Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Tick Tock Tick Tock „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

September 23, 2018

Hier ist sie nun: die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der sich förmlich für eine Verfilmung anbietet. Nicht weil die Geschichte so neu ist, sondern weil einfach eine sattsam bekannte Geschichte mit dem kleinen Twist erzählt, dass der Held, der einen Toten wieder erweckt ein zehnjähriger Junge ist und alles etwas harmloser abläuft als in einer Stephen-King-Verfilmung. Aber auch nicht so harmlos, dass man der FSK-Freigabe „ab 6 Jahre“ problemlos, aus vollem Herzen zustimmen möchte. Dafür ist „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ dann doch etwas zu düster geraten.

Im Buch und Film wird der zehnjährige Lewis Barnavelt (Owen Vaccaro) von seinem in New Zebedee lebendem Onkel Jonathan (Jack Black) aufgenommen. Lewis hat seine über alles geliebten Eltern verloren. Sein Onkel lebt, wie er schnell erfährt, in einem Zauberhaus und er ist etwas exzentrisch, aber sehr liebenswert. Und er belästigt Lewis nicht mit Regeln und Vorschriften. Außerdem sind er und seine Nachbarin, Mrs. Zimmerman (Cate Blanchett), richtige Zauberer.

Die beiden Freigeister führen Lewis in die wundervolle Welt der Zauberei ein.

Als Lewis, um einen Klassenkameraden zu beeindrucken, einen Toten wieder zum Leben erweckt, setzt er unwissentlich eine katastrophale Dynamik in Gang.

Denn er erweckte Isaac Izard (Kyle MacLachlan), den früheren Besitzer des Hauses. Izard ist ein böser Zauberer, der auch irgendetwas mit der tickenden Uhr zu tun hat, die irgendwo im Haus in der Wand verborgen ist und die einen Countdown schlägt.

Lewis, Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman versuchen die Katastrophe zu verhindern. Dummerweise haben sie keine Ahnung, wieviel Zeit sie noch haben und wer ihre Gegner sind.

Das klingt doch nach einer zünftigen Horrorgeschichte mit all den vertrauten und liebgewonnenen Genretopoi und Figuren, die dieses Mal für ein jüngeres Publikum erzählt wird.

Zu den Produzenten gehört, was für die kindgerechte Version spricht, Amblin Entertainment. Spielbergs Firma ist vor allem bekannt für familienfreundliche Filme, wie „E. T. – Der Außerirdische“. Zu den Amblin-Filmen gehört auch „Gremlins“. Und, obwohl es strenggenommen kein Amblin-ist, auch „Poltergeist“. Der Horrorfilm wurde von „The Texas Chainsaw Masscre“-Regisseur Tobe Hooper inszeniert. Hooper war damals und heute nicht für familien- und kindertaugliche Filme bekannt.

Ich sage das, weil „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ von Eli Roth inszeniert wurde. Roth ist für alles bekannt, außer für Kinderfilme. Horrorfilme, die oft Probleme mit der Zensur haben, sind sein Metier. Auch wenn er zuletzt mit „Knock Knock“ und „Death Wish“ Thriller drehte, die nicht gut waren.

„Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ ist jetzt ein Kinderfilm, der nicht gut ist.

Das beginnt schon mit den Gruselszenen, die für ein kindliches Publikum wirklich sehr gruselig geraten sind. Wenn Lewis, Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman von einer Horde Halloween-Kürbisse oder einer Armada Puppen angegriffen werden und sie diese mit spürbarer Lust an brachialer Gewalt vernichten, dann ist da kein Hauch von Magie, sondern nur die Lust am Gemetzel zu spüren. Es sind Szenen, die sich an ein älteres Publikum richten.

Humor könnte solchen Momenten seinen Schrecken nehmen, aber in „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ wirkt der Humor, vor allem die Neckereien zwischen Onkel Jonathan und Mrs. Zimmerman, immer etwas zu forciert. Er hat auch keine reale Grundierung. Das trifft auf den gesamten Film, der 1955 in einem typischen Fünfziger-Jahre-All-America-Ort spielt. Bellairs‘ Roman spielt bereits 1948; was nichts daran ändert, dass Buch und Film in einem Traum-Amerika spielen, in dem der amerikanische Traum als Traum des weißen Mannes noch ungebrochen zelebriert wurde. Es ist auch ein Ort, der immer wie eine leblose, aus dem Fundus zusammengestellte Theaterkulisse wirkt.

Zu diesen Problemen, die sich ausschließlich aus der Präsentation ergeben, kommt eine sehr schleppend erzählte Filmgeschichte, die bei all ihren Änderungen doch erstaunlich nahe an der Vorlage bleibt. Schon der Roman ist kein prototypischer Pageturner, sondern ein Kinderbuch, dessen Geschichte sich über viele Monate erstreckt, in dem Izard erst in der Buchmitte von den Toten aufersteht und in dem die potentiell gruseligen Momente schnell abgehandelt werden. In einem Roman ist das weniger ein Problem als in einem Film. Es dauert eine Stunde, bis Lewis, um bei einem Klassenkameraden Eindruck zu schinden, mitten in der Nacht den Bösewicht des Films wieder erweckt. Dass er dadurch eine tödliche Dynamik in Gang setzt, begreift er erst später. Spannender wird die Geschichte in den folgenden ungefähr vierzig Minuten dadurch allerdings nicht. Roth reiht einfach, ohne ein Gefühl für Stimmungen, Episoden aneinander, währen Jack Black und Cate Blanchett erstaunlich blass bleiben.

Besser man sieht sich noch einmal „Gänsehaut“ an. Das ist, ebenfalls mit Jack Black, ein richtig vergnüglicher Horrorfilm für Kinder, der auch Erwachsenen gefällt und etliche gelungene Anspielungen hat.

Das Haus der geheimnisvollen Uhren (The House with a Clock in its Walls, USA 2018

Regie: Eli Roth

Drehbuch: Eric Kripke

LV: John Bellairs: A House with a Clock in its Walls, 1973 (Das Geheimnis der Zauberuhr, Das Haus der geheimnisvollen Uhren)

mit Owen Vaccaro, Jack Black, Cate Blanchett, Renée Elise Goldsberry, Sunny Suljic, Collen Camp, Lorenza Izzo, Kyle MacLachlan

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 6 Jahre (nicht unumstritten)

–

Die Vorlage

John Bellairs: Das Haus der geheimnisvollen Uhren

(übersetzt von Alexander Schmitz)

Heyne, 2018

224 Seiten

9,99 Euro

–

Deutsche Erstausgabe

Das Geheimnis der Zauberuhr

Diogenes, 1977

–

Originalausgabe

A House with a clock in its walls

Puffin Books, Penguin, New York, 1973

–

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

Metacritic über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

Rotten Tomatoes über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“

Wikipedia über „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Eli Roths „Knock Knock“ (Knock Knock, USA/Chile 2015)

Meine Besprechung von Eli Roths „Death Wish“ (Death Wish, USA 2018)


TV-Tipp für den 23. September: Deadpool

September 23, 2018

Pro7, 20.15

Deadpool (Deadpool, USA 2016)

Regie: Tim Miller

Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick

LV: Charakter von Rob Liefeld und Fabian Nicieza

Wade Wilson sagt, dass „Deadpool“ der beste Superheldenfilm aller Zeiten ist und dass man, wenn man nur einen Superheldenfilm sehen will, „Deadpool“ sehen muss.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T. J. Miller, Gina Carano, Brianna Hildebrand, Leslie Uggams, Stan Lee (sein Cameo)

Wiederholung: Montag, 24. September, 00.50 Uhr (Taggenau!) (dann wahrscheinlich ungeschnitten. Denn „Deadpool“ ist ein FSK-16-Film und nach der Ankündigung dürften heute Abend etliche Minuten fehlen.)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Deadpool“
Metacritic über „Deadpool“
Rotten Tomatoes über „Deadpool“
Wikipedia über „Deadpool“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Deadpool

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special (X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture, 2010)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Ramon Rosanas „Night of the Living Deadpool“ (Night of the Living Deadpool # 1 – 4, März 2014 – Mai 2014)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Nik Virellas „Return of the Living Deadpool“ (Return of the Living Deadpool # 1 – 4, April 2015 – Juli 2015)

Meine Besprechung von „Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie“ (2016, Sammelband mit vielen Deadpool-Geschichten)

Meine Besprechung von Mike Benson/Adam Glass/Laurence Campbells „Deadpool Pulp“ (Deadpool Pulp 1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Tim Millers „Deadpool“ (Deadpool, USA 2016)

Meine Besprehung von David Leitchs „Deadpool 2“ (Deadpool 2, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Filmische Experimente: „Searching“ am Computer

September 22, 2018

Wir verbringen immer mehr Zeit vor dem Computerbildschirm. Schon lange weiß der Computer mehr über uns, als wir selbst. Seine Erinnerung trügt nicht. Vergessen tut er ebenfalls nichts. Und er ist, solange wir nicht zum Einkaufen vor die Tür müssen (wobei es ja auch Lieferdienste gibt), unser Tor zur Welt. Oder zu einer anderen Person. Zum Beispiel der eigenen, spurlos verschwundenen Tochter.

37 Stunden nach dem spurlosen Verschwinden seiner sechzehnjährigen Tochter Margot (Michelle La) loggt ihr Vater David Kim (John Cho) sich in den Computer seiner Tochter ein. Er hofft so, zu erfahren, warum sie verschwunden ist. Und wo sie ist.

Als erstes entdeckt er allerdings einige Dinge, die er nicht über Margot wusste. Dabei hat er geglaubt, dass sie ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis haben.

Schnell entdecken er und die in dem Vermisstenfall ermittelnde Polizistin Rosemary Vick (Debra Messing), dass Margot nicht ganz freiwillig verschwunden ist.

Regisseur Aneesh Chaganty erzählt, nach mehreren Kurzfilmen, in seinem Spielfilmdebüt „Searching“ die Geschichte von David Kim und der Suche nach seiner Tochter ausschließlich über den Computer. Es ist ein Bildschirmfilm, der zeigt, was formal bei einem Desktop-Film möglich ist. Auch wenn einige Gespräche, die sich auf Margots Computer befinden, wahrscheinlich niemals aufgenommen würden und Verhörvideos, die während Vicks Ermittlungen entstehen, niemals auf Margots oder, in dem Moment, Kims Computer gelangen. Außerdem müssen alle wichtigen Erzählschritte so erzählt werden, dass sie entweder am Computerbildschirm geschehen oder es, zum Beispiel, Nachrichtenbilder gibt, die uns diese für das Verständnis der Geschichte wichtigen Informationen vermitteln. Das gelingt Chaganty und seinem Co-Drehbuchautor Sev Ohanian.

Der Kriminalfall und seine Auflösung sind allerdings immer wieder nicht nicht logisch und in Teilen, vor allem mit zunehmender Laufzeit, auch nicht plausibel. So gibt es, zum Beispiel, keinen Grund, weshalb Kim an die Verhörvideos kommt.

In einem normalen Thriller würde man deshalb die Geschichte lustvoll in der Luft zerreißen. Aber hier ist sie nur die erzählerische Krücke, um zu zeigen, wie ein spannender Desktop-Film aussehen kann.

Denn „Searching“ zeigt exemplarisch die Möglichkeiten und auch Grenzen eines Desktop-Films. Nie fühlt man sich als Zuschauer eingeengt durch den Bildschirm. Die Kamera gleitet sehr flexibel über den Bildschirm und lenkt damit den Blick auf die wichtigen Informationen, die aus verschiedenen Quellen kommen. Es gibt Chats und direkte FaceTime-Gespräche. Der Cursor und die Tastenanschläge, beim Schreiben von Texten, visualisieren, was Kim denkt und fühlt. Falls man ihn nicht gerade auf dem Computerbildschirm sieht.

Wie es Chaganty gelingt, das zu erzählen, macht seinen Film unbedingt sehenswert. Auch um zu sehen, wie die Ideen von Chaganty künftig fortgeführt werden. Dann allerdings wohl eher und besser als mehr oder weniger umfangreichen Teil eines Films. Denn, in der Beziehung ist „Searching“ wie andere Kunstprojekte, in denen das Konzept an erster Steller steht und Dinge in diesem Rahmen ausprobiert und bis an ihre Grenzen gebracht wurden: wenn man die Grenzen ausprobiert hat, sind sie bekannt. Danach fehlt der Überraschungseffekt. Es kann immer noch ein guter Film entstehen, aber es wird ein Film sei, über den es heißt: Das habe ich in „Searching“ besser gesehen.

Deshalb ist „Searching“ deutlich besser als „Unknown User“ (Unfriended, USA 2014), der erste Desktop-Film, der regulär in unseren Kinos lief. Der ebenfalls von Timur Bekmambetow produzierte Film erzählt in Echtzeit eine 08/15-Horrorgeschichte voller Logiklöcher.

Searching (Searching, USA 2018)

Regie: Aneesh Chaganty

Drehbuch: Aneesh Chaganty, Sev Ohanian

mit John Cho, Debra Messing, Joseph Lee, Michelle La

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Searching“

Metacritic über „Searching“

Rotten Tomatoes über „Searching“

Wikipedia über „Searching“

–

Build Series unterhält sich (nach dem Prolog ab Minute 8:56) mit Aneesh Chaganty (Regie, Drehbuch), Sev Ohanian (Drehbuch) und John Cho (Hauptrolle) über den Film


TV-Tipp für den 22. September: Sin Nombre – Zug der Hoffnung

September 22, 2018

Das Spielfilm-Debüt des neuen James-Bond-Regisseurs

One, 22.00

Sin Nombre – Zug der Hoffnung (Sin Nombre, Mexiko/USA 2009)

Regie: Cary Jôji Fukunaga (bzw. Cary Fukunaga))

Drehbuch: Cary Jôji Fukunaga

Was machte Cary Fukunaga vor „True Detective“? Zum Beispiels „Sin Nombre“, ein allgemein abgefeiertes und ausgezeichnetes Gangsterdrama, über einen Teenager, der in Mexiko Mitglied einer großen Gangsterbande ist und, nachdem er in Ungnade fällt, auf einem Zug in die USA flüchten will. Verfolgt von seinen alten Freunden. Auf seiner Reise verliebt er sich in ein Mädchen, das aus Honduras ebenfalls illegal in die USA einreisen will.

„Überzeugend verbindet das Drama Genre-Elemente aus Road Movie und Liebesfilm und verdichtet sie zur eindringlichen Bestandsaufnahme der tatsächlichen Verhältnisse, die Menschen Richtung USA treiben, sowie der Gefahren, die sie auf der Flucht erwarten.“ (Lexikon des Internationalen Films)

Mit Paulina Gaitan, Edgar Flores, Kristian Ferrer, Tenoch Huerta Mejía, Luis Fernando Peña, Diana Garcia

Wiederholung: Montag, 24. September, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sin Nombre“

Wikipedia über „Sin Nombre“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 21. September: Der Swimmingpool

September 20, 2018

3sat, 22.25

Der Swimmingpool (La piscine, Frankreich/Italien 1968)

Regie: Jacques Deray

Drehbuch: Jean-Emmanuel Conil (Pseudonym von Alain Page), Jean-Claude Carrière (Adaption und Dialoge), Jacques Deray (Adaption und Dialoge)

Viel Story hat „Der Swimmingpool“ nicht, aber darum ging es auch nicht. Denn das High Concept hieß: Das ehemalige Liebespaar „Alain Delon und Romy Schneider am Swimmingpool. Und Jane Birkin ist auch dabei.“

Denn der Filmplot ist (wenn man mehr als Delon und Schneider leicht bekleidet am Swimmingpool sehen will) eine arg zähe Dreiecksgeschichte mit Sex und Mord unter der südfranzösischen Sonne. Der Film war ein Kinohit.

mit Alain Delon, Romy Schneider, Maurice Ronet, Jane Birkin

Hinweise

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Wikipedia über „Der Swimmingpool“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster)

Meine Besprechung von „Die Abenteurer“ (mit Alain Delon und Lino Ventura)

Alain Delon in der Kriminalakte

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon


Neu im Kino/Filmkritik: „Wackersdorf“ – ein Spielfilm über den Kampf eines Landrats gegen eine Zukunftstechnologie

September 20, 2018

Prolog: Die Geschichte des Kampfes um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf könnt ihr hier nachlesen

Oder einfach den Film „Wackersdorf“ von „Ein Geschenk der Götter“-Regisseur Oliver Haffner ansehen. Denn er zeichnet die Geschichte ziemlich genau nach.

In den frühen achtziger Jahren steckt der oberpfälzische Landkreis Schwandorf in einer tiefen Strukturkrise. Arbeitsplätze sind Mangelware. Die Lage, direkt am damals noch bestehenden Eisernen Vorhang, ist unattraktiv. Landrat Hans Schuierer (SPD) (Johannes Zeiler) kämpft daher verzweifelt um jede mögliche Neuansiedlung.

Mit dem überraschenden Angebot des bayerischen Umweltministers und damit der CSU-Regierung scheint sich das Blatt für die Region zu wenden: eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage soll in Wackersdorf gebaut werden. Etliche Bürger sind begeistert über die Arbeitsplätze, die mit der WAA entstehen sollen.

Aber Schuierer ist schon in diesem Moment skeptisch. Denn die Versprechen aus München und von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) über die saubere, moderne Hochtechnologie sind zu schön um wahr zu sein. Er informiert sich über die Gefahren der Atomkraft. Er wird zunehmend zum Kritiker des Projekts und zu einem wichtigen Teil des Widerstands gegen die WAA, die damals heiß umkämpft war und in Bayern für bürgerkriegsähnliche Zustände sorgte. In diesem Moment blendet Haffners Film sich langsam aus der Geschichte aus.

Bis dahin ist „Wackersdorf“ eine oft träge erzählte Eloge auf den tapferen Landrat, der sich mit der allmächtigen CSU anlegt. Er stellt Fragen. Er ist nicht ihr williger Erfüllungsgehilfe. Wegen ihm wird, als er sich im September 1984 weigert, den WAA-Bebauungsplan öffentlich auszulegen, sogar ein Gesetz verändert. Durch die „Lex Schuierer“ können Fachminister die Leiter von Aufsichtsbehörden ermächtigen, anstelle der Landräte zu handeln. Diese Änderung im Verwaltungsverfahrensgesetz ist letztendlich die Entmachtung eines von der Bevölkerung gewählten Landrats.

Durch den Fokus auf den durch und durch bürgerlichen, oft miesepetrig in die Welt starrenden Landrat und Dickschädel konzentriert sich der Film auf Konflikte innerhalb der Verwaltung und zwischen bürgerlichen Parteien. Der gesamte zivilgesellschaftliche Widerstand, der von normalen Bürgern, Geistlichen und der gesamten Anti-AKW-Bewegung getragen wurde, wird dagegen an den Rand gedrängt.

Ein anderes Problem des Films ist, dass Schuierer im Film von Anfang an sehr skeptisch ist. Seine Entwicklung vom Skeptiker zum Gegner der WAA ist eine sehr minimale Entwicklung. Und es ist unklar, auf welches Ende das Drama zusteuert. Daher gibt es keine auf eine finale Konfrontation hin ausgelegte Spannungskurve. Letztendlich plätschert der Film vor sich hin.

„Wackersdorf“ ist, obwohl das bei der Geschichte um die WAA Wackersdorf einfach möglich gewesen, kein Polit-Thriller. Haffner inszenierte stattdessen ein ruhig erzähltes Drama in gedeckten Brauntönen über einen Landrat, der zum Widerstandskämpfer wird. Es ist ein Film aus einer Zeit und einem Land, in dem die CSU mit ihrem Landesvater Franz Josef Strauß und seinen willigen Vasallen, die es alle gewohnt sind, ihren Willen zu bekommen, wie Mehltau über dem Land liegt. Widerstand, Protest und Zivilcourage kennen sie nicht.

Epilog: Hambacher Forst, Bayerisches Polizeigesetz,…

Wackersdorf (Deutschland 2018)

Regie: Oliver Haffner

Drehbuch: Gernot Krää, Oliver Haffner

mit Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner, Anna Maria Sturm, Andreas Bittl, Fabian Hinrichs, Johannes Herrschmann, Frederic Linkemann, Ines Honsel, Sigi Zimmerschied, August Zirner

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wackersdorf“

Moviepilot über „Wackersdorf“

Wikipedia über „Wackersdorf“

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Ein Geschenk der Götter“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Spanischer Kinohit und Oscar-Kandidat: „Wir sind Champions“

September 20, 2018

Marco (Javier Gutiérrez) ist ein Choleriker, ein Rechthaber und ein Stinkstiefel alter Schule, der überzeugt ist, dass die Welt sich gefälligst um ihn drehen muss. Als der Co-Trainer einer spanischen Erst-Liga-Basketballmannschaft die Spielstrategie seines Chefs für falsch hält, beginnt er während des Spiels und vor laufender Kamera, einen handfesten Streit mit ihm. Er wird gefeuert. Seinen Kummer darüber ertränkt er im Alkohol. Auf der Heimat durch das nächtliche Madrid wird er von der Polizei angehalten. Er streitet sich gleich mit den Beamten und demoliert dabei einige Autos. Das Polizeiauto gehört dazu.

Die von einer Richterin ausgestellte Quittung besteht in der Wahl zwischen einer Haftstrafe oder sozialer Arbeit. Marco wählt die Sozialarbeit, die er am liebsten auch Umgehen möchte. Denn wer will schon ein Basketball-Team geistig Behinderter trainieren?

Aber der Vereinsvorsitzende und die Richterin bleiben hart. Marco muss die „Amigos“ trainieren. Die haben noch nie ein Spiel gewonnen und sie werden auch nie eines gewinnen. Sie werfen Bälle in den eigenen Korb. Sofern sie ihn überhaupt treffen. Sie funktionieren nicht als Mannschaft. Sie verstehen die Grundlagen des Spiels nicht. Und weil sie alle geistig behindert sind, verstehen sie vieles nicht oder falsch oder wörtlich. Etwas langsam sind sie auch. Sie sind das genaue Gegenteil von Marco, der aus dem Chaotenhaufen ein Team formen soll, das auch Spiele gewinnt.

„Wir sind Champions“ von Javier Fesser (Clever & Smart, Clever & Smart – In geheimer Mission) ist ein sehr sympathischer Feelgood-Film, der humorvoll in den erwartbaren Bahnen verläuft und ein wundervoll liebenswertes Team geistig Behinderter hat, die schon lange den Sinn des Lebens kennen, während Marco ihn noch lernen muss.

In Spanien war die Komödie ein von über drei Millionen Menschen gesehener Kinohit, der inzwschen auch Spaniens Kandidat für den Oscar als bester ausländischer Film ist.

Deutschland schickt stattdessen Florian Henckel von Donnersmarcks bedeutungsschwangeres Drama „Werk ohne Autor“ (Kinostart: 3. Oktober, Besprechung folgt) ins Oscar-Rennen.

Wir sind Champions (Campeones, Spanien 2018)

Regie: Javier Fesser

Drehbuch: David Marqués, Javier Fesser

mit Javier Gutiérrez, Athenea Mata, Luisa Gavasa, Daniel Freire, Laura Barba, Juan Margallo, Jesús Lago Solis, Roberto Sánchez, Julio Fernández, Jesús Vidal, José de Luna, Sergio Olmos, Stefan López, Alberto Nieto, Fran Fuentes, Gloria Ramos

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wir sind Champions“

Rotten Tomatoes über „Wir sind Champions“

Wikipedia über „Wir sind Champions“ (englisch, spanisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Filmische Experimente: „Utøya, 22. Juli“

September 20, 2018

Ein Film erzählt über seine Schnitte und die Montage seine Geschichte. Und gerade deshalb probieren Regisseure immer wieder, einen Film ohne einen einzigen Schnitt zu erzählen. Während Alfred Hitchcock beim Dreh von „Cocktail für eine Leiche“ (Rope) aufgrund der damaligen Länge der Filmrollen alle zehn Minuten tricksen musste, können heutige Kameras scheinbar endlos aufnehmen und aufgrund ihrer Größe sind sie auch sehr beweglich. Die Grenze ist die physische Kondition des Kameramanns. Sebastian Schipper inszenierte den 140-minütigen sehr bewegungsintensiven Gangsterfilm „Victoria“. Das Experiment gelang. Es gibt sogar einen von Dani Levy inszenierten „Tatort“, der ohne einen einzigen Schnitt auskommt.

In „Utøya 22 Juli“ erzählt Erik Poppe seine Geschichte ebenfalls ohne einen Schnitt. So will er die Zuschauer in die Situation seiner jugendlichen Protagonisten auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 bringen. Er will ihre Geschichte erzählen und den Blick vom Täter auf die Opfer seiner Tat bringen.

An dem Tag stürmte der schwerbewaffnete Rechtsterrorist Anders Breivik auf die Insel und schoss wahllos um sich. In dem Moment sind ungefähr fünfhundert Jugendliche auf Utøya in einem Sommercamp der Jugendorganisation AUF der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet. Breivik erschießt 67 Menschen und er verursacht den Tod von zwei weiteren Menschen.

Im gesamten Film, im Abspann und im Pressematerial wird sein Name nicht einmal erwähnt. Auch im Film taucht er nur am Ende kurz als Silhouette am Horizont auf. Es ist das ausdrückliche Programm des Films, ihm kein Forum zu geben.

Während Breivik mordet, begleiten Poppe und sein Kameramann Martin Otterbeck vor allem die 18-jährige Kaja. Sie flüchtet, geht wieder zurück in das Zeltlager, sucht ihre jüngere Schwester und versucht zu helfen. Ohne einen Überblick über die Situation zu haben. Sie und die anderen Jugendlichen, wissen nicht, wer auf sie schießt. Sie wissen nicht, ob es sich um einen Terroranschlag (kurz davor zündete Breivik in Oslo eine Autobombe), eine nicht angekündigte Militärübung oder einen schlechten Scherz handelt. Sie und die anderen Teilnehmer des Sommercamps wissen auch nicht, ob eine oder mehrere Personen auf sie schießen.

Es dauert 72 Minuten, bis die Polizei auf die Notrufe reagiert und auf der Insel eintrifft. Poppe erzählt diese Stunde des Grauens, mit einem kurzen Prolog, in Echtzeit. „ Utøya 22. Juli“ dauert 98 Minuten.

Mit seinem Spielfilm will Poppe den Opfern eine Stimme geben. Deshalb zeigt er, bis auf einen kurzen Moment am Filmende nie den Täter. Er kümmert sich, was im Rahmen der von ihm erzählten Filmgeschichte auch unmöglich ist, auch nicht um Breiviks Motivation, Motive und Psyche.

Das ist ein ehrenwertes Anliegen und wenn er mit seinem Film zur Traumabewältigung bei den Betroffenen beiträgt, kann nichts dagegen gesagt werden.

Aber hier geht es um den Film als Film und wie sehr er dem unbeteiligten Zuschauer etwas erzählen kann.

Beginnen wir mit dem Film.

Ja, es ist aus technischer Sicht beeindruckend, wie beweglich die Kamera ist und welche Laufleistungen Kameramann Otterbeck vollbringt. Aber die Filmgeschichte erschöpft sich weitgehend im Wegrennen und im Matsch liegen, während im Hintergrund weitere Jugendliche durch das Bild laufen. Das ist schnell redundant und auch nur von begrenztem Erkenntnisgewinn.

Die Opfer sind willkürlich gewählt. Sie haben nichts getan, was sie zum Opfer prädestiniert. Ihr Tod und ihr Leben, wenn es denn erzählt wird (was „„Utøya 22 Juli“ nicht tut), verrät uns nichts, was die Tat irgendwie erklärt oder erklärbar macht. Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Aufgrund der von Poppe gewählten Filmgeschichte können wir über die Opfer auch nicht mehr erfahren. Es sind Teenager, die Todesangst haben, sich verstecken, schreiend weglaufen und, meistens off screen, erschossen werden und sterben. Sie sind, abseits von dem, was sie innerhalb der wenigen Filmminuten tun, keine Individuen. Sie sind, wie man es aus einem Horrorfilm kennt, Schlachtvieh, das beim Zuschauer im sicheren Kinosessel für wohligen Schauer sorgen soll.

Das ist das Problem, der Filmgeschichte, die letztendlich den gängigen Konventionen des Horrorfilm folgt und Terror verbreiten soll.

Ein anderes Problem des Films ist der Umgang mit der Realität.

Die Geschichte von „Utøya 22. Juli“ entstand aus Gesprächen mit den Überlebenden des Anschlags. Anschließend verdichteten Poppe und die Drehbuchautorinnen Siv Rajendram Eliassen und Anna Bache-Wiig diese Geschichten zu einer auf wahren Ereignissen beruhenden Geschichte mit ausschließlich erfundenen Charakteren.

Aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen seien, so die Macher im Presseheft und im Abspann, alle Figuren im Film und ihre Erfahrungen vollständig fiktiv. Damit unterminiert der Film seinen Anspruch, die wahren Ereignisse zu erzählen. Er erzählt nicht die Geschichte der Opfer, sondern Geschichten, die von den Menschen inspiriert sind, die damals auf der Insel waren. Es ist an den entscheidenden Stellen ein fiktives Werk, das uns nichts über die Opfer, die damaligen Ereignisse (Warum dauerte es so lange, bis die Polizei eintraf?) oder den Täter verrät. Jeder dieser Punkte wäre in einer anderen Form besser aufgehoben gewesen. Und die Identifikation mit den Opfern – den Ermordeten und den Überlebenden des Anschlags – wäre in einer konventionellen Dokumentation, in der sie von ihren Erlebnissen und Gefühlen erzählen, eindrucksvoller gewesen.

„Utøya 22. Juli“ ist, das muss so hart gesagt werden, ein auf mehreren Ebenen gescheiterter Film, der scheitern musste. Er ist eine ärgerliche Fiktion, voll falscher Entscheidungen. Da hilft auch nicht die Idee, alles in einer Einstellung zu drehen. .

Utøya, 22. Juli (Utøya 22. Juli, Norwegen 2018)

Regie: Erik Poppe

Drehbuch: Siv Rajendram Eliassen, Anna Bache-Wiig

mit Andrea Berntzen, Elli Rhiannon Müller Osborne, Aleksander Holmen, Brede Fristad

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „ Utøya 22. Juli“

Metacritic über „ Utøya 22. Juli“

Rotten Tomatoes über „ Utøya 22. Juli“

Wikipedia über „ Utøya 22. Juli“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „ Utøya 22. Juli“


TV-Tipp für den 20. September: Blackhat

September 20, 2018

Vox, 23.00

Blackhat (Blackhat, USA 2014)

Regie: Michael Mann

Drehbuch: Morgan Davis Foehl

Nach einem verheerendem Hackerangriff auf kritische Infrastruktur tun sich chinesische und amerikanischer Sicherheitsleute zusammen. Aber ohne die Hilfe von Nick Hathaway, einem genialen, gerade inhaftierten Hacker, können sie den titelgebenden Blackhat nicht besiegen.

Bislang letzter Film von Michael Mann, der, trotz einiger gelungener Set Pieces und Bilder, nur eine lahme Version von „Miami Vice“ im Hackermilieu ist. „Blackhat“ ist langweiliger Unfug, der gerade so die Qualität eines passablen, aber verzichtbaren B-Pictures erreicht.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chris Hemsworth, Wang Leehom, Tang Wei, Viola Davis, Hold McCallany, Andy On, Ritchie Coster, John Ortiz, Yorick van Wageningen

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Blackhat“
Moviepilot über „Blackhat“
Metacritic über „Blackhat“
Rotten Tomatoes über „Blackhat“

Wikipedia über „Blackhat“ (deutsch, englisch)

Wired unterhält sich mit Michael Mann über „Blackhat“ und sieht sich mit Experten den Film an

Meine Besprechung der von Michael Mann erfundenen Krimiserie “Vega$ – Staffel 1″ (Vega$, USA 1978/1979)

Meine Besprechung von Michael Manns “Blackhat” (Blackhat, USA 2014)

Michael Mann in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. September: Das Leben gehört uns

September 19, 2018

Arte, 20.15

Das Leben gehört uns (La Guerre est déclarée, Frankreich 2011)

Regie: Valérie Donzelli

Drehbuch: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm

Als Juliette und Roméo erfahren, dass ihr 18 Monate alter Sohn einen Krebstumor im Gehirn hat, nehmen sie den Kampf auf.

Autobiographisch inspirierte, in schönster französischer Tradition erzählte Kampfansage an den Krebs und für das Leben. Ein etwas anderer Feelgood-Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm, César Desseix, Gabriel Elkaïm, Brigitte Sy, Elina Löwensohn, Michèle Moretti, Philippe Laudenbach, Bastien Bouillon, Béatrice De Staël, Anne Le Ny, Frédéric Pierrot, Elisabeth Dion

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Das Leben gehört uns“ (englisch, französisch)

Rotten Tomatoes über „Das Leben gehört uns“

Film-Zeit über „Das Leben gehört uns“

Allocine über „Das Leben gehört uns“

taz: Interview mit Valérie Donzelli und Jérémie Elkaïm

Meine Besprechung von Valérie Donzellis „Das Leben gehört uns“ (La Guerre est déclarée, Frankreich 2011)


„Der Riss“ – mehrere Reportagereisen, ein Buch, eine Ausstellung

September 18, 2018

Der Anfang war im Dezember 2013: Journalist Guillermo Abril und Fotograf Carlos Spottorno werden von der Chefredakteurin des Magazins „El Pais Semanal“ beauftragt, an mehrere, besonders konfliktträchtige Orte an Europas Grenzen zu reisen und über das Erlebte eine Titelgeschichte zu schreiben.

Die erste Station ihrer Reise ist in Nordafrika die von Marokko umgebene spanische Enklave Melilla. Danach reisen sie nach Griechenland und in das benachbarte Bulgarien. Ihre dritte Reise führt sie im März 2014 nach Lampedusa, Sizilien und auf das Schiff Grecale, das an der Operation Mare Nostrum beteiligt ist. Dort dokumentieren sie eine Seerettung von über zweihundert Flüchtlingen.

Diese Reisen werden, mit viel Multimediamaterial, zur zwanzigseitigen Titelgeschichte „Vor den Toren Europas“. Das Video erhält einen World Press Photo Award.

2015, eineinhalb Jahre nach ihren ersten Reisen, erhalten sie von ihrer Redaktion den Folgeauftrag. Jetzt wollen Abril und Spottorno die Ostgrenze der Europäischen Union erkunden. Sie fahren nach Ungarn und Kroatien. Im November 2015 geht es in die Ukraine, Litauen, Lettland und Polen, wo sie Militärübungen beobachten und Flüchtlingslager besuchen. Ihre letzte Reise geht dann nach Estland und Finnland, wo sie an der Grenze auf eine Gruppe Flüchtlinge aus Afghanistan und Kamerun treffen.

Bei diesen Reisen bemerken sie auch das zunehmend flüchtlingsfeindliche Klima.

Danach fragten die beiden Reporter sich, wie sie ihre Reisen, die sie in Reportagen dokumentierten, in einen größeren Zusammenhang stellen und einem breiteren Publikum präsentieren könnten. Abseits der Schnelllebigkeit des journalistischen Tagesgeschäfts, in dem auch prämierte Reportagen schnell reales und virtuelles Altpapier sind. Fotobände haben einen guten Ruf, aber Bestseller sind sie eher nicht. Und sie dachten daran, dass die neue Präsentation des Materials auch anders als die schon erfolgte Präsentation in dem Magazin sein sollte.

Carlos Spottorno erklärt: „Ich glaube nicht, dass wir es mit einer Fotostrecke plus Prolog geschafft hätten, so detailliert und genau zu erzählen wie es in der Graphic Novel möglich wurde. Und egal, wie gut so ein normales Buch geworden wäre: Ich glaube nicht, dass wir damit ein breites Publikum erreicht hätten. Ich weiß aus Erfahrung, dass Fotobücher es schwer haben. Nur wenige Leute kaufen sie. Als ich darüber nachgedacht habe, wie man die Reportage so erzählen kann, dass Text und Foto gleichberechtigt sind und sich gegenseitig bereichern, habe ich mich mit der Graphic Novel beschäftigt und erkannt, dass das die perfekte Sprache für uns ist. Dann musste ich nur noch die Fotos so bearbeiten, dass das Ergebnis nicht aussah wie ein Fotoroman.“

Die so entstandene, in jeder Hinsicht beeindruckende Graphic Novel dokumentiert ihre Reisen mit knappen Texten und Bildern, die nach der Bearbeitung für das Buch meistens wie alte, leicht verblasste Farbfotografien aussehen. Die Texte ergänzen die Fotos und umgekehrt. Zusammen dokumentieren sie auf hundertsiebzig Seiten ein zunehmend auf Abschottung setzendes Grenzregime.

Guillermo Abril meint: „An der Grenze der EU sagte uns ein Asylbewerber, was Europa für ihn bedeute: den Unterschied zwischen einer gefährlichen und einer sicheren Welt. Wenn du das hörst, an den Grenzen des Kontinents, ist es unmöglich, nicht zu spüren, dass die Union mit all ihren Fehlern, eine der größten Errungenschaften der Menschheit ist. Und dass sie es wert ist, dass man darum kämpft, sie so gut wie möglich zu machen.“

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Carlos Spottorno/Guillermo Abril: Der Riss

(übersetzt von André Höchemer)

Avant-Verlag, 2017

176 Seiten

32 Euro

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Originalausgabe

La Grieta

Astiberri ediciones, 2016

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Die Ausstellung in Berlin (wobei mental ‚zwischen Berlin und Potsdam‘ treffender ist):

Zur Eröffnung am 19. September 2018 um 19.30 Uhr sprechen Guillermo Abril und Carlos Spottorno mit Anna Kemper über ihre Arbeiten. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart.

Im Auftrag des spanischen Magazins El País Semanal recherchierten der Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril an den Außengrenzen der EU. Zwischen 2013 und 2016 entstanden zahlreiche Reportagen und Filmbeiträge: Von Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, schwer bewacht und durch einen nahezu unüberwindbaren Zaun geschützt, bis in den Norden Finnlands und die Wälder Weißrusslands, wo NATO-Truppen für einen möglichen Grenzkonflikt mit Russland trainieren. Die Autoren treffen Flüchtende, Grenzsoldaten, Kommunalpolitiker und halten ihre Erlebnisse in Wort und Bild fest. Für ihre Reportagen wurden sie mit einem World Press Award ausgezeichnet. Im Dezember letzten Jahres erschien zudem ihr Comicband »La grieta«, eine Fotoreportage in Form eines Comics, ein Reisebericht mit authentischem Bildmaterial. Unter dem Titel »Der Riss« veröffentlichte der Berliner avant-verlag die deutsche Ausgabe des Comics. Kuratiert von Anna Kemper, Redakteurin des ZEITmagazins, und konzipiert vom Literaturhaus Stuttgart und der Agentur Gold & Wirtschaftswunder, entstand parallel eine Wanderausstellung, die nun im LCB gezeigt wird.

Vor und nach den Abendveranstaltungen bzw. mit Voranmeldung (unter 030-8169960) ist die Ausstellung im LCB bis zum 3.12.2018 zu sehen.

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Hinweise

Avant-Verlag über „Der Riss“

Perlentaucher über „Der Riss“


R. i. P. Horst Bosetzky (-ky)

September 18, 2018

Horst Bosetzky (1. Februar 1938, Berlin – 16. September 2018, Berlin)

Seine ersten Kriminalromane veröffentlichte er ab 1971 als -ky. Er wollte seine bürgerliche Karriere als Hochschulprofessor nicht gefährden. Die Krimis waren Bestseller. Er begründete den einflussreichen Soziokrimi. Einige seiner Bücher wurden auch verfilmt. Der enorm produktive Autor war von 1991 bis 2001 Sprecher des Syndikats. Von 2000 bis 2014 war er Vorsitzender des Landesverband Berlin des Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und manchmal hatte ich in den letzten Jahren den Eindruck, dass jede zweite Lesung in seiner Heimatstadt eine Bosetzky-Lesung war.

Mit ihm starb einer der wichtigen deutschen Krimiautoren; – das muss man, auch wenn man kein Fan von ihm ist, uneingeschränkt sagen.

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Hinweise

Homepage von Horst Bosetzky

Lexikon der deutschen Kriminal-Autoren über Horst Bosetzky

Wikipedia über Horst Bosetzky


Cover der Woche

September 18, 2018


Neu im Kino/Filmkritik: „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ – früher Gangster, heute?

September 18, 2018

Das ist ein Dokumentarfilm, den viele Menschen sehen sollten. Dabei porträtieren Andrea Stevens und Cornelia Schendel in ihrem mit überschaubarem Budget und Crowdfunding-Hilfe gedrehten „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ nur drei mittelalte Männer, die in ärmlichen Verhältnissen leben. Teilweise, weil sie ihr Leben verpfuscht haben, teilweise weil die Gesellschaft sich nicht um sie kümmerte.

Sie heißen Hakan, Dönmez und Kerem und sie erzählen ihre Geschichte.

In den neunziger Jahren gehörten sie zu den in Frankfurt am Main berüchtigten Jugendbanden, die wie Filmgangster auf großem Fuß lebten, Geld durch den Schornstein jagten, Drogen nahmen, kleine und große Verbrechen begingen und die Stadt in Atem hielten.

Heute ist von diesem Lebensstil nichts mehr übrig.

Kerem war bei den „Turkish Power Boys“. Seine zahlreichen Straftaten verschafften ihm im Milieu den Status einer Legende. Er dealte, er war drogensüchtig und wurde 1997 wegen Totschlags zu elf Jahren Gefängnis verurteilt.

Heute lebt er als Frührentner in Frankfurt. Er ist krank und muss starke Schmerzmittel nehmen. Mit dem Film möchte er Jugendliche vor einem Leben als Verbrecher bewahren.

Hakan kam mit sechzehn Jahren nach Deutschland. Er sprach kaum Deutsch, schwänzte die Schule und wurde der Organisator eine Jugendbande, de aus Jugendlichen aus seinem Heimatdorf bestand. Nach einer Lehre blieb er arbeitslos. Er erhielt keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, wurde in die Türkei abgeschoben, verweigerte den Militärdienst und ihm wurde die Staatsbürgerschaft entzogen.

Seitdem ist er staatenlos und quasi ohne Rechte. Er lebt als Feldarbeiter in ärmlichsten Verhältnissen in seinem Geburtsort Bayat in Ostanatolien.

Der Frankfurter Dönmez ging bis zur 9. Klasse zur Schule, schloss sich einer Jugendbande an, dealte mit Heroin, war süchtig und wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Danach ließ er sich mit 26 Jahren zwangsausweisen nach Igdir, der ihm vollkommen unbekannten Heimat seiner Eltern.

Heute arbeitet er in einer Apfelsaftfabrik, ist verheiratet und hat einen Sohn.

Kerem und Kakan sind gescheiterte Existenzen. Dönmez hat es zwar etwas besser. Aber wenn man sich ihr heutiges Leben ansieht, taugt keiner von ihnen zum Idol für Jugendliche. Und keiner von ihnen ist heute eine Gefahr für die Gesellschaft.

Das ist in „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ ein Punkt, weshalb der kinventionell gestaltete Dokumentarfilm beruhigend ist. Die große Panik, die damals über die verbrecherischen Jugendlichen herrschte, wirkt angesichts des ärmlichen Lebens der Ex-Gangster wie ein Sturm im Wasserglas. Diese Panik bestand und besteht beim Auftauchen von Jugendbanden auch in anderen Städten. Sie ignoriert, wie sehr jugendliches Delinquententum eine oft vorübergehende Phase ist, auf die richtig reagiert werden sollte.

„Tokat“ ist allerdings auch ein bitterer Film. Denn Hakan, Dönmez und Kerem hatten nie wirklich eine Chance. Teils weil sie in ihrer Jugend die falschen Dinge taten. Teils weil die Gesellschaft sich nicht genug um sie kümmerte mit Bildung, Ausbildung und Arbeit. Stattdessen wurden die Problemfälle abgeschoben oder ausgesessen.

„Tokat“ ist auch ein Film, der in möglichst vielen Jugendzentren und Schulen gezeigt werden sollte. Damit Schüler sehen, was aus den ‚coolen Typen‘ wird, wenn sie älter werden. Dönmez, Hakan und Kerem hatten keinen großen Filmgangster-Tod, wie zum Beispiel Al Pacino in „Scarface“.

Tokat – Das Leben schlägt zurück (Deutschland 2016)

Regie: Andrea Stevens, Cornelia Schendel

Drehbuch: Andrea Stevens, Cornelia Schendel

Länge: 78 Minuten

FSK: ?

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Tokat“

Moviepilot über „Tokat“

 


TV-Tipp für den 18. September: Stirb langsam

September 18, 2018

Nitro, 22.20

Stirb langsam (Die hard, USA 1988)

Regie: John Mc Tiernan

Drehbuch: Jeb Stuart, Steven E. de Souza

LV: Roderick Thorp: Nothing lasts forever, 1979 (Stirb langsam)

Bahnbrechendes Action-Kino, das Bruce Willis zum Star machte – im Buch besucht der Held seine Tochter, im Film besucht der Held seine Frau, der Rest (Terroristen besetzten ein Hochhaus, unser Held kämpft gegen sie) ist bekannt. EPD Film meinte „ein durch und durch regressiver Film, der einer infantilen Lust an der Zerstörung Nahrung verschafft.“

Das Drehbuch von Jeb Stuart und Steven E. De Souza war für den Edgar nominiert.

Mit Bruce Willis, Alan Rickman, Bonnie Bedelia, Alexander Godunov, Reginald VelJohnson, William Atherton, Paul Gleason, Hart Bochner

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Stirb langsam“

Wikipedia über „Stirb langsam“ (deutsch, englisch)

Spiegel: „Eines Tages“ über 20 Jahre „Stirb langsam“

Thrilling Detective über Joe Leland (so heißt John McClane im Buch)

The Independent: Nachruf auf Roderick Thorp

Meine Besprechung von Howard Chaykin (Autor)/Stephen Thompson/Gabriel Andrade jr. (Zeichner): Die Hard – Das erste Jahr (Die Hard: Year One 1 – 8, 2009)

Meine Besprechung von John McTiernans „Nomads – Tod aus dem Nichts“ (Nomads, USA 1985)


Neu im Kino/Filmkritik: „Styx“ – Seefahrt mit Problem

September 17, 2018

https://vimeo.com/284728561

Rike, eine vierzigjährige Notärztin aus Köln, will als Einhandseglerin während ihres Urlaubs von Gibraltar zur Südatlantikinsel Ascension Island segeln.

Während ihrer Fahrt gerät sie in einen Sturm, den sie und ihr Schiff unversehrt überstehen. Danach sieht sie in ihrer Nähe ein havariertes, mit Flüchtlingen überladenes Fischerboot – und steht vor der Frage, was sie tun soll.

Obwohl Wolfgang Fischer die Idee für „Styx“ schon lange vor der ‚Flüchtlingskrise‘ hatte, die Dreharbeiten 2016 waren und die Geschichte nicht im Mittelmeer spielt, wird „Styx“ als Film zu den aktuellen Ereignissen gesehen. Es fällt auch nicht schwer, ausgehend von der Filmgeschichte, über die Flüchtlingspolitik des Westens und die Seenotrettung zu sprechen.

Fischer gibt für eine solche Interpretation genug Anhaltspunkte. Wobei viele Anspielungen und Bilder auch mehr oder weniger ins Nichts führen oder so interpretationsoffen sind, dass man sie in fast jede beliebige Richtung interpretieren kann. Wie der Filmtitel oder die Affen, die sich am Filmanfang mühelos durch die Hafenstadt bewegen oder das Ziel von Rikes Reise (das von Charles Darwin initiierte, sehr erfolgreiche Terraforming-Projekt Ascension Island) oder der Name ihres Bootes (Asa Gray, ein Botaniker und Freund von Darwin) oder ihr Beruf mit dem allseits bekannten hippokratischen Eid. Durch ihren Beruf kann sie später einem Jungen sehr kompetent und ohne zu zögern das Leben retten und ärztlich versorgen.

Wenn man sich allerdings auf den Film und die Filmgeschichte konzentriert und „Styx“ mit einigen neueren Filmen, in denen Menschen allein auf See waren, vergleicht, dann fällt auf, wie wenig „Styx“ aus seinem Thema macht. Als Blaupause bietet sich hier J. C. Chandors Robert-Redford-Solo „All is lost“ (USA 2013) an. In dem Film kämpft ein Segler von der ersten Filmminute an ums Überleben, während sein Schiff unaufhaltsam sinkt. Er versucht alles, um zu überleben. In Baltasar Kormákurs „Die Farbe des Horizonts“ (Adrift, USA 2018) ergeht es der Seglerin von der ersten Filmminute an nicht viel besser. Außerdem muss sie sich noch um ihren schwer verletzten Freund kümmern, während ihr Schiff langsam auf die nächste Insel zutreibt und sie keine Hilfe rufen kann. Auch sie versucht alles mögliche, um zu überleben und erinnert sich an die glücklichen Tage mit ihrem Freund. In beiden Filmen passiert viel. In beiden Filmen sind die Protagonisten sehr aktiv.

In „Styx“ dauert es erst einmal eine halbe Stunde, bis Rike in den Sturm gerät. Bis dahin genießt sie die ereignislose, von Routinearbeiten geprägte Reise. Danach setzt sie einen Notruf ab und wartet, wie ihr gesagt wird, auf Hilfe. Als die Hilfe nicht kommt, setzt sie einen weiteren Notruf ab. Und wartet weiter. Das Warten wird unterbrochen durch den Jungen Kingsley, der von dem Fischerboot springt und zu ihr schwimmt. Sie kann ihn aus dem Wasser retten und fortan sind sie zu zweit auf ihrem Boot. Und sie warten weiter auf Hilfe. Wobei Kingsley auch wieder zurück zu seinen Leidensgenossen möchte.

Und als Zuschauer wartet man auf irgendeine dramatische Wende oder eine Handlung von ihr. Aber Rike bleibt passiv. Wie die Flüchtlinge, die auf dem Boot, das man nur am Horizont sieht, ausharren.

Eben diese Passivität von Rike langweilt im Film schnell. Sie tut zwar etwas, aber es ist immer wieder das gleiche. Es gibt keine Steigerung. Ihre Situation verändert sich nicht.

Und das propagierte Dilemma, vor dem Rike steht, existiert so nicht. Sie greift ein, indem sie mehrere Notrufe absetzt. In dem Moment wissen dann schon eine unbekannte Zahl von Menschen Bescheid. Sie könnte, was sie nicht tut, vor den Konsequenzen einer verweigerten Hilfe warnen und mit Klagen drohen. Sie tut am Ende etwas anderes.

Styx (Deutschland 2018)

Regie: Wolfgang Fischer

Drehbuch: Wolfgang Fischer, Ilka Künzel

mit Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Styx“

Moviepilot über „Styx“

Rotten Tomatoes über „Styx“

Wikipedia über „Styx“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Styx“


Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Drehbuchgewinner „Glücklich wie Lazzaro“

September 17, 2018

Es ist ein schweres Leben, das die Landarbeiter auf dem Landgut der Marquesa Alfonsina de Luna irgendwo in Italien haben. Es ist auch ein einfaches Leben, das mehr an das 19. als an das 21. Jahrhundert erinnert. Auf den ersten Blick, auch weil der Gesandte der Marquesa mit einem Moped in das abgeschiedene Dorf einfährt und Transporte mit einem alten Laster erledigt werden, dürfte es sich um die fünfziger Jahr handeln. Also eine Zeit, als die alten Herrschaftsverhältnisse noch existierten und Männer den armen Süden verließen, um im Norden zu arbeiten. Wobei es dort auch nicht unbedingt besser war. Cineasten fallen jetzt etliche neorealistische Meisterwerke ein und in dieser Tradition steht Alice Rohrwachers neuer, in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichneter,handlungsarmer, poetischer Film „Glücklich wie Lazzaro“. Der titelgebende Lazzaro ist ein junger, schüchterner Mann, der am Ende immer die Drecksarbeit machen muss. Er beklagt sich allerdings nie darüber. Und, selbstverständlich, ist sein Name nicht zufällig ausgewählt.

Langsam schleichen sich Irritationen in das immer wieder poetisch überhöht gezeichnete Bild des Landlebens. Tancredi, der Sohn der Marquesa, der gegen seinen Willen den Sommer auf dem Landgut verbringen muss, hat eine Frisur und ein T-Shirt, das nach den achtziger Jahren aussieht und es gibt Telefone, die noch moderner sind. Und je näher der Film so an die Gegenwart rückt, desto unglaubwürdiger wird das Bild der abgeschieden auf dem Land in einer selbstverschuldeten Unmündigkeit lebenden Gemeinschaft, die noch so lebt, wie vor hundert Jahren. Jedenfalls wenn man „Glücklich wie Lazzaro“ als neorealistischen Film und nicht als Märchen, als eine italienische Version des magischen Realismus, betrachtet.

Tancredi befreundet sich mit Lazzaro. Gleichzeitig nutzt er ihn aus, indem er ihn anstiftet, mit ihm seine Entführung vorzutäuschen. Tancredi will so eigentlich nur seine Mutter ärgern. Aber die Situation eskaliert so sehr, dass nach einem Anruf die Polizei auftaucht und die Herrschaft der Marquesa beendet. Denn sie hielt ihren Arbeiter unmündig wie Sklaven und enthielt ihnen Rechte vor, die sie schon lange hatten.

In dem Moment beginnt die zweite, deutlich schwächere Hälfte des Films. Während in der ersten Hälfte alles zusammen passte, erscheint hier vieles nur noch skizziert und viel zu oft widersprüchlich.

Jahre nachdem sie aus der Knechtschaft der Marquesa befreit wurden, leben die Landarbeiter in tiefster Armut in einer anonymen Großstadt. Eines Tages taucht Lazzaro wieder auf. Nach dem Sturz von einer Klippe müsste er eigentlich tot sein. Aber er überlebte den Sturz und, während die anderen Landbewohner älter wurden, sieht er noch so aus wie damals.

Während die erste Hälfte des Films tief im Neorealismus und dem Magischen Realismus steckt und ein sehr stimmungsvolles Bild des Landlebens und ein klares Bild feudaler Strukturen und Machtverhältnisse zeichnet, spielt die zweite Hälfte in der Welt von Aki Kaurismäki. Nur funktionieren hier die in der ersten Hälfte gesetzten Parameter nicht mehr. Auch das naive Verhalten von Lazzaro nervt zunehmend. Jedenfalls wenn man auf seiner Seite stehen soll. War er im ersten Teil noch der glückliche Naivling, ist er jetzt eine Art fehlgeleiteter Wiedergänger von Jesus. Seine Taten werden zunehmend unverständlicher und auch irrationaler. Außer man geht davon aus, dass dieser Lazarus den Herrschenden helfen will und er, wie ein Roboter, über keinen Hauch von Intelligenz verfügt. Nur: Soll das, in einer „Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt“ (Rohrwacher), die Mission eines Heiligen sein?

Diese missglückte zweite Hälfte verdirbt sehr viel von dem guten Eindruck der ersten Hälfte des Films.

Glücklich wie Lazzaro (Lazzaro felice, Italien/Deutschland/Frankreich/Schweiz 2018)

Regie: Alice Rohrwacher

Drehbuch: Alice Rohrwacher

mit Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher, Luca Chikovani, Tommaso Ragno, Sergi Lopez, David Bennet, Nicoletta Braschi

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Glücklich wie Lazzaro“

Metacritic über „Glücklich wie Lazzaro“

Rotten Tomatoes über „Glücklich wie Lazzaro“

Wikipedia über „Glücklich wie Lazzaro“ (deutsch, englisch, italienisch)


TV-Tipp für den 17. September: Eine einfache Geschichte

September 17, 2018

Arte, 20.15

Eine einfache Geschichte (Une histoire simple, Frankreich/Deutschland 1978)

Regie: Claude Sautet

Drehbuch: Jean-Loup Dabadie, Claude Sautet

Eine Enddreißigerin trennt sich von ihrem Mann, treibt das gemeinsame Kind ab und trifft sich wieder mit ihrem Ex-Mann. Wird sie dieses Mal mit ihm glücklich?

Eine alltägliche Geschichte, heute noch mehr als damals.

„Die Frage nach dem Sinn ihres Tuns bleibt rhetorisch und wird durch Stimmungsmalerei überdeckt.“ (Lexikon des internationalen Films)

Die Musik ist von Philippe Sarde.

Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt Arte Aleksander Petrovis Heinrich-Böll-Verfilmung „Gruppenbild mit Dame“ (Deutschland/Frankreich 1977).

Am 23. September wäre die früh verstorbene Romy Schneider Achtzig geworden. Für die TV-Sender ein willkommener Anlass, einen kleinen Überblick über ihr Werk zu geben.

Am 20. September erscheint „3 Tage in Quiberon“, ein hochgelobter Spielfilm über eine Begegnung mit Romy Schneider (Besprechung demnächst).

mit Romy Schneider, Bruno Cremer, Claude Brasseur, Arlete Bonnard, Sophie Daumier

Hinweise

Arte über Romy Schneider und die Filme zu ihrem Geburtstag

AlloCiné über „Eine einfache Geschichte“

Rotten Tomatoes über „Eine einfache Geschichte“

Wikipedia über „Eine einfache Geschichte“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Leave no trace“ hinterlässt Spuren

September 16, 2018

Ich kann es kurz machen: der neue Film von „Winter’s Bone“-Regisseurin Debra Granik ist selbstverständlich ein Pflichttermin.

Dabei hat der Film ein Problem: im Gegensatz zu „Winter’s Bone“, der seit seiner Premiere überall abgefeiert und so schnell zu einem langersehnten cineastischen Pflichttermin wurde, wird ihr neuer Film „Leave no trace“ nicht von so einer Welle euphorischer Vorabmeldungen und Festivalbesprechungen begleitet. Dabei sind die Kritiken, wie ein Blick auf „Rotten Tomatoes“ zeigt, noch besser als bei „Winter’s Bone“. Bei fast zweihundert Besprechungen fanden die Seite keine einzige negative.

Auch meine Besprechung reiht sich mühelos in den Kanon ein.

In „Leave no trace“ erzählt Granik die Geschichte von Will (Ben Foster) und seiner jugendlichen Tochter Tom (Thomasin Harcourt McKenzie). Er war Soldat, erhält eine Invalidenrente und er hat sich mit seiner Tochter in den Wald zurückgezogen. Nach seinen Kriegserlebnissen kann er nicht mehr in der Gesellschaft leben – und die Gesellschaft, also das Militär und der Staat, kümmern sich auch nicht weiter um ihn, solange er regelmäßig seinen Scheck und die ihm verschriebenen Medikamente abholt. Ob er sie anschließend nimmt oder verkauft, ist egal.

Die beiden leben autark und unerkannt im Forest Park, einem riesigen Waldgebiet am Rand von Portland, Oregon. Er erzieht sie, so gut er kann und ohne sie irgendwie zu indoktrinieren. Im Gegensatz zu „Captain Fantastic“ kann und will er sie nicht von einer Lebensphilosophie überzeugen. Sie haben ein richtiges partnerschaftliches und rundum harmonisches Verhältnis.

Eines Tages werden sie entdeckt. Jetzt schlagen die Mühlen der Verwaltung zu. Tom ist nämlich schulpflichtig. Sie werden in einem ländlich gelegenem Haus einquartiert. Will wird Waldarbeiter. Aber können Tom und Will sich an die neue Situation gewöhnen?

Graniks Film ist inspiriert von einer wahren Geschichte über einen Vater, der mit seiner Tochter vier Jahre bei Portland im Wald lebte. Peter Rock verarbeite, neben anderen Autoren, die Geschichte in seinem Roman „My Abandonment“, der als Vorlage für den Film diente.

Granik erzählt in „Leave no trace“ die Geschichte von dem an einer Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) leidendem, verwitweten Will und seiner Tochter Tom, die für ihn die beste Medizin ist, mit wenig Dialog. Die beiden sind so vertraut miteinander, dass sie wenig reden müssen. Die Schauspieler Ben Foster und Thomasin Harcourt McKenzie (die Astrid aus „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“) sind so gut, dass sie alleine durch die Art, wie sie miteinander umgehen, alles nötige sagen. Granik erzählt gewohnt subtil und offen für zahlreiche Zwischentöne. Mit endloser Geduld beobachtet sie die beiden und wie sich ihr Leben nach ihrer Entdeckung verändert und wie sie ihr weiteres Leben gestalten wollen.

Dabei hat Tom, die sich natürlich auch damit beschäftigen muss, wie sie erwachsen werden will, mehr Zeit für ihr Erwachsen werden als Ree (Jennifer Lawrence) in „Winter’s Bone“, die ihren spurlos verschwundenen Vater vor einem nahenden Gerichtstermin finden muss.

„Leave no trace“ ist ein wundervoller, auch bedrückender und zutiefst wahrhaftiger Film, der auch einiges über Amerika verrät, Ein Film wie ein Gedicht: zart, fragil und in jeder Beziehung sehr präzise.

Jetzt ist nur zu hoffen, dass nicht wieder acht Jahre bis zu Debra Graniks nächstem Film vergehen.

Leave no trace (Leave no trace, USA 2018)

Regie: Debra Granik

Drehbuch: Debra Granik, Anne Rossellini

LV: Peter Rock: My Abandenment, 2009

mit Ben Foster, Thomasin Harcourt McKenzie, Jeff Kober, Dale Dickey, Isaiah Stone, Michael Hurley, Marisa Anderson

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Leave no trace“

Metacritic über „Leave no trace“

Rotten Tomatoes über „Leave no trace“

Wikipedia über „Leave no trace“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Debra Graniks „Winters’s Bone“ (Winter’s Bone, USA 2010)

–

Interview mit Debra Granik über ihren neuen Film

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Q&A mit Debra Granik und Derek Drescher (Larry im Film) über ihren Film

 


TV-Tipp für den 16. September: Albert Nobbs

September 16, 2018

Ric, 20.15

Albert Nobbs (Albert Nobbs, Großbritannien/Irland 2011)

Regie: Rodrigo García

Drehbuch: Gabriella Prekop, John Banville, Glenn Close. István Szabó (Filmgeschichte)

LV: George Moore: The Singular Life of Albert Nobbs, 1918 (erstmals erschienen in „A Story-Teller’s Holiday“)

Dublin, Ende des 19. Jahrhunderts: Albert Nobbs ist in einem piekfeinen Hotel ein tadelloser Butler. Niemand ahnt, dass Nobbs eine Frau ist. Eines Tages verliebt er sich in den Maler Hubert. Ebenfalls eine Frau. Sie beschließen gemeinsam ein Geschäft zu eröffnen.

Klassisches Schauspielerkino mit einem starkem Ensemble,

Glenn Close spielte Albert Nobbs erstmals 1982 im Theater. Sie war auch die treibende Kraft hinter der Verfilmung, der ihr verdiente Nominierungen als beste Hauptdarstellerin für den Oscar, den Golden Globe und den Preis der Screen Actors Guild einbrachte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Glenn Close, Mia Wasikowska, Aaron Johnson, Janet McTeer, Brendan Gleeson, Pauline Collins, Jonathan Rhys Meyers

Wiederholung: Mittwoch, 19. September, 22.25 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

„Albert Nobbs“-YouTube-Kanal

Film-Zeit über „Albert Nobbs“

Moviepilot über „Albert Nobbs“

Metacritic über „Albert Nobbs“

Rotten Tomatoes über „Altert Nobbs“

Wikipedia über „Albert Nobbs“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Benjamin Blacks „Der Lemur“ (The Lemur, 2008)

Meine Besprechung von Rodrigo Garcias „Albert Nobbs“ (Albert Nobbs, Großbritannien/Irland 2011)