Seine Tat war der bis dahin blutigste Gewaltakt gegen LGBT-Menschen und die tödlichste Massenerschießung in den USA. Bis am 1. Oktober 2017 in Las Vegas ein noch tödlicherer Terrorakt verübt wurde.
Das Entsetzen, die Betroffenheit und die Trauer über das sinnlose Massaker waren groß. In den USA und auch weltweit.
Ein Versuch künstlerisch mit diesen Gefühlen umzugehen ist der von Marc Andreyko herausgegebene Sammelband „Love is Love“. In meist einseitigen, selten zweiseitigen Texten und Bildern, meistens Comics, manchmal auch Quasi-Plakate, versuchen weit über hundert Künstler ihre Betroffenheit über den Anschlag in Worte und Zeichnungen zu fassen. Neben vielen in Deutschland unbekannten Autoren und Zeichnern sind auch bekannte Namen, wie Robert Venditti, Scott Snyder, Jock, Mark Millar, Patton Oswalt, Tim Seeley, Christopher Golden und Damon Lindelof, dabei.
Für die Anthologie wurden auch einige bekannte Charaktere, wie The Spirit und Harry Potter (sein Comicdebüt), und Superhelden, vor allem aus dem DC-Universum, mit Erlaubnis der Rechteinhaber verwendet.
In einigen Geschichten werden auch Namen von Opfern genannt und einiges über ihr Leben erzählt. Der Täter wird in der Anthologie nie genannt; – dabei ist diese Form von Ruhm (meistens Nachruhm) genau der Wunsch dieser terroristischen Massenmörder. Hier wird er ihm konsequent verwehrt.
In allen Geschichten ist die Fassungslosigkeit über den Anschlag spürbar. Auch wenn eine Geschichte erzählt wird, die unmittelbar nichts mit dem „Pulse“ und dem Massaker zu tun hat. Es wird, fast immer explizit, zu Toleranz und Verständnis füreinander aufgerufen und gesagt, dass Liebe Liebe sei. Die Autoren und Zeichner setzen die Botschaft der Liebe dem Hass (und der Intoleranz) entgegen und zeigen gleichzeitig, wie vielfältig die US-amerikanische Comicwelt in ihren künstlerischen Ausdrucksformen ist.
„Wonder Woman“-Regisseurin Patty Jenkins geht in ihrem empathischen Vorwort auf ihre Arbeit an dem Film „Monster“ ein. Für die Recherchen über die Serienmörderin Aileen Wuornos besuchte sich auch die LGBT-Communitys in Orlando und Zentral-Florida, die sich auch um Wuornos gekümmert hatten.
„Love is Love“ ist ein Trauerbuch, das Mut spendieren will.
A propos „spendieren“: von jedem verkauften Exemplar gehen 3 Euro an diverse LGBT-Verbände in den USA und an den Lesben- und Schwulenverband (LSVD).
In den USA erhielt „Love is Love“ den Eisner Award als Beste Anthologie.
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Marc Andreyko (Herausgeber): Love is Love – Eine Comic-Anthologie für Respekt, Akzeptanz und Gleichberechtigung
„Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Avengers-Initiative“ lautet der vollständige Titel, der schon verrät, dass in diesem Film-Kompendium nicht alle Marvel-Filme vorgestellt werden. Denn es ist, wie der Titel verrät, der erste Band. Außerdem reichen die bereits bekannten Pläne von Marvel für weitere Spielfilme bereits bis in das nächste Jahrzehnt. Da gibt es genug Stoff für weitere Film-Kompendien. Und es gibt noch eine Fernsehserien.
In „Marvel Cinetic Universe – Das Film-Kompendium“ werden „Iron Man“, „Der unglaubliche Hulk“, „Iron Man 2“, „Thor“, „Captain America: The First Avenger“, „The Avengers“, „Iron Man 3“ und „Thor: The Dark Kingdom“, also alle Filme der sogenannten ersten Phase und die ersten beiden Filme der zweiten Phase behandelt. Im Kino sind wir mit „Thor: Tag der Entscheidung“ knietief in der dritten Phase.
Die gewählte Form der Filmvorstellung zeigt, dass „Marvel Cimantic Universe – Das Film-Kompendium“ sich primär an die steinharten Fans richtet. Zu jedem Film werden wichtige Charaktere (wie Tony Stark) und auch Gebäude (wie Tony Starks Anwesen) und Gegenstände (wie seine Rüstung) vorgestellt und was mit ihnen in diesem Film passiert. Wenn sie in mehreren Filmen auftauchen, wird das, was mit ihnen in einem Film geschieht, bei diesem Film besprochen. Das ist eine gute Möglichkeit, um sich schnell über bestimmte Fakten im Marvel-Kinouniversum zu informieren. Aber wer die Filme nicht kennt, wird wenig mit den Beschreibungen und Nacherzählungen von Teilen der Filmhandlung anfangen können. Es wird ja nicht der Film, sondern das, was der Charakter erlebt, nacherzählt.
Zusätzlich zu den Informationen über die Filminhalte gibt es auch Kästchen, in denen die ersten Auftritte der besprochenen Personen und Gegenstände in den Comics erläutert werden. Weiter heraus aus dem Kosmos der Filme begibt sich das Film-Kompendium nicht. Es gibt keine Informationen über die Schauspieler, Regisseure und Autoren. Es wird noch nicht einmal erwähnt, wer Tony Stark spielt. Diese Informationen würden ja den schönen Schein der Filme und der Welt der Avengers zerstören.
Insofern hat Koordinator Mike O’Sullivan ein Buch herausgegeben, das nur für die Fans ist, die schon alle Filme in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben.
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Mike O’Sullivan (Chefautor/Koordinator): Marvel Cinematic Universe – Das Film-Kompendium Bd. 1: Die Avengers-Initiative
(übersetzt von Stefan Pannor)
Panini, 2017
192 Seiten
29,99 Euro
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Originalausgabe
Marvel Cinematic Guidebook: The Avengers Initiative
LV: Richard Matheson: Duel (Kurzgeschichte, Playboy, April 1971)
Auf einem Highway irgendwo im Nirgendwo überholt Handelsvertreter David Mann einen Truck. Der König der Landstraße beginnt Mann zu verfolgen.
Steven Spielbergs erster Kinofilm. Naja, fast. Denn „Duell“ war zuerst ein in zwei Wochen gedrehter ABC-TV-Film (es werden mal 12, mal 13, mal 16 Drehtage genannt, wobei anscheinend nur 10 Drehtage geplant waren), der für die Kinoauswertung um einige Szenen erweitert wurde.
„Duell“ ist ein kleiner, knackiger Highway-Thriller, bei dem die Geschichte auf das Gerüst reduziert wurde. Mit einer guten Idee und einem guten Drehbuch, beides von Richard Matheson.
„Offen gesagt ist der Film voll technischer Spielereien und logischer Brüche. Aber am Ende der neunzig Minuten scheint kaum Zeit vergangen.“ (Fob, Variety)
mit Dennis Weaver, Eddie Firestone, Charles Seel, Lucille Benson
3sat, 22.00 Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
Grandioses, fast vierstündiges Alterswerk von Edgar Reitz, in dem er vom Leben der Familie Simon im Hunsrückdorf Schabbach um 1840, zwischen hartem Alltag, Hungersnöten und revolutionärem Aufbruch erzählt. Einer der Simon-Jungs möchte, wie viele Hunsrücker, nach Brasilien auswandern, wo er auf ein besseres Leben hofft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung zum Kino- und DVD-Start (mit unterschiedlichem Bonusmaterial).
mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog
Dampfnudelblues. Ein Eberhoferkrimi (Deutschland 2013)
Regie: Ed Herzog
Drehbuch: Christian Zübert
LV: Rita Falk: Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi, 2011
Polizeihauptmeister Franz Eberhofer schiebt in Niederkaltenkirchen eine extrem ruhige Kugel. Da wird an die Hauswand des Realschuldirektors Höpfl mit roter Farbe „Stirb, du Sau!“ geschrieben, Höpfl verschwindet spurlos, taucht wieder auf und wird kurz darauf von einem Zug überfahren. Jetzt ist der kriminalistische Ehrgeiz von Eberhofer geweckt.
Witzig-lakonischer Heimatkrimi, der mir deutlich besser als der Roman gefallen hat.
Inzwischen sind drei weitere Eberhofer-Krimis entstanden, die in Bayern erfolgreich in den Kinos liefen.
mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Ilse Neubauer, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Chi Le, Lisa Maria Pottoff, Nadeshda Brennicke, Nina Proll
Wer etwas über Maud Lewis, geborene Dowley, die kanadische naive Malerin, die von 1903 bis 1970 in Kanada in Nova Scotia lebte, erfahren will, sollte besser den Wikipedia-Artikel als Startpunkt nehmen und sich dann im Netz auf den einschlägigen Seiten und in der nächstgelegenen Bibliothek austoben.
In dem Biopic „Maudie“ gibt es höchstens Brotkrumen über sie als Künstlerin und ihre Wirkung als Malerin. Denn das Biopic in dem Sally Hawkins Maud Dowley grandios spielt, konzentriert sich auf ihre Beziehung zu Everett Lewis (Ethan Hawke, ebenfalls grandios). Es ist einer der schönsten und wahrhaftigsten Liebesfilme des Jahres.
Als Kind erkrankte Maud an rheumatischer Arthritis. Seitdem ist sie verkrüppelt und humpelt. Neben ihren körperlichen Gebrechen ist sie auch geistig behindert. Jedenfalls wird sie so behandelt. Deshalb erbt nach dem Tod ihrer Eltern ihr Bruder das Haus. Er verkauft es sofort. Sie kommt bei ihrer Tante unter, die sie wie ein kleines, unartiges Kind behandelt.
1938 entdeckt sie in einem Stellenaushang. Der Junggeselle Everett Lewis sucht eine Haushaltshilfe, die bei ihm wohnen soll. Everett wuchs in einem Kinderheim auf, ist jetzt Fischer und lebt in einer Hütte, die mehr verwahrlost als wohnlich ist. Er ist ein ungehobelter Klotz und nicht besonders intelligent. Um nicht zu sagen: ein Dummkopf, der noch nicht einmal ‚bauernschlau‘ ist. Auch Maudie behandelt er so unhöflich, dass sie jeden Grund hätte, nicht bei ihm einzuziehen. Aber sie hat sich vorher mit ihrer Tante hoffnungslos zerstritten. Wenn sie nicht obdachlos sein will, muss sie bei Everett bleiben. Auch wenn er nur eine elf Quadratmeter große Hütte hat, in der es nur ein Bett gibt.
Schon auf den ersten Blick sind sie das Paar, das absolut nicht zusammenpasst und genau deshalb perfekt zusammenpasst.
Aisling Walsh, die vorher unter anderem Folgen für die TV-Krimis „Der Preis des Verbrechens“ und „Kommissar Wallander“ inszenierte, inszenierte „Maudie“ als wohltuend unkitschig-sprödes Liebesdrama voller Humor und genauer Beobachtungen. In kleinen Szenen, Gesten und Blicken zeigt sie, wie sich die Beziehung zwischen Maud und Everett, und damit auch die Machtverhältnisse zwischen ihnen, verändert. So beginnt sie die Wände zu bemalen und als er nichts sagt, malt sie weiter. Im ganzen Haus. Und wenn sie malen will, muss er die Hausarbeit erledigen. Als sie erfährt, dass er seinen Kunden nicht die versprochenen Fische liefert, nimmt sie seine Geschäfte in die Hand. Sie entschuldigt sich bei der Kundin und beginnt, Everetts Aufträge und Lieferungen aufzuschreiben. Und wenn sie nicht mehr gehen kann, fährt er sie nach Hause.
Auch als sie mit ihren Bildern Erfolg hat, ändert sich im Leben des schrulligen Ehepaares nichts. Denn sie sind glücklich und zufrieden.
Maudie (Maudie, Kanada 2016)
Regie: Aisling Walsh
Drehbuch: Sherry White
mit Sally Hawkins, Ethan Hawke, Kari Matchett, Gabrielle Rose, Zachary Bennett, Billy MacLellan, Marthe Bernard, Lawrence Barry
Selten ist die Antwort auf die Frage, ob der Film gut sei, so eng mit der Frage, wer sich den Film ansieht, verknüpft, wie bei „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“. Claus Räfle schildert in seinem Film das Schicksal von einigen Juden, die den Zweiten Weltkrieg in Berlin überlebten.
Berlin hatte in den zwanziger Jahren ein pulsierendes jüdisches Leben. Über die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung Deutschlands lebte in der Hauptstadt. Von den damals 270.000 jüdischen Berlinern lebten am Anfang des Zweiten Weltkriegs immer noch 160.000 in der Hauptstadt. Sie waren, unter dem Deckmantel der Legalität, zunehmenden Repressionen ausgesetzt. Viele versuchten, Deutschland zu verlassen. Viele wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet.
Als Propagandaminister Joseph Goebbels am 10. Juni 1943 Berlin für „judenfrei“ erklärte, lebten noch knapp 7000 meist jüngere jüdische Berliner in der Stadt. Sie waren untergetaucht. Ungefähr 1700 überlebten den Krieg. Meist in verschiedenen Verstecken und in immer in der Gefahr, im nächsten Moment verhaftet zu werden.
In seinem Film „Die Unsichtbaren -Wir wollen leben“ konzentriert sich Grimme-Preisträger Claus Räfle, der in den vergangenen Jahrzehnten fast vierzig TV-Dokumentationen inszenierte, auf vier junge jüdische Berliner, die er für den Film auch persönlich interviewte.
Cioma Schönhaus, geb. 1922, wird nach einer Grafikerlehre zum erfolgreichen Passfälscher. Seiner Deportation in ein Lager entgeht er, indem er im Sammellager Levetzowstraße , das in einer Synagoge war, dreist behauptet, sein Arbeitgeber habe ihn auf eine Liste kriegswichtiger Zwangsarbeiter gesetzt. Seine Lüge wird geglaubt. Seine Eltern werden deportiert.
Hanni Levy, früher Hannelore Weissenberg, geb. 1924, taucht im Februar 1943 unter. Sie hat sich in der Fabrik für Fallschirme eine eitrige Entzündung am kleinen Finger zugezogen, die ihr Probleme bereiten wird. Als die Gestapo das schon fast menschenleere Haus, in dem sie und andere Juden leben räumt, bleibt sie still am Küchentisch sitzen. Danach taucht sie unter. Sie verändert, auf Anraten einer Freundin ihrer Mutter, ihr Aussehen. Unter anderem indem sie sich ihre Haare blond färbt und zur idealtypischen Arierin wird. Später kann sie bei einer Kartenverkäuferin des Kinos am Nollendorfplatz, die ihre wahre Identität kennt, einziehen.
Ruth Gumpel (geb. Arndt), geb. 1922, taucht mit ihrer Familie unter. Ihnen helfen frühere Patienten ihres Vaters. Später erhält die Arzttochter durch die Vermittlung einer nicht-jüdischen Familie eine Anstellung bei einem Wehrmachtsoffizier, der von seiner Wilmersdorfer Wohnung einen Schmugglerring für Delikatessen und Alkohol unterhält.
Eugen Friede, geb. 1926, Sohn einer Mischehe (seine Mutter war Jüdin), wird von seinem Vater zuerst bei einer kommunistischen Arbeiterfamilie und dann bei einer bürgerlichen Familie, die auch eine etwa gleichaltrige Tochter hat, untergebracht. Später schließt er sich der Widerstandsgruppe um Werner Scharff an. Scharff hatte davor auch Schönhaus geholfen, indem er ihm in Moabit eine Kellerwerkstatt organisierte, in der er ungestört Pässe fälschen konnte.
Der Film erzählt diese vier Schicksale, indem er, wie man es von zahlreichen TV-Dokumentarfilmen kennt, zwischen Zeitzeugenberichte – in diesem Fall die Erinnerungen von Hanni Levy, Ruth Gumpel, Cioma Schönhaus und Eugen Friede (die sich damals nicht kannten) – und nachgestellten Szenen hin und her wechselt. Die nachgestellten Szenen haben einen primär illustrativen Charakter. Sie vermitteln einen Eindruck von der damaligen Situation und sie bebildern die Erinnerungen der Überlebenden.
Störend in diesen Szenen ist, dass teilweise sehr bekannte Schauspieler, wie Maren Eggert, Florian Lukas und der kürzlich verstorbene Andreas Schmidt, mitspielen. Da wirken die Szenen nicht mehr wie illustrative Nachstellungen wahrer Ereignisse, sondern wie der Versuch, einen Spielfilm zu inszenieren. Weil die Szenen nicht oder kaum dramatisiert sind und sie ungefähr alles vermissen lassen, was zu einem Spielfilm dazugehört, wirken sie wie Ausschnitte aus einem schlechten TV-Film. Insofern wecken diese Nachstellungen im ersten Moment Erwartungen, die der Film nicht erfüllen will.
Und damit kommen wir zur Eingangsfrage zurück. Wer einen Spielfilm sehen will, wird enttäuscht sein. Wer einen Dokumentarfilm sehen, wird ebenfalls enttäuscht sein. Denn die nachgestellten Szenen, vor allem wenn bekannte Schauspielergesichter auftauchen, lenken von den sehr lebendigen und kurzweiligen Erzählungen der überlebenden Juden ab. Ihnen hätte ich gerne länger zugehört. Nach meiner Erfahrung aus von mir mitorganisierten und teilweise moderierten Veranstaltungen hätte das auch bei einem jugendlichen Publikum funktioniert. In den Veranstaltungen lauschten sie atemlos den Zeitzeugen.
Wer „Die Unsichtbaren“ als Teil einer Schul- oder Bildungsveranstaltung einsetzen will, um so Schülern einen Einblick in unsere Vergangenheit zu geben, wird von dem Film begeistert sein. Denn es gelingt ihm durch seine Mischung aus Zeitzeugenberichten und filmischen Nachstellungen die Vergangenheit und auch die Gefahr, in der die vier im Mittelpunkt stehenden Jungerwachsenen schwebten, begreifbar zu machen. Obwohl ihr Schicksal und das der anderen im Film gezeigten Personen (neben den vielen Helfern der Untergetauchten auch die Jüdin Stella Goldschlag, die untergetauchte Juden an die Nazis verriet) Stoff für mindestens ein halbes Dutzend Spielfilme hergibt, hält sich „Die Unsichtbaren“ an die Wahrheit und das Identifikationspotential zwischen Hanni Levy, Ruth Gumpel, Cioma Schönhaus und Eugen Friede und den jungen Zuschauern ist groß. Auch weil die vier jüdischen Berliner so verschiedene Charaktere sind, die alle nur den Krieg überleben wollten. Auf sich gestellt, ohne Pass, Lebensmittelkarten und sichere Unterkunft.
Parallel zum Filmstart erschien Claus Räfles Filmbuch „Die Unsichtbaren“. Es ist eine in vertiefende Nacherzählung des Films. Daneben gibt es Hintergrundinformationen, Filmfotos und historische Aufnahmen. Das Buch ist in jeder Hinsicht sehr empfehlenswert.
Die Unsichtbaren – Wir wollen leben (Deutschland 2017)
Regie: Claus Räfle
Drehbuch: Claus Räfle, Alejandra López
mit Max Mauff, Alice Dwyer, Ruby O. Fee, Aaron Altaras, Victoria Schulz, Florian Lukas, Andreas Schmidt, Laila Maria Witt, Sergej Moya, Lucas Reiber, Robert Hunger-Bühler, Maren Eggert, Naomi Krauss, Hanni Levy, Ruth Gumpel, Cioma Schönhaus, Eugen Friede
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Das Buch zum Film
Claus Räfle: Die Unsichtbaren – Untertauchen, um zu überleben – Eine wahre Geschichte
Dick Clement und Ian La Frenais sind zwei alte Hasen im britischen Filmgeschäft. Sie schrieben unter anderem die Drehbücher zu „Commitments“, „Wasser – Der Film“, etlichen Lovejoy-Folgen (in Deutschland nie gezeigt) und zu „Die alles zur Sau machen“ (Villain).
Mit ihrem Edgar-nominierten Film „Bank Job“ kehrten sie wieder in die frühe Siebziger und dem von ihnen mit „Villain“ mitbegründeten britischen Gangsterfilm zurück. Dieses Mal lassen sie sich von einem wahren Bankraub inspirieren. Am 11. September 1971 raubten einige Kleingauner aus der Lloyd’s Bank 500.000 Pfund (was heute sechs Millionen Euro wären). Die Zeitungen füllten ihre Spalten mit Sensationsberichten über den „Walkie-Talkie-Einbruch“. Vier Tage lang. Dann untersagte die Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit weitere Berichte, vier Räuber wurden verhaftet, ihren Namen wurden nie bekannt, das Strafmaß ist unbekannt, große Teile der Beute verschwunden und die Akten darüber sind bis 2054 unter Verschluss. Das Team Clement/La Frenais hat jetzt mit „Bank Job“ eine Geschichte erfunden, die die Wahrheit sein könnte.
Und Roger Donaldson hat im Retro-Look einen angenehm altmodischen Ganovenfilm über den großen Coup, gewürzt mit einer Prise Polit-Thriller, gedreht.
Mit Jason Statham, Saffron Burrows, Stephen Campbell Moore, Daniel Mays, James Faulkner, Alki David
Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)
Regie: Kevin Macdonald
Drehbuch: Dennis Kelly
Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.
Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).
mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker
Chet Baker (23. Dezember 1929 – 13. Mai 1988) ist eine der großen tragischen Gestalten der Jazzgeschichte. In den fünfziger Jahren war der Trompeter ein gefeierter Star und eine der stilprägenden Musiker des Westcoast-Jazz, dessen Image als James Dean des Jazz durch die ikonischen SW-Aufnahmen von William Claxton gefestigt wurde. Damals probierte er auch erstmals Heroin und wurde abhängig. Seine Karriere ging den Bach runter. Auch wenn er bis zu seinem Tod auftrat und zahlreiche, teilweise grandiose LPs veröffentlichte, die sich heute immer noch verkaufen.
In seinem fast zwei Jahre nach seiner Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival am 13. September 2015 und über ein Jahr nach dem US-Kinostart endlich auch in Deutschland anlaufendem Biopic „Born to be Blue“ nimmt Regisseur Robert Budreau Teile aus Chet Bakers Biographie und improvisierte darüber mit Ethan Hawke als Chet Baker.
Der Film beginnt 1966. Chet Baker ist inhaftiert. Ein Filmproduzent bezahlt die Kaution, weil er will, dass Chet Baker Chet Baker spielt. Die Dreharbeiten an dem Film ermöglichen Budreau einen SW-Blick in Bakers Vergangenheit als bekannter Cool Jazzer und Westcoast-Trompeter. Im Gegensatz zu den New Yorker Bebop- und Hardbop-Musikern spielten die weißen Jazzer in Kalifornien melodischer und romantischer und Inspirationen von der Ernsten Musik waren erkennbar.
Bei den Dreharbeiten verliebt Baker sich in Jane (Carmen Ejogo), die seine frühere Frau Elaine spielt. Sie bleibt bei ihm. Auch nachdem ihm bei einer Schlägerei die Zähne ausgeschlagen werden und er mühevoll versucht, mit einer Prothese, wieder als Trompeter aufzutreten.
Diese Rückkehr auf die große Bühne (wobei Jazzbühnen eine notorisch überschaubare Größe haben) bildet dann das Rückgrat des Films. Im Zentrum steht – und das macht den Film auch für Nicht-Jazzfans sehenswert – die Beziehung zwischen Chet Baker, einem begnadeten Musiker, Junkie und notorischer Schürzenjäger, und Jane, die sich in ihn verliebt und ihm helfen will.
Budreau erzählt dies sehr stimmig, mit einer ordentlichen Portion Zeitkolorit und einem Hauptdarsteller, der förmlich in seiner Rolle versinkt. Denn Hawke spielt nicht nur Chet Baker, sondern er spielt und singt auch seine Lieder. Deshalb gibt es in „Born to be Blue“ zwar bekannte Baker-Songs, wie „Summertime, „Over the Rainbow“ und „My funny Valentine“ (alles bekannte Jazz-Standards), aber nie in einer von Chet Baker selbst gespielten Interpretation.
„Born to be Blue“ ist das sehenswerte, berührende, sich auf eine kurze Zeitspannende konzentrierendes Porträt eines Süchtigen, der auch Musiker ist. Dass der Film gegen Ende etwas zerfasert verzeiht man ihm gern.
Jetzt ist das wunderschöne Biopic auf DVD erschienen und beim zweiten Ansehen fällt auf, wie kunstvoll und konzentriert Budreau seine Geschichte zwischen Gegenwart und Vergangenheit und Fantasie erzählt. Aber mit den Fakten nahm Chet Baker es auch nicht so genau. Solange er eine gute Geschichte erzählen konnte.
Das Bonusmaterial besteht lediglich aus einem kurzen „Making of“ (7:35 Minuten), in dem vor allem Regisseur Budreau und Hauptdarsteller Ethan Hawke zu Wort kommen.
Ab Donnerstag ist Ethan Hawke als unbeholfener Liebhaber in „Maudie“ zu sehen. Ebenfalls eine wahre Geschichte. Ebenfalls sehr sehenswert. Und einer der schönsten Liebesfilme des Jahres.
Born to be Blue (Born to be Blue, Kanada/Großbritannien 2015)
Regie: Robert Budreau
Drehbuch: Robert Budreau
mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie, Tony Nappo, Stephen McHattie, Janet-Laine Greene
Wir sind alle Astronauten (Asphalte, Frankreich 2015)
Regie: Samuel Benchetrit
Drehbuch: Samuel Benchetrit, Gábor Rassov
Tragikomödie über die Bewohner eines typischen Banlieue-Mietshauses in Frankreich. Zum Beispiel eine Schauspielerin, die in den Achtzigern berühmt war. Oder ein Mieter, der den Fahrstuhl nicht benutzten darf, weil er im ersten Stock wohnt. Auch nicht, als er nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Oder eine Algerierin, die einen Astronauten bewirtet, der darauf wartet, von der NASA abgeholt zu werden.
Erich Mielke – Meister der Angst(Deutschland 2015)
Regie: Jens Becker, Maarten van der Duin
Drehbuch: Maarten van der Duin, Jens Becker
Dokudrama über Stasi-Chef Erich Mielke, das letztendlich nur an der Oberfläche kratzt und sich, auch mit nachgespielten Szenen, zu sehr auf den Menschen Mielke und zu wenig auf das System Mielke konzentriert.
mit Kaspar Eichel, Beate Laaß, Thomas Förster, Erich Mielke, Roland Jahn, Stefan König, Hubert Dreyling, Nikolai Leonow, Nikita Petrow, Wolfgang Fixson
Nachdem Alice Racine in Paris einen Anschlag nicht verhindern konnte, nimmt die CIA-Verhörspezialistin eine Auszeit vom aktiven Dienst zugunsten eines ruhigen Undercover-Jobs. In London lebt sie jetzt unauffällig als Sozialarbeiterin und trifft sich immer wieder mit ihren Kontaktleuten vom britischen und amerikanischen Geheimdienst.
Eines Tages erhält sie eine Nachricht: sie soll einen Kurier für einen islamistischen Terrorpaten befragen. Die Informationen könnten einen B-Waffen-Anschlag verhindern.
Während des Verhörs erhält sie einen Anruf von der CIA, die sie für genau dieses Verhör haben möchte. In dem Moment ist ihr klar, dass die Londoner CIA-Abteilung von irgendwelchen Bösewichtern unterwandert wurde und die Männer, die das Verhör überwachen, keine CIAler sind.
Racine versucht mit dem Gefangenen, der ihr vertraut, zu flüchten. Er wird auf ihrer Flucht aus dem Verhörzimmer (das in einem Hotel ist) erschossen. Als sie ihren väterlichen CIA-Vertrauten Eric Lasch um Rat fragen will, wird dieser ebenfalls erschossen.
Vor seinem Tod hat er ihr die Adresse eines dem CIA unbekannte, sicheren Wohnung verraten.
Als sie sie betritt, erwischt sie den Einbrecher Jack Alcott auf frischer Tat. Er belauscht ihr Telefonat mit dem Leiter des Londoner CIA-Büros, rettet sie vor einigen schwerbewaffneten Polizisten und will ihr unbedingt helfen, den geplanten Anschlag zu verhindern.
Aber kann sie ihm vertrauen? Und, viel wichtiger, warum sollte sie ihm vertrauen?
Das ist wahrscheinlich der unglaubwürdigste Moment in Michael Apteds Agenten-Thriller „Unlocked“: ein Einbrecher will einer Agentin helfen, anstatt möglichst schnell abzuhauen. Und sie ist, ohne einen ersichtlichen Grund, einverstanden. Sie ist eine ausgezeichnete Kämpferin; – Hey, sie wird von „Lisbeth Salander“ Noomi Rapace gespielt, die, ohne mit der Wimper zu zucken, Computertastaturen und Sandsäcke vertrimmt. Sie kann mehrere Sprachen. Sie kennt sich mit Computern aus. Sie hat immer noch ausgezeichnete Verbindungen in die Geheimdienste. Kurz: Sie braucht Alcott nicht.
Der Plot selbst ist eine dieser sattsam bekannten Agentengeschichten, in der wir überrascht sein sollen, wenn sich der gute Vorgesetzte als Bösewicht entpuppt, der den Anschlag plant, weil er die Politiker in Washington oder London für Weicheier hält und er nur so die nötigen Rechte und Mittel für seinen Kampf gegen den islamistischen Terror erhält. Als müssten Geheimdienste seit 9/11 mit schrumpfenden Budgets und immer weniger Rechten kämpfen.
Trotzdem ist gegen diesen, zugegeben hanebüchenen, Plot nichts einzuwenden, wenn er richtig präsentiert wird. Dann vergisst man gerne, dass diese unglaublich komplizierten Verschwörungen, in denen jeder jeden betrügt, nur im Universum eines Films funktionieren können. Wobei „Unlocked“ auch hier mit einigen bemerkenswerten Plotlöchern zu kämpfen hat, deren Diskussion ich mir jetzt erspare, weil sie zu viel von der Geschichte und den überraschenden Wendungen verraten würde.
Michael Apted, der mit Filmen wie „Gorky Park“, „Gorillas im Nebel“, „Halbblut“, „James Bond: Die Welt ist nicht genug“ und „Enigma“ zeigte, dass er sein Handwerk in ungefähr jedem Genre versteht, inszenierte „Unlocked“ als bräsige Pflichtübung, die, auch wegen des Drehbuchs, niemals auch nur ansatzweise das Potential der Geschichte ausschöpft oder von seinem Cast mehr als Dienst nach Vorschrift verlangt. Und der kann sich sehen lassen. Neben Rapace spielen Orlando Bloom, Toni Collette, John Malkovich und Michael Douglas mit. Ohne erkennbares Engagement auf Autopilot in einem Agententhriller, der ebenfalls auf Autopilot ins Ziel fliegt.
Unlocked(Unlocked, USA 2017)
Regie: Michael Apted
Drehbuch: Peter O’Brien
mit Noomi Rapace, Orlando Bloom, Toni Collette, John Malkovich, Michael Douglas, Matthew Marsh, Makram Khoury, Brian Caspe, Philip Brodie, Tosin Cole, Michael Epp, Tom Reed
Eisenstein in Guanajuato (Eisenstein in Guanajuato, Niederlande/Mexiko/Finnland/Belgien 2015)
Regie: Peter Greenaway
Drehbuch: Peter Greenaway
1931 verbrachte Sergej M. Eisenstein (1898 – 1948, „Panzerkreuzer Potemkin“) zehn Tage in Guanajuato. Um in Mexiko einen Film zu drehen, der nie beendet wurde.
Peter Greenaway schildert, was damals geschah. Mehr oder wenig nah an den historischen Ereignissen, immer höchst unterhaltsam und wundervoll verspielt zwischen Fakten und Fantasie kunstvoll und äußerst klar delirierend.
Die Bourne Identität (USA 2002, Regie: Doug Liman)
Drehbuch: Tony Gilroy, William Blake Herron
LV: Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Der Borowski-Betrug, Die Bourne-Identität)
CIA-Agent und Killer Jason Bourne hat sein Gedächtnis verloren. Schlimme Sache. Aber schlimmer ist, dass seine ehemaligen Arbeitgeber ihn umbringen wollen.
Die eher werkferne, kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Borowski-Buches. Für die Verfilmung des damals über zwanzig Jahre alten Buches wurde nur das Skelett der Handlung übernommen, der Rest aktualisiert und ein unterhaltsamer Action-Thriller gedreht, der sogar angenehm altmodisch ist. Nur Matt Damon wirkt einfach fünf Jahre zu jung für den eiskalten Profikiller. Aber das Problem hatte er in den spannenden Fortsetzungen nicht mehr.
Mit Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Walton Goggins