebe zu dem Land und der Kultur in mehreren Filmen fest. Erstmals tat er das in seinem Dokumentarfilm „Tokyo-Ga“ (1985), der sich auch mit dem von ihm bewunderten Yasujiro Ozu, seinem Meister, beschäftigt. In „Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten“ (1989) porträtierte er den japanischen Modeschöpfer Yohji Yamamoto.
Ausgehend von dem Angebot besuchte Wenders Tokio einige Tage. Danach schlug er vor, mit dem Geld, das ihm zur Verfügung stehen sollte, nicht mehrere Kurzfilme sondern einen Spielfilm zu drehen. Und dieser Spielfilm, gedreht an sechzehn Tagen in Tokio, ist sein schönster, vollendester, geschlossenster und zugleich offenster Film seit Ewigkeiten. „Perfect Days“ ist ein Wim-Wenders-Film ohne all das Prätentiöse und Verkopfte, das bei seinen Filmen immer wieder nervt.
Im Mittelpunkt steht Hirayama (Kôji Yakusho), ein schweigsamer Mann mit einer Vergangenheit, über die er nicht redet. Er ist ein typischer Wim-Wenders-Mann und zugleich das Gegenteil. Hirayama führt ein auf den ersten Blick eintöniges Leben. Er fährt morgens zur Arbeit und hört dabei alte Musikkassetten mit den Hits, die auch auf einer Wim-Wenders-All-Time-Favourite-Playlist wären.
Danach putzt er öffentliche, im Park stehende Toiletten. Die im Film gezeigten Toiletten sind kleine architektonische Kunstwerke, die wirklich zum Verweilen einladen.
Seine Pause verbringt Hirayama im Park. Er ißt seine Mahlzeit und fotografiert mit einer Pocketkamera Komorebis, also Bilder in denen das Sonnenlicht durch Blätter fällt und Schatten wirft. Es sind poetische Zufallsbilder von Ästen, Blättern, Licht und Schatten.
Nach seiner Arbeit kauft er ein und verbringt einige Zeit in einem Imbiss. Er wäscht sich in einer öffentlichen Badeanstalt. Vor dem Einschlafen liest er in seiner frugal eingerichteten Wohnung Bücher, die bereits von anderen Menschen gelesen und weggeben wurden. Beispielsweise ein Roman von Patricia Highsmith.
Für die Schilderung des ersten Tages nimmt Wenders sich eine halbe Stunde Zeit. Die nächsten Tage schildert er etwas kürzer und durch die Wiederholungen bemerken wir auch die kleinen Abweichungen in Hirayamas Tagesablauf. Hier ein kurzes Gespräch. Da ein Besuch seiner Nichte und, später, seiner Schwester. Bei der Arbeit gibt es auch kleine Veränderungen.
Gerade diese Monotonie sorgt für ein genaues Hinsehen und auch ein angenehm entspanntes, friedfertiges Gefühl.
In „Perfect Days“ porträtiert Wim Wenders einen Menschen, der mit sich selbst im Reinen ist. Dabei fragt er auch nach dem Sinn des Lebens, regt zum Nachdenken darüber an und zeigt Tokio als einen poetischen Ort, an dem man gerne einige Tage verbringen möchte. In der Stadt und in den städtischen Toiletten.
Es endet, jedenfalls vorläufig, damit, dass „Perfect Days“ inzwischen für Japan auf der Shortlist für den Oscar als „Bester internationaler Spielfilm“ steht. Damit steigen die Chancen weiter, dass Wim Wenders für Japan den Preis für den besten Film erhält. Es wäre sein erster Oscar. Nominiert wurde er bereits dreimal. Immer für den Dokumentarfilm-Oscar.
P. S.: Neben „Perfect Days“ stehen „Das Lehrerzimmer“ (für Deutschland) und „The Zone of Interest“ (für Großbritannien, aber in dem in Deutschland spielendem Drama wird nur Deutsch gesprochen) auf der Shortlist. Da stehen die Chancen für eine Oscar doch ganz gut.
Perfect Days(Japan/Deutschland 2023)
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Takuma Takasaki, Wim Wenders
mit Kôji Yakusho, Tokio Emoto, Arisa Nakano, Aoi Yamada, Yumi Asô, Sayuri Ishikawa, Tomokazu Miura, Min Tanaka
Formal ist der Titel „Die wandernde Erde II“ korrekt, aber auch irgendwo zwischen Irreführung und Unfug. Denn „Die wandernde Erde II“ erzählt nicht, was nach, sondern was vor den in „Die wandernde Erde“ geschilderten Ereignissen passierte. Deshalb muss man, um „Die wandernde Erde II“ zu verstehen, „Die wandernde Erde“ nicht gesehen haben. In China war „Die wandernde Erde“ vor vier Jahren ein Kassenerfolg. Entsprechend schnell war eine Fortsetzung war schnell beschlossen. Bei uns lief der Sciende-Fiction-Film auf Netflix.
Von Cixin Lius Novelle „Die wandernde Erde“ hat „Die wandernde Erde II“ nur die Idee der wandernden Erde übernommen. In seiner Geschichte erzählt Liu die Reise der Erde aus unserem Sonnensystem in ein anderes Sonnensystem. Diese hundert Generatationen dauernde Reise nach Proxima Centauri ist nötig, weil Wissenschaftler prognostizierten, dass unsere Sonne in vierhundert Jahren (im Film sind es nur noch hundert Jahre) die Erde zerstören wird. Zur Rettung der Menschheit schlagen sie letztendlich vor, die Erde in ein Raumschiff zu verwandeln. So und nur so kann die gesamte Menschheit gerettet werden. Diese Lösung wird umgesetzt.
In „Die wandernde Erde II“ ezählt Frant Gwo, der auch „Die wandernde Erde“ inszenierte, wie es zu der Reise der Erde aus unserem Sonnensystem nach Proxima Centauri kommt. Dabei entwirft er ein breites Panorama von Verhandlungen in New York im Hauptquartier der Vereinten Nationen und verschiedenen Forschungsstationen und für das Projekt wichtigen riesigen Einrichtungen auf der Erde und dem Mond. Es gibt tapfere Ingenieure und Raumfahrer, die auf ihren Einsatz vorbereitet werden. Es gibt Angriffe von Terroristen und Soldaten, die die riesigen, für die Reise wichtigen Anlagen gegen die Angriffe verteidigen. Es gibt den Kampf zwischen den Menschen, die das Projekt „Berg versetzen“ (also die Erde auf eine 2500 Jahre dauernde Reise schicken) forcieren und denen, die dem anders gelagerten Projekt „Digitales Leben“ (also einem Transfer unseres Geistes in eine virtuelle Welt) anhängen. Es gibt , wie wir es aus anderen Katastrophenfilmen kennen, eine bekömmliche Mischung aus viel Action, etwas Wissenschaftlerslang, Heroismus und Herzschmerz.
Das ist Blockbuster-Kino in schönster Hollywood-Tradiion. Nur dass dieses Mal die Welt nicht von US-Amerikanern, sondern von Chinesen gerettet wird. Weil der Film weltweit verkauft werden soll, ist die chinesische Propaganda nicht so patriotisch-flaggenschwenkend wie in einem Hollywood-Film. Und, auch wenn die Helden Chinesen sind, wird sich doch immer um einem globalen Blick bemüht.
Das alles erzählt Gwo in seiner ‚Roland Emmerich goes China‘-Variante so todernst, so heroisch und bei den Geschlechterrollen so konservativ (das wäre Emmerich nicht passiert), dass es schon wieder einen spaßigen Retro-Charme hat.
Stilistisch ist „Die wandernde Erde II“ ein atemberaubend stilloses Werk. Da stehen grandios inszenierte Szenen neben peinlich schlechten. Da changieren die Spezialeffekte zwischen hunderprozentig gelungen und indiskutabel schlecht.
Trotzdem ist „Die wandernde Erde II“ ein zukunftsoptimistisches Action-Spektakel für die große Leinwand. Die drei Stunden, in denen tapfere Männer etliche Katastrophen verhindern und so das Projekt immer retten, vergehen angenehm flott.
Die wandernde Erde II (liúlàng dìqiú II, China 2023)
Regie: Frant Gwo
Drehbuch: Yang Zhixue, Gong Geer, Frant Gwo, Ruchang Ye
LV (Idee): Cixin Liu: liúlàng dìqiú (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in Science Fiction World, Juli 2000) (deutsche Veröffentlichung: Die wandernde Erde, 2019)
mit Andy Lau, Jing Wu, Zhi Wang, Xuejian Li, Yi Sha, Ning Li, Yanmanzi Zhu, Jing Wu
Länge: 173 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage (Yeah, ein Lesetipp)
Cixin Liu: Die wandernde Erde
(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)
Wo in Paris die Sonne aufgeht (Les Olympiades, Frankreich 2021)
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Céline Sciamma, Léa Mysius, Jacques Audiard
LV: Adrian Tomine: Amber Sweet, Killing and Dying, Hawaiian Getaway (3 Comics)
TV-Premiere. Wunderschöner SW-Ensemblefilm im Stil der Nouvelle Vague. Jacques Audiard verfolgt vier junge Menschen, die zutiefst verunsichert über sich und ihre Lebenspläne sind, in Paris durch das 13. Arrondissement stolpern und sich dabei immer wieder begegnen.
„Der kleine Prinz“ – Man sieht nur mit dem Herzen gut (Frankreich 2023)
Regie: Vincent Nguyen
Drehbuch: Vincent Nguyen
Brandneue einstündige Doku über die letzten Jahre von Antoine de Saint-Exupéry (1900 – 1944) und die Entstehung von „Der kleine Prinz“. Sein äußerst populäres modernes Kunstmärchen ist schon lange ein Klassiker der Weltliteratur.
Drehbuch: Dominik Graf, Bernd Schwamm, Michael Hatry
Möbelfabrikant Hencken wird vor Schimanskis Stammhotel „Ideal“ erschossen. Für Schimanski, der die Intrigen zweier verfeindeter Familien aufklären muss, der Auftakt zu einem wirklich schwarzen Wochenende. Und das alles ohne seine geliebte Jacke.
Damals war Dominik Grafs „Tatort“ bei der Kritik ziemlich schlecht weggekommen, heute wird er – zu Recht – als einer der düsteren Klassiker gefeiert. Einer der Höhepunkte des Films ist eine halbstündige Verhörsequenz. Heute undenkbar.
Die Brücken am Fluß (The Bridges of Madison County, USA 1995)
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Richard LaGravenese
LV: Robert James Waller: The Bridges of Madison County, 1992 (Die Brücken am Fluß)
Francesca (Meryl Streep) stellt sich auf ihrer abgelegenen Farm auf vier ruhige Tage ohne ihren Mann und die Kinder ein. Da taucht ein Fotograf (Clint Eastwood) auf, der sie nach dem Weg zu den titelgebenden Brücken fragt. Sie zeigt ihm den Weg und verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden.
Die Vorlage soll furchtbar kitschig sein. Der Film ist es nicht.
„Ein meisterhafter Film der Gefühle ohne Duselei, mit Geist, Charme und Lebenserfahrung.“ (Fischer Film Almanach 1996)
Danach, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die Doku „Meryl Streep: Die unverstellte Göttin“ (Frankreich 2020) und danach, um 23.20 Uhr, die Doku „Clint Eastwood“ (Frankreich 2022).
mit Clint Eastwood, Meryl Streep, Annie Carley, Victor Slezak
Drehbuch: Halsted Welles, Michael Brandt, Derek Haas
LV: Elmore Leonard: Three-Ten to Yuma, 1953 (Die Kurzgeschichte erschien zuerst in Dime Western, später in den Sammlungen „The Tonto Woman and other Western stories“ und „Complete Western stories“)
Der arme, integere Farmer Dan Evans erklärt sich bereit, den charismatischen und skrupellosen Banditen Ben Wade durch die Prärie zum Zug nach Yuma zu bringen. Wades Bande will das verhindern.
Das Remake von „Zähl bis drei und bete“ (USA 1957, Regie: Delmer Daves) ist in jeder Beziehung größer als das kammerspielartige Original. Sogar der Zug hat Verspätung.
Trotzdem ein schöner Western, eine gute Leonard-Verfilmung (bei Western war die Trefferquote sowieso schon immer höher), mit einem leicht vermurksten Schluss.
„Todeszug nach Yuma“ erhielt den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Western des Jahres.
Mit Russell Crowe, Christian Bale, Peter Fonda, Gretchen Mol, Ben Foster, Dallas Roberts
Wegen eines Sturmtief stellt die Bahn ihren Betrieb ein und verteilt Taxi-Gutscheine an die am Abend in München im Hauptbahnhof gestrandeten Passagiere. Die pensionierte Professorin und verbal rüstige Alt-Prostlerin Marianne (Iris Berben), das zerstrittene Pärchen Tiana (Nilam Farooq), die am nächsten Vormittag eine für ihr Start-Up wichtige Präsentation, und Freund, der tiefenentspannte Schluffi Philipp (Ben Münchow), und die geistig behinderte Susi (Lena Urzendowsky) entern Josephs Taxi. Jeder von ihnen muss aus einem anderen wichtigen Grund am nächsten Tag in Hamburg sein.
Als der notorisch schlecht gelaunte Joseph (Joachim Król) die Taxi-Gutscheine sieht und erfährt, dass er jeden Gutschein einzeln abrechnen kann, ist er bereit von München nach Hamburg zu fahren.
In seinem Feelgood-Film „791 km“ erzählt Tobi Baumann („Faking Hitler“), wie die fünf Menschen, die sich zufällig getroffen haben, sich auf der nächtlichen Fahrt quer durch Deutschland näher kommen. Und wie es das Drehbuch so will, sind sie alle gegensätzliche und sich entsprechnd gut ergänzende Archetypen, die auch ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft sind. Das ist immer eine Spur zu didaktisch erzählt und zu sehr in Richtung TV-Bildschirm erzählt, um auf der großen Kinoleinwand zu begeistern.
791 km (Deutschland 2023)
Regie: Tobi Baumann
Drehbuch: Gernot Gricksch (nach einer Idee von Tobi Baumann)
mit Iris Berben, Joachim Król, Nilam Farooq, Ben Münchow, Lena Urzendowsky, Langston Uibel, Barbara Philipp, Denis ‚Marschall‘ Ölmez, Götz Otto
In einem Stuhlkreis sitzen Täter und Opfer eines Verbrechens und reden darüber. ‚restorative justice‘ nennt sich die Methode. Es geht um einen formalisierten Prozess des gegenseitigen Verstehens und auch Verzeihens. Sie ähnelt dem bei uns als Täter-Opfer-Ausgleich bekannten Modell.
In seinem Spielfilm „All eure Gesichter“ zeigt Jeanne Herry („In sicheren Händen“) mehrere dieser Prozesse und sie zeigt die Chancen, die diese Methode hat. Sie geht auch auf die Voraussetzungen, aber nicht auf die Beschränkungen ein.
Trotzdem ist „All eure Gesichter“ als karg inszeniertes, sich auf seine Schauspieler, die sich teils im Stuhlkreis, teils direkt gegenüber sitzen, konzentrierendes Dialogdrama sehenswert. Das Kammerspiel für die große Leindwand regt zum Nachdenken über Schuld, Sühne und verschiedene Methoden einer Verarbeitung an.
All eure Gesichter (Je verrai toujours vos visages, Frankreich 2023)
Regie: Jeanne Herry
Drehbuch: Jeanne Herry, Chloé Rudolf
mit Birane Ba, Leïla Bekhti, Dali Benssalah, Elodie Bouchez, Suliane Brahim, Jean-Pierre Darroussin, Adèle Exarchopolous, Gilles Lellouche, Miou-Miou, Denis Podalydès
Massachusetts im Winter 1964: die schüchterne Eileen Dunlop (Thomasin McKenzie) lebt noch bei ihrem Vater, einem jähzornigem Alkoholiker, und arbeitet im Jugendgefängnis als Sekretärin. Ihr triester Alltag verändert sich schlagartig, als die neue Psychologin des Gefängnisses eintrifft. Rebecca Saint John (Anne Hathaway) ist ein Marilyn-Monroe-Lookalike, die sofort allen Männern den Kopf verdreht. Aber dann lädt die Femme Fatale Eileen zu einem Drink ein.
„Eileen“ ist die langweilige Arthaus-Version eines Noirs. Für einen gelungenen Noir entwickelt sich die Geschichte viel zu langsam und nebulös. Ehe dann im dritten Akt plötzlich alles anders wird.
Eileen (Eileen, USA 2023)
Regie: Willliam Oldroyd
Drehbuch: Ottessa Moshfegh, Luke Goebel
LV: Ottessa Moshfegh: Eileen, 2015 (Eileen)
mit Thomasin McKenzie, Anne Hathaway, Shea Whigham, Marin Ireland, Owen Teague
In seinem Biopic „Munch“ über den Künstler Edvard Munch (12. Dezember 1863 – 23. Januar 1944) (Ja, das ist der mit dem Bild „Der Schrei“, das die Ghostface-Maske in den „Scream“-Filmen inspirierte.) erzählt Henrik M. Dahlsbakken das schwierige Leben des Künstlers zwischen Alkoholismus, Genie und Wahnsinn nicht chronologisch nach. Er zersplittert es auf mehrere Zeitebenen, zwischen den er kontextlos hin und her springt und er lässt Munch von drei Schauspielern und einer Schauspielerin spielen. Sie spielen ihn als 21-, 29-, 45- und 80-jährigen Mann. Und für jeden Munch-Schauspieler gibt es einen eigenen Stil.
Das Ergebnis ist ein sich experimentell gebendes Biopic, das wenig über den Künstler verrät und einen erstaunlich unberührt lässt.
Munch (Munch, Norwegen 2023)
Regie: Henrik M. Dahlsbakken
Drehbuch: Mattis Herman Nyquist, Gina Cornelia Pedersen, Fredrik Høyer, Eivind Sæther
mit Alfred Ekker Strande, Mattis Herman Nyquist, Ola G. Furuseth, Anne Krigsvoll, Anders Baasmo Christiansen, Lisa Carlehed, Jesper Christensen
Knacki Rudi Duncan freut sich wie Bolle. Unter der Identität eines verstorbenen Knastkumpels will er sich an dessen Brieffreundin heranmachen. Die sieht nämlich unglaublich gut aus. Dummerweise hat sie einen Bruder. Der möchte, dass Rudi ihm beim Überfall eines Casinos hilft. Ein Casino, in dem Rudi früher arbeitete.
John Frankenheimers letzter Kinofilm ist nicht gerade ein Meisterwerk, aber ein vergnüglicher Neo-Noir mit viel Schnee, Weihnachtsmännern und vielen Dingen, die mit Weihnachten nichts zu tun haben.
„Mag das Drehbuch auch gelegentlich ein wenig überkonstruiert erscheinen, die Inszenierung von Regie-Veteran Frankenheimer erweist sich als absolut schnörkellos und handwerklich perfekt.“ (tip 25/2000)
Die US-Kritik war nicht so begeistert.
Frankenheimer inszenierte „Der Gefangene von Alcatraz“, „Botschafter der Angst“ (The Manchurian Candidate), „Grand Prix“, „French Connection II“, „Schwarzer Sonntag“ und „Ronin“.
mit Ben Affleck, Gary Sinise, Charlize Theron, Donal Logue, Danny Trejo, Clarence Williams III, Dennis Farina
Untätig war John Woo die letzten Jahre nicht, aber seit zwanzig Jahren, seit dem Science-Fiction-Film „Paycheck – Die Abrechnung“, lief keiner seiner Filme mehr regulär in unseren Kinos. Insofern ist „Silent Night – Stumme Rache“ eine Rückkehr auf die große Leinwand, die zeigt, warum wir John Woo vor über zwanzig Jahren zwischen Heroic-Bloodshed-Epen und Hollywood-Actionfilmen (wie „Face/Off“) so liebten. Das war alles so übertrieben wie grandios. An diese Filme knüpft John Woo mit seinem neuen Film an, ohne auch nur im Ansatz die Qualität seiner besten Filme zu erreichen.
Es geht um Brian Godlock (Joel Kinnaman). Bei einer Schießerei zwischen verfeindeten Gangsterbanden wird sein kleiner Sohn am Heiligabend von einer herumirrenden Kugel getötet. Brian wird schwer verletzt und verliert seine Stimme. Er schwört Rache. Exakt ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes will er die Verbrecher ermorden.
Die Rachestory ist nur die Klammer für die Action und ein formales Experiment. Denn „Silent Night – Stumme Rache“ ist ein Stummfilm. Und John Woo hält sich an diese selbstgewählte Beschränkung, die ihn zwingt, alles über die Bilder, Gesten und Mimik zu erzählen. Eben diese Beschränkung führt auch zu einer sehr simplen Geschichte, die primär dazu dient, die Actionszenen, die sich auf das letzte Drittel des Film konzentrieren, miteinander zu verbinden.
Diese fallen eher pflchtschuldig und humorlos aus. So wie Brian stoisch seinen Racheplan verfolgt und schließlich am Heiligabend ausführt, führt John Woo hier die Action aus. Schnell und schnörkellos werden die austauschbaren Bösewichter erledigt. Nur bei dem ersten Bösewicht dauert es länger. Nach seinem Training schnappt Brian sich einen der Bösewichter und verschleppt ihn in seine Reihenhauswohnung. Dort soll er auf zwei Blatt Papier alles über die Verbrecherorganisation, zu der er gehört, aufschreiben. Der Gangster denkt nicht daran, die Zettel auszufüllen. Er geht zum Angriff über. Im anschließenden Kampf wird Brians halbes Haus verwüstet – und er muss erkennen, dass ein realer Kampf sich von YouTube-Videos und einem allein ausgeführten Training unterscheidet.
Die erste große Actionszene ist am Anfang des Films. Ohne irgendeine Erklärung wirft John Woo uns direkt in die Geschichte. Langsam können wir uns zusammenreimen, warum ein Mann in einem geschmacklosen Weihnachtspullover durch die sonnendurchfluteten Straßen einer größeren Stadt hetzt, einen roten Luftballon und wild um sich schießende Gangster verfolgt.
Die dritte große und finale Actionszene ist dann im Hauptquartier des Verbrecherbosses. Brian stürmt in das Haus und legt auf seinem Weg zu Playa (Harold Torres) einen seiner Fußsoldaten nach dem nächsten um. Dieser oft kopierte Kampf in einem Treppenhaus weckt Erinnerungen an Gareth Evans‘ „The Raid“.
Und damit kommen wir zum Problem der Actionszenen. Sie sind episch und auch gut inszeniert, aber früher war John Woo ein bahnbrechender Vorreiter. Heute ist es anders. In den „John Wick“-Filmen ist die handgemachte Action einfach besser. Und sie sieht besser aus. Das liegt natürlich auch daran, dass hier die Zentrale des Bösewichts in einer heruntergekommenen Fabrik ist, in der die Beleuchtung bestenfalls funktional ist. Und John Woo hatte nur ein eingeschränktes Budget. Trotzdem ändert das alles nichts daran, dass andere Regisseure inzwischen packendere Actionszenen inszenieren. Das macht den Actionfilm zu einer ziemlich drögen Angelegenheit.
Dennoch ist Woos Weihnachtsfilm viel besser als seine oft grotesk misslungenen TV-Arbeiten. Die hatten ein zu niedriges Budget für gute Actionszenen und mussten sich in jeder Beziehung den TV-Konventionen beugen. Gleichzeitig ist sein neuester Actionfilm auch viel schlechter als seine Klassiker. „Silent Night – Stumme Rache“ ist auch keines dieser Alterswerke, in denen ältere Regisseure noch einmal ihr Werk, ihre Themen und ihren Stil Revue passieren lassen. Dafür fehlt zu viel davon. „Silent Night – Stumme Rache“ ist ein 08/15-Thriller mit bestenfalls durchwachsener Action (vor allem im Vergleich zu Woos früheren Actionszenen und, aktuell, den „John Wick“-Filmen) und einer Story, die nur wegen des Stummfilm-Kunstkniffs akzeptabel ist.
Trotz all dieser Kritik ist der Thriller eine willkommene Rückkehr. Sie erinnert an John Woos Meisterwerke und weckt die Lust, sie sich wieder anzusehen. Die Gelegenheit dafür ist günstig. In den kommenden Monaten erscheinen sie, wenn die Ankündigungen stimmen, erstmals in adäquaten Blu-ray-Veröffentlichungen. Unterschiede gibt es beim Bonusmaterial und den auf der Blu-ray enthaltenen Zahl der Fassungen. Aber immer ist die bislang teils schwer, teils überhaupt nicht, teils bestenfalls halblegal erhältliche Uncut-Fassung enthalten.
Gerade ist „The Killer“ erschienen. Für den 23. Februar ist „Hard-Boiled“, für den 28. März „Harte Ziele“, sein Hollywood-Debüt, und für den 31. Mai ist „Bullet in the Head“ angekündigt. Das ist für John-Woo-Fans, alte und neue, das echte Weihnachtsgeschenk. Der kleine dreckige Action-Stummfilm „Silent Night – Stumme Rache“ ist die Beigabe.
Silent Night – Stumme Rache (Silent Night, USA 2023)
Regie: John Woo
Drehbuch: Robert Archer Lynn
mit Joel Kinnaman, Scott Mescudi, Harold Torres, Catalina Sandino Moreno
Im ländlichen Oregon geschehen mehrere grausame Morde. Lehrerin Julia Meadows vermutet, dass ihr Problemschüler Lucas mehr über die Morde weiß.
TV-Premiere – und eine unglückliche Planung. Parallel zu „Antlers“ läuft Scott Coopers Western „Feinde – Hostiles“ um 23.10 Uhr auf 3Sat. Dabei hat Coopers bislang nur sechs Spielfilme inszeniert.
„Antlers“ ist, innerhalb der bekannten Genreregeln, ein ungewöhnlicher Horrorfilm, der sich einfachen Antworten verweigert, unbequeme Themen anspricht und zum Nachdenken anregt.
Manchmal braucht es nicht viel für ein langlebiges Franchise. In diesem Fall ist es eine Kurzgeschichte von Stephen King, die die Inspiration gab für zwei einprägsame Bilder: die sich im US-amerikanischen Hinterland bis hinter den Horizont erstreckenden Maisfelder und besessene Kinder, die Erwachsene töten. Beispielswiese das Gebiet durchquerende Touristen.
1984 verfilmte Fritz Kiersch Kings Geschichte. Seine Verfilmung „Kinder des Zorns“ (Children of the Corn) spielte an der Kinokasse sein Geld ein. Die Begeisterung von Kritik und Publikum war überschaubar – und das hat sich seitdem nicht geändert. Niemand hält „Kinder des Zorns“ (1984) ernsthaft für einen irgendwie guten, herausragenden Film, den man sich angesehen haben muss.
Trotzdem gab es seitdem zehn weitere Filme, von denen acht als Fortsetzungen, die wenig bis nichts miteinander verbindet (außer der Sache mit dem Getreide), gelabelt werden, ein Remake und jetzt Kurt Wimmers Reboot, das auch mal als Prequel bezeichnet wird.
Sein Prequel/Reboot spielt in der Gegenwart und erzählt die Vorgeschichte zu Kierschs Film und auch zu Stephen Kings erstmals 1977 publizierter Kurzgeschichte „Kinder des Mais“ (Children of the Corn). Wimmer erzählt also, wie die titelgebenden „Kinder des Zorns“ (aka Children of the Corn aka Kinder des Mais) zu den Kindern des Zorns wurden.
Kurt Wimmer ist für Genrefans ein bekannter Name. Er inszenierte den tollen SF-Thriller „Equilibrium“, aber auch die SF-Gurke „Ultraviolet“. Als Autor war er in „Die Thomas Crown Affäre“, „Street Kings“, „Salt“ und „Total Recall“ (das überflüssige Remake) involviert.
Das hätte also etwas werden können.
Hätte.
Entstanden ist ein erstaunlich misslungener, langweiliger, nichtssagender, das Potential von Stephen Kings Kurzgeschichte hoffnungslos verschenkender Horrorfilm, Nie gelingt es Wimmer, die überschaubaren und einfachen Regeln und Strukturen seiner Welt, nachvollziehbar zu etablieren. Er spricht viele Themen an, ohne sie sinnvoll zu vertiefen oder in die Geschichte zu integrieren. Seine Figuren verhalten sich durchgehend widersprüchlich und oft unlogisch.
Im Zentrum der bestenfalls erahnbaren Filmgeschichte steht die siebzehnjährige Boleyn (Elena Kampouris). Sie will demnächst die Gegend verlassen und in Boston an der Universität Mikrobiologie studieren. Jetzt kümmert sie sich noch um ihren jüngeren Bruder Cecil (Jayden McGinlay), streift durch das Korn und begegnet Gleichaltrigen, die sich die Zeit mit teils gefährlichen Spielen vertreiben.
Die zwölfjährige Eden (Kate Moyer) ist die Anführerin der Jugendlichen. Sie stachelt sie später zu einer Mordserie an den Erwachsenen auf.
Das alles hat etwas mit dem im Mais lebendem, Menschenopfer verlangendem Kornmonster, das Eden „Der hinter den Reihen geht“ nennt, zu tun.
Letztendlich schließt sich der neueste „Kinder des Zorns“-Film nahtlos an die vorherigen Filme der Serie an. Es ist ein vergessenswerter Horrorfilm, der ein vergessenswertes, allseits unbeliebtes und dennoch erstaunlich langlebiges Franchise fortsetzt.
P. S.: Gedreht wurde der Film von April bis Juni 2020. Die Premiere war am 23. Oktober 2020 in Sarasota, Florida. Der für 2022 geplante US-Kinostart wurde letztendlich auf den 3. März 2023 verschoben. Und jetzt läuft er bei uns im Kino.
Kinder des Zorns (Children of the Corn, USA 2020)
Regie: Kurt Wimmer
Drehbuch: Kurt Wimmer
LV (Inspiration): Stephen King: Children of the Corn, 1977 (Kurzgeschichte, Penthouse) (Kinder des Mais, erschienen in „Nachtschicht“)
mit Elena Kampouris, Kate Moyer, Callan Murphy, Bruce Spence, Stephen Hunter, Jayden McGinlay, Ashlee Juergens, Sisi Stringer, Joe Klocek
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
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Die Inspiration
Wer hätte das vor über vierzig Jahren gedacht? Nämlich dass ein Buch, und dazu noch eine Kurzgeschichtensammlung (die als notorisch unverkäuflich eingeschätzt werden), seit seiner Erstaufflage im Original und in der Übersetzung nie ‚out of print‘ war? Im Fall von „Nachtschicht“ ist Stephen King genau das gelungen. Außerdem inspiriert diese Sammlung von zwanzig spannenden Kurzgeschichten immer noch Filmemacher. 2020 gab es eine neue Verfilmung von „Children of the Corn“, dieses Jahr eine von „The Boogeyman“ und dazwischen verschiedene Ein-Dollar-Verfilmungen. Das ist eine von Stephen King jungen Filmemachern gewährte Option: sie dürfen für einen eher symbolischen Dollar eine seiner Kurzgeschichten verfilmen. Es gibt nur eine Bedingung: sie dürfen ihren Film danach nur in einem sehr begrenzten, nicht-kommerziellem Rahmen aufführen. Und Stephen King sieht sich das Werk an.
Stephen Kings erste Sammlung von Kurzgeschichten enthält:
Briefe aus Jerusalem (Jerusalem’s Lot, 1978)
Spätschicht (Graveyard Shift, 1970)
Nächtliche Brandung (Night Surf, 1974)
Ich bin das Tor (I Am the Doorway, 1971)
Der Wäschemangler (The Mangler, 1972)
Das Schreckgespenst (The Boogeyman, 1973)
Graue Masse (Gray Matter, 1973)
Schlachtfeld (Battleground, 1972)
Lastwagen (Trucks, 1973)
Manchmal kommen sie wieder (Sometimes They Come Back, 1974)
Erdbeerfrühling (Strawberry Spring, 1975)
Der Mauervorsprung (The Ledge, 1976)
Der Rasenmähermann (The Lawnmower Man, 1975)
Quitters, Inc. (Quitters, Inc. 1978)
Ich weiß, was du brauchst (I Know What You Need, 1976)
Kinder des Mais (Children of the Corn, 1977)
Die letzte Sprosse (The Last Rung on the Ladder, 1978)
Der Mann, der Blumen liebte (The Man Who Loved Flowers, 1977)
Einen auf den Weg (One for the road, 1978)
Die Frau im Zimmer (The Woman in the Room 1978)
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Stephen King: Nachtschicht
(übersetzt von Barbara Heidkamp, Harro Christensen, Michael Kubiak, Karin Balfer, Ulrike A. Pollay, Sabine Kuhn, Ingrid Herrmann, Wolfgang Hohlbein, Bernd Seligmann und Stefan Sturm)
Das Leben gehört uns (La Guerre est déclarée, Frankreich 2011)
Regie: Valérie Donzelli
Drehbuch: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm
Als Juliette und Roméo erfahren, dass ihr 18 Monate alter Sohn einen Krebstumor im Gehirn hat, nehmen sie den Kampf auf.
Autobiographisch inspirierte, in schönster französischer Tradition erzählte Kampfansage an den Krebs und für das Leben. Ein etwas anderer Feelgood-Film.
mit Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm, César Desseix, Gabriel Elkaïm, Brigitte Sy, Elina Löwensohn, Michèle Moretti, Philippe Laudenbach, Bastien Bouillon, Béatrice De Staël, Anne Le Ny, Frédéric Pierrot, Elisabeth Dion
Die Gesetzeshüter Virgil Cole und Everett Hitch sollen in Appaloosa für Recht und Ordnung sorgen. Dort terrorisiert Farmer Bragg die Einwohner. Er hat auch den vorherigen Marshall erschossen.
Gelungene, werkgetreue Verfilmung eines Westerns von Robert B. Parker, dem Autor der Spenser- und Jesse-Stone-Kriminalromane, der seine bekannten Themen von Freundschaft, Loyalität, Recht und Gesetz in einem anderen Setting ausprobiert.
„Appaloosa“ erhielt beim Boston Film Festival den Preis für den besten Film und das beste Drehbuch.
In den Sommerferien langweilt sich der 14-jährige Maik in Berlin-Marzahn allein im elterlichen Haus. Da schlägt ihm sein neuer Klassenkamerad Tschick, ein russischer Spätaussiedler, vor, gemeinsam im geklauten Lada in die Walachai zu fahren. Doch zuerst geht die reichlich planlose Fahrt durch die benachbarten Bundesländer.
mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter
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Die Vorlage
zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.
Wolfgang Herrndorf: Tschick
rororo, 2016
272 Seiten
9,99 Euro
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Das Drehbuch
selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin
Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch
Rowohlt E-Book
60 Seiten(Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)