Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen (37,2° le matin, Frankreich 1986)
Regie: Jean-Jacques Beineix
Drehbuch: Jean-Jacques Beineix
LV: Philippe Dijan: 37,2° le matin, 1985 (Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen)
Wie ein Wirbelwind bricht Betty Blue in das langweilige Leben des Möchtegernschriftstellers Zorg und eine der großen (die größte?) Liebesgeschichte der achtziger Jahre beginnt.
Damals war die heiße, in jeder Beziehung überbordende und maßlose Liebesgeschichte ein Kinohit, der schnell zum Kultfilm wurde. Damals war Beneix einer der stilprägenden Regisseure, heute – nun, sein letzter Spielfilm war 2001 „Mortal Transfer“. Ein ziemlicher Flop beim Publikum.
Der Fischer Film Almanach schrieb zum Kinostart über Beineix‘ dritten Spielfilm: „Inszenierung und Schauspielerführung sind spontaner und ungekünstelter geworden, melodramatische Elemente der Handlung verbinden sich bruchlos mit Sequenzen voller Humor und Gelöstheit. Kitsch, Klischee und Bombast trüben bisweilen die Freude an einem sonst gelungenen und sympathischen Film.“
Oh, und damals war wohl jeder Junge in ‚Betty Blue‘ Béatrice Dalle verliebt.
mit Béatrice Dalle, Jean-Hugues Anglade, Consuelo De Haviland, Gérard Darmon, Vincent Lindon
Alles beginnt an einem sonnigen Samstagnachmittag im Oktober 1993. Keisuke Shimamura, Geschäftsführer und einziger Angestellter einer kleinen, abgeranzten Bar und allein lebender Alkoholiker, verbringt den Nachmittag, wie immer, im Shinjuku Chuo-keon. Einem Park im Stadtteil Shinjuku in Tokio. Als eine Bombe explodiert, hilft er spontan einigen Verletzten und haut ab, bevor Polizei und Sanitäter eintreffen. Denn vor über zwanzig Jahren, im April 1971, war Shimamura schon einmal in einen terroristischen Anschlag verwickelt. Danach tauchte er unter.
Kurz nachdem er den Tatort verlassen hat, fällt ihm ein, dass er seine Whiskyflasche mit seinen Fingerabdrücken dort vergessen hat. Damit ist klar, dass die Polizei ihn wieder ganz oben auf ihre Fahndungsliste setzen wird. Vor allem weil, wie er durch die Nachrichten erfährt, bei dem Anschlag Yuko Endo und Makoto Kuwano starben. Mit ihnen war er in den späten sechziger Jahren in revolutionär-studentische und terroristische Umtriebe verwickelt.
Shimamura beschließt auf eigene Faust, den Bombenleger zu suchen, der mit seinem Anschlag fast zwanzig Menschen ermordete und fast Fünfzig verletzte. Bei seiner Suche helfen ihm Toko Matsushita, die Tochter von Yuko Endo, und Shiro Asai, ein Ex-Polizist und gebildeter Yakuza. Und, weil Shimamura notgedrungen im Milieu der für Normalsterbliche unsichtbaren Obdachlosen untertaucht, die Obdachlosen, die teilweise ebenfalls über eine beträchtliche Bildung verfügen.
Iori Fujiwara (1948 – 2007) schrieb den Roman „Der Sonnenschirm des Terroristen“, der jetzt erstmals auf Deutsch veröffentlicht wurde, um mit den Buchverkäufen und Preisgeldern Spielschulden zu tilgen. So heißt es und in jedem Fall ist es eine gute Geschichte. Fujiwaras Krimi gewann nämlich mehrere Preise, unter anderem 1995 den Edogawa-Rampo-Preis vom Verband der japanischen Krimi-Autoren. Das japanische Fernsehen verfilmte den Krimi. Und, wie ein Blick auf die aktuelle Krimibestenliste oder in den Perlentaucher zeigt, kommt der spannende Thriller auch bei den hiesigen Kritikern gut an. Immerhin hat „Der Sonnenschirm des Terroristen“ alles, was man von einem Thriller erwartet, inclusive einem Einblick in eine fremde Welt. Denn japanische Krimis werden kaum übersetzt und über die dortige Studentenbewegung wissen die meisten Leser wohl auch wenig.
Diese Vergangenheit verknüpft Fujiwara mit der damaligen Gegenwart (der Roman spielt 1993 und wurde erstmals 1995 veröffentlicht) zu einem dichten Geflecht, in dem es um Terrorismus, Politik, Yakuza, Halbweltgeschäfte, globalen legalen und illegalen Handel, das Leben der Obdachlosen, persönliche Verwicklungen und Beziehungen geht. Weil die Schicksale aller in die Handlung involvierten Personen schon seit Ewigkeiten auf die eine oder andere Art, mehr oder weniger gewollt, miteinander verknüpft sind, fügt sich am Ende alles zu einem Bild zusammen, das dann mehr mit der Fiktion als der Realität zu tun hat.
„Der Sonnenschirm des Terroristen“ ist ein leicht trashiger Pulp-Thriller, dessen Ende mich an Sergio Leones Gangsterepos „Es war einmal in Amerika“ erinnerte. Jedenfalls soweit ich mich noch an Leones Opus erinnere. Davon abgesehen ist ein cineastisches Meisterwerk, bei allen Unterschieden, nicht die schlechteste Referenz für einen Verschwörungsthriller, der in der US-amerikanischen Hardboiled-Tradition steht, ein, zwei Dinge über Japan erzählt und verdammt spannend unterhält. Denn selbstverständlich ging die Bombe nicht zufällig hoch, als Shimamura gerade seine Nachmittagsration Alkohol genoss.
Nach der Mitternachtspremiere des Films am Samstag, läuft „Selma“ heute zu einer guten Uhrzeit (für Normalsterbliche)
One, 20.15
Selma(Selma, USA/Großbritannien 2014)
Regie: Ava DuVernay
Drehbuch: Paul Webb
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Heute ist die TV-Premiere eines grandiosen und wichtigen Films zu einer unsäglichen Uhrzeit nach einer unerträglichen Sendung mit Überlänge („Schlagerchampions“ – würg).
„Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Der Kuss vor dem Tode (USA 1991, Regie: James Dearden)
Drehbuch: James Dearden
LV: Ira Levin: A kiss before dying, 1953 (Kuss vor dem Tode)
Student Jonathan hat wenig Geld, aber den unbedingten Willen zu Macht und Reichtum. Dafür geht er über Leichen. Nur die schöne Zwillingsschwester Ellen ahnt etwas.
Nettes Remake.
Die erste Verfilmung von Ira Levins Krimi, inszeniert von Gerd Oswald mit Robert Wagner in der Hauptrolle, lief laut OFDb noch nie im TV. Das sollte sich ändern.
Mit Matt Dillon, Sean Young, Max von Sydow, James Russo
Der alljährliche Woody-Allen-Film heißt dieses Jahr „Wonder Wheel“. Er spielt in den fünfziger Jahren auf Coney Island, der Jahrmarkt-Vergnügungsmeile der New Yorker mit angrenzendem Badestrand. Der Film hat all die Insignien, die wir von einem Woody-Allen-Film kennen – bekannte Schauspieler, Geschlechterkämpfe, Mafiosi und Witze – und doch erscheint er in der Rezeption anders als seine früheren Filme. Das liegt an der Inszenierung, die mit ihrer fast bewegungslosen Kamera und den wenigen Schnitten, das theaterhafte der Geschichte betont. Es liegt auch an der aktuellen Diskussion über sexuelle Belästigung, in die Woody Allen auch involviert ist. Als Täter. Und gerade im Licht dieser Diskussion erscheinen etliche Szenen aus „Wonder Wheel“ in einem anderen Licht. Ein Licht, in dem es nicht mehr um den offensichtlichen Inhalt der Szene, sondern um die Interpretation der Szene aufgrund bestimmter Informationen und Diskussionen geht. In diesen Momenten ist die Person des Autors als deutlich älterer, kein schlechtes Gewissen oder moralische Bedenken habenden Mann, der eine deutlich jüngere Frau bewundert, sexualisiert und sie sich gefügig macht, überdeutlich zu sehen. Es ist kein schönes Bild.
Dabei steht mit Ginny (Kate Winslet) eine ältere Frau im Mittelpunkt des Films. Sie lebt mit Humpty (Jim Belushi), einem Trinker und Schwätzer, auf Coney Island, träumt noch von ihrer Karriere als Theaterschauspielerin, arbeitet als Bedienung in einem Meeresfrüchte-Imbiss und ist eine Schnapsdrossel. Sie ist eine Variation der „Endstation Sehnsucht“-Schönheit Blanche DuBois. Sowieso erinnert „Wonder Wheel“ immer wieder an das bekannte Tennessee-Williams-Stück.
Ihr Sohn Richie (Jack Gore) legt währenddessen in jeder Mülltonne, die er sieht, Feuer. Aber das ist mehr ein Running Gag als ein für die Handlung wichtiges Element.
Mickey (Justin Timberlake) ist der mehr oder weniger zuverlässige Erzähler der Filmgeschichte (Okay, wie viel Fantasie brauchen wir, um ihn als alter ego des 1935 geborenen Woody Allen zu sehen?). Er arbeitet als Rettungsschwimmer auf Coney Island. Gleichzeitig schreibt der Student, der sich als kommenden Dichter von Weltrang sieht, ein Theaterstück und er verliebt sich Hals über Kopf in die leicht verlebte Ginny.
Bevor er Ginny kennen lernt, taucht Carolina (Juno Temple) auf der Vergnügungsmeile auf. Sie ist die Tochter von Humpty. Vor fünf Jahren heiratete sie einen kleinen Mafiosi und zerstritt sich darüber hoffnungslos mit ihrem Vater. Weil sie mit dem FBI über die illegalen Geschäfte ihres Mannes plauderte, musste sie vor ihm und seinen Mafia-Freunden flüchten. Ihre letzte Hoffnung auf einen Unterschlupf ist ihr Vater. Denn niemand wird glauben, dass sie ihn jemals um Hilfe bitten wird. Genau das tut die verzweifelte Blondine und Humpty hilft seiner zurückgekehrten Tochter in jeder Beziehung und mit überschwänglichen Gefühlen.
Auch Mickey bandelt mit Carolina an. Als Ginny das ahnt, ist sie darüber sehr verärgert. Und dann hören sich Mafiosi nach Carolina um.
Die Geschichte spielt vor allem in Ginnys Ein-Zimmer-Apartment, in dem sie mit Mann und Sohn und Blick auf den Vergnügungspark lebt und das schon von seinem Grundriss an eine Theaterbühne erinnert. Dort prallen die Emotionen aufeinander. In langen Szenen, in denen die Schauspieler, mehr stehend oder sitzend als sich durch den Raum bewegend, mehr in Mono- als Dialogen reden und die ihre wahre Heimat im Theater haben. Die Kamera verharrt in diesen Momenten bewegungslos in der Totalen und Kameramann Vittorio Storaro („Der letzte Tango in Paris“, „Apocalypse Now“, „Einer mit Herz“), der nach „Café Society“ zum zweiten Mal mit Woody Allen zusammen arbeitet, beschränkt sich auf das Aufnehmen schöner Gemälde, in denen die Vergangenheit museal ausgestellt wird.
Die in dem Stoff angelegten burlesken Liebesreigen interessieren Woody Allen nicht. Dafür geht es dann doch zu sehr, ohne jemals auch nur halbwegs in die Tiefe des Stoffes zu gehen, in Richtung Drama.
Das ist nicht wirklich schlecht und Allen-Fans finden genug Details für weitergehende Analysen. Aber er inszenierte die neueste Ausgabe seiner allseits bekannten Themen, Konflikte und Witze viel zu sehr auf Autopilot, routiniert und ohne erkennbares Engagement, um zu begeistern. „Wonder Wheel“ ist ein dialoglastiges Theaterstück, in dem die schnellste Bewegung der Schluck aus der Schnapstasse ist.
Wonder Wheel(Wonder Wheel, USA 2017)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Jim Belushi, Juno Temple, Justin Timberlake, Kate Winslet, Max Casella, Jack Gore, David Krumholtz, Tony Sirico, Steve Schirripa
In diesem Fall sagt der Spruch „Wenn Ihnen ‚Unknown Identity‘, ‚Non-Stop‘ und ‚Run all Night‘ gefallen haben, wird ihnen ‚The Commuter‘ gefallen“ alles. Denn die vierte Zusammenarbeit von Regisseur Jaume Collet-Serra und Liam Neeson liefert, wieder einmal, gut abgehangenes Thriller-Entertainment mit einer ordentlichen Portion Action, einer vertrauten Geschichte, die mit etlichen überraschenden Twists hochenergetisch präsentiert wird und einem beachtlichen, spielfreudigem Ensemble. Neben Liam Neeson sind Vera Farmiga, Patrick Wilson, Sam Neill und Elizabeth McGovern in oft kleinen, aber wichtigen Rollen dabei.
Neeson spielt Michael MacCauley, einen glücklich verheirateten Ex-Polizisten, der seit zehn Jahren in Manhattan als Versicherungsmakler arbeitet und jeden Tag aus den Suburbs in die Millionenstadt pendelt. Diese Monotonie des täglichen Pendelns zeigt Jaume Collet-Serra in den ersten Minuten in einer schönen Montage, die auch als eigener Kurzfilm funktioniert. Am Ende ist klar: MacCauley ist ein ganz gewöhnlicher, unauffälliger Mann mit ganz gewöhnlichen Problemen.
Heute erlebt er allerdings einen echten Scheißtag. Weil er nicht genug Versicherungen verkauft, wird der Sechzigjährige fristlos entlassen. Damit sind auch all seine finanziellen Pläne in Richtung Haus und Uni-Ausbildung seines Sohnes obsolet.
Auf der Heimfahrt sitzt ihm im Pendlerzug eine Frau (Vera Farmiga), die er noch nie in diesem Zug gesehen hat, gegenüber. Denn, und das wissen alle Pendler, mit den Jahren kennt man, jedenfalls vom Sehen, all die anderen Passagiere, die tagtäglich mit einem die Strecke fahren. Sie fragt ihn, was er täte, wenn er für eine kleine Gefälligkeit, die nicht ungesetzlich sei, eine große Menge Geld bekäme. Zum Beispiel die 25.000 Dollar, die im Zug-WC versteckt seien und eine Anzahlung auf die 100.000 Dollar seien, die er am Ende bekäme. Dafür müsse er nur eine Person identifizieren, die ebenfalls im Zug sitzt und an einem bestimmten Bahnhof aussteigt.
Natürlich hält MacCauley Joannas hypothetische Frage zuerst für einen Scherz.
Natürlich sucht er auf der Zug-Toilette das Geld, findet es und steckt es ein. Dass er jetzt auch die andere Seite des Deals ausführen muss und dass Joanna und ihre Hintermänner darauf bestehen, zeigen sie ziemlich schnell. Gleich als Warnung töten sie einen Menschen. Und sie sind bereit, weitere Menschen, auch MacCauleys Familie, zu töten, um MacCauley an seine Seite des Deals zu erinnern. Ein Teil des Deals ist, dass MacCauley niemand über seine Situation und seine Aufgabe informieren darf.
Notgedrungen beginn der auf sich allein gestellte MacCauley in dem Zug die unbekannte Person zu suchen. Gleichzeitig will er herausfinden, warum sie für die Verschwörer so wichtig ist und welche Rolle er in der Verschwörung spielen soll.
Während sich einige Hintergründe der Verschwörung, jedenfalls für den Genrejunkie, ziemlich schnell herauskristallisieren, rätselt man bis zuletzt, wer die Person ist, die MacCauley identifizieren soll und warum sie so wichtig ist. Denn Collet-Serra besetzte den Zug durchgehend mit unbekannten Schauspielern, die sich durch ihr Verhalten mehr oder weniger verdächtig machen. Die bekannten Schauspieler übernehmen dagegen Rollen wie Ex-Kollege und Ehefrau von MacCauley.
„The Commuter“ ist ein spannender Verschwörungsthriller mit etwas Old-School-Action, einem zugzerstörendem Finale, viel Suspense von der ersten bis zur letzten Minute und mehr als einem Hauch Hitchcock. Dabei gewinnen die Macher der bekannten Geschichte genug neue Facetten und überraschende Wendungen ab, um bis zum Ende der Zugfahrt glänzend und äußerst kurzweilig zu unterhalten. Das hohe Erzähltempo, die engagiert aufspielenden Schauspielern und die druckvolle Regie, die in hundert Minuten eine ziemlich verwickelte Geschichte erzählt, tragen dazu bei. Dass sie, vor allem natürlich die große Verschwörung, wenn man genauer darüber nachdenkt, wenig plausibel ist, stört nicht in diesem Moralstück.
Und ich werde jetzt garantiert nicht auf die Zugtoilette stürmen, um nach dem Briefumschlag mit Geld zu suchen…
The Commuter (The Commuter, USA/Großbritannien 2017)
Regie: Jaume Collet-Serra
Drehbuch: Byron Willinger, Philip de Blasi
mit Liam Neeson, Vera Farmiga, Patrick Wilson, Sam Neill, Elizabeth McGovern, Jonathan Banks, Florence Pugh, Andy Nyman, Killian Scott, Shazad Latif, Roland Moller, Kobna Holdbrook-Smith, Colin McFarlane
Full Metal Jacket (Großbritannien 1987, Regie: Stanley Kubrick)
Drehbuch: Stanley Kubrick, Michael Herr, Gustav Hasford
LV: Gustav Hasford: The Short-Timers, 1981 (Höllenfeuer)
Grandioser (Anti-)Kriegsfilm von Stanley Kubrick, der im ersten Drittel des Films die gnadenlose Ausbildung der Soldaten, ihre Entpersönlichung und Zurichtung nach den Wünschen des Militärs, und in den restlichen zwei Dritteln den chaotischen Kampf in Vietnam, in dem die Ausbildung keinen Pfifferling mehr wert ist, dokumentiert.
Kein angenehmer Film und auch kein Film mit irgendwelchen Identifikationsfiguren oder einem moralischen Standpunkt, aber ein wichtiger und sehenswerter Film.
„Full Metal Jacket ist ein nihilistischer Thriller und insofern der letzte Kriegsfilm, ein Schlussstrich unter das Genre, weil in ihm das Ende des Individuums weniger eine Aussage ist als eine Haltung.“ (Stefan Reinicke: Es ist besser zu leben, als tot zu sein: Full Metal Jacket [1987], in Andreas Kilb/Rainer Rother: Stanley Kubrick)
mit Matthew Modine, Adam Baldwin, Vincent D’Onofrio, R. Lee Ermey, Dorian Harewood
Paris, Hauptstadt von Frankreich, 2,2 Millionen Einwohner, eine multikulturelle Stadt mit langer Geschichte und einige werden in „Paris Noir“ erzählt. Krimifans, die sich viel im angloamerikanischen Raum tummeln, werden sich jetzt, mehr oder weniger dunkel, an eine Reihe von Anthologien erinnern, die Akashic Books in den vergangenen Jahren veröffentlichte und deren Konzept so einfach, wie überzeugend war: bekannte Autoren schreiben exclusive Kurzgeschichten über eine Stadt, die sie gut kennen, in der sie meistens auch Leben und, das ist jetzt die Aufgabe des Herausgebers, die Geschichten spielen in verschiedenen Stadtteilen und ergeben ein ungewöhnliches Porträt der Stadt. In den vergangenen Jahren erschienen Bücher über Atlanta, Baltimore, Boston (mehrere), Bronx, Brooklyn, Manhattan, Queens, Staten Island (bei New York ging man gleich in die Stadtteile), Chicago, Detroit und, außerhalb der USA, Brüssel, Dublin, Helsinki, London und, weil immer nur Städte und Landschaften auf die Dauer langweilig sind, gibt es auch „Prison Noir“; – wobei ein Gefängnis ja auch ein Ort ist. Allerdings ein Ort, den man nicht freiwillig besucht.
Für „Paris Noir“ übernahm Aurélien Massons, der von 2005 bis 2017 Herausgeber der Série Noire in der Éditions Gallimard war, vor zehn Jahren die Aufgabe, einen etwas anderen Paris-Reiseführer zu erstellen. Die Reiseführer zu den verschiedenen, eher untouristischen Orten sind etablierte Noir-Autoren (die öfters auch ins Deutsche übersetzt wurden) und jüngere Autoren, wie dem damals noch unbekannten Jérôme Leroy. Inzwischen ist er durch seinen Krimi „Der Block“ und seine Co-Autorenschaft für „Das ist unser Land!“ (die DVD erschien Ende 2017) auch bei uns bekannt. Die anderen Autoren sind die auch in Deutschland, jedenfalls bei Fans des französischen Kriminalromans, bekannten Chantal Pelletier, Jean-Bernard Pouy, Didier Daeninckx, Patrick Pécherot, DOA, Salim Bachi, Marc Villard und, mangels Übersetzungen, unbekannten Dominique Mainard, Hervé Prudon, Laurent Martin und Christophe Mercier.
Die zwölf Geschichten geben einen Einblick in die Vielfalt des französischen Noir. Es gibt natürlich, zum Glück nur einmal, den normalen Rätselkrimi im Kurzgeschichtenformat. Aber auch Geheimagentengeschichten, Geschichten über Jugendliche aus den Banlieus, verquere Liebesgeschichten und Geschichten über kleine und große Verbrecher. Oft etwas nostalgisch angehaucht, als ob man sich in einem Maigret-Roman oder einem klassischen französischen Kriminalfilm befindet. Immer wieder wird in den Geschichten locker die Form und Perspektive gewechselt, es gibt Anspielungen und ein fast schon exzessives Namedropping, das literarisch und cineastisch versierte Leser begeistert.
„Paris Noir“ ist eine äußerst abwechslungsreiche Sammlung von spannenden Kurzgeschichten, die den Duft von Paris verströmen und neugierig auf die anderen Geschichten der Autoren machen. In einigen Fällen dürfte das nächste Antiquariat helfen können.
Als nächste Bände sind für das Frühjahr „Berlin Noir“ (mit Geschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoe Beck und Ulrich Woelk) und den Herbst „USA Noir“ (mit Geschichten von Jerome Charyn, Michael Connelly, Lee Child, Jefferey Deaver, Dennis Lehane, Joyce Carol Oates und Don Winslow) angekündigt.
Aurélien Massons: Paris Noir
(übersetzt von Zoe Beck, Karen Gerwig, Jan Karsten und Martin Spiess)
Arte, 20.15 Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Richard LaGravenese
LV: Scott Thorson, Alex Thorleifson: Behind the Candelabra, 1988
Grandioses, mit Preisen überschüttetes Biopic über den klavierspielenden, stockschwulen Las-Vegas-Entertainer Liberace, der jeden verklagte, der behauptete, er sei schwul.
Derzeit ist „Liberace“ immer noch Steven Soderberghs letzter Kinofilm, obwohl die HBO-Produktion in den USA nur im Fernsehen lief.
Soderbergh erzählt pointiert, mit einem scharfen Blick auf die damalige Bigotterie und die Schauwerte, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Männern, in der der ältere Mann den anderen verführt, ausnutzt und letztendlich verstößt. Es ist auch ein Blick auf die Schattenseiten des Showgeschäfts, in denen ein Star wie ein kleiner König herrschen kann. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Dan Akroyd, Debbie Reynolds
ZDF, 20.15 James Bond 007 – Skyfall(Skyfall, GB/USA 2012)
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade, John Logan
LV: Charakter von Ian Fleming
James Bond jagt Raoul Silva, der zuerst die Datei mit den Identitäten von allen Geheimagenten, die undercover in Terroristennetzwerken arbeiten, entwendet und dann den gesamten britischen Geheimdienst ins Nirvana schicken will, weil M(ama) nicht nett zu ihm war.
Insgesamt ein sehr erfreulicher James-Bond-Film, in dem wir letztendlich mehr über Bond erfahren, als wir jemals wissen wollten – und den ich zum Kinostart ausführlich besprochen habe.
Am Mittwoch, den 17. Januar, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr (und, als Nachtwiederholung, um 00.15 Uhr) als TV-Premiere den bislang letzten James-Bond-Film „Spectre“.
mit Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Bérénce Marlohe, Ben Whishaw, Albert Finney, Rory Kinnear, Ola Rapace
Nur eine Autorin auf der Bestenliste, die einen notorischen Männerüberschuss hat. Da kann ich mit dem Hinweis auf Marcie Rendons tolles Debüt „Am roten Fluss“ die Frauenquote mühelos erhöhen.
Und Sue Grafton, die Autorin der Kinsey-Millhone-Privatdetektivkrmis (auch bekannt als Alphabet-Serie, weil die Originaltitel das Alphabet durchbuchstabierten), ist tot.
Drehbuch: Jean-Luc Godard, Anne-Marie Miéville (nach einer Story von Alain Sarde und Philippe Setbon)
Ein Hoteldetektiv und ein Polizist wollen herausfinden, wer vor zwei Jahren einen Fürst ermordete. Dafür beobachten sie mit einer Videokamera (damals State of the Art) die Halle des noblen Pariser Hotels Concorde Saint-Lazare. Sie konzentrieren sich immer mehr auf drei Gruppen von Menschen.
Anlässlich des Todes von Johnny Hallyday nahm Arte im Dezember Jean-Luc Godards „Detective“ überraschend ins Programm und zeigt ihn heute Nacht nach einmal. Eine Gelegenheit, die sich kein Cineast entgehen lassen sollte. Denn dieser ‚kommerzielle‘ Film (aus Godards Sicht) ist eine wundervoll verspielte Noir-Dekonstruktion mit Starbesetzung.
1986 lief „Detective“ sogar regulär in deutschen Kinos. Heute werden Godards neueste Werke noch nicht einmal im Fernsehen gezeigt.
Mit Claude Brasseur, Nathalie Baye, Johnny Hallyday, Jean-Pierre Léaud, Laurent Terzieff, Stéphane Ferrara, Alain Cuny, Emmanuelle Seigner
Türkei, 1915: der armenische Schmied Nazaret sucht viele Jahre seine beiden Töchter, die den Völkermord der Türken an den Armeniern überlebtet haben sollen. Dafür reist er um die halbe Welt bis in die USA.
Gelungenes, episches Unterhaltungskino, das seine TV-Premiere zu einer wahrhaft unchristlichen Zeit erlebt.
mit Tahar Rahim, Simon Abkarian, Makram J. Khoury, Hindi Zahra, Kevork Malikyan, Bartu Kücükcaglayan, Trine Dyrholm, Moritz Bleibtreu, Akin Gazi, George Georgiou
North Dakota ist fast ein Nachbarstaat von Wyoming, wo Craig Johnsons Longmire-Kriminalromane spielen. Der Bundesstaat ist etwas kleiner und dichter bevölkert als Wyoming. Verglichen mit Deutschland ist auch dieser US-Staat eine riesige, menschenleere Gegend. Aber dank Fargo – dem Spielfilm oder der TV-Serie, weniger wegen der real existierenden Stadt (mit 120.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes [Herrje, sogar das kleine Saarbrücken hat mit knapp 180.000 Einwohnern mehr Einwohner.]) – ist North Dakota wesentlich bekannter als Wyoming.
In der Gegend um Fargo im Sommer 1970 spielt Marcie Rendons Romandebüt „Am roten Fluss“. Damals hatte Fargo nur 53.000 Einwohner. In North Dakota lebten etwas über 630.000 Menschen.
Der titelgebende Red-River-Fluss (bzw. genaugenommen Red River of the North) markiert die Grenze zwischen Norddakota und Minnesota. Und während es für die Einwohner egal ist, in welchem Staat im Weizengürtel der USA sie gerade sind, ist es für die Polizei bei Ermittlungen nicht egal. Auch wenn Rendon in ihrem Roman nur einen nur allzu alltäglichen Fall mit einem ebenso banalen Motiv schildert. Es ist ein Fall, der damals wahrscheinlich nur deshalb in der Regionalzeitung erwähnt wurde, weil die Zeitungsseiten gefüllt werden müssen.
An einem Tag im August wird auf einem Stoppelfeld ein ermordeter Landarbeiter gefunden. Er wurde erstochen. Die neunzehnjährige Renee Blackbear, genannt Cash, fährt, nachdem sie von dem Fund der Leiche im Radio gehört hat, zum Tatort. Sie hatte, wie öfters, ein Gefühl, dass sie dorthin fahren sollte (Nebenbei bemerkt: solche Gefühle und Visionen sind ein guter Short Cut um alle möglichen Zufälle flott zu erklären.). Ihr väterlicher Freund, Sheriff Wheaton, bittet sie, der Frau des Toten die Nachricht zu überbringen. Weil der Tote aus der Red-Lake-Reservation stammt, hat das FBI den Fall übernommen. Aber Wheaton würde den Fall gerne vor den FBI-Agenten aufklären und Cash kann ihm dabei helfen. Denn sie ist selbst Indianerin. Außerdem wurde sie als Kind von ihrer Mutter getrennt. Die war Alkoholikerin und konnte deshalb, nach Ansicht der Fürsorge, Cash nicht erziehen. Cash erlebte danach, wie unzählige andere Indianerkinder, eine Odyssee durch zahllose Pflegefamilien. Wheaton half ihr in dieser Zeit immer wieder.
Cash beginnt sich auch in den Bars von Halstad umzuhören. Schnell trifft sie auf die Mörder von ‚Tony O‘ Day Dodge. Dummerweise kann sie sie in der Nacht nicht erkennen. Sie werden aber auf sie aufmerksam und schießen auf sie. Cash kann entkommen. Aber die Mörder wissen jetzt, dass jemand sie identifizieren kann.
Der Kriminalfall, verstanden als die Suche und Überführung der Täter, ist für Marcie Rendon, Stammesangehörige der in Minnesota lebenden Anishinabe White Earth Nation und Stückeschreiberin, nur der Vorwand, um über das ärmliche Leben am Red River um 1970 zu erzählen. Ein durchgehendes, nicht mit dem Mordmotiv verknüpftes Thema ist dabei der Umgang der weißen Mehrheitsgesellschaft mit Kindern von Indianern, die von ihren Eltern getrennt und in Pflegefamilien gegeben oder in spezielle Internate, die Indian Boarding Schools, gesteckt wurden. Dort sollten ihnen die traditionellen Lebensweisen aberzogen werden zugunsten einer Assimilierung an westliche Normen und das Christentum.
Rendons Krimi ist, wie Craig Johnsons „Longmire: Bittere Wahrheiten“, untrennbar mit dem Handlungsort und den dort lebenden Menschen verbunden. Und, wie Johnson, hat sie mit Cash und Sheriff Wheaton ein äußerst sympathisches Ermittlergespann erfunden, das gerne noch einige weitere Fälle lösen kann.
Die zwei Gesichter des Januars (The two Faces of January, Großbritannien/USA/Frankreich 2014)
Regie: Hossein Amini
Drehbuch: Hossein Amini
LV: Patricia Highsmith: The two Faces of January, 1964 (Unfall auf Kreta, Die zwei Gesichter des Januars)
Athen, 1962: Der kleine Betrüger Rydal (Oscar Isaac) schlägt sich als Fremdenführer durch, trifft das amerikanische Ehepaar Chester MacFarland (Viggo Mortensen) und Colette (Kirsten Dunst) und wird in einem Mordfall verwickelt. Denn auch Chester ist in betrügerische Geschäfte verwickelt.
Sehr stilbewusste Highsmith-Verfilmung. Zu einer ziemlich unmöglichen Uhrzeit.
Zeitung tragen die vier Paper Girls schon lange nicht mehr aus. Das taten sie nur auf den ersten Seiten der von Brian K. Vaughan geschriebenen und Cliff Chiang gezeichneten, mit mehreren Eisner Awards ausgezeichneten Comicserie, von der jetzt der dritte Sammelband erschienen ist. Er enthält die Hefte 11 bis 15 und erzählt wieder eine in sich abgeschlossene, nun, Episode.
Alles begann an Halloween 1988, als die Mädchen Tiffany, Erin, MacKenzie und KJ beim morgendlichen Austragen der Tageszeitung im Keller eines Hauses ein unbekanntes Flugobjekt (das aussieht, wie ein Fünfziger-Jahre-SF-Film-Ufo) entdecken und viele Aliens in der Vorstadt auftauchen. Durch einen Falz springen sie in das Jahr 2016, treffen die ältere Erin Tieng und am Ende des zweiten „Paper Girl“-Sammelbandes springen sie wieder in eine andere Zeit. Sie landen in einer urwaldähnlichen Region. Aber zunächst wissen sie nicht, ob sie – denn Zeitreisen funktionieren in die Vergangenheit und die Zukunft – in der Vergangenheit oder der Zukunft gelandet sind.
Sie sind 11.706 v. Chr. gelandet und nach einer kurzen Atempause wieder in höchster Gefahr. Neben den hungrigen Urviechern treffen sie auf sehr unfreundliche Ureinwohner und die Zeitreisende Dr. Qanta Braunstein, Projektleiterin bei AppleX, die eigentlich nur beobachten soll.
Auch der dritte „Paper Girls“-Sammelband enthält eine flott erzählte, an einem Ort spielende Geschichte. Dieses Mal werden verschiedene in den ersten beiden Bänden eingeführte Handlungsstränge nicht fortgeführt.
Und weil „Paper Girls“ auf keine bestimmte Zahl von Heften festgelegt ist, können die Abenteuer der Paper Girls noch ewig weitergehen. Bis jetzt halte ich das für eine gute Sache.