TV-Tipp für den 5. Februar: Nur eine Frau

Februar 4, 2025

HR, 22.25

Nur eine Frau (Deutschland 2019)

Regie: Sherry Hormann

Drehbuch: Florian Oeller

Beeindruckendes Biopic über die am 7. Februar 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossene Hatun Sürücü. Sie wurde von ihrer Familie ermordet, weil sie ein selbstbestimmtes Leben leben wollte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Almina Bagriacik, Rauand Taleb, Meral Perin, Mürtüz Yolcu, Armin Wahedi, Aram Arami, Merve Aksoy, Mehmet Atesci, Jacob Matschenz, Lara Aylin Winkler, Idil Üner

Wiederholungen

WDR: Donnerstag, 6. Februar, 22.45 Uhr

RBB: Freitag, 7. Februar, 22.00 Uhr

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Nur eine Frau“

Moviepilot über „Nur eine Frau“

Wikipedia über „Nur eine Frau“

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „3096 Tage“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „Nur eine Frau“ (Deutschland 2019)


Cover der Woche und Lachtipp: Elizabeth Pich: Fungirl

Februar 4, 2025

Fungirl ist – – – ein in einer Wohngemeinschaft vor sich hin lümmelnder und mit sich spielender weiblicher Slacker. Nur noch verpeilter als die männlichen Vorbilder, wenn sie fröhlich von einer Katastrophe zum nächsten Fettnapf springt und in einem Beerdigungsinstitut anfängt. Tote können sich ja nicht mehr wehren…

Ein großer, absolut respektloser und tabuloser Cartoon-Spaß für die sinnesfreudigen Freunde des guten schlechten Geschmacks.

Dafür gab es eine Nominierung für den Max und Moritz-Preis 2024.

Elizabeth Pich: Fungirl

(aus dem Englischen von Christoph Schuler)

Edition Moderne, 2024

256 Seiten

26 Euro

Hinweise

Edition Moderne über „Fungirl“

Homepage von Elizabeth Pich

Wikipedia über Elizabeth Pich


TV-Tipp für den 4. Februar: Carlito’s Way

Februar 3, 2025

HR, 22.35

Carlito’s Way (Carlito’s Way, USA 1993)

Regie: Brian De Palma

Drehbuch: David Koepp

LV: Edwin Torres: Carlito’s Way, 1975 und After Hours, 1979 (auf Deutsch zum Filmstart als Doppelband „Carlito’s Way“ bei Heyne erschienen)

Drogenhändler Carlito Brigante wird vorzeitig aus der Haft entlassen und will fortan ehrlich bleiben. Aber er hat nicht mit den Umständen und seinem Anwalt gerechnet.

Machen wir es kurz: De Palmas Period-Picture der Siebziger ist ein grandioser Gangsterfilm

mit Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Luis Guzman, Viggo Mortensen

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Carlito’s Way“

Wikipedia über „Carlito’s Way“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Koepps „Mortdecai – Der Teilzeitgauner“ (Mortdecai, USA 2015)

Meine Besprechung von David Koepps „Cold Storage – Es tötet“ (Cold Storage, 2019)


Über Georges Simenons „Der Passagier der Polarlys“ und die Comicversion von José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux

Februar 3, 2025

Die Polarlys ist ein Dampfer der von Hamburg nach Hammerfest fährt und dabei primär Waren an Orte in Norwegen befördert, die über Land nur schwer oder, mangels Straßen, nicht erreichbar sind. Das Schiff nimmt bei jeder Fahrt auch immer einige Passagiere mit. Dieses Mal sind es fünf Menschen. Einer von ihnen, Polizeirat von Sternberg, wird kurz nach der Abfahrt in seiner Kabine ermordet. Er verfolgte die Polarlys von Hamburg nach Cuxhaven, um noch an Bord zu gelangen. An Bord versteckt er sich in seiner Kabine.

Als Kapitän Petersen die Leiche sieht, weiß er, dass der Täter noch an Bord ist.

Der Passagier der Polarlys“ ist einer der frühesten Romane von Georges Simenon (1903 – 1988). Er schrieb ihn 1930. Veröffentlicht wurde er 1932. Die deutsche Erstausgabe war 1935 unter dem Titel „Flucht nach dem Nordkap“. Im Werk von Simenon bedeutet dieser Roman, zusammen mit den zeitgleich geschriebenen Romanen, wozu auch mehrere Maigrets gehören, den Wandel vom unter 27 Pseudonymen in atemberaubendem Tempo schreibendem Groschenromanautor zum ernsthaften Autor, der eine ähnliche Schreibgeschwindigkeit vorlegte.

Insgesamt veröffentlichte Simenon ab 1931, als sein erster Roman unter seinem Namen erschien, 75 Romane mit Kommissar Maigret, 117 Non-Maigrets und zahlreiche weitere Erzählungen und Reportagen. Im deutschsprachigen Raum werden sie regelmäßig, teils in neuen Übersetzungen, veröffentlicht. Aktuell erscheinen sie, als Kooperation der Verlage ‚Hoffmann und Campe‘ und ‚Kampa‘, im Rahmen der ersten deutschsprachigen Gesamtausgabe von Simenons erzählerischem Werk; – wozu dann auch eigentlich die fast bis vollständig unbekannten Kurzgeschichten gehören.

Szenarist José-Louis Bocquet und Zeichner Christian Cailleaux nahmen sich jetzt diesen frühen Roman von Simenon für ihre überzeugende, werkgetreue Comic-Adaption vor. Sie veränderten vor allem den Ort, an dem dem Leser ein großer Teil des Motivs enthüllt wird. Im Roman geschieht dies in einer Rückblende. Kapitän Petersen entdeckt bei dem ermordeten von Sternberg eine Pariser Tageszeitung. Er vermutet, dass der Zeitungsbericht über den Tod einer jungen Frau, die in einem Künstleratelier in Montparnasse an einer Überdosis Drogen starb, der Grund für von Sternbergs Tod ist und dass der Mörder der Frau an Bord ist. Der Comic beginnt mit der Schilderung des Todes der jungen Frau.

Im 192-seitigem Roman und im 80-seitigem Comic entwickelt der Plot sich flott vom Beladen des Schiffes in Hamburg, über die Entdeckung der Leiche und die verschiedenen anderen Ereignisse an Bord, die hier nicht verraten werden sollen, bis hin zur Auflösung. Formal folgt er rudimentär den Rätselkrimi-Konventionen mit falschen Fährten und Verdächtigen. Er verlässt sich allerdings nicht auf einen Ermittler und dessen detektivischen Spürsinn. Der ab Stavanger als Beobachter an Bord anwesende Inspektor Jennings ist bestenfalls eine Nebenfigur. Kapitän Petersen ist zwar aktiver, aber mehr ein Beobachter als ein tatkräftig Spuren verfolgender und Befragungen durchführender Ermittler. Simenon verlässt sich in der Geschichte auf Zufälle, überraschende Wendungen und grundlose Geständnisse.

Die Stärke der Geschichte liegt nicht im Rätselplot und der Auflösung, sondern in der intensiven Schilderung des Lebens an Bord und den farbig gezeichneten Passagieren.

Der Comic hat ein sehr informatives Nachwort von José-Louis Bocquet über den Roman, seine Entstehung und seine Stellung im Werk von Georges Simenon.

Georges Simenon: Der Passagier der Polarlys

(übersetzt von Stefanie Weiss, mit einem Nachwort von Hansjörg Schertenleib)

Hoffmann und Campe, 2019

192 Seiten

21,90 Euro

Taschenbuchausgabe

Atlantik, 2024

13 Euro

Neuauflage der Diogenes-Übersetzung von 1986

Frühere deutsche Auflagen, teilweise in anderen Übersetzungen, unter

Flucht nach dem Nordkap

Der Passagier der Polarlys

Originalausgabe

Le passager du Polarlys

Fayard, Paris 1932

José-Louis Bocquet/Christian Cailleaux: Simenon – Der Passagier der Polarlys

(übersetzt von Christoph Haas)

Carlsen, 2025

80 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Simenon – Le Passager du Polarlys

Hors Collection Dargaud, 2023

Hinweise

Carlsen über „Der Passagier der Polarlys“

Hoffman und Campe über Georges Simenon

Homepage von Christian Cailleaux

Wikipedia über Georges Simenon (deutsch, englisch, französisch), den Roman, José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux

Deutsche Georges-Simenon-Fanseite

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers Georges-Simenon-Verfilmung „Der Uhrmacher von St. Paul“ (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Mathieu Amalrics Georges-Simenon-Verfilmung „Das blaue Zimmer“ (La chambre bleue, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Patrice Lecontes Georges-Simenon-Verfilmung „Maigret“ (Maigret, Frankreich/Belgien 2022)

Meine Besprechung von José-Louis Bocquets „Papas Musik“ (La musique de papa, 2007)


TV-Tipp für den 3. Februar: The Straight Story – Eine wahre Geschichte

Februar 2, 2025

NDR, 23.15

The Straight Story – Eine wahre Geschichte (The Straight Story, USA 1999)

Regie: David Lynch

Drehbuch: John Roach, Mary Sweeney

Kamera: Freddie Francis

Musik: Angelo Badalamenti (Wer sonst?)

Der 73-jährige Alvin Straight will sich nach jahrelangem Schweigen mit seinem Bruder aussöhnen. Dafür nimmt er eine 240 Meilen lange Fahrt auf sich. Auf einem Rasenmäher- Auto darf er nicht mehr fahren und andere Arten der Fortbewegung lehnt er ab.

David Lynchs ungewöhnlichster Film und gleichzeitig einer seiner schönsten Filme: ein die Langsamkeit und die Landschaft und Menschen zelebrierendes Roadmovie mit einem wunderschönen Ende: zwei Männer sitzen auf einer Veranda und blicken in den Nachthimmel.

„Auf eine gewisse Weise ist ‚The Straight Story‘ der extremste Film, den ich je gemacht habe.“ (David Lynch, Interview in Zitty 25/99)

mit Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Harry Dean Stanton, John Farley, Everett McGill

auch bekannt als „Eine wahre Geschichte – The Straight Story“

Hinweise

Rotten Tomateos über „The Straight Story“

Wikipedia über „The Straight Story“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (Dune, USA 1984) und der gleichnamigen Vorlage von Frank Herbert

Meine Besprechung von David Lynchs „Twin Peaks – Fire walk with me“ (Twin Peaks: Fire walk with me, USA 1992)

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)

Meine Besprechung von David Lynchs „Mulholland Drive – Straße der Finsternis“ (Mulholland Dr., USA/Frankreich 2001)


TV-Tipp für den 2. Februar: Falsches Spiel mit Roger Rabbit

Februar 1, 2025

Disney Channel, 20.15

Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who framed Roger Rabbit?, USA 1988)

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: Jeffrey Price, Peter S. Seaman

LV: Gary K. Wolf: Who censored Roger Rabbit?, 1981

Roger Rabbit ist eifersüchtig. Also soll Privatdetektiv Eddie Valiant Rabbits sexy Frau beschatten. Valiant stolpert dabei in einen Mordfall und über ein Komplott, das die heile Welt von Toon Town bedroht.

Gut, das klingt jetzt nicht besonders aufregend. Aber Roger Rabbit ist eine Cartoon-Figur. Seine Frau ebenso. Wie viele Toon-Town-Charaktere. Einige sind auch Menschen, wie der Bob Hoskins gespielte Privatdetektiv.

Roger Zemeckis gelang eine köstliche Melange aus Disney Zeichentrickfilmen und Schwarzer Serie, die damals ein echter Hit war und heute schon ein Klassiker ist. Ein köstlicher Spaß mit vielen Zitaten.

Mit Bob Hoskins, Christopher Lloyd, Joanna Cassidy, Stubby Kaye, Joel Silver

Wiederholung: Donnerstag, 6. Februar, 22.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“

Wikipedia über „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (deutsch, englisch)

Homepage von Gary K. Wolf

Meine Besprechung von Robert Zemeckis “Flight” (Flight, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „The Walk“ (The Walk, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Allied – Vertraute Fremde“ (Allied, USA 2016)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Willkommen in Marwen“ (Welcome to Marwen, USA 2018)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis Roald-Dahl-Verfilmung „Hexen hexen“ (The Witches, USA 2020)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Here“ (Here, USA 2024)


TV-Tipp für den 1. Februar: Der Mandant – The Lincoln Lawyer

Januar 31, 2025

RTL II, 20.15

Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Regie: Brad Furman

Drehbuch: John Romano

LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)

Lincoln Lawyer Mickey Haller (Matthew McConaughey) tut alles für seine meist mehr als halbseidenen Mandanten. Als er aber einen Freispruch für den stinkreichen Louis Roulet erwirken soll, packt ihn das Gewissen. Auch weil Roulets Taten mit einem früheren Mandanten von ihm, der seine Unschuld beteuerte und dem er mit einem guten Deal einen Knastaufenthalt verschaffte, zusammen hängen.

Rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung, die Matthew McConaugheys Karriere einen gewaltigen Schub in Richtung interessanter Projekte gab.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

„Der Mandant“ war Michael Connellys erster Justizthriller. Danach schrieb er noch weitere Romane mit Mickey Haller, der auch Harry Bosch (Connellys ersten Seriencharakter, der inzwischen eine „Fernseh“-Serie hat) trifft.

mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Mandant“

Wikipedia über „Der Mandant“ (deutsch, englisch)

Michael Connelly unterhält sich mit Matthew McConaughey über den Film

Meine Besprechung von Brad Furmans Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Meine Besprechung von Brad Furmans „Runner Runner“ (Runner Runner, USA 2013)

Meine Besprechung von Brad Furmans „The Infiltrator“ (The Infiltrator, Großbritannien 2016)

Wikipedia über Michael Connelly (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)und der Neuausgabe (Kampa, 2024)

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Michael Connelly in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik (kurz): „Sechs Richtige – Glück ist nichts für Anfänger“, „Gotteskinder“

Januar 31, 2025

Ein Sechser im Lotto. Traum oder Alptraum? In vier schwarzhumorigen Geschichten spielen Romain Choay und Maxime Govare die Folgen des durch glückliche Umstände schnellen Reichtums durchs. Viele Tote, Gier, Niedertracht, Dummheit und Lacher sind in dieser französischen Version von „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ (Relatos Salvajes, Argentinien/Spanien 2014) garantiert.

Die Episodenkomödie ist eine unbedingte Empfehlung für die Freunde des schwarzen Humors.

Sechs Richtige – Glück ist nichts für Anfänger (Heureux Gagnants, Frankreich 2024)

Regie: Romain Choay, Maxime Govare

Drehbuch: Romain Choay, Maxime Govare

mit Fabrice Eboué, Pauline Clément, Audrey Lamy, Anouk Grinberg, Louise Coldefy, Sami Outalbali, Victor Meutelet, Mathieu Lourdel

internationaler Titel: Lucky Winners

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Sechs Richtige“

Moviepilot über „Sechs Richtige“

Rotten Tomatoes über „Sechs Richtige“

Wikipedia über „Sechs Richtige“ (deutsch, französisch)

Die Schülerin Hannah ist das geachtete Mitglied der von ihrem Vater geführten evangelikalen Freikirche. Als nebenan der gleichaltrige Max einzieht, gerät ihre Welt aus den Fugen. Sie findet ihn sympathisch, ist vielleicht sogar verliebt in ihn und lernt durch ihn die Welt kennen, vor der ihre Gemeinde immer warnt. Immerhin hat sie bereits ein Keuchheitsgelübde abgelegt.

Zur gleichen Zeit hat sich Hannahs Bruder in ein gleichaltriges Gemeindemitglied verliebt. Aber Homosexualität wird in ihrer Glaubensgemeinschaft nicht toleriert.

Frauke Lodders erzählt in „Gotteskinder“ wie sich die Liebesbeziehungen zwischen diesen vier Teenagern entwickelen und ob sie sich aus der sie indoktrinierenden Freikirche befreien können. „Gotteskinder“ ist auch ein Einblick in eine abgeschlossene religiöse Gemeinschaft.

Lodders erzählt das ruhig, ernsthaft und ohne Vorverurteilungen mit glaubwürdigen Figuren und Konflikten. Das Ende dürfte nach dem Film für einige Diskussionen sorgen.

Gotteskinder (Deutschland 2024)

Regie: Frauke Lodders

Drehbuch: Frauke Lodders

mit Flora Li Thiemann, Michelangelo Fortuzzi, Serafin G. Mishiev, Bettina Zimmermann, Mark Waschke

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gotteskinder“

Moviepilot über „Gotteskinder“

Wikipedia über „Gotteskinder“


Neu im Kino/Filmkritik: „Babygirl“, Sex am Arbeitsplatz, feministisch gewendet mit Nicole Kidman

Januar 31, 2025

Erinnert ihr euch noch an die neunziger Jahre und als im Fahrwasser von „Basic Instinct“ und „Eine verhängnisvolle Affäre“ ein Sexthriller nach dem nächsten in die Kinos kam? Das Erbe von 80er-Jahre-Hochglanzsexfilmen wie „9 ½ Wochen“ wurde im Gewand eines ’spannenden Films‘ fortgeführt und Hollywood-Stars turnten mehr oder weniger nackt durch diese Filme? Die meisten dieser Filme waren schlecht.

Jetzt tritt „Babygirl“ beherzt in diese Fußstapfen. Natürlich mit einigen ‚Veränderungen‘, wie dass eine Frau das Drehbuch schrieb und Regie führte, dass alles mit ‚weiblicher Sensibilität‘ erzählt wird und dass in der Story Rollen vertauscht werden. Jetzt ist der Geschäftsführer eine ältere Frau und die Praktikantin ein deutlich jüngerer Mann. In diesem Fall handelt es sich um die während des Drehs vor einem Jahr 56-jährige Nicole Kidman und den damals 27-jährigen Harris Dickinson. Der Altersunterschied beträgt stattliche 29 Jahre.

Die Story ist ein Wust unausgegorener Ideen, Plotlöcher, seltsamer Handlungen von in sich widersprüchlich-unglaubwürdigen Papierfiguren und vermeidbarer Unklarheiten. So ist beispielsweise unklar, welche Position Romy Miller (Nicole Kidman) genau in der Firma hat und was die Firma mitten in New York in einem Bürohochhaus anbietet. Es wird zwar gesagt, sie sei Gründerin, CEO und Erfinderin. Das Unternehmen sei ein Weltkonzern, starte an der Börse durch und biete Automatisierungen an. Aber das sind nur austauschbare Schlagworte ohne irgendeine Bedeutung für die Geschichte. Deshalb agieren alle Figuren in einem luftleeren Raum. Sie sitzen an Schreibtischen und schlagen die Zeit tot. Es ist nie nachvollziehbar, was Miller in dem sich seltsam fordernd verhaltendem Praktikanten Samuel (Harris Dickinson) erblickt und warum sie, vor allem Angesichts der teils irrational strengen Verhaltensvorschriften in US-amerikanischen Firmen, eine Beziehung mit ihm eingeht . Schon lange vor dem ersten Kuss gefährdet sie ihre Position in der Firma, ihr Vermögen und ihre Ehe. Welche Absicht Samuel verfolgt, ist auch unklar.

Und so begibt sich die Filmgeschichte nie auf irgendwelche Thrillerpfade, sondern erkundet das Terrain des Suchens und Findens von Menschen irgendwo zwischen echter und vermeintlicher Liebe, Begehren und Hotelzimmersex.

Mit etwas Wohlwollen kann „Babygirl“ als missglückte Studie in Abhängigkeit gesehen werde. Aber da war „9 ½ Wochen“ (auch kein guter Film) vor fast vierzig Jahren schon weiter.

P. S.: Antonio Banderas spielt hier den Ehemann von Nicole Kidman. Im ebenfalls diese Woche startendem „Paddington in Peru“ spielt er den Kapitän eines Flussdampfers.

Babygirl (Babygirl, USA 2024)

Regie: Halina Reijn

Drehbuch: Halina Reijn

mit Nicole Kidman, Harris Dickinson, Antonio Banderas, Sophie Wilde

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Babygirl“

Metacritic über „Babygirl“

Rotten Tomatoes über „Babygirl“

Wikipedia über „Babygirl“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Halina Reijns „Bodies Bodies Bodies“ (Bodies Bodies Bodies, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Für den Oscar als Bester Film des Jahres nominiert: „Der Brutalist“

Januar 31, 2025

Alles an „Der Brutalist“ sagt überdeutlich, wie wichtig, groß, grandios und monumental dieser Film aus Sicht seiner Macher ist.

Er dauert 216 Minuten. Im Film gibt es eine fest einprogrammierte 15-minütige Pause, in der eine Uhr rückwärts läuft.

Gedreht wurde er im in den fünfziger Jahren benutztem VistaVision-Format. Bekannte VistaVision-Filme sind „Krieg und Frieden“, „Der Schwarze Falke“, „Die oberen Zehntausend“, „Der unsichtbare Dritte“ und „Der Besessene“.

In den wenigen Kinos, in denen es möglich ist, wird „Der Brutalist“ auch in einer 70-mm-Fassung gezeigt. Nur so kann das VistaVision-Bild seine ganze Pracht entfalten,

Die Geschichte versteht sich von der ersten bis zur letzten Minute als das große, die US-amerikanische Seele und den amerikanischen Traum erkundende und erklärende Nationalepos.

Der Lohn für diese Bemühungen und den selbstgewählten Anspruch sind überschwängliches Kritikerlob, Preise, wie, nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig, der Silberne Löwe für die Beste Regie und zuletzt zehn Oscar-Nominierungen, unter anderem als Bester Film, für die Beste Regie (Brady Corbet), das Beste Drehbuch (Brady Corbet und Mona Fastvold), den Besten Hauptdarsteller (Adrien Brody), den Besten Nebendarsteller (Guy Pearce), die Beste Nebendarstellerin (Felicity Jones), die Beste Kamera (Lol Crawley) und den Besten Schnitt (Dávid Jancsó).

Brady Corbet erzählt die Geschichte des Emgranten László Tóth (Adrien Brody). Der in Europa bekannte Bauhaus-Architekt und titelgebende „Brutalist“ kommt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als mittelloser Einwanderer in die USA. Als er Jahre später den Industriellen Harrison Lee Van Buren Sr. (Guy Pearce) trifft und dieser von seinen Entwürfen fasziniert ist, wendet sich sein Schicksal. Tóth soll zu Ehren von Van Burens verstorbener Mutter ein Institut mit Bibliothek, Sporthalle, Auditorium und Kapelle errichten.

Wer jetzt denkt, dass in „Der Brutalist“ der Bau dieses Mammutprojekts im Mittelpunkt steht, irrt sich. Wer denkt, dass es zwischen dem Architekten und dem Bauherrn einen über den Film tragenden Konflikt gibt, irrt sich. Sicher, es gibt einige kleinere Streitigkeiten zwischen den beiden Männern, aber die sind schnell beigelegt. Van Buren ist von der ersten bis zur letzten Minute ein enthusiastischer Förderer von Tóth und des von ihm in Auftrag gegebenen, selbstverständlich immer teurer werdenden Projekts.

Und wer denkt, dass der Film anhand der fiktiven Biographie eines Architekten schnell zu einer informativen Geschichtsstunde über das Bauhaus und den Brutalismus wird, irrt sich ebenfalls. Diese Architekten verbanden mit ihren Gebäuden auch gesellschaftspolitische Utopien. Im Film ist davon nichts zu hören.

Stattdessen erzählt Brady Corbet, meist in langen Szenen in Nahaufnahmen in karg möblierten Innenräumen, elliptisch die Geschichte eines Einwanderers und seiner Jahre nach ihm in die USA kommenden Familie. Das ist nicht schlecht und hat auch einen weitgehend über die epische Dauer von gut vier Stunden andauernden erzählerischen Schwung. Aber „Der Brutalist“ ist niemals „There will be Blood“. Das liegt an seinem Desinteresse an der gezeigten Architektur und dem abwesenden zentralen Konflikt zwischen dem Künstler und dem Kapitalisten.

Der Brutalist“ ist ein durchaus beeindruckender und gut gemachter Film. Aber er ist auch nicht so gut, wie er gerade hochgejubelt wird. Das Drama ist breitbeiniges, von seiner eigenen Größe hemmungslos überzeugtes Überwältigungskino, das einen geschüttelt, aber nicht berührt zurücklässt.

Der Brutalist (The Brutalist, USA 2024)

Regie: Brady Corbet

Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold

mit Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce, Joe Alwyn, Raffey Cassidy, Stacy Martin, Emma Laird, Isaach de Bankolé, Alessandro Nivola

Länge: 216 Minuten (inkl. 15 Minuten Pause)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Der Brutalist“

Metacritic über „Der Brutalist“

Rotten Tomatoes über „Der Brutalist“

Wikipedie über „Der Brutalist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brady Corbets „Vox Lux“ (Vox Lux, USA 2018)


TV-Tipp für den 31. Januar: Black Sea

Januar 30, 2025

RTL II, 22.25

Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)

Regie: Kevin Macdonald

Drehbuch: Dennis Kelly

Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und „Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker

Hinweise

Moviepilot über „Black Sea“

Metacritic über „Black Sea“

Rotten Tomatoes über „Black Sea“

Wikipedia über „Black Sea“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Kevin Macdonalds „Black Sea“ (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Paddington in Peru“ auf der Suche nach Tante Lucy

Januar 30, 2025

Als Paddington erfährt, dass seine in Peru lebende Tante Lucy verschwunden ist, kehrt er in seine alte Heimat zurück. Begleitet wird er von der Familie Brown, bei der er in London lebt.

Nach den ersten beiden „Paddington“-Filmen hält „Paddington in Peru“, trotz weitgehend gleich bleibender Besetzung, nicht das Niveau der allseits verehrten Kinderfilme von 2014 und 2017. Das liegt an der Geschichte, einem Reiseabenteuer, das all die bekannten Klischees der Schatzsuche im Amazonas-Regenwald erwartbar und ohne Inspiration aneinanderreiht. Das liegt auch an den personellen Veränderungen. Dougal Wilson übernahm die Regie. Es ist sein Spielfilmdebüt. Davor drehte er drei Kurzfilme und viele Musikvideos.

Paul King, der Regisseur und Autor der ersten beiden „Paddington“-Filme wird nur noch als eine Inspiration für die Story genannt. Das kann auch heißen, dass er mit der Filmgeschichte und dem fertigen Film nichts zu tun hat. Jedenfalls fehlt sein Touch.

Die zweite schmerzhafte Veränderung ist die Umbesetzung von Mary Brown, die Mutter im Brownschen Haushalt, die Frau, die in „Paddington“ dem orientierungslos auf dem Bahnhof stehendem Bären seinen Namen gab und ihn gegen den anfänglichen Widerstand der halben Familie adoptierte. In den ersten beiden „Paddington“-Filmen wurde sie von Sally Hawkins gespielt. Jetzt übernahm Emily Mortimer die Rolle.

Die anderen Schauspieler sind wieder dabei. Aber weil die Geschichte kaum in Paddingtons vertrauter Umgebung spielt, beschränken sich die Auftritte seiner Londoner Freunde auf reine Gastauftritte. Auch Paddingtons Gastfamilie ist eher selten im Bild, es gibt zu wenig Slapstick und nur in den ersten Minuten sich aus der Begegnung des herzensguten Bären mit den Bewohnern von London ergebender Humor.

Bei den Neuzugängen begeistert nur Olivia Colman als Mutter Oberin. In dem von ihr geleiteten Heim für Bären im Ruhestand wohnte Tante Lucy und die hysterisch-fröhlich singende und tanzende Nonne hat – das ist schon bei ihrem ersten hemmungslos übertriebenem Auftritt offensichtlich – etwas mit dem Verschwinden von Paddingtons Tante zu tun.

Paddington in Peru“ fehlt der besondere Charme der ersten beiden „Paddington“-Filme.

P. S.: Es lohnt sich, beim Abspann sitzen zu bleiben.

Paddington in Peru (Paddington in Peru, Großbritannien 2024)

Regie: Dougal Wilson

Drehbuch: Mark Burton, Jon Foster, James Lamont (nach einer Geschichte von Paul King, Simon Farnaby und Mark Burton; basierend auf der von Michael Bond erfundenen Figur)

mit Hugh Bonneville, Emily Mortimer, Julie Walters, Jim Broadbent, Madeleine Harris, Samuel Joslin, Carla Tous, Olivia Colman, Antonio Banderas, Hayley Atwell, Hugh Grant

und (im Original den Stimmen von) Ben Whishaw, Imelda Staunton

(in der deutschen Synchronisation der Stimme von) Elyas M’Barek

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paddington in Peru“

Metacritic über „Paddington in Peru“

Rotten Tomatoes über „Paddington in Peru“

Wikipedia über „Paddington in Peru“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. Januar: Jazzfieber – The Story of German Jazz

Januar 29, 2025

SWR, 23.35

Jazzfieber – The Story of German Jazz (Deutschland 2023)

Regie: Reinhard Kungel

Drehbuch: Reinhard Kungel

TV-Premiere. Sehenswerte Doku über den (bundes)deutschen Jazz von den zwanziger bis in die sechziger Jahre, als Freejazz und Jazzrock ein neues Publikum eroberten.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Peter Baumeister, Hugo Strasser, Max Greger, Klaus Doldinger, Rolf Kühn, Coco Schumann, Peter Thomas, Paul Kuhn, Karlheinz Drechsel, Tizian Jost, Niklas Roever, Hannah Weiss, Caris Hermes, Jakob Bänsch, Alma Naidu, Mareike Wiening

Hinweise

ARD über die Doku (bis zum 29. Juli 2025 in der Mediathek)

Homepage zum Film

Filmportal über „Jazzfieber“

Moviepilot über „Jazzfieber“

Wikipedia über Jazz in Deutschland

Meine Besprechung von Reinhard Kungels „Jazzfieber“ (Deutschland 2023)


„William“, KI-Roboter mit mörderischen Absichten

Januar 29, 2025

Künstliche Intelligenz. Bis vor kurzem war das noch ein Thema für Science-Fiction-Geschichten, aber seitdem ChatGPT am 30. November 2022 veröffentlicht wurde, ist es ein Mainstream-Thema, das, wie Marc-Uwe Kling in seinem Kriminalroman „Views“ zeigt, altbekannten Geschichten einen ganz neuen und, in diesem Fall, äußerst beunruhigenden Dreh geben kann. Bei Mason Coile ist es in seinem Roman „William“ über weite Strecken eine aus der Zeit gefallene Wiederholung altbekannter Topoi.

Henry und Lily leben gemeinsam in einem großen viktorianischem Haus. Seitdem sie ihre Firma verkaufte, haben sie keine Geldsorgen mehr. Sie finanziert auch Henrys Hobbyprojekt. Ihr Mann Henry ist ein begabter Ingenieur. Er hat panische Angst, das Haus zu verlassen. Im Umgang mit anderen Menschen, wozu auch Lily gehört, empfindet er sich als schwierig. Er ist halt etwas nerdig. Sein neuestes Projekt ist William, ein selbst lernender autonomer Roboter.

Als sie von Lilys Freunden besucht werden, beschließt Henry spontan, ihnen William zu zeigen. Die erste Begegnung mit William läuft aus dem Ruder. Lily und ihre Freunde Davis und Paige verlassen panisch das Haus. Kurz darauf kehren sie um, um auch Henry aus dem Haus zu holen. Als sie wieder drin sind, verschließt Willliam alle Ausgänge. Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Ab diesem Moment passieren in dem kurzen Roman Dinge, Menschen rennen Treppen rauf und runter, betreten und verlassen, manchmal, Zimmer – und der Leser langweilt sich. Daran ändert auch die Schlußpointe nichts.

Henry, Lily, Davis und Paige sind kaum mehr als austauschbare Namen ohne besondere Eigenschaften. Spielfiguren eben. Über William, den Bösewicht der Geschichte, erfahren wir ebenfalls nichts. Er tut, was er tut, weil der Autor es sich so ausgedacht hat.

Es wird sich nicht weiter um im Rahmen der Geschichte offensichtliche Fragen, Problemen und Gefahren der Anwendung von KI-Programmen gekümmert. Es wird auch nicht weiter auf die Frage eingegangen, was ein Mensch und was eine Machine ist. Also ob eine selbst lernende, sich wie ein Mensch verhaltende KI ein eigenständiges Wesen ist. Das thematisiert beispielsweise Alex Garland in seinem Spielfilm „Ex Machina“ ( USA/Großbritannien 2014).

Bei Coile ist der Roboter einfach nur ein mordgieriger Roboter, der sich plötzlich entschließt, die Kontrolle über die Hauselektronik zu übernehmen. Das erstaunt die eingeschlossenen Menschen, weil William ja nur ein autonomer Roboter ohne Beine und ohne eine Schnittstelle zu einem anderen Computer, geschweige denn zum Internet, ist. Diese Konstruktion des Roboters verleiht der in der Gegenwart oder nahen Zukunft spielenden Horrorgeschichte eine seltsam aus der Zeit gefallene Aura. Vor hundert Jahren wäre ein Roboter wie William eine furchterregende Vorstellung und Warnung vor dem Machbarkeitswahn seines Erschaffers gewesen. Heute ist so ein William ein Kinderspielzeug mit Fehlprogrammierung.

Coile erzählt die primär aus Henrys Perspektive erzählte Geschichte im Präsens und wieder einmal zeigt sich, wie schwierig es ist, in dieser Zeitform gut und flüssig zu erzählen.

Willliam“ ist der erste Roman von Mason Coile und der letzte, der zu seinen Lebzeiten erschien. Im September 2025 soll in Nordamerika „Exiles“, sein zweiter und letzter Coile-Roman erscheinen.

Mason Coile ist ein Pseudonym des kanadischen Thrillerautors Andrew Pyper. Er wählte es, um Bücher zu veröffentlichen, die sich von seinen normalen Kriminalromanen unterscheiden. Sie sollen kürzer und schwarzhumoriger sein und mehr in Richtung Horror, mit einer Prise Science-Fiction, tendieren. Unter seinem Namen veröffentlichte er elf Romane, die teilweise auch ins Deutsche übersetzt wurden, u. a. „Die Stunde des Sandmanns“.

Pyper erhielt den Arthur Ellis Award for Best First Novel und den ITW Award for Best Hardcover Novel und war für den Shirley Jackson Award for Best Novel, den Shamus Award for Best First PI Novel und den John Creasey (New Blood) Dagger nominiert.

Pyper starb am 3. Januar 2025 in seinem Haus in Toronto an Komplikationen von einem Gallengangskarzinom, einer seltenen Krebsform. Er wurde 56 Jahre alt.

Mason Coile: William

(übersetzt von Thomas Salter)

Heyne, 2024

304 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

William

Putnam, 2024

Hinweise

Homepage von Andrew Pyper

Wikipedia über Andrew Pyper


TV-Tipp für den 29. Januar: Die Blume des Bösen

Januar 28, 2025

Arte, 20.15

Die Blume des Bösen (La Fleur du mal, Frankreich 2003)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol (nach einer Geschichte von Caroline Eliacheff und Louise L. Lambrichs)

Madame Charpin-Vasseur kandidiert als Bürgermeisterin. Als ein Flugblatt hässliche Familiengeheimnisse enthüllt, beginnt die noble Fassade zu bröckeln und ein Mord geschieht.

Claude Chabrol bei seiner Lieblingsbeschäftigung: die Demaskierung der Bourgeoisie. Immer wieder schön anzusehen.

Ach, Arte könnte uns mit einer Chabrol-Filmreihe erfreuen. Er hat in seiner langen Karriere ja genug Filme inszeniert.

mit Nathalie Baye, Bernard Le Coq, Mélanie Doutey, Benoît Magimel, Suzanne Flon, Thomas Chabrol, Henri Attal, Françoise Bertin

Wiederholung: Sonntag, 2. Februar, 14.00 Uhr

Hinweise

AlloCiné über „Die Blume des Bösen“

Rotten Tomatoes über „Die Blume des Bösen“

Wikipedia über „Die Blume des Bösen“ (deutsch, englisch, französisch) und Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte


Cover der Woche

Januar 28, 2025

Lesetipp; wie alle Krimis von James Crumley.


TV-Tipp für den 28. Januar: Die Frau in Gold

Januar 27, 2025

MDR, 22.55

Die Frau in Gold (Woman in Gold, GB/USA 2015)

Regie: Simon Curtis

Drehbuch: Alexi Kaye Campbell

Die im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohene Jüdin Maria Altmann hätte gerne wieder das titelgebende Klimt-Gemälde von ihre Tante Adele. Dummerweise ist das Jugendstilgemälde inzwischen zu einer Ikone der österreichischen Identität geworden und Österreich denkt gar nicht daran, Altmann das Gemälde zurückzugeben.

Gutes, gefällig inszeniertes, auf einem wahren Fall basierendes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu

Hinweise

Moviepilot über „Die Frau in Gold“

Metacritic über „Die Frau in Gold“

Rotten Tomatoes über „Die Frau in Gold“

Wikipedia über „Die Frau in Gold“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Die Frau in Gold“

Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „My Week with Marilyn“ (My Week with Marilyn, GB 2011)

Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „Die Frau in Gold“ (Woman in Gold, GB/USA 2015)


TV-Tipp für den 27. Januar: Die Ermittlung

Januar 26, 2025

Arte, 21.45

Die Ermittlung (Deutschland 2024)

Regie: RP Kahl

Drehbuch: Peter Weiss

LV: Peter Weiss: Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen, 1965 (Theaterstück)

TV-Premiere. Grandiose Verfilmung des Theaterstücks von Peter Weiss über den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess. Im Mittelpunkt stehen im Stück, wie in der Gerichtsverhandlung, die Aussagen der Täter und Opfer.

Arte zeigt die 241-minütige Originalfassung mit 11 Gesängen. Es gibt auch noch eine auf 186 Minuten gekürzte Fassung und in der ARD-Mediathek können die elf Gesänge ab dem 27. Januar auch unabhängig voneinander angesehen werden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Rainer Bock, Clemens Schick, Bernhard Schütz

(als Zeugen) Christian Kaiser, Dirk Ossig, Arno Frisch. Elisabeth Duda, Nicolette Krebitz, Attila Georg Borlan, Robert Mika, Marcel Hensema, Christiane Paul, Barbara Philipp, Klaudiusz Kaufmann, Marc Fischer, Andreas Anke, Dorka Gryllus, Marek Harloff, André Szymanski, Sabine Timoteo, Eva Maria Jost, Peter Lohmeyer, Thomas Meinhardt, Marco Hofschneider, Matthias Zera, Rony Herman, Axel Moustache, André Hennicke, Karl Markovics, Filipp Avdeev, Mark Zak, Ralph Schicha, Andreas Schröders, René Ifrah, Axel Sichrovsky, Peter Schneider, Jiří Mádl, Andreas Lechner, Axel Pape, Andreas Pietschmann, Tom Wlaschiha, Robert Hunger-Bühler

(als Angeklagte) Wilfried Hochholdinger, Thomas Dehler, Michael Rotschopf, Niels Bruno Schmidt, Christian Hockenbrink, Christian Pfeil, Tristan Seith, Torsten Ranft, Ronald Kukulies, Michael Schenk, Frank Röth, Nico Ehrenteit, Adam Venhaus, Till Wonka, Arndt Schwering-Sohnrey, Timo Jacobs, Lasse Myhr, Matthias Salamon

Hinweise

Arte über den Film (bis zum 25. Februar 2025 in der Mediathek)

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Ermittlung“

Moviepilot über „Die Ermittlung“

Wikipedia über „Die Ermittlung“ (Film, Theaterstück: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von RP Kahls „Die Ermittlung“ (Deutschland 2024)


TV-Tipp für den 26. Januar: The Whale

Januar 25, 2025

ARD, 23.35

The Whale (The Whale, USA 2022)

Regie: Darren Aronofsky

Drehbuch: Samuel D. Hunter

LV: Samuel D. Hunter: The Whale, 2012 (Theaterstück)

TV-Premiere. Grandioses Schauspielerkino über einen mehr als übergewichtigen, fast bewegungsunfähigen Mann, der seine Schuldgefühle in sich hineinfrisst, Unikurse nur online und mit ausgeschalteter Kamera anbietet und sich jetzt, vor seinem baldigen Tod, mit seiner Tochter versöhnen will.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Brendan Fraser, Sadie Sink, Ty Simpkins, Hong Chau, Samantha Morton, Sathya Sridharan

Hinweise

Moviepilot über „The Whale“

Metacritic über „The Whale“

Rotten Tomatoes über „The Whale“

Wikipedia über „The Whale“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys “Black Swan” (Black Swan, USA 2010)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „Noah“ (Noah, USA 2014)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „The Whale“ (The Whale, USA 2022) und der DVD

Darren Aronofsky in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Hip-Hop, irisch. Die fast wahre Geschichte von „Kneecap“, erzählt und furios nachgespielt von Kneecap

Januar 25, 2025

Rich Peppiatt erzählt in seinem Spielfilmdebüt „Kneecap“ mit den Musikern der nordirischen Hip-Hop-Band Kneecap die Geschichte der Band als ein Bandbiopic im „Trainspotting“-Punk-Stil. Da wird im Zweifelsfall für eine gute Story die Wahrheit zurechtgebogen. Das Ergebnis ist ein großer, respektloser Spaß über die aktuelle Situation in Nordirland, Jugendkultur, Hip-Hop und der Kampf um die Anerkennung der irischen Sprache. Kneecap, die auf irisch singen, was bis dahin noch keine Hip-Hop-Band gemacht hat, werden zur Stimme für die gerade im englisch sprechenden Nordirland stattfindende Abstimmung über ein irisches Sprachgesetz.

Das Sprachrohr der Abstimmungsinitiative werden sie nicht. Dafür erzählen ihre Texte zu rotzig und mit zu vielen Schimpfworten über ihr Leben und die alltäglichen Stellungskämpfe. Auf ihren Konzerten verteilen sie Drogen. Bei Jugendlichen kommt beides gut an.

Während die drei Musiker in ihrer Heimatstadt Belfast vor immer größerem Publikum spielen, ist das Leben der beiden Sänger Mo Chara und Móglai Bap und von DJ Pròvai, einem Lehrer, der aus Angst um seine Arbeitsstelle nur maskiert mit einer Sturmhaube in den Farben der irischen Flagge auftritt, ein einziges Chaos zwischen all den untereinander verfeindeten Splittergruppen. Vor allem die paramilitärische Splittergruppe „Radical Republicans Against Drugs“ (RRAD) und Detective Ellis verfolgen sie unerbittlich. Ellis glaubt nämlich, dass der IRA-Terrorist und Vater von Móglai Bap, Arló Ó Cairealláin (Michael Fassbender), nicht tot, sondern seit zehn Jahren untergetaucht ist und aus dem Untergrund weitere Verbrechen plant. Auch Arló ist von der zu viel unerwünschte Aufmerksamkeit auf ihn lenkenden Musikkarriere seines Sohnes nicht begeistert.

Kneecap besteht aus Mo Chara (Liam Óg Ó Hannaidh), Móglaí Bap (Naoise Ó Cairealláin) und DJ Próvaí (JJ Ó Dochartaigh), die sich in dem ‚Bandbiopic‘ selbst spielen. Gegründet wurde die Band 2017, nachdem der Irisch-Lehrer und Ex-Musiker JJ Ó Dochartaigh von Detective Ellis mitten in der Nacht als Übersetzer angefordert wird, weil der verhaftete Liam Óg Ó Hannaidh nur irisch reden und so die nur englisch sprechenden Polizisten beleidigen und provozieren will. JJ entdeckt, während er Liam hilft, dessen in einem Notizbuch notierten Texte. Er findet sie so gut, dass er noch in der Nacht beginnt sie zu vertonen. So erzählt jedenfalls die Komödie „Kneecap“ die erste Begegnung zwischen den Musikern. Schnell sind sie erfolgreich und umstritten. Das kann alles natürlich bei Wikipedia nachgelesen oder, frei interpretiert, in „Kneecap“ angesehen werden.

Kneecap (Kneecap, Großbritannien/Irland 2024)

Regie: Rich Peppiatt

Drehbuch: Rich Peppiatt

mit Naoise Ó Cairealláin, Liam Óg Ó Hannaidh, JJ Ó Dochartaigh, Josie Walker, Fionnuala Flaherty, Jessica Reynolds, Adam Best, Simone Kirby, Michael Fassbender

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Kneecap“

Metacritic über „Kneecap“

Rotten Tomatoes über „Kneecap“

Wikipedia über „Kneecap“ (deutsch, englisch) und Kneecap (deutsch, englisch)

Homepage von Kneecap

Allmusic über Kneecap