Janis: Little Girl Blue (Janis: Little Girl Blue, USA 2015)
Regie: Amy J. Berg
Drehbuch: Amy J. Berg
Die Doku „Janis: Little Girl Blue“ über die Sänderin Janis Joplin ist informativ, kurzweilig und geizt nicht mit Konzertaufnahmen; wobei die durchaus etwas kürzer hätten ausfallen können. Aber andererseits: wer kann schon etwas gegen gute Musik einwenden?
mit Janis Joplin, Peter Albin, Sam Andrew, Karleen Bennett, Dick Cavett, John Cooke, David Dalton, Cornelius ‚Snooky‘ Flowers, Country Joe McDonald, Clive Davis, Melissa Etheridge, Dave Getz, Laura Joplin, Michael Joplin, Michael Joplin, Julius Karpen, Juliette Lewis, Alecia Moore, J. Dave Moriaty, Dave Niehaus, D.A. Pennebaker, Travis Rivers, Powell St. John, Bob Weir, Jae Whitaker, Chan Marschall (Cat Power, Erzählerin in der Originalfassung)
Auch wenn die Kinobesucher in den letzten Jahren im Durchschnitt immer älter wurden, sind immer noch fast vierzig Prozent der Kinobesucher unter dreißig Jahre. Immer noch kann bei ihnen das große Geld verdient werden und die Älteren, die Dreißig- bis Fünfzigjährigen (wieder gut vierzig Prozent) gehen dann auch in die Filme. Vielleicht weil ein, zwei Schauspieler dabei sind, die man seit frühester Jugend bewundert. Beispiele finden sich in jedem Superheldenfilm. Vielleicht weil es ein Kinderfilm ist, den man sich mit seinen Kindern ansieht.
Trotzdem gibt es immer mehr Filme, die sich explizit an ein älteres Publikum richten. Und damit meine ich nicht Vierzig- oder Fünfzig-Plus, sondern Sechzig- oder, wenn man dann noch rüstig ist, Siebzig-Plus. In den Filmen steht das Leben rüstiger und nicht mehr so rüstiger Rentner im Mittelpunkt. Mit Schauspielern, deren Sturm- und Drangjahre schon einige Jahre zurückliegen.
Diese Woche starten gleich drei sehenswerte Filme in unseren Kinos, die abgesehen von ihren, ähem, älteren Protagonisten kaum unterschiedlicher sein könnten. „Die Spur“ ist ein Kriminalfilm aus Osteuropa. „Das Leuchten der Erinnerung“ ein US-Roadmovie mit Starbesetzung. Und „Alte Jungs“ eine Komödie aus Luxemburg.
In „Alte Jungs“ beschließen vier Männer zwischen 65 und 84 Jahren, nachdem sie es sich endgültig im Altersheim verscherzt haben, ein Haus zu mieten und dort ein richtig progressives Altersheim für sich und alle anderen Alt-68er einzurichten. Ein Haus, das ihnen die gewohnten Freiheiten gibt, in dem sie nicht bevormundet werden und aus dem sie nicht herausgeworfen werden können.
Das ist der mit viel Schnaps entstandene Plan, für den sie Mitstreiter suchen, ein Anwesen finden und Geld beschaffen müssen. Auch im benachbarten Luxemburg ist das ein Plan, der leichter gedacht, als ausgeführt ist. Vor allem weil die finanziellen Möglichkeiten der alten Jungs begrenzt sind, die Kinder (sofern vorhanden) keine große Hilfe sind und sie nicht den Weg von Lina Braake gehen wollen
Mit seinen ersten Spielfilmen „Troublemaker“ und „A Wopbobaloobop a Lopbamboom“ wurde der luxemburger Regisseur Andy Bausch, der Filme über seine Heimat drehte, auch bei uns bekannt. Danach drehte er Krimis für das deutsche Fernsehen (u. a. „Die Männer vom K3“, „Doppelter Einsatz“, „Balko“), Dokumentarfilme und jetzt „Alte Jungs“.
Es ist eine, dem Alter der Protagonisten entsprechend, ziemlich gemütlich erzählte, sympathische Komödie, in der die meisten Charaktere eine gesunde Abneigung gegen Gesetze und Regeln haben.
Am Ende verwirklichen sich ihre Pläne für ihren letzten Aufenthaltsort (also den vor der letzten Ruhestätte) anders, als sie es planen.
„Das Leuchten der Erinnerung“ ist dann Starkino. Immerhin wurden die Hauptrollen mit Helen Mirren und Donald Sutherland mehr als prominent besetzt. Er spielt einen zunehmend dementen, pensionierten Literaturprofessor. Sie seine patente, unheilbar an Krebs erkrankte Frau. Als letzte große Reise plant sie eine Fahrt quer durch die USA zu den Orten, an denen sie früher waren oder schon immer hin wollten. Das Ziel ihrer Reise ist das Haus von Ernest Hemingway in Key West, Florida.
Eines Tages setzt sie ihn, ohne ihren Kindern etwas zu sagen, in Wellesley, Massachusetts, in den (im Original) titelgebenden „Leisure Seeker“ hinter das Steuer. Denn sie kann nicht fahren, aber die Landkarte lesen und sie behält bei dieser Reise in den Süden immer den Überblick. Sie kennt auch jede seiner Marotten und hilft ihm immer wieder, wenn er sich nicht erinnern kann oder vom richtigen Weg abkommt.
Paolo Virzi („Die süße Gier“, „Die Überglücklichen“) inszenierte ein herziges Roadmovie, sozusagen ein „Easy Rider“ für die Silver Ager, das uns einmal quer durch die USA führt, garniert mit Humor, etwas Drama, Sentiment und Erinnerungen. Da kommt alles so herzig zusammen, dass man auch die eine Szene verzeiht, in der der von Sutherland gespielte links-liberale, immer die Demokraten wählende Lehrer, bei einer Wahlkampfveranstaltung, plötzlich zum Trump-Fan mutiert.
Eine andere Art von Schauspielerkino präsentiert Agnieszka Holland in ihrem neuen Spielfilm „Die Spur“, den sie mit ihrer Tochter Kasia Adamik als Co-Regisseurin drehte.
Holland arbeitete zuletzt viel in den USA, wo sie Folgen für TV-Serien wie „House of Cards“, „The Killing“, „Treme“, „The Wire“ und „Cold Case“ und die Miniserie „Rosemary’s Baby“ inszenierte. Cineasten mit einem funktionierendem Langzeitgedächtnis erinnern sich an ihre frühen Spielfilme wie „Eine alleinstehende Frau“, „Bittere Ernte“ (Oscar-nominiert), „Hitlerjunge Salomon“ (Oscar- und Bafta-nominiert, Golden-Globe-Gewinner) und „Der geheime Garten“. Davor war die Polin Regieassistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda. Und sie schrieb, oft mit Co-Autoren, Drehbücher. Für Wajda schrieb sie unter anderem „Eine Liebe für Deutschland“, „Danton“ und „Korczak“. Für Krzysztof Kieślowskis „Drei Farben: Blau“ und „Drei Farben: Weiß“. Da lohnt sich ein tiefes Eintauchen in die Filmarchive oder Arte präsentiert einmal eine Agnieszka-Holland-Reihe.
Bis dahin kann man sich ihren neuen Film „Die Spur“ ansehen. Er spielt in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Janina Duszejko (Agnieszka Mandat) ist eine pensionierte Bauingenieurin, die allein mit ihren Hunden in einem einsam gelegenem Haus lebt, zum Zeitvertreib Kindern in der Dorfschule Englischunterricht gibt und sich mit Gott und der Welt anlegt. Denn für sie sind Tiere gleichberechtigte Lebewesen. Die Jagd, vor allem wenn die Jäger außerhalb der Jagdsaison Wild schießen, lehnt sie vehement ab. Ihre zahlreichen, erfolglosen Anzeigen bei der Polizei belegen das. Denn die Polizei, der Bürgermeister und auch der Pfarrer halten die Jagd für ein Teil der polnischen Kultur und natürlichen Ordnung.
Als mehrere Jäger bei Jagdunfällen sterben, stellt sich die Frage, ob es Unfälle oder Morde waren. Oder, immerhin inszeniert Holland die polnischen Wälder als traumverlorene, dunkle Landschaft voller Schatten. In der Dämmerung (vulgo: Jagdzeit) verblassen die Farben, die Konturen und damit die Gewissheiten des helllichten Tages. In dieser düster-romantischen Atmosphäre erscheint es auch möglich, dass die Tiere sich an den Jägern rächen.
Auf den ersten Blick ist „Die Spur“ mit seiner Suche nach dem Mörder ein Kriminalfilm. Aber Holland vernachlässigt immer wieder die Mördersuche zugunsten eines eindrucksvollen Porträts ihrer Protagonistin Janina Duszejko und der immer noch archaischen Welt, in der sie lebt. Sie ist die von Kindern geliebte Kräuterhexe und Rebellin gegen die mächtigen Erwachsenen. Die Erwachsenen fürchten und ignorieren sie wegen ihres moralischen Rigorismus. Sie ist die Schreckschraube, die sich von niemandem etwas sagen lässt und keine Probleme damit hat, die halbe Ortschaft, die sehr gut mit, für und durch die Jagd lebt, zum Feind zu haben.
Für Holland ist „Die Spur“ „ein anarchistisch feministischer Ökothriller mit Elementen einer schwarzen Komödie.“
2017 erhielt die starke Charakter- und Milieustudie auf der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis. Inzwischen reichte Polen „Die Spur“ als Polens Kandidat für den Oscar als bester fremdsprachiger Film ein. Ihr vorheriger Film „In Darkness“ (2011) war 2012 in der entsprechenden Kategorie für den Oscar nominiert.
Alte Jungs (Rusty Boys, Luxemburg 2017)
Regie: Andy Bausch
Drehbuch: Andy Bausch, Frank Feitler
mit André Jung, Marco Lorenzini, Pol Greisch, Fernand Fox, Josiane Peiffer, Monique Reuter, Myriam Muller, Pitt Simon, Marie Jung
Iraqi Odyssey – Meine Familie aus Bagdad (Schweiz/Deutschland/Irak 2014)
Regie: Samir
Drehbuch: Samir
Samir erzählt die Geschichte seiner Familie, die aus dem Irak flüchten musste und heute verstreut auf der ganzen Welt lebt, und seines Geburtslandes Irak von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart.
Es wird die vom Regisseur selbst hergestellte 90-minütige Version gezeigt.
Dabei langweilt auch die dreistündige Version (und nur die kenne ich) in keiner Sekunde – und sie eröffnet einen anderen Blick auf das Land.
Die barfüßige Gräfin (USA 1954, Regie: Joseph L. Mankiewicz)
Drehbuch: Joseph L. Mankiewicz
Anhand des in einer langen Rückblende erzählten rasanten Aufstiegs einer spanischen Nachtclubtänzerin zu einem Hollywoodstar, die ihr Privatleben nicht in den Griff bekommt, rechnet Mankiewicz mit der Traumfabrik ab – und mystifiziert sie gleich wieder.
„Eine Seifenoper mit internationalem Rahmen.“ (Time Magazine)
„Mankiewicz’ Dialoge funkeln wie kostbarer Burgunder.“ (Hollywood Reporter)
Sein Drehbuch war für einen Oscar und den Preis der Writers Guild of America nominiert.
mit Humphrey Bogart, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Marius Goring
Als Lucas Belvaux‘ grandioser Polit-Thriller „Das ist unser Land!“ Ende August in unseren Kinos anlief schrieb ich ziemlich begeistert:
Vor wenigen Wochen, während der Präsidentschaftswahl in Frankreich, in der es Marine Le Pen (Front National) gelang, in die Stichwahl zu kommen, war Jérôme Leroys gerade auf Deutsch erschienener Roman „Der Block“ der Roman, der die gesellschaftlichen Hintergründe der Wahl im Rahmen einer fiktiven Geschichte erklären konnte. Leroy ist auch einer der Drehbuchautoren von „Das ist unser Land!“ und die Parteichefin Agnès Dorgelle und der Problemlöser Stanko, tauchen auch im Film auf. Das verwundert nicht. Auch in dem Film geht es um Rechtspopulisten, die an Macht wollen und der von Leroy erfundene „Patriotische Block“ (im Film Rassemblement National Populaire [RNP]) ist selbstverständlich die fiktionale Version der Front National.
In dem Film steht Pauline Dunez (Émilie Dequenne) im Mittelpunkt. Die alleinerziehende Mutter lebt in der Kleinstadt Hénart im strukturschwachen Norden Frankreichs. Als Krankenschwester kommt sie bei ihren Hausbesuchen herum. Sie sieht, wie die Stadt zunehmend zerfällt. Sie hört die Geschichten der Leute und sie kümmert sich nicht um die Politik. Das hat ihr Vater, ein stramm kommunistischer Gewerkschaftler, getan und er konnte den ökonomischen Abstieg der Region nicht verhindern.
Eines Tages wird sie während der Arbeit von Dr. Philippe Berthier (André Dussollier) angesprochen. Denn Pauline ist nicht nur in der Stadt bekannt, sondern auch beliebt. Die Leute vertrauen der Krankenschwester. Sie ist als Mittdreißigerin noch jung und sie sieht gut aus. Sie ist, kurz gesagt, die etwas ältere Ausgabe des Mädchens, mit dem man Pferde stehlen möchte. Sie wäre bei der anstehenden Bürgermeisterwahl das perfekte Gesicht für den „Patriotischen Block“.
Nach einem kurzen Zögern, in dem sie vom „Patriotischen Block“ umworben wurde, die Hand von Marine-Le-Pen-Lookalike Agnès Dorgelle (Catherine Jacob), der RNP-Vorsitzenden, schütteln durfte und ihr gesagt wurde, sie könne etwas verändern, erklärt sie sich bereit, zu kandidieren. Obwohl sie bislang keinerlei politische Erfahrung hat, wird sie das Gesicht der Rassisten für den anstehenden Wahlkampf.
In „Das ist unser Land!“ erzählen Leroy und Regisseur Lucas Belvaux (auch Drehbuch) anhand der Geschichte einer jungen Frau, wie Rechtspopulisten Stimmungen ausnutzen und befördern und wie sie versuchen, an die Macht zu gelangen. Da ist eine beliebte Krankenschwester das perfekte Gesicht, das nur das hübsche Gesicht für den Stimmenfang sein soll. Alles weitere erledigt die Partei, die überhaupt nicht an wirklichen Lösungen für die Betroffenen, die sie gewählt haben, interessiert ist. Aber die Partei hat genaue Vorstellungen über Paulines öffentliches Auftreten, ihre Kleiderwahl, ihre Frisur (sie soll sich die Haare blond färben) und ihren Freund. Sie hat nämlich zufällig Stanko (Guillame Gouix) getroffen. Er war (und hier sollten wir uns nicht mit Vergleichen zwischen Buch- und Film-Stanko belasten) ein Schläger für den „Patriotischen Block“, der jetzt behauptet, mit seiner Vergangenheit gebrochen zu haben. Aber die Partei betrachtet Stankos Vergangenheit für ihren Wahlkampf und hätte gerne, dass er aus Paulines Leben verschwindet.
Gleichzeitig verändert Pauline, die durchaus gefallen an ihrer neuen Rolle findet, sich und die Umwelt reagiert anders auf sie. Schließlich ist sie nicht mehr die patente Krankenschwester, sondern die Vertreterin einer rassistischen Partei.
Das ist viel Stoff für einen Spielfilm. In knapp zwei Stunden werden auch, in einem tiefen Blick in das Parteileben der Führungsschicht des Blocks, die Hintergründe der Rekrutierung und der Wahlkampagne um Pauline gezeigt. Durch die so notwendigen Pointierungen wirkt der glänzend strukturierte und durchkomponierte, niemals gehetzt wirkende Film stellenweise etwas lehrbuchhaft und überdeutlich. Trotzdem fällt Belvaux keine Urteile über seine Figuren oder missbraucht sie als politische Pappkameraden. Er erzählt seine Geschichte mit einem analytischen Blick, der nie seine Sympathie für die Menschen (aber nicht unbedingt für ihre Meinung) verhehlt. Und genau das macht seinen Film so sehenswert.
„Das ist unser Land!“ ist politisch engagiertes Kino, das aufklärt und das zum Nachdenken auffordert. Denn das was in Frankreich mit dem Aufstieg der Front National passierte, kann auch in Deutschland passieren und die Methoden der Rattenfänger gleichen sich.
Das Bonusmaterial der DVD besteht aus dem Trailer und einem gut 25-minütigen Gespräch zwischen Lucas Belvaux und Filmjournalist Yves Alion (L’Avant-Scène Cinéma), das nach dem Kinostart des Films und vor der Wahl von Emmanuel Macron im Mai 2017 zum französischen Staatspräsidenten geführt wurde. Sie unterhalten sich über das Thema des Films, den Front National, ihre Methoden und wie sie gegen den Film polemisierten, und, immer wieder, auch über andere Filme.
Das ist unser Land!(Chez nous, Frankreich/Belgien 2017)
Regie: Lucas Belvaux
Drehbuch: Lucas Belvaux, Jérôme Leroy
mit Émilie Dequenne, André Dussollier, Guillaume Gouix, Catherine Jacob, Anne Marivin, Patrick Descamps, Charlotte Talpaert, Stéphane Caillard
–
DVD
Alamode Film
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit Lucas Belvaux, Trailer, Wendecover
Mit Geschichten wie „Wanted“ und „Kick-Ass“ wurde Mark Millar bekannt und, egal wie sehr sie einem gefallen, sind es Geschichten für pubertierende Jungs. Inzwischen ist Millar in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei Kinder und darf bald seinen fünfzigsten Geburtstag feiern (Ähem, nachträglich: Alles Gute zum Geburtstag, der am 24. Dezember war). Wie das Perspektiven verändert, sieht man in seinen neuen Werken „Reborn“ und „Empress“.
Doch beginnen wir unseren kleinen Überblick über seine neu auf Deutsch erschienenen, durchgehend lesenswerten Werke mit einem Frühwerk. Als vierter Band der „Mark Millar Collection“ erschien „Genosse Superman“. Wie man bei dem Titel schon vermuten kann, handelt es sich um keine gewöhnliche Superman-Geschichte. Aber wer hätte das, ehrlich gesagt, bei Millar erwartet? Schließlich verbindet er immer wieder eine bekannte Geschichte mit einem besonderen Twist. Bei „Kick-Ass“ erzählt er, zum Beispiel, eine typische Superhelden-Origin-Geschichte. Nur ist sein Held kein Superheld, sondern ein ganz normaler, verweichlichter, unsportlicher Nerd, der ohne die Hilfe von Hit-Girl keine zwei Minuten überleben würde. Sie ist ein Mädchen, das reihenweise Männer tötet.
In „Genosse Superman“ ist es die Idee, dass Superman nicht in den USA, sondern in der UdSSR landete, die die bekannte Superman-Geschichte radikal verändert. In der Ukraine wuchs er auf einer Kolchose auf. Danach setzte er seine Kräfte für den Ostblock ein und das verändert den Lauf der gesamten Nachkriegsgeschichte.
Für den freien, kapitalistischen Westen sucht Lex Luthor nach einem Weg, um Superman zu besiegen. Immerhin ist er eine Bedrohung für die USA, ihren Lebensstil und die von ihr forcierte Ideologie.
Mark Millars Superman-Geschichte, sozusagen eine Alternativwelt-Geschichte zu einer erfundenen Geschichte, erschien im Original erstmals 2003.
Im Rahmen der Mark Millar Collection ist sie jetzt mit zahlreichen Zeichnungen aus den Skizzenbüchern der Zeichner Dave Johnson und Kilian Plunkett wieder veröffentlicht worden.
Fast, aber wirklich nur fast, schließt „Huck – Held wieder Willen“ daran an. Im Mittelpunkt steht Huck. Er lebt in einem kleinen Dorf in den USA ein einfaches, glückliches Leben als Tankwart. Seine Nachbarn mögen ihn. Das Findelkind mag sie. Er hilft ihnen. Auch mit seinen Superkräften, die die Dorfbewohner klaglos akzeptieren. Denn jeden Tag vollbringt er, in schönster Pfadfindertradition, eine gute Tat.
Als die kürzlich zugezogene Diane von seinen Fähigkeiten erfährt, erzählt sie es der Presse. Selbstverständlich belagern die Medien das Dorf. Auch Hucks Bruder meldet sich. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, ihre Mutter zu suchen – und das Geheimnis ihrer Herkunft aufzudecken.
Die untergegangene Sowjetunion spielt eine Rolle dabei und die Lösung erinnerte mich an die Prämisse der TV-Science-Fiction-Serie „Dark Angel“ (Kennt die noch jemand? Außerdem sollte ich sie mir mal zu Ende ansehen und die Romane von Max Allan Collins lesen.).
„Huck“, zusammen mit Rafael Albuquerque (American Vampire) geschrieben und im Original 2015/2016 erschienen, bewegt sich noch in dem altbekannten Millar-Kosmos.
Die danach erschienenen Folgewerke „Empress“ und „Reborn“ unterscheiden sich deutlich von „Huck“. Nicht nur weil beide Male Frauen die Protagonistinnen sind (das ist bei Millar ja nicht ungewöhnlich), sondern weil die eine Frau eine Mutter und die andere eine alte, gerade verstorbene Frau ist. Und das ist bei Millar, dessen Protagonisten normalerweise junge Kindsköpfe sind, schon sehr ungewöhnlich. Spontan fallen mir nur „Old Man Logan“ und seine „Flash Gordon“-Liebeserklärung „Starlight“ ein. In dieser, im Original 2014 erschienen Geschichte ist der Protagonist ein Großvater, der als junger Air-Force-Pilot einen weit, weit entfernten Planeten von einem Diktator befreite und jetzt wieder in diese Welt zurückkehren muss.
„Empress“ spielt in einer Fantasy-Welt, die an die alten „Flash Gordon“-Serials erinnert und vom ersten bis zum letzten Panel eine waschechte Space-Opera ist.
Weil Königin Emporia für ihre Kinder ein glückliches Leben will, flüchtet sie vor ihrem Mann, dem diktatorischen König Morax, auf einen fremden Planeten.
Morax schickt wutentbrannt seine Schergen hinter ihr her und schon beginnt ein munteres Planetenhopping von einem gefährlichen Planeten zum nächsten.
Und mehr zu verraten, würde wirklich den Spaß bei dieser flotten Space Opera verderben.
In „Reborn“ stirbt die 78-jährige Bonnie Black im Krankenhaus. Mit ihrem Tod (jedenfalls vermuten wir das in dem Moment) betritt sie, wie „Alice im Wunderland“, eine andere, eine fantastische Welt, in der sie viele alte Bekannte aus ihrer Vergangenheit trifft, wie ihren Vater, ihre Katze Frosty (jetzt General Frost und sehr stinkig) und ihre frühere beste Freundin, die jetzt die Elfenkönigin ist. Teilweise haben ihre alten Bekannte, Freunde und Verwandten in Adystria ihre Gestalt geändert.
Von ihrem Vater wird Bonnie als die große Hoffnung für diese Welt angesehen. Aber bevor sie gegen die Bösen in die Schlacht zieht, möchte sie ihren vor vierzehn Jahren verstorbenen Ehemann finden. Zusammen mit ihrem Vater und ihrem Hund Roy-Boy (inzwischen ein Pudel von der Größe eines Pferdes) machen sie sich auf die Suche nach ihm. In einer Welt, die aus einem Fantasy-Spektakel oder eben „Alice im Wunderland“ stammen könnte und Bonnies wildes Abenteuer eine Fantasie, ein Traum, sein könnte.
„Empress“ und „Reborn“ haben alles, was man von einer Mark-Millar-Geschichte erwartet. Nur dass es dieses Mal etwas mehr Altersweisheit als gewohnt gibt.
Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunkett: Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2017
172 Seiten
24, 99 Euro
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Originalausgabe
Superman: Red Son # 1 – 3
DC Comics, 2003
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Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaig: Huck – Held wider Willen
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (Deutschland 2016, Regie: Dominik Graf)
Drehbuch: Rolf Basedow
Die beiden LKA-Zielfahnder Hanna Landauer und Sven Schröder verfolgen den flüchtigen Gewaltverbrecher Liviu Caramitru bis nach Rumänien.
Mit gut zwei Stunden Laufzeit sprengt Dominik Graf dieses Mal locker das übliche Neunzig-Minuten-TV-Korsett. Mit seinem hohen Erzähltempo verlangt er den aufmerksamen Zuschauer, der sich aus ein, zwei Andeutungen eine ganze Geschichte zusammenreimen muss. Und mit dem ungewöhnlichen Schauplatz zeigt er uns eine fremde Welt, in der die Gesetze des „Tatort“ nicht mehr gelten.
Hochspannender, grandioser Thriller
mit Ulrike C. Tscharre, Ronald Zehrfeld, Arved Birnbaum, Axel Moustache, Dragos Bucur, Radu Binzaru, Anna Schäfer
Wade Wilson sagt, dass „Deadpool“ der beste Superheldenfilm aller Zeiten ist und dass man, wenn man nur einen Superheldenfilm sehen will, „Deadpool“ sehen muss.
mit Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T. J. Miller, Gina Carano, Brianna Hildebrand, Leslie Uggams, Stan Lee (sein Cameo)
Wiederholung: Mittwoch, 3. Januar, 22.25 Uhr (dann ohne Schnitte. Denn „Deadpool“ ist ein FSK-16-Film und nach der Ankündigung dürften heute Abend etliche Minuten fehlen. Möglicherweise sogar über zehn Minuten!)
Weil die diesjährige Ausgabe von „Pop around the Clock“ bei 3sat ungewohnt schwach ausfällt (da hillft auch Metallica nicht)
Arte, 20.15
Moderne Zeiten (USA 1937, Regie: Charlie Chaplin)
Drehbuch: Charlie Chaplin
Tramp Charlie muss in einer Fabrik am Fließband arbeiten. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle landet er sogar im Gefängnis.
Chaplins grandioser Stummfilm-Kommentar zur Industriegesellschaft und den Auswirkungen der Wirtschaftskrise ist ein immer wieder sehenswerter Klassiker der Komödie.
Danach, um 21.40 Uhr, zeigt Arte die Doku „Charlie Chaplin, wie alles begann“ (Frankreich 2013).
mit Charlie Chaplin, Paulette Goddard, Chester Conklin
James Bond: Casino Royale (USA 2006, Regie: Martin Campbell)
Drehbuch: Paul Haggis, Neal Purvis, Robert Wade
LV: Ian Fleming: Casino Royale, 1953 (Casino Royale)
James Bond soll Le Chiffre, den Finanzier eines weltweiten Terrornetzwerkes, ausschalten.
Nach allgemeiner Einschätzung ist der einundzwanzigste James-Bond-Film (Offizielle Zählung) einer der fünf besten, vielleicht sogar – vor “Skyfall” – der beste Bond-Film. Niemand hatte mit dieser umfassenden Revitalisierung des Mythos James Bond für das neue Jahrhundert gerechnet.
Der erste Auftritt von Daniel Craig als Geheimagent ihrer Majestät ist ein spannender Thriller mit einem viel zu langen Ende. Denn nachdem Le Chiffre tot ist, ist der Film noch lange nicht zu Ende.
Noch mehr James Bond: Bei Cross Cult erschien jetzt als 25. James-Bond-Buch „Der Mann von Barbarossa“. Eine deutsche Erstveröffentlichung. John Gardner hält den Thriller für seinen besten James-Bond-Roman. Dieses Mal muss James Bond zusammen mit einem internationalen Agententeam eine bis dato unbekannte Terroristengruppe aufzuhalten. Sie fordert die Verurteilung eines angeblichen Nazi-Kriegsverbrechers. Aber ist das alles, was die Bösewichter wollen?
Walt Longmire ist seit Ewigkeiten Sheriff in Absaroka County, Wyoming; einem fast menschenleeren Landstrich in den USA. Wyoming ist der bevölkerungsärmste Bundesstaat der USA. Mit 585.000 Einwohnern hat er sogar weniger Einwohner als Washington, D. C., oder, anders gesagt, weniger Einwohner als zwei x-beliebige Berliner Bezirke. Bei der Fläche sieht es anders aus. Mit 253.596 km² ist Wyoming zwar kleiner als Deutschland (357.376 km²), aber deutlich größer als jedes Bundesland. Da verbringt Longmire schon halbe Arbeitstage in seinem Auto auf der Fahrt zu verschiedenen Befragungen und Tatorten.
Eines Tages im Spätherbst wird Cody Pritchard erschossen aufgefunden. Ob es ein unglücklicher Jagdunfall oder ein Mord war, ist zunächst noch unklar.
Aber Pritchard war vor zwei Jahren einer der Vergewaltiger von Melissa Little Bird, einem Cheyenne-Mädchen aus dem benachbarten Indianer-Reservat. Bei der Gerichtsverhandlung wurden Pritchard und seine Schulfreunde Jacob und George Esper und Bryan Keller zu geringen Strafen verurteilt. Longmire, seine Kollegen und sein Kindergartenfreund Henry Standing Bear (ein Indianer mit guten Verbindungen zu seinen Stammesbrüdern) glauben daher, dass Pritchard ermordet wurde, um Melissas Vergewaltigung zu vergelten. Als auch der zweite der damaligen Täter durch einen Schuss aus großer Entfernung stirbt, versuchen sie, weitere Morde zu verhindern. Dabei kann der Täter jeder sein, der über ein bestimmtes Gewehr verfügt und ein guter Schütze ist. In Absaroka County grenzt das die Zahl der Verdächtigen kaum ein.
Craig Johnsons Kriminalroman „Longmire: Bittere Wahrheiten“ war vor über zwölf Jahren in den USA der Auftakt zu seiner Longmire-Serie, die es auch auf die New York Times-Bestsellerliste schaffte, zahlreiche Preise erhielt (u. a. The Wyoming Historical Association Book of the Year und Western Writers of America Book of the Year) und die Grundlage für die ebenfalls erfolgreiche TV-Serie „Longmire“ war. Im Juni 2012 zeigte A & E die erste Folge. Es war ein Erfolg. Später wanderte die Serie zu Netflix und im November 2017 veröffentlichte Netflix die sechste und finale Staffel.
In Deutschland wurde die Serie ab Januar 2014 auf dem Nischensender RTL Nitro vor entsprechend wenigen Zuschauern gezeigt. Später erschien die erste Staffel auch in Deutschland auf DVD.
Trotzdem weist der Festa Verlag, wo jetzt „Bittere Wahrheiten“ erschien, auf die TV-Serie hin. Und das ist für die breite Masse auch nicht die schlechteste Werbung.
Krimifans dürften im ersten Moment an Robert B. Parkers Jesse-Stone-Romane über die Abenteuer eines Kleinstadt-Cops in Paradise, Massachusetts, in der Sichtweite von Boston oder James Lee Burkes Dave-Robicheaux-Romane über die Abenteuer eines Kleinstadt-Cops in New Iberia, Louisiana, denken. Wegen der Dicke des Longmire-Romans und des ländlichen Schauplatzes wahrscheinlich eher an die Robicheaux-Romane. Und so ganz falsch liegen sie damit nicht, obwohl die Romane von Tony Hillerman über die Indianerpolizisten Joe Leaphorn und Jim Chee die treffendere Referenz sind.
Hillerman schrieb zwischen 1970 und 2006 achtzehn Krimis, in denen er die Abenteuer der beiden Ermittler erzählte, die in Arizona im Navajo-Reservat Kriminalfälle lösen. Immer verwandte er einen großen Teil der Geschichte auf das Schildern indianischer Traditionen und wie sich das Leben der Indianer im Reservat veränderte. Beides ist untrennbar mit den Fällen verbunden. Über die Jahre zeigte sich auch, wie sehr Traditionen immer mehr vergessen wurden.
Craig Johnson knüpft hier an Hillerman an. Sein Protagonist, der Ich-Erzähler Walt Longmire, ist ein äußerst normaler Mann. Vietnamveteran, seit drei Jahren allein lebender Witwer, mit einer Tochter, die inzwischen außerhalb Wyomings als Anwältin arbeitet, respektiert und ohne diese besonderen Eigenschaften und Marotten, die in anderen Krimis die Ermittler interessant machen sollen. Auch der Fall ist alltäglich. Entsprechend überschaubar, auch weil in dem County so wenige Menschen leben, ist die Zahl der Verdächtigen.
Im Zentrum des Romans steht die Beschreibung des Lebens in Absaroka County. Der alltäglichen Polizeiarbeit. Der Menschen, die sich alle kennen. Und, gerade im Indianerreservat, dem dortigen Leben, in dem die indianischen Traditionen zwar noch lebendig sind, aber, wie man schon in Hillermans Romanen lesen konnte, immer unwichtiger werden.
„Bittere Wahrheiten“ ist ein insgesamt spannender, mit viel Lokalkolorit gewürzter Roman, der allerdings auch unter seiner epischen Länge von fünfhundert Seiten leidet. Entsprechend zäh schleppen sich die Ermittlungen in den Mordfällen immer wieder hin, während wir noch etwas über die Polizeiarbeit, den Alltag in Absaroka County und die Landschaft und ihre Bewohner erfahren. Da wünscht man sich einige Seiten weniger. Es muss ja nicht gleich die Kürze eines Hillerman-Romans haben, der seine Geschichten auf normalerweise zweihundert bis zweihundertfünfzig Seiten erzählte.
Für Mai hat Festa den zweiten Longmire-Roman „Einsamer Tod“ angekündigt. Im Juli soll dann der dritte Longmire-Roman „Gute Taten rächen sich“ erscheinen. Und weil Craig Johnson eifrig weitere Longmire-Romane schreibt, ist für ausreichend Nachschub gesorgt.
Self/Less – Der Fremde in mir (Self/Less, USA 2015)
Regie: Tarsem Singh
Drehbuch: Àlex Pastor, David Pastor
Der todkranke Immobilienmogul Damian Hale erhält ein Angebot, das er nicht ablehnen will: für eine unglaubliche Summe wird sein Geist in einen frischen Körper transferiert. Es funktioniert und er erwacht im Körper eines jungen Mannes. Dummerweise hat er nach einiger Zeit Flashbacks aus dem Leben eines anderen Menschen. Hale will herausfinden, was diese Flashbacks bedeuten. Außerdem ist er stinkig, dass ihm gebrauchte Ware verkauft wurde.
TV-Premiere: Letztendlich nur okayer actionlastiger Verschwörungsthrillers, der das Potential seiner Prämisse verschenkt.
Leila freut sich auf die Rückkehr ihres Bruders Mahmoud aus dem Jemen. Sie kann ihm ihren neuen Freund Armand vorstellen und erzählen, dass sie demnächst ein Praktikum bei den Vereinten Nationen in New York absolvieren wird. Und er kann ihr von seinen Erlebnissen im Jemen erzählen.
Dummerweise kommt er mit einer massiven religiösen Klatsche zurück. Vor seiner Reise war Mahmoud ein normaler französischer Moslem, der nach dem Tod ihrer Eltern die Rolle des Familienoberhaupts für Leila und ihren jüngeren Bruder übernommen hat. Jetzt hat er nicht nur den Bart eines religiösen Fanatikers, sondern auch dessen Ansichten. Als erstes verbrennt er Leilas Reisepass. Danach verdonnert er sie zum Hausarrest und zu einem streng religiösen Leben.
Armand, Sohn intellektueller, vor der Revolution aus dem Iran geflüchteter und immer noch linkspolitisch hoch engagierter Eltern, ist verzweifelt. Aber einer der zahlreichen Flüchtlinge, die er und seine Mitkommilitonen in ihren Asylrechtsverfahren beraten, bringt ihn auf die Idee: als Frau verkleidet kann er seine Geliebte besuchen. Gesagt, getan: in einem Niqab besucht er Leila. Er behauptet, ihre Mitstudentin und beste Freundin Scheherazade zu sein.
Mahmoud, der alles für ein gottgefälliges Leben tut, verliebt sich sofort und unsterblich in die scheue Scheherazade, die all seine Avancen ablehnt.
„Voll verschleiert“ ist eine durchaus sympathische Komödie, in der Moslems und der Islam nicht als das Reich des Bösen erscheinen. Man lacht mit ihnen und nicht über sie. Es ist allerdings auch eine Komödie, die immer dann, wenn sie sich zwischen satirischer Zuspitzung und boulevardeskem Klamauk entscheiden muss, für das Boulevard entscheidet. Das ist dann so harmlos wie „Charleys Tante“, während man auf ein „Alles koscher“ (oder mehr) hofft.
Voll verschleiert (Cherchez la Femme, Frankreich 2016)
Regie: Sou Abadi
Drehbuch: Sou Abadi
mit Félix Moati, Camelia Jordana, William Lebghil, Anne Alvaro, Carl Malapa, Laurent Delbecque, Oscar Coop, Oussama Kheddam, Walid Ben Mabrouk, Miki Manojlovic
Den meisten Kritikern gefällt Yorgos Lanthimos‘ neuer Film „The Killing of a sacred Deer“ und auf einer intellektuellen Ebene kann ich das auch nachvollziehen. Jedenfalls teilweise.
Es geht, in einem Satz, um eine Arztfamilie, die von einem jungen Mann, der ihr Leben zerstören will, bedroht wird und wie sich die Familie dagegen wehrt. Wie es sich für einen Mystery-Thriller gehört, wird der Grund für das zunächst seltsame Verhalten des jungen Mannes erst spät enthüllt. Spätestens in dem Moment ist der Filmtitel für Menschen mit einer gesunden abendländischen Bildung mühelos verständlich.
Und ungefähr jetzt begeben wir uns notgedrungen auf das Terrain von Spoilern.
Denn der Filmtitel spielt auf den griechischen Mythos der Iphigenie an. Danach muss Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern, weil er in einem heiligen Hain der Jagdgöttin Artemis einen Hirsch getötet hat und sich mit der Tat brüstete.
Im Film ist dann Doktor Steven Murphy Agamemnon. Vor Jahren starb bei einer Operation einer seiner Patienten. Vorher hatte der Patient einen Autounfall. Aber der ist für die Filmgeschichte egal. Irgendwie geplagt von Schuldgefühlen trifft er sich mit Martin, dem sechzehnjährigen Sohn des toten Patienten. Und dieser schleicht sich in Murphys Familie ein. Er will sogar Murphy mit seiner Mutter verkuppeln und so wohl wieder eine richtige Familie haben. Letztendlich ist Martin aber kein nach Liebe und Geborgenheit suchender Stalker, sondern der durchgeknallte Psycho von nebenan, den wir aus zahlreichen Filmen kennen und der stoisch seinen Racheplan verfolgt.
Denn er schleicht sich nicht nur in de Bilderbuchfamilie Murphy ein, sondern belegt sie mit einem Fluch. Plötzlich können Murphys beiden Kinder sich nicht mehr bewegen und Martin fordert Murphy auf, eines seiner Kinder zu opfern. Oder er werde die gesamte Familie töten.
Diesen eher wenig plausiblen Konflikt (Warum rächt er sich nicht an der Person, die den tödlichen Unfall verursachte? Warum will er nur Murphy und nicht auch das restliche Klinikpersonal bestrafen?) etablieren Lanthimos und seinem Stamm-Co-Autor Efthimis Filippou arg umständlich. Jedenfalls wenn man die gängigen Drehbuchregeln anlegt. Auch verglichen mit ihrem vorherigen, ungleich gelungeneren Film „The Lobster“ (ebenfalls mit Colin Farrell n der Hauptrolle) dauert es in „The Killing of a sacred Deer“ lange, bis der Konflikt etabliert ist und die damit zusammenhängende Geschichte beginnt. Dafür zeigen sie, in schönster David-Lynch-Manier inszeniert und mit Schauspielern, die konsequent unnatürlich spielen, in elegant gefilmten Szenen die bröselige Fassade des gut situierten Bürgertums. Diese Szenen bringen die Geschichte nicht vorwärts, aber sie etablieren eine herrlich ver-rückte, absurde Welt. Emotionslos werden Sätze vorgetragen. Man agiert eher neben- als miteinander und auch offensichtliche Lügen zerstören den schönen Schein nicht. Das führt zu wohltuenden Irritationen in einer durch und durch artifiziellen Welt, die mit der Realität oder einer realistischen Inszenierung der Realität nichts zu tun hat. Das ist eher die Welt von „Twin Peaks“. Ohne die Überhöhungen, Symbolismen und Andeutungen von großen Geheimnissen, die irgendwann gelöst werden.
In der zweiten Hälfte, wenn die Murphys Martin im Keller gefangenhalten (nicht in einem kleinen Kellerloch, sondern im Freizeitzimmer) und die üblichen Psychospielchen beginnen, mutiert „The Killing of a sacred Deer“ schnell zu einer banalen und erschreckend eindimensionalen Rachegeschichte in der Martin sich rächen und Murphy seine Familie beschützen will. Wie in Sabus „Happiness“, der vor einigen Wochen bei uns anlief und der in der Mitte einen ähnlichen erzählerischen Bruch hat, zieht sich dieser Teil elendig lang hin, ohne dass wir etwas substantiell neues erfahren, die Geschichte irgendeine Entwicklung hat oder das Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird.
In „The Killing of a sacred deer“ wäre es natürlich die Frage, welches Opfer für eine schlimme Tat erbracht werden muss. Im alten Griechenland war es ein Menschenopfer. In dem Film verlangt das auch Martin. Immerhin ist, aus seiner Sicht, Murphy für den Tod seines Vaters verantwortlich.
Weil Lanthimos diese Frage nur innerhalb der von ihm selbst sehr eng gesteckten Regeln seines Spiel thematisiert, geht es nur darum, ob die Murphys Martin töten oder einer aus ihrer Familie (oder alle) sterben. Das hat einen Erkenntnisgewinn, der nicht über das alttestamentarische Auge um Auge, Zahn um Zahn hinausgeht, weil die Spielregeln genau so festgelegt wurden. Diese verkopfte Rache- oder, je nach Perspektive, Sühnegeschichte im Arthaus-Gewand ist damit sogar flacher als ein hundsgewöhnliches und strunzdummes Revenge-B-Movie.
The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou
mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic, Bill Camp
Drehbuch: Deric Washburn, Harry Kleiner (nach einer Geschichte von John Milius und Fred Rexer)
Um persönliche Verfehlungen zu vertuschen, eskaliert ein hochrangiger CIA-Mann (Michael Ironside) mit seinen Männern in einem texanischen Grenzkaff den Kampf zwischen Texas-Ranger Jack Benton (Nick Nolte, seltsam unterkühlt spielend) und Bentons Schulfreund Cash Bailey (Powers Boothe) zu einer blutigen Schlacht. Denn Bailey ist inzwischen ein aus Mexiko operierender Rauschgifthändler, der mit dem CIA-Mann in schmutzige Geschäfte verwickelt ist.
„Eine ungewöhnliche Mischung aus Western, Agentenstory und Actionfilm, von Hill mit gewohnter Präzision und Effizienz inszeniert. Störend wirken die kompromisslose Gewalttätigkeit und Menschenverachtung, die die Geschichte prägen.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Vor allem das bleihaltige Ende versucht, ziemlich erfolgreich, Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ zu toppen.Auch davor gibt es schon einige Peckinpah-Anspielungen.
mit Nick Nolte, Powers Poothe, Michael Ironside, Maria Conchita Alonso, Rip Torn, Clancy Brown
Wiederholung: Samstag, 30. Dezember, 00.00 Uhr (Taggenau!, anschließend „Doberman“)
Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.
Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.
Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young
One, 23.20 M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Deutschland 1931, Regie: Fritz Lang)
Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang
Polizei und Verbrecher suchen einen Kindermörder.
Ein Filmklassiker, der keine Patina angesetzt hat und jeder Film- und Krimifan unbedingt gesehen haben muss. Mustergültig setzt Lang in seinem ersten Tonfilm Bild und Ton ein. Angeregt wurde „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ durch Zeitungsartikel über mehrere brutale Morde, unter anderem über den Fall Kürten.
Mit Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Otto Wernicke, Paul Kemp, Theo Lingen Hinweise
Knacki Rudi Duncan freut sich wie Bolle. Unter der Identität eines verstorbenen Knastkumpels will er sich an dessen Brieffreundin heranmachen. Die sieht nämlich unglaublich gut aus. Dummerweise hat sie einen Bruder, der möchte, dass Rudi ihm beim Überfall eines Casinos helfen soll. Ein Casino, in dem Rudi früher arbeitete.
John Frankenheimers letzter Kinofilm ist nicht gerade ein Meisterwerk, aber ein vergnüglicher Neo-Noir mit viel Schnee, Weihnachtsmännern und vielen Dingen, die mit Weihnachten nichts zu tun haben.
„Mag das Drehbuch auch gelegentlich ein wenig überkonstruiert erscheinen, die Inszenierung von Regie-Veteran Frankenheimer erweist sich als absolut schnörkellos und handwerklich perfekt.“ (tip 25/2000)
Die US-Kritik war nicht so begeistert.
Frankenheimer inszenierte „Der Gefangene von Alcatraz“, „Botschafter der Angst“ (The Manchurian Candidate), „Grand Prix“, „French Connection II“, „Schwarzer Sonntag“ und „Ronin“.
mit Ben Affleck, Gary Sinise, Charlize Theron, Donal Logue, Danny Trejo, Clarence Williams III
Drehbuch: Ernest Lehman (nach dem Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein)
Gut dreistündiges Musical über die singende Familie Trapp, die 1938 vor den Nazis aus Österreich in die USA flüchtete und dort mit Heimatliedern bekannt wurde.
In den USA und eigentlich weltweit (bis auf Deutschland und Österreich) war das Musical ein Kassenhit, der auch mehrere Oscars (u. a. bester Film und beste Regie) erhielt.
In Deutschland lief der Film damals in einer um die Nazi-Elemente gekürzten Fassung. „Der deutsche Verleih kürzte den Film nach der Erstauswertung rigoros, um alle politischen Elemente zu eliminieren, so dass der Film ‚freundlicher‘ und konsumierbarer, in seiner Konzeption freilich zerstört wurde.“ (Lexikon des internationalen Films)
Aus einem 172-Minuten-Film wurde ein 127-Minuten-Film.
Arte zeigt natürlich die vollständige Fassung und so kann man heute einen in Deutschland unbekannten Klassiker entdecken.
mit Julie Andrews, Christopher Plummer, Eleanor Parker, Richard Haydn, Peggy Wood, Charmain Carr, Heather Menzies
auch (un)bekannt als „Meine Lieder – Meine Träume“