Die Krimibestenliste Januar 2020

Januar 6, 2020

Das neue Jahrzehnt startet die von vielen Herren und wenigen Damen zusammengestellte Krimibestenliste, präsentiert von der Frankurter Allgemeine und Deutschlandfunk Kultur, mit diesen Kriminalromanen: präsentieren die besten Krimis.

1. Hannelore Cayre – Die Alte (Plazierung im Vormonat: 2)

Aus dem Französischen von Iris Konopik.Ariadne im Argument-Verlag, 203 Seiten, 18 Euro.

2. Melba Escobar – Die Kosmetikerin (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Spanischen von Sybille Martin. Heyne, 320 Seiten, 9,99 Euro.

3. Sarah Schulman – Trüb (Plazierung im Vormonat: 9)

Aus dem Englischen von Else Laudan. Ariadne im Argument-Verlag, 270 Seiten, 20 Euro.

4. Regina Nössler – Die Putzhilfe (Plazierung im Vormonat: 5)

Konkursbuch, 402 Seiten, 12,90 Euro.

5. John le Carré – Federball (Plazierung im Vormonat: 1)

Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein, 352 Seiten, 24 Euro.

6. James Lee Burke – Mein Name ist Robicheaux (Plazierung im Vormonat: 7)

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Pendragon, 600 Seiten, 22 Euro.

7. Norbert Horst – Bitterer Zorn (Plazierung im Vormonat: 4)

Goldmann, 320 Seiten; 13 Euro.

8. Simone Buchholz – Hotel Cartagena (Plazierung im Vormonat: 8)

Suhrkamp, 230 Seiten, 15,95 Euro

9. Bernhard Aichner – Der Fund (Plazierung im Vormonat: /)

btb, 348 Seiten, 20 Euro.

10. Robert E. Dunn – Dead Man‘s Badge (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Philipp Seedorf. Luzifer, 356 Seiten, 14,95 Euro

Der neue le Carré wird die Tage besprochen. Ich fand ihn eher meh.

Aktuell lese ich Attica Lockes „Heaven, my home“ (Polar Verlag). Der dürfte nächsten Monat auf der Krimibestenliste stehen.


TV-Tipp für den 6. Januar: Die Damen vom Bois de Boulogne

Januar 6, 2020

Arte, 21.50

Die Damen vom Bois de Boulogne (Les dames du Bois de Boulogne, Frankreich 1945)

Regie: Robert Bresson

Drehbuch: Robert Bresson, Jean Cocteau (Dialoge)

LV: Denis Diderot: Jacques le fataliste et son maitre, 1796 (geschrieben zwischen 1773 – 1775) (Jacques der Fatalist und sein Herr)

Die Adlige Hélène will sich an ihrem ehemaligen Liebhaber rächen. Dafür verkuppelt sie ihn mit einer Prostituierten und die beiden verlieben sich ineinander. Geht Hélènes Racheplan trotzdem auf?

Zweiter Spielfilm von Robert Bresson (1907 – 1999), einem der Großen des französischen Kinos. „einer der markantesten, stilistisch rigidesten, ästhetisch und geistig kompromisslosesten Regisseure der Gegenwart“ und „neben Carl Theodor Dreyer als den am stärksten religiös motivierten Regisseur des Jahrhunderts“ (Klappentext von „Robert Bresson“, Hanser Reihe Film Band 15, 1978)

Damit war Bresson in Cineastenkreisen anerkannt. Das große Publikum ignorierte ihn weitgehend. Ab seinem dritten Film arbeitete er mit Laien. Die Finanzierung wurde dadurch nicht einfacher. Zu seinen späteren Filmen gehören „Tagebuch eines Landpfarrers“, „Ein zum Tod Verurteilter ist entflohen“, „Pickpocket“, „Zum Beispiel Balthasar“ und „Das Geld“, sein letzter Film. Seine Filme werden nur alle Jubeljahre im Fernsehen gezeigt.

mit Maria Casarès, Paul Bernard, Elina Labourdette, Lucienne Bogaert, Jean Marchat

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Damen vom Bois de Boulogne“

Wikipedia über „Die Damen vom Bois de Boulogne“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 5. Januar: Ein Mann wird gejagt

Januar 4, 2020

Tele 5, 20.15

Ein Mann wird gejagt (The Chase, USA 1965)

Regie: Arthur Penn

Drehbuch: Lillian Hellman, Michael Wilson (ungenannt), Horton Foote (ungenannt), Ivan Moffat (ungenannt)

LV: Horton Foote: The Chase (Bühnenstück 1952, später zu einem Roman verarbeitet)

In einer texanischen Kleinstadt jagt ein rachsüchtiger Mob einen entflohenen Häftling. Der Sheriff versucht die Katastrophe zu verhindern.

Hellman jammerte später, die ungenannten Drehbuchautoren hätten ihr Buch verhunzt, Penn autorisierte den Film nicht und dem Studio gefielen die Einnahmen nicht. Kurz: ein ziemliches Desaster, das auch im Rückblick, trotz gelungener Momente, nicht viel besser wird.

„Ein Mann wird gejagt“ ist ein Film, „der über weite Strecken hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Seine Bildsymbolik…ist allzu dick aufgetragen, die Topographie der Ortschaft sowie die Hierarchie ihrer Bewohner sind dagegen nicht sorgfältig genug ausgearbeitet, das grandiose Darstellerensemble bleibt sträflich unterfordert.“ (Michael Omasta in Lars-Olav Beier/Robert Müller: Arthur Penn)

Im Anschluss, um 23.00 Uhr, zeigt Tele 5 den Klassiker „Die Faust im Nacken“ (USA 1954). Ebenfalls mit Marlon Brando.

Mit Marlon Brando, Robert Redford, Jane Fonda, Angie Dickinson, E. G. Marshall, Robert Duvall

Wiederholung: Dienstag, 7. Januar, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein Mann wird gejagt“

Wikipedia über „Ein Mann wird gejagt“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Arthur Penn

Arthur Penn in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Renée Zellweger ist „Judy“ Garland

Januar 4, 2020

Judy“ ist der neueste Film in einer Reihe von Biopics, in denen Stars am Ende ihrer Karriere, meistens kurz vor ihrem Tod, gezeigt werden. Sie zehren noch von vergangenem Ruhm, treten in kleineren Hallen auf und manchmal entwickelt sich daraus auch ein Comeback. So gesehen in „Stan & Ollie“ (Großbritannien/Kanada/USA 2018) über Stan Laurel und Oliver Hardy und ihrer Tour durch England 1953. Manchmal gibt es auch kein Comeback, sondern nur ein ‚weiter so‘. So gesehen in „Nico, 1988“ (Italien/Belgien 2017) über die Sängerin Nico.

Für die immer etwas älteren Schauspieler, die die Stars spielen, kann das eine willkommene Änderung ihres Images und damit ihrer Karriere bedeuten. Darauf scheint Renée Zellweger in „Judy“ zu spekulieren. Sie ist immer noch vor allem Bridget Jones. In den letzten zehn Jahren pausierte sie mehrere Jahre und spielte noch einmal Bridget Jones. Die wenigen anderen Filme, in denen sie mitspielte, wurden kaum beachtet. Jetzt spielt sie Judy Garland und alle sind begeistert. Im Moment sammelt Zellweger Nominierungen für ihr eindrucksvolles Porträt einer Frau am Tiefpunkt und kurz vor dem Ende ihres Lebens.

Judy Garland starb am 22. Juni 1969 an einer Überdosis Schlafmittel. Sie wurde 47 Jahre alt.

Regisseur Rupert Goold konzentriert sich auf den Winter 1968. Damals gab die Schauspielerin und Sängerin Judy Garland ein fünfwöchiges Gastspiel in London im West-End-Theater „The Talk of the Town“. Der frühere Kinderstar („Der Zauberer von Oz“) ist inzwischen ein mittelloses, mehrfach geschiedenes Drogenwrack mit drei Kindern und ohne Wohnung. Auftritte hat sie kaum. Zu unberechenbar ist ihr Verhalten auf und hinter der Bühne. Ihre letzte Filmrolle war 1963. Aber eigentlich endete ihre Filmkarriere bereits 1950.

Privat streitet sie mit ihrem Ex-Mann Sidney Luft um das Sorgerecht für ihre beiden jüngsten, von ihr über alles geliebten Kinder.

Die einzige Möglichkeit, weiter das Sorgerecht für sie zu behalten, sei, so ihr Anwalt, eine Bezahlung ihrer sich auf erkleckliche vier Millionen Dollar belaufenden Steuerschulden.

Da kommt das Angebot des „The Talk of the Town“-Clubbetreibers Bernard Delfont für ein längeres Gastspiel gerade zur richtigen Zeit. Auch wenn sie dafür ihre Kinder und die USA verlassen muss.

Goold konzentriert sich in seinem Film „Judy“ auf dieses Gastspiel. Er porträtiert Judy Garland, die damals zwischen überzeugenden und desaströsen Auftritten changierte und sich immer noch wie eine Diva verhielt. Es gibt auch einige Rückblenden in ihre Zeit als Kinderstar und wie sie damals von Louis B. Mayer und seinem Filmstudios MGM als Eigentum behandelt wurde, bis sie zu alt und, wegen ihrer Drogenabhängigkeit, zu unzuverlässig wurde.

Getragen wird „Judy“ von Renée Zellweger. Es ist ihr Film und, nach der schon erwähnten Filmpause, ihre Rückkehr auf die große Leinwand. Sie zeigt Garland als komplexe Person und sie singt auch einige von Garlands bekanntesten Liedern live auf der Bühne.

Judy (Judy, USA/Großbritannien 2019)

Regie: Rupert Goold

Drehbuch: Tom Edge (basierend auf dem Theaterstück „End of the Rainbow“ von Peter Quilter)

mit Renée Zellweger, Jessie Buckley, Finn Wittrock, Rufus Sewell, Michael Gambon, Richard Cordery, Royce Pierreson, Darci Shaw

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Judy“

Metacritic über „Judy“

Rotten Tomatoes über „Judy“

Wikipedia über „Judy“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood fragt, wie viel Wahrheit „Judy“ verträgt

Meine Besprechung von Rupert Goolds „True Story – Spiel um Macht“ (True Story, USA 2015)


TV-Tipp für den 4. Januar: Der Plan

Januar 3, 2020

ZDF neo, 20.15

Der Plan (The Adjustment Bureau, USA 2011)

Regie: George Nolfi

Drehbuch: George Nolfi

LV: Philip K. Dick: Adjustment Team, 1954 (Kurzgeschichte)

Politiker David Norris verliebt sich in die Tänzerin Elise. Da tauchen einige seltsame Männer bei ihm auf, die behaupten, von einem Planungsbüro zu kommen und Norris’ Leben nachzujustieren. Denn nach dem Plan gibt es zwischen David und Elise keine Liebesgeschichte.

Bei Kritik und Publikum ziemlich gut angekommenes Spielfilmdebüt von George Nolfi, dem Drehbuchautor von „Das Bourne Ultimatum“, „The Sentinel – Wem kannst du trauen?“ und „Ocean’s Twelve“, über die Frage, ob wir unser Schicksal selbst in der Hand haben.

„Der Plan“ reiht sich mit seiner guten Story, den guten Schauspielern, der gelungenen Inszenierung und den gelungenen Tricks (es gibt wenige Tricks und die fügen sich organisch in die Geschichte ein) in die Reihe der gelungenen Philip-K.-Dick-Verfilmungen ein.

mit Matt Damon, Emily Blunt, Anthony Mackie, John Slattery, Michael Kelly, Terence Stamp

Hinweise

Metacritic über „Der Plan“

Rotten Tomatoes über „Der Plan“

Wikipedia über „Der Plan“ (deutsch, englisch)

Homepage von Philip K. Dick

Meine Besprechung von Len Wisemans Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“ (Total Recall, USA 2012)

Mein Hinweis auf die Neuauflage der Philip-K.-Dick-Romane „Marsianischer Zeitsturz“, „Ubik“ und „Der dunkle Schirm“

Philip K. Dick in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Die „3 Engel für Charlie“ versuchen es wieder. Mit neuen Gesichtern

Januar 3, 2020

Beginnen wir mit dem größten Unterschied des neuesten „3 Engel für Charlie“-Films zu den vorherigen Versionen, die aus einer legendären TV-Serie, einer kurzlebigen TV-Serie und zwei Spielfilmen bestehen. Denn er erschließt sich nur bei einem Blick auf die Credits: dieses Mal ist alles in weiblicher Hand. Neben den natürlich weiblichen Engeln vor der Kamera, führte dieses Mal erstmals eine Frau Regie. Das Drehbuch wurde von der Regisseurin geschrieben und unter den Producer sind zahlreiche Frauennamen. Ein feministischer Film ist trotzdem nicht entstanden. Denn die Macher*innen wollten das Ausgangsmaterial nicht radikal neu interpretieren.

Dieses ist von 1976. Damals startete die von Aaron Spelling für ABC produzierte TV-Serie „3 Engel für Charlie“ (Charlie’s Angels), über drei Absolventinnen der Polizeiakademie, die in Los Angeles als Privatdetektivinnen für die Charles Townsend Agency und ihren nur telefonisch erreichbaren Chef arbeiten. Die fünf Jahre laufende Serie war ein weltweiter Hit. Die Ur-Engel Farrah Fawcett-Majors, Kate Jackson und Jaclyn Smith waren danach Stars – und Sexsymbole. Und so bahnbrechend damals aus einer Gender-Perspektive eine Serie mit schlagkräftigen und intelligenten Frauen im US-Serien-TV war, so konventionell waren dann die Fälle und die Inszenierung, die der züchtige Ersatz für eine „Playboy“-Bildstrecke war. Das sprach natürlich junge Männer an, die die Zeit bis zum nächsten „James Bond“-Film überbrücken mussten und den „Playboy“ noch nicht kaufen durften. Bei älteren Männern war es ähnlich.

Seitdem veränderte sich auch im notorisch prüden US-Fernsehen einiges. Gerade testet Cobie Smulders als Dex Parios beim US-TV-Sender ABC in der witzigen Hardboiled-Privatdetektiv-Serie „Stumptown“ die Grenzen der Toleranz aus. Ihre Fälle sind konventionell, aber sie darf in der Serie als Frau all das machen, was man aus Privatdetektiv-Serien sonst nur von Männern kennt, und noch etwas mehr. So trinkt sie nicht nur beachtliche Mengen Alkohol (normalerweise Bier), verjubelt Geld beim Glücksspiel und kloppt sich mit den Bösewichtern, sondern sie hat auch Sex mit wechselnden Partnern. Weil Dex bisexuell ist, küsst und schläft sie mit Männern und Frauen.

Dagegen konserviert Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Elizabeth Banks („Pitch Perfect“-Filme) in ihrem „3 Engel für Charlie“-Film die TV-Serie mit gut aufgelegten Stars, zahlreichen Schauplatzwechseln, Action und einer ebenso hirnrissigen, wie vergessenswerten Geschichte.

Inzwischen ist die Charles Townsend Agency eine weltweit agierende Sicherheitsfirma. Es gibt mehr, immer noch „Playboy“-taugliche Engel und mehr Bosleys. Das ist der austauschbare Name des Leiters der verschiedenen Agentur-Niederlassungen und, immer noch, die Verbindung zwischen den Engeln und dem geheimnisumwitterten Charlie, der immer noch nur als Stimme aus dem Telefon existiert.

Dieses Mal müssen die Engel Sabina Wilson (Kristen Stewart) und Jane Kano (Ella Balinska) die brillante Wissenschaftlerin Elena Houghlin (Naomi Scott) beschützen. Sie hat die ökologische Energiequelle Calisto erfunden. Falsch angewendet kann Calisto allerdings zu einer tödlichen Waffe werden und genau das will ihr Chef, zusammen mit einigen Bösewichtern, tun.

Nachdem der erste Einsatz der Engel aus dem Ruder läuft, ist globetrottende Schadensbegrenzung angesagt und, weil ihre Aktionen alle schief gehen, vermuten Sabina und Jane einen Verräter in den eigenen Reihen.

Der chaotische Film tut so, als ob bei der Fortführung einer über vierzig Jahre alten TV-Serie nichts geändert werden müsse. Aber das, was damals als neu und revolutionär verkauft werden konnte, ist es heute nicht mehr. Entsprechend anachronistisch wirkt das Frauenbild, in dem junge, gut aussehende und sehr fröhliche Frauen wie ein Haufen kichernder Küken Charlie am Telefon grüßen und sie willig die Dominanz von Männern als Vorgesetzte akzeptieren. Denn bis auf einen von Elizabeth Banks gespielten Bosley und der wenig überraschenden Enthüllung, dass sich inzwischen hinter Charlies sehr männlicher Stimme eine Frau verbirgt, ist hier alles noch wie in den Siebzigern.

Dagegen wurde, um eine andere langlebige Figur zu nennen, bei James Bond seit seinem ersten Auftreten in Buch und Film vieles geändert. Schon 1995 in „Goldeneye“ wurde sein Chef M eine Frau. Inzwischen wird darüber diskutiert, ob Bond, der Inbegriff von Männlichkeit, von einer Frau gespielt werden könnte. Auch sonst passten die James-Bond-Filme sich immer an den Zeitgeist an und entwickelten so die Figur und seine Welt weiter.

Bei „3 Engel für Charlie“ (2019) ist davon nichts zu spüren. Der neue Film ist ein bunter, in jeder Beziehung aus der Zeit gefallener, bestenfalls mittelprächtiger Actionfilm aus einer Fantasiewelt, die sich nie darum bemüht glaubhaft zu sein. Die kaum vorhandene wirre Geschichte bildet dabei nur den Rahmen für eine Reihe Actionszenen, in denen die Engel fröhlich vor sich hin improvisierend dilettieren, und Szenen, die witzig gemeint sind. Diese Engel sind ein nervender Anachronismus.

3 Engel für Charlie (Charlie’s Angels, USA 2019)

Regie: Elizabeth Banks

Drehbuch: Elizabeth Banks (nach einer Geschichte von Evan Spiliotopoulos und David Auburn)

mit Kristen Stewart, Naomi Scott, Ella Balinska, Elizabeth Banks, Patrick Stewart, Djimon Hounsou, Sam Claflin, Jonathan Tucker, Nat Faxon, Marie-Lou Sellem, Dennenesch Zoudé, Jaclyn Smith, Hailee Steinfeld (teils nur Cameos)

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „3 Engel für Charlie“

Metacritic über „3 Engel für Charlie“

Rotten Tomatoes über „3 Engel für Charlie“

Wikipedia über „3 Engel für Charlie“

Meine Besprechung von Elizabeth Banks‘ „Movie 43“ (Movie 43, USA 2013) (sie inszenierte nur eine Episode und niemand will mehr etwas mit dem Ding zu tun haben)


TV-Tipp für den 3. Januar: Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

Januar 3, 2020

Arte, 20.15

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm (Deutschland 2018)

Regie: Joachim A. Lang

Drehbuch: Joachim A. Lang

Die Dreigroschenoper“ ist 1928 in Berlin ein Theaterhit, der auch verfilmt werden soll. Bertolt Brecht schreibt ein nie verfilmtes Exposé für eine Verfilmung.

Joachim A. Lang, ein ausgewiesener Brecht-Kenner, verfilmte jetzt Brechts Vision und er erzählt auch die Geschichte des Bühnenstücks und seiner Verfilmung. Insofern ist „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ das sehr unterhaltsame und informative Making-of zu einem nicht existierendem Film, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Britta Hammelstein, Robert Stadlober, Peri Baumeister, Christian Redl, Meike Droste, Godehard Giese, Max Raabe

Wiederholung: Montag, 6. Januar, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

Moviepilot über „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

Wikipedia über „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

Meine Besprechung von Joachim A. Langs „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ (Deutschland 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Knives out – Mord ist Familiensache“, die Aufklärung weniger

Januar 2, 2020

Über viele Jahre, eigentlich schon Jahrzehnte, gab es traditionelle Rätselkrimis nur noch in Büchern und im Fernsehen. Erst mit der Kenneth Branaghs starbesetzter Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ kehrte das locked-room-mystery wieder ins Kino zurück. Der Krimi war ein Kassenhit. Inzwischen dreht er, wieder mit vielen Stars, seine nächste Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“.

Dazwischen hat jetzt Rian Johnson sein locked-room-mystery geschmuggelt. Ohne eine literarische Vorlage, nach seinem Drehbuch, mit vielen Verweisen auf die literarischen und filmischen Vorbilder und mit vielen bekannten Schauspielern. Daniel Craig spielt den brillanten Privatermittler Benoit Blanc. Die Verdächtigen werden von Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Chris Evans, Toni Collette, Michael Shannon und Ana de Armas gespielt. Und das Opfer von Christopher Plummer. Er spielt den renommierten Krimiautor Harlan Thrombey, der gerade, pünktlich zu seinem 85. Geburtstag, sein Testament geändert hat. Seine Familie, die aus unterschiedlichen Gründen auf das Geld spekulierte, ist entsetzt. Schließlich hat er sie mit seinem Vermögen schon seit Jahren durchgefüttert und sie haben das Erbe bereits fest für ihren Lebensstil eingeplant.

In der Nacht stirbt Harlan Thrombey in seinem Zimmer. Die Spuren, vor allem die Blutspuren, die Schnittwunde an seinem Hals und die in seiner Hand liegende Tatwaffe sprechen für einen Suizid. Auch wenn vollkommen rätselhaft ist, warum der durchaus rüstige Krimiautor sich umgebracht haben könnte.

Bevor die Polizei den Fall abschließen kann, mischt sich Benoit Blanc ein. Der Privatermittler hat einen Brief erhalten. In dem Brief steht, Harlan Thrombey wurde ermordet.

Blanc überprüft, nachdem die Polizei das schon getan hat, noch einmal die Alibis und Motive der Familienmitglieder und des Personals, wozu vor allem Harlan Thrombeys hispanische Pflegerin Marta (Ana de Armas) gehört. Sie ist die letzte Person, die den Ermordeten lebend sah. Für ihre Unschuld spricht, neben ihrem guten Wesen (für gestandene Rätselkrimifans kein stichhaltiger Grund), dass sie, immer wenn sie lügt, sich übergeben muss. Das passiert ihr, bis der Mörder überführt ist, öfter.

Schnell findet Blanc in den Aussagen der Menschen, die in der Tatnacht im Haus waren, Widersprüche und Merkwürdigkeiten. Das stiftet ihn zu weiteren Fragen und Ermittlungen bei den gar nicht ehrbaren Mitgliedern der Thrombey-Sippe an.

Knives out – Mord ist Familiensache“ setzt sich als liebevoll-ironische Auseinandersetzung mit dem traditionellem Rätselkrimi etwas unglücklich zwischen die Stühle. Für eine Komödie ist der Film zu ernst. Für einen ernsten Krimi ist er dann wieder zu unernst. Und das Rätsel ist, was vielleicht auch daran liegt, dass ich den Täter schon vor dem Filmstart erriet, zu leicht zu durchschauen.

Dafür sind die Schauspieler gut aufgelegt. Sie dürfen einen typisch britischen Clan von Neureichen, Aasgeiern und Erbschleichern verkörpern, die alle von dem Geld des Familienpatriarchen profitieren. Auch Thrombeys Anwesen erinnert an die altehrwürdigen britischen Landhäuser, in denen schon Hercule Poirot Mörder suchte. Weil die Geschichte in den USA in der Gegenwart spielt, gibt es dann einige Anspielungen auf die dortigen Lebensverhältnisse und auch einige moderne, für die Handlung letztendlich unerhebliche Gegenstände und Fahrzeuge.

So ist „Knives out“ ein vergnüglicher und stilbewusster Rätselkrimi, der allerdings lange nicht so gut ist, wie die euphorischen angloamerikanischen Kritiken vermuten lassen.

Knives out – Mord ist Familiensache (Knives out, USA 2019)

Regie: Rian Johnson

Drehbuch: Rian Johnson

mit Daniel Craig, Chris Evans, Jamie Lee Curtis, Toni Collette, Don Johnson, Michael Shannon, Ana de Armas, Katherine Langford, LaKeith Stanfield, Jaeden Martell, Christopher Plummer, Riki Lindhome, Edi Patterson, Frank Oz, K Callan, Noah Segan, M. Emmet Walsh

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Knives out“

Metacritic über „Knives out“

Rotten Tomatoes über „Knives out“

Wikipedia über „Knives out“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Looper“ (Looper, USA 2012 – mit weiteren Bildern, Links und einem 35-minütigem Interview mit Rian Johnson und Joseph Gordon-Levitt) und der DVD

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Star Wars: Die letzten Jedi“ (Star Wars: The last Jedi, USA 2017) und des Filmromans


Neu im Kino/Filmkritik: Über das Musikerbiopic „Miles Davis – Birth of the Cool“

Januar 2, 2020

Weil ich keine Lust habe, einmal im Sauseschritt durch das Leben von Miles Davis zu hetzen, wird diese Kritik eher kurz.

Denn Stanley Nelson gelingt es in seinem Dokumentarfilm „Miles Davis – Birth of the Cool“ sehr gut, das Leben des Jazztrompeters Miles Davis und seine unzähligen musikalischen Häutungen zu erzählen, ohne wichtige Aspekte zu vernachlässigen und, was noch wichtiger und, angesichts des Lebens und Werks von Miles Davis noch imponierender ist, ohne falsche Schwerpunkte zu setzen. In knapp zwei Stunden erzählt Nelson, mit viel Musik, vielen gut gewählten Interviewpartnern, ebenso gut gewähltem Archivmaterial und Zitaten von Miles Davis (im Original von Carl Lumbly nah am Original heißer geflüstert), das Leben von Miles Davis von seiner Geburt am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois, bis zu seinem frühen Tod am 28. September 1991 in Santa Monica, Kalifornien. Er wurde nur 65 Jahre alt.

Nelson erzählt das Leben des Jazztrompeters als konventionelle Mischung zwischen kurzen, eher illustrierenden Musikclips, Dokumentaraufnahmen, mal Fotos, mal Film, und sprechenden Köpfen. Wirklich beeindruckend ist, wie gut es Nelson gelingt, jede Schaffensphase von Miles Davis zu seinem Recht kommen zu lassen. Denn die Fans von „Birth of the Cool“ und seinen Bop-Aufnahmen sind nicht unbedingt die Fans von „Kind of Blue“ (seine bekannteste Platte, die auch Jazzhasser lieben) oder „Sketches of Spain“ (um nur eine Orchester-Zusammenarbeit mit Gil Evans zu erwähnen) oder von „Bitches Brew“ (und seinen darauf folgenden immer freier werdenden Fusion-Aufnahmen) oder von „You’re under Arrest“ (mit dem Cyndi-Lauper-Cover „Time after Time“ und seinen sehr poppigen Aufnahmen aus den Achtzigern) oder von seiner letzten, wenige Monate nach seinem Tod erschienen LP „Doo-Bop“, in der er Jazz mit Hip-Hop fusionierte. Diese stilistischen Wechsel dokumentieren eine immer währende musikalische Neugier, die wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Fans nimmt, die vor allem immer wieder das gleiche hören wollen.

In der zweistündigen Doku gibt es keine groben Auslassungen oder grob falsche Gewichtungen. Auch wenn der Davis-Fan selbstverständlich hier und da, ja nach persönlicher Davis-Lieblingsschaffensphase, gerne mehr oder weniger in die Tiefe gegangen wäre. Neben dem Werk geht Nelson auch auf Davis‘ Leben, seine durchaus problematische Persönlichkeit und seine kulturelle und auch popkulturelle Bedeutung ein.

Somit ist „Miles Davis – Birth of the Cool“ für den Davis-Fan eine Auffrischung bekannter Informationen und eine Einladung, mal wieder eine Platte von ihm aufzulegen (wobei wahrscheinlich eine CD einschieben oder eine Playlist anklicken näher an der Wirklichkeit ist). Für den Novizen ist die Doku ein glänzender und rundum gelungener Überblick über das Leben und Werk eines der wichtigsten Jazzmusiker.

Miles Davis – Birth of the Cool (Miles Davis: Birth of the Cool, USA 2019)

Regie: Stanley Nelson

Drehbuch: Stanley Nelson

mit (ohne zwischen aktuellen Interviews und Archivmaterial, ohne zwischen kurzen und langen Statements und ohne zwischen allgemein bekannten und unbekannteren Gesprächspartnern zu unterscheiden) Miles Davis, Carl Lumbly (im Original: Stimme von Miles Davis), Reginald Petty, Quincy Troupe, Farah Griffin, Lee Annie Bonner, Ashley Kahn, Benjamin Cawthra, Billy Eckstine, Walter Cronkite, Jimmy Heath, Jimmy Cobb, Dan Morgenstern, Charlie Parker, Greg Tate, Gerald Early, Quincy Jones, Wayne Shorter, Tammy L. Kernodle, Juliette Gréco, Vincent Bessières, George Wein, Eugene Redmond, Thelonious Monk, Carlos Santana, Herbie Hancock, Marcus Miller, Cortez McCoy, Sandra McCoy, Jack Chambers, Frances Taylor, Johnny Mathis, René Urtreger, Joshua Redman, John Coltrane, James Mtume, Lenny White, Vincent Wilburn Jr., Archie Shepp, Stanley Crouch, Gil Evans, Cheryl Davis, Ron Carter, Sly and the Family Stone, Clive Davis, Betty Davis, Marguerite Cantú, Mark Rothbaum, Erin Davis, Mike Stern, Mikel Elam, Jo Gelbard, Prince, Wallace Roney

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Metacritic über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Rotten Tomatoes über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Wikipedia über Miles Davis (deutsch, englisch)

Homepage von Miles Davis

AllMusic über Miles Davis


TV-Tipp für den 2. Januar: Der Zirkus

Januar 2, 2020

Arte, 20.15

Der Zirkus (The Circus, USA 1928)

Regie: Charlie Chaplin

Drehbuch: Charlie Chaplin

Tramp Charlie flüchtet vor der Polizei in einen Zirkus. Dort wird er zum Star, verliebt sich in die Tochter des Direktors und begibt sich auf das Seil.

Selten gezeigter Klassiker.

Gelungener Start eines Charlie-Chaplin-Abends. Danach kommt um 21.25 Uhr „Lichter der Großstadt“ (City Lights, USA 1931) und um 22.50 Uhr die einstündige Doku „Charlie Chaplin – Der Komponist“ (Deutschland 2017)

mit Charlie Chaplin, Merna Kennedy, Allan Garcia, Henry Bergman, Harry Crocker, Stanley Sandford

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Zirkus“

Wikipedia über „Der Zirkus“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 1. Januar: Der große Gatsby

Januar 1, 2020

Arte, 20.15

Der große Gatsby (The great Gatsby, USA 1974)

Regie: Jack Clayton

Drehbuch: Francis Ford Coppola

LV: F. Scott Fitzgerald: The great Gatsby, 1925 (Der große Gatsby)

Auf Long Island veranstaltet der geheimnisumwitterte Jay Gatsby in den zwanziger Jahren glamouröse Partys. Da trifft er wieder seine große, inzwischen verheiratete Liebe Daisy.

Was für ein dröger Fehlschlag: „Der Pate“ Francis Ford Coppola übertrug die Worte von F. Scott Fitzgerald fein säuberlich in sein Drehbuch. Aber irgendwo zwischen Drehbeginn und Filmpremiere verflüchtigte sich Fitzgeralds Geist.

Während des Sehens erfreut man sich an der prächtigen Ausstattung (wozu in diesem Fall auch der A-Cast gehört), staunt über etliche erstaunlich gelungene Bildkompositionen (dafür dürfte Kameramann Douglas Slocombe verantwortlich sein) und sinniert über die vielen vertanenen Möglichkeiten, den Stoff für das damalige (und ein heutiges) Publikum relevant zu gestalten. Jack Clayton interessierte das alles nicht. Er liefert, ohne erkennbare Ambitionen, nur langweiliges Ausstattungskino.

Immerhin lädt Claytons Film dazu ein, F. Scott Fitzgeralds sehr kurzen Roman, einen Klassiker der US-Literatur, zu lesen.

Die anderen Verfilmungen scheinen ähnlich misslungen zu sein.

mit Robert Redford, Mia Farrow, Bruce Dern, Karen Black, Scott Wilson, Sam Waterston, Louis Chiles, Howard DaSilva, Robert Blossom, Patsy Kensit

Wiederholungen

Donnerstag, 2. Januar, 23.45 Uhr

Sonntag, 5. Januar, 14.30 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der große Gatsby“

Wikipedia über „Der große Gatsby“ (deutsch, englisch)


Texte, die ich 2019 mal wieder nicht schrieb

Dezember 31, 2019

Um die Weihnachtstage plante ich einen Text zur alljährlichen Straßenschlacht in der Silvesternacht. Ich war noch nie ein Freund des verordneten Silvesterfrohsinns (Hey, ich brauche keinen Anlass, um mich zu betrinken und ich brauche dazu nicht die Gesellschaft ganzer Kompanien Besoffener, die ich niemals kennen lernen möchte. Außerdem kann ich mir die normale Silvestermusik auch mit multiplen parallelen Alkoholvergiftungen nicht hörbar trinken.), aber viele Jahre meines Lebens ging ich nach der Methode „Leben und knallen lassen“ vor. Erst in Berlin änderte sich das. Zu viele besoffene Idioten auf einer zu kleinen Fläche und die Böller erzeugen zwischen den Häusergassen einen infernalischen Lärm.

Aber inzwischen gibt es so viele Artikel darüber und in Umfragen sind große Mehrheiten dafür, die sich auf wenige Stunden beschränkende Erlaubnis für Kreti und Pleti mit Feuerwerk zu hantieren, zu beschränken. Denn es geht nicht um ein „Verbot der Silvesterböllerei“, sondern darum, eine Ausnahme, eine Erlaubnis, nicht weiter zu gewähren.

Beim Lesen all der Artikel dazu fragte ich mich: Warum soll ich dieses Jahr etwas dazu schreiben?

Daneben schrieb ich keine Texte zu den Aufregerthemen

Allgemeine Tempobeschränkung auf Autobahnen; – aber, hey!, wenn mir jemand erklären kann, warum es ein Recht auf Rasen geben soll, würde ich mir das gerne durchlesen. Ich meine damit keinen Text, in dem erklärt wird, warum Tempo-130 nichts bringt, sondern ein Text, in dem erklärt wird, warum es richtig und vernünftig ist, so schnell zu fahren, wie man möchte.

Sommer- und Winterzeit: bei jeder inzwischen von der EU verordneten Uhrumstellung ist das für einige Menschen der Weltuntergang, während sie keine Probleme mit Fernreisen und Schichtdienst haben.

Außerdem ist es anscheinend unmöglich, die Schule ein, zwei Stunden später beginnen zu lassen. Ich empfand den Schulbeginn für mein persönliches Wohlbefinden schon immer als „zu früh“. Meine erste Tat im Studium war daher der weitgehend erfolgreiche Versuch, alle Kurse, die vor zwölf Uhr mittags anfingen, zu ignorieren.

Weihnachten: da erscheinen jedes Jahr längliche Texte darüber, dass es schlimm ist, Weihnachten allein zu verbringen und dass es schlimm ist, Weihnachten bei der Familie zu verbringen. Für beide Situationen gibt es dann ernstgemeinte „Was ist zu tun“-Anweisungen, als gäbe es nicht auch andere periodische Familienzusammenkünfte, wie die dritte Scheidung der Eltern, die fünfte Hochzeit der Schwester und Geburtstage.

Aber was ist so schlimm daran, einige ruhige, von mir aus auch besinnliche Tage ohne lästige Termine, Telefongeklingel und E-Mail-Kaskaden allein zu verbringen? Endlich hat man die Zeit, einige dieser dicken Bücher oder epischen TV-Serien ohne Unterbrechungen zu genießen. Einige Monate später tut man das doch auch, ohne in eine Depression abzurutschen, im Urlaub auf der einsamen Hütte oder im Kloster mit dem Schweigegelübde.

Das geschrieben wünsche ich allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Und wenn ich mich beeile, komme ich noch auf die böllerfreie Festmeile vor dem Brandenburger Tor, werde von unbekannten Bierbäuchen gequetscht, höre schlechte Musik, trinke überteuerten Sekt und friere viele Stunden bis zum Silvesterfeuerwerk.


Cover der Woche

Dezember 31, 2019


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the Clock

Dezember 30, 2019

3sat, 05.00

Pop around the Clock

Um 5.00 Uhr geht es los mit einer bunten Mischung aus aktuellen und etwas älteren Konzerten von bekannten und sehr bekannten Musikern und Bands. Deshalb sind die „Rolling Stones“ wie jedes (?) Jahr dabei. Dieses Mal, um 15.45 Uhr, mit dem „Bridges to Bremen“-Konzert von 1998.

Außerdem gibt es Konzerte von John Fogerty (um 06.45 Uhr), The Who (um 08.30 Uhr), Beth Hart (um 09.30 Uhr), Metallica (dieses Mal S & M von 1999, um 12.30 Uhr), Paul Simon (1991 ohne Art im Central Park, um 14.30 Uhr), Elvis Presley (der ist eher selten dabei; dieses Mal mit Aloha from Hawaii, aufgenommen 1973, um 18.00 Uhr), direkt danach ein brandneues Elvis-All-Star-Tribute (um 19.00 Uhr), Sting (um 20.15 Uhr), Coldplay (um 22.15), U2 (eXPERIENCE Live – Berlin [!] 2018, um 00.20) und Little Steven and the Disciples of Soul (um 04.15 Uhr).

Das vollständige Programm gibt es hier.


Literaturklassiker im neuen Gewand: Georg Büchners „Woyzeck“ und „Bram Stoker’s Dracula“

Dezember 30, 2019

Bereits Werner Herzog und Klaus Kinski setzten sich mit diesen Geschichten auseinander. Aber ihre sehenswerte Interpretation von „Woyzeck“ und „Dracula“, der bei ihnen aus stummfilmhistorischen Gründen Nosferatu heißt, hatten keinen Einfluss auf diese Comic-Interpretationen.

Bei Roy Thomas‘ und Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ basiert auf Francis Ford Coppolas Film. Der ist inzwischen auch schon gut dreißig Jahre alt und er ist die letzte nennenswerte Spielfilm-Interpretation von Bram Stokers Romanklassiker.

Parallel zum Film erschien damals dieser Comic als limitierte vierteilige Mini-Serie. Lange Jahre war er nicht mehr erhältlich, während im Second-Hand-Buchmarkt die Preise stiegen. 2018 veröffentlichte IDW in den USA eine nicht-kolorierte Neuauflage, die auch der Anlass für die deutsche Neuausgabe war. Die ist, zum Glück!, koloriert.

Anstatt weißer Flächen knallem einem satte Farben entgegen, die die Geschichte und den psychedelisch-albtraumhaften Effekt der Panels verstärken. Nach der Lektüre der kolorierten Fassung von „Bram Stoker’s Dracula“ kann man sich keine andere Fassung mehr vorstellen.

Danach wurde Mike Mignola mit der von ihm erfundenen Figur „Hellboy“ weltweit bekannt.

Bram Stokers Vampirgeschichte dürfte ja bekannt sein. Trotzdem für die vergesslichen Geister: 1897 reist der Makler Jonathan Harker in die Karpaten. Dort vermittelt er Graf Dracula ein Anwesen in London und wird, auf Draculas Geheiß, von drei weiblichen Vampiren angegriffen. Währenddessen nähert Dracula sich in London Harkers Verlobter Mina. Weil seine blutsaugenden Taten nicht unbemerkt bleiben, wird Dr. Van Helsing um Hilfe gerufen. Er weiß, wie man einen Vampir besiegen kann.

Die Geschichte von „Woyzeck“ dürfte auch bekannt sein. Immerhin ist Georg Büchners Stück ein auf deutschen Bühnen immer noch gespielter und immer wieder neu interpretierter Klassiker.

Woyzeck ist ein einfacher Soldat, der von seinem Vorgesetzten unterdrückt und von seiner Frau, mit der er ein uneheliches Kind hat, betrogen wird. Als er sie mit seinem Nebenbuhler sieht, glaubt er, eine Stimme zu hören, die ihm befiehlt, sie zu töten.

Andreas Eikenroth verlegt die Geschichte vom frühen 19. Jahrhundert in eine diffuse Weimarer Republik. Er verschiebt auch einige Szenen des Bühnenstücks, das nur als Fragment erhalten ist, zu einem ihm schlüssiger erscheinendem Handlungsablauf.

Das Besondere an Eikenroths Interpretation ist allerdings die Art, wie er die Geschichte als Comic erzählt. Bei ihm besteht jede Seite aus einem Bild, das quasi mehrere Panels zu einem Bild zusammenfügt. Seine Zeichnungen sind dabei, wie er selbst sagt, von damaligen Künstlern, wie George Grosz, Karl Arnold, Egon Schiele, Max Liebermann, Jeanne Mammen und Heinrich Zille, beeinflusst.

Zu Eikenroths früheren Werken gehören „Die Schönheit des Scheiterns“ und „Hummel mit Wodka“.

Die Comics „Bram Stoker’s Dracula“ und „Woyzeck“ sind zwei überzeugende Interpretationen klassischer Geschichten.

Roy Thomas/Mike Mignola: Bram Stoker’s Dracula

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2019

140 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

Bram Stoker’s Dracula 1-4

Topp Comics, 1993

Neuauflage 2018 bei IDW

Andreas Eikenroth: Woyzeck

Edition 52, 2019

64 Euro

15 Euro

Hinweise

Wikipedia über Bram Stokers „Dracula“ (deutsch, englisch) und „Bram Stoker’s Dracula“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mike Mignola

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Tödliches Terrain (Band 7)“ (BPRD: Killing Ground, 2008)

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Die Warnung (Band 8)“ (BPRD: The Warning, 2009/2010)

Meine Besprechung von Neil Marschalls Mike-Mignola-Verfilmung „Hellboy – Call of Darkness“ (Hellboy, USA 2019)

Homepage von Andreas Eikenroth

Wikipedia über Georg Büchners „Woyzeck“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. Dezember: Wind River – Tod im Schnee

Dezember 29, 2019

ZDF, 22,15

Wind River (Wind River, USA 2017)

Regie: Taylor Sheridan

Drehbuch: Taylor Sheridan

Im Indianerreservat Wind River im US-Bundesstaat Wyoming wird die Leiche einer jungen Indianerin gefunden. Die unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) und der erfahrene Fährtenleser Cory Lambert (Jeremy Renner) suchen den Täter.

Grandioser Schnee-Western von Taylor Sheridan. Er schrieb die Bücher für „Sicario“ und „Hell or High Water“.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Sheridans nächster Spielfilm ist die Michael-Koryta-Verfilmung „Those who wish me dead“.  In den USA soll der Thriller im Oktober 2020 starten. Also noch genug Zeit, die deutsche Ausgabe von Korytas „Die mir den Tod wünschen“ (Heyne 2016) zu lesen.

mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Graham Greene, Gil Birmingham, Julia Jones, Teo Briones, Martin Sensmeier, Hugh Dillon, James Jordan

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wind River“

Metacritic über „Wind River“

Rotten Tomatoes über „Wind River“

Wikipedia über „Wind River“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von David Mackenzies „Hell or High Water“ (Hell or High Water, USA 2016) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan)

Meine Besprechung von Taylor Sheridans „Wind River (Wind River, USA 2017)

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Sicario 2“ (Sicario: Day of the Soldado, USA/Italien 2018) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan)

 


TV-Tipp für den 29. Dezember: Winchester ’73

Dezember 28, 2019

Westerntag bei 3sat mit einer ansehnlichen Auswahl bekannter und guter klassischer Hollywood-Western. Gezeigt werden u. a.  „Trommeln am Mohawk“ (um 12.25 Uhr), „Der Mann aus Alamo“ (um 14.05 Uhr), „Faustrecht der Prärie“ (um 15.20 Uhr), „Die gebrochene Lanze“ (um 16.55 Uhr), „Alvarez Kelly“ (um 18.30 Uhr), „Der Garten des Bösen“ (um 21.45 Uhr), „Der Scharfschütze“ (um 23.20), „Zwei ritten zusammen“ (um 00.40 Uhr), „Der letzte Scharfschütze“ (um 02.25 Uhr)  und

3sat, 20.15

Winchester ’73 (Winchester ’73, USA 1950)

Regie: Anthony Mann

Drehbuch: Robert L. Richards, Borden Chase (nach einer Geschichte von Stuart N. Lake)

Lin will seine Winchester zurück haben. Aber dieses Gewehr geht durch viele Hände, die Anthony Mann liebevoll zeigt.

Einer der unumstrittenen Western-Klassiker und die erste Zusammenarbeit von Regisseur Anthony Mann und James Stewart.

mit James Stewart, Shelley Winters, Dan Duryea, Stephen McNally, Millard Mitchell, Charles Drake, Will Geer, Jay C. Flippen, Rock Hudson, Tony Curtis

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Winchester ’73“

Turner Classic Movies über „Winchester ’73“

Wikipedia über „Winchester ’73“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Was für ein „Jam“!

Dezember 28, 2019

Sabus neuer Film „Jam“ beginnt mit einem ziemlich spektakulärem Autounfall, der auch auf dem Plakat zu sehen ist. Ausgehend von diesem, ähem, Zusammentreffen bewegt die Filmgeschichte sich vorwärts und rückwärts in der Zeit. Dabei konzentriert Sabu sich in seiner gewohnt grotesk-absurden Erzählung auf drei Männer.

Hiroshi ist ein abgehalfterter Schnulzensänger, dessen Fans vor allem Damen im fortgeschrittenen Alter sind. Die meisten könnten seine Mutter oder Großmutter sein. Ihnen gibt er mit seinen Songs und den an seine Konzerte anschließenden Gespräche die nötige Seelenmassage. Nach einem Konzert wird er von einem seiner Fans entführt und ans Bett gefesselt. Sie will, dass Hiroshi ein Lied für sie komponiert und bei seinem nächsten Konzert singt.

Tetsuo ist gerade aus dem Gefängnis entlassen und auf einem sehr gewalttätigen Rachetrip an seinen früheren Kumpels. Begleitet wird er von seiner an Alzheimer leidenden, im Rollstuhl sitzenden Großmutter, die ihren verstorbenen Ehemann sucht.

Takeru arbeitet als Chauffeur. Seine Freundin liegt im Sterben. Weil ein Wahrsager ihm sagte, dass sie geheilt würde, wenn er jeden Tag ein paar gute Taten verübe, will er täglich Gutes tun. Deshalb bietet er einigen Männern, die dringend einen Fahrer benötigen, seine Dienste an. Dummerweise sind sie Verbrecher, die einen Fluchtwagenfahrer suchen. Jetzt haben sie ihn gefunden.

Wie diese drei Geschichten genau zusammenhängen, wird erst am Filmende deutlich.

Jam“ ist eine schwarzhumorige, sich zwischen alle Genrekonventionen setzende Groteske, die, wie man es von Sabu erwartet, die Macht des Zufalls beschwört und sie mit vielen Zitaten würzt. Diese sind mal mehr, mal weniger gegen den Strich gebürstet. Teils liefern sie auch die sofort erkennbare Interpretationsfolie für die Ereignisse. Schließlich wissen wir spätestens seit der Stephen-King-Verfilmung „Misery“, wozu Fans imstande sind.

Dabei sind die Einzelteile, einzelne Szenen, Situationen und Bilder, gelungener als das dann doch zu zerfaserte Gesamtbild. „Jam“ ist ein Sabu-Film, der vor allem seine alten Fans anspricht, die gerne wieder, mit einigen neuen Figuren, in Sabus Welt eintauchen.

Jam (Jam, Japan/Deutschland 2018)

Regie: Sabu (Pseudonym von Hiroyuki Tanaka)

Drehbuch: Sabu

mit Sho Aoyagi, Keita Machida, Nobuyuki Suzuki

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Jam“

Moviepilot über „Jam“

Rotten Tomatoes über „Jam“

Meine Besprechung von Sabus „Mr. Long“ (Mr. Long, Japan/Taiwan/Hongkong, China/Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Sabus „Happiness“ (Happiness, Japan/Deutschland 2016)


TV-Tipp für den 28. Dezember: High-Rise

Dezember 27, 2019

One, 22.05

High-Rise (High-Rise, Großbritannien 2015)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Amy Jump

LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)

Der Neurophysiologe Dr. Robert Laing zieht in ein am Stadtrand von London liegendes modernes Hochhaus. Als er seine Mitbewohner kennenlernt, bemerkt er die Klassengesellschaft im Haus, die Konflikte zwischen den Stockwerken und ihre dekadente Vergnügungssucht.

TV-Premiere. Sehr düstere Satire auf die Gesellschaft und den Kapitalismus, toll besetzt, glänzend und sehr stilbewusst inszeniert von Ben Wheatley.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films und der Vorlage, die in einem sehr interessanten Spannungsverhältnis stehen.

mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory

DVD

DCM World

Bild: 2.40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Vom Roman zum Film, Interviews mit Cast & Crew, Trailer, Wendecover

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Ballard - High-Rise

J.G. Ballard: High-Rise

(aus dem Englischen von Michael Koseler)

Diaphanes, 2016

256 Seiten

17,95 Euro

Es handelt sich um die revidierte Fassung der 1992 im Suhrkamp Verlag als „Hochhaus“ erschienenen Übersetzung.

Im Heyne Verlag erschien 1982 als „Der Block“ eine Übersetzung des Romans von Walter Brumm.

Originalausgabe

High-Rise

Jonathan Cape, 1975

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „High-Rise“

Metacritic über „High-Rise“

Rotten Tomatoes über „High-Rise“

Wikipedia über „High-Rise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Free Fire“ (Free Fire, Großbritannien/Frankreich 2016)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Das tropische Melodrama „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Dezember 27, 2019

Nach seiner Langzeitbeobachtung „Tempelhof THF“ über das Leben von Asylbewerbern in der Sammelunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin kehrt Karim Aïnouz zum Spielfilm zurück und wenn nicht beide Filme in seiner Filmographie nebeneinander stünden, würde man nicht vermuten, dass beide Filme vom gleichen Regisseur gemacht wurden. Dabei hat sein neuer Film „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ durchaus einen dokumentarischen Blick mit dem er die fünfziger Jahre in Rio de Janeiro und die damaligen gesellschaftlichen Strukturen wieder aufleben lässt. Es sind, wie damals auch in Deutschland, Strukturen, die Frauen eine passive Rolle zuwiesen.

1950 sind Eurídice (Carol Duarte) und Guida Gusmão (Julia Stockler) nicht nur Schwestern, sondern unzertrennlich und an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie haben Träume, die jedes Mädchen hat. Und einen Vater, der mit den Ideen seiner Töchter nichts anfangen kann. Sie sollen sich in die von ihm gutgehießenen Traditionen einfügen, die auf die Heirat mit dem richtigen Mann und einem Leben als ihn umsorgende Hausfrau hinauslaufen.

Aber Eurídice will Konzertpianistin werden und Guida will ein Leben in Freiheit und voll sexueller Erfüllung. Entsprechend exzessiv will sie am Nachtleben teilhaben. Ihre Schwester deckt sie bei den nächtlichen Ausflügen. Als sie sich in einen Seemann verliebt, brennt sie mit ihm durch.

Wenige Monate später kehrt Guida zurück. Der Seemann hat sie verlassen und sie ist schwanger. Ihr Vater weist sie brüsk ab. Fortan verhindert er die Kontaktaufnahmen zwischen den beiden Schwestern.

Je länger Aïnouz die getrennt voneinander laufenden Leben der beiden Schwestern verfolgt, umso größere Probleme hatte ich mit der Konstruktion der Geschichte. Immerhin leben sie in einer Stadt. Da sollen sie in all den Jahren und Jahrzehnten, über die sich die Geschichte erstreckt, nicht noch mindestens einmal versucht haben, miteinander in Kontakt zu treten? Vor allem weil Guida ein neues Leben in einer verrufenen Gegend beginnt, und Eurídice, die traditionell verheiratet wird, am Filmanfang als unzertrennliche Seelenverwandte geschildert werden. Da sollte doch, neben all den Briefen, auch mal ein Telefonanruf oder ein Hausbesuch möglich gewesen sein.

Sehenswert ist Aïnouz‘ ‚tropisches Melodram‘ (Fassbinder-Bewunderer Aïnouz über seinen Film), dank der beiden starken Hauptfiguren, ihren akkurat nachgezeichneten unterschiedlichen Lebenswegen und der feinfühligen Inszenierung trotzdem. Wegen der Bilder empfiehlt sich die große Leinwand. In Cannes wurde „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ in der Sektion Un Certain Regard als bester Film ausgezeichnet.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão (A Vida Invisível de Eurídice Gusmão, Brasilien/Deutschland 2019)

Regie: Karim Aïnouz

Drehbuch: Murilo Hauser, Inés Bortagaray, Karim Aïnouz

LV: Martha Batalha: A Vida Invisível de Eurídice Gusmão, 2016 (Die vielen Talente der Schwestern Gusmão)

mit Julia Stockler, Carol Duarte, Gregorio Duvivier, Bárbara Santos, Flávia Gusmão, Maria Manoella, António Fonseca

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Moviepilot über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Metacritic über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Rotten Tomatoes über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Wikipedia über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Karim Ainouz‘ „Zentralflughafen THF“ (Deutschland/Frankreich/Brasilien 2018)