JAMES BOND: Goldfinger (Goldfinger, Großbritannien 1964)
Regie: Guy Hamilton
Drehbuch: Richard Maibaum, Paul Dehn
LV: Ian Fleming: Goldfinger, 1959
Goldfinger (Gert Fröbe) will Fort Knox ausräumen. James Bond (Sean Connery) hat etwas dagegen.
Mit „Goldfinger“ hatte sich James Bond endgültig im Kino etabliert und der Presserummel bei „Feuerball“ und „Man lebt nur zweimal“ war gigantisch. Ebenso die Zahl der mehr oder weniger missglückten Kopien in Buch und Film. Da scheint der heutige Rummel um „Harry Potter“/“Herr der Ringe“/“Krieg der Sterne“/“Matrix“/“X-Men“/“Marvel“ ein Klacks zu sein.
Mit Sean Connery, Gert Fröbe, Honor Blackman, Shirley Eaton, Harold Sakata, Bernard Lee, Lois Maxwell
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Die Vorlage
Ian Fleming: Goldfinger
(neu übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Arte zeigt „Hope and Glory“ als „Hoffnung und Ruhm“
Arte, 20.15
Hope and Glory (Hope and Glory, Großbritannien 1987)
Regie: John Boorman
Drehbuch: John Boorman
Buch zum Film: Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory, 1987
Als Bill neun Jahre alt ist, beginnt der zweite Weltkrieg. Während für seinen Vater an der Front und die Mutter in einer Londoner Vorstadt die nächsten Jahre ein ständiger Überlebenskampf sind, erlebt Bill diese Zeit anders.
John Boormans Rückblick auf die Kriegsjahre und auch seine Jugend ist eine mit typisch britischem Humor erzählte herzerwärmende Geschichte einer Kindheit. In Deutschland floppte der Film, obwohl er in England und den USA breit abgefeiert wurde und auch deutsche Kritiker die Qualität von „Hope and Glory“ erkannten: „Für uns gehört ‚Hope and Glory’ zu den erfreulichsten Erlebnissen und schönsten Filmen des Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1988)
„Hope and Glory ist so etwas wie Boormans Antwort auf das monumentale Filmwerk Heimat von Edgar Reitz, das ihm, wie er betont, viel gegeben hat.“ (Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory)
Boormans Film war unter anderem in den Kategorien bestes Drehbuch, beste Regie und bester Film für den BAFTA, Oscar und Golden Globe nominiert. Den Golden Globe für den besten Film erhielt er. Außerdem erhielt „Hope and Glory“ in diesen Kategorien den Los Angeles Film Critics Association Award. Und die Writers Guild of America nominierte das Drehbuch.
Mit Sebastian Rice-Edwards, Geraldine Muir, Sarah Miles, David Hayman, Sammi Davis, Ian Bannen
In wenigen Stunden ist es soweit: im sonnigen Hollywood werden die diesjährigen Oscars verliehen und wie jedes Jahr wurden einige Filme und Leistungen sträflich übersehen. Trotzdem gibt es in den Hauptkategorien keinen Totalausfall; – naja, „Bohemian Rhapsody“ ist zwar ein nettes Musikerbiopic, aber als besten Film sehe ich ihn definitiv nicht. Bei einigen der anderen Filme war ich etwas am Überlegen, aber am Ende würde ich „The Favourite“ viele Oscars geben.
Den hochgelobten „Roma“ lasse ich komplett außen vor, weil er als Netflix-Film nach einer Alibi-Kinoauswertung nur noch an einem Ort gesehen werden kann. Das widerspricht der Idee, dass über Kinofilme über einen längeren Zeitraum gesprochen wird und sie damit auch Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse und andere Filme nehmen. Bis jetzt gelang das noch keinem Netflix-Film. Oder erinnert sich noch jemand an „Beast of No Nation“ und „Okja“?
Selbstverständlich werden die Preisträger nachgetragen.
Regina King (If Beale Street Could Talk) (MEIN TIPP – auch weil „If Beale Street could talk“ bei den Nominierungen sträflich vernachlässigt wurde, läuft bei uns am 7. März an) (GEWINNER)
Emma Stone (The Favourite)
Rachel Weisz (The Favourite)
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Best Supporting Actor
Mahershala Ali (Green Book) (MEIN TIPP – obwohl Richard E Grant auch eine gute Wahl gewesen wäre) (GEWINNER)
Adam Driver (BlacKkKlansman)
Sam Elliott (A Star Is Born)
Richard E. Grant (Can You Ever Forgive Me?)
Sam Rockwell (Vice)
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Best Original Screenplay
The Favourite (Deborah Davis and Tony McNamara) (MEIN TIPP)
First Reformed (Paul Schrader) (noch nicht gesehen und hier wohl nur als VoD ansehbar)
Green Book (Brian Hayes Currie, Peter Farrelly and Nick Vallelonga) (GEWINNER)
Roma (Alfonso Cuaron)
Vice (Adam McKay)
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Best Adapted Screenplay
A Star Is Born (Bradley Cooper, Will Fetters and Eric Roth)
The Ballad of Buster Scruggs (Joel Coen and Ethan Coen)
BlacKkKlansman (Spike Lee, David Rabinowitz, Charlie Wachtel and Kevin Willmott) (GEWINNER)
If Beale Street Could Talk (Barry Jenkins) (MEIN TIPP)
Can You Ever Forgive Me? (Nicole Holofcener and Jeff Whitty)
Best Original Song (da hab ich keinen im Ohr. Aber „Shallow“ soll gut sein)
„All the Stars“ (Black Panther, written by Kendrick Lamar, Al Shux, Sounwave, SZA and Anthony Tiffith) Performed by Kendrick Lamar and SZA
„I’ll Fight“ (R.B.G., written by Diane Warren) Performed by Jennifer Hudson
„The Place Where Lost Things Go“ (Mary Poppins Returns, written by Marc Shaiman and Scott Wittman) Performed by Emily Blunt
„Shallow“ (A Star Is Born, written by Lady Gaga, Mark Ronson, Anthony Rossomando and Andrew Wyatt) Performed by Bradley Cooper and Lady Gaga (GEWINNER)
„When a Cowboy Trades His Spurs for Wings“ (The Ballad of Buster Scruggs, written by Dave Rawlings and Gillian Welch) Performed by Tim Blake Nelson and Willie Watson
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Best Original Score (kein Tipp, weil ich keinen Soundtrack mehr im Ohr habe. Wobei in „BlacKkKlansman“, „If Beale Street could talk“ und „Isle of Dogs“ die Musik nicht negativ auffiel. Wahrscheinlich macht das Musical „Mary Poppins Returns“ das Rennen, weil es ein Musical ist)
Doku über den britischen Avantgarde-Gitarristen Fred Firth. Seine bekanntesten Gruppen sind immer noch die bahnbrechenden Bands „Henry Cow“ und „Skeleton Crew“. Er spielte in den vergangenen Jahrzehnten mit „Attwenger“ und ungefähr jedem Avantgarde-Musiker und, auch wenn er in vollen Hallen spielte, niemals für die Massen.
Die Macher nennen ihren Film eine „Zelluloid-Impression“. Der Fischer Film Almanach urteilt in seiner 1991er Ausgabe: „Um selber ein eigenständiges Filmexperiment zu werden, ist ‚Step across the Border‘ nicht frei genug, um ein Porträt zu sein, zu willkürlich.“
Sehenswert und „wertvoll“ (FBW-Prädikat) ist das selten gezeigte Werk trotzdem.
mit Fred Frith, Joey Baron, Ciro Baptista, Iva Bitová, Tom Cora, Robert Frank, John Zorn, Arto Lindsay, Bob Ostertag, René Lussier
Christian Tods informative und zum Nachdenken anregende spielfilmlange Doku für das Bedingungslose Grundeinkommen lief als „Free Lunch Society“ im Kino.
Den ersten Lacher gibt es schon in den ersten Filmsekunden, wenn nacheinander drei Sätze auf der Leinwand zu sehen sind:
The following is a true story.
Or as true as it can be given that Dick Cheney is one of the most secretive leaders in history.
But we did our fucking best.
Danach geht es in das Jahr 1963 auf eine Landstraße in Wyoming. Dick Cheney, damals noch ein junger Student, fährt stockbesoffen Auto. Ab da springt Adam McKay munter, aber weitgehend chronologisch, durch das Leben von Dick Cheney, der unter George W. Bush von 2001 bis 2009 Vizepräsident war.
Adam McKay erzählt Cheneys Geschichte, wie seinen Film „The Big Short“ über die Finanz- und Bankenkrise, flott, pointiert, mit unzähligen Brechungen, unter Einsatz aller filmischen Mittel und sehr süffig. Obwohl McKay einen mit Informationen bombardiert, verliert man nie den Überblick. Christian Bale ist als Dick Cheney unter der Maske nicht mehr zu erkennen. Die anderen Schauspieler – Steve Carell als Donald Rumsfeld, Sam Rockwell als George W. Bush, Tyler Perry als Colin Powell, Eddie Marsan als Paul Wolfowitz, LisaGay Hamilton als Condoleezza Rice – sind dagegen irritierend gut erkennbar. Sie ähneln kaum den Menschen, die sie spielen.
Auch bei den historisch verbürgen Fakten, Dynamiken und Ursache-Wirkungsketten nimmt McKay sich etliche Freiheiten. Im Gegensatz zu „The Big Short“ vereinfacht er in „Vice – Der zweite Mann“ vieles so sehr, dass Zeitzeugen, Historiker und Politik-Journalisten über die vielen Ungenauigkeiten, Auslassungen und Fiktionen verzweifeln. „Vice – Der zweite Mann“ ist halt vor allem eine Anklage gegen Dick Cheney und ein guter Ankläger ignoriert oder spielt die störenden Fakten in seinem Plädoyer herunter. Außerdem ist es ein Spiel- und kein Dokumentarfilm.
Im Mittelpunkt des Films stehen Cheneys Jahre als Vizepräsident, in denen er die Weltgeschichte entscheidend verändern konnte. Er ist dabei der große Planer im Hintergrund. Das Mastermind, das alles einfädelt und ermöglicht. Es sind die Jahre mit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, dem danach folgenden uferlosen Krieg gegen den Terror, dem Irakkrieg und der Ausweitung der Macht des Präsidenten. Das geschieht mit Hilfe der umstrittenen und auch zweifelhaften Unitary Executive Theorie, nach der es keine Machtbeschränkung für den US-Präsidenten und damit auch seinen Stellvertreter gibt. Er kann machen, was er will und er kann dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Cheney findet die Theorie grandios und er wird Vizepräsident, um sie in seinem Sinn anzuwenden.
Es sind Jahre, in denen einige Männer, die ihr Leben lang zwischen Politik und Wirtschaft pendelten, jetzt die Ernte einfahren wollen. Es ist eine Clique von amoralischen konservativen und ultrakonservativen Selbstbedienern, die sich den Staat zur Beute machen. Rückblickend und mit der Trump-Entourage im Weißen Haus, erscheinen sie als gemäßigte Geister, die die Saat für den jetzigen Zustand der US-Demokratie legten.
Mckay inszeniert einen oft irritierend plakativer Ritt durch einige Jahrzehnte US-Geschichte, der mehr nach dem nächsten besten Gag als nach einem wirklichen Blick hinter die Kulissen schielt. So lässt McKay die Jahre, in denen Cheney sich von einem trinkfreudigen Studenten (vulgo Säufer) zu einem Abstinenzler wandelt, links liegen. Er ist nach einer Standpauke seiner Frau Lynne (Amy Adams) schwuppdiwupp in Washington, D. C., und weil ihm bei der Begrüßung der neuen Praktikanten in der Hauptstadt die respektlos-lockere Rede von Donald Rumsfeld (Steve Carell) gefällt, wird er 1969 dessen Mitarbeiter. Zu welcher Partei er gehört und welche politischen Ansicht er hat, ist Cheney egal. Rumsfeld ist witzig und das reicht Cheney. Und so geht es weiter. Rumsfeld hat schon einige Projekte, Cheney hat dann auch ein, zwei Projekte, die er und Rumsfeld obsessiv über Jahrzehnte verfolgen: die Gründung des konservativen Privatsenders FOX News, den Zugang amerikanischer Firmen, vor allem von Cheneys Arbeitgeber Halliburton (von 1995 bis 2000), zu den Ölquellen im Irak und der juristischen Idee, dass ein US-Präsident (bzw. sein Stellvertreter) unumschränkte Macht hat. Diese will Cheney als Vizepräsident ausüben. Präsident George W. Bush wird hier zu einem leicht manipulierbaren, meinungslosen Trottel, der kaum in der Lage ist, ein Schnapsglas richtig zu halten.
Stilistisch kopiert McKay dabei seinen sehr aufklärerischen und sehr gelungenen „The Big Short“. Aber während man beim ersten Sehen von „The Big Short“ kaum alles erfassen konnte, hat man bei „Vice“ keine Probleme, die vielen Informationen zu verarbeiten. In dem Informationstsunami ist alles immer ziemlich eindeutig. Damit ist die Polit-Satire inhaltlich und auch von der Personenzeichnung deutlich näher bei McKays beiden „Anchorman“-Filmen und seiner „Saturday Night Live“-Zeit. Die gezeigten Politiker sind keine Charaktere, sondern Typen, die einfach nur Macht wollen. Wozu und welche Überzeugungen sie haben, ist da noch nicht einmal sekundär. Falls sie überhaupt Überzeugungen haben, die über ihr Bankkonto hinausreichen.
„Vice – Der zweite Mann“ ist eine Satire über eine Haufen moralbefreiter Intriganten, die von willigen Deppen umgeben sind und die gängige Vorurteile über die Politik bedient.
Vice – Der zweite Mann (Vice, USA 2018)
Regie: Adam McKay
Drehbuch: Adam McKay
mit Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Tyle Perry, Eddie Marsan, Jesse Plemons, LisaGay Hamilton, Alison Pill, Lily Rabe, Alfred Molina
Rancher Tanner beschuldigt einen Mann, seinen Freund Erin ermordet zu haben. Hilfssheriff Valdez erschießt den Verdächtigen. Aber er war unschuldig. Valdez will jetzt von Tanner Geld für die Beerdigung und die Witwe des Toten. Dieser lehnt ab. Valdez nimmt den Kampf auf. Schließlich war er nicht immer ein trotteliger Hilfssheriff.
Melancholischer Spätwestern mit Burt Lancaster, Susan Clark, Richard Jordan
Von Elmore Leonards Homepage (Achtung! Das Ende wird verraten.): „Valdez is Coming is Elmore’s favorite western. It shows examples of the style that he would further develop in his contemporary crime novels. Burt Lancaster as Bob Valdez is the underestimated man, a constant theme in Elmore Leonard’s work. He is forced to confront the local ruthless land baron who nearly has him killed. He retaliates and lets his nemesis know that “Valdez is coming.” Before beginning The Moonshine War, Elmore wanted to write Valdez for the screen. Unfortunately Burt Lancaster was not available for a couple of years and the project was delayed. Edwin Sherin, the director of Valdez is Coming was a Broadway director and this was his first film which he shot in Spain. The biggest surprise of Valdez was that there was no shootout at the end, just as Elmore had written in the book. Nobody in Hollywood could believe it.”
Heute sagt man wohl: ein Buch über den Erfinder von „Justified“. Vor zwanzig Jahren hätte man gesagt: ein Buch über den Autor von „Schnappt Shorty“, „Jackie Brown“ und „Out of Sight“. Vor dreißig, vierzig Jahren war Elmore Leonard dagegen vor allem ein unter Krimifans angesehener Krimiautor.
Frank Göhre und Alf Mayer haben jetzt ein Buch über ihn geschrieben. Es ist, so die Herren Göhre und Mayer im Vorwort, „ein Mix aus Interviewäußerungen, Textpassagen, Nacherzählungen, Schlaglichtern, Bekenntnissen, Anekdoten, dazu Songs und Stimmen von außen, all das seinem Werk entlang aufgefächert, arrangiert wie eine große und vergnügliche Jamsession. Ein Leseabenteuer. Ein Lebensroman. Die Elmore-Leonard-Story.“
Es scheint, als habe Nicole Kidman ihrem Agenten gesagt, sie wolle in ihren nächsten Filmen möglichst unterschiedliche Rollen haben und so ihr Können zeigen. Anders ist ihre aktuelle Rollenauswahl kaum zu erklären. Im Dezember war sie in dem quietschbunten DC-Superheldenepos „Aquaman“ eine Meeresgöttin. Demnächst ist sie in dem zwiespältigen harten Polizeithriller „Destroyer“ (Kinostart 14. März, Besprechung folgt) eine süchtige Polizistin. In den in der Gegenwart spielenden Teilen ist sie kaum erkennbar. Und in den beiden Filmen mit ihr, die heute im Kino anlaufen, ist sie einmal eine aufgedonnerte Südstaaten-Mutter, einmal eine verhuschte Sekretärin.
Die verhuschte Sekretärin spielt sie in „Mein Bester & Ich“. Ihr stinkreicher Chef ist nach einem Sportunfall fast vollständig gelähmt. Jetzt benötigt er einen neuen Pfleger und, weil er gerade an Suizid denkt, nimmt er sich von allen Pflegern, die sich bei ihm um die Stelle bewerben, die Person, die am allerwenigsten für den Job geeignet ist und die beim Vorstellungsgespräch auch offensiv sagt, dass sie die Arbeit überhaupt nicht haben wolle.
Und wer jetzt denkt, dass ihn das an „Ziemlich beste Freunde“ erinnere, liegt richtig. „Mein Bester & Ich“ ist das US-Remake der Geschichte.
Olivier Nakache und Éric Toledanos Film ist von 2011 und die wahre Geschichte ereignete sich in den neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. 2001 veröffentlichte Philippe Pozzo di Borgo seine Autobiographie „Le Second souffle“ in der er über seinen Gleitschirmunfall, die Folgen und seine Freundschaft zu seinem Pflegehelfer Abdel Yasmin Sellou schrieb. Es ist eine Geschichte, die wegen ihrer Gegensätze – arm und reich, schwarz und weiß – und ihrem Ende – aus dem Pfleger und seinem Patienten werden Freunde – förmlich nach einer Verfilmung schreit.
Aber während Nakache und Toledanos im unglaublich erfolgreichen Original die Geschichte als lockere Komödie inszenierten, inszenierte Neil Burger sie als Drama. Das ist, nachdem die ersten Minuten der US-Version die französische Vorlage fast 1-zu-1 schlecht nachstellten, ein deutlich anderer Tonfall. Daran ändern auch die später eingestreuten wenigen und in jeder Beziehung sehr deplatzierten Witzversuche nichts.
Die in der Gegenwart spielende Geschichte selbst folgt dagegen fast sklavisch dem Original. Die Kleinigkeiten, die geändert wurden, verändern nichts wesentliches. Ob einem jetzt diese oder jene Lösung besser gefällt, ist letztendlich Geschmacksache. Wobei die von Nicole Kidman gespielte Hausdame und damit auch persönliche Sekretärin des gelähmten Milliardärs hier deutlich konservativer als im Original ist.
Bryan Cranston ist als Gelähmter gewohnt überzeugend. Nicole Kidman blass bis zum gehtnichtmehr. Sie hat zwar einen guten Uniabschluss, aber sie ist so schüchtern, dass sie am liebsten mit der Tapete verschmelzen würde. Kevin Hart, der sonst für kindlich-vulgären Klamauk zuständig ist, bemüht sich hier als Pfleger um eine schauspielerische Leistung. Gegenüber Omar Sy, der im Original den Pfleger als einen breit grinsenden Sunnyboy mit Jean-Paul-Belmondo-Charisma spielte, ist Hart allerdings nur ein latent schlechte Stimmung verbreitender Stinkstiefel.
Wie bei den meisten US-Remakes von erfolgreichen Nicht-US-Filmen gilt auch hier die altbekannte Regel: Wer das Original bereits kennt, kann das US-Remake getrost ignorieren. „Mein Bester & Ich“ ist keine Neuinterpretation, sondern eine Nacherzählung von „Ziemlich beste Freunde“ in einem anderen Tonfall.
Neil Burgers Feelgood-Drama hatte seine Premiere 2017 beim Toronto International Film Festival. Die Weinstein Company wollte den Film in den USA verleihen. Mit dem allseits bekannten Weinstein-Skandal und der damit verbundenen Insolvenz der Firma zerschlugen sich diese Pläne. In den USA lief der Film, jetzt verliehen von STX Entertainment und Lantern Entertainment, im Januar an.
Auch der zweite Film mit Nicole Kidman, der heute anläuft, beruht auf einer wahren Geschichte, ist ein kleiner Film und sie spielt eine Nebenrolle. In „Der verlorene Sohn“ spielt sie die in schönster Südstaaten-Tradtion aufgedonnerte Mutter von Jared Eamons (Lucas Hedges, wieder als Junge mit Problemen). Ihr Mann Marshall (Russell Crowe) ist Autohändler und Baptistenprediger. Entsprechend textgetreu bibelnah gefestigt sind seine Moralvorstellung. Auch zur Homosexualität.
Als der neunzehnjährige Jared seinen Eltern seine Homosexualität gesteht, gibt es für Marshall nur eine Lösung: Jared wird in eine von Victor Sykes (Joel Edgerton) für Love in Action durchgeführte Reparativtherapie (auch bekannt als Konversionstherapie) gesteckt.
Diese findet über zwölf Tage in einer von außen, wie ein Gefängnis, hermetisch abgeschlossenen Einrichtung statt. In ihr führen der sich wie ein Guru benehmende Sykes und seine Untergebenen ein strenges und streng religiöses Regiment. Jared darf zwar, wie die anderen Teilnehmer, in den Nächten zurück zu seiner Mutter ins Hotel. Aber er darf mit ihr nicht über seine Erlebnisse in der Einrichtung sprechen. Er darf auch nicht mit anderen Teilnehmern darüber sprechen.
Durchgeführt werden diese Therapien meist von Vertretern der überwiegend evangelikal geprägten Ex-Gay-Bewegung. Ziel der Therapie ist es, den Homosexuellen von seinen homosexuellen Neigungen zu heilen. Denn Homosexualität sei eine sehr schlimme Krankheit, die geheilt werden könne.
Das ist unwissenschaftlicher und gefährlicher Humbug, der inzwischen von allen führenden internationalen psychiatrischen und psychologischen Fachgesellschaften und dem Weltärztebund abgelehnt wird. Depressionen, Angstzustände und selbstzerstörerisches Verhalten wurde bei LGBTQ-Jugendlichen nach einer Reparativtherapie beobachtet. Anstatt einer Heilung wurde das Gegenteil erreicht und die Schuldgefühle und Selbstzweifel der Jugendlichen verstärkt. Eine richtige Therapie will und muss das Gegenteil erreichen.
In den USA ist die Reparativtherapie in vierzehn Staaten (vor allem an der Ost- und Westküste) und in Washington, D. C., verboten. In Deutschland hat Gesundheitsminister Jens Spahn kürzlich einen Gesetzentwurf zum gesetzlichen Verbot von Reparativtherapien angekündigt.
In seinem zweiten Spielfilm zeichnet Joel Edgerton, der auch das Drehbuch schrieb und die Rolle des Therapieleiters Sykes übernahm, sehr genau und detailliert die Therapie und ihre Probleme nach. Denn es geht nicht um eine Heilung (auch wenn das von den evangelikalen Verfechtern behauptet wird), sondern um Gehirnwäsche und Psychofolter. Und es ist erschreckend, dass diese Humbug-Therapie heute immer noch angewandt wird.
Allerdings ist der gesamte Film zu dröge inszeniert und die Charaktere und ihre Dynamik zu flach, um wirklich zu begeistern. „Der verlorene Sohn“ wirkt dann eher wie ein mild dramatisierter Lehrfilm und nicht wie ein packendes Drama über die Rettung einer verlorenen Seele. Es geht vor allem um einen gläubigen Jungen, der versucht herauszufinden, wer er ist und, in zweiter Linie, eine gläubige Mutter, die sich, als sie sieht, wie ihr Sohn auf die Therapie reagiert, zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn entscheiden muss. Nicole Kidman hat zwar nur eine Nebenrolle, aber es ist eine wichtige und sehr eindrücklich gespielte Nebenrolle.
Die Vorlage für die Filmgeschichte war die autobiografische Erzählung „Boy erased“ von Garrard Conley, der 2004 bei „Love in Action“ eine solche Therapie erlebte. Nach der Veröffentlichung wurde er zu einem der Sprecher der LGBTQ-Bewegung gegen die Reparativtherapie.
Am Ende überzeugt „Der verlorene Sohn“ vor allem wegen seinem Anliegen als gut gemachter und gespielter Aufklärungsfilm.
Das sieht auch Regisseur Edgerton so: „Wenn wir unsere Arbeit mit dem Film richtig machen, haben wir die Chance, eine größere Diskussion über ein Thema anzustoßen, das Aufmerksamkeit bedarf. Die Reparativtherapie im Allgemeinen existiert in vielen verschiedenen Varianten, in hundert verschiedenen Ländern. Es wird auf verschiedene Weise ständig wiederholt. Einige davon basieren auf Religion, andere nicht. Einige werden mit Psychotherapie kombiniert. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Reparativtherapie richtet unglaublich großen Schaden an.“
Mein Bester & Ich(The Upside, USA 2017)
Regie: Neil Burger
Drehbuch: Jon Hartmere (nach dem Drehbuch „Intouchables“ von Olivier Nakache und Éric Toledano)
mit Kevin Hart, Bryan Cranston, Nicole Kidman, Golshifteh Farahani, Julianna Margulies, Aja Naomi King, Suzanne Savoy
Im Gegensatz zu den meisten Kinogängern lernte ich Melissa McCarthy nicht als alle Grenzen austestende Slapstick-Ulknudel, sondern als ernste Schauspielerin kennen. Daher ist für mich ihr neuester Film auch keine Überraschung, sondern die lange erwartete, erhoffte und auch überfällige Rückkehr in das dramatische Fach.
Melissa McCarthy spielt Lee Israel, eine 1939 geborene, 2014 verstorbene Autorin von Star-Biographien, eine Nervensäge und Trinkerin. Ihr neues Buchprojekt über Fanny Brice ist unverkäuflich. Aber die Rechnungen müssen auch im New York der frühen neunziger Jahre bezahlt werden.
Als die Einundfünfzigjährige einen Stapel Bücher antiquarisch verkaufen will (was ungefähr das Doppelte von Nichts einbringt), bemerkt sie, dass für Briefe von Schriftstellern Unsummen bezahlt werden. Für einen von Katherine Hepburn an sie gerichteten und signierten Brief werden ihr 175 Dollar geboten. Sie verkauft den Brief und kann damit einen Teil der Rechnung beim Tierarzt für ihre über alles geliebte, kranke Katze Jersey bezahlen.
Israel beginnt, auch immer wieder angestiftet durch ihren Trinkkumpel Jack Hock (Richard E. Grant), Briefe von bekannten Schriftstellern wie Dorothy Parker, Lilian Hellman, Noel Coward und Ernest Hemingway zu fälschen. Und sie ist verdammt gut darin. Sie trifft den unverwechselbaren Ton der Schreibenden und sie streut immer wieder kleine persönliche Bemerkungen ein. Ihre Abnehmer, Händler, die die Briefe gewinnbringend an Sammler weiterverkaufen, sind begeistert. Nur: wie lange kann das Spiel gut gehen?
Wer den Fall kennt oder Lee Israels Biographie „Can you ever forgive me?“ gelesen hat, weiß, dass Israel sehr lange Fälschungen verkaufte, ehe sie verhaftet wurde. Und auch wer das nicht weiß, dürfte über das Ende nicht sonderlich überrascht sein. Aber der Weg dahin ist höchst vergnüglich. Dank des Drehbuchs, der Regie, der Schauspieler und der Ausstattung, die stimmig die Patina einer computerlosen Zeit, ruhiger Bibliotheken, verrauchter Kneipen und mild verstaubter Antiquariate heraufbeschwört.
Melissa McCarthy ist, nachdem sie für „Brautalarm“ (Bridesmaids, USA 2011) als beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert war, dieses Mal als beste Schauspielerin nominiert. Angesichts der starken Konkurrenz dürfte sie ihn nicht erhalten (meine Wette geht auf „The Favourite“ Olivia Colman). Das ändert nichts daran, dass sie dieses biestige und dennoch liebesbedürftige Weib grandios spielt. Man möchte diese rechthaberische Nervensäge gleichzeitig hochkantig aus der Wohnung werfen und in den Arm nehmen. Das tut dann der ebenfalls Oscar-nominierte Richard E. Grant als flamboyanter Jack Hock, der sich immer noch eine kindliche Unschuld bewahrt hat. Er ist ein Dieb, Trickbetrüger und Schnorrer, dessen Image seine Situation kaum noch tarnen kann. Aber mit dem man viel Spaß haben kann.
Und mehr wollen sie auch nicht von ihm haben. Denn Hock ist, wie Israel, homosexuell und er hat, was gegen Ende unübersehbar wird, AIDS.
Sie bilden ein seltsames, sich gegenseitig stützendes Paar.
Als Verbrecherin wird sie einem sogar zunehmend sympathisch. Einerseits, weil Melissa McCarthy immer mehr Facetten von Lee Israel zeigt. Andererseits weil man sich nie des Eindrucks erwehren kann, dass die Käufer von Israels Briefen ziemlich genau wissen, dass es sich um Fälschungen handelt. Und sie richtet keinen wirklichen Schaden an. Ihre Taten sind harmloser als die von Earl Stone (gespielt von Clint Eastwood in „The Mule“) und Forrest Tucker (gespielt von Robert Redford in „Ein Gauner & Gentleman“ [Kinostart 28. März]) begangenen Taten. Stone war Kartell-Drogenkurier im sehr großen Umfang. Tucker war sein Leben lang ein höflicher Bankräuber und ein ebenso notorischer Ausbrecher aus Gefängnissen. Diese drei jetzt und demnächst im Kino laufenden Filme basieren auf wahren Geschichten und alle drei Filme sympathisieren mit ihren Protagonisten. Es sind gewitzte, keine Gewalt ausübendem Verbrecher, deren Taten und Leben in einem amüsierten, leicht ungläubige ‚Das kann doch nicht wahr sein‘-Tonfall geschildert werden. Das trifft natürlich besonders auf Lee Israel und ihre Fälschungen zu, die sie an die kleine Szene der Händler verkaufte.
Die Drehbuchautoren Jeff Whitty (sein Debüt) und Nicole Holofcener erhielten für ihr Drehbuch ebenfalls eine Oscar-Nominierung. Holofcener schrieb und inszenierte vorher unter anderem „Enough said“. Das feinfühlige Wohlfühl-Drama war der vorletzte Film des früh verstorbenen James Gandolfini.
Inszeniert wurde das Drama feinfühlig von Marielle Heller. Sie überzeugte bereits mit ihrem Spielfilmdebüt, der Komödie „Diary of a Teenage Girl“ über ein sich auch künstlerisch betätigendes Mädchen in San Francisco in den siebziger Jahren.
„Can you ever forgive me?“ ist wundervolles Schauspielerkino über ein überhaupt nicht vorbildliches Paar und einige hundert gefälschte Briefe.
Can you ever forgive me? (Can you ever forgive me?, USA 2018)
Regie: Marielle Heller
Drehbuch: Nicole Holofcener, Jeff Whitty
LV: Lee Israel: Can you ever forgive me?, 2008
mit Melissa McCarthy, Richard E. Grant, Dolly Wells, Jane Curtin, Anna Deavere Smith, Stephen Spinelli, Ben Falcone
Nachdem Herr Grundeis dem für die Ferien aus der Provinz nach Berlin kommenden Buben Emil Tischbein das Feriengeld geklaut hat, macht Emil sich im Großstadtdschungel mit einer Bande Kinder auf die Jagd nach dem Bösewicht.
Klassiker des deutschen Films und des Kinderfilms.
Mit Fritz Rasp, Käthe Haack, Rolf Wenkhaus, Rudolf Biebrach, Olga Engl, Inge Landgut
„Gloria, die Gangsterbraut“ ist der zehnte Film von John Cassavetes und ein ziemlich gradliniger Actionthriller. Gena Rowlands spielt die gealterte, vom Leben und ihrem Beruf abgehärtete Ex-Sängerin Gloria Swenson. Als die Mafia die Nachbarfamilie ermordet, überlebt nur der sechsjährige Phil , ein altkluger Mini-Möchtegernmacho, das Massaker. Widerwillig übernimmt Gloria die Beschützerinnenrolle für die Nervensäge. Gemeinsam flüchten sie durch New York. Verfolgt von der Mafia, die den Jungen töten und ein Buch mit Aufzeichnungen über ihre Geschäfte haben will.
Ein düsterer in New York spielender Gangsterthriller, der zwischen Charakterstudie – Cassavetes Metier – und Thriller pendelt. Und Gena Rowlands ist härter als Liam Neeson. „Gloria, die Gangsterbraut“ wird auch als Inspiration für Luc Bessons „Leon – Der Profi“ gesehen.
John Cassavetes über „Gloria, die Gangsterbraut“: „Es ist nicht mein Lieblingsfilm, aber ich finde, dass Gena [Rowlands] großartig ist. Ich habe das Buch geschrieben und ihnen geschickt, um es zu verkaufen. Als Drehbuch zu verkaufen, um Geld zu verdienen. Mein Agent rief an und sagte: ‚Hör mal zu. Sie wollen den Film kaufen und deinen Preis bezahlen, aber sie wollen auch, dass du Regie führst. Und sie wollen, dass Gena spielt.‘ Das war eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich hatte seit elf Jahren keinen Film mehr für sie gemacht und dachte: warum nicht? Sie bezahlen mich gut. Die einzigen Probleme, die ich hatte, hingen mit der Geschichte zusammen, der ich zugestimmt hatte.“ (Hanser Reihe Film 29: John Cassavetes)
Und so drehte John Cassavetes wieder einen Film mit Hollywood-Geld.
mit Gena Rowlands, John Adames, Buck Henry, Jessica Castillo, Julie Carmen, Tom Noonan
Outland – Planet der Verdammten (Outland, Großbritannien 1981)
Regie: Peter Hyams
Drehbuch: Peter Hyams
Buch zum Film: Alan Dean Foster: Outland (Outland, 1981)
Auf einem Jupitermond betreibt ein Konzern eine ertragreiche Mine. Als der dort stationierte Polizist O’Niel herausfindet, dass die Arbeiter unter Drogen gesetzt werden und deshalb vor dem Ablauf ihres Vertrages sterben, stellt er sich gegen den Leiter der Mine. Und der versteht keinen Spaß.
Der Weltraumwestern „Outland“ wurde schnell auf die prägnante Formel „High Noon im Weltraum“ gebracht. Dabei ist die Atmosphäre in der Weltraumstation beklemmender als in einem Western, es gibt etwas Kapitalismuskritik und Sean Connery als Einzelner gegen die Bösen ist immer eine gute Wahl.
„Intelligente Unterhaltung und bestimmt einer der besten Thriller des Jahres“ (Sunday Telegraph)
„It’s also a movie of unexpected pleasures, including some uncommonly handsome science-fiction sets, a straightforward narrative that recalls “High Noon“ without that film’s holy seriousness, some wonderfully effective chases through the darkest interiors of this huge, hermetically sealed moon camp, plus two staunch, robust performances by Mr. Connery and Miss Sternhagen. “Outland“ is what most people mean when they talk about good escapist entertainment.“ (Vincent Canby, New York Times, 22. Mai 1981)
Der Film wurde für einen Hugo nominiert. „Jäger des verlorenen Schatzes“ erhielt die Trophäe.
mit Sean Connery, Peter Boyle, Frances Sternhagen, James B. Sikking, Steven Berkoff
Die gerade arbeitslose New Yorker Radiojournalistin Phoebe Siegler fliegt für ihre zwanzig Jahre ältere Freundin Rosalyn Swados von New York nach Kalifornien. Dort ist Rosalyns achtzehnjährige Tochter Arabella seit drei Monaten spurlos verschwunden. Phoebes einzige Spur ist, dass der von Arabella bewunderte Sänger Leonard Cohen lange im Zen-Kloster auf dem Mount Baldy lebte. Sie hielt sich zuletzt in der Nähe des Berges auf.
Weil sie sich in der Gegend nicht auskennt und die Polizei auch keine große Hilfe ist, engagiert Phoebe den Privatdetektiv Charles Heist. Einen seltsamen Typen mit Penisgesicht (wenn ich mit dem Bild im Kopf leben muss, dürft ihr das auch) und einer unorthodoxen, aber oft erfolgreichen Arbeitsweise.
„Der wilde Detektiv“ sei, so die Werbung für das Buch, sein erster Detektivroman seit „Motherless Brooklyn“. Mit dem 1999 im Original und zwei Jahre später auf Deutsch erschienenem Roman wurde Jonathan Lethem auch in Deutschland bekannt. Sein mit dem Locus Award ausgezeichnetes Romandebüt „Der kurze Schlaf“ (Gun with occasional Music, 1994) ist „eine Mischung aus Raymond Chandler und Phlip K. Dick, mit extrem hoher Oktanzahl“ (Boston Review). Der SF-Roman erschien auch bei uns in den Neunzigern in einer deutschen Übersetzung, die damals kein großes Aufsehen verursachte.
Lethems mit dem Gold Dagger ausgezeichneter Noir „Motherless Brooklyn“ über einen Detektiv mit Tourette-Syndrom, der den Mörder seines Mentors sucht, wurde inzwischen von Edward Norton nach seinem Drehbuch mit ihm in der Hauptrolle und Bruce Willis, Willem Dafoe, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin und Bobby Cannavale in weiteren Rollen verfilmt. In den USA soll der Film am 1. November 2019 starten.
Doch zurück zu Jonathan Lethems neuen Roman.
„Der wilde Detektiv“ beginnt wie ein klassischer Privatdetektiv-Krimi. Geschrieben mit den üblichen Codierungen und Doppelcodierungen, die ein literarisch versierter Autor heute im Gepäck hat. Denn selbstverständlich ist Lethems Roman ein anspielungsreiches Spiel mit den Genreregel und -konventionen. Das beginnt schon mit Lethems Sprache, die vor Wortspielen und Anspielungen nur so strotzt. Übersetzer Ulrich Blumenbach hat hier ganze Arbeit geleistet und den Roman kongenial ins Deutsche übersetzt. Da taucht – der Roman spielt in den Tagen um Donald Trumps Amtseinführung – das Trumpeltier auf. Eine Zeitschrift namens „Inland Empire“ wird öfters erwähnt. Die verschwundene Arabella nennt sich jetzt Phoebe. Und selbstverständlich gibt es in der Mojave-Wüste verfeindete Hippie-Stämme und Koreaner, die ein inzwischen in einem Nationalpark stehendes Haus auf einem Berg kauften und es mit Stacheldraht umzäunten. Das hindert Einheimische nicht daran, weiterhin Rituale auf dem Berg abzuhalten.
In dem Moment könnte „Der wilde Detektiv“, um nur einen Roman und keinen Film zu nennen, wie Thomas Pynchosn grandioser Roman „Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, 2009), zu einem atemberaubenden Ritt durch die US-Realität und Mythenwelt werden.
Aber Lethems „wilder Detektiv“ ist dann weniger abenteuerlustig und durchgeknallt als Pynchons „Natürliche Mängel“. So entdeckt Phoebe die verschwundene Arabella schon nach knapp zwei Dritteln und sie kann sie problemlos zurück nach New York bringen. Andere Rätsel, die Lethem bis dahin angesprochen hat, werden nicht weiter verfolgt. Stattdessen plätschert die Geschichte bis zu ihrem seltsamen Ende zunehmend orientierungslos vor sich hin. Das hat dann nie die psychedelische Qualität von „Natürliche Mängel“ und auch das Lethemsche Spiel mit den Hardboiled-Klischees erreicht nie Pynchons Niveau. Stattdessen bleibt „Der wilde Detektiv“ lustlos unter den Anfangs geschürten Erwartungen.
Das liegt auch an der Erzählerin Phoebe Siegler. Die gebildete New Yorkerin ist peinlich nah am hoffnungslos veralteten Klischeebild der ‚damsel in distress‘, die nur möglichst schnell mit dem animalischen Detektiv ins Bett springen will. Sie ist eine Klischeefigur, die nur primitivsten männlichen Wünschen entspricht. Lethem gesteht seiner Ich-Erzählerin erstaunlich wenig Eigenständigkeit zu.
Am Ende überzeugt Phoebes Abenteuer mit dem wilden Detektiv weder als literarisches Spiel mit dem Genre und dem Mythos Kalifornien, noch als Abrechnung mit der USA unter Donald Trump. Trotz der Sprache, dem furiose Beginn und den ersten zwei Drittel, in denen, siehe „Inland Empire“,Lethem Fährten für ein Lyncheskes Spiel mit der Realität auslegt. Sie interessieren ihn nicht weiter. Anstatt absurder zu werden, läuft alles auf ein arg konventionelles und nicht befriedigendes Ende hinaus.
Vor Einbruch der Nacht (Juste avant la nuit, Frankreich 1971)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol
LV: Edward Atiyah: The thin line, 1951 (später Murder, my Love)
Bei einem SM-Spiel tötet Charles Masson seine Geliebte. Er gesteht die Tat seiner Frau und dem Mann seiner Geliebten. Der ist zugleich sein bester Freund. Beide raten ihm davon ab, zur Polizei zu gehen. Aber kann Masson mit seiner Schuld leben?
Chabrol rechnet mal wieder mit der Moral der Bourgeoisie ab. Ein mehr als selten gezeigter Chabrol-Klassiker.
Masson „ist ein Gefangener seiner eigenen Welt, der er letztlich zum Opfer fällt. Chabrol inszeniert dies mit der analytisch-sezierenden Brillanz eines Chirurgen, er nutzt die Kamera und ihre Bewegungen über ihren ästhetischen Aspekt hinaus zur psychologischen Beweisführung. Darin ist er seinem Vorbild Alfred Hitchcock sehr nahe.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
mit Michel Bouquet, Stéphane Audran, Jean Carmet, Francois Périer, Henri Attal
Kurz nachdem Robert B. Parker in seinen Spenser-Romanen das Modell des Privatdetektivs und seines besten Freundes etablierte, etablierte Sara Paretsky etwas anderes: den weiblichen Privatdetektiv. Ihr Charakter Vic Warshawski begann als weiblicher Philip Marlowe. Ihr erster Auftritt war in „Schadenersatz“ (Indemnity Only, 1982). In den nächsten Jahren folgten ziemlich schnell weitere Hardboiled-Romane mit ihr. Sie waren Kritiker- und Publikumserfolge. Weitere Autorinnen begannen Krimis mit taffen Privatdetektivinnen zu schreiben. In ihren Romanen behandelten sie auch die gesamte Palette aktueller Themen.
Neben Preisen und Nominierungen für ihre Romane wurde Sara Paretsky mehrmals für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. 2002 erhielt sie den Cartier Diamond Dagger Award der Crime Writers‘ Association, 2011 den Anthony Lifetime Achievement Award und, ebenfalls 2011, wurde sie Grand Master der Mystery Writers of America (MWA).
Zur Verleihung des Titels Grand Master an Sara Paretsky schrieb die MWA: „The mystery genre took a seven-league stride thanks to Sara Paretsky, whose gutsy and dauntless protagonist showed that women can be tough guys, too,“ said Larry Light, Executive Vice President of Mystery Writers of America. „Before, in Sara’s words, women in mysteries were either vamps or victims. Her heroine, private eye V.I. Warshawski, is whip-smart and two-fisted, capable of slugging back whiskey and wrecking cars, and afire to redress social injustice.“
Mit „V. I. Warshawski – Detektivin in Seidenstrümpfen“ (V. I. Warshawski) gab es 1990 auch eine sehr freie, Richtung Komödie gehende Verfilmung des Warshawski-Krimis „Deadlock“ mit Kathleen Turner als Detektivin. Das Beste was über den Film gesagt werden kann, ist, dass aus der geplanten Serie nichts wurde und das dümmliche Machwerk vergessen ist; — das sind schon zwei Dinge.
Paretsky schrieb weiter. In den USA sind ihre Krimis Bestseller. In Deutschland veröffentlichte Piper zehn, Goldmann zwei und Piper einen ihrer Warshawski-Romane. Fast alle sind nur noch antiquarisch erhältlich. Fünf Warshawski-Romane sind noch nicht übersetzt. Paretsky schrieb auch zwei Einzelromane.
Und sie ist eine der Gründerinnen des internationalen Netzwerks „Sisters in Crime“.
Mit „Kritische Masse“ wagt jetzt der Argument-Verlag einen Neustart.
Dieses Mal sucht Vic Warshawski zunächst die spurlos verschwundene, drogensüchtige Judy Binder. In einem einsam in Palfry, einem Kuhdorf hundert Meilen weg von ihrer Heimat Chicago, gelegenem Meth-Haus findet Warshawski zwar nicht Judy, aber eine Leiche. Über ein, zwei Umwege wird Warshawski von Judys Mutter beauftragt, Martin Binder zu finden. Martin ist Judys Sohn, der noch bei seiner Großmutter lebt und ebenfalls spurlos verschwunden ist. Zuletzt arbeitete er bei Metargon, einer großen, seit Jahrzehnten bestehenden Computerfirma. Der Gründungsmythos reicht zurück bis zum Zweiten Weltkrieg. In der Firma entdeckte Martin etwas, das ihn beunruhigte und zu eigenen Nachforschungen veranlasste. Kurz darauf verschwindet er spurlos. Seitdem gibt es auch keine elektronischen Spuren von ihm.
Während Warshawski Judy und Martin Binder sucht, beginnt sie sich für die Vergangenheit der Familie Binder zu interessieren. Die jüdische Familie flüchtete während der Nazi-Diktatur aus Österreich.
Weil in einem Kriminalroman ein Autor nicht einfach so in epischer Breite vollkommen belanglose Informationen über das Leben der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von Figuren erzählt, ist schon auf den ersten Seiten klar, dass diese Geschichten aus der Vergangenheit etwas mit Martins Verschwinden zu tun haben werden. Damit ist auch klar, dass Martin wahrscheinlich keine aktuellen krummen und staatsbedrohenden Geschäfte von Metargon entdeckte. Diese Lösung wird angedeutet, als Warshawski eines Abends in ihrer Wohnung zurückkehrt und dort auf zwei Heimatschutz-Agenten trifft. Sie sind bei ihr eingebrochen und murmeln etwas von nationaler Sicherheit.
Insgesamt ist nach gut 540 Seiten die Erklärung für Martins Verschwinden dann fast schon erstaunlich unspektakulär und die Geschichte verliert sich etwas zu sehr in der Geschichte der Familie Binder.
Das ändert nichts daran, dass die Freude über die Rückkehr von Sara Paretsky auf den deutschen Buchmarkt eindeutig überwiegt.
Nächstes Jahr will der Argument-Verlag einen weiteren Warshawski-Roman veröffentlichten.
Biester (La cérémonie, Frankreich/Deutschland 1995)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff
LV: Ruth Rendell: A Judgment in Stone, 1977 (Urteil in Stein)
Die wohlhabenden Lelièvres schätzen Sophie als Hausmädchen. Dabei wissen sie nichts über ihre Perle. Ganz im Gegensatz zur Postbeamtin Jeanne.
Chabrols ruhiger Thriller blickt einmal mehr hinter die Kulissen der Provinz-Bourgeoisie. Der Ausgang seines „marxistischen Thrillers“ (Chabrol über Biester) ist letal. „Der sozialen Hinrichtung der Repräsentanten der Unterschicht folgt die körperliche Hinrichtung der Bourgeoisie. Das ist der totale Krieg zwischen den Klassen. Und Chabrol setzt ihn unverhüllt in Szene.“ (Fischer Film Almanach 1996)
Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Claude Chabrol, Filmemacher des stillen Skandals“ (Frankreich 2018).
Mit Isabelle Huppert, Sandrine Bonnaire, Jean-Pierre Cassel, Jacqueline Bisset
Mein Leben als Zucchini(Ma vie de courgette, Schweiz/Frankreich 2016)
Regie: Claude Barras
Drehbuch: Céline Sciamma, Germano Zullo (Mitarbeit), Claude Barras (Mitarbeit), Morgan Navarro (Mitarbeit)
LV: Gilles Paris: Autobiographie d’une Courgette, 2002 (Autobiographie einer Pflaume, Mein Leben als Zucchini)
Nach dem Tod seiner Mutter wird der neunjährige Zucchini in das Kinderheim von Madame Papineua geschickt. Er muss neue Freunde finden und verliebt sich auch ein wenig in Camille. Doch dann soll Camille das Heim verlassen.
Wunderschöner, sehr gelungen sehr viele, sehr ernste Themen ansprechender Trickfilm, der auch für den Oscar als bester Animationsfilms des Jahres nominiert war. Den Preis als Bester Europäischer Animationsfilm und den Preis des Züricher Filmfest als bester Kinderfilm erhielt er. Neben einigen anderen.
Die heutige TV-Premiere dient natürlich nur dazu, dass Erwachsene sich den Film ansehen und ihn dann, so schnell es geht, mit ihren Kindern wieder ansehen.
Bevor David Lynch Frank Herberts SF-Saga „Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965) verfilmte, sollte Alejandro Jodorowsky das Buch verfilmen. Die Verfilmung zerschlug sich. Die Pläne wurden legendär. Die Doku zeigt, warum Jodorowskys „Dune“ einer der großen nie gedrehten Filme ist. Jedenfalls wenn man sich die Ideen, Pläne und Visionen ansieht und anhört.
Aktuell ist Denis Villeneuve mit einer Verfilmung von „Dune“ beauftragt. Die Dreharbeiten sollen im Frühling beginnen und die Liste der Stars, die mitspielen, wird immer länger. Aktuell sind Timothée Chalamet (als Paul Atreides), Rebecca Ferguson, Josh Brolin, Charlotte Rampling, Javier Bardem, Dave Bautista, Stellan Skarsgård und, zuletzt, Josh Brolin dabei. Mit Zendaya und Oscar Isaac wird verhandelt. Einen Starttermin gibt es noch nicht.
Mit Alejandro Jodorowsky, Amanda Lear, Brontis Jodorowsky, Chris Foss, Christian Vander, Devin Faraci, Drew McWeeny, Gary Kurtz, H. R. Giger, Jean-Paul Gibon, Jean-Pierre Vignau, Michel Seydoux, Nicolas Winding Refn, Richard Stanley